Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

15.07.2025, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei
Wie Offshore-Windparks die Fischwelt positiv beeinflussen
Am Fuße der Offshore-Windparks in der Deutschen Bucht bilden sich neu zusammengesetzte Fischgemeinschaften. Diese unterscheiden sich je nach Lage und Windpark. Das zeigen aktuelle Untersuchungen des Thünen-Instituts für Seefischerei in einem Windpark in der südlichen Deutschen Bucht.
Eine Kooperation zwischen dem Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven und dem Offshore-Windparkbetreiber Northland Power ermöglicht erstmals Einblicke in die Fischgemeinschaften eines Windparks in der südlichen Deutschen Bucht. Während einer Forschungsreise in den Windpark Nordsee One nördlich von Norderney haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersucht, welche Fischarten sich an den Windkraftanlagen aufhalten und wie sich die Zusammensetzung der vorhandenen Arten von anderen Standorten unterscheiden.
Für ihre Untersuchungen nutzten die Forschenden eine Kombination aus Angelfischerei und Unterwasserkameras. „Damit haben wir ein besonders breites Spektrum an Fischarten erfassen können, die sich in den und um die Fundamente der Windenergieanlage aufhalten“, erläutert Vanessa Stelzenmüller vom Thünen-Institut für Seefischerei, die die Studie geleitet hat. Viele Fischarten finden zwischen den Bauteilen und Steinschüttungen ein neues zu Hause. „Wir können dort aber nicht mit den üblichen Fangmethoden wie Schleppnetzfischerei Proben nehmen“, so Stelzenmüller.
Die Untersuchungen im Windpark Nordsee One sind nicht die ersten. Frühere Untersuchungen des Thünen-Instituts bei Helgoland hatten gezeigt, dass sich je nach Bauweise und Gründung der Windkraftanlagen unterschiedliche Fischarten ansiedeln. Die neuen Untersuchungen zeigen nun, dass die Zusammensetzung der Fischgemeinschaft nicht nur von der Art der Gründung abhängt. In der südlichen Deutschen Bucht unterscheiden sie sich vielmehr deutlich von denen bei Helgoland. In den dortigen Windparks fingen die Forschenden vor allem Kabeljau (Gadus morhua), Makrelen (Scomber scombrus) und Holzmakrelen (Trachurus trachurus) und wiesen zum Beispiel Pollack (Pollachius pollachius) durch Unterwasseraufnahmen nach. Im südlichen Windpark gingen hingegen vor allem Franzosendorsch (Trisopterus luscus) und Zwergdorsch (Trisopterus minutus) neben Makrelen und Holzmakrelen an den Haken.
Ein weiterer interessanter Befund: Die Forschenden trafen auf den gestreiften Schleimfisch (Parablennius gattorugine), eine Art, die typischerweise auf felsigen Meeresböden anzutreffen ist. Außerdem gelang – neben dem bereits bekannten Vorkommen von Taschenkrebsen (Cancer pagurus) – der Nachweis von Samtkrabben (Portunus puber) innerhalb des Windparks. Dies untermauert die These, dass die künstlich geschaffenen Strukturen und insbesondere der Kolkschutz, der aus Steinen um die Fundamentgründungen herum installiert wurde, einen Riff-Effekt erzeugen.
Warum sich die Fischgemeinschaften in der südlichen und nördlichen Deutschen Bucht unterscheiden, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine Vermutung ist, dass neben unterschiedlichen Wassermassencharakteristika schon kleine Unterschiede im Durchmesser der Steine, die für den Kolkschutz genutzt werden, eine Rolle spielen.
