Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

25.04.2022, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Wenn Bienenmännchen kein Glück haben
Haben Pestizide etwas mit dem Rückgang von Bienenpopulationen zu tun? Ein Team an der Uni Würzburg hat das nun untersucht – und sieht zwischen dem Fungizid Fenbuconazol und dem Paarungsverhalten der Insekten einen Zusammenhang.
Bienen gehören zu den wichtigsten Bestäubern der Erde. Sie bestäuben nicht nur Pflanzen mit schönen Blüten, sondern auch viele Nutzpflanzen. Doch trotz der großen Bedeutung der Insekten für Mensch und Natur geht ihre Population zurück. In der Forschung werden dabei verschiedene mögliche Ursachen genannt, auch Pestizide. Diesen Faktor hat nun ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg in einer Studie untersucht. Dabei stellte es fest: Pestizide sind vermutlich ein wichtiger Faktor, der die Fortpflanzung von Bienen beeinflusst.
Bei Bienen entstehen Männchen aus unbefruchteten Eiern. Weibliche Bienen hingegen entstehen durch die Paarung von Männchen und Weibchen. Das Forschungsteam wollte herausfinden, welche Faktoren zum Rückgang der Bienenpopulation beitragen könnten. Dabei hat es sich auf frühe Stadien der Fortpflanzung der Insekten konzentriert. Mauerbienen (Osmia cornuta) wurden dabei einer geringen, nicht-tödlichen Dosis des Fungizids Fenbuconazol ausgesetzt. Fungizide werden zur Bekämpfung von Pilzen und Sporen als Pflanzenschutzmittel verwendet.
Weibliche Mauerbienen bewerten bei der Wahl eines Paarungspartners männliche Qualitätssignale – allen voran ihren Geruch und Vibrationen der Brust. „Wenn das Fungizid eine Auswirkung auf die Qualitätssignale der Männchen hat, sollte das die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass pestizidbelastete Männchen von den Weibchen abgelehnt werden“, erklärt der Insektenforscher und Hauptautor der Studie, Samuel Boff. Seine Forschungsarbeit führte Boff an der JMU und der Universität Mailand aus, inzwischen ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik der Universität Ulm.
Ein klares Ergebnis
Das Ergebnis: Bienen-Männchen, die dem Fungizid ausgesetzt waren, wurden häufiger von den Weibchen zurückgewiesen. „Wir haben auch festgestellt, dass die pestizidbelasteten Männchen weniger mit ihrem Brustmuskel vibrierten und auch eine andere Geruchszusammensetzung hatten als die unbelasteten Männchen“, so Boff. Sein Fazit: „Der Rückgang der Bienenpopulationen in Agrarlandschaften könnte daher durch die Wirkung von Pestiziden auf das Paarungsverhalten der Insekten erklärt werden.“
Bei der Arbeit handelt es sich um die erste Studie, die zeigt, dass ein Fungizid mit geringer Toxizität Auswirkungen auf die Fortpflanzung von Bienen in der Paarungsphase hat. „Unsere Studie zeigt, dass die frühen Phasen der Bienenreproduktion in die Risikobewertung von Pestiziden einbezogen werden müssen“, sagt auch Professor Thomas Schmitt, Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologe der JMU. Er war ebenfalls an der Studie beteiligt. Auch Boff hofft auf eine breitere Prüfung verschiedener Pestizidklassen auf das Verhalten und die chemischen Signale von Bienen: „Damit ein wirksamer Bienenschutz wirklich stattfinden kann.“
Weitere Schritte
Zu den nächsten Schritten gehört die Durchführung weiterer Experimente zum Paarungsverhalten, denn die Forscherinnen und Forscher wollen herausfinden, ob sich verschiedene Pestizidklassen auch auf die Paarungsentscheidung anderer Wildbienenarten auswirken. Sie empfehlen zudem Bienenüberwachungsprogramme, um Reproduktionsergebnisse von Wildbienen in Gebieten mit Pestizidexposition und in ökologischen Gebieten zu vergleichen.
Ihre Ergebnisse hat das Forschungsteam im Journal of Applied Ecology veröffentlicht. Neben Boff (JMU/Ulm) und Schmitt (JMU) waren auch Professorin Daniela Lupi (Universität Mailand, Italien) und weitere Forschende aus Deutschland und Brasilien an der Studie beteiligt. Gefördert wurde sie von der italienischen Stiftung „Fondazione Cariplo“.
Originalpublikation:
Boff et al.: „Low toxicity crop fungicide (fenbuconazole) impacts reproductive male quality signals leading to a reduction of mating success in a wild solitary bee”; in: Journal of Applied Ecology, doi: 10.1111/1365-2664.14169

25.04.2022, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)
Automatisierte Analyse des Tierverhaltens
Forschende der ETH Zürich entwickelten eine neue Methode, die mit künstlicher Intelligenz das Verhalten von Tieren auswertet. Damit sind in der Verhaltensforschung detailliertere Untersuchungen und solche über lange Zeiträume möglich. Ausserdem hilft die Methode, das Tierwohl zu stärken. Bereits getestet wird sie im Zoo Zürich.
Für Verhaltensstudien mit Tieren müssen Wissenschaftler:innen oft grosse Mengen von Videoaufzeichnungen analysieren. Klassischerweise sichten sie dabei Aufnahmen mit einer Gesamtdauer von vielen Wochen und Monaten und führen über das beobachtete Verhalten Protokoll. Forschende an der ETH Zürich und der Universität Zürich haben die Analyse solcher Aufzeichnungen nun automatisiert. Ein von ihnen entwickelter Bildanalyse-Algorithmus nutzt computerbasiertes Sehen und maschinelles Lernen. Der Algorithmus kann individuelle Tiere unterscheiden sowie Verhaltensweisen erkennen, die zum Beispiel auf Neugierde, Angst oder auf harmonische Interaktionen mit Artgenossen hindeuten.
