13.04.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Klimaerwärmung verändert den Schlupfzeitpunkt von Bienen und Wespen
Ein groß angelegtes Experiment zeigt: Wärme holt Bienen und Wespen früher aus der Winterruhe – viele von ihnen haben dann schlechtere Startbedingungen. Das gilt besonders für Arten in kühleren Regionen, die im Frühling schlüpfen.
Die meisten Wildbienen überwintern als verpuppte Larven in ihren Kokons im Boden, in Holz oder an anderen geschützten Orten. Arten, die im zeitigen Frühjahr schlüpfen, überwintern als voll entwickelte Erwachsene im Kokon. Dagegen müssen Arten, die im Sommer schlüpfen, ihre Entwicklung im Frühjahr noch abschließen.
Weltweit verändert der Klimawandel den Zeitpunkt, zu dem Insekten im Frühjahr oder Sommer aus ihrer Winterruhe erwachen. Diese Verschiebungen können Folgen haben: Wenn Insekten wegen höherer Temperaturen zu früh schlüpfen, finden sie eventuell noch nicht die Blüten oder die Beutetiere, von denen sie sich ernähren. Außerdem verbrennen sie ihre lebenswichtigen Fettreserven bei höheren Temperaturen schneller. Das kann ihre Überlebenschancen und Fortpflanzungsmöglichkeiten verringern.
Insekten von 160 Standorten in Bayern untersucht
Wie steht es um die körperliche Fitness von Bienen und Wespen, wenn sich die Temperaturen rund um den Schlupfzeitpunkt verändern? Das hat ein Team um Dr. Cristina Ganuza und Professor Ingolf Steffan-Dewenter vom Biozentrum der Universität Würzburg untersucht. Dazu betrachteten die Forschenden fünf wildlebende Bienen- und Wespenarten, die in Bayern vorkommen und zu unterschiedlichen Jahreszeiten schlüpfen.
Für die Studie stellte sich das Team einer Mammutaufgabe: Es sammelte fast 15.000 in Winterruhe befindliche Individuen aus über 160 Regionen in Bayern und zog sie dann an der Uni unter kontrollierten kalten, warmen und heißen Frühjahrsbedingungen auf, um verschiedene Klimaszenarien nachzustellen.
Weibchen verlieren bis zu 34 Prozent ihrer Körpermasse
Alle fünf Arten schlüpften bei wärmeren Frühlingstemperaturen früher. Doch dabei unterschieden sich die Populationen nach ihrer klimatischen Herkunft: Frühjahrsarten aus wärmeren Regionen wie Unterfranken erschienen bei warmen Frühlingstemperaturen besonders früh und behielten in der Zeit danach mehr Körpermasse als Individuen aus kühleren Regionen wie dem Bayerischen Wald.
Im Gegensatz dazu schlüpften bei den Spätsommerarten nur die Individuen aus kühleren Regionen früher. Weibchen der Sommerarten verloren unter wärmeren Bedingungen schneller an Körpermasse – in einigen Fällen bis zu 34 Prozent.
Insekten aus kühleren Regionen, die im Frühling fliegen, haben Nachteile
„Unsere Daten zeigen, dass Insekten aus kühleren Regionen besonders anfällig für warme Frühjahre sind. Sie verlieren schneller ihre Energiereserven und haben dadurch schlechtere Startbedingungen“, sagt Dr. Cristina Ganuza. Die Erstautorin der Studie forscht am Lehrstuhl für Zoologie III (Tierökologie und Tropenbiologie) der Universität Würzburg.
Die Ergebnisse der Studie sind im Journal Functional Ecology veröffentlicht. Sie sind Teil des LandKlif-Projekts, das Professor Steffan-Dewenter im Bayerischen Klimaforschungsnetzwerk (bayklif) leitet.
Die Forschenden sehen mehrere offene Fragen, die als nächstes zu klären sind:
• Wie beeinflussen zusätzliche extreme Hitzetage das Schlüpfen?
• Welche Folgen haben die Energiereserven der Insekten für deren Bestäubungsleistungen?
• Wie schnell können sich Populationen an veränderte Temperaturen anpassen?
Originalpublikation:
Climatic origin and plasticity shape emergence timing and fitness in bees and wasps under experimental climate regimes. Functional Ecology, 13. April 2026, DOI 10.1111/1365-2435.70309
13.04.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Europas Natur im Rampenlicht: Einreichphase für die European Wildlife Film Awards 2027 beginnt
Das kurze, turbulente Leben eines Tintenfischweibchens vor der Küste der Bretagne, das Hochzeitsritual der Teufelsrochen im Mittelmeer oder ein majestätischer Mönchsgeier über den Bergen der Extremadura: Das Kino der Wildtiere in der Hamburger HafenCity bringt spektakuläre Einsichten in das geheime Leben der Tiere auf die Leinwand. Jetzt gehen die European Wildlife Film Awards (EWFA) – Europas höchstdotierter Naturfilmwettbewerb – in ihre dritte Runde.
