Der Hausesel in Brehms Tierleben

Hausesel (Brehms Tierleben)

Mag es auch noch nicht bestimmt entschieden sein, welchem Wildesel wir unser nützliches Hausthier verdanken, so steht doch soviel fest, daß der Onager sowohl wie der Steppenesel von Alters her gezähmt und zur Veredelung der Eselzucht benutzt wurden. Die alten Römer gaben große Summen für diese Veredelung aus, die Perser und Araber thun es noch heute. Nur bei uns ist der zahme Esel (Equus Asinus, Asinus vulgaris) durch fortwährende Vernachlässigung zu einem wahren Krüppel herabgesunken.

Wenn man den Esel, welcher bei uns zu Lande zur Mühle trägt oder den Milchkarren zieht, mit seinen südländischen Brüdern vergleicht, könnte man versucht werden, beide als verschiedene Arten anzusehen, so gering ist die Aehnlichkeit zwischen ihnen. Der nordische Esel ist, wie allbekannt, ein träger, eigensinniger, oft störrischer Gesell, welcher allgemein, wenn auch mit Unrecht, als Sinnbild der Einfalt und Dummheit gilt, der südliche Esel dagegen, zumal der egyptische, ein schönes, lebendiges, außerordentlich fleißiges und ausdauerndes Geschöpf, welches in seinen Leistungen gar nicht weit hinter dem Pferde zurücksteht, ja es in mancher Hinsicht noch übertrifft. Ihn behandelt man aber auch mit weit größerer Sorgfalt als den unsrigen. In vielen Gegenden des Morgenlandes hält man die besten Rassen so rein wie die des edelsten Pferdes, füttert die Thiere sehr gut, plagt sie in der Jugend nicht zuviel und kann deshalb von den erwachsenen Dienste verlangen, welche unser Esel gar nicht zu leisten im Stande sein würde. Man hat vollkommen Recht, viele Sorgfalt auf die Zucht des Esels zu verwenden; denn er ist dort Hausthier im vollsten Sinne des Wortes: er findet sich im Palaste des Reichsten wie in der Hütte des Aermsten und ist der unentbehrlichste Diener, welchen der Südländer kennt. Schon in Griechenland und Spanien trifft man sehr schöne Esel an, obgleich sie noch immer weit hinter den im Morgenlande und zumal in Persien und Egypten gebräuchlichen zurückstehen. Der griechische und spanische Esel kommen einem kleinen Maulthiere an Größe gleich; ihr Haar ist glatt und weich, die Mähne ziemlich, die Schwanzquaste verhältnismäßig sehr lang; die Ohren sind lang, aber fein gebaut, die Augen glänzend. Große Ausdauer, ein leichter, fördernder Gang und ein sanfter Galopp stempeln diese Esel zu unübertrefflichen Reitthieren. Manche Arten gehen einen natürlichen Paß, so z.B. die größten von allen, welche ich je gesehen habe, die sogenannten spanischen Kohlenesel, welche hauptsächlich benutzt werden, Kohlen von den Gebirgen herab nach dem Süden zu bringen. Neben dem großen Esel findet man auch in Griechenland und Spanien kleinere; sie sind aber ebenfalls viel feiner gebaut und weicher, zierlicher behaart als die unsrigen.

Noch weit schöner als diese trefflichen Thiere sind die arabischen Esel, zumal diejenigen, welche in Jemen gezogen werden. Es gibt zwei Rassen, eine große, muthige, rasche, zum Reisen höchst geeignete, und eine kleinere, schwächere, welche gewöhnlich zum Lasttragen benutzt wird. Der große Esel ist wahrscheinlich durch Kreuzung mit dem Onager und seinen Nachkommen veredelt worden. Ganz ähnliche Rassen finden sich in Persien und Egypten, wo man viel Geld für einen guten Esel ausgibt. Ein allen Anforderungen entsprechender Reitesel steht höher im Preise als ein mittelmäßiges Pferd, und es ist gar nicht selten, daß man bis funfzehnhundert Mark unseres Geldes für ihn bezahlt. Die beste Rasse befindet sich nur in den Händen der Vornehmsten des Landes. Sie ist von der Größe eines gewöhnlichen Maulthieres und diesem bis auf die langen Ohren täuschend ähnlich.

