Der Afrikanische Wildesel in Brehms Tierleben

Afrikanischer Wildesel (Brehms Tierleben)

Der Steppenesel (Equus taeniopus, Asinus taeniopus und africanus) ähnelt in Größe und Ansehen seinem gezähmten Nachkömmlinge in Egypten, in seinem Anstande und seinem Wesen aber den wildlebenden asiatischen Verwandten. Er ist groß, schlank und hübsch gebaut, bald aschgrau, bald isabellfarben, an der Unterseite heller, mit deutlich ausgesprochenem Schulterkreuz und einigen mehr oder weniger bemerkbaren Querstreifen an der Außenseite des Unterfußes. Die Mähne ist ziemlich schwach und kurz, die Quaste am Schwanze dagegen stark und lang.

Dieses Thier findet sich wahrscheinlich in allen Steppenländern östlich vom Nil. Um den Atbara, den Hauptzufluß des göttlichen Stromes, ist er häufig, ebenso auch in den Barkaebenen; sein Verbreitungskreis reicht bis an die Küste des Rothen Meeres. Hier lebt er unter ganz ähnlichen Verhältnissen wie der Dschiggetai und Onager. Jeder Hengst führt eine Herde von zehn bis funfzehn Stuten und bewacht und vertheidigt sie. Er ist ausnehmend scheu und vorsichtig, seine Jagd daher überaus schwierig. Von einem Reisenden, welcher den Weg vom Rothen Meer nach Charthum zurückgelegt hatte, erfuhr ich, daß die Wildesel, wie die Pferde Paraguays, oft auf das Lagerfeuer zulaufen, etwa vierhundert Schritte davon sich aufstellen und stutzen, bei der geringsten Bewegung im Lager aber mit hoch emporgehobenem Schweife eilenden Laufes davonjagen.

Zahme Eselinnen sollen sie nicht selten wegführen und unter ihre Herden aufnehmen.

Alle im Süden und wahrscheinlich auch in Habesch benutzten zahmen Esel scheinen von dieser Art abzustammen; denn nach der Versicherung der Araber gleichen ihnen die Wildesel täuschend. Mir wurden Esel gezeigt, von denen man behauptete, sie in der Jugend eingefangen und gezähmt zu haben. Ich weiß nicht, ob diese Behauptung der Wahrheit entsprach; soviel aber kann ich versichern, daß jene sich von den anderen dort gebräuchlichen Eseln nur durch etwas stolzere Haltung und größere Ausdauer unterschieden. Mehrere Male habe ich solche Thiere benutzt und dabei beobachten können, daß sie ebenso lenksam und anspruchslos waren wie die im Hausstande geborenen. Ein Hengst, welchen ich längere Zeit pflegte und beobachten konnte, ein schönes, munteres, kluges Geschöpf, hatte sich seine edle Haltung bewahrt und machte deshalb einen sehr guten Eindruck auf den Beschauer. Sein Wesen war nicht minder angenehm. Er war gutmüthig, seinem Wärter und seinen Bekannten sehr zugethan, zeigte aber oft einen gewissen Muthwillen, welcher seine Behandlung oder mindestens ein innigeres Verhältnis mit ihm erschwerte. Obwohl er Liebkosungen verlangte und, wie es schien, mit Dank anerkannte, konnte er es sich doch nicht versagen, gelegentlich nach der ihm schmeichelnden Hand zu schnappen oder, falls ihm dies möglich, dem sich mit ihm abgebenden Menschen einen Hufschlag beizubringen. Demungeachtet war auch er lenksam, nicht störrisch, höchstens spiel- oder rauflustig.

Die gebänderten Füße dieses Thieres sind ein beachtenswerthes Merkmal; denn sie lassen unsern Esel als ein Mitglied zwischen seinen Verwandten und den Tigerpferden erscheinen und beweisen wieder einmal, daß jeder Landstrich seinen Geschöpfen gewisse Eigenthümlichkeiten verleiht.

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