Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

04.05.2020, Universität Zürich
Räuber helfen ihrer Beute bei Anpassung an ungewisse Zukunft
Welchen Effekt hat das Artensterben auf die Evolution der überlebenden Arten? Diese Frage haben Evolutionsbiologen der Universität Zürich anhand eines Feldexperiments mit Gallfliegen und ihren Raubparasiten untersucht. Es zeigte sich, dass der Verlust von natürlichen Feinden die Anpassung an zukünftige Umweltveränderungen erschweren könnte.
Nach Ansicht vieler Experten befindet sich die Erde am Anfang eines sechsten Massenaussterbens, was schon jetzt verheerende Auswirkungen auf die Funktion von natürlichen Ökosystemen hat. Noch ist allerdings unklar, welchen Einfluss dieses Artensterben auf die zukünftige Anpassungsfähigkeit der überlebenden Arten hat.
Forschende der Universität Zürich sind dieser Frage mit einem Feldexperiment in Kalifornien nachgegangen. Sie untersuchten, wie sich die Merkmale einer winzigen Fliege änderten, wenn eine Gruppe ihrer natürlichen Feinde entfernt wurde. Aus ihren Beobachtungen zogen sie Rückschlüsse auf Veränderungen in der genetischen Vielfalt der Fliegen.
Räuberische Parasiten gezielt ausschalten
Die Fliege Iteomyia salicisverruca lebt auf Weidenblättern in zahnförmige Wucherungen, sogenannten Gallen, die sie im Larvenstadium bildet. Zu den natürlichen Feinden der Fliege gehören mehrere Arten von Schlupfwespen. Diese legen ihre Eier in die Fliegenlarven ab, wo sie als Raubparasiten ihre Entwicklung durchlaufen. Bevor die ausgewachsene Wespe die Galle verlässt, frisst sie ihren Wirt, die Fliege, auf.
Einige Schlupfwespen-Arten greifen die Fliegenlarven an, bevor diese Gallen gebildet haben, andere parasitieren die Larven erst später in der Entwicklung und dringen dazu von aussen in die Galle ein. Diese letztere Gruppe von natürlichen Feinden schalteten die Forschenden gezielt aus. Dazu befestigten sie, noch bevor der Angriff erfolgte, feine Netze über den Blättern mit Gallen.
Nach drei Monaten sammelten die Evolutionsbiologen etwa 600 Gallen ein und schauten nach, ob die darin enthaltenen Fliegenlarven überlebt hatten. Ausserdem massen sie drei Merkmale, die das Überleben der Fliegen bei einem Angriff durch Raubparasiten beeinflussen: die Grösse der Galle, die Anzahl der Fliegen innerhalb einer Galle und die Vorliebe der Fliege, ihre Gallen auf Weidenbäumen mit bestimmten genetischen Eigenschaften zu bilden. Aus den Ergebnissen modellierten sie am Computer sogenannte Fitness-Landschaften, die die Anpassungsfähigkeit einer Art visuell darstellen.
Weniger Feinde, weniger Variabilität
Es stellte sich heraus, dass – wenn alle natürlichen Feinde vorhanden waren – unterschiedliche Kombinationen dieser drei Merkmale zum Überleben der Fliege beitrugen. «Es gibt also mehrere gleich gute Lösungen, die das Überleben der Fliege sichern», sagt Studien-Erstautor Matthew Barbour. Wenn jedoch ein Teil der natürlichen Feinde fehlte, überlebte die Fliege nur mit einer ganz bestimmten Kombination der drei Merkmale. «Dies legt nahe, dass das Aussterben der natürlichen Feinde die Evolution der Fliege in Richtung einer einzigen optimalen Lösung einschränkt.» Genetischen Variationen, die zu einer anderen Ausbildung der Merkmale führen, könnten im Erbgut der Fliegen so dauerhaft verloren gehen.
Dieser Verlust an Vielfalt könnte Konsequenzen haben: «Eine Vielzahl möglicher Überlebenslösungen dient dazu, die genetische Variabilität für die Merkmale der Gallen zu erhalten», so Barbour. Und weil genetische Variation das Rohmaterial für die Evolution liefert, könnte das Wegfallen von natürlichen Feinden die Anpassung der Gallfliegen an künftige Umweltveränderungen erschweren.