Feiner Bau und schönes glattes, weiches Haar zeichnen sie besonders aus. Der gewöhnliche Esel, welcher sich in jedermanns Händen befindet, ist von Mittelgröße, aber dennoch von ausgezeichneter Güte. Er ist fleißig, äußerst genügsam und sehr ausdauernd. Während der Nacht bekommt er sein Hauptfutter, harte Bohnen, welche er mit lautem Geräusche zermalmt, bei Tage empfängt er nur dann und wann ein Bündel frischen Klees oder eine Hand voll Bohnen.

»Etwas nutzbareres und braveres von einer Kreatur als dieser Esel«, sagt Bogumil Goltz, »ist nicht denkbar. Der größte Kerl wirft sich auf ein Exemplar, welches oft nicht größer als ein Kalb von sechs Wochen ist, und setzt es in Galopp. Diese schwach gebauten Thiere gehen einen trefflichen Paß; wo sie aber die Kräfte hernehmen, stundenlang einen ausgewachsenen Menschen selbst bei großer Hitze im Trabe und Galopp herumzuschleppen, das scheint mir fast über die Natur hinaus in die Eselmysterien zu gehen, welche auch noch ihren Esel-Sue bekommen müssen, wenn Gerechtigkeit in der Weltgeschichte ist.«

Man verschneidet den Reiteseln das Haar sehr sorgsam und kurz am ganzen Körper, während man es an den Schenkeln in seiner vollen Länge stehen läßt; dort werden dann noch allerlei Figuren und Schnörkel eingeschnitten, und die Thiere erhalten dadurch ein ganz eigenthümliches Aussehen.

Im Innern Afrikas, wo das nützliche Geschöpf ebenfalls häufig als Hausthier gehalten wird, sieht man wenig edle Esel, und auch diese werden erst aus Jemen oder Egypten eingeführt. Der im Ostsudân gewöhnliche steht dem egyptischen in jeder Hinsicht nach. Er ist kleiner, schwächlicher, fauler und störrischer, dem Sudânesen aber ein sehr theurer Gegenstand, obgleich er ihn halb verhungern oder sich selbst Futter suchen läßt. Ungeachtet dieser Freiheit verwildert der Esel hier jedoch nicht wie an anderen Orten.

In früheren Zeiten traf man halb verwilderte Esel auf einigen Inseln des griechischen Archipels und auf der Insel Sardinien an, und heutzutage noch findet man sie im südlichen Amerika. Solche der Zucht des Menschen entronnene Esel nehmen bald alle Sitten ihrer wilden Vorfahren an. Der Hengst bildet sich seine Herden, kämpft mit anderen auf Tod und Leben, ist scheu, wachsam, vorsichtig und läßt sich nicht so leicht dem Willen des Menschen wieder unterwerfen. Auch in Südamerika waren diese Wildlinge früher weit häufiger als gegenwärtig, wo sie schon fast ganz verschwunden sind.

Durch vorstehendes ist der Verbreitungskreis des Esels bereits angedeutet worden. Der östliche Theil Vorder- und Mittelasiens, das nördliche und östliche Afrika, Süd- und Mitteleuropa und endlich Südamerika sind die Landstriche, in denen er am besten gedeiht. Je trockner das Land, um so wohler befindet er sich. Feuchtigkeit und Kälte verträgt er weniger als das Pferd. Deshalb findet man in Persien, Syrien, Egypten, in der Berberei und Südeuropa die schönsten, in dem regenreichen Mittelafrika oder in unseren doch schon an die Grenzen seines Verbreitungsgebietes heranreichenden Ländern aber die schlechtesten Esel. Freilich wird er in Mitteleuropa und im Innern Afrikas auch am meisten vernachlässigt, während man ihn in den Ländern des nördlichen Afrikas und in Asien wenigstens durch Kreuzung zu veredeln sucht. Eine gute Behandlung wird übrigens im Morgenlande nur den werthvollen Eseln zu theil; die übrigen führen fast ein ebenso trauriges Leben wie die unsrigen. Der Spanier z.B. putzt seinen Esel wohl mit allerlei Quasten und Rosetten, bunten Halsbändern, hübschen Satteldecken und dergleichen, behauptet auch, daß sein Grauthier sich noch einmal so stolz trage, wenn es im Schmucke gehe, also an der Aufmerksamkeit seines Herrn gar sehr sich ergötze, behandelt seinen armen vierbeinigen Diener aber überaus schlecht, läßt ihn hungern, arbeiten und prügelt ihn dennoch auf das unbarmherzigste. Nicht anders ergeht es dem beklagenswerthen Geschöpfe in den meisten Ländern Südamerikas. »Namentlich in Peru«, so schreibt mir Haßkarl, »ist der Esel das geplagteste Wesen der Welt und das allgemeine Lastthier. Er muß Steine und Holz zu den Hausbauten, Wasser zu den Haushaltungen und sonstige Lasten, kurz alles schleppen, was man nöthig hat und infolge der Faulheit der Menschen nicht gern selbst tragen will. Dabei setzt sich der gewichtige Zambo oder Mischling von Eingebornen und Neger noch dazu hinten auf und schlägt ohne Erbarmen auf das arme Thier los. Zwei Reiter auf einem Esel sind ebenfalls gar nichts seltenes. Es gibt in Lima ein Sprichwort, welches diese Stadt für den Himmel der Frauen und die Hölle der Esel erklärt. Niemals sieht man den Esel hier wie in Europa im trägen, langsamen Schritte, sondern stets im Laufe oder Tritte gehen. Nirgends hört man so oft als hier das klägliche, I–ah‘ und dazwischen das Fluchen der Treiber und das Klatschen der Peitsche, und noch jetzt fühle ich mich auf die Plazza major in Lima versetzt, wenn ich unerwartet Eselgeschrei vernehme.« Auch der gewöhnliche egyptische Esel hat nicht etwa ein beneidenswerthes Loos. Er ist jedermanns Sklave und jedermanns Narr. Im ganzen Morgenlande fällt es niemandem ein, zu Fuß zu gehen; sogar der Bettler hat gewöhnlich seinen Esel: er reitet auf ihm bis zu dem Orte, wo er sich Almosen erbitten will, läßt den Esel, wie er sich ausdrückt, auf »Gottes Grund und Boden« weiden und reitet abends auf ihm wieder nach Hause.

Nirgends dürfte die Eselreiterei so im Schwunge sein wie in Egypten. Hier sind die willigen Thiere in allen größeren Städten geradezu unentbehrlich zur Bequemlichkeit des Lebens. Man gebraucht sie, wie man unsere Lohnkutschen verwendet, und deshalb gilt es auch durchaus nicht für eine Schande, sich ihrer zu bedienen. Bei der Enge der Straßen jener Städte sind sie allein geeignet, die nothwendigen Wege abzukürzen und zu erleichtern. Daher sieht man sie in Kairo z.B. überall in dem ununterbrochenen Menschenstrome, welcher sich durch die Straßen wälzt. Die Eseltreiber Kairos bilden einen eigenen Stand, eine förmliche Kaste, sie gehören zu der Stadt wie die Minarets und die Palmen. Sie sind den Einheimischen wie den Fremden unentbehrlich; sie sind es, denen man jeden Tag zu danken hat, und welche jeden Tag die Galle in Aufregung zu bringen wissen. »Es ist eine wahre Lust und ein wahrer Jammer«, sagt der Kleinstädter in Egypten, »mit diesen Eselsjungen umzugehen. Man kann nicht einig mit ihnen werden, soll man sie für gutmüthiger oder bösartiger, störrischer oder dienstwilliger, träger oder lebhafter, verschmitzter oder unverschämter halten: sie sind ein Quirl von allen möglichen Eigenschaften.« Der Reisende begegnet ihnen, sobald er in Alexandrien seinen Fuß an die Küste setzt. Auf jedem belebten Platze stehen sie mit ihren Thieren von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Die Ankunft eines Dampfschiffes ist für sie ein Ereignis; denn es gilt jetzt, den in ihren Augen Unwissenden, bezüglich Dummen, zu erkämpfen. Der Fremde wird zunächst in drei bis vier Sprachen angeredet, und wehe ihm, wenn er englische Laute hören läßt. Sofort entsteht um den Geldmann eine Prügelei, bis der Reisende das klügste thut, was er thun kann, nämlich auf gut Glück einen der Esel besteigt und sich von dem Jungen nach dem ersten besten Gasthause schaffen läßt. So stellen sie sich zuerst dar; aber erst wenn man der arabischen Sprache kundig ist und statt des Kauderwelsches von drei bis vier durch sie gemißhandelten Sprachen in ihrer Zunge mit ihnen reden kann, lernt man sie kennen.