Geschäftsführer Till Frohloff vom Windpark Nordsee One hebt dabei hervor: „Es war uns ein großes Anliegen, die wissenschaftlichen Untersuchungen im Windpark aktiv zu unterstützen. Nur so können wir verlässliche Erkenntnisse darüber gewinnen, wie unsere Anlagen das marine Ökosystem beeinflussen. Die Ergebnisse dieser Forschung sind für uns von großem Wert. Wir werden sie gezielt nutzen, um auch künftig sicherzustellen, dass unser Einfluss im Betrieb nach erfolgtem Rückbau auf das bestehende Ökosystem so minimal und nachhaltig wie möglich bleibt.“
Die Studie zeigt: Offshore-Windparks helfen nicht nur die Energieversorgung zu sichern, sondern beeinflussen mit ihren Strukturen das marine Ökosystem. Diese Auswirkungen sollten nach Ansicht der Wissenschaft wie der Betreiber bei der Flächenentwicklungsplanung in Bezug auf Flächenplanung, Bau, Betriebsverlängerungen und Rückbau von Offshore-Windparks berücksichtigt werden.

17.07.2025, Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Erwärmte Meere vergraulen weibliche Engelhaie – mit potenziell dramatischen Folgen
Engelhaie, eine vom Aussterben bedrohte Haiart, verändern in wärmer werdenden Ozeanen ihr Paarungsverhalten: Wenn die Wassertemperaturen zu hoch werden, meiden die Weibchen ihre traditionellen Fortpflanzungsgebiete – und setzen stattdessen auf Abkühlung.
Diese Verhaltensänderung führt dazu, dass die Haie sich schlechter fortpflanzen können. Das könnte schwerwiegende Folgen für den Bestand der Art haben. So das Ergebnis einer Studie, die jetzt im Fachmagazin Global Change Biology veröffentlicht wurde.
Akustiksignale zeigen Verhaltensänderung
Die Studie wurde von Forschenden der Lancaster University und des Angel Shark Project: Canary Islands durchgeführt – einer Zusammenarbeit des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB), der Universität Las Palmas de Gran Canaria und der Zoological Society of London.
Mithilfe akustischer Sender untersuchte das Team das Verhalten der Engelhaie (Squatina squatina) rund um die Kanarischen Inseln und stellte fest: Die langanhaltende Erwärmung der Meere in der Region bringt das Fortpflanzungsverhalten weiblicher Tiere aus dem Gleichgewicht.
Weibchen reagieren anders als Männchen
Besonders deutlich wurde das im Jahr 2022, als außergewöhnlich hohe Meerestemperaturen herrschten. Die Forschenden beobachteten, dass weibliche Engelhaie in dieser Zeit fast vollständig aus dem La Graciosa Meeresreservat – dem größten Spaniens – verschwanden. Normalerweise ist dieses Gebiet vor Lanzarote ein zentrales Paarungsgebiet der Art. Die Wassertemperaturen lagen damals bei über 23,8 °C und überschritten 22,5 °C fast drei Mal so lang wie in früheren Jahren – und das während der gesamten Paarungszeit im Herbst und Winter, die üblicherweise durch kühlere Bedingungen geprägt ist.
Während die Weibchen also der Hitze auswichen, kehrten die Männchen wie gewohnt im November zurück, um sich fortzupflanzen.
Wie Waldbrände unter Wasser
„Diese immer häufigeren und extremeren Hitzewellen sind wie Waldbrände unter Wasser – mit enormen, noch kaum abschätzbaren Auswirkungen auf Meereslebewesen“, erklärt Dr. David Jacoby, Zoologe an der Lancaster University und Hauptautor der Studie. „Wir sehen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede: Weibliche Engelhaie sind deutlich temperaturempfindlicher und meiden ihre traditionellen Paarungsgebiete, wenn das Wasser zu warm ist. Die Männchen hingegen halten an ihrem üblichen Verhalten fest – selbst bei Extremtemperaturen.“
Die Kanarischen Inseln markieren den südlichsten Bereich des natürlichen Verbreitungsgebiets der Engelhaie. Die dortige Population gilt als besonders wichtig für den Fortbestand der Art, die laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) als vom Aussterben bedroht eingestuft ist. Die Tiere – sowohl ausgewachsene als auch Jungtiere – werden regelmäßig gesichtet und sind zu einem Aushängeschild für den regionalen Tauch-Tourismus geworden.
Kritische Temperatur überschritten
Zwischen 2018 und 2023 verfolgten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mithilfe akustischer Ortung über 100 individuelle Tiere und verknüpften deren Aufenthaltsorte mit Umweltparametern. Vor dem Jahr 2022 zeigten sich regelmäßig deutliche Spitzen in der Anwesenheit beider Geschlechter im November und Dezember. Doch 2022 blieb die Zahl der weiblichen Haie das ganze Jahr über ungewöhnlich niedrig. Die Daten deuten darauf hin, dass 22,5 °C eine kritische Temperaturobergrenze für Weibchen darstellen könnte.
Fortpflanzung braucht Energie
Während des fünfjährigen Beobachtungszeitraums stiegen die maximalen Meerestemperaturen kontinuierlich an. Die Zahl der Tage mit Temperaturen über 22,5 °C wuchs von 30 Tagen (2019) auf 85 Tage (2022). In diesem Jahr hielt die Wärme bis weit in den Spätherbst an und überschritt die kritische Grenze bis in den November – also mitten in der Paarungszeit.
Der Grund für das veränderte Verhalten der Weibchen liegt in ihrer Physiologie: Die Fortpflanzung ist für weibliche Engelhaie besonders energieaufwendig. Um ihre Stoffwechselprozesse im Gleichgewicht zu halten, sind sie auf bestimmte Temperaturbereiche angewiesen.
Bei vielen Arten sind Weibchen temperaturabhängiger
Dr. Lucy Mead, Erstautorin der Studie und Forscherin an der Zoological Society of London und der Lancaster University, betont:
„Dass Umweltveränderungen nun zu einem zeitlichen Auseinanderfallen der Ankunft von Männchen und Weibchen an den Fortpflanzungsplätzen führen, ist äußerst besorgniserregend. Männliche Engelhaie scheinen selbst unter ungünstigen Bedingungen die Paarung zu priorisieren, während Weibchen stärker auf Temperaturreize reagieren. Das ist biologisch durchaus sinnvoll – denn wie bei vielen wechselwarmen Arten sind weibliche Tiere temperaturabhängiger.
Doch mit der zu erwartenden weiteren Erwärmung könnten wichtige Lebensräume für Weibchen unbewohnbar werden. Das hat ernste Konsequenzen für den Schutz dieser bedrohten Art.“
So wichtig ist der Schutz der Ozeane
Auch Dr. Eva Meyers, Mitinitiatorin des Angel Shark Project und Forscherin am LIB, warnt: „Diese Ergebnisse zeigen einmal mehr, wie stark klimatische Extreme das Verhalten sensibler Meeresarten bereits heute verändern.
Langfristiges Monitoring besonders sensibler Lebensräume – wie rund um die Kanaren – ist ein zentrales Element jeder wirksamen Strategie zur Erholung mariner Biodiversität.
Die Kanaren sind einer der letzten Rückzugsräume dieser Art – der Schutz dieser Gewässer ist dringender denn je.“
Für Dr. Dennis Rödder, Privatdozent und Arbeitsgruppenleiter am LIB, ist die Studie ein wichtiger Beleg für die Auswirkungen der Klimaveränderungen auf die Ozeane: „Der anthropogene Klimawandel hat nicht nur gravierende Auswirkungen auf terrestrische Systeme, sondern beeinflusst auch Lebensgemeinschaften in unseren Meeren. Diese können sehr vielfältig sein: Vom Korallensterben bis hin zu demographischen Veränderungen in Populationen“
Finanziell unterstützt wurde die Forschung unter anderem durch:
Shark Conservation Fund, Oceanário de Lisboa, Gobierno de Canarias, Loro Parque Fundación, Save Our Seas Foundation, Ocean Tracking Network, WWF Niederlande, Deutsche Elasmobranchier-Gesellschaft, Queen Mary University of London, Institute of Zoology (ZSL) sowie den Natural Environment Research Council.
Originalpublikation:
Global Change Biologiy: „Rapid ocean warming drives sexually divergent habitat use in a threatened predatory marine ectotherm“, https://doi.org/10.1111/gcb.70331

18.07.2025, Georg-August-Universität Göttingen
Mehr als Lerchen und Eulen
Für den Vogelsgesang in den Wäldern Mitteleuropas lagen datenbasierte Erkenntnisse zur tages- und jahreszeitlichen Schwankung der Gesangsaktivität bislang nur für wenige Vogelarten vor, da die erforderlichen Beobachtungen aufwändig sind. Ein Forschungsteam der Universität Göttingen und der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt hat nun erstmals mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die Gesangs- und Rufaktivität von 53 europäischen Waldvogelarten während einer Brutsaison analysiert. Sie konnten zeigen, dass die Gesangsaktivitäten stärker variieren als bisher angenommen. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Journal of Ornithology erschienen.
Göttinger Forschungsteam analysiert Zeitmuster im Gesang von Waldvögeln mit Hilfe von KI
Die Forschenden sammelten Daten an 256 Standorten in niedersächsischen Wäldern. Mit automatischen Aufnahmegeräten zeichneten sie von März bis Mai rund um die Uhr alle 10 Minuten 30 Sekunden lang Vogelstimmen auf. Anschließend identifizierte eine KI die Vogelarten anhand ihrer Rufe und Gesänge. Die Forschenden überprüften die Vorschläge der KI, damit nur verlässliche Artnachweise in der Auswertung berücksichtigt wurden.
Die zeitlich hochauflösende Auswertung von insgesamt 6,4 Millionen erfassten Lautäußerungen ergab, dass die Waldvogelarten individuelle Aktivitätsmuster haben. „Unsere Daten zeigen, dass es weit mehr Aktivitätstypen als ‚Lerchen‘ und ‚Eulen’ unter den Waldvogelarten gibt“, erläutert David Singer, Erstautor der Studie und Doktorand in der Abteilung Waldnaturschutz der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie. Neben einer großen Gruppe tagaktiver Arten waren einige Arten wie die Amsel oder Waldschnepfe dämmerungsaktiv und somit zweimal am Tag zu hören. Die Amsel war zudem in den Abendstunden deutlich häufiger zu hören als in den Morgenstunden, was bislang bei Vogelzählungen kaum berücksichtigt wurde. Auch innerhalb der Gruppe der tagaktiven Arten gab es Untergruppen. Während viele Meisenarten oder der Schwarzspecht ihren Aktivitätshöhepunkt im zeitigen Frühjahr hatten und ab Ende April deutlich weniger zu hören waren, begannen Arten wie die Heckenbraunelle oder der Zaunkönig erst im April aktiv zu werden. Nachtaktive Arten bildeten ebenso eine eigene Gruppe wie Zugvögel, die erst im Mai in Mitteleuropa eintreffen.
Die Forschenden verglichen in einem weiteren Schritt ihre Ergebnisse mit den bisherigen methodischen Empfehlungen zur Brutvogelerfassung. Sie konnten nachweisen, dass die empfohlenen Erfassungszeiträume bei vielen Arten häufig nicht mit den Phasen der stärksten Gesangsaktivität übereinstimmen. So wurde für den Buntspecht bislang angenommen, dass er den gesamten Vormittag über gut nachweisbar ist. Laut der aktuellen Akustikdaten ist die Art jedoch ab etwa zwei Stunden nach Sonnenaufgang mit einer deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit als kurz nach Sonnenaufgang zu hören. Für andere typische Waldvogelarten wie die Blaumeise oder den Zilpzalp zeigte sich hingegen, dass die Gesangsaktivität auch über den empfohlenen Erfassungszeitraum in den Morgenstunden hinaus hoch war, sodass diese Arten auch zu späteren Tageszeiten noch zuverlässig gezählt werden können.