«Insgesamt deutet unsere Studie auf einen heimtückischen Nebeneffekt des Artensterbens hin», sagt Barbour. «Das Aussterben von natürlichen Feinden könnte die Fähigkeit der überlebenden Arten beeinträchtigen, sich einer sich wandelnden Welt anzupassen und darin weiterzubestehen.» Ökosysteme wären dann viel stärker gefährdet, als derzeit angenommen.
Originalpublikation:
Matthew A. Barbour, Christopher J. Greyson-Gaito, Arezoo Sotoodeh, Brendan Locke, and Jordi Bascompte. Loss of consumers constrains phenotypic evolution in the resulting food web. Evolution Letters. 20 April, 2020. DOI: 10.1002/evl3.170

06.05.2020, Deutsche Wildtier Stiftung
Mutter Schreiadler hat jetzt auch „Homeoffice“
Wenn Sie auf den Livestream der Deutschen Wildtier Stiftung klicken, können Sie einem Adlerweibchen beim Brutgeschäft folgen
Wer sich jetzt auf www.schreiadler.org einklickt, der kann im eigenen Wohnzimmer Waldbaden, Vogelkonzerten lauschen und vor allem einem Adlerweibchen beim Brutgeschäft zusehen. Willkommen in der Welt des Schreiadlers. Live! Denn auch Mutter Schreiadler hat jetzt „Homeoffice“. Sie sitzt auf zwei Eiern und hat es nicht immer leicht. Nicht nur Adlerfreunde und Naturschützer schauen ihr ins Nest: So piesacken die Eichelhäher das Weibchen rund um den 10 Meter hohen Baum gehörig. Eichelhäher sind einfach Nervensägen. Sie flattern im Sturzflug über das Weibchen, ärgern und stören es. „Kommen gar Habicht und Waschbär hinzu, sind die Adler-Eier ernsthaft in Gefahr“, sagt Dr. Andreas Kinser, stellvertretender Leiter Naturschutz der Deutschen Wildtier Stiftung.
Schreiadler-Mütter legen immer nur zwei Eier und die werden nicht aus den Augen gelassen. Der Zuschauer merkt aber: manchmal werden auch einem Adlerweibchen die Tage im Brutgeschäft lang. „Fünf Wochen muss es jetzt auf dem Gelege sitzen, bis der Nachwuchs schlüpft“, sagt Kinser. Manchmal schaut die Adlermutter mit zerzaustem Federkopf und aus schmalen Augen aus ihrem Nest in den Wald weit über die Baumwipfel hinaus. Die Abendröte färbt den Himmel dann leicht rosa. Sehnsüchtig ruft sie das Adlermännchen mit einem „tjick tjick“ herbei. Er bringt ihr einen Leckerbissen – einen Frosch oder eine Maus – zur Stärkung. „Schreiadler sind sich ein Leben lang treu, sie kann sich auf ihn verlassen. Er versorgt das Weibchen, während es brütet“, sagt der Experte der Deutschen Wildtier Stiftung.
In Deutschland gibt es noch circa 130 Schreiadler-Brutpaare. Die Deutsche Wildtier Stiftung schützt den kleinsten Adler Deutschlands und engagiert sich unter anderem mit dem Ankauf von Naturschutzflächen für den seltenen Greifvogel. Um die Welt des seltenen Schreiadlers greifbar zu machen, überträgt die Deutsche Wildtier Stiftung den Online-Stream eines Projekts der Staatlichen Forstverwaltung in Lettland auch auf ihrer Webseite www.DeutscheWildtierStiftung.de. Im Projekt wird die Nahrungszusammensetzung für Schreiadler-Küken untersucht. „Geht alles gut im Adlerhorst, wird eines der seltenen Adlerküken flügge, während eines nicht überlebt“, so der Adler-Experte der Deutschen Wildtier Stiftung. Aber das ist eine andere Geschichte.

