Das Lama in Brehms Tierleben

Lama (Brehms Tierleben)

Das Lama, eigentlich Llama, sprich Ljama (Auchenia Lama), wird vorzugsweise in Peru gefunden und gedeiht dort am besten auf den Hochebenen in der bezeichneten Höhe. Es wird etwas größer als der Huanaco, und zeichnet sich durch die Schwielen an der Brust und an der Vorderseite des Handwurzelgelenkes aus. Der Kopf ist schmal und kurz, die Lippen sind behaart, die Ohren kurz und die Sohlen groß. Die Färbung ändert vielfach ab: es gibt weiße, schwarze, gescheckte, rothbraune und weiß gefleckte, dunkelbraune, ockerfarbene, fuchsrothe und andere. Das ausgewachsene Thier erreicht von der Sohle bis zum Scheitel eine Höhe von 2,6 bis 2,8 Meter; am Widerrist wird es etwa 1,2 Meter hoch.

»Das Lama«, sagt Faber, »ist den Einheimischen ebenso nützlich wie den Fremden; jene erhalten damit fast allein ihr Leben, diese aber kehren, durch ihre Dienste bereichert, nach Spanien zurück: denn das Thier liefert nicht bloß Fleisch, sondern trägt auch alle Waaren von einem Orte zum andern. Man legt ihm gewöhnlich 150 Pfund auf, dem stärksten wohl auch noch hundert Pfund mehr. Es kann fünf Tage nach einander zehn Leguas zurücklegen, muß aber am vierten und fünften ausruhen. Es geht so fest und sicher, daß man die Waaren nur ein wenig anzubinden braucht.

Am meisten dient es zum Fördern der Silberbarren von Potosi zu den Pochwerken, und dazu sind beständig dreimalhunderttausend Stück auf dem Wege. Rückwärts tragen sie den Bergleuten ihre Speise und andere Bedürfnisse zu. Vom dritten bis zum zwölften Jahre kann es tragen; dann ist es aber schon alt und steht um. Es ist sehr zahm und für die Indianer ganz gemacht. Wenn man auf der Reise ruhen will, läßt es sich vorsichtig auf die Knie, damit die Ladung nicht abfalle. Sobald der Führer pfeift, steht es auf und setzt die Reise ruhig fort; es frißt da und dort, wo es kann, aber nicht bei Nacht, denn diese Zeit benutzt es zum Wiederkäuen. Unterliegt es der Last, so ist es durch keine Schläge weiter zu bringen und wirft bisweilen den Kopf rechts und links so lange auf den Boden, bis ihm die Augen und selbst das Hirn herausfallen.«

Acosta kennt solche Fabeln nicht. Er erzählt uns, daß die Indianer ganze Herden »dieser Schafe«, wie Saumthiere beladen, über das Gebirge führen, oft Banden von drei- bis fünfhundert, ja manchmal von tausend Stück. »Ich habe mich oft gewundert«, schildert er, »diese Schafherden mit zwei- bis dreitausend Silberbarren, welche über 300.000 Dukaten werth sind, beladen zu sehen, ohne eine andere Begleitung als einige Indianer, welche die Schafe leiten, beladen und abladen, und dabei höchstens noch einige Spanier. Sie schlafen alle Nächte mitten im Felde, und dennoch hat man auf diesem langen Wege noch nie etwas verloren; so groß ist die Sicherheit in Peru. An Ruheplätzen, wo es Quellen und Weiden gibt, laden sie die Führer ab, schlagen Zelte auf, kochen und fühlen sich wohl, ungeachtet der langen Reise. Erfordert diese nur einen Tag, so tragen jene Schafe acht Arrobas (zwei Centner), und gehen damit acht bis zehn Leguas; das müssen jedoch bloß diejenigen thun, welche den armen, durch Peru wandernden Soldaten gehören. Alle diese Thiere lieben die kalte Luft und befinden sich wohl im Gebirge, sterben aber in Ebenen wegen der Hitze. Bisweilen sind sie ganz mit Frost und Eis bedeckt und bleiben doch gesund. Die kurzhaarigen geben oft Veranlassung zum Lachen. Manchmal halten sie plötzlich auf dem Wege an, richten den Hals in die Höhe, sehen die Leute sehr aufmerksam an und bleiben lange Zeit unbeweglich, ohne Furcht und Unzufriedenheit zu zeigen. Ein anderes Mal werden sie plötzlich scheu und rennen mit ihrer Ladung auf die höchsten Felsen, so daß man sie herunterschießen muß, um die Silberbarren nicht zu verlieren.«