„Durch die Kombination von klassischen Vogelzählungen und den neuen akustischen Methoden können wir Vogelerfassungen deutlich verbessern“, sagt der Göttinger Waldökologe Prof. Dr. Andreas Schuldt, der die Arbeit mitbetreut hat. „Vor allem Arten mit kurzen Aktivitätshöhepunkten profitieren von der neuen Methode“. So lassen sich die nur in einem recht kurzen Zeitfenster hörbaren Grau- und Kleinspechte mit der neuen Methode besonders gut erfassen, während Ornithologinnen und Ornithologen nur mit Glück die Beobachtung dieser Arten gelingt.
In Zusammenarbeit mit dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) konnten die Ergebnisse der Studie bereits in die jüngste Neuauflage des Buches „Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands“ einfließen, sodass Vogelzählungen zukünftig besser geplant werden können. Eine vergleichbare Auswertung für Vogelarten in der Agrarlandschaft wird im Rahmen laufender Forschungsprojekte möglich.
Die Studie ist Teil des Biodiversitätsmonitorings der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Zusammenarbeit mit den Abteilungen Waldnaturschutz und Naturschutzbiologie der Universität Göttingen. Informationen zum Projekt sind im Internet unter http://www.nw-fva.de/wir/aktuelles/pm-biodiversitaetsmonitoring zu finden.
Originalveröffentlichung: David Singer, Johannes Kamp, Hermann Hondong, Andreas Schuldt, Jonas Hagge. Diel and seasonal vocal activity patterns revealed by passive acoustic monitoring suggest expert recommendations for breeding bird surveys need adjustment. Journal of Ornithology (2025). http://dx.doi.org/10.1007/s10336-025-02307-y
Originalpublikation:
http://dx.doi.org/10.1007/s10336-025-02307-y

18.07.2025, Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Was Dinozähne über das Leben vor 150 Millionen Jahren verraten
Was fraßen Langhalsdinosaurier – und wohin zogen sie, um satt zu werden? Ein Forschungsteam hat mithilfe modernster Zahnschmelzanalysen das Fressverhalten von Sauropoden rekonstruiert. Ihre Ergebnisse in „Nature Ecology and Evolution“ zeigen: Mikroskopisch kleine Abnutzungsspuren liefern überraschende Hinweise auf Migration, Umweltbedingungen und Nischenverteilung in Ökosystemen vor 150 Millionen Jahren.
Wie lebten riesige Dinosaurier in der Jurazeit? Was fraßen sie, wie teilten sie sich ihren Lebensraum – und zogen sie vielleicht sogar saisonal durchs Land? Antworten auf diese Fragen liefert ein internationales Forschungsteam um Dr. Daniela E. Winkler, Post-Doc an der Universität Kiel, Dr. Emanuel Tschopp, Gastwissenschaftler am LIB sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, und André Saleiro, Doktorand an der Universität NOVA Lissabon. Ihre neue Studie nutzt eine ungewöhnliche Methode: Abnutzungsspuren auf fossilen Zähnen als Fenster in die Vergangenheit.
„Dass sich aus mikroskopisch kleinen Kratzern auf fossilen Zähnen Rückschlüsse auf Ernährung und sogar Verhalten ziehen lassen, ist für mich immer wieder faszinierend“, sagt Daniela Winkler, Expertin für die angewandte Methodik. Die sogenannte „Dental Microwear Texture Analysis“ (DMTA) wurde ursprünglich von einer Arbeitsgruppe um LIB-Forscher Prof. Dr. Thomas Kaiser für Säugetiere entwickelt – innerhalb dieser Studie in „Nature Ecology and Evolution“ kam sie erstmals systematisch auf Sauropoden angewendet zum Einsatz. Die Untersuchungen wurden in den Laboren des LIB durchgeführt.
