Der Nandu in Brehms Tierleben

Nandu (Brehms Tierleben)

Unter den drei bekannten Arten ist der Pampastrauß oder Nandu (Rhea americana, Struthio Rhea) der bekannteste und verbreitetste. Die Federn des Oberkopfes, Oberhalses, Nackens und der Vorderbrust sowie die Zügelborsten sind schwarz, die der Halsmitte gelb, die der Kehle, Backen und oberen Halsseiten heller bleigrau, die des Rückens, der Brustseiten und Flügel bräunlich aschgrau, die der übrigen Untertheile endlich schmutzigweiß. Das Auge ist perlgrau, der nackte Theil des Gesichtes fleischfarben, der Schnabel horngraubraun, der Fuß grau. Das Weibchen unterscheidet sich hauptsächlich durch die lichtere Färbung der Federn des Nackens und der Vorderbrust. Beim männlichen Vogel beträgt die Länge gegen anderthalb, die Breite gegen dritthalb Meter. Ein altes Weibchen, welches Prinz von Wied untersuchte, war einhundertachtunddreißig Centimeter lang, zweihundertundzwanzig Centimeter breit.

Der Verbreitungskreis des Nandu dehnt sich über die Steppenländer des südlichen Amerika aus. Als eigentliche Heimat darf man das Pampasgebiet zwischen dem Atlantischen Weltmeere und der Cordillera, von den Urwaldungen Bolivias, Gran Chacos, Paraguays und Brasiliens an bis nach Patagonien oder mit einem Worte, die Staaten des Rio de la Plata bezeichnen. Als echter Steppenvogel vermeidet er so wohl wirkliche Berge wie den eigentlichen Urwald; in den Hügelländern aber wird er ebenso häufig gefunden wie in der Ebene; auch die lichteren Algarobenwälder sowie die inselartig in dem Grasmeere liegenden Myrten- und Palmenhaine besucht er sehr gern. In der Pampa oder Steppe gibt es wenige Striche, wo er gänzlich fehlt.

Ein Hahn lebt mit fünf bis sieben, selten mehr oder weniger Hennen in gesonderter Familiengruppe, innerhalb des von ihm gewählten und gegen andere seines Geschlechtes behaupteten Standes. Nach der Brutzeit scharen sich aber mehrere solcher Familien zusammen, und dann kann es geschehen, daß man Herden sieht, welche aus sechzig und mehr Stück bestehen. So fest das Familienband ist, so losen Zusammenhang haben diese Zusammenrottungen. Zufällige Umstände trennen die Schwärme, und es schlagen sich dann deren Theile mit dem nächsten weidenden Trupp wieder zusammen. Uebrigens entfernen sich die Nandus kaum über zwei englische Meilen weit von ihrem Geburtsorte, wie dies Böcking, dem wir, so weit mir bekannt, die beste Lebensschilderung des Vogels verdanken, sehr genau an einem verwundeten, aber wieder geheilten, dessen rechter Flügel herabhing, beobachten konnte. »Dieser, von den Peonen ›der Geschädigte‹ genannte Pampastrauß war oft tagelang von meinem Beobachtungsorte aus nicht zu sehen, wurde aber dafür dann in dem Reviere unserer Nachbarn auf zwei Leguas bemerkt und kam mit mehr oder weniger Gesellschaft doch immer zurück.« Im Herbste sucht der Nandu die mit Gestrüpp bewachsenen Stromufer oder Niederungen auf, der Myrten- und anderen Beeren wegen, oder er zieht sich da, wo es kein Strauchwerk gibt, in die Distelwälder zurück, welche, der Liebhaberei der ersten spanischen Ansiedler für die Disteln als Küchen- und Gartengewächs ihre Entstehung verdankend, jetzt in der Pampa den Reisenden wie den Viehzüchtern zum größten Verdrusse viele tausend Geviertmeilen Landes bedecken und von Jahr zu Jahr an Ausdehnung zunehmen. Zur Winterszeit steht der Vogel gern auf solchen Strichen, welche von Viehherden regelmäßig begangen werden, weil hier das Gras immer kurz gehalten wird und deshalb zarter ist als anderswo. Um diese Zeit sind diejenigen Stellen, auf denen das Vieh von allen Richtungen her, der Uebersicht halber, tagtäglich zusammengetrieben wurde und den Boden reichlich düngte, seine Lieblingsstände.

Auch der Nandu ist ein vortrefflicher Läufer, welcher das beste Pferd ermüdet und verwirrt, da er nicht bloß äußerst schnell dahinrennt, sondern ebenso mit bewunderungswürdiger Gewandtheit Haken zu schlagen versteht. Während der Paarungszeit zeigt er sich äußerst lebhaft und Tag und Nacht in Bewegung; während der Dürre hält er, wie alles Wild und Vieh, mittags drei bis vier Stunden Ruhe, holt aber diese Zeit, obgleich ein echtes Tagthier, in den erfrischenden Nächten nach. Seine gewöhnliche Schrittweite beträgt, laut Böcking, funfzig bis sechzig Centimeter. Wenn er mit gelüfteten Flügeln, noch immer scheinbar nachlässig, dahintrabt, legt er mit jedem Schritte einen Meter zurück; verfolgt, greift er weit aus, macht Sätze von anderthalb Meter und bewegt seine Beine so schnell, daß man die einzelnen Schritte nicht mehr unterscheiden kann. Oft weicht er plötzlich mitten im Jagen von der geraden Linie bis zu einem Winkel von fünfundzwanzig bis dreißig Grad ab, wobei er einen Flügel hoch aufhebt und den anderen andrückt, dann stürmt er wieder mit rasender Eile gerade aus. Erdrisse von drei Meter Breite überspringt er mit Leichtigkeit, während des Sprunges einen Augenblick lang mit den Flügeln flatternd; steile Ufer aber meidet er sorgfältig, weil ihm das Erklimmen derselben schwer wird. Darwin berichtet, daß er Nandus zweimal über den Fluß Santa Marta schwimmen sah und ein Herr King solches öfters beobachtet habe; Böcking hingegen versichert, daß er niemals einen unserer Vögel im tiefen Wasser bemerkt, ja sich vergeblich bemüht habe, ihn mit Gewalt in einen tiefen, nicht eben breiten Strom zu jagen. »Er überwand eher seine Schüchternheit und durchbrach unsere Linie, als daß er sich zu einem Schwimmversuche entschlossen hätte oder auch nur bis an den Hals ins Wasser gegangen wäre. Dem Wasser weicht er überhaupt ängstlich aus, und niemals habe ich einen auf den unzähligen Inseln des Uruguay oder Parana gesehen, mochten dieselben dem Ufer auch noch so nahe liegen und der Wasserstand so niedrig wie möglich sein. Er badet sich auch niemals im Wasser, sondern paddelt sich im Staube, wie ein echter Hühnervogel.«

Der von den Indianern gegebene Name ist ein Klangbild des weit hörbaren Rufes, welchen der Hahn zur Balzzeit ausstößt. Wenn die Paarungszeit vorüber ist, hört man von beiden Geschlechtern einen pfeifenden, anschwellenden und abfallenden Laut, welcher Sammlung der Gesellschaft zu bezwecken scheint. Junge piepen wie Truthühner. Schmerzens- oder Schreckenslaute hat Böcking nicht vernommen; im Zorne aber fauchen die Nandus in schwer zu beschreibender Weise.

