Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

11.03.2019, Universität Kassel
Neue Fadenwurm-Art in Nordhessen entdeckt
Pflanzenwissenschaftler der Universität Kassel haben auf einem Versuchsfeld der Universität in Neu-Eichenberg (Lkr. Werra-Meißner) eine neue Art von Nematoden (Fadenwürmern) gefunden. Hierbei handelt es sich um eine räuberische Art, die sich von kleinen Bodentieren ernährt. Räuberische Nematoden gelten als guter Anzeiger für ein ungestörtes Bodenökosystem.
Nematoden sind zumeist kleine, farblose Würmchen; in 100 Milliliter fruchtbarem Boden können über 10.000 Individuen auftreten. Mehr als 20.000 Arten sind bekannt. Die meisten Arten ernähren sich von Bakterien und Pilzen, beeinflussen dadurch den Nährstoffkreislauf und sind ein bedeutender Bestandteil des Bodenökosystems. Andere parasitieren Insekten und werden in der biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Zahlreiche Nematoden saugen aber auch selbst als Schädlinge an den Wurzeln von Kulturpflanzen. Die jetzt entdeckte Art Prionchulus sturhani hat eine Körperlänge von weniger als 2 Millimetern und zeichnet sich durch einen runden Kopf und einen relativ kurzen Schwanz aus.
Agrarwissenschaftler des von Prof. Dr. Maria Finckh geleiteten Fachgebietes Ökologischer Pflanzenschutz untersuchen auf dem Versuchsfeld in Neu-Eichenberg den Einfluss nachhaltiger Anbausysteme auf die Boden- und Pflanzengesundheit. Während die Pflanzengesundheit anhand des Auftretens von Schaderregern gut erfasst werden kann, ist es aufwändig und schwierig, die Bodengesundheit zu erfassen. Ein Anzeiger für Bodengesundheit sind im Boden lebende Nematoden, insbesondere räuberische Arten. Räuberische Nematoden ernähren sich von anderen Nematoden und kleinen Bodentieren und sind somit ein wichtiger Bestandteil des Bodennahrungsnetzes. Sie stehen am Ende der Nahrungskette und reagieren empfindlich auf jegliche Bodenstörung. Das Auftreten räuberischer Arten ist somit ein verlässlicher Anzeiger auf ein ungestörtes und gesundes Bodenökosystem. Dies zeigte sich auch sehr eindrucksvoll in den Versuchen in Neu-Eichenberg. Während gepflügte Ackerflächen keinerlei räuberische Arten aufwiesen, wurden in nicht gepflügten Bereichen teils hohe Dichten an räuberischen Nematoden gefunden.
Einige der im Rahmen des Versuches gezogenen Bodenproben nahm apl. Prof. Dr. Johannes Hallmann für weitergehende Untersuchungen mit an das Julius Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, nach Münster. Dort schaute sich die Gastwissenschaftlerin Dr. Tam Vu aus Vietnam, eine Expertin für räuberische Nematoden, die Tiere genauer an. Sie fand heraus, dass die dominant auftretende Art noch nicht beschrieben ist. Dies holte sie gemeinsam mit ihrer polnischen Kollegin Grazyna Winiszewska nach und nannte die neue Art Prionchulus sturhani, nach dem kürzlich verstorbenen Nematologen und renommierten Taxonomen Dr. Dieter Sturhan. Die Originalarbeit erschien kürzlich in der Fachzeitschrift Annales Zoologici.
Der Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel hat seinen Sitz in Witzenhausen und unterhält landwirtschaftliche Versuchsflächen u.a. in Neu-Eichenberg.
