Walter A. Sontag: Der Elefant, der sich sein Kopfkissen bastelte (Rezension)

In den letzten Jahren hat sich in der Wissenschaft ein besseres Verständnis für das Verhalten vor allem wilder Tiere herausgebildet. Neue Fragestellungen kamen auf: Was treibt Tiere an? Wie lernen sie? Wie treffen sie Entscheidungen? Haben Tiere Erwartungen? Spüren sie Enttäuschung? Empfinden Tiere Empathie? Haben sie Zweifel? Was bedeutet Freiheit für ein Tier? So rückte das einzelne Tier ins Zentrum der evolutionsbiologischen Forschung – ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen, Intelligenz, Emotionen und Persönlichkeit.
In einigen Situationen drängt sich die Frage auf, ob zumindest manche Tiere über einen «Sinn für Fairness» verfügen oder ihn entwickeln können. Im klassischen Laborexperiment dazu werden beispielsweise zwei Rhesusaffen oder zwei Papageien in benachbarten Käfigen Futterstücke präsentiert, die sie gegen Jetons eintauschen können. Allerdings sind die angebotenen Bissen sichtlich verschieden, sodass das eine Tier eine weniger begehrte Kost in Aussicht hat als sein Nachbar. Die paarweisen Vergleiche unter sogenannten intelligenten Tierarten – Affen, Papageien und Krähenvertretern – führten zu vollkommen widersprüchlichen Ergebnissen. Das Wiener Forschungsduo Claudia Wascher und Thomas Bugnyar nahm sich Rabenkrähen und Kolkraben vor. Die benachteiligten Individuen tauschten ihr «Wechselgeld» nicht gegen das im Vergleich zu ihren Nachbarn unterwertige Angebot. Auch Kapuziner- und Rhesusaffen schlugen die minderwertigen Belohnungen aus. Genauso lehnten dies Ratten ab. Sie alle legten damit eine Aversion gegen ungleiche Behandlung an den Tag. Demgegenüber ließen etliche andere Arten, wie Nachtaffen und die sonst so gelehrigen Geradschnabelkrähen und Keas, die Ungleichbehandlung anstandslos zu.

Schon der etwas skurrile Titel zeigt, um was es in diesem Buch geht: Tiere, die Dinge tun, die sich mit einem rein mechanistischen Verständnis von Verhalten nur unzureichend erklären lassen. Sie lernen, improvisieren, entwickeln Vorlieben und Abneigungen, schließen Freundschaften, reagieren auf Ungleichbehandlung – und unterscheiden sich als Individuen erheblich voneinander. Sontags eigentliches Thema ist deshalb weniger die vielbeschworene „Intelligenz der Tiere“ als die Individualität des einzelnen Tieres. Und er zeigt, dass es sich dabei nicht um einzelne Arten handelt, sondern es zahlreiche Tiere gibt, die nicht so agieren wie man es von der Schuhe her kennt.
Sontag greift eine Entwicklung auf, die in der modernen Verhaltensbiologie zunehmend an Bedeutung gewonnen hat: Tiere werden nicht mehr nur als Vertreter ihrer Art betrachtet, sondern als Individuen mit unterschiedlichen Temperamenten, Erfahrungen und Problemlösungsstrategien. Und das Verständnis vom Tier als Tier wird verändert.
Der Elefant, der sich sein Kopfkissen bastelte ist sehr breit angelegt. Es geht um Motivation und Lernen, Zeitwahrnehmung, Cleverness, soziale Beziehungen, den Umgang mit Menschen, Gruppenverhalten, verschiedene Formen von Intelligenz und schließlich um Temperament und Persönlichkeit. Besonders interessant sind jene Beispiele, bei denen vertraute Grenzen zwischen Mensch und Tier unscharf werden. Experimente zur Reaktion auf ungleiche Belohnungen etwa werfen die Frage auf, ob manche Tiere etwas besitzen, das zumindest einer Vorform menschlichen Fairnessempfindens ähnelt. Andere Beobachtungen zeigen Tiere als Erfinder, Taktiker oder ausgesprochen eigenwillige Persönlichkeiten.
Natürlich spielen Menschenaffen, Elefanten und Rabenvögel eine Rolle. Doch der Blick reicht wesentlich weiter. Gerade dadurch entsteht ein überzeugendes Bild davon, dass kognitive Fähigkeiten nicht auf einer einfachen Leiter von „primitiv“ bis „hochintelligent“ angeordnet werden können. Unterschiedliche Arten haben vielmehr unterschiedliche Lösungen für die Probleme ihrer jeweiligen Lebensweise entwickelt.
Sehr reizvoll ist auch die Einbeziehung der Geschichte der Tierpsychologie. Mit dem Schweizer Zoologen und Zoodirektor Heini Hediger erinnert Sontag an einen Forscher, der früh darauf bestand, Tiere aus ihrer eigenen Wahrnehmungs- und Lebenswelt heraus zu verstehen. Dadurch bekommt das Buch eine wissenschaftshistorische Dimension: Unser heutiges Bild vom Tier erscheint nicht als plötzliche Entdeckung, sondern als Ergebnis eines langen Abschieds von der Vorstellung des Tieres als weitgehend reflexgesteuertem Automaten.
Sontags Themenfeld ist breit. Lernen, Bewusstsein, Persönlichkeit, Emotion, Fairness, Freiheit und Intelligenz sind jeweils Forschungsgebiete, über die sich eigene Bücher schreiben ließen. Sontags Panorama ist daher zwangsläufig selektiv. Manche faszinierende Beobachtung kommt dabei etwas zu kurz, insbesondere dort, wo die Interpretation tierlichen Verhaltens umstritten ist. Durch die zahlreichen Themen und die zahlreichen Tierarten wird dem Leser zwar viel abverlangt, trotzdem handelt es sich um ein sehr informatives Buch, das nicht nur die Vielfalt der Tierwelt zeigt, sondern auch das, was man bisher größtenteils ignoriert oder nicht wahrhaben wollte. Und man wird zum Nachdenken angeregt. Und dabei lässt der Autor Tatsachen sprechen ohne den Zeigefinger mahnend zu erheben. Die Tatsachen (oder die Tiere) sprechen für sich selbst.
Wenn Tiere individuelle Bedürfnisse und Vorlieben besitzen, wenn sie Beziehungen eingehen, Erwartungen entwickeln und unterschiedlich auf ihre Umwelt reagieren, genügt es nicht mehr, Tierwohl ausschließlich auf Futterversorgung, Gesundheit und ausreichend Platz zu reduzieren. Dann muss auch die Möglichkeit eine Rolle spielen, individuelle Entscheidungen treffen und artspezifische wie persönliche Verhaltensweisen ausleben zu können.
Ein Buch, das ein verändertes Bild auf unsere Mitbewohner wirft.

DER ELEFANT DER SICH EIN KOPFKISSEN BASTELTE bei amazon (AffiliateLink)
(Rezensionsexemplar)

Dieser Beitrag wurde unter Rezension veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert