Die Felsentaube in Brehms Tierleben

Felsentaube (Brehms Tierleben)

Die wichtigste aller Tauben ist die Felsentaube, Stein-, Grotten- und Ufertaube (Columba livia, glauconotus, intermedia, domestica, hispanica, turcica, gutturosa, cucullata, hispida, turbida, galeata, tabellaria, dasypus, gyratrix, rupestris, unicolor, elegans, dubia, gymnocyclus und Schimperi), die Stammutter unserer Haustaube.
Sie ist auf der Oberseite hell aschblau, auf der Unterseite mohnblau, der Kopf hell schieferblau, der Hals bis zur Brust dunkel schieferfarben, oben hell blaugrün, unten purpurfarben schillernd, der Unterrücken weiß; über den Flügel ziehen sich zwei schwarze Binden; die Schwingen sind aschgrau, die Steuerfedern dunkel mohnblau, am Ende schwarz, die äußersten auf der Außenseite weiß. Das Auge ist schwefelgelb, der Schnabel schwarz, an der Wurzel lichtblau, der Fuß dunkelblauroth. Männchen und Weibchen unterscheiden sich kaum durch die Färbung; die Jungen sind dunkler als die Alten. Die Länge beträgt vierunddreißig, die Breite sechzig, die Fittiglänge einund zwanzig, die Schwanzlänge elf Centimeter.

Das Verbreitungsgebiet der Felsentaube, welche in mehreren ständigen Unterarten auftritt, beschränkt sich in Europa auf einige nordische Inseln und die Küsten des Mittelmeergebietes, umfaßt aber außerdem fast ganz Nordafrika, Palästina, Syrien, Kleinasien und Persien sowie einzelne Theile des Himalaya. In Deutschland hat man sie meines Wissens noch nicht brütend gefunden; wohl aber ist mir ein Fall bekannt, daß sie am Südabhange des Riesengebirges, in der Nähe von Johannisbad, genistet hat. Regelmäßig bewohnt sie verschiedene Gegenden längs der Westküste von Schottland, insbesondere die Hebriden, Orkney- und Shetlandsinseln, die Färinseln und das kleine Felseneiland Rennesö bei Stavanger, an Norwegens westlicher Küste, ferner fast alle geeigneten Felsenwände um das Mittelmeer, von Triest an, Griechenland, ganz Italien, Frankreich, Südspanien. Auf den Färinseln ist sie, laut Graba, gemein, nistet fast auf jeder bewohnten Insel, weiß sich aber so zu verbergen, daß die Bewohner weder ihrer Eier, noch ihrer Jungen habhaft werden können. Auch wenn sie ihre Nahrung auf der Indmark sucht, ist sie sehr scheu, dabei im Fliegen so gewandt, daß weder die Raubmöven, noch die Raben ihr etwas anhaben können, während die zahmen Tauben sogleich von letzteren getödtet werden. »Ich sah sie in eine geräumige Höhle fliegen, in welche man allenfalls gelangen konnte. Nach vieler Mühe und Gefahr kamen wir dahin und bemerkten, daß die Höhle sehr verschüttet war und aus mehreren kleineren bestand. Die Eingänge waren durch größere und kleinere Steine verdeckt, so daß von den Tauben oder gar ihren Brutplätzen nichts zu sehen war. Weder Sprechen, noch Schreien, noch Steinwerfen brachten sie heraus; es wurde also ein Gewehr abgefeuert. Plötzlich belebte sich die Höhle, und die Tauben flatterten nach allen Seiten davon.« In der Umgegend von Triest lebt sie geeigneten Ortes überall, auf dem Karst namentlich in unterirdischen, trichterartigen Höhlen, oft tief unter der Oberfläche, in Istrien, Dalmatien, Italien, Griechenland und Kleinasien sowie auf allen griechischen Inseln in Felsenriffen hart am Meere wie auf den höchsten Gebirgen. Auf den Kanaren tritt sie, laut Bolle, nicht nur längs der Küsten, sondern auch im Inneren der Inseln, wo diese nicht bewaldet sind, in Menge auf, wurde selbst noch in einem Höhengürtel von zwei- bis dreitausend Meter über dem Meere am Teide angetroffen: Berthelot fand sie auf Lazarote in dem noch frischen Krater der Feuerspeier, trotz des Schwefelgeruches und der großen Hitze, welche darin herrschten. Auch dort brüten oder schlafen sie am liebsten in Höhlen, und auf Lazarote gewähren sie ein ganz besonderes Jagdvergnügen, indem man im Dunkeln mit Fackeln in ihre Grotten dringt, den Eingang verstopft und dann mit Stangen auf sie losschlägt. In Egypten sah ich sie an Felswänden, namentlich in der Nähe der Stromschnellen, in sehr zahlreicher Menge, einzelne Flüge von ihnen aber auch inmitten der Wüste, wo man sich fragen mußte, wie die arme Erde hier im Stande sei, den Massen genügende Nahrung zu bieten. Im Inneren Afrikas ist sie viel seltener; an günstigen Stellen aber vermißt man sie nicht, und ein stehender Felsen mit steilen Wänden beherbergt sie gewiß. In Indien gehört sie zu den gemeinsten und häufigsten Vögeln, brütet ebenfalls in Höhlen und Nischen der Felsen und Klippen, wo möglich in der Nähe von Wasser und oft in Gemeinschaft mit dem Alpensegler, so in der Nähe der berühmten Fälle von Grisoppa. Hier, wie in Egypten, lebt sie auch in einem halbwilden Zustande und bewohnt alle alten ruhigen Gebäude, Stadtmauern, Pagoden, Felsentempel und ähnliche Baulichkeiten, oder bezieht die Thürme, welche ihr zu Gefallen errichtet werden. In Oberegypten gibt es viele Ortschaften, welche mehr der Tauben als der Menschen halber erbaut zu sein scheinen. Nur das untere Stockwerk des pyramidenartigen, platt gedeckten Hauses bewohnt der Bauer, das obere, gewöhnlich weiß getünchte und sonstwie verzierte, gehört den Tauben an, und außerdem errichtet man noch hohe kuppelförmige Thürme einzig und allein dieser Vögel wegen. Das Mauerwerk aller jener Gebäude, welche ich Taubenschläge nennen will, besteht nicht aus Ziegelsteinen, sondern von einer gewissen Höhe an nur aus großen, eiförmigen, dickwandigen Töpfen, welche über einander gelagert und durch Mörtel, bezüglich Nilschlamm mit einander verkittet wurden. Jeder Topf ist an dem nach außen gekehrten Ende durchbrochen, das betreffende Loch jedoch nicht groß genug, um einer Taube Zugang zu gewähren, sondern nur bestimmt, Luft und Licht durchzulassen. Von der anderen inneren Seite dagegen ist jeder Topf bequem zugänglich und gibt einem Neste Raum. Die Eingänge zu den Taubenhäusern sind ziemlich groß und mit eingemauerten Reisigbünden umgeben, welche die Stelle der Flugbreter vertreten. Daß diese Einrichtung sich bewährt, geht aus den Massen von Tauben, welche die Häuser fortwährend umlagern, deutlich hervor.