06.05.2020, Eberhard Karls Universität Tübingen
Tropischer Schlangenhalsvogel lebte im Allgäu
Paläontologen bergen 11,5 Millionen Jahre alte Fossilien in der Menschenaffen-Fundstelle Hammerschmiede
Die Hammerschmiede im Allgäu (Bayern), Fundstelle des ersten zweibeinig laufenden Menschenaffen Danuvius guggenmosi, liefert auch spektakuläre Fossilien von Vögeln: Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt und der Universität Tübingen haben dort Knochen eines Schlangenhals-Vogels geborgen, wie sie im Fachmagazin PLOS One berichten. Anhinga pannonica lebte vor rund 11,5 Millionen Jahren und war deutlich größer als seine heutigen Verwandten in den Tropen.
Schlangenhalsvögel (Gattung Anhinga) sind Tauchvögel tropisch-subtropischer Seen und Flüsse. Heute leben insgesamt vier Arten in Süd- und Mittelamerika, Afrika südlich der Sahara sowie dem tropischen Asien und Australien. Beim Tauchen ragt nur ihr sehr langer, schlanker Hals samt Kopf aus dem Wasser, was den Eindruck einer schwimmenden Schlange vermittelt. Die im englischen darter genannten Vögel besitzen einen spitzen, pfeilartigen Schnabel. Dieser wird mithilfe einer unter Vögeln einmaligen Anatomie der Halswirbel blitzschnell nach vorn katapultiert: Einem Dart-Pfeil gleich, spießen die Vögel so mit ihrem Schnabel Fische und andere Beutetiere auf.
Der Schlangenhalsvogel der Hammerschmiede gehört zu der ausgestorbenen Art Anhinga pannonica, von der bislang allerdings nur wenige einzelne Knochen bekannt waren. „Durch die neuen Funde ist es nun möglich, die Anatomie dieser seit 1916 bekannten Art detaillierter zu untersuchen und ihre Biologie besser zu verstehen“, sagt der Ornithologe und Studienleiter Dr. Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt.
Mit einer Flügelspannweite von wahrscheinlich mehr als 150 Zentimetern war die fossile Art etwa 30 Prozent größer als heutige Schlangenhalsvögel. Mit etwa 3,3 Kilo Körpergewicht war Anhinga pannonica sogar mehr als doppelt so schwer wie lebende Arten. „Sehr große ausgestorbene Schlangenhalsvögel sind vor allem aus Südamerika bekannt, doch die neuen Funde dokumentieren, dass diese Vögel deutlich weiter verbreitet waren als bisher vermutet“, erklärt Mayr. „Das Vorkommen dieser heute nur in den Tropen lebenden Vogelgruppe belegt zudem eindrücklich die Unterschiede zwischen der heutigen Vogelwelt im Voralpenland und dem mehr als 11 Millionen Jahre alten Ökosystem der Hammerschmiede.“
Schlangenhalsvögel gelten als Spezialisten im Flachtauchen, heutige Arten jagen selbst in Gewässern mit weniger als 50 Zentimetern Wassertiefe. „Das passt gut zu den Fließgewässern der Hammerschmiede, der Bachlauf der die Knochen von Danuvius lieferte hatte eine mittlere Tiefe von etwa 80 Zentimetern“, ergänzt Thomas Lechner, Grabungsleiter und Doktorand am Senckenberg Zentrum für Menschliche Evolution und Paläoumwelt der Universität Tübingen. „Ein höheres Gewicht, verbunden mit einer geringeren Pneumatisierung der Knochen ‒ also weniger luftgefüllten Hohlräumen in den Knochen ‒ und einer vollständigen Durchnässung des Gefieders verringert ihren Auftrieb und unterstützt Schlangenhalsvögel beim Tauchen“, sagt die ebenfalls beteiligte Professorin Madelaine Böhme. Und Mayr fügt hinzu: „Um wieder flugfähig zu sein, müssen heutige Schlangenhalsvögel nach jedem Tauchgang ihr Gefieder mit gespreizten Flügeln trocknen. Die hohen Verdunstungsraten in warmen Klimaten sind ein wesentlicher Grund, warum sie in tropischen Regionen leben.“
