Die Meerechse in Brehms Tierleben

Meerechse (Brehms Tierleben)

Die Meerechse, wie wir sie nennen wollen, (Amblyrhynchus cristatus, Hypsilophus und Oreocephalus cristatus, Amblyrhynchus ater), Vertreter der mit der Unterfamilie gleichnamigen Sippe der Höckerköpfe (Amblyrhynchus) ist ein sehr großer Leguan, dessen Gesammtlänge fünfundachtzig Centimeter, bei dreiundfunfzig Centimeter Schwanzlänge, und dessen Gewicht bis zu zwölf Kilogramm ansteigen kann. Der kurze und breite Kopf fällt seitlich steil ab, verschmälert sich nach vorn und senkt sich, von der Seite gesehen, rasch und bogenförmig von der Stirngegend nach dem vorderen stumpfen Schnauzenrande zu. Um sie zu kennzeichnen, entnehme ich Steindachner, welcher eine besondere Abhandlung über die Schuppenechsen der Schildkröteninseln geschrieben hat, das nachstehende: Die ganze Oberseite ist mit viel-, meist vier- bis sechsseitigen, an Größe veränderlichen Schildern mosaikartig besetzt; die größten Schilder liegen in der vorderen Kopfhälfte, die kleinsten auf der oberen Augendecke.

Die seitlich und ziemlich hoch mündenden eirunden Nasenlöcher sind schräge von unten und vorn nach oben und hinten gestellt und mit einem erhöhten häutigen Rande umgeben, um welchen nach außen kleine Schilder liegen. Neun bis zehn fünfeckige Schilder bekleiden die Oberlippe, zwölf bis dreizehn viereckige die Unterlippe, eine Bogenreihe gekielter Schuppen die Gegend unter dem Auge bis zu den Schläfen, sehr kleine gewölbte Schuppen die Unterseite des Kopfes. Das eiförmige Trommelfell liegt zwischen wulstig hervortretenden Rändern wie eingebettet. Die Körperhaut ist an der Kehle und der seitlichen Halsgegend mehr oder minder lose befestigt, bildet zuweilen auch eine deutlich entwickelte Querfalte vor der Brust. Der im allgemeinen sehr kräftige Leib trägt auf Hals, Nacken und Rücken einen seitlich stark zusammengedrückten Kamm, welcher sich ohne Unterbrechung bis zur äußersten Schwanzspitze fortsetzt, durch mehr oder minder tiefe Einschnitte am oberen Rande aber in einen Nacken-, Rücken- und Schwanztheil gesondert wird. Die übrige Beschuppung zeichnet sich durch die geringe Größe der Einzelgebilde aus. Sämmtliche Rückenschuppen erheben sich kegelförmig; die Schuppen der Seiten sind noch gewölbt, die etwas größeren Bauchschuppen dagegen völlig flach. Den langen, an der Wurzel mäßig, gegen die Spitze hin sehr stark zusammengedrückten und daher flossenartigen Schwanz bekleiden größere, viereckige, wie die Rückenschuppen in regelmäßigen Querreihen gelagerte Kielschuppen. Die Beine sind kurz und gedrungen, die Zehen, unter denen die dritte und vierte, unter sich gleich langen, die anderen überragen, durch ihre kurze Schwimmhaut verbunden und mit kräftigen, scharf gebogenen Krallen bewehrt. Die dicke Zunge füllt die ganze Breite der Mundhöhle aus. Kräftige, lange, dreizackige, an der äußeren Falte des tief rinnenförmig ausgehöhlten Kiefers angesetzte Zähne bilden das Gebiß, und zwar trägt jeder Oberkiefer zweiundzwanzig bis fünfundzwanzig, jeder Unterkiefer zwanzig bis vierundzwanzig, wovon jedoch im ganzen sechs bis acht auf den Zwischenkiefer kommen. Die kleinen und nicht zahlreichen Gaumenzähne fallen sehr leicht aus.

