Der Heilige Ibis in Brehms Tierleben

Heiliger Ibis (Brehms Tierleben)

Der Ibis oder heilige Ibis (Ibis aethiopica, religiosa und egretta, Threskiornis oder Thereschiornis religiosa und minor, Geronticus aethiopicus, Tantalus und Numenius Ibis) wird als Vertreter einer gleichnamigen Sippe (Ibis) angesehen, als deren Kennzeichen der kräftige Schnabel, der im Alter nackte Kopf und Hals und die am Ende zerschlissenen Schulterfedern gelten. Das Gefieder ist weiß, unter den Flügeln gilblich; die Schwingenspitzen und die Schulterfedern sind blaulichschwarz. Das Auge ist karminroth, der Schnabel schwarz, der Fuß schwarzbraun. Die nackte schwarze Haut des Halses fühlt sich sammetig an und färbt merklich ab. Beim jungen Vogel sind Kopf und Hals mit dunkelbraunen und schwärzlichen, weißgeränderten Federn bekleidet, die Kehle und die untere Hälfte des Halses weiß wie das übrige Gefieder, mit Ausnahme der ebenfalls schwarz geränderten und schwarz zugespitzten Schwingen. Nach der ersten Mauser erhalten die Jungen die zerschlissenen Schulterfedern; Kopf und Hals bleiben aber noch befiedert: die Kahlheit dieser Stellen zeigt sich erst im dritten Lebensjahre. Bei alten Vögeln beträgt die Länge fünfundsiebzig, die Breite einhundertunddreißig, die Fittiglänge fünfunddreißig, die Schwanzlänge sechzehn Centimeter.

Auffallenderweise besucht der Ibis gegenwärtig Egypten nicht mehr, wenigstens nicht mehr regelmäßig, und wohl nur in Ausnahmefällen schreitet er hier zur Brut. Als Bote und Verkündiger des steigenden Niles tritt er erst im südlichen Nubien auf. Unterhalb der Stadt Muchereff (achtzehn Grade nördlicher Breite) habe ich nie einen beobachtet; schon bei Chartum aber brüten einige Paare, und weiter südlich gehört er zu den gewöhnlichen Erscheinungen. Im Sudân trifft er mit Beginne der Regenzeit, also gegen Mitte oder zu Ende des Juli, ein, brütet und verschwindet mit seinen Jungen nach drei oder vier Monaten wieder, scheint aber nicht weit zu ziehen, vielleicht nur zu streichen. Sofort nach seiner Ankunft im Lande bezieht er seine stets äußerst sorgfältig gewählten Brutplätze. Von ihnen aus unternimmt er längere oder kürzere Ausflüge, um Nahrung zu suchen. Man sieht ihn paar- oder gesellschaftsweise in der Steppe umherlaufen und hier Heuschrecken fangen, bemerkt ihn an den Ufern der Ströme oder Regenteiche und sehr häufig auch, meist in Gesellschaft des kleinen Kuhreihers, unter Viehherden, unbekümmert um deren Hirten, wie überhaupt um die Eingeborenen, gegen welche er nicht die geringste Furcht zeigt.

Seine Haltung ist würdevoll, der Gang gemessen, nur schreitend, nie rennend, der Flug sehr leicht und schön, dem des Sichlers ähnlich, die Stimme der Alten ein schwaches »Krah« oder »Gah«. Die geistigen Fähigkeiten werden schwerlich von irgend einem anderen Sumpfvogel übertroffen.

