Portrait: Palmendieb

Unterordnung: Pleocyemata
Teilordnung: Mittelkrebse (Anomura)
Überfamilie: Einsiedlerkrebse (Paguroidea)
Familie: Landeinsiedlerkrebse (Coenobitidae)
Gattung: Birgus
Art: Palmendieb (Birgus latro)

Palmendieb (Orbigny, Charles (1849). Dictionnaire D’Histoire Naturelle)

Der Name „Palmendieb“ mag wie die englische Bezeichnung Coconut crab darauf verweisen, dass das Tier auf Palmen zu klettern und dort Kokosnüsse zu ernten vermag, die es dann am Boden öffnet, um deren Inhalt zu verzehren. Die ursprüngliche wissenschaftliche Bezeichnung Cancer latro (latro ist lateinisch für Räuber), die auf Carl Linnaeus zurückgeht, führte dann offenbar in der deutschen Übersetzung zum -dieb. Georg Eberhard Rumpf (1627–1702), ein niederländischer Botaniker und Naturforscher auf der Molukken-Insel Ambon in Niederländisch-Indien (heute Indonesien), machte durch sein Werk D’Amboinische Rariteitkamer (Erstausgabe in den Niederlanden 1705, illustriert von Maria Sibylla Merian) den Palmendieb erstmals in Europa bekannt.

Ausgewachsen erreichen Palmendiebe eine Körperlänge von bis zu 40 Zentimeter und ein Gewicht bis 4 Kilogramm. Die Spannweite der Beine kann bis zu einem Meter betragen. Der Palmendieb ist damit der größte landlebende Vertreter der Arthropoden. Lediglich im Wasser, wo der Körper durch das Wasser getragen wird, werden Zehnfußkrebse noch größer. So haben männliche Exemplare der Japanischen Riesenkrabbe (Macrocheira kaempferi), die als das größte Krebstier überhaupt gilt, eine Beinspannweite von fast vier Metern.
Palmendiebe haben abstehende, rote Augen. Ihre Körperfarbe variiert von Insel zu Insel zwischen blau-violett und rot-orange. Die männlichen Tiere sind in der Regel größer als die weiblichen.
Wie für Zehnfußkrebse typisch, ist der Körper in einen vorderen Abschnitt (Cephalothorax), an dem sich die zehn Beine befinden, und einen hinteren, das Abdomen oder Pleon, unterteilt. Am Ende des vordersten Beinpaares befinden sich verschieden große und in ihrer Funktion spezialisierte Scheren, deren linke stets die größere ist: Birgus ist also, wie z. B. auch Linkshändige Einsiedlerkrebse, „monostroph linksscherig“: Die größere linke soll „mehr als doppelt so groß wie die andere“ sein.[2] Mit den unterschiedlich einsetzbaren Scheren ist der Palmendieb in der Lage, Kokosnüsse zu öffnen (durch ein gezieltes Ansetzen einer der Scheren an den drei Keimlöchern am oberen Ende der Nuss) und Gegenstände mit einem Gewicht von bis zu 28 Kilogramm hochzuheben. Die Beine werden vom Palmendieb vor allem zur Fortbewegung eingesetzt. Aufgrund der Scheren und Beine sind Palmendiebe unter anderem in der Lage, senkrecht an rauen Baumstämmen hinaufzuklettern. Das letzte Beinpaar ist sehr klein und wird vom Palmendieb nur zur Reinigung der Luftatmungsorgane verwendet.
Obwohl der Palmendieb zu den Landeinsiedlerkrebsen gehört, nutzen nur Jung- und heranwachsende Tiere Schneckenhäuser, um ihren weichen Unterleib zu schützen. Heranwachsende Tiere nutzen gelegentlich auch zerbrochene Kokosnussschalen, wenn sie keine Schneckenhäuser in geeigneter Größe finden. Ausgewachsene Tiere haben andere Schutzstrategien entwickelt: Zum einen krümmen Palmendiebe ihren Hinterleib schützend unter den Vorderleib, wie es bei Echten Krabben noch stärker ausgeprägt ist. Ihr wichtigster Schutz ist jedoch, dass sie im Laufe ihrer Entwicklung vom Jungtier zum ausgewachsenen Palmendieb Chitin und Kalk in die Hinterleibsdecke einlagern. Diese verhärtet sich im Laufe der Zeit und bildet so einen schützenden Panzer, der gleichzeitig auch den Wasserverlust an Land reduziert. In regelmäßigen Abständen stoßen die Palmendiebe diesen Schutzpanzer jedoch ab. Während der dreißig Tage, die es dauert, bis sich nach solch einer Häutung ein neuer schützender Panzer ausbildet, leben die Palmendiebe sehr versteckt.
Palmendiebe können nicht schwimmen und würden im Wasser ertrinken. Sie atmen mit Kiemenhöhlen, die von den Branchiostegit genannten, weit übergreifenden Seitenrändern des Carapax gebildet werden. Die beiden Atemhöhlen befinden sich am Ende des Cephalothorax. Sie enthalten ein Gewebe, das sich auch in Kiemen findet, aber das anders als bei Kiemen darauf ausgerichtet ist, Sauerstoff aus der Luft aufzunehmen und nicht aus dem Wasser. Palmendiebe nutzen ihr kleinstes Beinpaar, um dieses Atmungsorgan zu reinigen und es mit Meereswasser zu befeuchten. Der Atmungsapparat benötigt Wasser, um zu funktionieren, und die Palmendiebe stellen dies sicher, indem sie ihre Beine ins Wasser tauchen und anschließend über das schwammartige Gewebe ihres Branchiostegiten streichen. Palmendiebe trinken auch Salzwasser, das sie mit Hilfe der Beine zum Mund führen.
Zusätzlich zu diesem Atmungsapparat haben Palmendiebe noch ein rudimentäres Paar Kiemen. Während der Evolutionsgeschichte dieser Art dienten diese Kiemen wahrscheinlich der Atmung unter Wasser. Heute sind sie jedoch nicht mehr in der Lage, das Tier mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Über die Zeitdauer, die ein Palmendieb unter Wasser überleben kann, liegen unterschiedliche Angaben vor, die zwischen Minuten und mehreren Stunden schwanken, da der Sauerstoffverbrauch von der individuellen Kondition und dem Stressniveau abhängt.
Der Geruchssinn von Krebsen funktioniert unterschiedlich, je nachdem, ob die zu riechenden Moleküle hydrophob oder hydrophil sind. Im Wasser lebende Krebstiere haben an ihren Fühlern spezielle Organe, die als Aesthetasken oder auch olfaktorische Reizfäden bezeichnet werden. Mit diesen können sie die Konzentration der Geruchsmoleküle und die Richtung, aus der sie kommen, bestimmen. Bei den Palmendieben unterscheiden sich die Aesthetasken jedoch deutlich von denen der im Wasser lebenden Krebse. Sie gleichen mehr den Geruchsorganen der Insekten, den Sensillen – die Ähnlichkeit ist auf eine Konvergente Evolution zurückzuführen. Palmendiebe bewegen ihre Fühler auch ähnlich wie Insekten, um Gerüche wahrzunehmen. Sie reagieren besonders auf den Geruch von verrottendem Fleisch, Bananen und Kokosnüssen.