Im Süden sind die Felsentauben Standvögel; im Norden zwingt sie der Winter zum Wandern. Sie versammeln sich vor dem Abzuge in zahlreiche Schwärme und scheinen während ihres Aufenthaltes in der Fremde diese Vereine nicht zu lösen. Es ist mir wahrscheinlich, daß derartige Wanderschaaren oft von uns bemerkt, aber nicht erkannt, sondern als gewöhnliche Feldflüchter angesehen werden. Sie ziehen erst dann die Aufmerksamkeit auf sich, wenn man sie, wie zu weilen geschieht, sich mit Krähen und Dohlen vereinigen oder auf Bäumen niederlassen sieht, was sie immer noch öfter als die Feldflüchter zu thun pflegen. Im Jahre 1818 erschien ein Schwarm von etwa tausend Paaren zu Ende des December in der Gegend von Kreuzburg, welcher allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Diese Tauben hielten sich in Gesellschaft der Saatkrähen und Dohlen, saßen am Tage mit den Haustauben in friedlicher Gemeinschaft auf den Dächern, zogen aber gegen Abend in die Nadelwälder und übernachteten hier auf Bäumen. Sie blieben bis zur Mitte des Januar in jener Gegend und verschwanden nach und nach, ohne daß man erfuhr, wie. Einen ähnlichen Flug beobachtete mein Bruder in der Nähe meines Geburtsortes, und wahrscheinlich waren die Felsentauben, welche wir in der Sierra Nevada antrafen, auch nur eingewanderte.