Link zum Original-Artikel: https://doi.org/10.3161/00034541ANZ2018.68.3.001

11.03.2019, Universität Wien
Genrepertoire von Quallen: aus alt mach neu
Quallen entstammen einer sehr alten tierischen Linie, die sich bereits vor rund 700 Millionen Jahren entwickelt hat. Ihr Genom ist aber bislang noch nicht ausreichend erforscht. In einer Publikation in der neuesten Ausgabe von Nature Ecology and Evolution konnten französische Gruppen in Kollaboration mit einem Team um Ulrich Technau vom Department für Molekulare Evolution und Entwicklung der Universität Wien das Genom der Qualle Clytia hemisphaerica entschlüsseln. Die Sequenz bietet Einblicke in den Generationswechsel und der Evolution zwischen Polyp und Meduse.
Die meisten Menschen verbinden eher unliebsame und schmerzhafte Begegnungen mit Quallen. Tatsächlich gehören Vertreter der Würfelquallen in Australien zu den giftigsten Tieren der Erde und ihr Kontakt kann unter ungünstigen Umständen zum raschen Tod führen. Alle Quallen, wie auch Korallen, Seeanemonen und der Süßwasserpolyp Hydra gehören zur Klasse der Nesseltiere (Cnidaria), eine evolutionär sehr alte tierische Linie, die sich bereits vor rund 700 Millionen Jahren abgespalten hat und seitdem unsere Meere bevölkert.
Nicht alle Quallen sind jedoch groß und gefährlich: Die Quallen der Hydrozoen messen meist nicht mehr als einige Zentimeter und sind für den Menschen harmlos. Zu ihren Vertretern gehört die weitverbreitete Spezies Clytia hemisphaerica, deren Genom die französischen ForscherInnen um Richard Copley vom CNRS Villefranche, Genescope und der Sorbonne University in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Ulrich Technau von der Universität Wien entschlüsselt hat. Die ForscherInnen gingen in ihrer Genomanalyse vor allem der hundert Jahre alten Frage nach, wie die reproduktiv aktive Qualle aus dem Polyp gebildet wird, ob sie eine unabhängige Neuerfindung innerhalb einer Gruppe von Nesseltieren ist oder ob sie bei Korallen und Seeanemonen verloren ging.
„Überraschenderweise fanden wir kein quallenspezifisches Genrepertoire, sondern eine Kombination von neuen und alten, das heißt konservierten Genen, die die Quallenbildung kontrolliert“, so Technau. Der Vergleich mit anderen Arten zeigt aber, dass Nesseltier-Arten ohne Quallen bestimmte gen-regulatorische Faktoren verloren haben, die eine Rolle in der Quallenbildung spielen. Gegenüber den Korallen und Seeanemonen hingegen hat Clytia jedoch wiederum jene Gene verloren, die den Seeanemonen eine zweite Körperachse geben.
Die AutorInnen folgern daraus, dass die Qualle keine unabhängige Neuentwicklung war, sondern bei ihrer Evolution auf viele Gene zurückgegriffen und neu kombiniert hat, die man auch bei anderen Tieren einschließlich dem Menschen findet. „Andererseits ist der relativ einfache radiärsymmetrische Zustand der Quallen keine ursprüngliche Einfachheit, sondern sekundär durch den Verlust von Bilateralitätsgenen verursacht“, erklärt der Biologe. Die Evolution „strebt“ folglich nicht immer nach höherer Komplexität, sondern führt auch gelegentlich zu Vereinfachungen.
Publikation in Nature Ecology & Evolution
„The genome of the jellyfish Clytia hemisphaerica and the evolution of the cnidarian life-cycle“ by Leclère et al. 2019
Originalpublikation:
https://doi.org/10.10.38/s41559-019-0833-2

12.03.2019, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
Steinkäuze auf Wanderschaft
Neue Studie über die Ansiedlung der Käuze in der Nordschweiz
Der Steinkauz, der Athene noctua, ist eine kleine nachtaktive Eule und gehört zu den auf der deutschen Roten Liste als gefährdet eingestuften Vogelarten. In den letzten Jahren ist es gelungen die bestehenden Steinkauzpopulationen im Südwesten Deutschlands stabil zu halten, teilweise steigen die Zahlen sogar. In der benachbarten Nordschweiz haben sich dagegen immer noch keine Populationen etabliert, obwohl die Bedingungen für die Art geeignet erscheinen. Ein Forscherteam um Severin Hauenstein von der Abteilung für Biometrie und Umweltsystemanalyse der Universität Freiburg hat nun untersucht, ob junge Steinkäuze aus Deutschland die Nordschweiz erreichen könnten und so eine natürliche Wiederansiedlung gelingen könnte. Ihre Ergebnisse stellen die beteiligten Forschenden nun in der Fachzeitschrift „Ecological Applications” vor.
