Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

07.10.2019, Georg-August-Universität Göttingen
Der Stammbaum der Stabschrecken
Stab- und Gespenstschrecken sind eine formenreiche und äußerst bizarr anmutende Insektengruppe, die weltweit vor allem in tropischen und subtropischen Gebieten verbreitet ist. Bekannt sind sie für ihre – für Insektenverhältnisse – beeindruckenden Körpergrößen und die Fähigkeit, in verblüffender Weise Pflanzenteile wie Zweige, Blätter oder Rinde nachzuahmen, um sich vor Fressfeinden zu tarnen. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Göttingen hat nun den ersten phylogenomischen Stammbaum dieser Insekten veröffentlicht.
Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Frontiers in Ecology and Evolution erschienen.
„Bislang wurden die verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb der Stabschrecken bestenfalls an einer Handvoll Genen untersucht. Dies ist die erste Studie, bei der für jede Art weit über 2000 Gene vergleichend analysiert wurden“, erklärt Dr. Sven Bradler von der Universität Göttingen, Seniorautor der Studie. 38 Stab- und Gespenstschrecken aus aller Welt, darunter auch ein Wandelndes Blatt, standen den Forscherinnen und Forschern des 1KITE-Projekts (1000 Insect Transcriptome Evolution) für diese Untersuchung zur Verfügung. „Bisherige Studien waren nicht in der Lage, die frühe Evolution dieser Insekten aufzuklären. Dies hat sich mit dem deutlich umfangreicheren neuen Datensatz nun geändert, der auch die Entstehung der frühesten Linien nachzuzeichnen vermag“, erläutert Dr. Sabrina Simon, Erstautorin des Artikels von der Universität Wageningen.
Das verblüffendste Ergebnis hierbei ist, dass die Verwandtschaftsbeziehungen der früh entstandenen Großgruppen der Stab- und Gespenstschrecken bisherige Ansichten weitgehend widerlegen. Sie entsprechen viel stärker der geografischen Verbreitung als der körperlichen Ähnlichkeit der Tiere. So deckte das Team eine neuweltliche Linie ausschließlich süd- und nordamerikanischer Arten und eine ursprünglich altweltliche Linie auf, die von Afrika bis Neuseeland reicht.
Die Rekonstruktion der biogeografischen Geschichte der Insekten, die Sarah Bank, Doktorandin an der Universität Göttingen und Co-Autorin der Studie, durchführte, brachte darüber hinaus weitere unerwartete Ergebnisse: „Die völlig unterschiedlich aussehenden Stabschrecken Madagaskars gehen auf einen einzigen gemeinsamen Vorfahren zurück, der diese Insel vor etwa 45 Millionen Jahre besiedelte.“
Die Altersbestimmung des Stammbaums lässt zudem den Schluss zu, dass die meisten Linien erst nach Aussterben der Dinosaurier vor etwa 66 Millionen Jahren entstanden. Somit ist die bemerkenswerte Tarnung dieser Insekten vermutlich anschließend als Anpassung an räuberische Vögel und Säugetiere entstanden.
„Stabschrecken gewinnen zunehmend an Bedeutung als Modellorganismen für evolutionsbiologische Forschung“, erklärt Bradler mit Blick auf zukünftige Studien. „Der umfangreiche neue molekulare Datensatz ist noch lange nicht erschöpfend ausgewertet und dürfte noch spannende Erkenntnisse hinsichtlich der Funktion der zahlreichen ermittelten Gene bereithalten.“
Originalpublikation:
Sabrina Simon et al. Old World and New World Phasmatodea: Phylogenomics Resolve the Evolutionary History of Stick and Leaf Insects. Frontiers (2019). https://doi.org/10.3389/fevo.2019.00345

08.10.2019, Max-Planck-Institut für chemische Ökologie
Tabakschwärmer meiden bei der Eiablage den Duft von Raupenkot
Insektenweibchen wählen geeignete Nahrungsgrundlagen für ihren Nachwuchs anhand von Düften aus, wenn sie ihre Eier ablegen, um das Überleben ihrer Nachkommen sicherzustellen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie konnten nun zeigen, dass nicht nur pflanzliche Duftstoffe die Wahl des Eiablageplatzes bestimmen, sondern auch der Kot von Artgenossen. Sie identifizierten die abstoßende Substanz im Kot von Tabakschwärmerlarven, die den Weibchen signalisiert, dass bereits konkurrierende Artgenossen an einer Pflanze fressen. Außerdem identifizierten sie den Geruchsrezeptor, der den typischen Kotgeruch erkennt und damit die Konkurrenzvermeidung bei der Eiablage steuert.
