Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

12.04.2021, Stiftung Universität Hildesheim
Bedrohte Lemuren: „Unser Verhalten entscheidet, welche Arten überleben werden – und welche nicht“
Ein madagassisch-deutsches Forschungsteam untersucht Lemuren in den Regenwäldern Madagaskars. Das Fingertier oder Aye-aye gilt als Unheilsbringer. Der Biologe Dr. Torsten Richter von der Universität Hildesheim und der Hildesheimer Doktorand Dominik Schüßler zeigen in einer Untersuchung am Beispiel des Aye-aye hingegen, wie Bildungsarbeit dazubeitragen kann, bedrohte Tierarten zu schützen. Das Überleben vieler Tierarten – gerade auch solcher, die als problematisch wahrgenommen werden – hängt ab vom Umgang und von der Akzeptanz der Menschen, die mit den Tieren zusammenleben. Biologen der Universität Hildesheim erforschen Lebensräume, die sich bedrohte Tierarten und Menschen teilen.
Zusammen mit einem madagassischen Forschungsteam untersuchen Dr. Torsten Richter, Biologe der Universität Hildesheim, und der Hildesheimer Doktorand Dominik Schüßler das Zusammenleben von Mensch und Tieren in geteilten Lebensräumen am Beispiel des Aye-ayes (Daubentonia madagascariensis). Das Aye-aye, auch als Fingertier bekannt, ist eine Primatenart aus der Gruppe der Lemuren.
Die aktuellen Erkenntnisse hat das internationale Forschungsteam in dem interdisziplinären Journal der Britisch Ecological Society „People and Nature“ veröffentlicht (https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/pan3.10192).
„Durch Bildungsarbeit zum Überleben der geheimnisvollen Art beitragen“
Dr. Torsten Richter konzentriert sich in seiner Forschung auf Lebensräume, die sich bedrohte Tierarten und Menschen teilen. Bedeutsam sind in diesem Zusammenwirken die Kultur und Traditionen, der Umgang und die Akzeptanz.
„Uns haben die positiven Einstellungen zum Aye-aye sehr überrascht. Vorher kannte man nur die vielen schrecklichen Erzählungen über das Aye-aye als Unheilsbringer und Todesboten, die oft genug zum Tod der Aye-ayes führten und das Überleben der Art gefährden. Mit den neuen Erkenntnissen ergeben sich auch neue Chancen, durch Bildungsarbeit zum Überleben dieser immer noch sehr geheimnisvollen Art beizutragen. Mit unseren madagassichen Partnern arbeiten wir bereits an ersten Konzepten“, fasst Dr. Torsten Richter, Senior Researcher an der Universität Hildesheim, die Forschungserkenntnisse zusammen.
Bedrohte Tierarten – geteilte Lebensräume: Dr. Torsten Richter untersucht das Zusammenwirken von Menschen, ihrer Kultur und Traditionen
„Das Aye-aye ist eine der geheimnisvollsten Lemurenarten und durch sein bizzares Aussehen auch in der westlichen Welt durchaus bekannt. Das Aye-aye gilt auf Madagaskar vielerorts als Unglücksbote und wird deshalb getötet, wenn man es antrifft, um großen Schaden vom Dorf abzuhalten. Das ist eine der Haupttodesursachen des Aye-ayes und bedroht dessen Überleben. Unsere Forschungsergebnisse aus dem Nordosten Madagaskars haben aber ein differenzierteres Bild ergeben: In einigen Dörfern haben die Menschen eine neutrale, zuweilen sogar positive Einstellung zum Aye-aye“, erläutert der Biologe Dr. Torsten Richter.
Eine positive Einstellung zum Aye-aye existiert vor allem dort, wo die Menschen beobachtet haben, dass das Aye-aye als Insektenfresser auf Nelkenbäumen Schädlinge frisst und somit eine Ökosystemleistung für die Menschen erbringt. Der Nelkenanbau ist eine wichtige Einnahmequelle in der Region, so Richter.