Auf einer Reise in die Urwälder des Blauen Flusses, welche ich auf diesem selbst zurücklegte, traf ich am sechzehnten und siebzehnten September eine solche Menge der heiligen Vögel an, daß wir in der kurzen Zeit von zwei Tagen über zwanzig Stück erbeuten konnten. Flug auf Flug kam von dem gegenüberliegenden Walde herübergezogen, um in der Steppe Heuschrecken, welche gegenwärtig die ausschließliche Nahrung ausmachten, zu fangen. Nachdem ich aus einem der vorüberziehenden Flüge erst einen Ibis herabgeschossen hatte, wurde es mir nicht schwer, andere zu erbeuten. Auf Anrathen meines braunen Dieners brachte ich den getödteten mit Hülfe einiger Stäbchen in eine aufrechte Lage und machte ihn dadurch zum Lockvogel für die übrigen. Jeder Zug, welcher später vorüberkam, hielt an, um den scheinbar lebenden Gefährten zu betrachten, und wurde mit Schüssen begrüßt, deren Erfolg bei der geringen Entfernung ausgezeichnet war. Sehr bald lernten wir einsehen, daß wir nicht nur uns, sondern mit Ausnahme des Lockvogels auch die getödteten Ibisse verstecken mußten, um das Mißtrauen der übrigen zu verscheuchen.

Erst später wurde uns der Grund dieser Zusammenhäufungen klar. Der gegenüberliegende Wald war theilweise überschwemmt und von den klugen Vögeln deshalb zum Nistplatze erwählt worden. Zu den Nestern zu gelangen, war unmöglich. Ich bot zwei Mark unseres Geldes für jedes Ei: keiner der Sudâner konnte das Geld verdienen. Der Boden des Waldes war grundlos, das Wasser aber so seicht, daß ein Kahn ebenfalls nicht gebraucht werden konnte. Früher hatte ich eine andere Nistansiedelung besucht, welche unter ähnlichen Umständen angelegt, aber doch zugänglich war. Sie befand sich auf einer kleinen mit hohen Mimosen bestandenen Insel des Weißen Niles, welche beim Steigen des Stromes unter Wasser gesetzt, aber so hoch überschwemmt wurde, daß man vom Boote aus die Bäume besteigen konnte. Hier beobachtete ich, daß der heilige Ibis eine Mimosenart, welche die Araber der dichten, ungemein dornigen, ja fast undurchdringlichen Aeste halber »Harâsi«, d.h. die sich schützende, nennen, jeder anderen bevorzugt. Aus den Zweigen der Harâsi bestand auch das flache Nest des Vogels; nur das Innere der Mulde war mit feinen Reisern und einzelnen Grashalmen ausgelegt, das ganze aber kunstlos zusammengeschichtet, kaum besser ausgeführt als das der Ringeltaube. Ein Nest stand neben dem anderen; aber stets waren die dornigsten Aeste zur Aufnahme desselben erwählt worden. Das Gelege zählt drei bis vier weiße, ziemlich rauhkörnige Eier, welche Enteneiern an Größe ungefähr gleichkommen.

Ich halte es für glaublich, daß der Ibis wirklich kleine Schlangen verzehrt, bin jedoch der Meinung, daß er sich mit größeren und gefährlichen nicht einläßt. Während der Regenzeit besteht seine Nahrung, wenn nicht ausschließlich, so doch vorzugsweise aus Kerbthieren. In dem Magen der erlegten fanden wir entweder Heuschrecken oder Käfer verschiedener Art, insbesondere Dungkäfer; an den gefangenen beobachteten wir, daß sie vorgeworfene kleine Lurche nicht verschmähten, Kerfe aber vorzogen. Hartmann gibt an, daß der Ibis auch kleine Süßwasserweichthiere frißt. So ungefüge der Schnabel zu sein scheint, so geschickt weiß der Vogel ihn zu gebrauchen. Er nimmt mit seiner Spitze die kleinsten Kerbthiere von der Erde auf und streift, indem er förmlich schnattert, von den Gräsern die daran sitzenden Kerfe mit größter Gewandtheit ab. »Nichts sieht possierlicher aus«, sagt Hartmann, »als wenn ein Ibis Heuschrecken fängt. Der Stelzvogel fährt mit dem Sichelschnabel auf die ruhig dasitzenden Geradflügler ein; springen diese aber, die Gefahr noch rechtzeitig merkend, davon, so hüpft auch Freund Ibis hinterher, stellt sich dabei jedoch des hochsparrigen Grases wegen nicht selten ziemlich ungeschickt an; dennoch läßt er nicht ab, und hat er endlich eine oder die andere erwischt, so zermalmt und schluckt er sie sofort hinunter.«