Gefräßige Raupen
Die Raupen des Tabakschwärmers (Manduca sexta) sind äußerst gefräßig. Ihr lateinischer Name Manduca ist vom Verb manducare abgeleitet, das fressen oder kauen bedeutet. Die nimmersatten Raupen, die gut fingergroß werden, machen freilich auch den ganzen Tag nichts anderes als fressen und kauen. Eine einzelne Raupe ist daher auch in der Lage, alle Blätter einer Wirtspflanze, dem wilden Tabak Nicotiana attenuata oder (zumindest bei noch jungen Pflanzen) dem Stechapfel Datura wrightii, allein zu verspeisen. An einer Pflanze wird folglich kaum eine zweite Raupe kaum satt.
„Uns war klar, dass die Falter ihre Eiablageplätze sehr umsichtig wählen. Bislang wurde vorrangig untersucht, ob weibliche Motten anhand von Veränderungen im Duftmuster der Pflanzen erkennen, dass sie von Raupen angefressen werden, und daher ihre Eier auf Pflanzen ablegen, an denen noch keine Raupen fressen. Uns interessierte, ob die Falter auch Duftinformation berücksichtigen, die von den Larven, also den möglichen Konkurrenten ihrer Nachkommen, abgegeben werden“, erläutert Markus Knaden, einer der Hauptautoren der Publikation.
Dass die Tabakschwärmer Konkurrenz für ihren Nachwuchs vermeiden, erscheint plausibel. Dass eine spezielle Klasse von flüchtigen Verbindungen im Raupenkot, nämlich bestimmte aliphatische Karbonsäuren, ausreicht, um dieses Vermeidungsverhalten auszulösen, erstaunte die Forscher dennoch. Sie konnten das in Verhaltensexperimenten im Windtunnel, bei denen die Falter einzelnen Duftkomponenten auf Filterpapier ausgesetzt wurden, nachweisen.
Ein bestimmter Duftrezeptor, IR8a, steuert das Verhalten der Mottenweibchen bei der Eiablage
Das Vermeidungsverhalten der Motten auf aliphatische Karbonsäuren im Raupenkot ist spezifisch und ermöglichte den Forschern, die molekulare Basis dieses Verhaltens genauer zu untersuchen. Mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas9 konnten sie bestimmte Rezeptorproteine in den Antennen, also den „Nasen“ der Falter, ausschalten, die für das Aufspüren dieser flüchtigen Verbindungen wichtig sind. So konnten sie nachweisen, dass der ionotrope Rezeptor 8a (IR8a) die Vermeidungsreaktion auf Raupenkot steuert.
„Interessanterweise hatte bislang niemand untersucht, wie die Falter chemische Signale aus dem Raupenkot wahrnehmen. Unsere Experimente mit Faltern, denen die Rezeptorproteine für das Aufspüren dieser Signale fehlten, zeigten, dass diese Falter nicht in der Lage waren, den Kot konkurrierender Artgenossen zu entdecken, und daher ihre Eier auf Pflanzen ablegten, auf denen ihre Nachkommen eine verringerte Überlebenschance hatten. Unsere Studie demonstriert erstmals, dass IR8a wesentlich am Signalverarbeitungsweg beteiligt ist, der das Vermeiden von Raupenkot in Tabakschwärmern steuert“, fasst Erstautor Jin Zhang aus China zusammen, dessen Forschung am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie von der Alexander von Humboldt-Stiftung gefördert wurde.
Evolutionsbiologischer Kontext und Ausblick
Pflanzen-Insekten-Wechselwirkungen sind vielfältig und hochkomplex. Sie haben sich im Laufe der Evolution entwickelt und können immer wieder anpasst werden, wenn sich ein Parameter verändert. Es ist keine neue Erkenntnis, dass Tabakschwärmer deutlich weniger Eier auf Pflanzen legen, die bereits von Raupen attackiert wurden, und dass der Geruch von Raupenkot sogar Räuber, also die Feinde der Raupen, anlocken kann. Dieser Raupenkot sorgt aber auf der anderen Seite dafür, dass Raupen Artgenossen fernhalten, mit denen sie sonst um ihr Futter konkurrieren müssten. Somit hilft das chemische Signal aus dem Kot einerseits den schon vorhandenen Raupen selbst, aber auch den umherfliegenden Motten, die den Kot vermeiden, um eine bessere Futterpflanze für ihren Nachwuchs zu finden.
