Die Tüpfelhyäne in Brehms Tierleben

Tüpfelhyäne (Brehms Tierleben)

Die Tüpfel- oder gefleckte Hiäne, Tigerwolf der Kapländer (Hyaena crocuta, Canis crocutus, Hyaena capensis und maculata, Crocuta maculata), unterscheidet sich durch ihren kräftigen Körperbau und den gefleckten Pelz von der viel häufiger als sie zu uns kommenden Streifenhiäne und dem einfarbigen Strandwolfe. Auf weißlich grauem, etwas mehr oder weniger ins Fahlgelbe ziehendem Grunde stehen an den Seiten und an den Schenkeln braune Flecken. Der Kopf ist braun, auf den Wangen und auf dem Scheitel röthlich, die Standarte braun geringelt und ihre Blume schwarz; die Branken sind weißlich. Diese Färbung ändert nicht unbedeutend ab: man findet bald dunklere, bald hellere. Die Leibeslänge des Thieres beträgt etwa 1,3 Meter, ihre Höhe am Widerriste ungefähr 80 Centim.

Die Tüpfelhiäne bewohnt das südliche und östliche Afrika vom Vorgebirge der guten Hoffnung an bis zum 17. Grade nördlicher Breite und verdrängt, wo sie häufig vorkommt, die Streifenhiäne fast gänzlich. In Abessinien und Ostsudân lebt sie mit dieser an gleichen Orten, wird aber nach Süden hin immer häufiger und schließlich die einzig vorkommende. In Abessinien ist sie gemein und steigt in den Gebirgen sogar bis 4000 Meter über die Meereshöhe hinauf. Ihre ganze Lebensweise ähnelt der ihrer Verwandten; sie wird aber ihrer Größe und Stärke halber weit mehr gefürchtet als diese und wohl deshalb auch hauptsächlich als unheilvolles, verzaubertes Wesen betrachtet. Die Araber nennen sie Marafíl. Viele Beobachter versichern einstimmig, daß sie wirklich Menschen angreife, namentlich über Schlafende und Ermattete herfalle. Dasselbe behaupten, wie wir von Rüppell erfahren, die Abessinier. »Die gefleckten Hiänen«, sagt genannter Forscher, »sind von Natur sehr feige, haben aber, wenn sie der Hunger quält, eine unglaubliche Kühnheit. Sie besuchen dann selbst zur Tageszeit die Häuser und schleppen kleine Kinder fort, wogegen sie jedoch nie einen erwachsenen Menschen angreifen. Oft wissen sie, wenn abends die Herde heimkehrt, eines der letzten Schafe derselben durch einen Sprung zu erhaschen, und meist gelingt es ihnen, trotz der Verfolgung der Hirten, ihre Beute fortzuschleppen. Hunde werden hier nicht gehalten. Die Einwohner fingen für uns mehrere große Hiänen lebendig in Gruben, die in einem von Dornbüschen umgebenen Gange angebracht werden, an dessen Ende eine nach ihrer Mutter blökende Ziege angebunden wird. Man muß sie möglichst bald tödten, weil sie sich sonst einen Ausweg aus dem Gefängnisse wühlen.« Ich habe die Tüpfelhiäne in den von mir durchreisten Gegenden überall nur als feiges Thier kennen gelernt, welches dem Menschen scheu aus dem Wege geht.

