Der Sakerfalke in Brehms Tierleben

Sakerfalke (Brehms Tierleben)

Ein Edelfalk, welcher vormals nicht viel weniger geschätzt wurde als der hochberühmte Jagdfalk, ist der Würgfalk, Lanner-, Stern-, Schlag-, Sakhr-, Groß- oder Schlachtfalk, Blaufuß, Würger usw. (Falco lanarius, sacer, saker oder saqer, milvipes und laniarius), ein stattlicher Vogel von 54 Centimeter Länge, 1,4 Meter Breite, 41 Centimeter Fittig- und 20 Centimeter Schwanzlänge, welcher einem jungen Wanderfalken nicht unähnlich gefärbt ist und deshalb öfters mit ihm verwechselt worden sein mag. Der Bartstreif ist schwach; die roströthlichen Scheitelfedern zeigen schwarzbraune Längsflecke, welche im Genick zusammenlaufen und hier einen größeren dunklen Fleck bilden, die gelbliche Stirn und Wangenfedern dunklere Striche; das Genick ist weiß, fahlbraun in die Länge gestreift und gefleckt, die ganze Oberseite, einschließlich der Armschwingen, fahlbraun, jede Feder an der Spitze grau, an der Seite roströthlich gesäumt und durch einen dunklen Schaftstrich gezeichnet, das Kinn wie die Kehle gelblich weiß, die ganze Unterseite röthlich weiß mit großen dunklen, nach der Spitze hin tropfenartig erweiterten Längsflecken geschmückt. Die Handschwingen sind dunkel fahlbraun, auf der Innenfahne mit großen, länglichrunden, weißen, nach der Schaftseite zu röthlichen Flecken besetzt, die mittleren Schwanzfedern einfarbig fahlbraun, alle übrigen auf der Außenfahne mit sieben bis acht rundlichen, auf der Innenfahne mit länglichen weißen oder röthlichweißen Flecken geziert, welche auch von unten sichtbar sind. Der Oberschnabel ist horngrau, der Unterschnabel gelblich, die Wachshaut fleischfarben, der Fuß grünlich oder wachsgelb. Der junge Vogel unterscheidet sich von dem alten durch dunklere Färbung, größere Flecken auf der Unterseite und blaue Wachshaut, Augenring und Füße.

Im Südosten Europas, namentlich in Dalmatien, häufiger aber in Egypten und Nordafrika überhaupt, bis Ostsudân und Abessinien herab, vertritt ein schöner, langflügeliger und kurzzehiger Edelfalk, der Feldeggsfalk (Falco tanypterus, Feldeggii, biarmicus, cervicalis und puniceus, Gennaja tanypterus) die Stelle des Würgfalken. Er steht letzterem so nahe, daß er von einzelnen Vogelkundigen nur als Abart angesehen wird, unterscheidet sich aber be stimmt durch merklich geringere Größe, roströthlichen, nur mit feinen schwarzen Strichelchen gezierten oder gänzlich einfarbigen Hinterkopf, stärkeren Bart, breitere und bläulich gefärbte Säume der Rückenfedern, durchgehende, nicht aus Flecken bestehende Bänderung des Schwanzes, licht gilblich übertünchte Unterseite und kleinere Tropfenflecken auf derselben.

Der Würgfalk zählt nicht zu den deutschen Brutvögeln, sondern verbreitet sich über den Südosten unseres heimatlichen Erdtheils, insbesondere Niederösterreich, Galizien, Polen, Ungarn, die Donautiefländer, Südrußland und die Balkanhalbinsel, kommt außerdem geeigneten Ortes in ganz Mittelasien bis nach China hin vor, lebt ebenso in Armenien, Kleinasien, wahrscheinlich auch in Persien, und wandert im Winter bis Indien und Mittelegypten herab, brütet hier aber nicht. Nach Deutschland mag er sich öfters verfliegen; ein bestimmter Fall seines Vorkommens innerhalb der Grenzen unseres Vaterlands ist mir jedoch nicht bekannt. Erst jenseit unserer Grenzen, diesen zunächst in Böhmen, hat er gebrütet; in einem Auenwalde der Donauinseln bei Wien erlegte Kronprinz Rudolf von Oesterreich in unserer, Eugen von Homeyers und meiner, Gegenwart am zwanzigsten April 1878 ein Männchen am Horste, welches bereits vier Tage später durch ein anderes ersetzt war. Hierdurch dürfte der Beweis erbracht sein, daß der Vogel in Niederösterreich keineswegs selten auftritt.