Die neu entwickelten genetischen Werkzeuge bieten ganz neue Möglichkeiten, um das geruchsgesteuerte Verhalten von Tabakschwärmern und anderen Schädlingen noch detaillierter zu untersuchen. Die Forscher wollen damit insbesondere Antworten auf folgende Fragen finden: Welche Faktoren, wie z.B. Blütendüfte, Feuchtigkeit und CO2, führen die Insekten zu ihren Wirtspflanzen? Welche Rezeptorproteine steuern die Reaktionen auf Düfte? Welche Gene sind an diesem Verhalten beteiligt?
Grundlegende Erkenntnisse, die aus diesen Studien gewonnen werden, können dazu beitragen, besser auf die neuen Herausforderungen in der Landwirtschaft, die sich aus der Klimaveränderung ergeben, zu reagieren.
Originalpublikation:
Zhang, J., Bisch-Knaden, S., Fandino, R. A., Yan, S., Obiero, G. F., Grosse-Wilde, E., Hansson, B. S., Knaden, M. (2019). The olfactory co-receptor IR8a governs larval feces-mediated competition avoidance in a hawkmoth. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, DOI: 10.1073/pnas.1913485116
https://doi.org/10.1073/pnas.1913485116

09.10.2019, Leuphana Universität Lüneburg
Lüneburger Heide: Artenvielfalt nimmt deutlich ab
Leuphana-Forscher untersuchten in einer Langzeit-Studie ein Waldgebiet in der Lüneburger Heide. Die Ergebnisse sind alarmierend.
Laufkäfer sind wesentlich für funktionierende Ökosysteme in unseren Breiten: Diese Insekten ernähren sich unter anderem von Schädlingen wie Eichenprozessionsspinner oder Kartoffelkäfer. Fast 25 Jahre lang überprüften der Tierökologe Prof. Dr. Thorsten Aßmann und sein Team von der Leuphana Universität Lüneburg alle zwei Wochen den Artenbestand in einem alten, nachhaltig bewirtschafteten Waldgebiet in der Lüneburger Heide, dem Hofgehölz Möhr. Dabei stellten die Forscher einen dramatischen Rückgang der Artenvielfalt bei diesen Käfern fest.
Der Wissenschaftler ist besorgt: „Die Artenvielfalt ist hier im Untersuchungszeitraum um fast ein Drittel zurückgegangen und in der Tendenz weiter abnehmend. Gerade in einem Naturschutzgebiet hätten wir damit nicht gerechnet.“ Als Gründe diskutieren die Forscher unter anderem den Klimawandel. Temperaturen steigen, es wird trockener. „Für Larven, die sich im Sommer entwickeln, ist das sehr problematisch. Gerade Tiere dieser Arten haben wir immer seltener gefunden“, berichtet Aßmann. Negative Auswirkungen können auch Pestizide haben, die auf nahen land- und forstwirtschaftlichen Flächen verwendet werden: „Häufig werden auch Nicht-Zielorganismen geschädigt“, erklärt der Experte. Aßmann warnt vor einer weiteren Abnahme der Diversität: „Artenvielfalt ist eine Versicherung für die Zukunft. Eine nachhaltige Land- und Forstwirtschaft etwa wird ohne Insekten wie Laufkäfer nicht möglich sein.“
Im Gegensatz zu vorherigen Langzeitstudien haben die Forscher nicht nur die Biomasse der Tiere erfasst, sondern auch die Arten bestimmt. Ein aufwändiges, aber auch wichtiges Verfahren: „Nur wenn wir wissen, welche Arten verschwinden, können wir sinnvolle Naturschutzmaßnahmen planen“, erklärt Aßmann. Laufkäfer sind in dieser Hinsicht besonders interessant, da sie als Indikatoren für veränderte Umweltbedingungen gelten. Viele Tiere können nicht fliegen und sind deshalb oft ausbreitungsschwach. Verschwinden sie aus Lebensräumen, ist das für Wissenschaftler oft ein Warnzeichen.
Aßmann plädiert für weitere Langzeitstudien: „Deutschland hinkt hier zurück. Wir wollten mit unserer Arbeit auch zeigen, wie wichtig solche Untersuchungen sind.“
Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit der Alfred-Töpfer-Akademie für Naturschutz (NNA), Schneverdingen.

09.10.2019, Universität Zürich
Wie die Zähne abgerieben werden
Zähne von Säugetieren werden ständig abgerieben. Wie genau der Zahnabrieb abläuft, ist allerdings nicht bekannt. Forschende der Universität Zürich zeigen, dass die verschiedenen Bereiche der Zähne von Pflanzenfressern unterschiedlich anfällig gegen Zahnabrieb sind, und entwerfen das Szenario eines detaillierten zeitlichen Ablaufes.
«In unserer Klinik sehen wir regelmässig Meerschweinchen und Kaninchen mit Zahnproblemen. Darum sind wir besonders daran interessiert, wie bei diesen Tieren die Zahnveränderungen genau funktionieren», sagt Jean-Michel Hatt, Professor an der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtieren der Universität Zürich. Bekannt ist, dass die Zähne der Säugetiere ständig abgerieben werden. Wie dies genau geschieht, ist immer noch ein Rätsel. Denn eigentlich ist Zahnschmelz härter als die in der Nahrung vorkommenden Teile, die die Zähne abschleifen. Bei Pflanzenfressern sind dies vor allem die sogenannten Phytolithe oder Blattsteinchen – mikroskopische Silikateinlagerungen, die vor allem in Gräsern vorkommen. «Zahnforscher sind sich nicht einig, wie diese Blattsteinchen tatsächlich den Zahnschmelz angreifen können», sagt Jean-Michel Hatt.
Harte und weichere Zahngewebe
Die Zahnoberflächen von Pflanzenfressern bestehen nicht nur aus Zahnschmelz. Zwischen den Schmelzleisten befindet sich weicheres Gewebe, das Zahnbein oder Dentin. Durch die unterschiedlichen Härten entwickelt sich auf der Kaufläche der Zähne von Pferden, Rindern oder auch Meerschweinchen eine Oberfläche wie bei einer Raspel: harte Leisten ragen aus dem weicheren Gewebe hervor. «Wie dieses weichere Dentin auf abschleifende Nahrung reagiert, wurde bisher kaum angeschaut», so Hatt. Zahnforscher interessiert meistens der Zahnschmelz.
Meerschweinchen und Bambus
Jean-Michel Hatt und sein Team haben in Zusammenarbeit mit Forschern der Universität Mainz einen Fütterungsversuch mit Meerschweinchen durchgeführt. Sie fütterten Meerschweinchen drei Wochen lang mit drei verschiedenen Futterarten: Luzerne – die, wie Klee, keine Blattsteinchen enthält – normales Gras und Bambus. Bambus gehört zur Gruppe von Gräsern, die am meisten Silikate enthalten. Der Effekt der Fütterung wurde mittels Mikro-Computer-Tomographie beobachtet – ein besonders genaues Röntgenverfahren, das 3D-Rekonstruktionen erlaubt.
Die Ergebnisse haben die Forschenden selbst beeindruckt. «Auch ohne zu wissen, welches Tier ich gerade auf dem Bildschirm vermesse, konnte ich sagen, welches Futter es bekommen hatte», sagt Louise Martin, Doktorandin an der Zootierklinik. «Die bambusfressenden Tiere hatten deutlich kürzere Zähne.» Und das, obwohl bei Meerschweinchen auch die Backenzähne ständig nachwachsen. Bei genauem Hinschauen fand Martin das entscheidende Detail: Bei den kürzeren Zähnen waren die Dentin-Flächen überproportional ausgehöhlt. «Die Blattsteinchen greifen das Dentin an, und wenn die Schmelzleisten dann besonders weit hervorstehen, sind sie auch nicht mehr so stabil und werden selber abgerieben.» Ein Effekt, den man wohl nur in einem System mit rasch wachsenden Zähnen – wie bei Nagern – und ausserordentlich abschleifendem Futter wie Bambus so gut beobachten kann.