Videoaufnahmen von Tieren – auch äusserst umfangreiche – können damit quasi auf Knopfdruck automatisch ausgewertet werden. Ein weiterer Vorteil ist die Reproduzierbarkeit: Wenn unterschiedliche Forschungsgruppen ihre Videodaten mit demselben Algorithmus auswerten, sind ihre Arbeiten besser vergleichbar, weil immer die gleichen Massstäbe angelegt werden. Ausserdem ist der neue Algorithmus so empfindlich, dass auch subtile Verhaltensänderungen erkannt werden, die sich nur sehr langsam und über eine lange Zeitspanne entwickeln. «Für das menschliche Auge hingegen sind solche Veränderungen oft schwierig zu erkennen», sagt Markus Marks. Er ist Postdoc in der Gruppe von Mehmet Fatih Yanik, Professor für Neurotechnologie, und Erstautor der Forschungsarbeit.
Für alle Tierarten geeignet
Die Wissenschaftler trainierten den Machine-Learning-Algorithmus mit Videoaufnahmen aus Tierhaltungen von Mäusen und Makaken. Die Methode eignet sich jedoch für alle Tierarten, wie die Forschenden betonen. In der Wissenschaftsgemeinschaft hat sich die neue Methode bereits herumgesprochen. Die ETH-Forschenden stellen den Algorithmus auf einer öffentlichen Plattform anderen Forschenden zur Verfügung, und zahlreiche Kollegen auf der ganzen Welt nutzen ihn bereits. «Insbesondere unter Primatenforschenden ist das Interesse gross. So nutzt auch eine Gruppe, welche wildlebende Schimpansen in Uganda erforscht, unsere Technik», sagt Marks.
Dies dürfte unter anderem damit zu tun haben, dass mit dieser Methode auch komplexes Sozialverhalten in einer Tiergemeinschaft ausgewertet werden kann, etwa welches Tier wann das Fell eines anderen Gruppenmitglieds pflegt. «Gegenüber bisherigen auf maschinellem Lernen basierenden Verhaltensanalysealgorithmen hat unsere Methode gerade bei der Analyse des Sozialverhaltens in komplexen Settings grosse Vorteile», sagt Marks.
Tierhaltung verbessern
Ausserdem kann die Methode zur Verbesserung der Tierhaltung eingesetzt werden. Es ist damit möglich, Tiere rund um die Uhr zu überwachen und automatisch abnormales Verhalten zu erkennen. Ungünstiges Sozialverhalten oder Erkrankungen können so frühzeitig erkannt werden, und Tierpflegende können rasch eingreifen und die Situation für die Tiere verbessern.
Die ETH-Forschenden unterhalten derzeit auch eine Zusammenarbeit mit dem Zoo Zürich, der seine Tierhaltung weiter verbessern und automatisierte Verhaltensforschung betreiben möchte. Für eine kürzlich veröffentlichten Studie zum Schlafverhalten von Elefanten mussten die Zooforschenden beispielsweise Videoaufnahmen manuell auswerten. Sie erhoffen sich von der neuen Methode, solche Arbeiten künftig automatisieren zu können.
Zum Einsatz kommt die Methode schliesslich in der biologischen, neurobiologischen und medizinischen Grundlagenforschung. «Unsere Methode kann bereits sehr geringfügige Änderungen im Verhalten von Versuchstieren erkennen, zum Beispiel Anzeichen von Stress, Angst und Unwohlsein», sagt ETH-Professor Yanik. «Sie hilft somit, die Qualität von Studien mit Tieren zu erhöhen, die Zahl von Tieren pro Versuch zu reduzieren und die Tiere nicht übermässig zu belasten.» Er selbst plant, die Methode in seiner neurobiologischen Forschung im Bereich des Imitationslernens zu verwenden.
Originalpublikation:
Marks M, Jin Q, Sturman O, von Ziegler L, Kollmorgen S, von der Behrens W, Mante W, Bohacek J, Yanik MF: Deep-learning-based identification, tracking, pose estimation and behaviour classification of interacting primates and mice in complex environments. Nature Machine Intelligence, 21. April 2022, doi: 10.1038/s42256-022-00477-5 [https://doi.org/10.1038/s42256-022-00477-5]

26.04.2022, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Neandertaler des Nordens
Ob Neandertaler gut an das Leben in der Kälte angepasst waren oder doch eher gemäßigte Umweltbedingungen bevorzugten, untersuchte ein multidisziplinäres Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) in Leipzig, der FAU Erlangen-Nürnberg, der Leuphana-Universität Lüneburg, des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik (LIAG) und weiterer Partnereinrichtungen nun in Norddeutschland. Anhand von Untersuchungen in Lichtenberg im Wendland (Niedersachsen) konnten die Forschenden belegen, dass Neandertaler während der letzten Eiszeit auch in Kaltphasen ihre nördlichen Siedlungsgebiete aufsuchten – wenn auch vorzugsweise in den Sommermonaten.
Waren Neandertaler wirklich so gut an ein Leben in der Kälte angepasst, wie bisher angenommen, oder bevorzugten sie im Verlauf der letzten Eiszeit eher gemäßigte Umweltbedingungen? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt es sich, Neandertalerfundstätten an der nördlichen Peripherie ihres Verbreitungsgebietes zu untersuchen. Denn hier waren, vor allem durch wiederholte Eisvorstöße aus Skandinavien, Umweltschwankungen am deutlichsten zu spüren. Eine für solche Untersuchungen besonders geeignete Region ist Norddeutschland mit ihren zahlreichen überlieferten Fundstätten nördlicher Neandertaler.
Forschende des MPI-EVA, der FAU, der Leuphana-Universität Lüneburg, des LIAG und weiterer Partnereinrichtungen haben in einer aktuellen Studie nun die Hinterlassenschaften von Neandertalern an einem einstigen Seeufer in Lichtenberg im Wendland (Niedersachsen) untersucht. Einem integrativen Forschungsansatz folgend hat das Team Analysemethoden aus der Archäologie, der Lumineszenzdatierung, der Sedimentologie, der Mikromorphologie, sowie die Analysen von Pollen und Phytolithen miteinander kombiniert, um die Beziehung zwischen der menschlichen Anwesenheit im Norden und den sich verändernden Umweltbedingungen im Detail zu erforschen.
Ein Fenster in die Umweltgeschichte
„Archäologische Grabungen sind auch immer ein Fenster in die Umweltgeschichte“, sagt Michael Hein, Geograph am MPI-EVA. „Anhand der Sedimente und der enthaltenen Pollenkörner können wir die damaligen Vegetations- und Umweltbedingungen sehr gut nachvollziehen. Dafür ist auch immer eine möglichst genaue Datierung wichtig, die jedoch im nördlichen Mitteleuropa für viele klimatische Phasen der letzten Eiszeit noch fehlt.“ Die Erhebung von Umweltinformationen und unabhängigen Datierungen ist gleichermaßen für die Archäologie und die Paläoumweltforschung von großem Interesse.