Die Ausbreitungsmuster von Tieren vorherzusagen, sei schwierig, so Hauenstein. Deshalb haben er und die an der Studie Beteiligten von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach/Schweiz, dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig (iDiv), dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) sowie der Universität Regensburg ein auf Individuen basiertes Computermodell entwickelt. Mittels Simulationen können die Forschenden beurteilen, ob Individuen aus derzeit expandierenden Steinkauz-Populationen im Südwesten Deutschlands in der Lage sind, in geeignete Lebensräume in der Nordschweiz zu migrieren. Aufgrund der intensiven Landwirtschaft und des stetigen Lebensraumverlusts, ist der Steinkauz in der Schweiz nahezu ausgestorben.
Die Bewegungsparameter in dem Modell wurden über Verfahren der Bayes’schen Statistik basierend auf Radiotelemetriedaten von juvenilen Steinkäuzen geschätzt. Unter anderem konnten die Forschenden so plausible Unterschiede zwischen Individuen und Geschlechtern nachweisen – weibliche Jungkäuze fliegen geradliniger und legen längere Einzelstrecken während der Migrationsphase zurück, während sich ihre männlichen Pendants tendenziell durch längere Rastperioden und stärkere Lebensraumtreue auszeichnen.
Hauenstein erklärt, dass die gewonnenen Erkenntnisse darauf hindeuten, dass eine natürliche Wiederansiedlung der Steinkäuze in der Nordschweiz generell möglich ist, wenn auch eingeschränkt: „Besonders zersiedelte Gebiete wie zum Beispiel rund um das Drei-Länder-Eck bei Basel scheinen die Wanderbewegungen der juvenilen Steinkäuze stark einzuschränken. Außerdem meiden Steinkäuze bewaldete Gebiete, da dort ihr natürlicher Feind, der Waldkauz, vorkommt sowie höher gelegene Gebiete, wie Jura, Schwarzwald und Schwäbische Alb.“ Die Wissenschaftler stellen in der Studie bestehende, aber enge Migrationskorridore heraus, wie beispielsweise das untere Aaretal oder auch das Fricktal südöstlich von Basel. Indem dort der Lebensraum für die Tiere aufgewertet wird, zum Beispiel durch die Extensivierung der Landwirtschaft oder das Bereitstellen von Nisthilfen, könnte die Ansiedlung der kleinen Eulen in der Nordschweiz beschleunigt werden.
Originalpublikation:
Hauenstein, S., Fattebert, J., Grüebler, M.U., Naef-Daenzer, B., Pe’er, G., Hartig, F. (2019): “Calibrating an individual-based movement model to predict functional connectivity for little owls”. In: Ecological Applications. DOI: 10.1002/eap.1873

14.03.2019, Universität Leipzig
Artenvielfalt über- und unterirdisch nicht immer gleich – Daten zur Biodiversität ausgewertet
Ein internationales Forscherteam unter Leitung der Universität Leipzig und des Forschungszentrums iDiv hat in aufwändigen Studien wichtige neue Erkenntnisse zur Biodiversität ober- und unterhalb der Erdoberfläche erlangt: Sie fanden heraus, dass auf etwa 30 Prozent der terrestrischen Oberfläche unseres Planeten eine große Artenvielfalt an Flora, Fauna und Mikroben im Boden herrscht, jedoch über der Erde deutlich weniger Arten leben oder umgekehrt, oberirdisch herrscht im Gegensatz zum Boden Artenreichtum.
