Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

Diesmal verzichte ich auf eine allzu große Einleitung zum Thema Corona, das ist in allen Nachrichten (passiert ja sonst nichts) und man kannn (und sollte) das Thema nicht umgehen.
Entsprechende Links habe ich bereits hier genannt. Und an Aktualität haben diese auch nichts verloren.
Trotzdem wird nicht nur an Corona geforscht …

24.03.2020, Universität zu Köln
Leben am Limit: Verwandte der Silberfischchen in der trockensten Wüste der Welt entdeckt
Kölner Forscher entdecken erstmals Leben im Kerngebiet der chilenischen Atacama-Wüste / Veröffentlichung in „Global and Planetary Change“
Im Kerngebiet der chilenischen Atacama-Wüste, einer der trockensten Regionen der Welt, haben Forscher der Universität zu Köln Leben entdeckt. In diesem Gebiet mit einem Mars-ähnlichen Erscheinungsbild spürten Professor Dr. Reinhard Predel und sein Kollege Dr. Alvaro Zúñiga-Reinoso Insekten aus der Verwandtschaft der Silberfischchen, sogenannte Maindronia, auf. Der spektakuläre Fund dieser bis zu 7 Zentimeter großen und äußerst agilen Tiere wurde im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Earth – Evolution at the Dry Limit“ gemacht, bei dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die langfristige Evolution von Landschaften bei extremer Trockenheit untersuchen. Die Studie wurde im Fachjournal „Global and Planetary Change“ veröffentlicht.
Wüsten gelten allgemein als lebensfeindliche Regionen. „Ganz so schlimm ist es aber meist nicht“, meint Reinhard Predel. „Die Mehrzahl der Wüsten beherbergt eine hochspezialisierte Fauna, und manche Wüsten sind sogar ziemlich artenreich.“ Kritisch wird es dort, wo überhaupt keine Pflanzen mehr vorkommen und der Wind auch keine Pflanzenreste aus benachbarten Gebieten hereinweht. Dies ist in den Kerngebieten der Atacama der Fall. Dann verschwinden auch die am besten angepassten Wüstenspezialisten und das Nahrungsnetz kollabiert. „Wir haben die Tiere daher eher unerwartet und zufällig entdeckt“, sagt Predel.
Weltweit wurden bislang überhaupt erst drei Arten der Maindronia beschrieben. Man hatte sie immer dort gefunden, wo Wüsten direkt ans Wasser reichen und sie dann als eher feuchtigkeitsliebend eingeordnet. „Offensichtlich ist keiner auf die Idee gekommen, tiefer in die Wüste zu laufen und dort zu suchen. Nachdem wir die ersten Tiere in der Atacama entdeckt hatten, gab es allerdings kein Halten mehr. Es sind scheinbar die Wüstentiere schlechthin“, sagt Reinhard Predel.
Nach der Entdeckung und näheren Untersuchungen steht fest, dass in den Kerngebieten der Atacama mindestens 5 Arten Maindronia leben. Ihre Anpassung an solche Extremstandorte reicht offensichtlich sehr weit zurück, die Arten aus der Atacama sind bereits bekannten Arten aus arabischen Gebieten auch äußerlich sehr ähnlich. Das legt nahe, dass die Tiere vor Jahrmillionen auf dem südlichen Großkontinent Gondwana schon genauso gelebt haben wie heute. Im Umkehrschluss könnte das bedeuten, dass in Südamerika und im nordafrikanisch-arabischen Gebiet seit mehr als 100 Millionen Jahren immer irgendwo extrem trockene, so genannte hyperaride Lebensräume vorhanden waren, die Maindronia das Überleben gesichert haben. „Solche lebenden Fossilien verraten uns also auch etwas über die Entwicklung unserer Erde“, erklärt Predel.
Welche physiologischen Anpassungen an diese Extremstandorte Maindronia besitzt, ist noch völlig unklar. Warum sind sie so extrem agil? Sie besitzen eine Sensorik, die an Höhlentiere erinnert. Wozu dient sie? Und was fressen die Tiere eigentlich? Erste Vermutungen deuten darauf hin, dass die Tiere möglicherweise einen mit bloßem Auge unsichtbaren Biofilm aus Mikroorganismen ernten. Diesen Fragen werden die Forscher in Zukunft genauer nachgehen.
Publikation:
Alvaro Zúñiga-Reinoso and Reinhard Predel: Past climatic changes and their effects on the phylogenetic pattern of the Gondwanan relict Maindronia (Insecta: Zygentoma) in the Chilean Atacama Desert. Global and Planetary Change, 182: 1-8. https://doi.org/10.1016/j.gloplacha.2019.103007

24.03.2020, Eberhard Karls Universität Tübingen
Vor 47 Millionen Jahren schrumpften kleine Pferde, große Tapire legten noch zu
Wissenschaftler gewinnen anhand von Fossilien aus dem Geiseltal bei Halle Einblick in die Evolution der frühen Säugetiere
Im früheren Braunkohleabbaugebiet im Geiseltal westlich von Merseburg in Sachsen-Anhalt wurde im vergangenen Jahrhundert eine riesige Zahl außergewöhnlich gut erhaltener Tierfossilien geborgen. Sie geben der Paläontologie einen einzigartigen Einblick in die Evolution der Säugetiere vor 47 Millionen Jahren. In dieser Zeit, dem Mittleren Eozän, war das Erdklima viel wärmer als heute und das Gebiet ein morastiger subtropischer Wald, zu dessen Bewohnern Urpferde, frühe Tapire, große landlebende Krokodile sowie Riesenschildkröten, Eidechsen und bodenlebende Vögel gehörten. Die Funde aus dem Geiseltal sind so zahlreich und umfassend, dass sie Forschern ein Bild der Evolutionsdynamik bis auf die Ebene von Tierpopulationen mit bisher unerreichter Detailgenauigkeit geben.