Palmendieb (Naturkundemuseum Augsburg)

Birgus latro kommt auf ozeanischen Inseln und auf den kleineren kontinentalen Inseln im westlichen Pazifik und im östlichen Indischen Ozean vor.
Auf der Weihnachtsinsel im Indischen Ozean lebt die größte dokumentierte Population der Palmendiebe. Große Populationen befinden sich auch auf den Cookinseln. Sie sind dort insbesondere auf Pukapuka, Suwarrow, Mangaia, Takutea, Mauke und Atiu verbreitet. Auch auf Niue gibt es eine Population. Palmendiebe leben außerdem auf den Inseln des Caroline-Atolls, das zu Kiribati gehört, sowie den kleineren Inseln von Palmerston. Populationen gibt es auch auf den Seychellen, insbesondere auf Aldabra, Îles Glorieuses, Astove-Insel, Assumption Island und Cosmoledo. Auf den zentralen Inseln der Seychellen sind die Palmendiebe dagegen ausgestorben. Sie kommen außerdem auf einigen Inseln der Andamanen und Nikobaren im Golf von Bengalen vor. Ebenso gibt es eine Population auf den Inseln des Bikini-Atolls. Bei den dort lebenden Tieren wurde 1972 eine radioaktive Verstrahlung infolge der Atombombenversuche der 1940er und 1950er Jahre festgestellt. Da Palmendiebe als adulte Tiere nicht schwimmen können, muss die Kolonisation dieser Inseln im Larvenstadium erfolgt sein. Einige Wissenschaftler sind jedoch überzeugt, dass die Entfernungen zwischen den Inseln zu groß sind, als dass diese während des nur 28 Tage andauernden Larvenstadiums überbrückt werden könnten. Sie meinen, dass juvenile Palmendiebe diese über natürliche Flöße erreichten.
Palmendiebe fehlen dagegen in Indonesien (Ausnahme Bunaken und Togian-Inseln bei Sulawesi) oder auf dem Festland von Neuguinea, obwohl diese Inseln einen geeigneten Lebensraum bieten und durch eine Verdriftung von Larven oder Jungtieren gleichfalls besiedelt sein könnten. Man geht daher davon aus, dass Palmendiebe nach jeder erfolgreichen Ansiedlung von den Inselbewohnern als Nahrungsquelle genutzt wurden, so dass sich hier keine Populationen erhalten konnten.