Bambus ist kein Pflanzenfresser-Futter
«Die meisten Leute füttern ihren Pflanzenfressern keinen Bambus», so Hatt, «und unsere Ergebnisse zeigen, dass das auch gut so ist.» Aber wie sieht es denn bei Tieren wie den Pandas aus, die ausschliesslich Bambus fressen? «Die Pandabären besitzen als Angehörige der Raub-tiere keine typischen Pflanzenfresser-Raspelzähne», erklärt Jean-Michel Hatt. «Ihre Zähne sind komplett von Zahnschmelz überzogen.»
Originalpublikation:
Martin Louise F., Winkler Daniela, Tütken Thomas, Codron Daryl, De Cuyper Annelies, Hatt Jean-Michel, Clauss Marcus (2019). The way wear goes – phytolith-based wear on the dentine-enamel system in guinea pigs (Cavia porcellus). Proceedings of the Royal Society B. Doi: 10.1098/rspb.2019.1921

10.10.2019, Universität Stuttgart
Auf den Spuren der Bärtierchen: Stuttgarter Biologe ausgezeichnet
Der Biologe Ralph Schill vom Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme der Universität Stuttgart erhält heute den renommierten Walter-Schall-Preis 2019 der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg e.V. Mit diesem Preis werden seit 1985 Wissenschaftler aus den Fachgebieten der Botanik, Geologie, Geomorphologie, Geophysik, Meteorologie, Mikrobiologie, Naturschutz, Ökologie, Paläontologie und Zoologie geehrt, die im südwestdeutschen Raum aktiv sind.
Ralph Schill befasste sich bereits an der Universität Tübingen mit Bärtierchen, die in der Lage sind einzutrocknen oder zu gefrieren, um so längere Zeiträume unbeschadet überdauern zu können. Keine andere Tiergruppe hat es geschafft, sich im Laufe der Evolution so perfekt an schnell wechselnde Umweltbedingungen anzupassen wie die nur knapp 1 mm großen Tiere. Als Schill 2003 an die Universität Stuttgart wechselte etablierte er die Bärtierchenart Milnesium inceptum als Modelorganismus und schuf damit eine der renommiertesten Bärtierchenforschergruppen weltweit. Seither entdeckte er mehrere neue Bärtierchenarten in Europa, Afrika, Amerika und auf einer pazifischen Inselgruppe. Mit dem erst dieses Jahr herausgegebene Standardwerk „Water Bears: The Biology of Tardigrades“ beschreibt er zusammen mit 25 führenden Bärtierchenforschern die Erkenntnisse von knapp zweihundert Jahren Bärtierchenforschung.
„Durch diesen Preis fühle ich mich sehr geehrt“, sagt Ralph Schill, „und es freut mich besonders, da sich bereits eines der Ehrenmitglieder der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg im 19. Jahrhundert mit den Bärtierchen beschäftigte. An der forstwirtschaftlichen Akademie zu Hohenheim und am Königlichen Polytechnikum Stuttgart, der späteren Universität Stuttgart, lehrte der Arzt und Zoologe Prof. Gustav Jäger, zu dessen Studenten auch der junge Robert Bosch zählte und in ihm einen überzeugenden Mentor fand. Jäger beschäftige sich intensiv mit der Welt im Kleinen und in seinem Buch „Die Wunder der unsichtbaren Welt“ von 1867 befasst er sich auch mit den Bärtierchen mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten.
In den letzten 20 Jahren hat sich die Anzahl der Bärtierchenarten mehr als verdoppelt. So sind der Wissenschaft derzeit über 1.200 Arten bekannt. In Baden-Württemberg wurden bisher 75 verschiedene Bärtierchenarten gefunden. Das entspricht etwa der Hälfte der Gattungen und einem Drittel der Arten, die in ganz Deutschland bisher nachgewiesen sind. Ralph Schill, der seit vielen Jahren auch in Baden-Württemberg nach neuen Arten Ausschau hält ist sich aber sicher, „Wir werden sicherlich noch einige neue, unentdeckte Arten im Ländle finden.“

10.10.2019, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Lebenswerk Moostierchen
Die weltweit größte Sammlung von fossilen Moostierchen der Kreide- und Tertiärzeit wurde im Rahmen eines DFG-Projektes digitalisiert und ist seit heute in einem dreibändigen Katalog im Fachjournal „Carnets Geol.“ veröffentlicht. Die Sammlung hat Geologe und Paläontologe Ehrhard Voigt über 85 Jahre zusammengetragen. Auf seinen Wunsch wurde sie 2005 an das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt übergeben. Insgesamt beinhaltet die Voigt-Sammlung über 300.000 Serien und 256 Holotypen der winzigen Tiere am Standort Frankfurt.