Mit Ausnahme des Geschmackes sind alle Sinne des Nandu scharf und auch die geistigen Fähigkeiten keineswegs gering. Der Vogel ist, laut Böcking, ein feiner Beobachter und weiß sich nach den Umständen zu richten. In der Nähe der Wohnungen friedlicher Ansiedler, welche ihm Ruhe lassen, wird er so vertraut, daß er sich unter Pferde und Rinder mengt und Menschen und Hunden eben nur aus dem Wege geht. Den Gaucho hingegen flieht er ängstlich und wendet alle ihm zu Gebote stehende List an, um jenes Aufmerksamkeit zu entgehen. Niemals sieht man ihn um die Ranchos eines Eingeborenen und unter dessen Vieh nur in angemessener Entfernung; häufiger bemerkt man ihn zwischen den Rudeln des scheuen Steppenhirsches, und man kann dann beobachten, wie bald ein Strauß, bald ein Hirsch sichernd den Kopf emporhebt, und wie beide zusammen beim leisesten Anscheine von Gefahr nach einer und derselben Richtung hin entfliehen. Eine Horde Indianer versetzt ihn in namenlose Angst. Vor ihr flüchtet er, stundenlang eiligst laufend, theilt seine Bestürzung anderen Trupps mit, welche an der Flucht theilnehmen, und bringt selbst Pferde- und Rinderherden in Bewegung. In entfernten Gegenden, wo er selten Menschen zu sehen bekommt, zeigt er vor dem Reiter, nicht aber vor dem Fußgänger, Scheu, und es scheint fast, als ob er den letzteren gar nicht zu schätzen weiß. Der Jäger, welcher auf Händen und Füßen unter dem Winde möglichst nahe an eine Nanduherde herankriecht, sodann, auf dem Bauche liegend, mit einem Tuche hin-und herschwenkt, erregt bald die Aufmerksamkeit der Vögel; denn diese sind höchst neugierig und können der Verlockung nicht widerstehen, von der ihnen unbekannten Erscheinung sich zu vergewissern. Ihr Mißtrauen bleibt allerdings stets wach; aber die Neugierde überwiegt, und bald sieht der Jäger die ganze Gesellschaft, den Hahn voran, mit langen Hälsen und vorsichtig auftretend, sich nähern. Dabei gehen sie hin und her, bleiben kurze Zeit stehen, weiden selbst; wenn aber der Jäger die Geduld nicht verliert, nahen sie sich schließlich doch bis auf wenige Schritte.

Während der Regenzeit äst sich der Nandu vorzugsweise von Klee und Kerbthieren; später sucht er jene schon erwähnten Stellen auf, welche das Vieh düngte. Für die aus Europa eingeführten Nutzgewächse zeigt er eine seinen Geschmack ehrende Vorliebe, und wenn ein Trupp die Alfalfafelder oder den Gemüsegarten eines Ansiedlers entdeckt, »so gibt es zu hüten, wenn noch ein grünes Blatt übrig bleiben soll«. Dagegen bringt er auch wieder Nutzen, indem er klettenartige Samen, den Fluch des Viehzüchters, gern verzehrt, solange dieselben noch grün sind. »Wer einen einzigen Nandumagen im December untersucht hat«, sagt Böcking, »weiß, in welchen Massen der Pampastrauß diesen Samen verzehrt, und schon deshalb allein verdient er die Schonung allgemein, welche ihm der denkende Landbesitzer bereits angedeihen läßt.« Zu jeder Zeit und in jedem Alter frißt er Kerbthiere der verschiedensten Art, nach Versicherung der Gauchos auch Schlangen und andere kleine Kriechthiere, und behufs der Verdauung nimmt er, wie die Hühner, Steinchen zu sich. Er trinkt selten; es scheint also, als ob der Thau und Regen ihm längere Zeit genügen könne; wenn er aber an ein Wasser kommt, schöpft er mit dem Schnabel und läßt das Wasser durch Emporhalten des Kopfes in den Schlund hinabfließen, wie die Hühner thun. Gefangene trinken regelmäßig.