Junge Ibisse, welche wir auffütterten, wurden zunächst mit rohen Fleischstücken gestopft, fraßen dieses Futter auch sehr gern. Sie bekundeten ihren Hunger durch ein sonderbares Geschrei, welches man ebensowohl durch »Zick, zick, zick«, wie durch, »Tirrr, tirrr, tirrr« wiedergeben kann, zitterten dabei mit dem Kopfe und Halse und schlugen auch wohl heftig mit den Flügeln, gleichsam in der Absicht, ihrem Geschreie größeren Nachdruck zu geben. Bereits nach wenig Tagen nahmen sie das ihnen vorgehaltene Futter aus der Hand, und im Verlaufe der ersten Woche fraßen sie bereits alles genießbare. Das Brod, welches wir ihnen reichten, trugen sie regelmäßig nach dem Wasser, aus welchem sie überhaupt am liebsten Nahrung nahmen, und welches sie beständig nach Art der Enten durchschnatterten. Ebenso durchsuchten sie auch die feinsten Ritzen und alle Löcher, faßten die dort verborgenen Thiere geschickt mit der Schnabelspitze, warfen sie in die Luft und fingen sie sicher wieder auf. Heuschrecken waren auch ihre Lieblingsspeise.

Vom ersten Tage ihrer Gefangennahme an betrugen sich diese Jungen still, ernst und verständig; im Verlaufe der Zeit wurden sie, ohne daß wir uns viel mit ihnen beschäftigten, zahm und zutraulich, kamen auf den Ruf herbei und folgten uns schließlich durch alle Zimmer des Hauses. Wenn man ihnen die Hand entgegenstreckte, eilten sie sofort herbei, um sie zu untersuchen; dabei pflegten sie sich dann wieder zitternd zu bewegen. Ihr Gang war langsam und gemessen; doch führten sie, ehe sie noch recht fliegen konnten, zuweilen hohe und geschickte Sprünge aus, in der Absicht, ihre Bewegung zu beschleunigen. Auf den Fersen saßen sie stundenlang. Da sie anfangs jeden Abend in einen Kasten gesperrt wurden, gingen sie später beim Anbruche der Nacht lieber selbst hinein, als daß sie sich treiben ließen, obgleich ihnen das beschwerlich fiel. Am Morgen kamen sie mit freudigem Geschreie hervor und durchmaßen den ganzen Hofraum. Im Oktober hatten sie fliegen gelernt und erhoben sich jetzt erst bis auf die niedrige Hofmauer, später bis auf das Dach; schließlich entfernten sie sich auf zwei- oder dreihundert Schritte von unserem Gehöfte, kehrten aber stets nach kurzer Zeit wieder zurück und verließen von nun an den Hof nicht mehr, sondern besuchten höchstens den benachbarten Garten. Wenn es gegen Mittag heiß wurde, verfügten sie sich in die schattigen Zimmer, setzten sich auf die Fersen nieder und hockten oft mit ernstem Gesichte in einem Kreise, als ob sie Beratung halten wollten. Zuweilen stellten sich auch zwei von ihnen einander gegenüber, sträubten alle Kopffedern, schrieen unter beständigem Kopfnicken und Schütteln, oft auch Flügelschlägen, jetzt wie »Kek, kek, kek«, und schienen sich gegenseitig zu begrüßen. Vor unserer Mittagsmahlzeit besuchten sie regelmäßig die Küche und baten und bettelten den Koch so lange an, bis er ihnen etwas zuwarf. Der glückliche, welcher es erhaschte, wurde von den anderen verfolgt, bis er seine Beute in Sicherheit gebracht, d.h. sie hinabgeschlungen hatte. Sobald sie Teller in unser Eßzimmer bringen sahen, versammelte sich die ganze Gesellschaft daselbst; während wir aßen, saßen sie wartend nebenan; wenn wir aber den Blick nach ihnen wandten, hüpften sie bald auf die Kiste, bald auf den einzigen Stuhl, welchen wir besaßen, und nahmen uns die Brodstücke aus den Händen oder von dem Teller weg. Eine höchst sonderbare Gewohnheit von ihnen war, sich gern auf weiche Gegenstände zu legen. Kam eines der aus Lederriemen geflochtenen, federnden Bettgestelle, wie sie im Sudân üblich sind, auf den Hof, so lagen die Ibisse gewiß in kurzer Zeit darauf, und zwar platt auf dem Bauche, die Ständer nach hinten ausgestreckt. Sie schienen sich dabei äußerst behaglich zu fühlen und standen nicht auf, wenn sich jemand von uns näherte. Auf einem weichen Kissen sahen wir einmal ihrer drei neben einander liegen.