Diese Unterschiede in der Biodiversität waren in den restlichen 70 Prozent der terrestrischen Erdoberfläche nicht nachweisbar. Hier gab es ober- und unterhalb der Erde entweder Artenreichtum oder weniger Diversität, sogenannte Hot- und Cold-Spots. Die Forscher haben die Ergebnisse ihrer Studie jetzt im Fachjournal „Conservation Biology“ veröffentlicht.
Für uns war es überraschend, dass so große Teile der Erde von dieser gegensätzlichen Artenvielfalt betroffen sind“, sagt Prof. Dr. Nico Eisenhauer von der Universität Leipzig, der zugleich Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig ist. Bei diesen Gebieten handle es sich beispielsweise um boreale und Tundra-Böden in Kanada oder Sibirien mit wenig oberirdischer Biodiversität, jedoch einem artenreichen Gewimmel im Boden. Umgekehrt gebe es unter anderem in Wäldern der gemäßigten Breiten relativ artenärmere Böden, dafür aber viel oberirdisches pflanzliches und tierisches Leben. Das Forscherteam wertete dazu Daten aus zahlreichen vorangegangenen wissenschaftlichen Studien zum pflanzlichen, tierischen und mikrobiellen Leben im Boden und in den oberirdischen Arealen in den verschiedensten Regionen der Erde aus. „Jeder Datensatz war einzigartig“, so Eisenhauer. Ziel der Forschung sei es gewesen, ein einheitliches Bild der globalen Artenvielfalt oberhalb und – was bisher noch weniger erforscht war – auch unterhalb der Erdoberfläche zu bekommen. Mit diesem globalen Wissen könne beispielsweise viel genauer eingeschätzt werden, welche Areale der Erde zu Naturschutzgebieten erklärt werden müssen, um die Biodiversität zu erhalten. Zudem seien beispielsweise Gebiete mit Permafrostböden und weitere Bodentypen nördlicher Gefilde wie in Sibirien, die unterirdisch sehr artenreich sind, oberirdisch jedoch nicht, besonders stark von Klimaveränderungen betroffen. „Wenn gefrorene Böden plötzlich auftauen, finden dort dramatische Veränderungen statt. In diesen Böden ist viel Kohlenstoff gespeichert, der durch das Auftauen freigesetzt wird“, erklärt Eisenhauer.
An dem Projekt waren neben Forschern der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Universität Bremen und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung – UFZ Leipzig unter anderem auch Experten aus Finnland, Frankreich, Schweden und mehreren anderen Ländern beteiligt.
Originaltitel der Veröffentlichung in „Conservation Biology“:
„Global mismatches in aboveground and belowground biodiversity.“ DOI: 10.1111/cobi.13311
Originalpublikation:
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/cobi.13311

14.03.2019, Eberhard Karls Universität Tübingen
Neandertaler und moderne Menschen hatten ähnliche Speisezettel
Internationale Studie findet mehr gemeinsame Nahrungsvorlieben als angenommen ‒ Rätselhafte Spuren von Kannibalismus
Neandertaler und der frühe moderne Mensch ernährten sich vermutlich sehr ähnlich: Zu diesem Schluss kommt eine internationale Studie und widerspricht damit der Annahme, die Neandertaler seien ausgestorben, weil ihr Ernährungsspektrum eingeschränkt war. Die Ergebnisse zeigten aber auch, dass moderne Menschen dennoch einen Vorteil hatten, weil sie vermutlich mobiler und besser vernetzt waren, berichtet das Team um Dr. Christoph Wißing von der Universität Tübingen. Gemeinsam mit Kollegen vom Tübinger Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) sowie aus Belgien, Frankreich, Spanien, Japan und den USA hatte er Isotopenwerte aus fossilen Knochen der letzten Neandertaler, früher moderner Menschen sowie von Tieren verglichen. Die Analyse der Kohlenstoff-, Stickstoff- und Schwefelisotope im Knochenkollagen ließ neue Rückschlüsse auf Ernährung und Wanderungsbewegungen der untersuchten Menschen sowie die damaligen Ökosysteme zu. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Scientific Reports veröffentlicht.