Vom 15. April bis zum 1. Juni 2026 können Filmschaffende ihre aktuellen Produktionen für die EWFA über das Portal FilmFreeway einreichen. Die Preise werden in sechs Kategorien ausgelobt. Als Hauptstifterin vergibt die Deutsche Wildtier Stiftung zwei Preise: Die Kategorie „Tierwelt“ ist mit 15.000 Euro dotiert, die Kategorie „Naturschutz“ mit 10.000 Euro. Ebenfalls mit 10.000 Euro prämiert der Preisstifter GARBE Urban Real Estate Filmproduktionen zum Thema „Biodiversität“. Die POPULAR GmbH honoriert den besten Film in der Kategorie „Story“ mit einem Preisgeld von 5.000 Euro. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) stiftet den mit 5.000 Euro dotierten „Publikumspreis“. 2.500 Euro gibt es für den besten Streifen in der Kategorie „Kurzfilm“, gestiftet von der Frankonia Handels GmbH & Co. KG. Schirmherrin der EWFA ist Hamburgs Zweite Bürgermeisterin und Umweltsenatorin Katharina Fegebank.
Mit den European Wildlife Film Awards möchte die Deutsche Wildtier Stiftung ein großes Publikum für herausragende Natur- und Wildtierfilme begeistern. „Naturfilme entführen uns in unbekannte Welten direkt vor unserer Haustür oder an unzugänglichen Orten. Sie machen die Magie der Wildnis sichtbar, zeigen aber auch, wie schutzbedürftig Umwelt und Biodiversität sind“, sagt Sylvi Hoschke, Projektmanagerin der EWFA.
Die feierliche Preisverleihung der kommenden Wettbewerbsrunde findet am 6. Februar 2027 in Hamburg statt. Interessierte Filmemacher und Produzenten erhalten alle Informationen zur Einreichung und die Teilnahmebedingungen unter: www.EuropeanWildlifeFilmAwards.eu/de/wettbewerb-2027.
Naturfilmfans können die tierischen Hauptdarsteller der EWFA zudem am regelmäßigen Naturfilm-Mittwoch im Kino der Wildtiere in Hamburg erleben. Das Programm gibt es hier: www.BotschaftderWildtiere.de/Kino.
15.04.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Dürre macht Hummeln schwer zu schaffen
Dürre mindert den Fortpflanzungserfolg von Hummelvölkern erheblich. Das zeigt eine neue Studie eines Forschungsteams der Universität Würzburg. Das hat auch Konsequenzen für die Bestäubung von Pflanzen.
Wie hat sich das Dürrejahr 2022 in Unter- und Oberfranken auf eine bestimmte Hummelart ausgewirkt? Welche Unterschiede zeigen sich zu dem klimatisch durchschnittlichen Jahr 2024? Diesen Fragen ist ein Forschungsteam des Lehrstuhls für Tierökologie und Tropenbiologie (Zoologie 3) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) nachgegangen. Seine Ergebnisse zeigen, dass Dürrejahre die Kolonieentwicklung deutlich beeinträchtigen: Sowohl Lebensdauer als auch Koloniegewicht und die Produktion von Königinnen und Männchen sind dann stark reduziert.
„Unsere Arbeit ist die erste Studie, die einen negativen Effekt von Dürren auf die Reproduktion von Hummeln feststellen konnte“, beschreibt Erstautor Hanno Korten das zentrale Ergebnis. Klassischerweise konzentrieren sich Studien mit Hummelkolonien auf die Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris); in diesem Fall hat das Team jedoch die Auswirkungen von Dürrejahren auf die Ackerhummel (Bombus pascuorum) unter die Lupe genommen.
Ein wichtiger Indikator für den Zustand der Biodiversität
Diese langrüsselige Art zählt zu den sogenannten „Pocket-Makern“. Sie lagern Blütenpollen in speziellen Taschen am Nest, aus denen sich die Larven eigenständig versorgen. Diese Biologie macht sie anfälliger als Arten, deren Larven direkt von erwachsenen Tieren gefüttert werden. In Bayern gehören 82 Prozent der gefährdeten Hummelarten zu dieser Gruppe langrüsseliger Hummeln, was die Ackerhummel zu einem wichtigen Indikator für den Zustand der Biodiversität macht.
Im Rahmen der Studie haben Hanno Korten und der Lehrstuhlinhaber Ingolf Steffan-Dewenter an insgesamt 25 Standorten in Ober- und Unterfranken den Zustand der Hummelkolonien erfasst und dabei das Dürrejahr 2022 mit dem Jahr 2024 verglichen. Die Ergebnisse haben sie jetzt in der Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences“ veröffentlicht.
Hummelvölker verlieren dramatisch an Gewicht
Als zentraler Maßstab für die Fitness und die Anzahl der verfügbaren Arbeitskräfte gilt in der Ökologie das maximale Gewicht einer Kolonie. Ein geringes Koloniegewicht bedeutet weniger Individuen für die Nahrungssuche, was die Bestäubungsleistung im Umfeld direkt reduziert, da weniger Blüten in vergleichbaren Zeiträumen besucht werden können.
„Unsere Untersuchung zeigt eine deutliche Differenz zwischen den beiden Jahren: Ungefütterte Völker erreichten im Dürrejahr ein Durchschnittsgewicht von lediglich etwa 14 Gramm, während sie im Normaljahr auf rund 140 Gramm anwuchsen“, sagt Hanno Korten. Dies entspricht einem zehnfachen Anstieg beziehungsweise einem Zuwachs von über 900 Prozent unter günstigen klimatischen Bedingungen.
Eine zusätzliche Zufütterung mit Zuckerwasser steigerte das Gewicht im Dürrejahr zwar auf das Fünffache gegenüber nicht gefütterten Völkern, konnte die Defizite im Vergleich zu einem Normaljahr jedoch bei weitem nicht ausgleichen. „Die Belastung durch Trockenheit ist offensichtlich so hoch, dass reine Kohlenhydratgaben die Vitalität der Staaten nur bedingt stabilisieren können“, sagt Korten. Wenn Kolonien derart geschwächt sind, sinkt ihre tägliche Arbeitsleistung, was die Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen unmittelbar beeinträchtigt.
Anzahl an Königinnen geht deutlich zurück
Dieser Gewichtsverlust ist jedoch nur die Vorstufe für ein weit gravierenderes Problem: den fast vollständigen Ausfall der Folgegeneration. „Die langfristige Stabilität einer Population hängt von der Produktion neuer Königinnen ab, die als einzige Individuen den Winter überleben und im Folgejahr neue Staaten gründen“, erklärt Ingolf Steffan-Dewenter. Wenn keine Geschlechtstiere für die nächste Saison nachkommen, sei „ein Überleben des Volkes im Sommer zwar ein Beitrag zur Bestäubung, für den Erhalt der Population aber wertlos“.
Die Studie dokumentiert eine signifikante Verringerung der Reproduktionsraten: Während im Dürrejahr lediglich 45 Prozent der Völker Nachkommen produzierten, waren es im Normaljahr 91 Prozent. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Anzahl der neuen Königinnen. Bei nicht gefütterten Völkern stieg deren Zahl von durchschnittlich nur 0,4 im Dürrejahr auf 13,5 im Normaljahr – ein Anstieg auf das mehr als 30-Fache.
Die Forschenden identifizierten dabei den Pollenmangel als den entscheidenden Flaschenhals. Während die Gabe von Zuckerwasser als Nektarersatz die Produktion von Männchen begünstigte, hatte sie keinen signifikanten Einfluss auf die Zahl der produzierten Königinnen. Da Pollen die notwendige Proteinquelle für die Larvenentwicklung darstellt, führt sein Fehlen während einer Dürre zu einem fast vollständigen Ausfall des weiblichen Nachwuchses. Für die Population bedeutet dies ein erhebliches Risiko: Bleiben die Königinnen aus, steigt das Risiko für ein lokales Aussterben im Folgejahr. Dies bedroht die Bestäubungssicherheit und damit auch die Erträge in der Landwirtschaft sowie die Vielfalt der Wildpflanzen.
Gezielte Maßnahmen in der Landschaftsplanung gefordert
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass selbst ökologisch hochwertige Habitate wie Kalkmagerrasen in Dürrezeiten kein ausreichendes Refugium bieten, wenn kein aktives Naturschutzmanagement eingreift. Um die Resilienz der Bestäuber gegenüber Extremwetterereignissen zu erhöhen, sind gezielte Maßnahmen in der Landschaftsplanung erforderlich, so die Forschenden.
Eine zentrale Strategie ist die Förderung von schattenspendenden Bäumen in ansonsten offenen Habitaten, um kühlere Flächen zu schaffen. Ebenso wichtig sei die Wiederherstellung von Feuchtgebieten und die Umsetzung von Maßnahmen, die das Rückhaltevermögen von Wasser im Boden großflächig verbessern. In der Agrarlandschaft sollte der Fokus verstärkt auf die Anpflanzung trockenresistenter, sommerblühender Pflanzen gelegt werden, um das Nahrungsangebot auch in Trockenperioden lückenlos aufrechtzuerhalten.
Originalpublikation:
Drought events reduce reproductive success of a long-tongued bumblebee species. Korten H, Steffan-Dewenter I. 2026. Proc. R. Soc. B 293: 20253056. https://doi.org/10.1098/rspb.2025.3056
16.04.2026, Universität Regensburg
Sexualpheromon eines sandkorngroßen Insekts entschlüsselt
Parasitäre Wespen reagieren auf extrem kleine Duftmengen
Parasitische Wespen der Gattung Trichogramma gehören zu den kleinsten Insekten der Welt – dennoch spielen sie eine wichtige Rolle in natürlichen Ökosystemen und Agrarlandschaften als natürliche Gegenspieler von Schädlingen. Forschungsteams der Universitäten Regensburg, Wageningen und Groningen haben nun erstmals das Sexualpheromon einer Trichogramma-Wespe identifiziert. Die Studie zeigt, dass unvorstellbar kleine Mengen des weiblichen Pheromons ausreichen, um Männchen anzulocken und ihr Balzverhalten auszulösen.
Die Weibchen von Trichogramma turkestanica, die nur etwa 0,4 Millimeter lang sind, parasitieren die Eier verschiedener Kleinschmetterlinge. Ihre Larven entwickeln sich im Inneren dieser Eier und töten schließlich den Wirt. Aufgrund dieser Lebensweise werden die Wespen weltweit in großer Zahl gezüchtet und als Nützlinge zur biologischen Bekämpfung von Insektenschädlingen eingesetzt.
Schon lange ist bekannt, dass Trichogramma-Wespen Sexualpheromone nutzen, um Paarungspartner zu finden. Die chemische Identifizierung dieser Signale erwies sich jedoch als äußerst schwierig, da die Insekten nur winzige Mengen davon produzieren. Dennoch gelang es dem Team in Wageningen, zwei Verbindungen zu isolieren, die ausschließlich von Weibchen produziert werden. „Für die Strukturaufklärung standen nur wenige Nanogramm jeder Verbindung zur Verfügung, und ihre komplexe Stereochemie stellte eine zusätzliche Herausforderung dar“, erklärt Teris van Beek, Leiter des Wageninger Forschungsteams.
Nach vielen Jahren Forschung wurden die beiden Moleküle schließlich von der Arbeitsgruppe um Adriaan Minnaard in Groningen synthetisiert. Ob sie tatsächlich biologisch aktiv sind, blieb zunächst unklar – bis zu den jüngsten Verhaltensversuchen der Regensburger Forschenden. „Zum ersten Mal unter dem Mikroskop zu sehen, wie Männchen von der Größe eines Sandkorns gezielt auf das Pheromon zulaufen und eine Art Balztanz aufführen, war ein echter Gänsehautmoment“, sagt Joachim Ruther, Leiter des Regensburger Forschungsteams.
Besonders bemerkenswert ist die außergewöhnliche Wirksamkeit des Lockstoffs: Bereits etwa 600 Attogramm (6 × 10⁻¹⁶ Gramm) genügten, um die Verhaltensreaktion der Männchen auszulösen – eine nahezu unvorstellbar kleine Menge.
Zum Vergleich: Würde man einen einzigen Zuckerwürfel im gesamten Wasser des Genfer Sees auflösen, entspräche die Zuckermenge in einem großen Esslöffel dieses Wassers ungefähr der Pheromondosis, auf welche die Trichogramma-Männchen noch reagieren.
Langfristig könnte das Sexualpheromon in der biologischen Schädlingsbekämpfung genutzt werden, um das Vorkommen dieser Nützlinge in Agrarlandschaften zu überwachen. Zunächst muss jedoch gezeigt werden, dass das Pheromon Männchen auch unter natürlichen Feldbedingungen zuverlässig anlockt.
Die Ergebnisse der Studie wurden in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Originalpublikation:
van Beek, T, Kaniraj, J.P., Dornbusch, A., Smid, H.M., Houtman, M., Czak, K., Beijleveld, H., Silva, I.M.M.S., Posthumus, M.A.1, van Loon, J.J.A. Fatouros, N.E., Francke, W. Minnaard, A.J. & Ruther, J. (2026) Absolute configuration, improved synthesis and femtogram-level behavioral activity of the sex pheromone of the minute parasitoid wasp Trichogramma turkestanica. Scientific Reports
https://doi.org/10.1038/s41598-026-46414-z
16.04.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Forschende entdecken neuen Langhalssaurier in Patagonien
Ein deutsch-argentinisches Paläontologen-Team um den SNSB-Dinosaurierexperten Oliver Rauhut entdeckt einen neuen Langhalssaurier, Bicharracosaurus dionidei, aus der oberen Jurazeit Argentiniens, ca. 155 Millionen Jahre alt. Langhals-Funde aus dem Jura der Südhalbkugel der Erde sind selten, das neue Fossil trägt daher zum besseren Verständnis der Evolution dieser riesigen Pflanzenfresser auf den südlichen Kontinenten bei. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forschenden nun in der Fachzeitschrift PeerJ.
Mit ihren massigen Körpern, langen Hälsen und Schwänzen und winzigen Köpfen entsprechen Langhalssaurier (Sauropoden) für viele Menschen dem Bild des typischen Dinosauriers. Zu den Sauropoden gehören die größten bekannten Landtiere überhaupt, mit einer Körperlänge von bis zu 40 Metern, bekannteste Vertreter sind Diplodocus oder Brachiosaurus.
Der neue Langhals-Dinosaurier aus dem südlichen Argentinien ist nicht ganz so groß: Die Forschenden schätzen die Länge des Bicharracosaurus dionidei auf rund 20 Meter. Geborgen wurden Teile seiner Wirbelsäule, mit über 30 Hals-, Rücken- und Schwanzwirbeln, mehrere Rippen sowie ein Bruchstück des Beckenknochens. Die Struktur der Knochen zeigt, dass die Überreste zu einem erwachsenen Tier gehören, welches vor rund 155 Millionen Jahren auf dem südlichen Kontinent Gondwana lebte. Das Fossil ist in vielerlei Hinsicht für die Forschenden interessant: Es vereint einen Mix an Merkmalen, nämlich aus Brachiosauriden und Diplodociden. So zeigen einige Skelettteile von Bicharracosaurus Ähnlichkeiten mit dem afrikanischen Giraffatitan, einem Brachiosauriden aus Tansania. Andere Merkmale, insbesondere an seinen Rückenwirbeln, ähneln dagegen Diplodocus und seinen nächsten Verwandten aus Nordamerika.
„Unsere stammesgeschichtlichen Analysen des Skeletts weisen darauf hin, dass Bicharracosaurus dionidei verwandt war mit den Brachiosauriden – das wären die ersten Brachiosauriden aus dem Jura Südamerikas“, sagt LMU-Doktorandin Alexandra Reutter, Erstautorin der Studie. Die Paläontologin analysierte die Überreste des neuen Sauriers im Rahmen ihrer Doktorarbeit.
„Unser Wissen über die Evolution der Sauropoden der oberen Jurazeit beruht bisher ganz überwiegend auf vielen Fossilfunden aus Nordamerika und anderen Fundstellen auf der nördlichen Halbkugel. Auf den südlichen Kontinenten gab es lange Zeit nur eine einzige bedeutende Fundstelle in Tansania. Die Fossilfundstelle in der argentinischen Provinz Chubut, aus der Bicharracosaurus dionidei stammt, liefert uns wichtiges Vergleichsmaterial, damit wir unser Bild von der Entwicklungsgeschichte dieser Tiere insbesondere auf der Südhalbkugel laufend ergänzen und neu bewerten können“, sagt Studienleiter und Saurierexperte Prof. Oliver Rauhut von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB).
Die ersten Überreste von Bicharracosaurus dionidei entdeckte der Schafhirte Dionide Mesa auf seiner Farm – ihm zu Ehren wählten die Forschenden den Artnamen des neuen Dinosauriers. Der Gattungsname leitet sich ab von „bicharraco“, was im Spanischen umgangssprachlich „großes Tier“ bedeutet. Das Fossil stammt aus der Cañadón-Calcáreo-Gesteinsformation in der patagonischen Provinz Chubut, es wird aufbewahrt im Museo Paleontológico Egidio Feruglio in Trelew, Argentinien.
Originalpublikation:
Reutter A, Carballido JL, Windholz GJ, Pol D, Rauhut OWM. 2026. Bicharracosaurus dionidei, gen. et sp. nov., a new macronarian (Dinosauria, Sauropoda) from the Late Jurassic Cañadón Calcáreo Formation of Argentina and the problematic early evolution of macronarians. PeerJ 14:e20945 http://doi.org/10.7717/peerj.20945