Der Palmendieb bewohnt Felsspalten und Sandlöcher entlang der Küstenlinie. Die Vorlieben schwanken von Insel zu Insel und sind abhängig vom vorhandenen Lebensraum. So bewohnt er auf den philippinischen Olango-Inseln Höhlen im Korallenriff, während er auf den Guam-Inseln (Ozeanien) selbst Höhlen in den porösen Kalkstein gräbt. Auf den Inseln, auf denen er keine natürlichen Unterschlupfe findet, gräbt er sich seine Sandlöcher auf Sand- oder ähnlichen losen Böden selber.
Tagsüber hält sich der Palmendieb meist in seiner Höhle auf, um sich vor Austrocknung und Feinden zu schützen. Den Eingang seiner Höhle verschließt er mit einer seiner Scheren und schafft somit in seiner Höhle das feuchte Mikroklima, das für seinen Atmungsapparat notwendig ist. In Regionen, in denen viele Palmendiebe leben, kommen einige auch am Tag aus ihren Bauen. Die meisten Palmendiebe kann man allerdings in der Nacht dabei beobachten, wie sie den Strand auf der Suche nach Futter entlangwandern.

Die Paarungszeit der Palmendiebe ist zwischen Mai und September. Hauptpaarungszeit sind dabei die Monate Juli und August. Palmendiebe paaren sich mehrfach in dieser Zeit. Die Paarung findet an Land statt und beginnt mit einer Auseinandersetzung zwischen Männchen und Weibchen, in deren Verlauf das Männchen das Weibchen auf den Rücken dreht und sich dann mit ihm paart. Die Paarung dauert etwa 15 Minuten. Kurz darauf legt das Weibchen die befruchteten Eier, die sie an ihren Unterkörper anklebt, um sie für einige Monate mit sich herumzutragen. Kurz vor dem Schlupf der Larven sucht das Weibchen den Strand bei Hochwasser auf und lässt die Eier ins Meerwasser fallen.
Die Larven schwimmen als Plankton für 28 Tage im Meerwasser. Die größte Zahl fällt in dieser Zeit Fressfeinden zum Opfer. Die überlebenden Larven verbleiben die nächsten 28 Tage überwiegend im Meeresboden, sie nutzen in dieser Zeit leere Schneckenhäuser als Schutz. Danach verlassen sie das Meer als Lebensraum und verlieren auch ihre Fähigkeit, unter Wasser zu atmen. Wie im Abschnitt Körperbau beschrieben, nutzen heranwachsende Palmendiebe Schneckenhäuser und gegebenenfalls zerbrochene Kokosnüsse als Schutz des Unterleibs, bevor sie einen eigenen Schutzpanzer entwickeln. Nach vier bis acht Jahren ist ein Palmendieb geschlechtsreif. Für Krebstiere ist dies eine ungewöhnlich lange Entwicklungszeit.

Palmendieb (Naturkundemuseum Coburg)

Die Hauptnahrungsquelle der Tiere sind die Früchte der Pflanzen seines Habitats, vor allem der Feigenbäume (Ficus), der Arengapalmen (Arenga) und der Schraubenbäume (Pandanus). Sie fressen aber auch Aas und lebende Kleintiere, wie beispielsweise frisch geschlüpfte Meeresschildkröten. Außerdem ist bekannt, dass Palmendiebe manchmal unvorsichtige Vögel wie z. B. Rotfußtölpel erbeuten. Daneben ernähren sie sich von abgestreiften Häuten anderer Krustentiere, die viel Calcium enthalten, was wiederum für das Wachstum des eigenen Panzers wichtig ist. Palmendiebe untereinander sind futterneidisch. Die meisten schleppen ihre Beute in ihre Höhlen, um dort in Ruhe fressen zu können.
Lange Zeit wurde bezweifelt, dass Palmendiebe tatsächlich in der Lage sind, Kokosnüsse zu öffnen. Bei Experimenten verhungerten manche Exemplare selbst dann, wenn sie von Kokosnüssen umgeben waren. 1980 konnte der deutsche Biologe Holger Rumpf, der das Verhalten von Palmendieben erforschte, bei wildlebenden Exemplaren erstmals beschreiben, wie sie Nüsse der Kokospalme (Cocos nucifera) öffnen. Wenn die Kokosnuss noch von Fasern bedeckt ist, nutzen Palmendiebe die großen Scheren ihres vorderen Beinpaares, die Fasern in Streifen zu entfernen. Sie beginnen dabei immer an der Seite, an der sich die drei Keimlöcher befinden. Sobald die harte Schale freigelegt ist, schlagen sie mit den Scheren auf die Keimlöcher ein, bis die Kokosnuss an dieser Stelle aufbricht. Mit den kleinen Scheren der mittleren Beinpaare holen sie dann das weiße Kokosfleisch heraus.
Palmendiebe erklimmen mitunter sogar Palmen, um sich an den Kokosnüssen gütlich zu tun. Falsch jedoch ist, dass Palmendiebe dabei die Kokosnüsse planvoll an den Fruchtstielen abzwicken, um sie dann am Boden zu verzehren. Nach den Untersuchungen von Holger Rumpf reicht ihre Intelligenz für eine „geplante Ernte“ nicht aus. Es kann jedoch vereinzelt vorkommen, dass Kokosnüsse unbeabsichtigt vom Baum fallen, während der Palmendieb sich an ihnen zu schaffen macht.

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