„Letztlich entscheiden unsere Einstellungen und unser Verhalten, welche Arten überleben werden und welche nicht“, sagt Dr. Torsten Richter. „Wir verstehen inzwischen, dass das Überleben vieler Tierarten, gerade auch solche, die als problematisch wahrgenommenen werden, vom Umgang und von der Akzeptanz der Menschen, die mit den Tieren zusammenleben, abhängt. Also letztlich von psychologischen und sozialen Faktoren und weniger von der Biologie der Tiere.“
Torsten Richter forscht seit vielen Jahren zur Akzeptanz von Tierarten. Am Beispiel der Rückkehr der Wölfe in der deutschen und niedersächsischen Kulturlandschaft untersucht der Biologe den von Menschen und Wildtieren geteilten Lebensraum und die soziale Tragfähigkeit. Eine Forschungsfrage ist, „wie viele Wölfe wir Menschen mit uns zusammen in unserem Lebensraum leben lassen und ob diese Zahl an Tieren und der Platz, den wir Menschen ihnen zugestehen, ausreicht, um ihr Überleben zu sichern“.
Interdisziplinäre Forschung
„Wir kombinieren in unserer Forschung die Expertise aus verschiedenen Bereichen. Der Erstautor des aktuellen Papers, Doménico Randimbiharinirina, ist ein Experte für die Ökologie des Aye-ayes und hat die Datenaufnahme im Feld geplant und die Interviews durchgeführt. Ich habe mich mit der Datenanalyse und dem Zusammenfügen der einzelnen Disziplinen befasst, die Interviews übersetzt und die Datenaufnahme mit Torsten Richter geplant“, erläutert Dominik Schüßler, Doktorand in der Abteilung Biologie der Universität Hildesheim.
Das Forschungsteam wurde ergänzt durch die Expertise von Dr. Brigitte Raharivololona, eine Expertin für Aye-ayes und Fachfrau für Primatologie in Madagaskar, sowie Dr. Jonah Ratsimbazafy, ein Experte für Primatologie und den Schutz von Lemuren, der als externer Dozent bereits an der Universität Hildesheim gelehrt hat.
Der Artikel ist abrufbar unter dem folgenden Link:
„To tell a different story: Unexpected diversity in local attitudes towards Endangered Aye‐ayes Daubentonia madagascariensis offers new opportunities for conservation“ (Autor*innen: Roger Doménico Randimbiharinirina, Torsten Richter, Brigitte M. Raharivololona, Jonah H. Ratsimbazafy, Dominik Schüßler)
DOI: 10.1002/pan3.10192
URL: https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/pan3.10192

14.04.2021, Goethe-Universität Frankfurt am Main
3500 Jahre alter Honigtopf: Ältester direkter Nachweis für Honig-Nutzung in Afrika
Bevor das Zuckerrohr und die Zuckerrübe die Welt eroberten, war Honig weltweit das wichtigste Naturprodukt zum Süßen. Den ältesten direkten Nachweis für die Nutzung von Honig in Afrika haben nun Archäologen der Goethe-Universität in Kooperation mit Chemikern der Universität Bristol erbracht. Sie nutzten dafür die chemischen Nahrungsmittelrückstände in Keramikscherben, die sie in Nigeria gefunden hatten. (Nature Communications, DOI 10.1038/s41467-021-22425-4)
Honig ist das älteste Süßungsmittel der Menschheit – und war tausende von Jahren wohl auch das einzige. Indirekte Hinweise für die Bedeutung der Bienen und der von ihnen erzeugte Produkte liefern zum Beispiel prähistorische Felsbilder von verschiedenen Kontinenten, die vor 8000 bis 40.000 Jahren entstanden sind. Altägyptischen Reliefs geben Hinweise auf die Bienenzucht bereits 2600 Jahre vor Christus. Doch für das subsaharische Afrika fehlte bisher ein direkter archäologischer Nachweis. Mit der Untersuchung von chemischen Nahrungsmittelrückständen in Keramikscherben hat sich das Bild grundlegend geändert. Archäologen der Goethe-Universität konnten jetzt in Kooperation mit Chemikern der Universität Bristol Bienenwachsreste in 3500 Jahre alten Keramikscherben der Nok-Kultur identifizieren.
Die Nok-Kultur in Zentral-Nigeria datiert zwischen 1500 vor Christus und der Zeitenwende und ist vor allem durch ihre bis zu lebensgroßen Terrakotta-Skulpturen bekannt. Sie stellen die älteste figurative Kunst Afrikas dar. Bis vor wenigen Jahren war vollständig unbekannt, in welchem gesellschaftlichen Kontext diese Skulpturen entstanden sind. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt haben Wissenschaftler der Goethe-Universität über zwölf Jahre lang die Nok-Kultur in all ihren archäologischen Facetten untersucht. Neben Siedlungsweise, Chronologie und Bedeutung der Terrakotten waren Wirtschaft und Ernährung ein Schwerpunkt der Forschung.
