Der Säbelschnäbler in Brehms Tierleben

Säbelschnäbler (Brehms Tierleben)

Der Säbelschnäbler, Krumm-, Verkehrt- und Wasserschnabel, Schustervogel (Recurvirostra Avocetta, europaea, fissipes, sinensis und Helebi, Scolopax Avocetta), ist einfach, aber sehr ansprechend gezeichnet. Oberkopf, Nacken und Hinterhals, die Schultern und der größte Theil der Flügel sind schwarz, zwei große Felder auf den Flügeln, gebildet durch die kürzeren Schulterfedern, die hinteren Armschwingen, die Deckfedern der Handschwingen und das übrige Gefieder weiß. Das Auge ist röthlichbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß aschblau. Bei den Jungen spielt das Schwarz ins Bräunliche, und wird der Flügel durch rostgraue Federkanten gezeichnet. Die Länge beträgt dreiundvierzig, die Breite vierundsiebzig, die Fittiglänge zweiundzwanzig, die Schwanzlänge sieben Centimeter.

Man hat den Säbelschnäbler von Mitteleuropa an fast überall in der Alten Welt gefunden. Er bewohnt die Küsten der Nord- und Ostsee sowie die Salzseen Ungarns und Mittelasiens und durchwandert von hier aus Südeuropa und Afrika bis zum Vorgebirge der Guten Hoffnung, von dort aus Südchina und Indien. Wo er vorkommt, tritt er meist in namhafter Anzahl auf. In unseren Gegenden erscheint er im April; seinen Rückzug beginnt er im September.

Er ist ein echter Seevogel; denn er verläßt die Küste des Meeres selten und, falls es wirklich einmal freiwillig geschieht, nur dann, wenn er einen salzigen oder doch brackigen See aufsuchen will. Im Binnenlande gehört er zu den Seltenheiten. Seichte Meeresküsten oder Seeufer, deren Boden schlammig ist, bilden seine Aufenthaltsorte; daher kommt es, daß ihn in einzelnen Gegenden jedermann kennt, während er wenige Kilometer davon als fremdartig erscheint. Im Meere wechselt er, laut Naumann, seinen Aufenthalt mit der Ebbe und Flut. Wenn erstere die Watten trocken gelegt hat, sieht man ihn oft mehrere Kilometer weit von der eigentlichen Küste, während er vor der Flut zurückweichend, nur am Strande sich aufhält. Er gehört zu denjenigen Seevögeln, welche jedermann auffallen müssen, weil sie eine wahre Zierde des Strandes bilden. Bei ruhigem Gehen oder im Stehen hält er den Leib meist wagerecht und den dünnen Hals Sförmig eingezogen. Sein Gang ist leicht und verhältnismäßig behend, obgleich er selten weitere Strecken in einem Zuge durchläuft, sein Flug zwar nicht so schnell wie der der Strandläufer, aber immer doch rasch genug und so eigenthümlich, daß man den Vogel in jeder Entfernung erkennen kann, da die hohen, herabgebogenen Flügel, welche mit weit ausholenden Schlägen bewegt werden, der eingezogene Hals und die langen, geradeausgestreckten Beine bezeichnend sind. Den sehr ausgebildeten Schwimmhäuten entsprechend, bewegt er sich auch in größerer Tiefe der Gewässer, schwimmt leicht und gewandt und thut dies oft ohne besondere Veranlassung. Die pfeifende Stimme klingt etwas schwermüthig, keineswegs aber unangenehm, der Lockton ungefähr wie »Qui« oder »Dütt«, der Paarungsruf klagend, oft und rasch wiederholt »Kliu«, so daß er zu einem förmlichen Jodeln wird.