„In Lichtenberg ist es uns nun unter anderem gelungen, das Ende einer ausgeprägten Warmphase – des so genannten Brörup Interstadial – innerhalb dieser letzten Eiszeit recht genau auf 90.000 Jahre zu datieren“, ergänzt Hein. „Damit hätte sich die damalige Abkühlung auf dem Kontinent etwa zeitgleich vollzogen mit der starken Klimaveränderung, die im grönländischen Eis und im Nordatlantik bereits nachgewiesen ist. Diese scheinbar direkte klimatische Kopplung in dieser Zeit war bisher für Norddeutschland nur vermutet worden.“
Besiedlung nördlicher Gebiete auch in Kaltphasen
Die Studie ergab außerdem, dass Neandertaler vor etwa 90.000 Jahren ein leicht bewaldetes Seeufer in einem relativ gemäßigten Klimaabschnitt besiedelten. Die Steingeräte des Lagerplatzes zeugen von vielfältigen Tätigkeiten, wie etwa der Holzbearbeitung und der Verarbeitung von Pflanzen. Bereits zwischen 1987 und 1994 wurde vom Landesmuseum Hannover in Lichtenberg eine Fundstätte der so genannten Keilmessergruppen – speziell zugeschlagener Feuersteinmesser – ausgegraben. In den Ausgrabungen liegen die Schichten dieses einstigen Lagerplatzes oberhalb des Seeuferlagerplatzes, das einem gemäßigten Klimaabschnitt zugeordnet ist und datieren in eine Zeit von vor etwa 70.000 Jahren, als das erste Kältemaximum der letzten Eiszeit begann. Die Forschenden konnten somit belegen, dass Neandertaler tatsächlich auch während der Kaltphasen die nördlichen Regionen besiedelt hatten.
Flexible Anpassung an Umweltbedingungen
„Veränderungen bei den Steingeräten deuten darauf hin, dass Neandertaler sich flexibel an sich ändernde Umweltbedingungen angepasst haben“, sagt Marcel Weiß, Archäologe an der FAU. „In Lichtenberg konnten wir zeigen, dass sie von einer stark bewaldeten Umwelt der letzten Warmzeit, über die lichteren Wälder eines kalt-gemäßigten Klimaabschnittes zu Beginn der letzten Eiszeit bis hin zur kalten Tundra des ersten Kältemaximums die nördlichen Regionen Mitteleuropas immer wieder aufsuchten.“
Dabei zeigen die Steingeräte, vor allem Messer aus Feuerstein, dass es sich wohl um einen kurzen Jagdaufenthalt gehandelt haben könnte. Hinweise von anderen Fundstätten aus derselben Zeitperiode deuten darauf hin, dass Neandertaler den Norden während der Kaltphasen wohl hauptsächlich während der Sommermonate aufgesucht hatten.
Originalpublikation:
Marcel Weiss, Michael Hein et al.
Neanderthals in changing environments from MIS 5 to early MIS 4 in northern Central Europe – Integrating archaeological, (chrono)stratigraphic and paleoenvironmental evidence at the site of Lichtenberg
Quaternary Science Reviews, 15 April 2022, https://doi.org/10.1016/j.quascirev.2022.107519

26.04.2022, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ
Arten schützen fürs Weltklima: Wie das Klima vom Erhalt der biol
ogischen Vielfalt profitieren kann
Maßnahmen für den Klimaschutz sowie für den Schutz der Biodiversität wurden bislang oft parallel zueinander entwickelt. Doch dies gilt mittlerweile als überholt, da viele Ansätze sowohl das Klima als auch die Artenvielfalt schützen können. Vor dem Hintergrund der anstehenden UN-Artenschutzkonferenz hat ein internationales Team von Wissenschaftler:innen die Rolle der künftigen globalen Biodiversitätsziele (Post-2020 Action Targets for 2030) für den Klimaschutz bewertet und dabei festgestellt, dass immerhin zwei Drittel der globalen Biodiversitätsziele auch helfen können, den Klimawandel zu bremsen.
Wenn sich die Weltgemeinschaft voraussichtlich im Herbst zum zweiten Teil der UN-Artenschutzkonferenz in Kunming (China) treffen wird, wird sie auch die nächste Generation der UN-Biodiversitätsziele verabschieden. Sie werden dann die bis 2020 angestrebten Aichi-Ziele ablösen. 21 sogenannte „Post-2020 Action targets for 2030“ sind bereits vorformuliert, sie müssen aber noch beschlossen werden. Mit ihnen sollen mögliche Gefahren für die Biodiversität reduziert, das Wohlbefinden der Bevölkerung verbessert sowie Instrumente und Lösungen für den Erhalt der biologischen Vielfalt umgesetzt werden.
In einer Review-Studie für die Zeitschrift Global Change Biology bewerteten die Autor:innen, ob diese 21 Biodiversitätsziele den Klimawandel aufhalten können und wie zuverlässig eine solche Prognose ist. Die Bilanz: 14 von 21, also zwei Drittel aller Ziele, leisten einen positiven Beitrag zum Klimaschutz. „Es zeigt sich, dass Erhaltungsmaßnahmen, die den Verlust der biologischen Vielfalt aufhalten, bremsen oder umkehren, gleichzeitig den vom Menschen verursachten Klimawandel erheblich verlangsamen können“, sagt die Erstautorin Dr. Yunne-Jai Shin vom nationalen französischen Forschungsinstitut für nachhaltige Entwicklung (IRD). Das gilt zum Beispiel für das Ziel, auf mindestens 30 Prozent der Erde Schutzgebiete über Korridore oder weitere Schutzgebiete zu vernetzen. „Es gibt immer mehr Belege dafür, dass die Schaffung neuer und der Erhalt bestehender Schutzgebiete an Land und im Meer dazu beitragen, den Klimawandel durch die Bindung und Speicherung von Kohlenstoff abzumildern“, sagt der UFZ-Biodiversitätsforscher und Co-Autor Prof. Josef Settele. So werde zum Beispiel geschätzt, dass derzeit alle terrestrischen Schutzgebiete rund um den Globus zwischen 12 und 16 Prozent des gesamten globalen Kohlenstoffvorrats speichern. Und auch wenn sie noch als wenig erforscht gelten: Auch Tiefsee-Ökosysteme können einen beträchtlichen und wichtigen Kohlenstoffvorrat am Meeresboden enthalten, etwa an abgelegenen Inseln, Tiefseebergen sowie arktischen und antarktischen Kontinentalschelfen. Allerdings ist man bislang noch weit davon entfernt, das 30 Prozent-Ziel zu erreichen: Aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2021 zufolge lag die Zahl der Schutzgebiete an Land bei 15,7 Prozent, im Meer bei 7,7 Prozent.