Zahnschmelz als Umweltarchiv
Das Team analysierte 322 hochaufgelöste 3D-Scans von Zahnoberflächen aus drei bedeutenden Dinosaurier-Fundstätten: Portugal (Lourinhã-Formation), USA (Morrison-Formation) und Tansania (Tendaguru-Formation). Alle Zähne stammten von insgesamt 39 Individuen. Die Proben wurden direkt von Originalzähnen oder von hochauflösenden Silikonabformungen genommen. „Wir sprechen hier von Strukturen im Mikrometerbereich“, so Winkler. „Diese winzigen Abnutzungsspuren entstehen durch den Kontakt zwischen Zahn und Nahrung – sie zeigen, was die Tiere in den letzten Tagen oder Wochen ihres Lebens gefressen haben.“
Überraschende Unterschiede zwischen Arten und Regionen
Die statistischen Auswertungen offenbaren teilweise deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Sauropodengruppen und ihren Fundorten. Besonders auffällig war die große Variabilität in den Abnutzungsmustern bei den Flagellicaudaten, einer Gruppe besonders langschwänziger Sauropoden, zu denen der bekannte Diplodocus zählt. Diese Heterogenität lässt vermuten, dass diese Tiere über wechselnde Nahrungsquellen verfügten und ein wenig spezialisiertes Fressverhalten zeigten.
Für besondere Überraschung sorgten die sehr gleichförmigen Abnutzungsspuren bei den Camarasauriern aus Portugal und den USA. Die Konsistenz der Mikromuster lässt sich kaum allein durch gleichbleibende Pflanzenarten erklären – vielmehr deutet sie darauf hin, dass diese Tiere ihre bevorzugten Nahrungsressourcen im Jahresverlauf gezielt aufsuchten. „Das Klima damals war sehr saisonal in Portugal und den USA, so dass gewisse Pflanzen wahrscheinlich nicht das ganze Jahr hindurch verfügbar waren“, erklärt Emanuel Tschopp. „Die Konsistenz in der Zahnabnutzung bei Camarasauriern deutet darauf hin, dass diese Tiere wahrscheinlich saisonal wanderten, um immer auf dieselben Nahrungsressourcen zugreifen zu können.“
Anders verhielt es sich bei den Titanosauriformen aus Tansania, die in der Studie eine deutlich stärkere und komplexere Abnutzung zeigten. Die Forschenden interpretieren dies als Folge der besonderen Umweltbedingungen: In der Tendaguru-Formation herrschten tropische bis halbtrockene Klimabedingungen und gab es einen großen Wüstengürtel, sodass die Pflanzen vermutlich häufig mit Quarzsand überzogen waren. Dieses mit Sand kontaminierte Futter dürfte für die stark abrasiven Spuren auf den Zähnen verantwortlich sein.
Klima statt Pflanzenvielfalt als Schlüsselfaktor
Auch zwischen den Regionen selbst zeigten sich deutliche Unterschiede: So waren Zähne aus Tansania durchweg stärker abgenutzt als solche aus Portugal oder den USA. Der entscheidende Einflussfaktor? Das Klima.
„Einer der interessantesten Aspekte dieser Arbeit ist für mich, dass es uns gelungen ist, die Unterschiede in den Mustern der dentalen Abnutzungen mit der Paläogeografie und den Habitatpräferenzen der verschiedenen Sauropoden-Faunen in Beziehung zu setzen“, resümiert André Saleiro. Die gewonnenen Erkenntnisse helfen ihm auch bei seiner weiteren Tätigkeit: „Die Studie hat mir aufgezeigt, wie ich meine zukünftige Forschung zur Nischenaufteilung unter pflanzenfressenden Dinosauriern angehen kann – indem ich mich gezielt auf bestimmte Paläo-Umwelten konzentriere, um die ökologischen Beziehungen zwischen verschiedenen Tieren derselben Gruppe zu verstehen. Und um nachzuvollziehen, wie sich diese Unterschiede innerhalb der Ökosysteme entwickelt haben.“
Auch für Emanuel Tschopp ist das einer der spannendsten Aspekte der Studie: „Wir können mit diesen mikroskopisch kleinen Spuren auf einmal Aussagen über das Verhalten riesiger Tiere treffen. Migration, Spezialisierung, Nischennutzung – das wird greifbar.“ Eine weitere Besonderheit: Die Zahnoberflächen unterschieden sich auch in ihrer Abnutzung je nach Stelle – außen an der Zahnwand (buccal) oder oben auf der Kaufläche (occlusal). Diese Unterschiede wurden in der Analyse gesondert berücksichtigt, um verfälschende Effekte zu vermeiden.
