Clemens Maier-Wolthausen: Hauptstadt der Tiere (Rezension)

Am 1. August 1844 öffnete der »Zoologische Garten bei Berlin« seine Tore. Noch lag er außerhalb der Stadt, seine Tierhäuser waren unfertig und der Tierbestand eher klein. Dieses Buch erzählt, wie daraus der artenreichste Zoo der Welt wurde, der heute jedes Jahr mehrere Millionen Besucher aus dem In- und Ausland anzieht.
Dabei geht es nicht nur um die bauliche Entwicklung, die gezeigten Tiere oder Verbesserungen in der Tierhaltung. Im Hauptstadtzoo spiegeln sich zugleich die Berliner und die deutsche Geschichte wider: das Kolonialzeitalter mit den Völkerschauen, der Nationalsozialismus mit der Vertreibung jüdischer Aktionäre, der Kalte Krieg durch die Konkurrenz mit dem Ost-Berliner Tierpark und schließlich die Deutsche Einheit. Zwar nutzten die jeweils Mächtigen den Zoo stets als Bühne, doch war er von Anfang an ein Projekt der Bürger Berlins, die ihn als Besucher und Aktionäre unterstützten. So handelt dieses Buch auch von ihrer Stadt – anschaulich, erhellend und voller Geschichten.

Chroniken über den Zoo Berlin gibt es zahlreiche (tatsächlich habe ich den Eindruck, dass zumindest alle Direktoren nach Katharina Heinroth mindestens ein Buch über die Geschichte des Berliner Zoos geschrieben haben.
Hauptstadt der Tiere ist das neueste Werk, diesmal von Historiker Clemens Maier-Wolthausen. Reich bebildert erfährt man Bekanntes und weniger Bekanntes aus den Anfängen des Zoos, wobei das Hauptaugenmerk bei den Menschen und dem Zoo als solchen liegt und die Tiere (mit wenigen Ausnahmen wie die Persönlichkeiten Bobby, Knautschke, Knut und Co.) eher eine Nebenrolle spielen. Aber wer denkt, dass man das alles schon mal irgendwo gelesen hat, wird angenehm überrascht sein. Natürlich endet das Buch in der Gegenwart und wirft einen kleinen Blick in die Zukunft, aber auch was die Vergangenheit betrifft kann der Leser sein Wissen vertiefen.
Das Buch ist in Kapitel eingeteilt, die nicht nur eine bestimmte Ära des Zoos darstellen, sondern auch bedeutende Tierarten (u. a. Gorilla, Asiatische Elefanten, Giraffen aber auch Quallen und Picassodrückerfisch) vorstellt.
Vor allem was die NS-Zeit des Zoos (und seines damaligen Direktors Lutz Heck) anbelangt ist das Buch schonungslos offen. Es ist erstaunlich, dass man der Chronik des Zoos noch neue interessante Aspekte abgewinnen kann und alleine dadurch sollte Hauptstadt der Tiere ein Buch darstellen, das in keiner Zoo-Bibliothek fehlen sollte.

(Rezensionsexemplar)

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