Udo Gansloßer: Säugetiere (Rezension)

In der Entwicklung der Verhaltensbiologie haben Säugetiere zunächst keine große Rolle gespielt. Traditionell wurden Erkenntnisse überwiegend an Fischen, Vögeln und Insekten gewonnen. Säuger spielten bestenfalls als Labornager eine Rolle. Längst hat sich das geändert, aber spezielle Lehrbücher der Verhaltensbiologie an Säugetieren sind seit den jahrzehntealten Werken von R. Ewer und J. Eisenberg nicht mehr und auf Deutsch noch nie erschienen. Dabei sind Säuger aufgrund ihrer besonderen Biologie verhaltensforscherisch hochinteressant. Eine besondere Plastizität des Verhaltens, abhängig von der besonderen Hirnentwicklungshöhe, ein eigenes System der Brutpflege mit länger dauernder Mutter-Kind-Beziehung und die hohe Stoffwechselrate eines Warmblüters sind dafür verantwortlich. Diese Faktoren spielen auch in vielen anwendungsbezogenen Bereichen von Haltung und Schutz eine große Rolle. Die völlig neubearbeitete zweite Fassung trägt auch neusten Erkenntnissen, z.B. bezüglich Emotionen und Persönlichkeiten Rechnung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Sozialverhalten sowie Nahrungserwerb, da diese Bereiche auch die größte Anwendungsrelevanz für Natur- und Artenschutz und angewandte Ethologie haben.
Udo Gansloßers Säugetierverhalten ist ein Grundlagenwerk, das einen Überblick über das vielseitige Verhalten der Säugetiere gibt. Dabei wird auch eine Erklärung geboten, was ein Säugetier überhaupt ist (auch wenn es augenscheinlich offensichtlich ist) und welche Aufgaben die Verhaltensbiologie hat.
Spielverhalten, Kommunikation, Emotionen, Fortpflanzung, das sind nur einige Themen die behandelt werden.
Die Biologen Udo Gansloßer, Kristina Knezevic und Carina A. Kalkmeyer zeigen zahlreiche Forschungsergebnisse der letzten Jahre und richten sich vorrangig an Biologiestudenten.
So umfangreich das Werk ist, so umfangreich sind auch die Quellenangaben und geben dadurch einen sehr breiten (aber bei weitem nicht vollständigen) Überblick über das Verhalten der Säugetiere (einschließlich des Menschen).
Ein (in meinen Augen) interessantes Kapitel befasst sich auf die Umsetzung der verhaltensbiologischen Erkenntnisse auf den Umgang mit Tieren in menschlicher Obhut (Domestikation, Dressur, Tiere in Zoo und Zirkus …).
Informativ und umfangreich… ein Buch, dass durchaus das Recht hätte als Standardwerk bezeichnet zu werden.

Das Buch richtet sich an Personen, die sich eingehender mit der Verhaltensbiologie auseinandersetzen, der Laie wird sich etwas verloren vorkommen.

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