In ihrer Studie identifizieren die Wissenschaftler auch weitere Funde von Anhinga pannonica aus Bayern, die bislang für Kormorane gehalten wurden. Sie sind 16 Millionen Jahre alt und damit die ältesten Vertreter dieser Art der Schlangenhalsvögel, die vor sechs Millionen Jahren ausstarb. Anhinga pannonica lebte somit geographisch weiter verbreitet und sehr viel länger auf der Erde als bislang bekannt. „Mit etwa zehn Millionen Jahren ist diese Spezies außergewöhnlich langlebig, eine Art Methusalem selbst unter Vögeln. Säugetierarten erreichen hingegen nur eine Existenzdauer von etwa 2,5 Millionen Jahren“, erläutert Böhme. „Die geographische Verbreitung einer wärmeliebenden Art über 50 Breitengrade, nachgewiesen vom Tagebau Hambach bei Köln bis zum Äquator in Kenia, zeigt, dass das Erdklima im Miozän (23-5 Millionen Jahre vor heute) deutlich wärmer war als heute.“
Originalpublikation:
Gerald Mayr, Thomas Lechner, and Madelaine Böhme. The large-sized darter Anhinga pannonica (Aves, Anhingidae) from the late Miocene hominid Hammerschmiede locality in Southern Germany. PLoS ONE, Mai 2020. DOI 10.1371/journal.pone.0232179

07.05.2020, Forschungsverbund Berlin e.V.
Neue Studie zeigt geeignete Lebensräume für Wölfe
Habitatmodellierung und Abschätzung der potenziellen Anzahl von Wolfsterritorien in Deutschland veröffentlicht
In Deutschland sind viele geeignete Lebensräume für Wölfe vorhanden. Das bedeutet: Wölfe könnten in weiten Teilen Deutschland sesshaft werden und es muss damit gerechnet werden, dass sie auch die weiteren Gebiete durchwandern. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf (DBBW), des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW), der Technischen Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie (Wien). In Auftrag gegeben und veröffentlicht hat die Studie das Bundesamt für Naturschutz.
Die Ergebnisse der vorliegenden Studie liefern den für das Wolfsmanagement zuständigen Behörden und Institutionen des Bundes und der Länder die notwendigen Informationen, um ihre Managementmaßnahmen vorausschauend anzupassen. Darüber hinaus vermitteln sie ein Bild darüber, welches Verbreitungspotenzial der Wolf in Deutschland besitzt. Demnach ist es sinnvoll, sich auch in den bislang noch nicht von Wölfen besiedelten Gebieten auf deren mögliche Ansiedlung vorzubereiten. Insbesondere sollten, so eine Empfehlung der Studie, bereits jetzt effektive Schutzmaßnahmen von Weidetieren vor Wolfsübergriffen gefördert und umgesetzt werden, um Nutztierübergriffe dauerhaft zu reduzieren.
Seit der Rückkehr des Wolfs nach Deutschland wurde eine Vielzahl von Informationen gesammelt: Dank verschiedener Besenderungsprojekte (Telemetrie) können Rückschlüsse auf die individuelle Raumnutzung von Wölfen gezogen werden. Aufgrund des bundesweiten Wolfsmonitorings ist zudem bekannt, wo sich seit dem Jahr 2000 die Wolfsterritorien in Deutschland befinden. Damit ist es möglich, mit in Deutschland gewonnenen Daten die Lebensräume (Habitate) von Wölfen zu charakterisieren, die sie nutzen.
Mit Hilfe der Habitatmodellierung wurden diese Ergebnisse auf Deutschland übertragen und die Gebiete identifiziert, die sich in Deutschland als Lebensräume für Wölfe potenziell eignen. In einem zweiten Schritt wurde die mögliche Anzahl und räumliche Verteilung von Wolfsterritorien in Deutschland abgeschätzt. Die für die Habitatmodellierung genutzten statistischen Verfahren entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung und sind Standardverfahren.
Die Ergebnisse der Analyse verdeutlichen, dass Wölfe weite Teile der deutschen Landschaft in ihrer Vielfalt nutzen können. Nach den jetzt vorliegenden Analysen ist davon auszugehen, dass in Deutschland für etwa 700 bis 1.400 Territorien geeigneter Lebensraum vorhanden ist. Das gilt unter der Annahme, dass die Territoriengröße bei etwa 200 Quadratkilometern liegt. Die Ergebnisse der Studie besitzen keine Vorhersagekraft und stellen auch keine Zielgröße für eine deutschlandweite Bestandsentwicklung dar, sondern zeigen vielmehr das Potenzial für mögliche Wolfsterritorien in Deutschland auf.