Mit allen übrigen Vögeln, welche auf dem Hofe lebten, hielten sie gute Freundschaft, wurden wenigstens ihrerseits niemals zu Angreifern; unter sich zankten sie sich nie, waren vielmehr stets zusammen, entfernten sich selten weit von einander und schliefen nachts einer dicht neben dem anderen. Als wir eines Tages einen flügellahm geschossenen älteren Vogel ihrer Art in den Hof brachten, eilten sie freudig auf denselben zu, nahmen ihn förmlich in ihre Gesellschaft auf und wußten ihm bald alle Furcht zu benehmen, so daß er nach kurzer Zeit ebenso zutraulich war wie sie. Große Hitze schien ihnen sehr unangenehm zu sein: sie saßen dann in irgend einem schattigen Winkel oder im Zimmer und sperrten tief athmend die Schnäbel auf. Im Wasser beschäftigten sie sich, wie schon bemerkt, gern und viel, badeten sich übrigens seltener als man glauben möchte; wenn es jedoch geschah, näßten sie sich das Gefieder so vollständig ein, daß sie kaum mehr fliegen konnten.

Ibisse, welche ich später beobachtete, lebten ebenfalls in ziemlichem Frieden mit allen Vögeln, welche dasselbe Gehege mit ihnen theilten, maßten sich aber doch gegen schwächere eine gewisse Oberherrschaft an und schienen ein Vergnügen daran zu finden, diejenigen, welche es sich gefallen ließen, zu necken. Namentlich mit den Flammings machten sie sich fortwährend zu schaffen, und zwar in der sonderbarsten Weise. Sie schlichen, wenn jene zusammenstanden oder, den Kopf in die Federn verborgen, schliefen, leise heran und knabberten mit der Schnabelspitze an den Schwimmhäuten der Opfer ihres Uebermuthes herum, gewiß nicht in der Absicht zu beißen, sondern nur aus reiner Necklust. Der Flamming mochte dann einen ihm lästigen Kitzel verspüren, entfernte sich, sah sich furchtsam nach dem Ibis um und versuchte wiederum einzunicken; dann aber war jener flugs wieder zur Stelle und begann das alte Spiel von neuem. Am lästigsten wurde er, wenn er mit den Flammings das Winterzimmer theilte und die Armen ihm nicht entrinnen konnten. Brachvögel, Uferschnepfen und Austernfischer räumen den Ibissen willig das Feld und warten gar nicht erst, bis diese durch Schnabelhiebe sie hierzu nöthigen.

Zur Zeit der alten Egypter haben die heiligen Vögel höchst wahrscheinlich im Zustande einer Halbgefangenschaft sich fortgepflanzt; heutzutage thun sie dies bei guter Pflege nicht allzu selten in unseren Thiergärten.

Im Sudân stellt man dem Ibis nicht nach, obgleich sein schmackhaftes Fleisch die Jagd wohl belohnen würde. Ein zufällig gefangener Ibis wird übrigens von den Eingeborenen gern gegessen und von den freien Negern außerdem noch seiner zerschlissenen Federn beraubt, weil diese den Kriegern jener Stämme zu einem beliebten Kopfschmucke dienen.

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