Das Klima profitiert aber auch von anderen der neu formulierten globalen Biodiversitätsziele: Ein Ziel ist beispielsweise auch, mindestens 20 Prozent der degradierten Ökosysteme wie etwa tropische und subtropische Wälder oder Küstenlebensräume wie Korallenriffe, Seegraswiesen und Mangrovenwälder wiederherzustellen. Zwar ist laut der Studie die globale Kohlenstoffbindung in Küstensystemen aufgrund ihrer geringeren Ausdehnung deutlich niedriger als in terrestrischen Wäldern. Dafür sei jedoch die Menge des gebundenen Kohlenstoffs bezogen auf eine Einheit Küstenvegetationsfläche deutlich höher. Auch die Berücksichtigung der Biodiversität in Gesetzen, Richtlinien oder Planungsprozessen der Raumordnung hilft beim Klimaschutz, weil so zum Beispiel die Abholzung von Wäldern verhindert wird, die dann wiederum wichtiger CO2-Speicher sind. Andere, sowohl für die Biodiversität als auch für den Klimaschutz positive Ziele sind beispielsweise der Ausbau von grünen und blauen Infrastrukturen in Städten wie zum Beispiel Parks, Gründächer oder Seen, oder auch eine bessere Öffentlichkeitsarbeit, um die Bevölkerung zu einem nachhaltigeren Umgang mit Müll und zu weniger Konsum zu bewegen.
Mit welchen Maßnahmen diese Biodiversitätsziele schon jetzt in der Praxis umgesetzt werden, haben die Autor:innen beispielhaft in zwölf Fallstudien zusammengestellt, etwa zum Erhalt afrikanischer Moore, zum Schutz der Megafauna im Südpolarmeer oder zur Rettung der größten Mangrovenwälder der Erde, die Sundarbans, an der Grenze zwischen Indien und Bangladesch. Allerdings kann es zwischen dem Klima- und Biodiversitätsschutz auch zu Zielkonflikten kommen: In Mitteleuropa ist der Erhalt der Kulturlandschaft ein Beispiel, das zeigt, dass sich nicht immer alles reibungsfrei unter einen Hut bringen lässt. Traditionelle Landnutzungssysteme nachzuahmen, statt die Flächennutzung zu intensivieren oder gar die Nutzung aufzugeben, hat einerseits klare Vorteile für den Schutz der biologischen Vielfalt. „Sie senken das Aussterberisiko von seltenen und sehr gut an eine extensive Form der agrarischen Nutzung angepassten Arten und Sorten und fördern den Erhalt einer hohen Vielfalt von Bestäubern und natürlichen Feinden von Schädlingen“, sagt der UFZ-Forscher Josef Settele. Andererseits gebe es Konflikte, weil manche der Maßnahmen schädlich sind für das Klima. „Weil viele der Flächen landwirtschaftlich genutzt werden, ist der Waldanteil nicht so hoch, folglich wird weniger Kohlenstoff gespeichert“, sagt er. Zudem werde durch die Haltung von Rindern, Schafen und Kühen das klimaschädliche Methan freigesetzt. „Dass wir den Klimawandel stoppen müssen, ist Konsens, das darf aber nicht auf Kosten der Natur gehen. Deshalb müssen wir Methoden finden, wie wir den Klimawandel bremsen und Anpassungsmaßnahmen umsetzen können, ohne dass Artenvielfalt verloren geht. Das geht oft nur über Kompromisse“, bilanziert Josef Settele. Deshalb wäre es positiv, wenn viele der neuen globalen Biodiversitätsziele der UN-Konvention über die biologische Vielfalt umgesetzt werden würden. Und Prof. Hans-Otto Pörtner, Co-Autor und Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), ergänzt: „Das Klimaproblem wird mittlerweile schon verstanden. Allerdings wird das Biodiversitätsproblem als ein komplett separates Problem behandelt – auch, wenn es um Lösungsansätze geht. Dazu kommt das Risiko, dass die Natur als Vehikel diskutiert wird, um die Klimaproblematik zu lösen, was sehr problematisch ist.
Die Fähigkeit der Ökosysteme den Klimawandel zu bremsen, wird dabei überschätzt, zudem beschädigt der Klimawandel diese Fähigkeit.“ Der Mensch glaube aber dennoch, die Natur sei im Stande, als große Retterin in der Klimakrise zu fungieren und uns die weitere oder längere Nutzung fossiler Brennstoffe zu ermöglichen. „Es ist aber umgekehrt: Erst wenn es gelingt, die Emissionen aus fossilen Energieträgern drastisch zu reduzieren, kann uns die Natur dabei helfen, das Klima zu stabilisieren“, so Pörtner.
Diesen Sachverhalt haben die Wissenschaftler:innen des Weltklimarates IPCC und des Weltbiodiversitätsrates IPBES im Juni vorigen Jahres in einem gemeinsamen Workshop-Bericht geradegerückt, das aktuelle Wissen zu Biodiversität und Klimawandel zusammengetragen sowie Handlungsoptionen definiert und priorisiert.
Originalpublikation:
Yunne-Jai Shin, Guy F. Midgley, Emma R. M. Archer, Almut Arneth, David K. A. Barnes, Lena Chan, Shizuka Hashimoto, Ove Hoegh-Guldberg, Gregory Insarov, Paul Leadley, Lisa A. Levin, Hien T. Ngo, Ram Pandit, Aliny P. F. Pires, Hans-Otto Pörtner, Alex D. Rogers, Robert J. Scholes, Josef Settele, Pete Smith: Actions to halt biodiversity loss generally benefit the climate, Global Change Biology, https://doi.org/10.1111/gcb.16109

27.04.2022, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Erste weltweite Analyse der Bedrohung aller Reptilienarten
Zum ersten Mal überhaupt wurden Schildkröten, Krokodile, Schlangen, Echsen und Brückenechsen in Hinblick auf ihre Bedrohung umfassend bewertet. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Nature mit Beteiligung des Museums für Naturkunde Berlin publiziert wurde, hat hierzu Daten von über 900 Wissenschaftler:innen ausgewertet, die in der globalen Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN – International Union for Conservation of Nature) zusammengestellt wurden. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass 21% der erfassten 10196 Reptilienarten bedroht sind. Davon besonders gefährdet sind vor allem Schildkröten und Krokodile.