Färbung und Zeichnung ändern sich je nach dem Alter. Bei jüngeren Meerechsen stehen auf beiden Seiten des Kopfes an dessen Unterseite wie an den Rumpfseiten zahlreiche hellgraue Flecken auf schwarzem Grunde und verdrängen zuweilen die dunkle Grundfärbung bis auf ein mehr oder minder schmales Maschennetz. Am Rücken selbst zeigen sich abwechselnd schmutzig graue und schwarze, mehr oder minder regelmäßig in Querbinden oder Querreihen stehende Flecken. Die ganze Ober- und Außenseite der Beine ist entweder grau punktirt oder mit großen, grauen Flecken geziert. Die Unterseite des Kopfes ist dunkel schmutziggrau, die Kehlgegend schwarz, die Unterseite schmutzig gelbbraun, die Oberseite der Finger und Zehen des Unterarmes und der Unterschenkel sowie die größere hintere Längenhälfte des Schwanzes tief schwarz, der Rückenkamm abwechselnd gelb oder grau und schwarz gebändert. Ausnahmsweise kommen vollkommen schwarz gefärbte Stücke vor.

Die Meerechsen leben in ansehnlicher Menge auf den Galapagosinseln. Darwin fand sie auf sämmtlichen von ihm besuchten Eilanden der Gruppe, Steindachner auf Albemarle der Charles-, James- und Jervisinsel, auf letzterer in ungeheurer Anzahl und in sehr großen Stücken. Entsprechend ihrer Lebensweise halten sie sich stets auf dem felsigen Seeufer auf und werden, so weit die Beobachtungen Darwins reichen, niemals entfernter als zehn Schritt vom Ufer gefunden.

Schön oder anmuthig kann man die Meerechse nicht nennen, muß sie vielmehr als häßlich bezeichnen; auch sind ihre Bewegungen nicht geeignet, für sie einzunehmen. »Man sah sie«, sagt Darwin, »zuweilen einige hundert Schritt vom Ufer umherschwimmen und Kapitain Colnet versichert, daß sie in Herden ins Meer gehen, um hier zu fischen oder sich auf den Felsen zu sonnen. Ich glaube, daß er sich in Bezug auf den Zweck irrt; die Thatsache selbst aber kann nicht bezweifelt werden. Im Wasser schwimmt das Thier mit vollkommener Leichtigkeit und Schnelligkeit, unter schlangenförmiger Bewegung des Leibes und abgeplatteten Schwanzes, nicht aber mit Hülfe seiner Füße, welche hart an die Leibesseite angelegt und niemals bewegt werden. Ein Matrose belastete eine mit einem schweren Gewichte, versenkte sie ins Meer und glaubte auf diese Weise sie augenblicklich zu tödten, mußte aber zu seiner Verwunderung sehen, daß die Echse, als er sie nach einer Stunde wieder heraufzog, noch vollkommen lebenskräftig war. Ihre Glieder und die starken Krallen sind trefflich geeignet, über die holperigen und zerspaltenen Lavamassen zu kriechen, welche überall die Küste bilden. An solchen Plätzen sieht man eine Gruppe von sechs oder sieben dieser unschönen Kriechthiere auf dem schwarzen Felsen einige Meter hoch über der Brandung, woselbst sie sich mit ausgestreckten Beinen sonnen.

Ich öffnete den Magen von mehreren und fand ihn jedesmal mit zermalmten Seetangen angefüllt und zwar mit Ueberresten von der Art, welche in dünnen, blätterartigen Ausbreitungen wächst und eine hellgrüne oder dunkel rothgrüne Färbung hat. Da ich mich nicht erinnere, diese Seepflanze in beträchtlicher Menge auf den von der Flut bespülten Felsen gesehen zu haben, muß ich annehmen, daß sie auf dem Grunde des Meeres in einer kurzen Entfernung vom Ufer wächst, und, wenn dies richtig, ist der Zweck, weshalb diese Thiere gelegentlich ins Meer gehen, vollkommen erklärt. Bynoe fand einmal ein Stück von einer Krabbe in dem Magen der Meerechse; diese Ueberreste dürften aber wohl zufällig mit verschluckt worden und die Angabe kaum von Gewicht sein. Die Gestalt des Schwanzes, die sichere Thatsache, daß man die Meerechse freiwillig im Meere hat schwimmen sehen, und die Nahrung endlich beweisen zur Genüge, daß sie dem Wasser angehört. Nun aber macht sich noch ein sonderbarer Widerspruch geltend, der nämlich, daß sie nicht in das Wasser flüchtet, wenn sie in Furcht gesetzt wird. Man kann sie leicht auf eine ins Meer vorspringende Stelle treiben; hier aber läßt sie sich eher am Schwanze greifen, als daß sie in das Wasser springt. Von einer Vertheidigung durch Beißen scheint sie keine Vorstellung zu haben. Wenn sie sehr in Furcht gejagt wird, spritzt sie einen Tropfen Flüssigkeit aus jedem Nasenloche von sich. Eines Tages brachte ich eine gefangene an ein großes, nach der Ebbe zurückgebliebenes Wasserloch und warf sie mehrmals hinein, soweit ich konnte; sie kehrte immer wieder in einer geraden Linie nach dem Platze zurück, auf welchem ich stand. Dabei beobachtete ich, daß sie nahe am Boden mit zierlicheren und schnelleren Bewegungen schwamm, hierbei die Füße nicht gebrauchte, sich aber bisweilen über unebenen Grund wegzuhelfen suchte. Wenn sie am Rande anlangte, aber noch unter Wasser war, versuchte sie entweder in den Seepflanzen sich zu verbergen oder schlüpfte in ein Loch; glaubte sie, daß die Gefahr vorübergegangen, so kroch sie auf die trockenen Felsen herauf und watschelte weg, so schnell sie konnte. Ich fing dieselbe Echse mehrere Male nach einander, indem ich sie nach einem passenden Punkte hintrieb, und bemerkte jedesmal, daß sie nichts bewegen konnte, in das Wasser zu gehen, beobachtete aber, daß sie, so oft ich sie hineinwarf, in der eben beschriebenen Weise zurückkehrte. Vielleicht läßt sich diese anscheinende Dummheit durch den Umstand erklären, daß sie am Ufer keinem Feinde, im Meere hingegen den zahlreichen Haifischen oft zur Beute wird, das Ufer also als einen sicheren Aufenthalt kennen gelernt hat.