Mit Beginn des Frühlings, auf der südlichen Halbkugel also im Oktober, sammelt der Nanduhahn, welcher nach Ablauf des zweiten Jahres fortpflanzungsfähig wird, drei bis sieben, in seltenen Fällen mehr Hennen um sich und vertreibt andere Hähne durch Schnabelhiebe und Flügelschläge aus seinem Bereiche. Vor dem Weibchen führt er, wie wir an unseren gefangenen beobachten können, höchst sonderbare Tänze auf. Er schreitet mit weit ausgebreiteten, herabhängenden Flügeln hin und her, beginnt zuweilen plötzlich außerordentlich schnell zu rennen, schlägt mit unübertrefflicher Gewandtheit drei oder vier Haken nach einander, mäßigt seinen Lauf und stolzirt würdevoll weiter, beugt sich etwas hernieder und fängt das alte Spiel von neuem an. Dabei stößt er ein dumpfes, brüllendes Geschrei aus, gibt überhaupt in jeder Hinsicht lebhafte Erregung kund. In der Freiheit zeigt er unter diesen Umständen seinen Muth und seine Kampflust bloß anderen Männchen gegenüber; in der Gefangenschaft fällt er seinen Wärter oder überhaupt alle Menschen an, welche er kennt, versucht, ihnen Schnabelhiebe beizubringen und schlägt auch wohl, wie der afrikanische Strauß, heftig mit den Füßen aus. Bodinus beobachtete an einem von ihm gepflegten Paare, daß der Hahn sich hin und wieder auf einen bestimmten Fleck setzte und dadurch, ohne daß man ein Scharren bemerken konnte, allmählich eine Vertiefung bildete, in welche er ausgerissenes dürres Gras in der Weise warf, daß er im Dahinschreiten die Halme hinter sich schleuderte, und dies so lange fortsetzte, bis dieselben in die Nähe der Vertiefung gelangten. Alsdann hier wieder Platz nehmend, ordnete er die Stoffe nach bestem Ermessen, wenn auch ziemlich unordentlich und verworren. Das Weibchen bekümmerte sich nicht um dieses Treiben. In der Pampa findet man, laut Böcking, noch vor dem Brüten, welches von der Mitte des December an beginnt, einzelne Eier, welche dort Findlinge genannt werden; sie rühren von den zuerst befruchteten Hennen her, welche Legenoth überraschte, bevor noch das Männchen für einen Nestplatz sich entschieden hatte. Das Nest ist hier stets eine flache Aushöhlung an einem der Ueberschwemmung nicht ausgesetzten und auch übrigens trockenen Orte, welcher möglichst verborgen und seitlich von Disteln oder hohem Grase beschützt wird. Allermeist sind es die Löcher, welche die wilden Stiere austiefen, indem sie sich mit dem Schulterblatte auflegen und vermittels der Hinterbeine um ersteres drehen, in der Absicht, der Biesfliegenlarven in ihrer Haut sich zu entledigen. Findet der Hahn solche Mulde nicht vor, so scharrt er nur an einer ihm zusagenden Stelle den Pflanzenüberzug weg, füttert dieselbe nothdürftig am Boden und Rande mit einigen Grashalmen aus und läßt seine Weibchen sieben bis dreiundzwanzig Eier