In seinem Wesen, seinem Betragen und Gebaren ähnelt der Würgfalk dem Wanderfalken; doch unterscheiden ihn die arabischen Falkner genau von seinem Verwandten und sprechen ihm Eigenschaften zu, welche nach ihrer Versicherung letzterer nicht besitzt. Die jüngstvergangenen Tage haben mich belehrt, daß man den Falknern beistimmen muß. Gelegentlich eines Jagdausfluges des Kronprinzen, Erzherzog Rudolf von Oesterreich, nach Ungarn, an welchem wir, Eugen von Homeyer und ich, theilzunehmen das Glück hatten, sahen wir den Würgfalken mehrere Male, und wenn auch die Zeit mangelte, uns eingehender mit ihm zu befassen, konnten wir doch wesentliche Unterschiede zwischen ihm und dem Wanderfalken nicht verkennen. Sein Flugbild unterscheidet ihn auf den ersten Blick von der letztgenannten Art. Der im Vergleiche mit dem des Wanderfalken gestreckte Leib, der längere Schwanz und spitzigere, im Schulter- und Oberarmtheile aber breitere, daher im ganzen stark ausgebauchte Fittig sind Merkmale, welche vollkommen ausreichen, ihn mit aller Sicherheit anzusprechen. Er fliegt schneller als sein Verwandter, mehr dem Baum- als dem Wanderfalken gleich, bewegt rasch und heftig die Flügel, um nach mehreren Schlägen gleitend dahinzuschießen, und beschreibt, über dem Horste spielend, weite Kreise mit wundervoller Leichtigkeit, fast ohne Flügelschlag längere Zeit dahinschwebend. Von seiner Jagdlust lieferte uns das erwähnte Männchen einen Beleg. Der uns begleitende, auch als Schriftsteller wohlbekannte Forstmeister von Dombrowski lockte durch täuschende Nachahmung der Stimme einige Ringeltauben auf die Donauinsel, welche wir durchstreiften. Kaum hatten die Vögel sich erhoben, als der Würgfalk unter sie stieß. Erschreckt suchten die Tauben, alle Scheu vor uns vergessend, Zuflucht in den Wipfeln der um uns stehenden Bäume, und einen Augenblick später jagte der Falk zwischen ihnen hindurch. Pfeilschnell im buchstäblichen Sinne des Wortes war jetzt sein Flug und deutlich hörbar das Brausen, welches er hervorbrachte; aber so schnell er auch die Luft durchschnitt, das fast unfehlbar sichere Blei des fürstlichen Schützen ereilte ihn doch: er büßte seine Kühnheit mit dem Leben.