Bedeutung für die Biodiversitätsforschung
Mit ihrer Arbeit liefern die Forschenden nicht nur neue Einblicke in das Leben einzelner Dinosaurierarten – sie tragen zum grundlegenden Verständnis paläoökologischer Zusammenhänge bei. Nischenaufteilung, klimabedingte Anpassungen und potenzielle Konkurrenzvermeidung lassen sich damit auch in fossilen Lebensgemeinschaften nachweisen.
„Wir zeigen, dass ökologische Prinzipien wie Nischenbildung und Migrationsverhalten nicht nur heute, sondern auch schon vor 150 Millionen Jahren bedeutend waren“, so Winkler. Tschopp ergänzt: „Die Sauropoden in der Morrison-Formation zeigen eine enorme Artenvielfalt – diese Vielfalt war nur möglich, weil sich die Arten unterschiedlich verhielten und verschiedene Nahrungsnischen besetzten.“
Ausblick: Mehr Zähne, mehr Wissen
Die Arbeit ist längst nicht abgeschlossen. Weitere Untersuchungen sollen zeigen, ob sich etwa Jungtiere und erwachsene Sauropoden in ihrer Ernährung unterschieden oder wie Zwergformen wie Europasaurus aus Niedersachsen angepasst waren. Saleiro arbeitet schon an einem erweiterten Datensatz für die portugiesische Fauna, die auch andere pflanzenfressende Dinosaurier miteinbezieht.
„Für mich ist das Spannende, dass wir diese Methodik immer weiter verfeinern können – und jedes neue Sample gibt uns wieder ein Puzzlestück mehr“, sagt Daniela Winkler. „Unsere Werkzeuge werden besser – und damit auch unser Bild davon, wie das Leben damals wirklich war.“ „Wir stehen mit dieser Methodik noch am Anfang“, ergänzt Tschopp. „Aber die Kombination aus Paläontologie, moderner Technik und interdisziplinärer Zusammenarbeit eröffnet faszinierende Einblicke in vergangene Welten.“
Originalpublikation:
Nature Ecology and Evolution
“Dental microwear texture analysis reveals behavioural, ecological, and habitat signals in Late Jurassic sauropod dinosaur faunas”, wird hier erscheinen: https://www.nature.com/articles/s41559-025-02794-5

18.07.2025, Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz
Fischlarven entwickelten im Laufe der Evolution unterschiedliche Jagdstrategien
Zebrafische sind ein beliebter Modellorganismus, um die neuronalen Mechanismen von Verhalten zu untersuchen – so wie zum Beispiel die des Beutefangs. Zebrafische zählen zu den echten Knochenfischen (Teleostei). Diese sind eine große und vielfältige Gruppe unter den Strahlenflossern, die über 95% aller lebenden Fischarten ausmachen und meist ähnlichen ökologischen Bedingungen ausgesetzt sind. Ob andere Arten innerhalb dieser Gruppe ähnliche Bewegungen beim Aufspüren, Verfolgen und Erlegen von Beute ausführen wie Zebrafische, oder andere Lösungen dafür entwickelt haben, ist allerdings noch nicht bekannt.
„Zebrafische eignen sich sehr gut für die Verhaltensforschung. Sie sind allerdings nur ein kleiner Punkt auf einer riesigen Evolutionskarte der Fische“, sagt Co-Autor Duncan Mearns, ehemaliger Postdoc am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz. „Wir wollten wissen, ob die Strategien, die wir bei Zebrafischen beobachten, allgemeine Verhaltensmerkmale von Fischlarven sind – oder ob andere Fischarten anderes Jagdverhalten zeigen.“
Um dies zu untersuchen, verglich das Team das Jagdverhalten von Zebrafischen mit dem von fünf anderen Fischarten der Teleostei, darunter vier afrikanische Buntbarsche und der japanische Reisfisch Medaka. Alle fünf Arten haben sich vor etwa 240 Millionen Jahren von der Abstammungslinie der Zebrafische getrennt.