Hatten die Menschen der Nok-Kultur Haustiere oder waren sie Jäger? Üblicherweise benutzten Archäologen zur Klärung dieser Frage Tierknochen aus den Ausgrabungen. Was aber, wenn der Boden so sauer ist, dass Knochen sich nicht erhalten, so wie es im Nok-Gebiet der Fall ist?
Hier eröffnet die Untersuchung von molekularen Nahrungsmittel-Rückständen in Keramik neue Möglichkeiten. Denn bei der Verarbeitung von Pflanzen- und Tierprodukten in Tontöpfen werden stabile chemische Verbindungen freigesetzt, vor allem Fettsäuren (Lipide). Diese können in den Poren der Gefäßwand über Tausende von Jahren erhalten bleiben und sind mit Hilfe der Gaschromatographie nachweisbar.
Zur großen Überraschung der Forscher fanden sich außer den Resten von Wildtieren zahlreiche andere Bestandteile, die das bisher bekannte Spektrum der genutzten Tiere und Pflanzen erheblich erweitern. Vor allem an ein Tier hatte sie nicht gedacht: die Honigbiene. Ein Drittel der untersuchten Scherben enthielt hochmolekulare Lipide, die typisch für Bienenwachs sind.
Welche Bienenprodukte die Menschen der Nok-Kultur nutzten, lässt sich aus den Lipiden nicht rekonstruieren. Am wahrscheinlichsten ist es, dass sie den Honig in den Töpfen durch Erhitzen von den wachshaltigen Waben trennten. Aber auch die Verarbeitung von Honig zusammen mit anderen tierischen oder pflanzlichen Rohstoffen oder die Herstellung von Met sind denkbar. Das Wachs selber könnte für technische oder medizinische Zwecke gedient haben. Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von Tontöpfen als Bienenstöcke, so wie es in heutigen traditionellen Gesellschaften Afrikas noch praktiziert wird.
„Wir haben diese Studie mit den Kollegen aus Bristol begonnen, weil wir wissen wollten, ob die Nok-Leute Haustiere hatten,“ erläutert Professor Peter Breunig von der Goethe-Universität, der das archäologische Nok-Projekt leitet. „Dass Honig auf ihrem täglichen Speisezettel stand, war für uns völlig unerwartet und ist in der Vorgeschichte Afrikas bisher einzigartig.“
Dr. Julie Dunne von der University of Bristol, Erstautorin der Studie, sagt: „Dies ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie biomolekulare Information aus prähistorischen Tonscherben in Kombination mit ethnographischen Daten Einsichten gewährt in die Nutzung von Honig vor 3500 Jahren.“
Professor Richard Evershed, Leiter des Instituts für Organische Chemie an der Universität Bristol und Co-Autor der Studie, weist darauf hin, dass die besondere Beziehung zwischen Mensch und Honigbiene schon in der Antike bekannt war. „Aber die Entdeckung von Bienenwachsresten in der Nok-Keramik ermöglicht einen ganz besonderen Einblick in diese Beziehung, weil dort alle andere Quellen fehlen.“
Professor Katharina Neumann, an der Goethe-Universität zuständig für die Archäobotanik im Nok-Projekt, sagt: „Pflanzen- und Tierreste aus archäologischen Ausgrabungen spiegeln nur einen kleinen Ausschnitt von dem wieder, was die Menschen in der Vorgeschichte gegessen haben. Die chemischen Rückstände machen bisher unsichtbare Komponenten der prähistorischen Ernährung sichtbar.“ Der erste direkte Nachweis von Bienenwachs eröffne faszinierende Perspektiven für die Archäologie Afrikas. Neumann: „Wir nehmen an, dass die Nutzung von Honig in Afrika eine sehr lange Tradition hat. Die älteste Keramik des Kontinents ist etwa 11.000 Jahre alt. Enthält sie vielleicht auch Bienenwachsreste? In Archiven weltweit liegen tausende von Keramikscherben aus archäologischen Grabungen, die nur darauf warten, ihre chemischen Geheimnisse durch die Gaschromatographie zu enthüllen und dadurch ein konkreteres Bild vom täglichen Leben und der Ernährung der prähistorischen Menschen zu zeichnen.“
Originalpublikation:
Julie Dunne, Alexa Höhn, Gabriele Franke, Katharina Neumann, Peter Breunig, Toby Gillard, Caitlin Walton-Doyle1, Richard P. Evershed Honey-collecting in prehistoric West Africa from 3500 years ago. Nature Communications https://doi.org/10.1038/s41467-021-22425-4

14.04.2021, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie
Britische und irische Gärten – ein Winterparadies für Mönchsgrasmücken
Neuste Forschungsergebnisse einer internationalen Kooperation zwischen dem British Trust for Ornithology (BTO), der Universität Oxford und dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, die in der Zeitschrift Global Change Biology veröffentlicht wurden, liefern weitere Hinweise dafür, wie wir die Natur durch kleine Veränderungen in unseren Gärten mitgestalten. Immer milder werdende Winter und ein reichhaltiges Angebot an Vogelfutter lassen Mönchsgrasmücken neue Zugrouten etablieren und führen möglicherweise auch zu Änderungen im Körperbau.