Ueber das Brutgeschäft sind wir zuerst durch Woborzil, welcher den Würgfalken an der Moldau als Brutvogel antraf, neuerdings aber durch Goebel und Holtz unterrichtet worden. Im Uman’schen Kreise in Südrußland, dem Beobachtungsgebiete Goebels, tritt der Würgfalk weit häufiger auf als der Wanderfalk und zählt unter die nicht seltenen Sommervögel des Landes. Sein Horst steht dort stets auf Bäumen, nicht auf Felsen, meist auf Eichen, ausnahmsweise auch auf Linden, gewöhnlich an von Feldern begrenzten Waldsäumen, ungefähr sechzehn Meter über dem Boden. Aeste und Zweige bilden den Unterbau, seines Reisig, etwas Laub und Blätter der Mispel die Auskleidung der flachen Mulde. Um die Mitte des April pflegt das aus fünf, seltener vier, zuweilen sechs, Eiern bestehende Gelege vollzählig zu sein. Die Eier, auch die eines Geleges, ändern, wie bei allen Falken, in Größe, Form und Färbung erheblich ab. Ihr größter Durchmesser beträgt einundfunfzig bis sechsundfunfzig, ihr kleinster vierzig bis zweiundvierzig Millimeter; die Färbung ist entweder gelblich oder weißlich; die Zeichnung besteht im ersteren Falle aus sehr dunklen, rothbraunen Flecken, welche mehr in größeren Wolken zerstreut hin und wieder die Grundfärbung frei zeigen oder im letzteren Falle gleichmäßig über das ganze Ei vertheilt sind und die Grundfärbung wenig durchscheinen lassen. Wie alle Edelfalken lieben beide Eltern die Brut in hohem Grade. Das Weibchen sitzt sehr fest auf den Eiern, entfernt sich gewöhnlich erst, wenn der Steiger am Baume emporklettert, verharrt oft so lange, bis derselbe nahe am Horste ist und umkreist dann sehr unruhig den Horstplatz, hält sich jedoch dann in gehöriger Entfernung von demselben. Holtz stimmt mit Goebel darin überein, daß er den Würgfalken als einen keineswegs scheuen Vogel bezeichnet. »Ich habe ihn während des Brutgeschäftes oft ganz ruhig auf dem Horstrande oder einem benachbarten Zweige sitzend sein Gefieder putzen sehen, ohne daß er die geringste Scheu zeigte«, sagt der erste, und »ich muß den Vogel eher zu den nichtscheuen als zu den scheuen Raubvögeln zählen; denn ich habe ihn z.B. zweimal im Frühlinge auf einzelstehenden Flurbäumen, die noch nicht belaubt waren, unterlaufen und geschossen«, versichert der letztgenannte. Auch in Niederösterreich und Ungarn haben wir den Würgfalken während der Brutzeit nur in Wäldern gefunden. Er horstete in den hauptsächlich aus Pappeln und Weiden bestehenden Auenwäldern bei Wien inmitten eines Reiher- und Scharbenstandes, wurde wiederholt in ähnlichen Beständen der Donauinseln Ungarns von uns beobachtet, fehlte aber auch den köstlichen Bergwaldungen der Fruschkagora nicht. Zu erwähnen ist, daß er seinen Horst selbst errichtet, mindestens ausbaut: das Weibchen des bei Wien horstenden Paares trug Reiser zu Neste. Anfang Mai wurde in einem Eichwalde Südungarns auf Befehl des Kronprinzen Rudolf ein Horst erstiegen und in ihm vier weißflaumige Junge, deren Schwingen und Steuerfedern bereits zu sprossen begannen, vorgefunden.

Ueber das Leben des Würgfalken in der Winterherberge berichtet Heuglin in malerischer Weise. »Wenn die auf den Lagunen und Sümpfen des Nildelta überwinternden Wasservögel anlangen, sammeln sich um sie gleichzeitig eine Menge von Falken und Adlern, namentlich Feldeggs- und Wanderfalken, Kaiseradler und Schreiadler, welche hier an frischer Beute nicht Mangel leiden. Mit ihnen erscheint auch hier und da der Sukhr. Bald hat er sich seinen Standort auf einer einzelstehenden Sykomore, Palme oder Akazie ausersehen, von welcher aus er seine Jagdbezirke überblicken kann. Erwacht der Tag und mit ihm der betäubende Lärm von tausenden in Flüge gescharten Gänsen, Enten, Strandläufern, welche auf Schilfinseln in den Lagunen oder im seichten freien Wasser einfallen, so verläßt auch der Würgfalk seinen Stand. Doch deckt dann noch ein dichter, niedriger Nebelschleier das Gewässer, was den Räuber in seinem Werke übrigens keineswegs hindert. Er streicht, meist ohne vorheriges Kreisen, in gerader Linie und niedrig auf einen munter schäkernden Flug von Enten zu. Nun erfolgt ein Augenblick lautloser Stille. Wasserhühner und andere schlechte Flieger ducken sich und tauchen im Nu unter, während die ihrer Fertigkeit in den Lüften bewußten Enten plötzlich aufsteigen und sich durch schleunige Flucht zu retten suchen. Jetzt steigt der Falk auch etwas, saust wie ein Pfeil dahin und erhascht entweder mit erstaunlicher Gewandtheit stoßend sein Schlachtopfer oder schlägt dasselbe mit den Fängen nieder und trägt es, oft verfolgt von kreischenden Milanen und Thurmfalken und ohne sich im mindesten um die Schreihälse zu bekümmern, auf den nächsten, etwas erhabenen, trockenen Platz, um es zu kröpfen. Zuweilen kreist er auch hoch in den Lüften und stürzt sich wie spielend auf hin- und herstreichen des Sumpfgeflügel, seinen Flug erst beschleunigend, wenn er die Beute gehörig ins Auge gefaßt hat. Letztere entgeht ihm selten, obgleich der Sukhr bei seiner Jagd viel weniger hastig und ungestüm zu Werke geht als seine Verwandten. Während der wärmeren Tageszeit bäumt er und zieht mit einbrechender Abenddämmerung ruhigen, geraden, etwas schleppenden Fluges seinem Nachtstande zu.« Ich darf dieser Schilderung unter der Maßgabe beistimmen, daß sie auch meinen Beobachtungen über das Winterleben des Wanderfalken in jeder Beziehung entspricht.