Die Gruppe der Schildkröten, Krokodile, Echsen (inklusive der Schlangen) und Brückenechsen, oftmals als Reptilien bezeichnet, ist die artenreichste Gruppe unter den Landwirbeltieren. Erstmals wurden diese jetzt umfassend (10196 von mindestens 11690 Arten) mit Hinblick auf ihre Bedrohung untersucht und die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Nature publiziert. Insgesamt sind Daten von über 900 Wissenschaftler:innen in die Studie eingeflossen, die im Rahmen der Bewertungen der globalen Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN – International Union for Conservation of Nature) zusammengetragen wurden. Das Ergebnis ist, dass 21% aller erfassten Arten als bedroht gelten. Einer der Hauptgründe ist die immer weiter voranschreitende Zerstörung und Veränderung von Habitaten. „Es ist deshalb besonders wichtig nach Lösungen zu suchen, um intakte Lebensräume, insbesondere Wälder, in ihrem natürlichen Zustand zu erhalten oder, falls möglich, allenfalls nachhaltig zu nutzen,“ betont Dr. Mark-Oliver Rödel vom Museum für Naturkunde Berlin, einer der Ko-Autoren der Studie.
„Zudem muss man die Gefährdungsursachen differenziert sehen,“ ergänzt Dr. Philipp Wagner, Kurator für Forschung & Artenschutz am Allwetterzoo in Münster und ebenfalls Ko-Autor, „denn einzelne Gruppen innerhalb dieser Reptilien sind deutlich stärker bedroht als andere. Die Studie zeigt nämlich auch, dass 58% aller Schildkrötenarten und 50% aller Krokodilarten von der Ausrottung bedroht sind – und zwar nicht etwa an erster Stelle durch Lebensraumverlust, sondern vor allem durch die illegale Jagd und Handel.“ Zusammen mit den Amphibien gehören diese beiden Gruppen so zu den am stärksten bedrohten Landwirbeltieren weltweit.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass für 1500 der insgesamt 10196 Arten nicht genügend Daten vorliegen, um sie aus Sicht des Artenschutzes bewerten zu können. Da es sich dabei meist um Arten mit einem kleinen Verbreitungsgebiet handelt, kann man davon ausgehen, dass die meisten von ihnen ebenfalls stark bedroht sind. „So ist leider davon auszugehen, dass die Bewertungen, wie sie in der Studie vorgenommen wurden, in der Regel sehr konservativ sind. Das heißt, man unterschätzt den Bedrohungsgrad für viele Arten. Oftmals erkennt man zu spät, wie schlecht es um viele Arten steht, vor allem bei den Reptilien,“ ergänzt Ko-Autor Dr. Johannes Penner, Kurator für Forschung und Zoologie bei Frogs and Friends. „Es muss daher noch viel getan werden, um dem Verlust der Biodiversität Einhalt zu gebieten“.
Veröffentlicht in: Cox, N. and Young, B. E., et al. Global reptile assessment shows commonality of tetrapod conservation needs. Nature (2022). https://doi.org/10.1038/s41586-022-04664-7.

27.04.2022, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Missing link der Zecken entdeckt
In der Fachzeitschrift Parasitology beschreibt ein Forschungsteam aus Deutschland und Südafrika, darunter Jason Dunlop vom Museum für Naturkunde Berlin, eine bemerkenswerte fossile Zecke aus dem burmesischen Bernstein der Kreidezeit von Myanmar. Khimaira fossus kombiniert den Körper einer Lederzecke mit den Mundwerkzeugen einer Schildzecke. Es wurde in eine neue, ausgestorbene Familie eingeordnet und scheint ein ‚missing link‘ darzustellen, dass zu einer wahrscheinlich noch älteren Gruppe gehörte, aus der sich die Leder- und Schildzecken entwickelt haben könnten.
Zecken sind nicht gerade beliebte Tiere, aber sie sind eine faszinierende Gruppe blutsaugender Parasiten mit einem Fossilienbestand, der mindestens 100 Millionen Jahre zurückreicht. Heute kennen wir zwei Hauptgruppen. Lederzecken sind abgeflachte, weiche Spinnentiere wie die Taubenzecke und andere Arten, die häufig bei Vögeln vorkommen. Schildzecken sind robustere Tiere und umfassen die Zecken, die normalerweise bei Hirschen, Schafen und sogar Haustieren und Menschen zu finden sind.
Zecken sind heute mit 905 Arten vertreten, die sich alle ausschließlich von Wirbeltierblut ernähren. Einige sind als Krankheitsüberträger von medizinischer oder landwirtschaftlicher Bedeutung. 714 Arten werden als Schildzecken in der Familie Ixodidae klassifiziert, 190 als Lederzecken in der Familie Argasidae, und es gibt eine einzige ungewöhnliche Art aus Südafrika, die in eine eigene Familie gestellt wird. Die Frage, wann sich Zecken zum ersten Mal entwickelt haben und aus welcher Milbengruppe sie hervorgegangen sind, bleibt ungelöst.
Die ältesten Zecken stammen aus dem ca. 100 Millionen Jahre alten Burmesischen Bernstein aus Myanmar. Der Bernstein beinhaltet eine faszinierende Mischung rezenter und ausgestorbenen Zecken-Gruppen, darunter auch. eine bemerkenswerte neue fossile Zecke, die den weiche Körper einer Lederzecke mit den großen, nach vorne ragenden Mundwerkzeugen einer Schildzecke zu kombinieren scheint. Die Autor:innen nennen das Tier Khimaira in Anlehnung an die Chimäre: ein mythisches Monster, das Körperteile verschiedener Tiere kombiniert. Molekulare Daten deuten darauf hin, dass sich Schild- und Lederzecken wahrscheinlich viel früher evolutiv voneinander getrennt haben, vielleicht schon vor 290 Millionen Jahren. Das neue Bernsteinfossil könnte daher ein später Überlebender einer ausgestorbenen Gruppe sein, aus der sich die beiden Hauptfamilien, die wir heute kennen, entwickelt haben.