Das Betragen der Felsentaube weicht von dem unserer Haustaube wenig ab. Sie ist gewandter, namentlich behender im Fluge als unsere Feldflüchter und regelmäßig sehr menschenscheu; in allem übrigen gewährt uns das Betragen der Nachkommen ein getreues Lebensbild der Stammeltern. Sie geht gut, aber nickend, fliegt vortrefflich, mit pfeifendem Säuseln, durchmißt ungefähr hundert Kilometer in der Stunde, klatscht vor dem Auffliegen und schwebt vor dem Niedersitzen, steigt gern hoch empor und kreist oft längere Zeit in dicht geschlossenen Schwärmen. Die Bäume meidet sie auffallend, obwohl es einzelne Ausnahmen gibt. So sieht man die egyptischen Haustauben regelmäßig auf den Palmen sitzen, und auch bei uns beobachtet man einzelne Feldflüchter, welche hier sich niederlassen. Beim Nahrungsuchen läuft sie stundenlang auf dem Boden herum, beim Trinken wadet sie zuweilen ein wenig in das Wasser hinein; die egyptischen aber setzen sich, wenn sie trinken wollen, mitten auf den Strom, lassen sich von den Wellen tragen und erheben sich, wenn sie ihren Durst gestillt haben.

Sinne und geistige Fähigkeiten der Felsentaube sind wohl entwickelt. Die wilde läßt sich zwar nicht leicht beobachten; bei der zahmen aber bemerkt man bald, daß man es mit klugen und verständigen Vögeln zu thun hat. Ihr Wesen ist ein Gemisch von gutem und bösem. Sie ist friedfertig und verträglich, richtiger vielleicht gleichgültig gegen andere Thiere und lebt unter sich so ziemlich in Frieden. Die Paarungszeit erregt freilich auch bei ihnen eifersüchtige Gefühle, und dann kann es vorkommen, daß zwei Tauberte sich streiten; die Sache ist aber nicht so ernst gemeint, und der Kampf währt selten lange. Auch Futterneid macht sich bemerklich: diejenige Taube, welche reichlich Nahrung findet, breitet die Flügel aus und versucht dadurch andere abzuhalten, das gefundene mit ihr zu theilen; die Geselligkeit, welche ihnen in hohem Maße eigen ist, beendet derartige Zwistigkeiten aber immer in sehr kurzer Zeit, und wenn Gefahr sich naht oder ein Unwetter droht, gibt die Gesammtheit Beweise der edelsten Gefühle.

Die Stimme, das bekannte Rucksen, besteht aus dumpfen, heulenden und rollenden Tönen welche ungefähr wie »Marukuh murkukuh marhukukuh« klingen. Die einzelnen Ausrufe werden mit Bücklingen, Drehungen und Kopfnicken begleitet und folgen sich um so schneller, je eifriger das Männchen ist. Manchmal stoßen die Tauberte Laute aus, welche man durch die Silben »Huhu« oder »Huhua« bezeichnen kann: sie bekunden ein Verlangen des Männchens nach dem Weibchen oder sind Klagen über zu lange Abwesenheit des einen Gatten.

Alle Arten unseres Getreides und außerdem die Sämereien von Raps und Rübsen, Linsen, Erbsen, Lein usw., vor allem anderen aber die Körner der als unausrottbares Unkraut gefürchteten Vogelwicke bilden die Nahrung der Felsen- und Haustauben. Man hat sie als schädliche Thiere betrachtet, weil sie ziemlich viel Nahrung bedürfen und uns fühlbare Verluste zufügen können; wenn man aber bedenkt, daß sie Getreide nur während der Zeit der Aussaat fressen, wird man weniger streng urtheilen, zumal, wenn man noch berücksichtigt, daß sie den Schaden, welchen sie verursachen, durch Aufzehren von Unkrautsämereien reichlich wieder ausgleichen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie uns viel mehr nützen, als wir glauben. Auch sie fliegen regelmäßig zu gewissen Zeiten nach Nahrung aus, gewöhnlich früh und vormittags und nachmittags noch einmal, wenn sie ein besonders ergiebiges Feld erspäht haben, oft ziemlich weit.