»Zur Gazellenjagd«, fährt Heuglin fort, »läßt sich nur der Würgfalk verwenden; die übrigen Edelfalken stoßen meist zu gewaltig und tödten sich oft selbst durch Zerschellen des Brustbeines. Aus diesem Grunde bezahlt man gut abgerichtete Würgfalken mit außerordentlichen Preisen.«

Bei unseren Falknern stand der Würgfalk in hohen Ehren und wurde dem Gerfalken fast gleich geschätzt. Geßner beschreibt ihn unter dem Namen »Sacker« oder »Kuppelaar« und beweist durch seine Darstellung, daß der Vogel schon um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts das Mißgeschick hatte, unter verschiedenen Namen aufgeführt zu werden: »Von den adelichen Falcken wirt der erste Falco Britannicus und Sacer, Aelius, Aeriphilus und mit viel andern Namen genennt.« – »Wir haben ohnlangst verstanden«, fährt unser alter Freund fort, »daß Maximilianus der Keyser, etliche auß den seinen zu hinderst in Poland geschickt habe, daß sie diß Falckengeschlecht auß ihren eignen Nestern genommen jm zubrachten, welche sie an diesen Orten auff nidern Bäumen nistend gefunden haben. Auß welchem man leichtlich abnemen mag, daß sie nicht den kleinen, sondern allein den grossen Vögeln auffsetzig sind. – Der Sackerfalcken (spricht Tardinus) sind drey Geschlecht. Das erste nennen die Assyrier und Babylonier Seph, das findet man in Egypto gegen Nidergang, und in Babylone, das fahet Hasen und Hindlein. Das ander Geschlecht Semy, von welchem kleine Rehböcklein gefangen werden. Das dritte Hynaion oder Strichling: darumb daß man nicht weiß wo er geboren werde. Er zeucht auch alle jar gegen Mittag. Er wirt in den Inseln gegen Auffgang gelegen, gefangen, als in Cypro, Creta und Rhodo: wiewohl man sie auch auß Reussen, Tartarey, und von dem grossen Meer zu uns bringet. Der wirdt für den adelichsten gehalten, so von farb rot, oder Taubengraw und von form und gestalt dem Falcken ähnlich ist, der ein dicke Zungen, und breite Füß hat, welches man an wenig Sackerfalcken findet, dicke Zeehen und heiter himmelblau geferbt. Dieser Vogel mag under allen Raubvögeln für auß Arbeit erleiden, ist darzu gütig und milt: er verdäwet auch leichtlicher harte und dicke speisen. Er raubt grosse Vögel, wilde Gänß, Kränch, Reigel, und fürauß vierfüssige Thiere, als Rehböcklein und dergleichen.« Vorstehende Worte beweisen wenigstens das eine, daß die Schriftsteller, denen Geßner seine Mittheilungen entnahm, keinen anderen als den Würgfalken meinen können. Schlegel hat sich aus diesem Grunde veranlaßt gesehen, letzterem den Namen Falco sacer beizulegen, und mehrere der neueren Vogelkundigen folgen seinem Vorgange, so wenig dies auch dem löblichen Gebrauche entspricht, das Recht des ersten Beschreibers zu wahren. Dieser aber ist Pallas, dessen unter Falco lanarius gegebene Kennzeichnung allein als maßgebend erachtet werden kann.

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