Moostierchen (Bryozoen) sind aufgrund ihrer mikroskopischen Größe – trotz ihres häufigen Auftretens in Gewässern aller Art – als Einzeltiere unauffällig und schwer auszumachen. Geologe und Paläontologe Prof. Dr. Ehrhard Voigt (1905 – 2004) hat den vielzelligen Wassertieren dennoch sein gesamtes Leben gewidmet. „Seit einem Fossilfund im elterlichen Garten in seinen Jugendjahren befasste sich Voigt mit Bryozoen. Insgesamt beschrieb er mehr als 500 Moostierchen-Arten“, erzählt PD Dr. Joachim Scholz vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt: „Er hat dabei einen zweifachen Weltrekord aufgestellt: Die größte Sammlung, die ein*e einzelne*r Wissenschaftler*in zusammentrug, sowie 85 Jahre Lebenszeit, die durchgehend einem einzigen Tierstamm gewidmet wurden!“
Etwa 20.000 der wichtigsten Voigt-Bryozoen wurden im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt digitalisiert und für die Wissenschaft in einer Online-Datenbank bereitgestellt. „Als eine weitere Folge dieses Projektes ist nun ein dreiteiliger Sammlungskatalog entstanden, der über 80 Tafeln mit Fotos von Bryozoen enthält“, ergänzt Scholz.
Bryozoen gelten als exzellente Modellorganismen für Evolution und zur Erfassung von Umweltfaktoren. So lassen sich beispielsweise Riffsterben, Meeresverschmutzung und Ozeanversauerung aus ihrem Skelettwuchs ableiten. Auch ihre Verbreitungsgebiete geben Aufschluss. Scholz hierzu: „Bedingt durch den globalen Klimawandel gibt es aktuell mehrere, ursprünglich in den Tropen beheimatete Arten in der Nordsee – und es werden stetig mehr!“
Die kleinen Tiere überraschen die Forschenden immer wieder aufs Neue: In einer aktuellen Studie im Fachjournal „Scientific Reports“ beschreibt ein internationales Team – unter anderem von der Macquarie University Sydney, dem Max-Planck Institut für Chemie in Mainz und der Zoologischen Staatssammlung München (wo die Mikro-Computertomographischen Aufnahmen entstanden) zusammen mit dem Frankfurter Paläontologen einen völlig neuen Modus der Verkalkung von Schalen. Dabei scheiden die Moostierchen erst das Mineral Calcit und danach das – sich in seiner Kristallstruktur unterscheidende Calciumcarbonat – Aragonit ab. Beides ist getrennt durch eine mikroskopisch kleine organische Schicht, die nur mit Hilfe von aufwendiger Technik gefunden wurde. „Das zeigt uns, dass selbst bei einer lebenslangen Beschäftigung mit Bryozoen, noch lange nicht alle Wissenslücken zu den winzigen Organismen geschlossen sind“, resümiert Scholz.