Originalpublikation:
Kramer-Schadt S, Wenzler M, Gras P, Knauer F (2020): Habitatmodellierung und Abschätzung der potenziellen Anzahl von Wolfsterritorien in Deutschland. Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf [Auftragnehmer]. BfN-Skripten 556. Bonn (Bundesamt für Naturschutz). https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/service/Dokumente/skripten/Skript556.pdf

07.05.2020, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung
Rückgang der Bodenlebewesen im antarktischen Weddellmeer
Benthos-Organismen reagieren auf die dynamische Meereisentwickung
Veränderungen in der Meereisbedeckung der Antarktis führten im letzten Vierteljahrhundert zu bedeutenden Veränderungen des Lebens am Meeresboden. Wie Biologen des Alfred-Wegener-Instituts in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Communications berichteten, ist die benthische Biomasse auf dem Kontinentalschelf des nordöstlichen Weddellmeeres zwischen den Jahren 1988 und 2014 um zwei Drittel zurückgegangen. Auch die Artenzusammensetzung hat sich drastisch verändert und die Produktivität des Ökosystems ist zurückgegangen. Die Periode fällt mit einer signifikanten Zunahme der Meereisbedeckung in dieser Region zusammen, die im Jahr 2014 ihren Höhepunkt erreichte.
Die Antarktis beherbergt eine einzigartige bodenlebende Tierwelt, die ungewöhnlich artenreich ist und viele Gruppen von Organismen aufweist, die in anderen Meeresgebieten selten sind oder fehlen. Räuber wie beispielsweise große Krabben kommen hier nicht vor, so dass sich Schwämme oder Gorgonien (Hornkorallen) in großer Dichte entwickeln können, die sich anderswo vor den Fressfeinden im Sediment verstecken müssen. Diese Arten können an einigen Stellen auf dem antarktischen Festlandsockel den gesamten Meeresboden bedecken. Sie sind an extreme Kälte und Nahrungsmittelknappheit angepasst, wachsen langsam und erreichen so ungewöhnliche Größen und Alter. „Wegen des langsamen Wachstums sind Veränderungen in der Struktur und Zusammensetzung der antarktischen Boden-Lebensgemeinschaften äußerst schwer zu erkennen“, erläutert Prof. Claudio Richter, Biologe am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). „Daher war es bisher unmöglich vorherzusagen, wie die benthischen Gemeinschaften der Antarktis auf klimabedingte Veränderungen in ihrer Umwelt reagieren“, so der Studienautor, der eine Professur für Meerestierökologie an der Universität Bremen hat.
In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Communications zeigen die AWI-Biologen, dass die benthische Biomasse auf dem Kontinentalschelf des antarktischen Weddellmeeres über einen Zeitraum von 26 Jahren zurückgegangen ist. Das Team begann in den 1980er Jahren mit der Entnahme von Meeresbodenproben, als das Forschungsschiff Polarstern das Gebiet zum ersten Mal besuchte. Einer der Autoren, Dieter Gerdes, gehörte zu den Pionieren. Er entwickelte extra für diese Forschung ein eigenes Probennahmegerät: Den zwei Tonnen schweren Multigreifer, der bei jedem Einsatz neun Meeresbodenproben gleichzeitig entnehmen kann. Zwischen den Jahren 1988 und 2014 kam dieses riesige Instrument insgesamt 59 Mal zum Einsatz im Untersuchungsgebiet Kapp Norvegia-Auståsen, 81 Meilen südwestlich der deutschen Antarktis-Forschungsstation Neumayer. Auf acht Polarstern-Expeditionen haben Forschende so über 300 Meeresbodenproben entnommen, 45 Tonnen Sediment gesiebt und Zehntausende von Lebewesen sortiert und gezählt. „Schmerzende Gliedmaßen und schlammbedeckte Körper auf dem teils gefrorenen Arbeitsdeck sowie schmerzende Augen hinter den Mikroskopen waren die Nebenwirkungen unserer Langzeitstudie“, berichtet Claudio Richter augenzwinkernd von den anspruchsvollen Arbeitsumständen auf den Antarktis-Expeditionen.