Die gleiche Veröffentlichung beschreibt auch das älteste Exemplar der Schildzeckengattung Ixodes, einer Gruppe, die zuvor aus dem viel jüngeren baltischen Bernstein bekannt war. Zu den lebenden Ixodes-Arten gehören mehrere Zecken von medizinischer Bedeutung, wie der gemeine Holzbock hier in Europa. Das neue Fossil ist von besonderem Interesse, da es anscheinend eng mit lebenden australischen Arten verwandt ist. Es trägt zu einer laufenden Debatte darüber bei, ob die in Burmesischem Bernstein gefundenen Arthropoden ihren Ursprung in Asien oder Australien haben. Eine Hypothese besagt, dass Burmesischer Bernstein auf einer Insel abgelagert wurde, die von der Nordküste Australiens abbrach. Andere in diesem Artikel beschriebene Fossilien umfassen eine andere Zeckenart, Cornupalpatum burmanicum, bei der ein erwachsenes Weibchen mit einer Feder in Verbindung gebracht wird, was darauf hindeuten könnte, dass Erwachsene dieser Zecken sich von Vogel oder gefiederten Dinosauriern ernährten.
Haftungsausschluss: Die Autor:innen erkennen den aktuellen gesellschaftspolitischen Konflikt im Norden Myanmars an, der 2017 wieder aufflammte. Sie haben ihre Recherche auf Material aus der Zeit vor diesem Konflikt beschränkt. Die Autor:innen hoffen, dass diese Forschung das Bewusstsein für diesen aktuellen Konflikt und das damit verbundenen menschliche Leid schärfen wird.
Veröffentlicht in: Chitimia-Dobler, L., Mans, B.J., Handschuh, S. & Dunlop. J. A. (2022) A remarkable assemblage of ticks from mid-Cretaceous Burmese amber. Parasitology 149, 820–830. https://doi.org/10.1017/S0031182022000269

28.04.2022, NABU
NABU zeigt, wo in Europa Wölfe leben
Zum Tag des Wolfes am 30. April bringt der NABU eine aktuelle interaktive Karte zu Wolfsvorkommen heraus
Zum Tag des Wolfes am 30. April veröffentlicht der NABU eine aktuelle interaktive Karte über Wolfsvorkommen in Europa. Neben der Karte bietet der NABU zu jedem Land eine Übersicht zu den dort wichtigsten Themen, die das Zusammenleben mit Wölfen betreffen. „Das Wolfsmanagement im Ausland wird in den Debatten um Wölfe oft als Argument genannt – sowohl pro als auch contra Wolf“, sagt NABU-Wolfsexpertin Marie Neuwald. „Das haben wir zum Anlass genommen, genau hinzuschauen: Wie geht es Wölfen in unseren Nachbarländern? Und wie geht die Politik mit ihnen um?“
Die NABU-Recherche zeigt: Auch wenn fast überall der Bestand an Wölfen zahlenmäßig steigt, spricht das allein nicht immer für einen günstigen Erhaltungszustand. Die Apennin-Population in Italien beispielsweise hat mit Hybridisierung von Wölfen und Hunden zu kämpfen. In der Toskana sind bis zu 30 Prozent des Wolfsbestandes Hybriden. Nachdem in den 1960er Jahren Wölfe in Europa fast ausgerottet waren, gehen die Wölfe in Spanien, wie die meisten heutigen Populationen, auf nur sehr wenige Tiere zurück. Da die iberische Population größtenteils isoliert ist, es also kaum Zuwanderer aus anderen Gebieten gibt, ist ihre genetische Vielfalt beschränkt, auch wenn sie zahlenmäßig mit geschätzt 290 Rudeln gut dasteht. 2021 wurde in Spanien die Wolfsjagd verboten – ein großer Erfolg für den Artenschutz. Ähnlich in Polen: Dort wäre rechtlich gesehen eine Regulierung des Wolfsbestandes unter strengen Auflagen möglich. Das Land hat sich jedoch dagegen entschieden – es gibt dort keine Bejagung von Wölfen. Neuwald: „Das zeigt: Nur weil es viele Wölfe gibt, besteht kein Automatismus, diese auch zu bejagen.“
Andere Länder wie Schweden und Finnland genehmigen Lizenzjagden auf Wölfe, obwohl diese unter strengem Schutz stehen. Das führte jedoch schon mehrfach zu Urteilen der EU, die auf die strenge Einhaltung der Schutzvorschriften pocht. Neuwald: „Diese Länder als Vorbild zu nehmen, ist für Deutschland nicht ratsam, wenn es kein Vertragsverletzungsverfahren riskieren möchte.“
Auch abseits der juristischen Ebene kritisiert der NABU die Bestandsreduzierung der skandinavischen und karelischen Population: Die skandinavische Population gilt als isoliert, weil es kaum ein Wolf von Südfinnland bis nach Mittelschweden schafft und so frisches Genmaterial in die Population einbringen könnte. Der Weg führt durch die Gebiete der Rentierwirtschaft, wo Wölfe verhältnismäßig schnell zum Abschuss freigegeben werden. Der Inzuchtkoeffizient der schwedischen Wölfe liegt bei 0,23 – was fast dem einer Verpaarung von Geschwistern gleicht. Neuwald: „Eine genetisch so lädierte Population ist weniger resilient gegenüber Umweltänderungen und Krankheiten. Diese auch noch zu bejagen, ist aus biologischer Sicht fatal. Hinzu kommt, dass in fast allen Ländern hohe Verluste durch illegalen Abschuss von Wölfen nachgewiesen oder zumindest vermutet werden.“
Allen europäischen Ländern ist gemein, dass Wölfe per Gesetz geschützt sind und ihre Anwesenheit je nach Region unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringt. Herdenschutz ist überall nötig, wo es Weidetierhaltung gibt. Herdenschutzsysteme müssen an die Gegebenheiten vor Ort angepasst eingesetzt werden. Die finanzielle staatliche Förderung unterscheidet sich sehr stark von Land zu Land. In einigen Ländern wird eher auf Entschädigungszahlungen gesetzt als auf die Verhinderung von Rissen.