Während unseres Besuches im Oktober sah ich sehr wenige kleine Stücke dieser Art und unter ihnen wohl keines unter einem Jahre alt. Es scheint mir deshalb wahrscheinlich, daß die Fortpflanzungszeit noch nicht angefangen hatte. Ich fragte mehrere Einwohner der Insel, ob sie wüßten, wohin sie ihre Eier legte; sie sagten, daß sie zwar mit den Eiern der anderen Art wohl bekannt wären, aber nicht die geringste Kenntnis davon hätten, wie sich die Meerechse fortpflanze: eine höchst merkwürdige Thatsache, wenn man bedenkt, wie gemein die letztere ist.«

Steindachner besuchte die Galapagosinseln im Jahre 1872 und fand, daß die Meerechsen wie zu Zeiten Dampiers und Darwins zu tausenden vorhanden waren. »Als mein Reisegefährte Dr. Pitkins«, sagt er, »eine große Anzahl dieser häßlich aussehenden Thiere auf Lavablöcken sich sonnen sah, schoß er in die dichtgedrängte Schar derselben, und als ich selbst unmittelbar darauf und später vielleicht nach einer Stunde denselben Platz besuchte, war er vollständig von diesen Thieren geleert. Sie waren sämmtlich ins Meer geflohen und hatten sich wahrscheinlich später einen anderen entfernteren Schlupfwinkel gesucht. Diese meine Erfahrung, welche sich auch auf den Jervis- und Jamesinseln wiederholte, zeigt, daß die Meerechsen obwohl sehr träge und unbeholfen in ihren Bewegungen und daher leicht und ohne besondere Gegenwehr zu fangen, nunmehr doch der drohenden Gefahr zu entrinnen und nicht wie früher mit blinder Hartnäckigkeit auf den Standplatz zurückzukehren suchen, wenn sie diesen oder dessen Nähe von Feinden besetzt sehen. Bei ruhiger See trifft man nicht selten diese Echsen in weiter Entfernung von der Küste im Meere ziemlich schnell schwimmend und tauchend an. Ihre Bewegungen im Wasser gleichen denen einer Schlange. Nur der Kopf ragt beim Schwimmen über die Meeresfläche empor; die Beine sind angezogen. Auf der Jervisinsel fand ich sie bloß in der nächsten Nähe des Meeres auf rauhen, zerrissenen Lavamassen meist herdenweise, gegen hundert bis hundertundfunfzig auf einem kleinen Raume. Auf der Jamesinsel stieß ich nur auf einzelne kleine Stücke, in beträchtlicher Höhe über dem Meere, an dem Rande kleiner mit Gras und Gebüsch bewachsener Felsenhöhlen, welche vielleicht als deren Brutplätze dienen mögen. Magen und Gedärme sind, wie Darwin bereits erwähnt, ausnahmslos mit breitblätterigen, kleinen und röthlichen Algen vollgestopft.«

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