Gewöhnlich sieht man den Säbelschnäbler im Wasser, stehend oder langsam umhergehend, mit beständig nickender und seitlicher Bewegung des Kopfes Nahrung suchend, nicht selten auch gründelnd, wobei er nach Entenart mehr oder weniger auf dem Kopfe steht. Der sonderbare Schnabel wird anders gebraucht als von den übrigen Sumpfvögeln, wie Naumann sagt, »säbelnd, indem ihn der Vogel ziemlich rasch nach einander seitwärts rechts und links hin- und herbewegt und dabei die im Wasser schwimmende Nahrung, welche durch die Leisten an der inneren Schnabelfläche festgehalten wurde, aufnimmt. Der Schustervogel durchsäbelt auf diese Weise, langsam fortschreitend, die kleinen Pfützen, welche sich während der Ebbe auf den schlammigen Watten erhalten und von kleinen lebenden Wesen buchstäblich wimmeln, und wenn er mit dem Ausfischen einer solchen fertig ist, geht er an eine andere. Oft beschäftigt er sich mit einer einzigen eine Stunde lang und darüber. Gewöhnlich steckt er, wenn er anfängt, den Schnabel geradezu ins Wasser oder in den dünnflüssigen Schlamm und schnattert damit einige Augenblicke wie eine Ente, säbelt aber hierauf gleich los. Letztere Bewegung dient übrigens, wie man angefangenen Verkehrtschnäblern beobachten kann, nur dazu, um den Schlamm aufzuwühlen und Beute frei zu machen, nicht aber, um sie in den Rachen zu spielen. Einige wenige sah ich auch im Sumpfe so über die kurzen, nassen Gräser säbelnd hinfahren, oder im Wasser schwimmende Geschöpfe fangen«. Ich habe dieses Säbeln oft und genau beobachtet, glaube aber, daß die Verkehrtschnäbler in schlammigen Seen doch noch öfter gründeln, also nach Entenart den Schlamm durchschnattern, als säbeln.

Der Säbelschnäbler ist, weil er stets in Gesellschaft lebt, auch überall scheu und flieht den Menschen unter allen Umständen. Wenn man sich der Stelle nähert, wo hunderte dieser Vögel eifrig beschäftigt sind, ihre Nahrung aufzunehmen, bemerkt man, daß auf den ersten Warnungsruf hin alle unruhig werden und nun entweder wadend und schwimmend dem tieferen Wasser zustreben, oder fliegend sich erheben und erst wieder zur Ruhe kommen, wenn sie sich außer Schußweite wissen. Gegen andere Vögel zeigen sie keine Zuneigung. Ein einzelner wird niemals von dem kleinen Strandgewimmel zum Führer erkoren, und wenn sich einer unter anderen Vögeln niederläßt, benimmt er sich durchaus unabhängig von der Gesellschaft; nur mit dem Stelzenläufer findet, wie schon bemerkt, ein einigermaßen freundschaftliches Verhältnis statt. Die Ursache dieser Zurückhaltung sucht Naumann, und gewiß mit Recht, weniger in dem mangelnden Geselligkeitstriebe als in der eigenthümlichen Nahrungsweise.

Bald nach ihrer Ankunft trennen sich die Schwärme in Paare und vertheilen sich auf den Niststellen, am liebsten auf Flächen, welche mit kurzgrasigem Rasen bedeckt sind und von Austerfischern, Wasser- und Strandläufern, Meerschwalben, Silbermöven usw. ebenfalls zum Nisten benutzt werden, seltener auf Feldern mit jungem oder aufgegangenem Getreide, immer aber auf Strecken unweit der Seeküste. Das Nest ist eine unbedeutende, mit einigen trockenen Hälmchen oder Gewurzel ausgelegte Vertiefung; das Gelege besteht in der Regel aus vier, manchmal aus drei, zuweilen nur aus zwei Eiern von ungefähr achtundvierzig Millimeter Längen-, siebenunddreißig Millimeter Querdurchmesser, birn- oder kreiselförmiger Gestalt, zarter, glanzloser Schale, licht rost- oder olivengelblicher Grundfärbung und einer aus mehr oder weniger zahlreichen schwarzgrauen und violetten Flecken und Punkten bestehenden Zeichnung. Beide Geschlechter brüten abwechselnd etwa siebzehn bis achtzehn Tage lang, zeigen sich ungemein besorgt um die Brut, umfliegen mit kläglichem Schreien den Menschen, welcher sich dem Neste nähert, und führen die Jungen, sobald sie völlig abgetrocknet sind, einer Bodenfläche zu, welche ihnen Versteckplätze bietet, später an große Pfützen und endlich, wenn sie zu flattern beginnen, an die offene See.

Gefangene beanspruchen sorgsame Pflege und reich mit Kerbthierlarven oder Ameisenpuppen versetztes Futter, dauern unter solchen Umständen aber jahrelang im Käfige aus.

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