»Sieh, Herr«, sagt der Eine, »diesen Dampfwagen von einem Esel, wie ich ihn Dir anbiete, und vergleiche mit ihm die übrigen, welche die anderen Knaben Dir anpreisen! Sie müssen unter Dir zusammenbrechen; denn es sind erbärmliche Geschöpfe und Du bist ein starker Mann! Aber der meinige! Ihm ist es eine Kleinigkeit, mit Dir wie eine Gazelle davon zu laufen.« »Das ist ein Kahiriner Esel«, sagt der Andere; »sein Großvater war ein Gazellenbock und seine Ururmutter ein wildes Pferd. Ei, du Kahiriner, lauf‘ und bestätige dem Herrn meine Worte! Mache deinen Eltern keine Schande, geh‘ an im Namen Gottes, meine Gazelle, meine Schwalbe!«

Der Dritte sucht beide womöglich noch zu überbieten, und in diesem Tone geht es fort, bis man endlich eines der Thiere bestiegen hat. Dieses wird nun durch unnachahmliches Zucken, Schlagen oder durch Stöße, Stiche und Schläge des an dem einen Ende zugespitzten Treibstockes in Galopp gebracht, und hinterher hetzt der Knabe, rufend, schreiend, anspornend, plaudernd, seine Lungen mißhandelnd, wie den Esel vor ihm. »Sieh‘ Dich vor, Herr! Dein Rücken, Dein Fuß, Deine rechte Seite ist gefährdet! Nimm Dich in Acht, Deine linke Seite, Deinen Kopf! Passe auf! ein Kamel, ein Maulthier, ein Esel, ein Pferd! Bewahre Dein Gesicht, Deine Hand! Weiche aus, Freund; laß mich und meinen Herrn vorbei! Schmähe meinen Esel nicht, Du Lump; der ist mehr werth, als Dein Urgroßvater war. Verzeih‘, Gebieter, daß Du gestoßen wurdest.« Diese und hundert andere Redensarten umsurren beständig das Ohr des Reitenden. So jagt man zwischen allen den Gefahr bringenden Thieren und Reitern, zwischen Straßenkarren, lasttragenden Kamelen, Wagen und Fußgängern durch, und der Esel verliert keinen Augenblick seine Lust, seine Willfährigkeit läßt sich kaum zügeln, sondern stürmt dahin in einem höchst angenehmen Galopp, bis das Ziel erreicht ist. Kairo ist die hohe Schule für alle Esel. Hier erst lernt man dieses vortreffliche Thier kennen, schätzen, achten, lieben.

Auf unsern Esel freilich sind Okens Worte vollkommen anzuwenden: »Der zahme Esel ist durch die lange Mißhandlung so herunter gekommen, daß er seinen Stammeltern fast gar nicht mehr gleicht. Er bleibt nicht bloß viel kleiner, sondern hat auch eine mattere, aschgraue Farbe und längere, schlaffere Ohren. Der Muth hat sich bei ihm in Widerspenstigkeit verwandelt, die Hurtigkeit in Langsamkeit, die Lebhaftigkeit in Trägheit, die Klugheit zur Dummheit, die Liebe zur Freiheit in Geduld, der Muth in Ertragung der Prügel.« Ihn meint auch Scheitlin in seiner vortrefflichen Thierseelenkunde. »Der zahme Esel ist eher gescheit als dumm; nur ist seine Gescheitheit nicht so gutmüthig als die des Pferdes, mehr Tücke und Schlauheit und drückt sich am stärksten durch Eigenwillen oder Eigensinn aus. Jung, obschon von einer Sklavin geboren, ist er sehr munter, und liebt possirliche Sprünge, wie alle Kindheit, ahnt, wie auch das Menschenkind, sein vielleicht gräßliches, trauriges Schicksal nicht. Ist er erwachsen, so muß er ziehen und tragen und läßt sich gut dazu abrichten, was auf Verständnis deutet; denn er muß in den Willen eines andern Wesens, in den eines Menschen, treten. Das Kalb ist hierzu niemals verständig genug, und sogar das Pferdefüllen merkt anfänglich nicht, was man eigentlich mit ihm will. Wie geduldig aber auch der Esel seine große Last trägt, er trägt sie doch nicht gern; denn sobald er entlastet worden, trollt er sich gern auf dem Boden herum und schreit sein schreckliches Geschrei heraus. Es muß ihm ein musikalischer Sinn völlig mangeln. Seine Ohren deuten wirklich etwas besonderes an.

Sein Schritt ist außerordentlich sicher. Etwa einmal will er schlechterdings mit dem Wagen nicht von der Stelle, und etwa einmal nimmt er Reißaus. Man muß immer auf seine Ohren sehen; denn er spielt fleißig mit ihnen und drückt wie das Pferd seine Gedanken und Vorsätze durch sie aus. Daß er die Prügel verachtet und kaum durch sie angetrieben wird, deutet einerseits auf Eigensinn, anderseits auf seine harte Haut. Seinen Wärter kennt er wohl; davon aber, daß er wie die Pferde Anhänglichkeit an ihn gewinne, ist nicht die Rede. Doch läuft er auf ihn zu und bezeigt einige geringe Freude. Auffallend ist an ihm die Empfindlichkeit für die erst von fern herannahende Witterung: er hängt entweder den Kopf, oder er macht muntere Sprünge.

Wir können die Ehre des Esels noch vollkommen retten, weil wir sagen dürfen, daß er zu sehr vielem, wozu man sonst nur das Pferd abgerichtet sieht, ebenfalls eingeschult werden kann. Manche Kinder lernen schwer, aber gründlich und auf die Dauer, so der Esel. Man gibt Wettrennen mit ihm; man lehrt ihn durch Reifen springen und Kanonen lösen. Er springt gut und sicher und ist ganz unerschrocken. Er paßt auf seines Herrn Auge und Wort und versteht beide wohl. Darum kann man ihm auch tanzen lehren, sich im Takte bewegen und Thüren öffnen, wobei er sein Maul wie eine Hand gebraucht, Treppen auf- und absteigen und die schönste, älteste, verliebteste Person, die Zeit an einer vorgehaltenen Taschenuhr, die Anzahl der Augen auf einer Karte oder einem Würfel durch Schläge mit dem Fuße auf den Boden angeben und auf jede Frage seines Herrn mit Kopfschütteln oder Kopfnicken oder Ja und Nein antworten.

Sein Gesichtsausdruck ist sehr ausgezeichnet und nur höchst selten durch den Pinsel wiedergegeben worden. Fast immer vergißt man in den Bildern das eigentlich Eselige. Seine Kopfform ist der des Pferdes sehr ähnlich, aber sein Blick von jenem des Rosses bedeutend verschieden.«

Alle Sinne des zahmen Esels sind gut entwickelt. Obenan steht das Gehör, hierauf folgt das Gesicht und dann der Geruch; Gefühl scheint er wenig zu haben, und der Geschmack ist wohl auch nicht besonders ausgebildet, sonst würde er sicher begehrender, anspruchsvoller sein als das Pferd. Seine geistigen Fähigkeiten sind, wie uns Scheitlin lehrte, nicht so gering als man gewöhnlich annimmt. Er besitzt ein vortreffliches Gedächtnis und findet jeden Weg, welchen er einmal gegangen ist, wieder auf; er ist, so dumm er aussieht, manchmal doch recht schlau und listig, auch keineswegs beständig so gutmüthig als man meint. Zuweilen zeigt er sogar abscheuliche Tücke. Er bleibt plötzlich auf dem Wege stehen, läßt sich selbst durch Schläge nicht zwingen, wirft sich wohl auch mit der Ladung auf die Erde, beißt und schlägt. Manche meinen, daß sein empfindliches Gehör an allem diesen Ursache sei, daß ihn jeder Lärm betäube und erschrecke, obgleich er sonst nicht eben furchtsam, sondern nur launisch ist. Aeußerst sonderbar benimmt sich der Esel in Gegenden, wo es Raubthiere gibt, welche ihm gefährlich werden können. Es ist eine wahre Lust oder ein wahrer Jammer, wie man will, auf einem Esel oder Maulthiere durch eines der engen Gebirgsthäler von Habesch zu reiten. Ueberall wittert das lange Ohr Gefahr. Es dreht und wendet sich nach allen Seiten, neigt sich bedeutsam einem Felsblocke zu, welcher einen guten Hinterhalt abgeben könnte, versucht sogar mit ein paar kühnen Drehungen das ganze oberhalb liegende Gelände abzuhorchen, richtet sich plötzlich steif in die Höhe und lauscht nach einer Seite hin. Kommt nun gar noch der Geruch dem Gehör zu Hülfe, dann ist es vollends vorbei mit der Seelenruhe des edlen Reitthieres. Es will nicht von der Stelle. Gerade da, wo er steht, ist vielleicht in voriger Nacht das Schauderhafte geschehen, daß ein Löwe, ein Leopard, eine Hiäne, ein anderes greuliches, zur höchsten Vorsicht mahnendes Raubthier über den Weg gegangen ist! Der Esel schnoppert, äugt, lauscht; die Ohren drehen sich förmlich auf dem Kopfe herum; er rührt sich nicht vom Flecke, bis endlich einer der Leute ihm vorausgeht. Dann folgt er, denn er ist schlau genug, einzusehen, daß dieser wahrscheinlich der erste sein würde, welcher in den Krallen des grimmigen Raubthieres verbluten muß, und geht also innerlich beruhigt weiter. Auf seinen Reisen kann der Esel keinen seiner Sinne entbehren. Bindet man ihm die Augen zu, so bleibt er augenblicklich stehen, verhüllt oder verstopft man ihm das Ohr, nicht minder; erst wenn er im vollen Gebrauch seiner Sinne ist, geht er weiter. Nur seine Verliebtheit läßt ihn alles überwinden: wir konnten einen alten, blinden Esel, welcher bestimmt war, oben auf der Höhe eines spanischen Berges den Geiern zur Mahlzeit zu dienen, nur dadurch auf das Gebirge bringen, daß wir eine Eselin vor ihm herführten! Jetzt leitete ihn der Geruchssinn, und er folgte seiner Freundin mit großem Eifer nach.

Der Esel begnügt sich mit der schlechtesten Nahrung, mit dem kärglichsten Futter. Gras und Heu, welches eine wohlerzogene Kuh mit Abscheu verrathendem Schnauben liegen läßt und das Pferd unwillig verschmäht, sind ihm noch Leckerbissen: er nimmt selbst mit Disteln, dornigen Sträuchern und Kräutern vorlieb. Bloß in der Wahl des Getränkes ist er sorgsam; denn er rührt kein Wasser an, welches trübe ist; salzig, brakig darf, rein muß es sein. In Wüsten hat man oft sehr große Noth mit dem Esel, weil er, alles Durstes ungeachtet, nicht von dem trüben Schlauchwasser trinken will. Gleichwohl macht er auch hierin meist weniger Umstände als das in jeder Beziehung anspruchsvollere Pferd.