hineinlegen. Azara erzählt, daß man zuweilen siebzig bis achtzig Eier in einem Neste finde, und Darwin gibt wenigstens ihrer vierzig bis funfzig als höchste Anzahl an; Böcking hingegen sagt, daß die Gauchos wohlbehaupteten, es gäbe Gelege bis funfzig Stück, er selbst aber niemals mehr Eier als dreiundzwanzig und im Durchschnitte dreizehn bis siebzehn in einem Neste gefunden habe. Um das Nest herum, von seinem Rande an bis zum Abstande von funfzig Schritten, findet man stets Findlinge, welche frischer als die Nesteier sind. Die Eier selbst sind von sehr verschiedenem Umfange, da sie von Gänseeiergröße bis zum Durchmesser von dreizehn Centimeter nach der Längenaxe abändern. Die Färbung des Eies ist ein mattes Gelblichweiß; die Zeichnung besteht aus kleinen grüngelben Pünktchen, welche die großen Poren umgeben. Sobald aber das Ei der Sonne ausgesetzt wird, verbleicht es rasch, und bereits nach acht Tagen sieht es schneeweiß aus. Nachdem das Nest seine Eierzahl erhalten hat, besorgt das Männchen das Brutgeschäft allein. Die Hennen entfernen sich sogar von denselben bleiben aber immer zusammen und innerhalb des früher vom Hahne behaupteten Gebietes. Letzterer sitzt während der Nacht und in den Morgenstunden, bis der Thau abgetrocknet ist, über den Eiern, verläßt dann jedoch in unregelmäßigen Abständen, welche sich nach der Wärme richten, das Nest, um zu weiden. Diese Zwischenräume können ohne Schaden für die Entwickelung des Keimlings sehr groß sein; Böcking beobachtete eine vierstündige Abwesenheit des Nandu vom Neste und erfuhr später, daß die Eier dadurch nicht gelitten hatten. Anfangs sitzt der Hahn nur lose und schleicht sich beim geringsten verdächtigen Geräusche still abseits, bis die Gefahr vorüber; später hingegen brütet er sehr eifrig und schnellt erst, meist zum großen Schrecken des Pferdes, dicht vor dem Reiter empor. Bei solchem jähen Auffahren geschieht es, daß er einzelne Eier zertritt und andere aus dem Neste wirft, während er sonst sehr vorsichtig verfährt. Seine Liebe zu den Eiern offenbart er zunächst dadurch, daß er mit ausgebreiteten Flügeln und krausem Gefieder dem Reiter entgegentritt, sodann, nachdem er sich besonnen, im Zickzacke und hinkend langsam wegläuft, also die Verstellungskünste aller Vögel nachahmt, um die Aufmerksamkeit von seiner Brut ab und auf sich hinzulenken. Einen öfteren Besuch sieht er zwar nicht gern, verläßt aber das Nest, so lange es nicht wirklich zerstört wurde, nur in seltenen Fällen und duldet sogar, daß einzelne Eier weggenommen werden. Gegen Stinkthiere, Beutelratten und Schlangen soll er die Eier muthig und erfolgreich vertheidigen; doch hat Böcking niemals ein getödtetes Raubthier in der Umgebung seines Nestes bemerkt, wohl aber dicht daneben zerstörte Findlinge gesehen.

