H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau/Maurice Renard: Der Doktor Lerne (Rezension)

Die Insel des Dr. Moreau dürfte (neben DIE ZEITMASCHINE und KRIEG DER WELTEN) zu den bekanntesten Werken von H. G. Wells gehören.
Der Privatier Edward Prendick erleidet 1887 im Südpazifik Schiffbruch. Als einziger überlebender Insasse eines kleinen Rettungsboots wird er von dem Arzt Montgomery vor dem Tod bewahrt. Dieser ist an Bord des Schoners Ipecacuanha mit einer Ladung Tiere unterwegs zu einer einsamen Insel, wo er unter der Leitung des Biologen Moreau eine „biologische Station“ betreibt. Als die Insel erreicht ist, setzt der Kapitän des Schoners Prendick erneut auf dem Meer aus. Moreau erklärt zunächst, niemanden auf der Insel aufnehmen zu können, lässt sich aber schließlich doch dazu bewegen, Prendick zu retten und auf der Insel aufzunehmen.
Moreau könnte man als klassischen wahnsinnigen Wissenschaftler bezeichnen, wie sie gerne in ScienceFiction- und Horrorromanen verwendet werden (und meine eigene Erfahrung zeigt, dass der stereotype wahnsinnige Wissenschaftler gar nicht so weit von der Realität entfernt ist … gäbe es die menschlichen Gesetze und die der Natur nicht, wer weiß, was die Wissenschaft alles versuchen würde …). Pendrick erkennt schnell, dass auf der Insel merkwürdige Dinge vor sich gehen, auch wenn sein erster Verdacht nicht den Tatsachen entspricht. Moreau will nicht aus Menschen Tiere machen, es ist eher umgekehrt. Und er ist ziemlich erfolgreich, können diese Tiermenschen doch bis zu einem gewissen Grad auch die menschliche Sprache sprechen. Die Tiermenschen haben ihre eigene Gesellschaft und müssen sich an gewisse Gesetze halten.
Eines der Gesetze verbietet den Verzehr von Fleisch und die Tötung von Lebewesen. Als ein getötetes Kaninchen gefunden wird, startet Moreau eine Strafexpedition ins Dorf des Tiervolks; Prendick erschießt schließlich einen „Leopardenmenschen“, der offenbar die Tat verübt hat. Eines Tages flieht eines der Versuchsobjekte aus dem Labor. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd wird Moreaus Assistent Montgomery von mehreren Tiermenschen bedroht und tötet sie. Schließlich finden Montgomery und Prendick die Leiche Moreaus – er ist Opfer seiner eigenen Schöpfung geworden. Auch Montgomery findet den Tod während Pendrick nach einiger Zeit, die er unter den Tiermenschen verbrachte, wieder in die Zivilisation zurückkehren konnte.
Manche Klassiker kann man immer wieder lesen. Neben den Werken von Jules Verne gehören dazu auch die Romane von H. G. Wells. Wells schreibt spannend und packend, zwar aus menschlicher Sicht, aber die Tiermenschen werden nicht als bloße Monster dargestellt.
Mehrmals wurde der Roman verfilmt, aber (natürlich) kommt keine dieser Verfilmungen an das Buch heran. Freunde von klassischer ScienceFiction werden ihre Freude daran haben, zumal Aspekte des Romans auch heute noch in vielen Romanen und Filmen Einzug gehalten haben.

Die Insel des Dr. Moreau erschien erstmals 1886. 1906 erschien der Roman Der Doktor Lerne des Franzosen Maurice Renard. Ich bin davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine andere Sichtweise der Geschehnisse des Wells-Romans handelte, aber „Die Insel des Dr Moreau“ diente nur als Inspiration für das vollkommen eigenständige Werk. Der Doktor Lerne ist dabei in meinen Augen noch ein bisschen wahnsinniger/verrückter, als sein Vorbild.
Auch in diesem Roman wird ein unschuldiger/unbedarfter junger Mann in die Geschehnisse involviert. Der Schauplatz ist ein anderer und auch die wissenschaftliche Experimente zielen in eine ganz andere Richtung. Der Doktor Lerne (wobei ich auch erst beim Lesen erfuhr, dass es sich um einen Namen handelt und der Roman nicht Der Doktor lerne heißt) versucht sich eher am Austausch von Seelen und ist dabei auch (auf erschreckende Art und Weise) mehr oder weniger erfolgreich.
Die Urheberrechtsfrei Fassung liest sich etwas ungewohnt, da es sich um eine ältere Übersetzung handelt. Man braucht einige Zeit, um mit der Sprache zurecht zu kommen. Die Geschichte beginnt ganz nett und wird erst gegen Ende wirklich spannend. Man darf sich auch gerne von allen wissenschaftlichen Erkenntnissen verabschieden, denn in vielen Belangen ist der Roman tatsächlich als fantastisch zu bezeichnen und weiß den Leser immer wieder aufs Neue zu überraschen.
Wenn man sich auf die ungewohnte Sprache einlässt, bekommt man einen ungewöhnlichen (nicht nur für seine Zeit) ScienceFiction/Horrorroman zu Lesen bekommen.
Mit Dr. Moreau hat das Ganze gar nichts zu tun und Maurice Renard ist weniger bekannt als H. G. Wells (oder Jules Verne). Vielleicht zu unrecht.

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