Originalpublikation:
Silviu O. Martha, Kei Matsuyama, Joachim Scholz, Paul D. Taylor, Gero Hillmer (2019): The bryozoan collection of Prof. Dr Ehrhard VOIGT (1905–2004)
at the Senckenberg Institute in Frankfurt. In: Carnets Geol. 19 (17)
D. E. Jacob, B. Ruthensteiner, P. Trimby, H. Henry, S. O. Martha, J. Leitner, L. M. Otter & J. Scholz (2019): Architecture of Anoteropora latirostris (Bryozoa, Cheilostomata) and implications for their biomineralization. Scientific Reports volume 9, Article number: 11439
https://doi.org/10.1038/s41598-019-47848-4

11.10.2019, NABU
NABU und LBV: Turteltaube ist der Vogel des Jahres 2020
Der gefiederte Liebesbote steht auf der globalen Roten Liste
Sie ist ein Symbol für die Liebe, ihre Lebensbedingungen sind aber wenig romantisch: Die Turteltaube wurde vom NABU und seinem bayerischen Partner LBV (Landesbund für Vogelschutz) zum „Vogel des Jahres 2020“ gewählt. Damit wollen die Verbände darauf aufmerksam machen, dass die Turteltaube stark gefährdet ist. „Seit 1980 haben wir fast 90 Prozent dieser Art verloren, ganze Landstriche sind turteltaubenfrei“, so Heinz Kowalski, NABU-Präsidiumsmitglied. „Unsere kleinste Taube findet kaum noch geeignete Lebensräume. Zudem ist sie durch die legale und illegale Jagd im Mittelmeerraum bedroht.“
„Früher hat man das markante Gurren der Turteltaube an jedem Dorfrand oder Flussufer gehört“, sagt Dr. Norbert Schäffer, LBV-Vorsitzender. „Wildkräutersamen an Feldwegen und Feldfrüchte aus Zwischensaaten boten ausreichend Nahrung. Heute brüten Turteltauben häufig auf ehemaligen Truppenübungsplätzen oder in Weinbauregionen, wo sie noch geeignete Lebensbedingungen vorfinden.“
Die Turteltaube ist der erste vom NABU gekürte Vogel, der als global gefährdete Art auf der weltweiten Roten Liste steht. Heute brüten bei uns nur noch 12.500 bis 22.000 Paare. Die meisten der höchstens 5,9 Millionen Paare Europas leben in Spanien, Frankreich, Italien und Rumänien. Turteltauben sind die einzigen Langstreckenzieher unter den Taubenarten Mitteleuropas. Sie verlassen zwischen Ende Juli und Anfang Oktober Europa, um südlich der Sahara zu überwintern.
Die 25 bis 28 Zentimeter großen Vögel mit ihrem farbenfrohen Gefieder ernähren sich fast ausschließlich vegan. Sie bevorzugen Wildkräuter- und Baumsamen. Dem Jahresvogel schmecken Samen von Klee, Vogelwicke, Erdrauch und Leimkraut. Diese Pflanzen wollen Landwirte nicht auf ihren Feldern haben. Darum hat sich die Taube seit den 60er Jahren angepasst und ihre Nahrung umgestellt. Der Anteil von Sämereien aus landwirtschaftlichen Kulturen macht nun in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets mehr als die Hälfte der Nahrung aus statt wie früher nur 20 Prozent. Im Gegensatz zu Wildkrautsamen stehen diese aber nur für kurze Zeit bis zur Ernte zur Verfügung und fehlen während der kritischen Phase der Jungenaufzucht.
Die Intensivierung der Landwirtschaft verschlechtert die Lebensbedingungen der Turteltauben enorm – ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Jahresvögeln teilt. Die Ausweitung von Anbauflächen geht mit einem Verlust von Brachen, Ackersäumen, Feldgehölzen und Kleingewässern einher. Damit verschwinden Nistplätze sowie Nahrungs- und Trinkstellen. Viele Äcker werden außerdem mit Herbiziden von „Unkraut“ befreit. Doch von genau diesen Ackerwildkräutern ernährt sich die Turteltaube. Außerdem ist chemisch behandeltes Saatgut vergiftete Nahrung für die Tauben. Der NABU kämpft seit Jahren für eine EU-Förderung der Landwirtschaft, die Natur erhält statt sie zu schädigen.
Eine zusätzliche Bedrohung ist die Vogeljagd im Mittelmeerraum. „Wissenschaftler konnten nachweisen, dass die jährlich mehr als 1,4 Millionen in der EU legal geschossenen Turteltauben von der Art nicht mehr verkraftet werden können. Besonders skandalös: In manchen Ländern gilt das Schießen der stark gefährdeten Turteltauben als ,Sport‘ zum eigenen Vergnügen“, so Eric Neuling, NABU-Vogelschutzexperte. Gegen Spanien und Frankreich wurden im Juli bereits Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Kommission wegen des schlechten Erhaltungszustands der Art eingeleitet. Gegen vier weitere EU-Länder liegen offizielle Beschwerden vor. Dies ist notwendig, obwohl auf einem Treffen aller Mitgliedsstaaten im Mai 2018 ein Aktionsplan zum Schutz der Europäischen Turteltaube verabschiedet wurde.
Um den gefiederten Liebesboten zu schützen, fordert der NABU Bundesumweltministerin Svenja Schulze mit einer Petition (www.vogeldesjahres.de/petition) auf, sich neben einer verbesserten Landwirtschaftspolitik auch für das dauerhafte Aussetzen der Abschussgenehmigungen in den EU-Mitgliedsstaaten einzusetzen.

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