An seinen gefangenen Pampastraußen beobachtete Bodinus, daß sich das Weibchen nur während des Legens zum Neste begab, und daß dieses lediglich vom Männchen überwacht wurde. Letzteres ließ sich hin und wieder auf den Eiern minutenlang nieder, stand hierauf unruhig wieder auf, wälzte jene hin und her, drängte sie aus dem Neste, zog sie mit dem Schnabel wieder herein usw., verließ aber schließlich das Nest fast gar nicht mehr und verstattete auch dem Weibchen, welches mit Legen fortfuhr, durchaus nicht, dasselbe einzunehmen. Die Henne mußte sich begnügen, ihre Eier neben das Nest zu legen, und der Hahn zog diese sofort zu sich ins Nest herein. »Die Legezeit der Brut«, berichtet der genannte, »begann zu Ende des Mai. Das Weibchen legte in der Nähe der vom Männchen ausgeführten, mit Grashalmen spärlich belegten Vertiefung in Zwischenräumen von je zwei Tagen elf Eier, welche ich bis auf eines fort nahm, um ein gleichzeitiges Auskommen der Jungen zu erzielen. Nachdem acht Eier gelegt waren, brachte ich alle ins Nest zurück, und nachdem das neunte zu Tage gefördert war, begann das Männchen, welches die Eier vielfach gewendet und hin- und hergeschoben hatte, zu brüten. Zwei Eier legte das Weibchen noch neben das Nest, und auch sie wurden vom Männchen herbeigeholt und unter den Körper gebracht. Nicht nur bei meiner Annäherung blieb dasselbe ruhig sitzen, sondern ich konnte ihm auch, ohne daß es sehr beunruhigt worden wäre, Eier unter dem Leibe fortnehmen und untersuchen. Der fortwährend vom Himmel strömende Regen ließ mich für die Gesundheit des brütenden Vogels fürchten; allein das Gesträuch, neben welchem das Nest angelegt war, gewährte doch einigen Schutz, und so kam denn endlich nach Verlauf von sechs Wochen, genauer neununddreißig Tagen, ein kleiner Strauß zur Welt. Er fand die ersten Tage das warme Plätzchen unter den Füßen des Herrn Papa so behaglich, daß von ihm nur das Köpfchen zu sehen war, welches er bisweilen zwischen Flügel und Körper des alten Vogels hervorstreckte. Kam er ja einmal zum Vorscheine oder wurde von mir hervorgeholt, so lief er eilig wieder auf den Vater zu. Derselbe hob sorgfältig einen Flügel, und im Nu war das junge Thier darunter geschlüpft. Zwei Tage war der kleine Bursche ohne Nahrung. Es verursachte mir dies gar keine Sorge; ich dachte mir, daß er schon kommen und suchen würde, sobald der Magen einiges Verlangen spürte. Und so geschah es auch. Am dritten Tage kroch der kleine Weltbürger wiederholt unter den Flügeln hervor und fing an zu suchen. Kleine Hälmchen und Sandkörnchen wurden aufgelesen, und bald machte er sich auch an die ihm vorgeworfenen Semmelkrumen. Vom Neste entfernte er sich nur ungern, und der alte Vogel brütete noch emsig fort auf einigen Eiern, welche ich ihm gelassen, weil an der Möglichkeit, Junge daraus zu erhalten, noch nicht gezweifelt werden durfte. Nachdem ich endlich, vier bis fünf Tage später, alle Hoffnung aufgegeben, entfernte ich jene und veranlaßte den alten Vogel, welcher, seitdem er ein Junges hatte, das Nest gar nicht mehr verließ und gemeinschaftlich mit seinem Kinde das vorgeworfene Weißbrod verspeiste, aufzustehen. Er begann nun auch, gefolgt von dem jungen Thiere, umherzugehen und zu grasen. Das Junge sammelte genießbares von der Erde auf, pflückte Grasspitzen ab und fing an, auf Fliegen zu jagen, während es Ameiseneier und Fleischstückchen verschmähte. Wiederholt am Tage und regelmäßig abends zogen sich Vater und Kind auf ihr Nest zur Nachtruhe zurück, und erst später ließ sich der erstere an beliebigen Stellen des Gartens zum Ausruhen nieder. Sogleich nahm der junge Vogel sein warmes Plätzchen unter dem Flügel des Alten wieder ein und streckte, sobald sich ein auffallendes Geräusch erhob, neugierig das Köpfchen hervor.« Das Junge trug ein graues Dunenkleid mit dunklen Längsstreifen, hatte etwa die Größe eines starken Rebhuhnes, aber selbstverständlich längere Beine und einen verhältnismäßig langen Hals. In den letzten Jahren hat Bodinus in Berlin alljährlich Nandus gezüchtet und dabei erfahren, daß sie gediehen, wenn er sie möglichst sich selbst überließ und sie auch bei ungünstiger Witterung nicht in den Stall brachte, wogegen sie an Lähmung der Füße zu leiden begannen und endlich eingingen, wenn er umgekehrt verfuhr. Das Männchen brütete in allen Fällen allein; das Weibchen durfte aber in seiner Gesellschaft belassen werden, ohne die Jungen zu belästigen.