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Márton Rabi von der Universität Tübingen und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) hat entdeckt, dass die Körpergröße zweier Säugetierarten sich in gegensätzliche Richtungen entwickelte. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde, ist in Zusammenarbeit mit Simon Ring und Professor Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment und der Universität Tübingen sowie mit Dr. Oliver Wings von der MLU entstanden.
„Am Anfang haben wir uns vor allem für die Evolution der Urpferde interessiert, die ungefähr die Größe eines Labradors hatten. Von ihnen gibt es besonders viele unter den Geiseltal-Fossilien“, sagt Rabi. Die Forscher gingen zunächst davon aus, dass es dort mehrere Arten früher Pferde gegeben hat. „Wir stellten jedoch fest, dass es sich im Geiseltal nur um eine einzige Art handelt, deren Körpergröße mit der Zeit deutlich abnahm“, erklärt Rabi. Das Forschungsteam wollte wissen, ob diese Veränderung durch das Klima ausgelöst worden sein könnte, da frühere globale Warmphasen zu einer Reduktion der Körpergröße bei frühen Säugetieren geführt hatten.
Informationen über das lokale Klima im Mittleren Eozän des Geiseltals erhielten die For-scher über Kohlenstoff- und Sauerstoff-Isotopen-Untersuchungen an fossilen Zähnen. „Sie deuten auf ein feuchtes Tropenklima hin. Wir fanden jedoch keine Hinweise auf Klimaände-rungen im Geiseltal im untersuchten Zeitraum“, sagt Bocherens. Um ihre Ergebnisse weiter zu erhärten, versuchte das Team herauszubekommen, ob der Schrumpfungsprozess nur bei Pferden auftrat. Zum Vergleich untersuchten sie die Evolution früher Tapire der Gattung Lophiodon. „Wir hatten Anhaltspunkte, die gleichbleibenden Klimadaten in Frage zu stellen; daher erwarteten wir, dass andere Säugetiere die gleichen Trends bei der Entwicklung der Körpergröße zeigen würden wie die Pferde“, erklärt Simon Ring. Doch erstaunlicherweise hätten die Ergebnisse bei den Tapiren, bei denen es sich ebenfalls nur um eine Art handelt, einen gegensätzlichen Trend aufgewiesen. Sie wurden größer, statt zu schrumpfen. Während die Vorfahren der Pferde ihr durchschnittliches Körpergewicht innerhalb von einer Million Jahren von 39 Kilogramm auf rund 26 Kilo verringerten, legten die Tapire im gleichen Zeitraum von durchschnittlich 124 Kilo Körpergewicht auf 223 Kilo zu.
Unterschiedliche Überlebensstrategien
„Alle Daten zur Körpergröße der Pferde und Tapire deuten darauf hin, dass sich die beiden Arten nicht wegen des Klimas, sondern wegen unterschiedlicher Lebenszyklen verschieden entwickelten“, erklärt Bocherens. Kleine Tiere pflanzen sich schneller fort und sterben jünger. Im Verhältnis zu ihrer Größe müssen sie nicht so viel Nahrung zu sich nehmen, um den Körper aufrechtzuerhalten. Sie können mehr Ressourcen in ihre Nachkommen stecken. Größere Tiere leben länger und haben niedrigere Fortpflanzungsraten. Sie brauchen mehr Nahrung und können weniger in die Fortpflanzung investieren – allerdings haben sie aufgrund ihrer Größe auch weniger Fressfeinde und können weitere Wege bei der Futter-suche bewältigen. Das erhöht ihre Lebenszeit und gibt ihnen mehr Zeit für die Aufzucht der Jungen. „Wahrscheinlich maximierten die Tapire und Pferde aus dem Geiseltal die Vorteile ihrer jeweiligen Lebensstrategien, was eine gegenläufige Evolution der Körpergröße zur Folge hatte“, sagt der Wissenschaftler.
Außergewöhnliche Fossilienfundstätte
Aus der Fundstätte Geiseltal wurden im Zuge der Gewinnung der Braunkohle im Tagebau zwischen 1933 und 1993 Zehntausende von Fossilien von mehr als einhundert ausgestorbenen Arten entdeckt. Viele sind Vorfahren heute lebender Wirbeltiere. „Das Geiseltal ist als Fossilienfundstelle genauso bedeutend wie die Grube Messel bei Darmstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt“, sagt Rabi. „Weil die Sammlung aus dem Geiseltal während des Bestehens der DDR kaum zugänglich war, geriet sie weitgehend in Vergessenheit.“
Originalpublikation:
Simon J. Ring, Hervé Bocherens, Oliver Wings & Márton Rabi: Divergent mammalian body size in a stable Eocene greenhouse climate. Scientific Reports, (2020) 10:3987, https://doi.org/10.1038/s41598-020-60379-7

25.03.2020, Forschungsverbund Berlin e.V.
Fledermäuse sind in Agrarlandschaften auf die gemeinsame Jagd mit Artgenossen angewiesen
Große Abendsegler – eine der größten heimischen Fledermausarten – suchen ihresgleichen, um bei der Jagd über insektenarmen Feldern erfolgreich zu sein. Wie Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) zeigen konnten, jagen die Fledermäuse über insektenreichen Wäldern vorwiegend als Einzelkämpfer, über insektenarmen Agrarflächen jedoch gemeinschaftlich in der Gruppe. Dabei orientieren sie sich offenbar an den Jagdrufen ihrer Artgenossen, die ihnen unabsichtlich Hinweise auf ertragreiche Gebiete liefern. Die wissenschaftliche Untersuchung ist in der Fachzeitschrift „Oikos“ publiziert.