Meyen schlägt die Wichtigkeit des Lamas für die Peruaner ebenso hoch an wie die des Ren für die Lappländer. Man hält die Thiere in ungeheuren Herden auf den Hochebenen. Nachts sperrt man sie in eine Einfriedung von Steinen, morgens läßt man sie heraus; dann eilen sie im Trabe zur Weide, und zwar ohne Hirten; abends kehren sie wieder zurück. Oft begleiten sie dabei Huanacos oder Vicuñas. Reitet jemand vorbei, so spitzen sie schon von fern die Ohren; die ganze Herde läuft im Galopp auf ihn zu, bleibt auf dreißig bis funfzig Schritte vor ihm stehen, sieht ihn neugierig an und kehrt dann wieder auf die Weide zurück. Die Menge der Lamas, welche auf der Hochebene von der Tacorra am See Titicaca und am Passe von Puno nach Arequipa gehen, schätzt Meyen auf drei Millionen; Tschudi aber meint, daß der Reiz der Neuheit die Phantasie des gedachten Schriftstellers wohl etwas aufgeregt und er deshalb die Menge dieser Thiere, wie so manches andere, in falschem Lichte betrachtet habe.

Nur die Männchen werden zum Lasttragen benutzt, die Weibchen dienen ausschließlich zur Zucht.

»Nichts sieht schöner aus,« sagt Stevenson, »als ein Zug dieser Thiere, wenn sie mit ihrer etwa einen Centner schweren Ladung auf dem Rücken, eines hinter dem andern in der größten Ordnung einherschreiten, angeführt von dem Leitthiere, welches mit einem geschmackvoll verzierten Halfter, einem Glöckchen und einer Fahne auf dem Kopfe geschmückt ist. So ziehen sie die schneebedeckten Gipfel der Kordilleren oder den Seiten der Gebirge entlang, auf Wegen, wo selbst Pferde oder Maulthiere wohl schwerlich fortkommen möchten; dabei sind sie so folgsam, daß ihre Treiber weder Stachel noch Peitsche bedürfen, um sie zu lenken und vorwärts zu treiben. Ruhig und ohne anzuhalten, schreiten sie ihrem Ziele zu.«

Tschudi fügt diesem hinzu, daß sie beständig neugierig nach allen Seiten umherblicken. »Wenn sich ihnen plötzlich ein fremdartiger Gegenstand nähert, welcher ihnen Furcht einflößt, zerstreuen sie sich im Nu nach allen Seiten, und die armen Führer haben die größte Mühe, sie wieder zusammenzutreiben. Die Indianer bekunden eine große Liebe für diese Thiere: sie schmücken sie und liebkosen sie immer, ehe sie ihnen die Bürde auflegen. Aller Pflege und Vorsicht ungeachtet gehen aber auf jeder Reise nach der Küste eine Menge Lamas zu Grunde, weil sie das heiße Klima nicht ertragen können. Zum Ziehen und Reiten werden sie nicht gebraucht; zuweilen nur setzt sich ein Indianer auf eines seiner Thiere, wenn er einen Fluß zu überschreiten hat und sich nicht gern naß machen will; er verläßt es aber, sobald er an das entgegengesetzte Ufer kommt«. In seinen »Reisen durch Südamerika« bemerkt derselbe Forscher noch das nachstehende: »Ein Lama kann höchstens mit einem Centner belastet werden. Ist die Ladung zu schwer, so legt es sich nieder und steht nicht eher auf, als bis man sie ihm erleichtert. Sie wird gewöhnlich ohne irgend einen Packsattel oder eine andere Unterlage als höchstens ein Stück Jerga auf das dichte Vließ des Thieres gelegt und mit Wollstricken festgeschnürt. Auf diese Weise beladen, legen die Lamas täglich zwei bis höchstens vier Leguas zurück und gehen so frei, sorglos und still daher, als schleppten sie nur aus großer Gefälligkeit ihre Bürde mit; dabei weiden sie neben dem Wege, zerstreuen sich über die Ebene, klettern die Berge hinan, folgen aber dem Zurufe oder Pfeifen der Führer willig. Sie erfordern eine außerordentlich sanfte Behandlung und sind dann sehr leicht zu lenken; geht man aber roh und unfreundlich mit ihnen um, so sind sie störrisch, boshaft und geradezu unbrauchbar. Das Lama ist so recht eigentlich für den Indianer geschaffen und seine unglaubliche Geduld und Theilnahmslosigkeit hat ihm die einzig richtige Behandlungsweise dieses so eigensinnigen Thieres eingegeben.«

Die von Meyen und anderen Forschern ausgesprochene Meinung, daß das Lama nur ein veredelter Huanaco sei, sucht Tschudi zu widerlegen, wie folgt: »Wodurch«, fragt er, »wird ein Thier veredelt? Gewiß nur dadurch, daß ihm reichliche Nahrung, hinlänglicher Schutz gegen die Witterung gegeben und angestrengte Sorgfalt gewidmet wird. Im freien Zustande hat der Huanaco die beste Nahrung in Fülle auf den unermeßlichen Hochebenen; er findet fort während ein ihm angemessenes Klima, während der heißen Jahreszeit am Fuße der himmelanstrebenden Kordillerasgipfel, in der kalten Jahreszeit in den wärmeren, vom Winde abgeschlossenen Punathälern. Welcher Pflege bedarf er unter solchen Umständen mehr?