Der NABU ist überzeugt, dass der Schlüssel für ein konfliktarmes Zusammenleben in der Prävention von Schäden liegt. Neuwald: „Auch in Deutschland ist es nötig, über weitere Verbesserungen des Fördersystems zu diskutieren. So wird zum Beispiel noch nicht von allen Bundesländern die Möglichkeit ausgeschöpft, auch den Unterhalt und Arbeitsaufwand von Herdenschutz zu finanzieren. Dies ist dringend nötig, um den oft ohnehin schon förderrechtlich schlechter gestellten Weidebetrieben ein zukunftssicheres Arbeiten zu ermöglichen.“
Der Debatte um eine Regulierung des Wolfsbestandes in Deutschland erteilt der NABU eine klare Absage. „Die Zahl der Weidetierrisse hängt nicht vorrangig an der Zahl der vorhandenen Wölfe, sondern vor allem von der Qualität des Herdenschutzes ab“, betont Neuwald. „Länder wie Frankreich verzeichnen trotz pauschaler Abschüsse hohe Risszahlen und können somit nicht als Vorbild dienen.“ Der NABU plädiert für einen engen fachlichen Austausch zwischen den europäischen Nachbarländern, um voneinander zu lernen und Wissen von Best-Practice-Projekten weiterzugeben. Das hochwertige Wolfsmonitoring in Deutschland darf nicht als Selbstverständlichkeit angesehen, sondern muss weiter gefördert werden. An das neu eingerichtete Bundeszentrum Weidetiere und Wölfe (BZWW) appelliert der NABU, zum Thema Herdenschutz alle Interessengruppen an einen Tisch zu bringen. Neuwald: „Das Zusammenleben mit Wölfen ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Akzeptanz kann nur durch fachliches Wissen und akzeptable Lösungen im Miteinander unter Einbeziehung aller betroffenen Gruppen erreicht werden.“
Europa-Karte zur Verbreitung von Wölfen

28.04.2022, NABU
NABU und LBV: Wer singt denn da in Gärten und Parks?
Vom 13. bis 15. Mai findet die „Stunde der Gartenvögel“ statt
Jeder kann mitmachen und Vögel zählen
Piep, Tschilp, Tirili: Seit Wochen bieten uns die Vögel in Gärten und Parks ihre Frühlingskonzerte. Welche Arten und wie viele es noch sind, die uns vor allem morgens mit ihrem Gesang erfreuen, das wird das Wochenende vom 13. bis 15. Mai zeigen: Der NABU ruft gemeinsam mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) und der NAJU zur 18. „Stunde der Gartenvögel“ auf.
„Je mehr Menschen mitmachen, desto besser können unsere Ornithologen den Zustand der Vogelpopulationen in unseren Siedlungen einschätzen“, sagt NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. „Mehr als 140.000 Menschen hatten im vergangenen Jahr mitgemacht und aus über 95.000 Gärten über 3,1 Millionen Vögel gemeldet.“ Gemeinsam mit der Schwesteraktion „Stunde der Wintervögel“ handelt es sich damit um Deutschlands größte wissenschaftliche Mitmach-Aktion.
Ziel der Aktion ist es, Trends bei den Beständen über die Jahre zu verfolgen. Weil die „Stunde der Gartenvögel“ bereits seit 2006 stattfindet, können die Ornithologen beim NABU bereits auf einen umfangreichen Datenschatz zurückgreifen. Auch Menschen, die wenig über Vögel wissen, können bei der Aktion teilnehmen, betont Miller. „Unsere Zählhilfe macht das Erkennen einfach. Außerdem bieten wir unsere kostenlose App NABU Vogelwelt, die beim Identifizieren hilft.“ Wichtig sei es auch, seine Beobachtung zu melden, auch wenn man während der Zählung nur sehr wenige Vögel festgestellt hat. Miller: „Auch das sind sehr wichtige Daten für uns. Es geht ja nicht um einen Wettbewerb, wer die meisten Vögel sieht, sondern darum, eine realistische Momentaufnahme zu erhalten.“
Die Aktion gibt auch Aufschluss über den Brutbestand, denn im Mittelpunkt stehen Arten, die bei uns brüten. Miller: „So zum Beispiel die Schwalben, die Ende März aus ihren Winterquartieren in Afrika zurückgekommen sind. Leider hat ihr Bestand in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen. Die Rauchschwalbe steht bereits auf der Vorwarnliste und die Mehlschwalbe gilt bereits als gefährdet.“ Daher ist es wichtig, Garten und Hinterhof als Mini-Naturschutzgebiet zu gestalten: Insekten zu fördern und Brutmöglichkeiten am Haus und im Garten zu schaffen. Tipps dazu gibt der NABU unter www.NABU.de/vogelgarten.
Und so funktioniert die Vogelzählung: Von einem ruhigen Plätzchen im Garten, Park, auf dem Balkon oder vom Zimmerfenster aus wird von jeder Vogelart die höchste Anzahl notiert, die im Laufe einer Stunde gleichzeitig beobachtet werden konnte. Die Beobachtungen können am besten online unter www.stundedergartenvoegel.de gemeldet werden, aber auch per Post oder Telefon – kostenlose Rufnummer am 14. Mai von 10 bis 18 Uhr: 0800-1157115. Gemeldet werden kann auch mit der kostenlosen NABU-Vogelwelt-App, erhältlich unter www.NABU.de/vogelwelt. Meldeschluss ist der 23. Mai.
Wer zuvor noch etwas üben möchte, findet viele Infos unter www.stundedergartenvoegel.de, darunter Portraits der 40 häufigsten Gartenvögel (www.nabu.de/gartenvoegel), einen Vogeltrainer (https://vogeltrainer.nabu.de) und Vergleichskarten der am häufigsten verwechselten Vogelarten. Aktuelle Zwischenstände und erste Ergebnisse sind ab dem ersten Zähltag auf www.stundedergartenvoegel.de abrufbar und können mit vergangenen Jahren verglichen werden. Für kleine Vogelexperten hat die NAJU die „Schulstunde der Gartenvögel“ (vom 16. bis 20. Mai) ins Leben gerufen. Weitere Informationen dazu unter www.NAJU.de/sdg.
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28.04.2022, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Riesige Meeres-Saurier in 2.800 Metern Höhe
Fossilfunde aus den Hochalpen stammen von drei Giganten der Meere, zeigt Studie der Universität Bonn
Vor mehr als 30 Jahren entdeckten Forschende der Universität Zürich in den Hochalpen der Ostschweiz Wirbel, Rippen und einen Zahn. Aufgrund der typischen Form mussten sie von großen Fischsauriern stammen, allerdings fehlte entsprechendes Vergleichsmaterial. Eine neue Studie unter Federführung der Universität Bonn erlaubte nun eine genauere Zuordnung. Demnach gehören sie zu drei verschiedenen Fischsauriern von vermutlich 15 bis gut 20 Metern Länge. Der Zahn ist besonders ungewöhnlich: Mit einem Wurzeldurchmesser von sechs Zentimetern ist er doppelt so groß wie der bislang größte gefundene Fischsaurier-Zahn. Die Ergebnisse sind nun im Journal of Vertebrate Paleontology erschienen.
Die ersten Fischsaurier (fachsprachlich: Ichthyosaurier) schwammen in der frühen Triaszeit vor rund 250 Millionen Jahren durch die Ur-Ozeane. Sie hatten einen langgestreckten Körper und einen relativ kleinen Kopf. Kurz bevor die meisten von ihnen vor gut 200 Millionen Jahren ausstarben (nur die bekannten Delfin-ähnlichen Arten überlebten bis vor 90 Millionen Jahren), entwickelten sie jedoch gigantische Formen. Mit einem geschätzten Gewicht von 80 Tonnen und einer Länge von mehr als 20 Metern hätten diese Urzeitriesen einem Pottwal Konkurrenz gemacht. Allerdings hinterließen sie kaum fossile Reste – „warum, ist bis heute ein großes Rätsel“, betont Prof. Dr. Martin Sander von der Abteilung Paläontologie des Institutes für Geowissenschaften der Universität Bonn.
Auffaltung der Alpen förderte Fossilien vom Meeresgrund nach oben
Die jetzt untersuchten Funde stammen aus dem Kanton Graubünden. Sanders Kollege Dr. Heinz Furrer von der Universität Zürich hatte sie zusammen mit Studierenden zwischen 1976 und 1990 bei geologischen Kartierungen in der Kössen-Formation geborgen. Mehr als 200 Millionen Jahre zuvor hatten die Gesteinsschichten mit den Fossilien noch den Meeresboden bedeckt. Mit der Auffaltung der Alpen waren sie jedoch in 2.800 Meter Höhe gelangt. „Vielleicht schlummern unter den Gletschern noch weitere Reste der riesigen Meeresbewohner“, hofft Sander.
Der Paläontologe hat die versteinerten Knochen schon vor drei Jahrzehnten zum ersten Mal in den Händen gehalten. Damals war er noch Doktorand der Universität Zürich. Zwischenzeitlich war das Material jedoch ein Stück weit in Vergessenheit geraten. „In letzter Zeit sind aber weitere Reste riesiger Ichthyosaurier aufgetaucht“, erklärt der Wissenschaftler. „Daher erschien es uns lohnend, auch die Schweizer Funde noch einmal genauer zu analysieren.“
Die Fossilien stammen demnach von drei unterschiedlichen Tieren, die vor etwa 205 Millionen Jahren gelebt haben. Von einem der Ichthyosaurier ist ein Wirbel zusammen mit zehn Rippen-Fragmenten erhalten. Ihre Größen lassen darauf schließen, dass das Reptil vermutlich eine Länge von 20 Metern hatte. Von einem zweiten Fischsaurier wurden dagegen nur eine Reihe von Wirbeln ausgegraben. Der Vergleich zu besser erhaltenen Skelettfunden lässt auf eine Länge von etwa 15 Metern schließen.
„Besonders spannend ist aus unserer Sicht jedoch der Zahn“, erklärt Sander. „Denn er ist für Fischsaurier-Verhältnisse riesig: Seine Wurzel hatte einen Durchmesser von 60 Millimetern – das bislang größte noch in einem vollständigen Schädel steckende Exemplar lag bei 20 Millimetern und stammt von einem Ichthyosaurier, der fast 18 Meter lang war.“ Sein Kollege Heinz Furrer freut sich über die späte Würdigung der spektakulären Überbleibsel aus den Schweizer Alpen: „Mit der Publikation wurde bestätigt, dass unsere damaligen Funde zu den weltweit längsten Fischsauriern gehören, mit dem dicksten bislang gefundenen Zahn und dem größten Rückenwirbel Europas!“
Dass vor 205 Millionen Jahre noch weit längere Tiere die Ur-Ozeane bevölkerten, als man bislang annahm, ist allerdings unwahrscheinlich. „Aus dem Zahndurchmesser lässt sich nicht direkt auf die Länge seines Besitzers schließen“, betont der Bonner Paläontologe Martin Sander. „Dennoch wirft der Fund natürlich Fragen auf.“
Größere Räuber als ein Pottwal sind eigentlich kaum möglich
Denn eigentlich geht die Forschung davon aus, dass sich extremer Riesenwuchs und eine räuberische Lebensweise (die Zähne erfordert) nicht miteinander vereinbaren lassen. Nicht umsonst ist das größte Tier der Jetztzeit zahnlos: der bis zu 30 Meter lange und 150 Tonnen schwere Blauwal. Neben ihm wirkt der zahntragende Pottwal (20 Meter und 50 Tonnen) wie ein halbwüchsiges Kind. Während der Blauwal Kleinstlebewesen aus dem Wasser filtert, ist der Pottwal ein versierter Jäger. Er benötigt also einen größeren Teil der aufgenommenen Kalorien, um seine Muskulatur zu befeuern. „Viel größer als ein Pottwal können Meeres-Raubtiere daher vermutlich gar nicht werden“, sagt Sander.
Möglicherweise stammt der Zahn also nicht von einem besonders gigantischen Fischsaurier – sondern von einem Fischsaurier mit besonders gigantischen Zähnen.
Originalpublikation:
P. Martin Sander, Pablo Romero Pérez de Villar, Heinz Furrer und Tanja Wintrich: Giant Late Triassic ichthyosaurs from the Kössen Formation of the Swiss Alps and their paleobiological Implications. Journal of Vertebrate Paleontology, DOI: 10.1080/02724634.2021.2046017

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