Normalerweise fliegen Mönchsgrasmücken in den Frühlings- und Sommermonaten nach Großbritannien und Irland um dort zu brüten, bevor sie dann im Herbst wieder in südlichere Gefilde im Mittelmeerraum ziehen. Seit Ende der 1960er Jahre beobachten wir jedoch, dass Mönchsgrasmücken ihr Überwinterungsgebiet kontinuierlich in nördlichere Regionen ausweiten und in den Wintermonaten immer häufiger in Großbritannien und Irland anzutreffen sind. Interessanterweise sind diese Vögel keinesfalls Standvögel, die einfach das ganze Jahr über dortbleiben. Die in Großbritannien und Irland überwinternden Mönchsgrasmücken kommen aus Brutgebieten die sich über ganz Europa erstrecken und brechen von dort aus jeden Herbst zu einer ungewöhnlichen Nordwestwanderung an die britischen Küsten auf.
Die Studie beruht auf Beobachtungen von 600 Mönchsgrasmücken, die mit einer einzigartigen Kombination von Farbringen an ihren Beinen markiert wurden. Farbmarkierungen sind leicht zu erkennen und können von vielen freiwilligen Gartenbeobachter gemeldet werden und ermöglichen so eine genaue Betrachtung der Bewegungsmuster und des Verhaltes der in Großbritannien und Irland überwinternden Mönchsgrasmücken. Zusätzlich zu Farbmarkierungen wurden 32 Vögel mit Hilfe von Hell-Dunkel Geolokatoren beobachtet. Das sind kleinen Speicherelemente, die am Rücken des Vogels befestigt werden und mit Hilfe eines kleinen Lichtsensors die Tageslänge und die Zeit des Sonnenhöchststands messen und ergänzend zu den Farbringsichtungen Informationen mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung über die Bewegungsmuster der Vögel liefern. Die im Rahmen dieser Studie beringten Mönchsgrasmücken wurden im Winter von begeisterten Vogelenthusiasten beobachtet, die ehrenamtlich an Initiativen des BTO, wie „Garden BirdWatch“ teilnahmen.
Die Ergebnisse zeigten, inwieweit die Ökologie der Mönchsgrasmücken durch menschliche Aktivitäten geprägt ist. Die Bereitstellung von Vogelfutter in Gärten bei kaltem Wetter hat nicht nur zu einer evolutionären Veränderung und Entwicklung neuer Zugrouten der Mönchsgrasmücken beigetragen, sondern auch das Verhalten der Vögel in ihren Überwinterungsgebieten verändert. Im Mittelmeer überwinternde Mönchsgrasmücken fressen hauptsächlich Obst und ziehen auf der Suche nach weiteren Nahrungsquellen durch die Landschaft, sobald ihr vorhandenes Nahrungsangebot aufgebraucht ist. Im Gegensatz dazu sind Mönchsgrasmücken, die in britischen und irischen Gärten überwintern, kontinuierlich und verlässlich durch bereitgestellte Futterquellen versorgt. Infolgedessen bewegen sie sich weniger bleiben standorttreuer in ihren jeweiligen Überwinterungsgebieten.
Benjamin Van Doren von der Universität Oxford sagte: „Wir waren überrascht darüber klare Unterschiede in der Anatomie und Physiologie der Vögel festzustellen, je nachdem wie häufig sie in Gärten beobachtet wurden. So zeigten Mönchsgrasmücken, die häufig in Gärten beobachtet wurden insgesamt geringere Fettreserven, da sie verlässlich wussten, woher ihre nächste Mahlzeit kommen wird. Dieses geringere Gewicht macht sie agiler und wahrscheinlich besser in der Lage, Fressfeinden zu entkommen.“
Die Mönchsgrasmücken, die den Winter in Großbritannien und Irland verbringen können die nötigen Fettreserven schneller auffüllen und den Frühjahrszug in ihre Brutgebiete früher antreten (etwa 10 Tage vor ihren Artgenossen, die im Süden überwintern). Die Forscher fanden außerdem heraus, dass das Überwintern in Gärten auch den Körperbau beeinflussen könnten: Mönchsgrasmücken, die sich primär in Gärten aufhielten hatten längere Schnäbel und rundere Flügelspitzen, was möglicherweise mit ihrer allgemeineren Ernährung und ihrem weniger mobilen Lebensstil zusammenhängt.
Miriam Liedvogel vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie und dem Institut für Vogelforschung, sagte: „Diese Studie ist ein fantastisches Beispiel für erfolgreiche Zusammenarbeit, bei der ehrenamtliche Vogelenthusiasten die Beobachtungsdaten aus ihren Gärten liefern, anhand derer ein internationales Forschungsteams neue Erkenntnisse zum Verständnis dieser faszinierenden Zugstrategie und den Einfluss menschlicher Aktivitäten daran liefern.“
In einer Zeit, in der viele Arten damit zu kämpfen haben, sich an vom Menschen vermittelte Umweltveränderungen anzupassen, sind die Populationszahlen der Mönchsgrasmücke sehr stabil und sogar ansteigend – und die Fähigkeit dieser Art, sich schnell und erfolgreich an Veränderungen anzupassen, könnte dies erklären
Originalpublikation:
Van Doren, B.M., Conway, G.J., Phillips, R.J., Evans, G.C., Roberts, G.C.M., Liedvogel, M., Sheldon, B.C. Human activity shapes the wintering ecology of a migratory bird, Global Change Biology, 2021, doi: https://doi.org/10.1111/gcb.15597

15.04.2021, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Auf den Spuren des Wolfes: DNA-Analysen erlauben präzise Rekonstruktion der Ausbreitung des Wolfs in Deutschland
Forscher*innen am Zentrum für Wildtiergenetik der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung haben zusammen mit weiteren Kolleg*innen herausgefunden, dass Wölfe sich in Mitteleuropa auf die gleiche Weise ausbreiten, wie in dünn besiedelten Gegenden Skandinaviens oder Nordamerikas. Dies zeigt eine gerade erschienene Studie auf Basis von 1341 genetischen Proben aus dem bundesweiten genetischen Wolfsmonitoring, welche die frühe Besiedlungsphase des großen Beutegreifers in Deutschland rekonstruiert. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift „Heredity“.
Der Wolf wurde in Mitteleuropa vor mehr als 150 Jahren durch intensive Jagd ausgerottet. Durch den strengen Schutz der Art konnten sich seit dem Jahr 2000 schließlich die ersten Wolfsrudel in Nord- und Ostdeutschland ausbreiten. Aktuell sind 166 Rudel und Paare in Deutschland bekannt.
Wissenschaftler*innen am Zentrum für Wildtiergenetik der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung haben nun beschrieben, wie sich diese Ausbreitung und Wiederansiedlung im Einzelnen vollzogen hat. Zusammen mit Kolleg*innen des LUPUS-Instituts für Wolfsforschung haben sie über DNA-Analysen präzise rekonstruiert, auf welchen Wegen der Wolf zurück nach Deutschland gekommen ist. „Ausgehend von der Lausitz in der sächsisch-polnischen Grenzregion haben sich Wölfe nach einer zunächst eher zögerlichen, lokalen Vermehrung sprunghaft über lange Distanzen ausgebreitet und so innerhalb weniger Jahre neue Gebiete, wie die Lüneburger Heide besiedelt“, berichtet Anne Jarausch, die Hauptautorin der Studie, die gerade in der renommierten internationalen Fachzeitschrift Heredity erschienen ist. Diese spezielle Ausbreitungsart, das sogenannte „stratified dispersal“, ermöglicht den Rudeln eine schnelle Erschließung neuer, auch weit entfernter Gebiete. Anders als erwartet, ist die Ausbreitung des Wolfes in unserer mitteleuropäischen Kulturlandschaft nicht von Besiedlungsprozessen aus naturnahen, dünn besiedelten Gebieten Osteuropas, Skandinaviens oder Nordamerikas zu unterscheiden.