„Wir nutzten Hochgeschwindigkeitskameras, um in kontrollierter Umgebung Tausende von Jagdsequenzen einzelner Fischlarven mit lebender Beute aufzunehmen“, erklärt Co-Autorin Sydney Hunt, zu der Zeit Masterstudentin am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz. „Danach analysierten wir die Aufnahmen mit Hilfe von Tracking-Tools, die auf Deep Learning basieren. So konnten wir die Schwanzbewegungen, die Augenposition und den Standort der Beute während jeder Phase der Verfolgung und des Beutefangs genau erfassen.“
Die Analyse zeigte unterschiedliche Strategien bei den Fischarten. Alle vier Buntbarscharten verfolgten eine binokulare Jagdstrategie ähnlich wie Zebrafische: Bevor sie zuschlagen, fokussieren sie mit beiden Augen die Beute so, dass sie sich in der Mitte des Sichtfelds befindet. Im Gegensatz dazu verlassen sich Medaka auf eine monokulare Verfolgung: Sie schwimmen durchweg und greifen von der Seite an. Dies deutet darauf hin, dass Buntbarsche und Zebrafische die sogenannte binokulare Disparität (der Unterschied der Bilder zwischen beiden Augen) nutzen, um Entfernungen einzuschätzen. Medaka hingegen verwenden möglicherweise die Bewegungsparallaxe: Dabei basiert die Tiefenwahrnehmung auf der Position der Beute relativ zum Jäger, während sich diese durch den Raum bewegt.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten auch deutliche Unterschiede im Schwimmverhalten der Larven während der Jagd fest. Während Buntbarsche immer wieder Pausen machen (was wahrscheinlich ihre binokulare Tiefenwahrnehmung verbessert), gleiten Medaka in einer fließenden Bewegung an ihrer Beute vorbei. Bei der Analyse der Schwanzbewegungen der Fischlarven zeigte sich, dass Buntbarsche beim Schwimmen ein vielfältigeres Repertoire an Verhaltensweisens einsetzen als Zebrafische. Dazu gehört zum Beispiel das Einrollen des Schwanzes, das Schweben und das Rückwärtsschwimmen nach einem erfolglosen Angriff.
Bei den Buntbarschen wurden zudem zwei Haupttypen von Angriffen beobachtet: das „Angriffsschwimmen“ mit symmetrischen Schwanzbewegungen und der explosivere „Fangsprung“. Medaka hingegen setzen einen einzigen „Seitenschwung”-Angriff ein. Selbst unter den eng verwandten Buntbarscharten unterscheiden sich Anzahl und Vielfalt der Verhaltensweisen erheblich, was auf eine artspezifische Spezialisierung bezüglich der Motorik hindeutet.
„Unsere Ergebnisse stellen die Annahme infrage, dass das Verhalten von Zebrafischen ein allgemeingültiges Modell für Fischlarven ist“, sagt Herwig Baier, Letztautor der Studie und Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz. „Verschiedene Arten nutzen unterschiedliche Sinneseindrücke und Bewegungsstrategien – und das sogar schon in den frühen Entwicklungsstadien. Wenn wir diese Unterschiede verstehen, können wir besser nachvollziehen, wie neuronale Verschaltungen das Verhalten beeinflussen und wie die Evolution diese Netzwerke in verschiedenen Abstammungslinien formt.“
Originalpublikation:
Diverse prey capture strategies in teleost larvae
Duncan S Mearns*, Sydney A Hunt*, Martin W Schneider, Ash V Parker, Manuel Stemmer, Herwig Baier
* these authors contributed equally to this work
eLife, online July 8, 2025
https://doi.org/10.7554/eLife.98347.3

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft/Naturschutz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert