John Henry Patterson: Die Menschenfresser von Tsavo

Der erste der beiden Menschenfresser-Löwen von Tsavo, erlegt von Patterson, 1898

Der erste der beiden Menschenfresser-Löwen von Tsavo, erlegt von Patterson, 1898

John Henry Patterson trat im Alter von 17 Jahren in die britische Armee ein, war unter anderem in Indien stationiert, stieg schnell auf und erreichte schließlich den Rang eines Oberstleutnants. 1898 wurde er durch die British East Africa Company beauftragt, den Bau einer Eisenbahnbrücke über dem Fluss Tsavo zu beaufsichtigen, und kam im März desselben Jahres in Afrika an.
Kurz nach seiner Ankunft begannen die Angriffe zweier Löwen auf die Arbeiter; die Tiere zogen ihre Opfer nachts aus den Zelten und schleppten sie davon. Trotz Barrikaden aus Dornensperren (Bomas) um das Lager, nächtlichen Feuern und strengen Sperrstunden steigerten sich die Angriffe so weit, dass der Brückenbau wegen der Angst der Arbeiter schließlich zum Erliegen kam.
Neben den offensichtlichen finanziellen Konsequenzen der Arbeitsniederlegung wurde auch Pattersons Autorität von den abergläubischen und in zunehmendem Maße feindseligen Arbeitern in Frage gestellt. Die Arbeiter waren überzeugt, dass die Löwen böse Geister seien und gekommen waren, um jene zu bestrafen, die am Tsavo beim Brückenbau arbeiteten, und dass Patterson die Ursache des Unglücks sei, weil die Angriffe mit seiner Ankunft begonnen hatten.
Das menschenfressende Verhalten galt als in hohem Maße ungewöhnlich für Löwen. Für die meisten der kolportierten 135 Todesfälle liegen keine Unterlagen vor, die Bahnaufzeichnungen ordnen offiziell nur 28 Todesfälle den Löwenangriffen zu; es wird aber auch berichtet, dass eine bedeutende Anzahl von Einheimischen getötet wurden, über die keine genauen Aufzeichnungen gemacht wurden. Heute gehen Forscher nach Analysen von Knochenmaterial der beiden Löwen von etwa 35 Opfern aus. Während verschiedene Theorien vorgebracht wurden, um das Verhalten der Löwen zu erklären (schlechte Gesundheit der Zähne, Mangel an natürlichen Beutetieren usw.), wird heute auch vermutet, es könnte hauptsächlich an der mangelnden Beerdigungspraxis für tote Arbeiter in Tsavo gelegen haben: Eine beträchtliche Anzahl Arbeiter erlagen Krankheiten oder Verletzungen, es gab auch eine Sklavenroute, die durch das Gebiet führte. So wurde Colonel Patterson berichtet, dass Leichenteile unbeerdigt blieben oder Gräber nicht sachgemäß ausgehoben wurden. Es wurde vermutet, dass die Löwen sich diesem leicht verfügbaren Versorgungsmaterial anpassten und schließlich Menschen als ihre primäre Nahrungsmittelquelle betrachteten. Neuere Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass die Gebisse der Tiere krank und stark geschädigt waren. Es ist daher anzunehmen, dass sie Menschen jagten, weil sie ihre natürliche Beute wegen des zäheren Fleisches nicht mehr zerlegen konnten.
Mit der Erfahrung als Tiger­jäger, die Patterson sich während seines militärischen Einsatzes in Indien erworben hatte, stellte er sich der bedrohlichen Situation. Nach unzähligen Versuchen, die Löwen zur Strecke zu bringen, tötete er schließlich den ersten von ihnen in der Nacht vom 9. auf den 10. Dezember 1898 und den zweiten am Morgen des 29. Dezember. Die Löwen entstammten einer mähnenlosen Unterart, die im Tsavogebiet lebte; beide Exemplare waren außergewöhnlich groß. Jeder Löwe war von der Nase bis zum Schwanzende über 2,70 Meter lang und es erforderte acht Männer, sie zum Lager zu schleppen. 1924 verkaufte Patterson die beiden ausgestopften Tiere für 5000 Dollar an das Field Museum of Natural History in Chicago.

Die Ereignisse um die Menschenfresser wurden in mehreren Filmen verarbeitet:
Bwana Devil (3D) (1953)
Killers of Kilimanjaro (1959)
Der Geist und die Dunkelheit (1996)
Prey (2007)

Die Menschenfresser von Tsavo wurde 2017 von Maria Weber übersetzt. Das Buch beschwört eine vergangene Zeit heraus uns schildert spannend die Erlebnisse von Patterson aus seiner Sicht.
Neben der Jagd auf die Löwen besticht das Buch durch die Schilderungen der Landschaft und der Leute, so dass man sich tatsächlich in ein Kenia der Jahrhundertwende versetzt fühlt.
Schwarzweißbilder unterstützen den Text.
Eine wahre Abenteuergeschichte, wie man sie heute kaum mehr zu lesen bekommt.
Präparate der Menschenfresser von Tsavo kann man im Field Museum of Natural History in Chicago sehen.

Ich habe zwar eine weitere (ältere) Übersetzung des Buchs (Originaltitel: The Man-Eaters of Tsavo) gefunden, kann aber keine Vergleiche der Übersetzungen anstellen, da ich dieses Buch nicht besitze/Kenne.
Die bei BoD erschienene Ausgabe wurde mir freundlicherweise von Maria Weber zur Verfügung gestellt (siehe hier)

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