Die im Rahmen des behördlichen Wolfmonitorings der Bundesländer beauftragten DNA-Analysen zeigen ferner, dass in der noch kleinen Wolfspopulation anfangs eine Reduzierung der genetischen Vielfalt zu beobachten war. Dies lässt sich auf einen sogenannten „Flaschenhalseffekt“ zurückführen. Die ursprüngliche Besiedlung ging von wenigen Gründertieren aus Ostpolen aus. Dabei konnte nur ein Teil der genetischen Vielfalt aus der Ursprungspopulation erhalten werden. Durch die Ausbreitung und gelegentliche Zuwanderung von zumeist männlichen Wölfen aus Polen nimmt die genetische Vielfalt aber langsam zu. Trotz dieser verringerten genetischen Vielfalt wird Inzucht zwischen eng verwandten Tieren weitgehend vermieden. Nur in wenigen Fällen war Inzucht zwischen Geschwistern oder Eltern und Nachkommen nachweisbar. Auch Hybridisierungen kamen nur selten vor: Eine Verpaarung mit Haushunden wurde im Zeitraum bis zur letzten Erfassungssaison 2015/16 nur ein einziges Mal genetisch nachgewiesen.
Wann der in der Studie dargestellte fortlaufende Anstieg der Wolfspopulation endet, lässt sich nicht präzise vorhersagen. „Es könnte durchaus sein, dass Wölfe weite Teile Deutschlands besiedeln werden, da die Lebensräume für sie in vielerorts günstig sind“, meint Nachwuchswissenschaftlerin Jarausch. „Dennoch werden Wölfe immer seltene Wildtiere in unserer Landschaft bleiben“. Ihre streng territoriale Lebensweise lässt selbst in besonders gut geeigneten Lebensräumen keine hohen Besiedlungsdichten zu. In der Lausitz etwa nimmt der Bestand seit Jahren nicht mehr zu, obwohl er nicht durch den Menschen reguliert wird. „Ein Rudel ist eine Familie von meist fünf bis zehn Tieren auf einer Fläche des Stadtgebiets von Frankfurt oder Hannover – viel mehr ist bei Wölfen nicht möglich. Auch wenn es irgendwann hunderte von Wolfsrudeln in Deutschland geben sollte, die allermeisten Menschen werden das Tier in freier Wildbahn nie zu Gesicht bekommen“, resümiert Dr. Carsten Nowak, Leiter des Senckenberg Zentrums für Wildtiergenetik.
Auch zukünftig werden DNA-Analysen Auskunft über die Verbreitungsmuster der Wölfe geben. Als nationales Referenzzentrum für genetische Wolfsanalysen werden am Senckenberg-Standort im hessischen Gelnhausen jährlich bis zu 2000 genetische Wolfsnachweise anhand von Kot, Haaren, Urinspuren oder Speichelabstrichen an getöteten Beutetieren erbracht, die im Auftrag der Umweltbehörden der Bundesländer an das Senckenberg-Labor im hessischen Gelnhausen geschickt werden.
Studie: Jarausch A, Harms V, Kluth G, Reinhardt I, Nowak C: How the west was won: genetic reconstruction of rapid wolf recolonization into Germany’s anthropogenic landscapes. Heredity (2021). https://doi.org/10.1038/s41437-021-00429-6.

15.04.2021, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Invasive Arten: Waschbären und Marderhunde könnten sich in Europa noch stärker ausbreiten
Der aus Asien stammende Marderhund und der nordamerikanische Waschbär werden sich in Zukunft in Europa vermutlich noch weiter ausbreiten. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler*innen des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums und der Goethe-Universität in einer soeben im Fachjournal ‚Mammal Review‘ veröffentlichten Studie. Das Team ermittelte Gebiete in Europa, in denen ein ähnliches Klima wie in den Heimatregionen der Tiere herrscht und die deshalb von ihnen noch besiedelt werden könnten. Der Marderhund wird als potentieller Reservoirwirt von Coronaviren (u.a. SARS-CoV-2) angenommen; zudem gelten er und der Waschbär in der Europäischen Union als invasive Arten.