Am Kap bezeichnet man diese Art mit dem Namen Tigerwolf. »Sie ist dort«, sagt Lichtenstein, »bei weitem das häufigste unter allen Raubthieren und findet sich selbst noch in den Schluchten des Tafelberges, sodaß die Pächtereien ganz in der Nähe der Kapstadt nicht selten von ihr beunruhigt werden. Im Winter hält sie sich auf den Berghöhen, im Sommer aber in den ausgetrockneten Stellen großer Ebenen auf, wo sie in dem hohen Schilfe den Hasen, Schleichkatzen und Springmäusen auflauert, welche an solchen Stellen Wasser, Kühlung oder Nahrung suchen. Die Güterbesitzer in der Nähe der Kapstadt stellen fast jährlich Jagden an. Es gibt dort mehrere solche mit Schilfrohr bewachsene Niederungen; eine jede derselben wird umzingelt und an mehreren Stellen unter dem Winde in Brand gesteckt. Sobald die Hitze das Thier zwingt, seinen Hinterhalt zu verlassen, fallen es die ringsum aufgestellten Hunde an, und der Anblick dieses Kampfes ist der Hauptzweck der ganzen Unternehmung. Inzwischen bringen die Hiänen in der Nähe der Stadt weniger Schaden als Nutzen; sie verzehren manches Aas und vermindern die Anzahl der diebischen Paviane und der listigen Ginsterkatzen. Man hört es sehr selten, daß die Hiäne in diesen dichter bewohnten Gegenden ein Schaf gestohlen; denn sie ist scheu von Natur und flieht vor dem Menschen, und man weiß kein Beispiel, daß sie jemanden angefallen hätte. Den Kopf trägt sie niedrig mit gebogenem Nacken; der Blick ist boshaft und scheu. Fast auf jeder Pächterei findet man in einiger Entfernung von dem Wohnhause eine Hiänenfalle, ein von Stein roh aufgeführtes Gebäude von zwei bis drei Meter im Geviert mit einer schweren Fallthür versehen, die von innen ganz nach Art einer Mausefalle mit der Lockspeise in Verbindung steht und zuschlägt, sobald das Raubthier das hingelegte Aas von der Stelle bewegt. Aehnliche Fallen werden auch den Pardern gestellt, doch unterscheiden sich diese dadurch, daß sie von oben durch aufgelegtes Gebälk geschlossen sind, dahingegen die Tigerwolfsfallen oben offen sind, weil dies Thier weder springt noch klettert. In manchen Gegenden stellt man den Raubthieren auch wohl Selbstschüsse, die besonders geschickt angelegt sind. Man gräbt nämlich eine tiefe Rinne, in welcher das Gewehr liegt und der Strick bis zu der Lockspeise fortläuft. Diese selbst liegt am Ende der Rinne, da wo sie in einen breiten Graben ausläuft, sodaß das Thier nicht anders dazu gelangen kann, als gerade an der Stelle, wohin die Kugel treffen muß. Nur dem listigen und gewandten Schakal gelingt es zuweilen, das Fleisch von der Seite herauszuholen und dem Schusse auszuweichen. In der Gegend vom Olifantsflusse pflegt man die Hiänen mit vergiftetem Fleische zu tödten.«

Noch zu Sparrmanns Zeiten (1780) kamen sie, wie gegenwärtig im Sudân, in das Innere der Städte und verzehrten hier alle thierischen Abfälle, welche auf den Straßen lagen. Wahrhaft schrecklich sind die Erzählungen, welche Strodtmann in seinen südafrikanischen Wanderungen gibt. Er erfuhr, daß die nächtlichen Angriffe dieser Thiere vielen Kindern und Halberwachsenen das Leben kosteten, und seine Berichterstatter hörten in wenigen Monaten von vierzig solchen verderblichen Ueberfällen erzählen. Die Mambukis, ein Kafferstamm, behaupten, daß die Hiäne Menschenfleisch jeder anderen Nahrung vorziehe. Ihre Häuser haben die Gestalt eines Bienenkorbes von sechs bis sieben Meter im Durchmesser. Der Eingang ist ein enges Loch und führt zunächst in eine rinnenförmige Abtheilung, welche des Nachts zur Bewahrung der Kälber dient, und erst innerhalb dieser Abtheilung befindet sich ein erhöhter Raum, auf welchem die Familie zu ruhen pflegt. Hier schlafen die Mambukis, im Kreise um ein Feuer gelagert. Die eingedrungenen Hiänen sind nun, wie man versichert, immer zwischen den Kälbern hindurchgegangen, haben das Feuer umkreist und die Kinder unter der Decke der Mütter so leise herausgezogen, daß die unglücklichen Eltern ihren Verlust erst dann erfuhren, als das Wimmern des von dem Unthiere gepackten Kindes aus einer Ferne zu ihnen gelangte, wo Rettung nicht mehr möglich war. Shepton, welcher diese Geschichten verbürgt, bekam ein Paar Kinder zur Heilung, welche von dem Raubthiere fortgeschleppt und fürchterlich zugerichtet, glücklicherweise aber ihm dennoch wieder abgejagt worden waren. Das eine der Kinder war ein zehnjähriger Knabe, das andere ein achtjähriges Mädchen. Schlingen, Gruben und Selbstschüsse werden nach diesem Berichterstatter nur mit geringem Erfolge angewendet, weil die listigen Hiänen die Fallen merken und ihnen ausweichen.