Wie entgegengesetzt verhält es sich mit dem Lama! Unter das Joch gebeugt, ist es gezwungen, den Tag über Lasten zu tragen, welche seine Kräfte beinahe übersteigen; wenige Augenblicke werden ihm gegönnt, seine spärliche Nahrung sich zu suchen; des Nachts wird es in den nassen Pferch getrieben und muß auf Steinen oder im Moraste liegen; aus den reinen, erfrischenden Höhen der Andes, für welche es geschaffen ist, wird es, schwer beladen, nach den dumpfig heißen Urwäldern oder nach den brennenden Sandwüsten der Küste getrieben, wo ihm auch die spärlichste Nahrung abgeht und der Erschöpfungstod tausende wegrafft? Wird auf diese Weise der stolze Huanaco zum Lama veredelt?! Oder soll dieses sich vielleicht zum Paco herunter verkümmern, zu einem Thiere, welches zwar gepflegt wird, ihm aber an Körperkraft weit nachsteht, an Zartheit der Form und an Feinheit der Wolle es übertrifft? Es leuchtet gewiß jedem ein, daß wir diese Verschiedenheiten als Artunterschiede und nicht als Veränderungen, durch den Zustand als Hausthier bedingt, betrachten müssen.«

An einer andern Stelle seines Werkes erwähnt Tschudi, daß Lama und Paco sich nie, Lama und Huanaco sich stets erfolglos begatten, und bezweifelt deshalb alle Berichte, welche das Gegentheil behauptet haben. Zweiundzwanzig Versuche, welche von ihm und anderen angestellt wurden, zeugen für ihn. Meyens widersprechende Ansicht beruht seiner Meinung nach auf einem Irrthume: der gedachte Reisende habe, glaubt Tschudi, die Altersstufen der Lamas als Uebergangsformen angesehen. »Es scheint Meyen unbekannt geblieben zu sein, daß die Indianer die Lamas nach dem Alter in gesonderten Truppen halten. Sechs bis acht Monate nach der Geburt bleiben die Jungen bei den Müttern; vor Ablauf ihres ersten Lebensjahres werden sie in eine Herde zusammengetrieben und von den ein oder zwei Jahre älteren getrennt gehalten, so daß also immer Lamas von ein, zwei, drei Jahren gesondert gepflegt werden. Zu Ende des dritten Jahres sind sie ausgewachsen und werden dann den großen Herden eingereiht, welche wieder nach dem Geschlechte getrennt sind.«

Gegen diese Ausführungen lassen sich Einwände vorbringen, denen man, so lange wild lebende Lamas und Pacos nicht aufgefunden worden sind, nach den heutigen Anschauungen der Wissenschaft mit bloßen Meinungen nicht entgegentreten kann. Zunächst steht außer aller Frage, daß die Zähmung keineswegs immer auch Veredelung des betreffenden Thieres bewirkt, und in unserem Falle läßt sich kaum annehmen, daß die von allen Reisenden als stumpfgeistig bezeichneten Indianer solche herbeizuführen gewußt oder überhaupt erstrebt hätten. Eine so geringfügige Veränderung, wie Lama und Paco gegenüber Huanaco und Vicuña erlitten haben, darf also sehr wohl dem Einflusse der Zähmung, Züchtung und Kreuzung beider letztgenannten, noch heute wild lebenden Lama-Arten zugeschrieben werden. Daß eine Kreuzung dieser beiden Arten oder aller vier Formen der Gruppe unmöglich sein sollte, dürfte, trotz der Angabe Tschudis, nicht behauptet werden können. Blendlinge aber werden durchaus nicht in jedem Falle zu Mittelformen zwischen ihren Erzeugern, und somit kann der am meisten fragliche Paco recht gut als ein Ergebnis wiederholter Kreuzungen zwischen Huanaco und Vicuña und deren Nachkommen angesprochen werden, während das Lama wohl nichts anderes als der unverfälschte Nachkomme des Huanaco ist.

Ueber die Fortpflanzung der Lamas berichtet Tschudi etwa folgendes: »Die Begattung geht erst nach dem Ausbruche der rasendsten Brunst vor sich, indem sich die Thiere schlagen, stoßen, beißen, niederwerfen und bis zur größten Ermattung umherjagen. Alle Lama-Arten werfen nur ein Junges, welches etwa vier Monate saugt, bei den eigentlichen Lamas gewöhnlich etwas länger; sehr häufig saugen bei dieser Art sogar die Jungen vom zweiten Jahre mit denen vom ersten zugleich.

Unter der spanischen Herrschaft erschien ein Gesetz, welches jungen, unverheiratheten Indianern bei Todesstrafe verbot, eine Herde weiblicher Lamas zu hüten. Gegenwärtig ist dieses höchst nothwendige Verbot leider außer Wirksamkeit getreten.«

Von demselben Naturforscher erfahren wir, daß die Bedeutung und bezüglich der Preis der Lamas seit Einführung der Einhufer bedeutend gesunken ist, und ferner, daß die Lamaherden durch Krankheiten oft in entsetzlicher Weise heimgesucht werden. Ein Nachkomme der peruanischen Könige, Inca Garcilaso de la Vega, erzählt, daß die Krankheit in den Jahren 1544 und 1545 zum erstenmal auftrat. Es war ein Uebel, der Krätze zu vergleichen, aber weit verderblicher. Von der Innenseite der Schenkel ausgehend, verbreitete es sich über den ganzen Leib, bildete hohe Krusten und tiefe Schrunden, aus denen Blut und Eiter sich ergoß, und rieb die Thiere in wenigen Tagen auf. Die Pest war ansteckend und raffte zum größten Erstaunen und Schrecken der Indianer und Spanier zwei Drittheile der Lamas und Huanacos weg. Später wurden Pacos und Vicuñas angesteckt. Anfangs vergrub man die verpesteten Thiere bei lebendigem Leibe, sodann behandelte man sie mit Feuer und Schwefel, endlich fand man, daß Schweineschmalz das beste Mittel sei. Allmählich nahm das Uebel ab, und endlich verschwand es fast ganz. Aber es ist, wie Tschudi hinzufügt, niemals gänzlich ausgerottet worden und wiederholt seuchenartig aufgetreten. Gegenwärtig wendet man das Fett des Kondors als Gegenmittel an.

Lamafleisch wird überall gern gegessen, das der sogenannten Chuchos oder einjährigen Thiere gilt sogar als Leckerbissen. Aeltere Lamas werden hauptsächlich geschlachtet, um Trockenfleisch, in Peru und Bolivia Charqui genannt, zu gewinnen. Auf der Puna, dem Hochlande zwischen den beiden Zügen der Kordilleren, bezahlte man vor etwa zehn Jahren ein Lama durchschnittlich mit vier Pesos, etwa zwanzig Mark unseres Geldes, das Trockenfleisch dem entsprechend. Aus der Wolle bereitet man nur grobe Zeuge und Stricke; ihr Werth ist gering.

In den Angaben der von mir erwähnten Reisenden ist so ziemlich alles enthalten, was wir von dem Leben unseres Thieres in seiner Heimat wissen. Gegenwärtig sieht man das Lama fast in allen Thiergärten. Wenn es mit anderen seiner Art zusammengehalten wird, scheint es viel freundlicher zu sein, als wenn es allein ist und sich langweilt. Es verträgt sich mit seinen Artgenossen und Artverwandten vortrefflich, und namentlich die Paare hängen mit inniger Zärtlichkeit an einander. Sie lernen ihre Wärter kennen und behandeln sie erträglich; gegen fremde Menschen aber zeigen sie sich als echte Kamele, d.h. beständig mehr oder weniger übel gelaunt und außerordentlich reizbar. Im Berliner Thiergarten lebte vor mehreren Jahren ein Lama, welches sich durch besondere Ungemüthlichkeit auszeichnete; an seinem Gitter hing eine Tafel mit der Bitte, das Lama ja nicht zu ärgern, was selbstverständlich den Erfolg hatte, daß jedermann erst recht das Thier zu reizen versuchte. Demzufolge sah man dieses in beständiger Aufregung. Sobald sich jemand nahte, endigte es sein gemüthliches Wiederkäuen, legte die Ohren zurück, sah den Fremdling starr an, ging plötzlich gerade auf ihn los und spuckte ihn an. In ähnlicher Weise benahmen sich auch die übrigen Lamas, welche ich sah oder selbst pflegte, und ich kann wohl sagen, daß ich nie eines kennen lernte, welches sanft oder gutmüthig gewesen wäre. Mit seiner Pflege und Wartung hat man wenig Umstände. Es gedeiht in Europa ebensogut wie der Guanaco, verlangt keinen warmen Stall, höchstens einen gegen rauhe Winde geschützten Pferch, begnügt sich mit gewöhnlichem Futter und schreitet leicht zur Fortpflanzung.

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