Der Erstautor der Studie, Santiago Pineda-Metz, ein argentinischer Student von der Universidad de Magallanes in Chile, widmete einen guten Teil seiner Doktorarbeit an der Universität in Bremen, um die Statistiken für die Auswertung der sehr diversen Daten zu entwickeln. Er verglich die eigenen Erhebungen zusätzlich mit Daten aus weltweiten Archiven, um die biologischen Ergebnisse mit Veränderungen in der antarktischen Umwelt während des Untersuchungszeitraums in Beziehung zu setzen. Die Forscher analysierten beispielsweise, wie sich über den Meeresgrund schrammende Eisberge auf die Bodenlebewesen auswirken, welchen Einfluss kollabierende Schelfeise haben und wie sich die Meereisbedeckung mit ihrer Schneeauflage sowie das Auftreten von Eisbergen in einer „weißeren Antarktis“ auf die benthische Fauna und die Produktivität des Ökosystems auswirken. Ihre Ergebnisse: Eisberge beeinflussen die Produktivität negativ, ihr zahlenmäßiges Vorkommen zeigte im Untersuchungszeitraum jedoch keine Veränderungen. Die zunehmende Meereisbedeckung mit mehr Schnee wirkte sich hingegen negativ aus.
„Wir hatten immer vermutet, dass Meereis der Schlüssel sein könnte“, sagt Projektleiter Claudio Richter. „Die Antarktis unterscheidet sich sehr von der Arktis: In der Arktis verschwindet das Meereis. Aber über den größten Teil der Antarktis hat das Meereis bis vor kurzem zugenommen. Mehr schneebedeckte Eisschollen bedeuten: Weniger Licht, das das Wachstum von Kleinalgen (Phytoplankton) an der Wasseroberfläche unterstützt, und weniger abgestorbenes Phytoplankton, das auf den Boden sinkt. In Folge einer ‚weißer werdenden Antarktis‘ kann es dazu kommen, dass die bodenlebenden Tiere hungern.“ Pineda-Metz, Gerdes und Richter konnten genau diesen Trend nachweisen: Sie fanden einen deutlichen Rückgang sowohl der Häufigkeit als auch der Biomasse des antarktischen Benthos im Untersuchungsgebiet. Außerdem stellten sie fest, dass sich die Artengemeinschaft von Suspensionsfressern zu Ablagerungsfressern verschoben hat.
Das Jahr 2014 war sowohl das Ende der Datenerhebung für die Studie als auch ein möglicher Wendepunkt in der antarktischen Meereisbedeckung, die inzwischen vom damaligen Maximum auf das Niveau der 1980er Jahre gesunken ist. Das AWI-Team bereitet sich auf eine Expedition Anfang 2021 vor, um herauszufinden, ob der Rückgang der Meereisbedeckung zu einer Umkehrung des Effekts auf die Bodenlebewesen geführt hat. Sie planen, frühere Probennahmestationen erneut zu besuchen, um herauszufinden, ob sich das Benthos unter den jüngsten eisarmen Bedingungen erholen konnte. „Die Untersuchung der benthischen Reaktion ist äußerst wichtig, da die Speicherung von Kohlenstoff im Benthos eine wichtige Rückkopplung für das Klimasystem darstellt“, sagt Pineda-Metz, der die benthische Reaktion für seine Postdoc-Arbeit untersuchen möchte. „Unsere Studie zeigt auch, wie wichtig eine langfristige ökologische Überwachung in einer Region ist, die empfindlich auf Erwärmung reagiert“, fügt Richter hinzu.
Die Studie erscheint unter dem folgenden Titel:
Santiago Peneda-Metz, Dieter Gerdes, Claudio Richter, “Benthic fauna declined on a whitening Antarctic continental shelf”, Nature Communications, 10.1038/s41467-020-16093-z.
https://doi.org/10.1038/s41467-020-16093-z

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