Man nimmt an, daß die Felsentaube wenigstens zweimal jährlich nistet, und weiß mit Bestimmtheit, daß der Feldflüchter im Laufe des Sommers mindestens drei Bruten macht. Mit Beginn des Frühlings ruckst der Tauber sehr eifrig, zeigt sich anderen gegenüber zänkisch und erkämpft sich, nicht immer ohne Mühe, sein Weibchen, welchem er die größte Zärtlichkeit bekundet. »Ein einmal verbundenes Paar«, sagt Naumann, »trennt sich im Leben nicht wieder und ist auch außer der Fortpflanzung immer beisammen. Ausnahmen hiervon sind selten. Sobald der Tauber einen Ort für das Nest erwählt hat, setzt er sich da fest und heult, den Kopf auf den Boden niedergelegt, bis die Täubin kommt. Diese läuft gewöhnlich mit ausgebreitetem und aufstreichendem Schwanze auf ihn zu, beginnt mit ihm zu tändeln und krabbelt ihn ganz behutsam zwischen den Kopffedern. Der Tauber reibt dagegen seinen Kopf zum öfteren auf seinen Rückenfedern. Beide fangen an sich zu schnäbeln, wobei sie sehr zärtlich thun, und nun mehr erst erfolgt die Begattung. Wenn sie vollzogen, schreiten sie mit stolzem Anstande einher, fliegen auch wohl, mit den Flügeln klatschend und in der Luft spielend, ein wenig in die Höhe und ordnen und putzen nun stillschweigend ihr Gefieder wieder. Sowie die Täubin alle dem Betreten vorhergegangenen Bewegungen zärtlich erwidert, so geschieht es nicht selten, daß sie, nachdem sie betreten worden, auch den Tauber betritt. Nach einigen Tagen, an welchen die Begattung öfters vollzogen wurde, treibt der Tauber seine Gattin vor sich her zum Nistplatze, wo der Bau beginnen soll, fliegt nach Baustoffen aus, trägt sie im Schnabel herbei, und die Täubin baut damit das Nest. Dieses ist ein flacher, in der Mitte wenig vertiefter, ohne alle Kunst zusammengelegter Haufen trockener Reiser, Pflanzenstengel, Stroh und dürrer Halme. Bis zum Legen des ersten Eies vergehen nun noch mehrere Tage, während welcher das Weibchen öfters vom Männchen betreten und endlich zum Neste getrieben wird.« Die zwei Eier haben längliche Gestalt und sind glattschalig, glänzend und reinweiß. Beide Geschlechter brüten, die Täubin von drei Uhr nachmittags bis zehn Uhr vormittags ununterbrochen, der Tauber nur in den wenigen Stunden, welche dazwischen liegen. Trotzdem wird ihm die Zeit viel zu lang; denn schon nach ein Uhr pflegt er ärgerlich zu heulen, in der Absicht, die Taube, welche ihre wenigen Erholungsstunden doch sehr nöthig hat, herbeizuführen. Nachts schläft er in unmittelbarer Nähe des Nestes, immer bereit, die Gattin nach Kräften zu beschützen, duldet nicht einmal, daß eine andere Taube sich nähert. Nach sechzehn bis achtzehn Tagen sind die Eier gezeitigt, und die äußerst unbehülflichen, blinden Jungen schlüpfen in einem Zwischenraume von vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden nach einander aus. In der ersten Zeit werden sie von beiden Eltern mit dem Futterbrei gefüttert, welcher sich im Kropfe bildet; später erhalten sie erweichte, endlich härtere Sämereien, nebst Steinchen und Lehmstücken. Sie sind nach vier Wochen erwachsen, schwärmen mit den Alten aus, machen sich in wenigen Tagen selbständig, und die Eltern schreiten nun zur zweiten Brut.

Die Felsen- und die Feldtauben haben dieselben Feinde wie andere Arten ihrer Ordnung, die letztgenannten selbstverständlich mehr als die wild lebenden, weil diese ihre Feinde nicht nur besser kennen, sondern ihnen auch leichter entrinnen. Bei uns zu Lande sind Marder, Wanderfalken und Habichte die schlimmsten Feinde der Tauben, im Süden werden jene durch Verwandte vollständig vertreten. Vor Raubvögeln fürchten sich die Tauben so, daß sie zuweilen zu sonderbaren Mitteln ihre Zuflucht nehmen. So sahen Naumann und Eugen von Home yer Feldflüchter, vom Wanderfalken verfolgt, sich in einen Teich, sogar in die See stürzen, untertauchen und an einer ganz anderen, weit entfernten Stelle wieder auftauchen und weiterfliegen. Daß sich Tauben oft in das Innere der Häuser flüchten und dabei Fensterscheiben zerbrechen, ist bekannt.

Wilde Felsentauben, welche jung aus dem Neste genommen werden, betragen sich genau wie Feldflüchter, befreunden sich mit den Menschen, bekunden jedoch niemals jene hingebende Unterthänigkeit, welche die Farben- und Rassentauben an den Tag zu legen pflegen.

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