Manches im vorstehenden Berichte mag übertrieben sein; in der Hauptsache werden wir ihn als richtig gelten lassen müssen. Ein und dasselbe Thier tritt unter veränderten Verhältnissen in verschiedener Weise auf. In Nordostafrika bieten die zahlreichen Herden der Tüpfelhiäne so viele Nahrung, daß sie sich nicht viel auf Räubereien zu legen braucht; in Südafrika wird es anders sein. Dort fehlt es ihr selten an Aas, hier wird sie oft vergeblich nach solchem suchen müssen; Hunger aber thut weh und ermuthigt auch Feiglinge. Ein Diener von Fritsch wagte sich aus Furcht vor den Hiänen niemals in dichte Gebüsche, und seine Furcht war, wie genannter Naturforscher, ein durchaus zuverlässiger Beobachter und tüchtiger Jäger, bemerkt, nicht ganz unbegründet. Als jener Diener einstmals des Nachts allein die Steppe durchreiten mußte, wurde er von Hiänen verfolgt und verbrannte einen Theil seiner Decke und Lumpen, um sie fern zu halten, bis er endlich ein Haus erreicht hatte. »Die Dreistigkeit dieser Thiere«, versichert Fritsch, »ist in der Nacht außerordentlich; und wenn auch wenig Beispiele bekannt sind, daß sie erwachsene Menschen angefallen haben, so vergreifen sie sich doch an Kindern und ebenso an Pferden, wovon mir damals mehrere Beispiele vorkamen.« Raubsucht und Muth dürfte ihnen also nicht gänzlich abgesprochen werden können.

Die gefleckte Hiäne ist diejenige Art, mit welcher sich die Sage am meisten beschäftigt. Viele Sudânesen behaupten, daß die Zauberer bloß deshalb ihre Gestalt annehmen, um ihre nächtlichen Wanderungen zum Verderben aller Gläubigen auszuführen. Die häßliche Gestalt und die schauderhaft lachende Stimme der gefleckten Hiäne wird die Ursache dieser Meinung gewesen sein. Auch wir müssen dieser Hiäne den Preis der Häßlichkeit zugestehen. Unter sämmtlichen Raubthieren ist sie unzweifelhaft die mißgestaltetste, garstigste Erscheinung; zu dieser aber kommen nun noch die geistigen Eigenschaften, um das Thier verhaßt zu machen. Sie ist dümmer, böswilliger und roher als ihre gestreifte Verwandte, obwohl sie sich vermittels der Peitsche bald bis zu einem gewissen Grade zähmen läßt. Wie es scheint, erreicht sie jedoch niemals die Zahmheit der gestreiften Art; denn die Kunststücke in Thierschaubuden sind eben nicht maßgebend zur Beurtheilung hierüber, und andere Leute, als solche herumziehende Thierkundige, machen sich schwerlich das Vergnügen, sich mit ihr zu beschäftigen. Sie ist allzuhäßlich, zu ungeschlacht und zu unliebenswürdig im Käfige! Stundenlang liegt sie auf einer und derselben Stelle wie ein Klotz; dann springt sie empor, schaut unglaublich dumm in die Welt hinaus, reibt sich an dem Gitterwerke und stößt von Zeit zu Zeit ihr abscheuliches Gelächter aus, welches, wie man zu sagen pflegt, durch Mark und Bein dringt. Mir hat es immer scheinen wollen, als wenn dieses eigenthümliche und im höchsten Grade widerwärtige Geschrei eine gewisse Wollust des Thieres ausdrücken sollte; wenigstens benahm sich die lachende Hiäne dann auch in anderer Weise so, daß man dies annehmen konnte.

Ungeachtet solcher Unzüchtigkeiten kommt es selten vor, daß sich ein Hiänenpaar im Käfige fortpflanzt. Hierbei muß freilich in Betracht gezogen werden, daß es ungemein schwer hält, ohne handliche Untersuchung Männchen und Weibchen zu unterscheiden, solche Untersuchung aber wegen der Störrigkeit, Bosheit und Wehrhaftigkeit des Thieres nicht immer ohne Gefahr ausgeführt und somit nicht bestimmt werden kann, ob man ein Paar oder Zwei eines und desselben Geschlechtes zusammensperrt. Wo ersteres geschehen, hat man auch Junge erzielt, so beispielsweise im Londoner Thiergarten. Ueber die Art und Weise der Begattung sowie die Dauer der Trächtigkeit weiß ich nichts zu sagen. Die Jungen sind mit einem kurzen harthaarigen Pelze von einförmig braunschwarzer, im Gesichte lichterer Färbung bekleidet; von den Flecken bemerkt man noch keine Andeutung.

Mit ihresgleichen vertragen sich gefangene Tüpfelhiänen nicht immer so gut, als es scheinen will. Stärkere überfallen, wenn sie wähnen, gereizt zu sein, schwächere, beißen sie todt und fressen sie auf, ganz, wie sie während ihres Freilebens mit verwundeten oder getödteten Artgenossen verfahren.

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