Sie stammen aus entgegengesetzten Regionen der Welt und haben doch etwas gemein: Der nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor) und der ursprünglich aus Asien stammende Marderhund (Nyctereutes procyonoides) kamen im Laufe des 20. Jahrhunderts als Pelzzucht- und Jagdtiere durch den Menschen nach Europa. Seitdem haben sich beide Arten stark ausgebreitet. Europaweit kommen Waschbären in 20 und Marderhunde sogar in 33 Ländern vor.
In Zukunft dürften die äußerlich ähnlichen Tiere in Europa sogar noch größere Gebiete besiedeln, wie Dr. Judith Kochmann, PostDoc am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und an der Goethe-Universität Frankfurt, herausgefunden hat. „Die Tiere leben in Europa noch nicht überall dort, wo für sie klimatische geeignete Lebensbedingungen herrschen und sie also theoretisch leben könnten. Es ist daher wahrscheinlich, dass das Verbreitungsgebiet von Waschbär und Marderhund in Europa vermutlich noch beträchtlich größer wird.“
In ihrer Studie haben Kochmann und ihr Team anhand von acht Variablen analysiert, unter welchen Temperatur- und Niederschlagsbedingungen beide Arten in ihren Heimatregionen – also Nordamerika und Asien – leben und daraus die klimatischen Nische die Tiere abgeleitet. Anschließend untersuchten sie, in welchen Gebieten in Europa die gleichen Bedingungen herrschen und ob Waschbär und Marderhund in diesen potenziellen Lebensräumen bereits gesichtet wurden. Aus diesem Vergleich leiten die Forscher*innen das zukünftige Ausbreitungspotenzial der Arten ab.
„Waschbären und Marderhund sind flexibel, was ihren Lebensraum und ihr Futter betrifft. Zudem haben sie in Europa kaum natürliche Feinde. Man nimmt an, dass ihre natürliche Ausbreitung daher nur durch das Klima begrenzt wird und genau da ist noch ‚Luft nach oben’“, so Kochmann. Die Habitate, die klimatisch für Waschbär und Marderhund geeignet sind, überlappen sich in Europa zu einem großen Teil. Während der Marderhund sich aber eher zügiger gen Skandinavien und Osten ausbreiten könnte, ist zu erwarten, dass Waschbären stärker südlichere Regionen besiedeln werden. Dieser Unterschied lässt sich vermutlich damit erklären, dass Marderhunde im Winter niedrigere Temperaturen tolerieren, so die Autor*innen der Studie.
Eine der Gefahren, die Waschbären und Marderhund in ihren neuen Verbreitungsgebieten darstellen, ist ihre Rolle als Wirt von Krankheitserregern, zum Beispiel Parasiten und Viren, die teilweise auch auf den Menschen übertragen werden können (sogenannte Zoonosen). „Waschbären übertragen den Waschbärspulwurm und gelten als Reservoirwirte für das West-Nil-Virus. Marderhunde beherbergen ähnliche Erreger, darunter Lyssaviren, die Tollwut verursachen, canine Staupeviren sowie den Fuchsbandwurm. Außerdem stehen Marderhunde aktuell im Verdacht, als Reservoirwirte für Coronaviren – u.a. SARS-CoV-2 – zu fungieren“, erklärt der Parasitologe Prof. Dr. Sven Klimpel, Goethe-Universität Frankfurt und Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. Er fügt hinzu: „Welche Erreger die Arten in Europa in sich tragen, erforschen wir aktuell in unserem Verbundprojekt ZOWIAC ‚Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren’“.
Die in der Studie vorgestellte Modellierung der potentiellen Verbreitungsgebiete von Marderhund und Waschbär soll helfen, die aus epidemiologischen Überlegungen wichtige Überwachung der Verbreitung der Tierarten zu unterstützen. Als nächstes planen die Wissenschaftler*innen deshalb, ihren Ansatz mit Landnutzungsdaten zu erweitern und damit verbesserte, kleinskaligere Modelle zu entwickeln. Diese sollen Grundlage zukünftiger Managementmaßnahmen werden, um Waschbär- und Marderhund-Populationen zu kontrollieren.
Originalpublikation:
Kochmann, J., Cunze. S. and Klimpel, S. (2021): Climatic niche comparison of raccoons (Procyon lotor) and raccoon dogs (Nyctereutes procyonoides) in their native and non-native ranges. Mammal Review, doi: 10.1111/mam.12249

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