Eine faszinierende Expedition in den Untergrund
Der Boden ist die verborgene Lebensader unseres Planeten – und eines seiner letzten großen Rätsel. Der Ökologe Frank Ashwood nimmt uns mit zu außergewöhnlichen Schauplätzen – von den chinesischen Schwarzerdeablagerungen über das grönländische Eisschild bis zu den Urwäldern Neuseelands – und legt dabei eine Bodenschicht nach der anderen frei. Wir erkunden die Wunderkammern der winzigen Erdreichbewohner und erfahren, wie dort Dünger für unser Getreide erzeugt, gewaltige Mengen Kohlenstoff gebunden oder Wasser gespeichert und gefiltert wird. Ashwoods spektakuläre Nahaufnahmen machen die kleinsten Wesen sichtbar. Oft heißt es, um das Staunen über die Welt zu lernen, müssten wir nach oben zu den Sternen blicken. Aber vielleicht sollten wir lieber nach unten schauen?
Wir laufen jeden Tag über ihn, bauen unsere Nahrung auf ihm an und sind letztlich vollständig von ihm abhängig – und trotzdem ignorieren wir den Boden unter unseren Füßen meistens. Wenn er betoniert oder gepflastert ist scheint alles gut, aber pure Erde … da leben wahre Monster. Ohne Beine, sechs, acht, tausend … So mag man glauben wider besseren Wissens. Frank Ashwood widmet sich in DIE WELT UNTER UNSEREN FÜSSEN genau diesem weitgehend verborgenen Lebensraum. Herausgekommen ist ein ebenso unterhaltsames wie lehrreiches populärwissenschaftliches Sachbuch, das einen erstaunlich neuen Blick auf etwas scheinbar Alltägliches eröffnet.
Ashwood betrachtet den Boden nicht einfach als Erde, sondern als das was er darstellt; Ein gewaltiges und komplexes Ökosystem. Unter unseren Füßen existiert eine Welt aus Wurzeln, Pilzen, Mikroorganismen und zahllosen wirbellosen Tieren. Regenwürmer, Milben, Springschwänze und viele weniger bekannte Bodenbewohner werden dabei zu den eigentlichen Protagonisten des Buches. Ashwood bietet kein schwer verständliches Sachbuch, er mischt Forschung mit eigenen Erlebnissen, macht Forschungsarbeiten greifbar und lässt mit jedem Satz spüren, wie sehr er selbst sich in seinem Element bewegt. Dass Boden nicht gleich Boden ist zeigt er bei seinen kleinen Einblicken in seine Forschungsreisem, die von den Schwarzerdeböden Chinas, unter das grönländische Eis, in die Wälder Neuseelands bis in den Schwarzwald (wo man ein echtes Monster sehen könnte, wenn man darauf achtet: Den Badischen Riesenregenwurm, ein Regenwurm, der es auf eine stattliche Länge von 60 cm bringt). Er zeigt die vielfältigen Lebensgemeinschaften im Boden, die nur wenigen bekannt sein dürften, selbst wenn es sich um heimische Arten (wie den Badischen Riesenregenwurm) handelt.
Ashwood gelingt perfekt eine gute Balance zwischen wissenschaftlicher Information und verständlicher Vermittlung. Ökologische Zusammenhänge werden erklärt, ohne dass der Leser bereits über umfangreiche Kenntnisse der Bodenkunde verfügen muss. Gleichzeitig bleibt genügend wissenschaftliche Substanz vorhanden, damit das Buch auch für naturkundlich interessierte Leser interessant ist.
Gerade die enorme Vielfalt der Bodenorganismen gehört zu den spannendsten Aspekten des Buches. Der Boden erscheint nach der Lektüre nicht mehr als leblose braune Masse, sondern als dreidimensionaler Lebensraum voller Nahrungsketten, Konkurrenz, Symbiosen und biologischer Kreisläufe. Ashwood schafft es damit, den Blick auf eine Form von Biodiversität zu richten, die gegenüber spektakulären Großtieren oder tropischen Regenwäldern häufig übersehen wird. Wobei ich mich frage warum man aus Stummelfüßer Samtwürmer machen muss. Im Englischen werden sie tatsächlich so genannt (Velvet worms), aber meines Wissens ist der Name im Deutschen nicht etabliert … im Gegensatz zu Stummelfüßer … auch wenn das Tiere sind, die eher weniger bekannt sind. Aber … auch eine Übersetzerin sollte ein bisschen Ahnung von dem haben was sie übersetzt. Das nur am Rande erwähnt… zurück zu Stummelfüßern, Regenwürmen und co.
Gelegentlich führt die Fülle an Informationen dazu, dass einzelne Themen relativ schnell aufeinanderfolgen. Wer sich besonders für bestimmte Tiergruppen oder einzelne ökologische Prozesse interessiert, hätte sich an manchen Stellen vielleicht noch mehr Vertiefung gewünscht. Das ist jedoch eher eine Folge der großen thematischen Bandbreite als eine wirkliche Schwäche.
Ashwood zeigt die Wichtigkeit des Bodens nicht über Katastrophen. Er versucht es mit Liebe und einer Begeisterung, die ansteckend ist.
Natürlich spielen Bodenverlust, intensive Landwirtschaft und Klimawandel eine Rolle. Im Mittelpunkt steht aber zunächst das Staunen über die Funktionsweise dieses Ökosystems. Gerade dadurch wird verständlich, warum der Schutz gesunder Böden überhaupt wichtig ist.
Wer denkt das Boden langweilig und leblos ist, sollte zwei Dinge tun: Dieses Buch lesen und selbst nachsehen was sich unter dem nächsten Stein befindet.
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(Rezensionsexemplar)