Auch in Südamerika ist die Ansicht ziemlich allgemein verbreitet, daß die Findlinge zu der ersten Nahrung der Jungen dienen. Böcking bezweifelt die Wahrheit der Behauptung aus dem Grunde, weil kein Beobachter für sie einstehen kann, und die Jungen sobald sie fähig sind, zu stehen, Kerbthiere fangen, an solchen auch während dieser Zeit durchaus kein Mangel ist.

In Südamerika schlüpfen die ersten jungen Nandus im Anfange des Februar aus, im Norden etwas früher, im Süden später. Sie wachsen erstaunlich rasch und sind schon nach Verlauf von zwei Wochen einen halben Meter hoch. Am dritten oder vierten Tage ihres Lebens soll kein Mensch mehr im Stande sein, sie im freien Felde einzuholen; früher aber ist dies möglich, weil sie sich, wenn sie gejagt werden, platt auf den Boden drücken. Ungefähr fünf Wochen lang folgen sie dem Vater allein; nach und nach gesellen sich auch wieder die Weibchen der Familie. Im Herbste, also im April oder im Mai, hat der junge Nandu sein Flaumkleid schon mit dem ersten, schmutzig gelbgrauen Federkleide vertauscht. Die jungen Hähne lassen sich an ihrem stärkeren Wuchse bald unterscheiden; in jeder Herde aber findet man einige Küchlein, welche verkümmert, d.h. sehr klein sind.

Böcking nimmt an, daß man die Lebensdauer des Nandu auf vierzehn bis funfzehn Jahre schätzen könne, und glaubt, daß viele von ihnen an Altersschwäche sterben, da er zur Winterzeit öfters einzelne antraf, welche im Verenden waren, aber keine Spur äußerer Verletzung oder innerer Vergiftung an sich trugen. Unter den Thieren hat der Nandu wenig gefährliche Feinde. Es wird zwar hier und da ein erwachsener die Beute des Kuguars oder ein junger von einem Fuchse oder Adler weggenommen; diese Fälle dürften jedoch selten sein, nicht einmal das Zerstören des Nestes oft vorkommen. Ergötzlich ist die Abneigung, welche der amerikanische Sporenkiebitz gegen den Strauß an den Tag legt, obgleich dieser ihm gewiß niemals ein Leid zufügt. Nähert sich ein Nandu dem Stande eines solchen Kiebitzpaares, so stoßen beide Gatten des letzteren unter unaufhörlichem Geschreie wie Krähen auf einen Falken herab. Eine Zeitlang unterhält dies den Riesen, und er weicht nur durch Seitensprünge und Flügelschwenken den Stößen aus; nach und nach aber wird ihm die Hartnäckigkeit seiner Quäler doch lästig, und er entfernt sich. Empfindlicher plagen ihn eine Zecke und ein Eingeweidewurm, welchen man zu jeder Zeit des Jahres bei ihm findet. Feuer und Mensch sind die gefährlichsten Feinde des Nandu. Gerade zur Zeit, wo die Vögel brüten, pflegen die Hirten bei frischem Winde die Steppe anzuzünden, um das vorjährige trockene Stroh zu entfernen. Ein solcher Steppenbrand scheucht alle Thiere in die feuchten Niederungen, zerstört sehr viele schädliche, aber auch eine Masse von Nestern der verschiedenen Erdbrüter. Der Steppenbewohner sammelt ohne Rücksicht alle Nandueier, deren er habhaft werden kann, schätzt jedes funfzehn Hühnereiern gleich, öffnet die Spitze, gießt das Weiße, welches einen groben Geschmack besitzt, ab, thut etwas Fett, Pfeffer und Salz ins Innere und kocht den Dotter unter beständigem Umrühren in der eigenen Schale. Um ein Ei im Wasser hart zu sieden, wie die Europäer gewöhnlich thun, bedarf es vierzig Minuten Zeit. Das Wildpret ist grob wie Pferdefleisch, hat auch die Färbung des letzteren, wird aber doch von den Indianern gegessen, wogegen die Europäer nur die schmackhaften Jungen genießen; das reichlich vorhandene ölige, dünnflüssige Fett eignet sich frisch vortrefflich zum Küchengebrauche, hält sich aber ebenfalls nicht lange und ist, erst ranzig geworden, nicht einmal mehr tauglich zur Schmiere. Aus der Halshaut fertigen sich die Gauchos kleine Säcke zu verschiedenen Hauszwecken; aus den sehr biegsamen, des Bartes entkleideten Federschaften bereiten die Knaben Schlingen, in denen sie die Steißhühner fangen, oder die Erwachsenen geflochtene zierliche und starke Reitzeuge, weben auch wohl schöne Fußteppiche davon. Außerdem dienen die Federn zu Staubwedeln, die besten und längsten aber zum Schmucke.

Die Jagd wird auf verschiedene Weise ausgeübt. Indianer und Gauchos verfolgen den Nandu zu Pferde und erlegen ihn mit Wurfkugeln oder hetzen ihn durch Hunde, weniger der zu erlangenden Beute selbst wegen, als vielmehr, um die Schnelligkeit und Ausdauer ihrer herrlichen Pferde und die eigene Geschicklichkeit in der Handhabung ihrer Wurfkugeln zu erproben. Zu solcher Jagd versammeln sich mehrere Reiter, suchen unter dem Winde die Vögel auf, nähern sich im Schritte, so weit sie können, und beginnen das Rennen, sobald die Nandus unruhig werden. Zunächst sucht man ein Stück von der Herde zu trennen und verfolgt nun dieses allein. Trotz aller Listen sind die Gauchos in kürzester Zeit dicht hinter ihm, und derjenige Reiter, welcher ihm zur Linken dahin sprengt, schleudert die Kugeln, worauf einen Augenblick später der Nandu, einem riesigen Federklumpen vergleichbar, über den Boden rollt und durch die Gewalt des eigenen Laufes getödtet wird. Fehlt der eine, so tritt der andere Reiter ein; wenn es also dem gehetzten Thiere nicht gelingt, einen Sumpf zu erreichen, in welchem die Pferde stecken bleiben, oder ein Gebüsch, in dem die Wurfkugeln nicht gebraucht werden können, ist es jedesmal verloren. Zum Hetzen bedient man sich einer Blendlingsrasse von großen Metzger- oder Schäferhunden mit Windhunden, hütet sich aber wohl, junge Hunde ohne Begleitung älterer auf den Nandu anlaufen zu lassen, weil diese Neulinge im Augenblicke des Zugreifens so geschlagen werden, daß sie sich überstürzen und beschädigen, oder sich doch einschüchtern lassen. Die Jagd mit dem Feuergewehre erfordert einen sicheren Schützen. Der Nandu ist zählebig und läuft oft mit der Kugel im Leibe noch weit davon. Wird eine Herde in der oben beschriebenen Art herbeigelockt und ein Stück des Volkes gefällt, so umspringen dieses die übrigen, falls es noch zappelt, mit sonderbaren Sätzen, als wenn sie Zuckungen in Flügeln und Beinen hätten, noch eine Weile, so daß der Schütze Zeit hat, einen zweiten Schuß abzugeben. Der Knall an und für sich erschreckt sie nicht; denn wenn sie gänzlich gefehlt wurden, fliehen sie nicht nur nicht, sondern kommen noch näher, um die Sache zu untersuchen. Ein verwundeter Nandu folgt seinem Rudel so lange er kann, schlägt sich dann abseits und verendet allein.

In Südamerika sieht man allerorten Nandus, welche jung eingefangen und zu halben Hausthieren wurden, frei umherlaufen. Sie gewöhnen sich so an die Oertlichkeit, auf welcher sie groß wurden, daß sie gegen Abend stets zurückkehren. Bis vor kurzem nahm man die Eier, welche sie legten, regelmäßig weg, um sie zu verspeisen; seit einigen Jahren aber beginnt man, auch diese Strauße zu züchten, um sie von Zeit zu Zeit zu rupfen.

In unseren Thiergärten ist der Nandu eine regelmäßige Erscheinung. Seine Haltung verursacht wenig Schwierigkeiten; denn er begnügt sich mit dem einfachsten Futter, falls er davon nur genug hat, und ist gegen die Rauheit unseres Klimas durchaus nicht empfindlich. Ich halte Böckings Ansicht, daß er sich bei uns als Parkvogel einbürgern lassen würde, für nicht unwahrscheinlich, vermag aber nicht zu erkennen, welchen Nutzen er uns bringen könnte.

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