Große Abendsegler – eine der größten heimischen Fledermausarten – suchen ihresgleichen, um bei der Jagd über insektenarmen Feldern erfolgreich zu sein. Wie Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) zeigen konnten, jagen die Fledermäuse über insektenreichen Wäldern vorwiegend als Einzelkämpfer, über insektenarmen Agrarflächen jedoch gemeinschaftlich in der Gruppe. Dabei orientieren sie sich offenbar an den Jagdrufen ihrer Artgenossen, die ihnen unabsichtlich Hinweise auf ertragreiche Gebiete liefern. Das „Belauschen“ der Jagdgenossen zum Aufspüren von Nahrung funktioniert vermutlich nur dann, wenn eine ausreichende Zahl von Individuen im selben Luftraum nach Insekten jagen. Nehmen die Fledermauspopulationen weiter ab, könnte eine kritische Dichte unterschritten und die gemeinschaftliche Jagd schwierig oder unmöglich werden. Dies könnte das Überleben von Arten wie dem Großen Abendsegler zusätzlich bedrohen. Die wissenschaftliche Untersuchung ist in der Fachzeitschrift „Oikos“ publiziert.
Menschliche Aktivitäten haben das Antlitz der Erde in den letzten Jahrhunderten massiv verändert. Während Mitteleuropa in der Antike noch von dichten Urwäldern bedeckt war, dominieren heute Felder, Wiesen und Forste das Land. Naturlandschaft wurde vom Menschen zur Kulturlandschaft umgewandelt. Viele Wildtiere verschwanden, für andere Arten ergaben sich neue ökologische Nischen. Besonders erfolgreich waren dabei Fledermäuse. Als sogenannte Kulturfolger kamen viele Arten bislang auch in einer von Menschen geprägten Umgebung zurecht, fanden in Gebäuden Unterschlupf und über Ackerflächen Nahrung. Doch was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? Sind sie vielleicht besonders effiziente Jäger?
Um das zu überprüfen, stattete ein Forscherteam des Leibniz-IZW Große Abendsegler mit Messgeräten aus, die ihre Raumposition und Ultraschall-Rufe aufzeichneten. Aus akustischen Aufnahmen spezieller Jagdrufe, sogenannter „feeding buzzes“, ließ sich ableiten, wann und wo die Fledermäuse besonders viele Insekten erbeuteten. Außerdem ließ sich durch die Aufnahme des akustischen Umfelds feststellen, ob Artgenossen anwesend waren. Eine Untersuchungskolonie befand sich in einem Gebiet nördlich von Berlin, das von großen Weizen-, Raps- und Maisfeldern geprägt ist. Die Individuen der zweiten Kolonie ging südöstlich von Berlin über einem von Kiefernwald geprägten Gebiet auf Nahrungssuche. In beiden Gebieten zeigten die Fledermäuse zwei Flugmuster – den Streckenausflug und den kleinräumigen Suchflug, bei denen die Tiere in einem eng begrenzten Raum im Zick-Zack umherfliegen. Bei der Jagd über dem Wald stießen die Fledermäuse sowohl im Streckenflug als auch im kleinräumigen Suchflug regelmäßig Jagdrufe („feeding buzzes“) aus, unabhängig davon, ob Artgenossen in der Umgebung waren. Sie waren also als Einzeljäger in beiden Modi erfolgreich. Über den Feldern jedoch blieben die Jagdrufe der Tiere im Streckenausflug oft aus. Erst wenn sie auf einen Artgenossen trafen, schalteten sie auf den kleinräumigen Suchflug um, der von vielen Jagdrufen begleitet war.
Die Schlussfolgerung der WissenschaftlerInnen: Auf Feldern sind Beuteinsekten selten und in größerer Zahl nur an wenigen Stellen – zum Beispiel an Hecken oder Gräben – zu finden. Deshalb belauschten die Fledermäuse hier im Streckenflug ihre Artgenossen. Wenn sie eine erfolgreiche Jagd anhand der Jagdrufe ihres Nachbarn erkannten, schlossen sie sich den jagenden Artgenossen an und wechselten in den kleinräumigen Suchflug, um den aufgespürten Insektenschwarm effektiv „abzugrasen“. Über Wäldern dagegen ist mehr Beute zu finden, die noch dazu vermutlich gleichmäßiger verteilt ist. Hier waren die Tiere auch ohne das Belauschen von Artgenossen erfolgreich.
„Die gemeinschaftliche Jagd macht es den Fledermäusen möglich, auch in einem landwirtschaftlich genutzten Gebiet mit geringer Beutedichte Nahrung zu finden“, sagt Christian Voigt, Leiter der Abteilung für Evolutionäre Ökologie am Leibniz-IZW. „Das funktioniert allerdings nur, wenn die Population ausreichend groß ist. Aufgrund von Insektensterben und Kollisionen mit Windkraftanlagen könnten die Bestände des Großen Abendseglers und anderer Arten jedoch weiter abnehmen. Die kritische Bestandsdichte könnte dadurch unterschritten werden, so dass eine gemeinsame Jagd unter Umständen nicht mehr möglich ist. Lokale Populationen, die auf diese Form des Nahrungserwerbs angewiesen sind, stünden dann vor dem Aus.“
Originalpublikation:
Roeleke M, Blohm T, Hoffmeister U, Marggraf L, Schlägel UE, Teige T, Voigt CC (2020): Landscape structure influences the use of social information in an insectivorous bat. Oikos. DOI: 10.1111/oik.07158

25.03.2020, Universität Potsdam
Ratten können den Hunger riechen – Studie klärt, wie die Nagetiere entscheiden, einander zu helfen
Wanderratten duften anders, wenn sie hungrig sind, als wenn sie satt sind. Anhand dieser Geruchsinformationen entscheiden die Nagetiere, hungrigen Artgenossen schneller zu helfen, an Futter zu kommen, als den satten Tieren. Dies zeigt eine neue Studie von Forschenden der Universitäten Bern, Neuchâtel und Potsdam, die jetzt im Open Access Journal PLOS Biology publiziert wurde.
Sie teilen miteinander das Futter oder putzen sich gegenseitig das Fell: Wanderraten sind sehr soziale Tiere. Sie helfen sich aber nicht bedingungslos. Die Nager wägen zuerst Kosten und Nutzen ab. Sie helfen sich also reziprok – gemäß dem Motto „Wie Du mir, so ich Dir“. Um an Futter zu kommen, „betteln“ Wanderratten bei ihren Artgenossen mit Rufen und Gesten. Diese Kommunikationsform macht aber eine Priorisierung schwierig: Wer hat wirklich Hunger und benötigt dringend Futter, und wer täuscht nur vor und versucht, nur noch mehr Futter einzuheimsen? Eine verlässlichere Information ist in diesem Fall der Geruch der bettelnden Ratte. Denn hungrige Ratten riechen offenbar anders als satte Tiere.
In der jetzt veröffentlichten Studie zeigen Forschende der Universität Bern und der Universitäten Neuchâtel und Potsdam, dass Ratten anhand von Geruchsinformationen entscheiden, wie schnell sie welchen Artgenossen helfen, an Futter zu kommen.
In einem Experiment versorgten die Forschenden Ratten mit Geruchssignalen entweder von hungrigen oder satten Artgenossen, die sich in einem anderen Raum befanden. Die Ratten konnten anschließend einer anderen anwesenden Ratte Hilfe leisten, schneller an Futter zu kommen, indem sie ein Tablett mit Futter zu dieser hinzogen. „Wir stellten fest, dass die Ratten schneller Hilfe leisteten, wenn sie Geruchssignale von einer hungrigen Ratte erhielten als von einer satten Ratte“, erklärt Karin Schneeberger, die diese Studie in der Ethologischen Station Hasli der Universität Bern, unter der Leitung von Prof. Michael Taborsky vom Institut für Ökologie und Evolution, durchgeführt hat und jetzt als Post-Doc an der Universität Potsdam an Wühlmäusen forscht.
Gregory Röder von der Universität Neuchâtel analysierte die Luft in der Umgebung der Ratten. Er konnte sieben verschiedene flüchtige organische Verbindungen identifizieren, die je nachdem entweder bei einer hungrigen oder einer satten Ratte häufiger vorkamen. Diese Geruchssignale könnten direkt von kürzlich aufgenommenen Nahrungsquellen, von Stoffwechselprozessen bei der Verdauung, oder von einem mutmaßlichen Pheromon stammen, das Hunger anzeigt. „Im Gegensatz zu Rufen und Gestik ist es unwahrscheinlich, dass die Ratten diese Gerüche zu ihrem Vorteil steuern und somit die anderen täuschen können. Damit stellen sie für die Artgenossen ,ehrliche Information’ bereit, auf die sie sich verlassen können bei der Entscheidung, wie schnell sie ihnen helfen wollen“, so Schneeberger.
Publikation:
Schneeberger K, Röder G, Taborsky M (2020) The smell of hunger: Norway rats provision social partners based on odour cues of need. PLoS Biol 18(3): e3000628. https://doi.org/10.1371/journal.pbio.3000628
https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3000628

26.03.2020, Georg-August-Universität Göttingen
Auch Neandertaler aßen Muscheln, Fisch und Robben
Bereits die Neandertaler ernährten sich vor über 80.000 Jahren regelmäßig von Muscheln, Fisch und anderen Meeresbewohnern. Den ersten umfangreichen Nachweis dafür fand ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Göttingen bei einer Ausgrabung in der Höhle von Figueira Brava in Portugal. Dr. Dirk Hoffmann vom Göttinger Institut für Isotopengeologie datierte Sinterlagen – Kalzitablagerungen, die wie Stalagmiten aus Tropfwasser entstehen – mit der Uran-Thorium-Methode, und konnte damit die Ausgrabungslagen auf ein Alter von 86.000 bis 106.000 Jahren bestimmen. Sie stammen also aus dem Zeitraum, in dem die Neandertaler Europa besiedelten. Die damalige Nutzung des Meeres als Nahrungsquelle wurde bislang nur dem anatonisch modernen Menschen (Homo sapiens) in Afrika zugeschrieben. Die Ergebnisse der Studie werden in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.
Die Höhle von Figueira Brava befindet sich 30 Kilometer südlich von Lissabon an den Hängen der Serra da Arrábida. Heute direkt am Wasser gelegen, war sie damals bis zu zwei Kilometer von der Küste entfernt. Das Forschungsteam, das der Erstautor der Studie Prof. Dr. João Zilhão von der Universität Barcelona koordiniert, fand heraus, dass die dort lebenden Neandertaler routinemäßig Muscheln ernten, fischen oder Robben jagen konnten. Auf dem Speiseplan standen unter anderem Muscheln, Krebstiere und Fisch sowie Wasservögel und marine Säugetiere wie Delfin oder Seehund. Die Nahrung aus dem Meer ist reichhaltig an Omega-3-Fettsäuren und anderen Fettsäuren, die die Entwicklung von Hirngewebe begünstigen.
Bislang wurde vermutet, dass ihr Konsum die kognitiven Fähigkeiten der afrikanischen Populationen steigerte. „Hiermit wurde unter anderem das frühe Auftreten einer symbolischen materiellen Kultur unter den modernen Menschen erklärt, wie zum Beispiel Körperbemalung mit Ocker, Verwendung von Ornamenten oder Dekoration von Behältern aus Straußeneiern mit geometrischen Motiven“, erklärt Hoffmann. „Solche Verhaltensweisen spiegeln die Fähigkeit des Menschen zum abstrakten Denken und zur Kommunikation durch Symbole wider, die auch zur Entstehung organsierterer und komplexerer Gesellschaften des modernen Menschen beitrug.“
Die aktuellen Ergebnisse der Ausgrabung von Figueira Brava bestätigen nun, dass, falls der gewohnheitsmäßige Verzehr von Meeresbewohnern eine wichtige Rolle bei der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten spielte, dies für den Neandertaler wie für den modernen Menschen gilt. Hoffmann und seine Koautoren fanden bereits zuvor heraus, dass Neandertaler vor mehr als 65.000 Jahren in drei Höhlen auf der Iberischen Halbinsel Höhlenmalereien angefertigt haben und dass perforierte und bemalte Muscheln ebenfalls den Neandertalern zugeordnet werden müssen.
Originalveröffentlichung: J. Zilhão et al., Last Interglacial Iberian Neandertals as fisher-hunter-gatherers, Science, DOI: 10.1126/science.aaz7943

27.03.2020, WWF World Wide Fund For Nature
Die guten Nachrichten der Woche
Die Corona-Pandemie geht um die Welt – mit einschneidenden Folgen für uns alle. Umso wichtiger, auch positive Gedanken und Optimismus zuzulassen und nicht zu vergessen, dass es trotz allem auch „gute Nachrichten“ dort draußen gibt. Der WWF Deutschland hat daher mutmachende Lichtblicke der vergangenen Tage aus Natur- und Artenschutz zusammengetragen.
Mehr Luchse in Deutschland
Mit den Luchsweibchen Lycka und Tarda wurden Luchs Nummer 19 und 20 im Pfälzerwald freigelassen. Damit sind wie geplant im Rahmen des Wiederansiedlungsprojekts insgesamt 20 Luchse in ihre neue Heimat entlassen worden. Der WWF Deutschland ist einer der Projektpartner und bewertet es als großen Erfolg, dass die Luchse der ersten Auswilderungen, ebenso wie ihr Nachwuchs, inzwischen große Teile des Pfälzerwaldes erschlossen haben. Wie ihre Vorläufer tragen Lycka und Tarda GPS-Halsbandsendern, damit ihre Bewegungen nachvollzogen werden können. Mithilfe des europäischen Förderprogramms LIFE-Natur führt die Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz mit ihren Projektpartnern Landesforsten Rheinland-Pfalz, SYCOPARC in Frankreich sowie dem WWF das Projekt seit 2015 durch.
Weniger Mangrovenzerstörung
Die Küstenwälder verschwinden langsamer als bisher angenommen. Zuletzt wurde geschätzt, dass die weltweite Verlustrate bei ein bis drei Prozent pro Jahr liegt und Mangroven damit so schnell zerstört werden wie fast kein anderes Ökosystem. Ein Forscherteam unter der Leitung der Nationalen Universität Singapur gibt jetzt in einer aktuellen Studie Grund für zurückhaltenden Optimismus. Die im Fachjournal Current Biology erschienene Studie ergab, dass der Schwund innerhalb der vergangenen 20 Jahre bei 0,3 bis 0,6 Prozent pro Jahr lag und damit weniger alarmierend ist, als befürchtet. Verstärkte Forschung und Aufklärung darüber, was Mangroven für Mensch und Natur leisten, sorgten demnach für ein besseres Bewusstsein und führten zu mehr Schutzmaßnahmen. Der WWF Deutschland sieht darin auch eine Bestätigung seines Einsatzes für den Erhalt der Mangroven weltweit und vor allem im Westindischen Ozean. Trotzdem seien, so der WWF, weiterhin große Anstrengungen nötig, um Mangrovenzerstörung für Aquakultur, Landwirtschaft oder Stadtentwicklung zu verhindern. Die Naturschutzorganisation verweist darauf, dass gerade in Zeiten der Klimakrise den weltweit 14 Millionen Hektar Mangrovenwäldern eine wichtige Schutzfunktion zukommt.
Rückkehr der Nashörner im Süden Afrikas
Gute Nachrichten für das südwestliche Spitzmaulnashorn, welches auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) von „gefährdet“ auf „gering gefährdet“ heruntergestuft wurde. Grund dafür ist das gute Populationswachstum über die vergangenen drei Nashorn-Generationen. Das südwestliche Spitzmaulnashorn ist eine Unterart des Spitzmaulnashorns (Diceros bicornis) und ist vor allem in Namibia anzutreffen. Kleinere Populationen gibt es aber auch in Südafrika. Noch in den 70er Jahren gab es geschätzte 65.000 Tiere. Die nicht enden wollende Nashorn-Wilderei dezimierte den Bestand allerdings laut WWF derart, dass im Jahr 1995 nur noch 2.410 Exemplare gezählt wurden. Aus diesen wenigen, verbleibenden Individuen wurde der Bestand auf heute wieder rund 5.600 Tiere aufgebaut.
Staudämme am Mekong verhindert
Kambodscha hat einen zehnjährigen Baustopp für neue Staudämme am Hauptstrom des Mekongs angekündigt. Damit liegen vorerst die beiden Großprojekte Stung Treng und Sambor auf Eis, gegen deren Realisierung sich der WWF seit vielen Jahren einsetzt. Die Entscheidung ist laut WWF nicht nur für die Ökosysteme am Mekong, zahlreiche wandernde Fischarten und die seltenen Flussdelfine ein mutmachendes Signal. Auch für zehntausende Menschen in der Region, deren Heimat und Lebensgrundlagen von den Staudammprojekten bedroht wurden, sei das eine gute Nachricht. Der WWF kündigte an, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass Kambodscha sich dauerhaft von Wasserkraftprojekten verabschiedet und künftig auf regenerative Energien wie Solar und Wind fokussiert, um die Versorgungssicherheit des Landes zu gewährleisten.

27.03.2020, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Paläopathologische Untersuchungen an Fischsauriern aus der Zeit der Trias und des Juras.
Wurde das Leben in den Urzeitmeeren im Laufe der Jahrmillionen zunehmend gefährlicher? Dieser Frage sind WissenschaftlerInnen des Naturkundemuseums Stuttgart und der Universität Uppsala in Schweden nachgegangen und haben dafür hunderte von Fischsaurierfossilen aus der Zeit der Trias vor 240 Millionen Jahren und der Zeit des Jurameeres vor ca. 180 Millionen Jahren untersucht. Die Forscher hatten in den Museumssammlungen bemerkt, dass die an den Skeletten der Fossilien sichtbaren Verletzungen -Pathologien- zum großen Teil ähnlich sind. Sie waren daraufhin überzeugt, durch genaue Analysen der Knochen mehr über die Biologie der Meeresreptilien des Erdmittelalters herausfinden zu können.
In einem von der DFG geförderten Forschungsprojekt untersuchten sie, welche Faktoren den größten Einfluss auf die Verletzungen von Meeresreptilen hatten. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Das Naturkundemuseum Stuttgart verfügt über eine weltweit bedeutende Ichthyosaurier-Sammlung mit zahlreichen Individuen aus der Zeit des Juras in Südwestdeutschland. Hier begannen die Stuttgarter Fischsaurierexpertinnen, Dr. Erin Maxwell und Dr. Judith Pardo-Pérez sowie der Wirbeltierpaläontologe Dr. Ben Kear aus Uppsala in Schweden mit ihrer Forschungsarbeit. Durch die exzellenten Erhaltungsbedingungen im Posidonienschiefer verraten die Fossilien viel über das Aussehen der ausgestorbenen Meeressaurier. Auch Spuren von Knochenbrüchen, Krankheiten und Skelettschäden sowie verheilte Bissspuren blieben erhalten. Die WissenschaftlerInnen kategorisierten bei über 100 Fossilien der Stuttgarter Sammlung die Art und Verteilung dieser Verletzungen und stellten fest, dass diese nicht zufällig waren. Beispielsweise zeigten ein Viertel der Schädel des Topräubers im Jurameer, Temnodontosaurus, Bisspuren von Artgenossen. Auch der kleinere Fischsaurier Stenopterygius zeigte diese Verletzungen. Gebrochene, aber verheilte oder im Heilungsprozess befindliche Rippen wurden bei allen Arten gefunden.
Die ForscherInnen fragten sich auf dieser Grundlage, ob das gleiche Bild in früheren Zeitperioden, wie der Trias (vor 240 Millionen Jahren) auch zu finden sei. Skelettverletzungen und -krankheiten bei triassischen Meeresreptilien wurden bis dato in der Literatur selten beschrieben. War das ein Indiz dafür, dass das Leben in den Urzeitmeeren im Lauf der Jahrmillionen, zum Beispiel durch Fressfeinde, immer gefährlicher wurde? Um diese Frage zu beantworten, analysierten sie das Ausmaß und die Art der Skelettschäden bei weiteren 200 Ichthyosauriern der Fundstelle Monte San Giorgio aus der Mitteltrias in Sammlungen in Zürich und Mailand. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden daraufhin statistisch ausgewertet. Der Monte San Giorgio ist die bedeutendste Fundstelle für marine Fossilien der Mitteltrias und wurde von der UNESCO zum Welterbe ernannt.
„Im Hinblick auf die Biologie und das Verhalten der Tiere sind die Resultate unserer Beobachtungen besonders interessant. Insgesamt waren Skelettverletzungen bei triassischen und jurassischen Arten in ähnlicher Zahl vorhanden. Trias-Ichthyosaurier waren also nicht gesünder als ihre Verwandten aus dem Jura“, so Dr. Erin Maxwell.
Die WissenschaftlerInnen schließen damit aus, dass die Konkurrenz und der Prädationsdruck in der Meeresumwelt von Trias und Jura im Laufe der Jahrmillionen an Intensität zugenommen haben.
Der Vergleich der am häufigsten vorkommenden Ichthyosaurier aus beiden Zeitperioden – Mixosaurus aus der Trias und Stenopterygius aus dem Jura – zeigt allerdings, dass sich die Skelettverletzungen unterscheiden. Bei Mixosaurus konzentrieren sich diese auf die Hinterflosse und den Schwanz. Stenopterygius weist hier die wenigsten Verletzungen auf, stattdessen im Rumpfbereich und an den Vorderflossen die meisten. Die WissenschaftlerInnen interpretieren die beobachteten Unterschiede in der Verteilung der Verletzungen als Folge von Änderungen der Körperform und des Schwimmstils. Die 240 Millionen Jahre alten Trias-Ichthyosaurier hatten eine länglichere Form mit kleiner Schwanzflosse. Diese war für traumatische Verletzungen und Gelenkerkrankungen anfällig. Bei Ichthyosauriern aus dem Jura hingegen, wird die Schwanzflosse mit Weichgeweben stabilisiert. Daher führen mechanische Beanspruchungen, die diese Region betreffen, nicht zu Gelenkbelastungen.
Eine ähnliche Ursache vermuten die ExpertInnen für die hohe Häufigkeit gebrochener und wieder geheilter Rippen bei Stenopterygius, die bei Mixosaurus nicht beobachtet wurden. Schnelleres, weniger aalähnliches Schwimmen erhöht die Wirksamkeit des Rammverhaltens und damit die Wahrscheinlichkeit von traumatischen Verletzungen des Rumpfes der Fischsaurier. Die Verletzungen ergeben sich aus Kämpfen zwischen Tieren derselben Art sowie fehlgeschlagenen Versuchen, sich Beute abzunehmen.
Die WissenschaftlerInnen schließen aus ihrer Forschungsarbeit, dass Änderungen des Ichthyosaurier-Bauplans einen größeren Einfluss auf die Art und Häufigkeit der beobachteten Pathologien haben als Änderungen auf der Ökosystemebene. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden nun in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Originalpublikation:
Pardo-Pérez, J.M., Kear, B.P. & Maxwell, E.E. 2020. Skeletal pathologies track body plan evolution in ichthyosaurs. Scientific Reports 10, 4206.
doi: https://doi.org/10.1038/s41598-020-61070-7

26.03.2020, Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere
Wie vergessene „Drachen“ wiederbelebt werden
Seit über 100 Jahren wurde angenommen, dass es nur drei Arten Segelechsen in Südostasien gibt. Durch eine neue Studie konnte nun jedoch gezeigt werden, dass auf der indonesischen Insel Sulawesi gleich zwei verschiedene Arten von Segelechsen vorkommen, die bisher übersehen worden waren, obwohl sie bereits im 19. Jahrhundert wissenschaftlich beschrieben wurden. Somit ist Sulawesi die einzige Insel, die gleich zwei dieser kleinen „Drachen“ beheimatet. Durch die Revision dieser außergewöhnlichen Reptiliengruppe konnte die Zahl der Arten mit einem Schlag fast verdoppelt werden.
Obwohl Segelechsen mit ihren Zacken entlang des Rückens sowie dem namensgebenden Hautsegel an kleine Drachen erinnern, ist über ihre Artenvielfalt sehr wenig bekannt.
Vernachlässigte „Wasserdrachen“
Neben den bekannteren Waranen gibt es in Südostasien eine weitere Echsengruppe, die über einen Meter Gesamtlänge erreicht: die Segelechsen der Agamen-Gattung Hydrosaurus, was „Wasserechse“ auf Deutsch heißt und die Vorliebe dieser Reptilien für wassernahe Lebensräume wie Flüsse, Seen oder die Meeresküste widerspiegelt. Jungtiere können mit Hilfe von stark verbreiterten Schuppensäumen an den langen Zehen sogar blitzschnell über das Wasser laufen. Mit ihren charakteristischen Hautsegeln auf dem Schwanz und den langen, spitzen Zackenschuppen entlang des Rückens erinnern Segelechsen sehr an kleine Drachen; und wer weiß, ob sich Filmemacher nicht vielleicht wirklich Anregungen bei diesen archaisch anmutenden Reptilien geholt haben.
Seit über 100 Jahren wurde angenommen, dass es nur drei Arten von Segelechsen gibt, die von den Philippinen über Sulawesi und die Molukken (Gewürzinseln) bis Neuguinea verbreitet sind. Das größte Verbreitungsgebiet hat dabei die Ambon-Segelechse (Hydrosaurus amboinensis), die von Sulawesi über die südlichen Molukken bis Neuguinea vorkommen sollte. Sie wurde bereits 1768 basierend auf einem Tier von der kleinen Molukken-Insel Ambon (Amboina) beschrieben, die damals ein wichtiger Handelshafen im asiatischen Kolonialreich der Niederländer war.
Im 19. Jahrhundert wurde dann zunächst die Makassar-Segelechse (Hydrosaurus microlophus = wörtlich übersetzt „Wasserechse mit kleinem Kamm“) anhand eines Jungtieres aus der Umgebung der südsulawesischen Hauptstadt Makassar beschrieben. Der wissenschaftliche Name resultiert aus dem Umstand, dass das junge Exemplar (noch) nicht das typische große Hautsegel der ausgewachsenen Männchen besitzt. Einige Jahre später stellte der Berliner Zoologe Wilhelm Peters eine weitere Art aus dem Zentrum der Insel auf, die Sulawesi-Segelechse (Hydrosaurus celebensis; Anmerkung: Celebes ist der alte Name der Insel Sulawesi). Dabei übersah er – so wie die meisten folgenden Forscher – die ältere Artbeschreibung. Im Jahr 1885 wurden dann beide sulawesischen Namen mit der Ambon-Segelechse synonymisiert, das bedeutet gleichgesetzt, sodass sie in Vergessenheit gerieten.
Neue Zählung der Segelechsen von Sulawesi
Erst durch eine kürzlich im Fachjournal Zootaxa publizierte Überarbeitung der sulawesischen Segelechsen konnte durch ein internationales Team von Wissenschaftlern und Amateurartenkennern nun gezeigt werden, dass beide Namen zu Unrecht als ungültig eingeschätzt worden waren. Außerdem stellte sich heraus, dass die Ambon-Segelechse gar nicht auf Sulawesi vor kommt, sondern auf die südlichen Molukken beschränkt ist. Hierfür untersuchten die Taxonomen (= Artenkenner) die historischen Originalexemplare und verglichen sie mit Fotos lebender Tiere von Sulawesi und Ambon. „Dabei wurde schnell deutlich, dass sich beide Inselpopulationen stark voneinander unterscheiden“, sagt Dr. André Koch vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz Institut für Biodiversität der Tiere (ZFMK) in Bonn, der das erste umfassende Buch über die Amphibien und Reptilien von Sulawesi geschrieben hat. Koch ergänzt: „Es ist erstaunlich, dass niemand bisher diese auffälligen Unterschiede erkannt hat.“ „Doch dies ist ein generelles Problem bei vielen Reptilien in Südostasien. Sie sind sehr schlecht untersucht, so dass regelmäßig neue Arten entdeckt – oder wie in diesem Fall alte Namen wiederbelebt – werden“, fügt Dr. Wolfgang Denzer hinzu, der als promovierter Physikochemiker seit über zwanzig Jahren in seiner Freizeit die Reptiliengruppe der Agamen in Südostasien untersucht und etliche Publikationen hierzu geschrieben hat.
Zudem wurde anhand von Lebendfotos offensichtlich, dass auf Sulawesi nicht nur eine Art der Segelechsen lebt, wie sonst auf anderen Inseln üblich, sondern sogar zwei verschiedene. Die Männchen der einen Art besitzen leuchtend hellblaue Augen und sehr wenige stark vergrößerte helle Schuppen auf den hell und dunkel gesprenkelten Flanken, während die Männchen der anderen Art graublaue bis dunkelbraune Augen und viele dunkle vergrößerte Schuppen auf den schmutzig gelblich bis beige gefärbten Körperseiten zeigen. Bei Jungtieren und Weibchen sind diese Unterschiede weniger deutlich ausgeprägt. Ähnlich wie bei anderen Arten dürften diese Färbungsunterschiede wichtig für die innerartliche Erkennung beider Partner bei der Fortpflanzung sein. „Wir haben jedoch auch Exemplare gesichtet, die Merkmale beider Formen vereinen, so dass wir davon ausgehen, dass es zu Vermischungen, sogenannten Hybriden, zwischen beiden Arten kommen kann“, führt Andrea Gläßer-Trobisch aus. Die Lehrerin und Hobbyreptilienexpertin aus dem Westerwald hat mehrmals gemeinsam mit ihrem Mann in Indonesien Segelechsen beobachtet und dokumentiert.
Eine molekulargenetische Bestätigung der neuen morphologischen Studie wurde bereits vor einigen Jahren von Kollegen aus Nord-Amerika veröffentlicht. Darin wurden die Segelechsen von Sulawesi als eigenständige Entwicklungslinie herausgestellt. Sie versäumten jedoch, ihre Erkenntnisse aus dem Labor mit Belegexemplaren aus Naturkundemuseen zu vergleichen, und übersahen ebenfalls den alten Namen der Makassar-Segelechse.
Sulawesi, die ungewöhnliche Insel
Sulawesi, das ehemalige Celebes, ist die elftgrößte Insel der Welt. Mit ihrer charakteristischen Form aus vier langgezogenen Halbinseln, die an ein K erinnert, liegt die zentralindonesische Insel inmitten einer besonderen biogeographischen Region, die als Wallacea bezeichnet wird. Sie stellt den Übergangsbereich zwischen rein asiatischen und australischen Tierarten dar. Dabei kommen viele Tierarten nur hier und nirgendwo sonst vor, sie sind Endemiten – so auch die beiden wiederbelebten „Drachen“.
Verantwortlich für den hohen Anteil endemischer Arten ist die geologische Geschichte der Insel. Seit Jahrmillionen ist sie von umliegenden Inselgruppen wie den Philippinen oder den Großen Sunda-Inseln isoliert. Selbst während der Eiszeiten sorgten tiefe Meeresgräben dafür, dass Sulawesi eine Insel blieb, während zum Beispiel Neuguinea mit Australien eine große Landmasse bildete, sodass viele Tiere hin- und herwandern konnten. Dies erklärt die heutigen Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gebieten.
Erkenntnisgewinn durch Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Laien
Das Beispiel der sulawesischen Segelechsen zeigt eindrücklich, dass die Artenvielfalt vieler Reptilien in Südostasien nicht ausreichend erforscht und deutlich höher als bisher angenommen ist. „Zudem wird der hohe Nutzen aus der Kooperation von Wissenschaftlern mit Amateurartenkennern deutlich“, ergänzt Prof. Dr. Bernhard Misof, der neue Direktor des ZFMK. „Wir wissen den Beitrag, den Bürgerwissenschaftler, also akademische Laien, zur Erforschung der Artenvielfalt leisten, sehr zu schätzen! Alleine wären die Berufsforscher angesichts der enormen Biodiversität in so artenreichen Ländern wie Indonesien überfordert.“
Literaturquelle:
Denzer, W., Campbell, P. D., Manthey, U., Glässer-Trobisch, A. & Koch, A. (2020). Dragons in Neglect: Taxonomic Revision of the Sulawesi Sailfin Lizards of the Genus Hydrosaurus Kaup, 1828 (Squamata, Agamidae). Zootaxa, 4747(2): 275–301.
Links
https://www.zfmk.de/dateien/dokumente/denzer_et_al_2020_hydrosaurus_sulawesi_0.pdf
https://www.biotaxa.org/Zootaxa/article/view/zootaxa.4747.2.3

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft/Naturschutz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.