Bei uns fällt die Roßzeit des Esels in die letzten Frühlings- und ersten Sommermonate; im Süden ist er eigentlich das ganze Jahr hindurch brünstig. Der Hengst erklärt der Eselin mit dem ohrzerreißenden, wohlbekannten »I–a, I–a« seine Liebe, und hängt den langgezogenen, fünf- bis zehnmal wiederholten Lauten noch ein ganzes Dutzend schnaubender Seufzer an. Solche Liebesbewerbung ist unwiderstehlich; sie äußert selbst auf alle Nebenbuhler ihre Macht. Man muß nur in einem Lande gelebt haben, wo es viele Esel gibt, um dies zu erfahren. Sobald eine Eselin ihre Stimme hören läßt, – welch ein Aufruhr unter der gesammten Eselei! Der nächststehende Hengst fühlt sich überaus geschmeichelt, derjenige zu sein, welcher die für ihn so ansprechenden Töne sofort pflichtschuldigst beantworten darf, und brüllt aus Leibeskräften los. Ein zweiter, dritter, vierter, zehnter fällt ein: endlich brüllen alle, alle, alle, und man möchte taub oder halb verrückt werden über ihre Ausdauer. Ob dieses Mitschreien auf zartem Mitgefühl oder nur in der Lust am Schreien selbst beruht, wage ich nicht zu entscheiden; soviel aber ist sicher, daß ein Esel alle übrigen zum Brüllen anregen kann. Die vorhin beschriebenen Eselbuben Kairos, denen die Stimme ihrer Brodthiere viel Vergnügen zu machen scheint, wecken das gesittete Ohren so fürchterlich rührende I–a einfach dadurch, daß sie die ersten Töne jenes unnachahmlichen, kurzgestoßenen »Ii, Ii, Ii«, welches dem Hauptinhalte der Eselsrede vorausgeht, nachahmen: dann übernimmt schon einer der Esel die Mühe, die freudige Erregung weiter fortzupflanzen.

Etwa elf Monate nach der Paarung – gewöhnlich nimmt man einen Zeitraum von 290 Tagen an – wirft die Eselin ein (höchst selten auch zwei) vollkommen ausgebildetes, sehendes Junge, leckt es mit großer Zärtlichkeit ab und bietet ihm schon eine halbe Stunde nach seiner Geburt das Euter dar. Nach fünf bis sechs Monaten kann das Fohlen entwöhnt werden; aber es folgt noch lange seiner Mutter auf allen Wegen nach. Es verlangt auch in der zartesten Jugend keine besondere Wartung oder Pflege, sondern begnügt sich, wie seine Eltern thun, mit jeder Nahrung, welche ihm gereicht wird. Gegen Witterungseinflüsse ist es wenig empfindlich, und daher erkrankt es auch nicht so leicht. Es ist ein überaus munteres, lebhaftes Thier, welches seinen Muthwillen und die innere Fröhlichkeit seines Herzens durch die possirlichsten Sprünge und Bewegungen zu erkennen gibt. Jedem andern Esel geht es mit großer Freude entgegen, aber auch an den Menschen gewöhnt es sich. Wenn man es von der Mutter trennen will, gibt es auf beiden Seiten große Noth. Mutter wie Kind widersetzen sich und geben, wenn ihnen dies nicht hilft, ihren Schmerz und ihre Sehnsucht noch tagelang durch Schreien oder wenigstens durch lebhafte Unruhe zu erkennen. Bei Gefahr vertheidigt die Alte ihr Kind mit Muth und gibt sich selbst lieber preis, achtet sogar Feuer und Wasser nicht, wenn es gilt, ihren Liebling zu schützen. Schon im zweiten Jahre ist der Esel erwachsen; aber erst im dritten Jahre erreicht er seine volle Kraft. Er kann, auch wenn er tüchtig arbeiten muß, ein ziemlich hohes Alter erlangen: man kennt Beispiele, daß Esel vierzig bis funfzig Jahre alt wurden.

Schon seit alten Zeiten hat man Pferd und Esel mit einander gepaart und durch solche Kreuzung Bastarde erhalten, welche man Maulthiere nennt, wenn der Vater, Maulesel aber, wenn die Mutter zum Eselgeschlecht zählte. Beide haben in ihrer Gestalt mehr von der Mutter als vom Vater, in ihrem Wesen aber mehr von diesem als von jener ererbt.

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