Während der letzten Eiszeit, im Spätpleistozän, teilten sich in Europa mindesten zwei Menschentypen den Lebensraum, der Neandertaler und der moderne Mensch Homo Sapiens. Die Neandertaler lebten über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren zeitgleich mit den ersten modernen Menschen, bevor sie vor etwa 40.000 Jahren ausstarben. Als mögliche Gründe für ihr Verschwinden nahm man bislang unter anderem an, dass sie weniger flexibel in der Wahl ihrer Nahrung waren und vermutlich weniger mobil als moderne Menschen, sich also in einem kleineren Radius bewegten.
In der aktuellen Studie verglichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stabile Isotopenwerte von menschlichen und tierischen Knochenresten aus den Höhlen von Troisième caverne of Goyet, Spy und Scladina in Belgien sowie die Fundstätte Lommersum in Nordrhein-Westfalen.
Isotopen sind Varianten eines Atoms mit unterschiedlichem Gewicht, ihre Anreicherung im Knochenkollagen reflektiert die Ernährung, gemäß des Ausspruchs „Man ist was man isst“. Das Verhältnis von Stickstoffisotopen zeigt beispielsweise, ob sich jemand pflanzlich oder mit Fleisch ernährte. Außerdem lässt sich durch die sogenannte „Isotopensignatur“ die regionale Herkunft eines Nahrungsmittels nachvollziehen.
Goyet ist die einzige Grabungsstelle Europas, an der sowohl Skelettreste von letzten Neandertalern als auch von sehr frühen modernen Menschen gefunden wurden. „Wir konnten hier die Ökologie beider Menschenformen detailliert rekonstruieren und vergleichen“, sagt Christoph Wißing. Zudem untersuchte er fossile Reste der jüngsten datierten Neandertaler aus der naheliegenden Grabungsstelle Spy; die deutsche Grabungsstelle Lommersum lieferte Hinweise zum damaligen Ökosystem.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Ernährungsspektrum von Neandertalern und modernen Menschen weniger unterschied als gedacht: Beide jagten bevorzugt große Pflanzenfresser wie Mammuts und Nashörner, aber auch Rentiere. Besonders das Mammut war als Beutetier sehr wichtig. „Es war zu dieser Zeit scheinbar ‚Ernährungstrend‘, sich auf die riesigen, an Kälte angepassten Großsäuger zu spezialisieren“, sagt Wißing. „Andere Fundstellen in Europa deuten auf ähnliche Ergebnisse hin.“
Zudem weisen die Analysen auf ein relativ intaktes Ökosystem während der Zeit der letzten Neandertaler hin. Massive Veränderungen, sogenannter ökologischer Stress, können erst festgestellt werden, als der moderne Mensch die europäische Bühne betritt. Von da an lasse sich erhöhter Druck besonders auf Mammutpopulationen nachweisen. „Diese Herdentiere mit relativ langsamen Reproduktionszyklen wurden vermehrt gejagt, wohl auch von den in größerer Zahl auftretenden, modernen Menschen. Der Einfluss des modernen Menschen auf das Ökosystem war bereits mit dem frühen Auftreten in Europa intensiver als der des Neandertalers.“
Auch stellte das Team prägnante Unterschiede im Mobilitätsverhalten der Menschengruppen fest, die an den verschiedenen Fundstellen gelebt hatten: So jagten die Neandertaler von Spy als „Einheimische“ ihrer Beutetiere im Umkreis. Die Goyet-Neandertaler hatten nur wenig Beutetiere aus dem direkten Umfeld auf dem Speiseplan und waren offensichtlich „Ortsfremde“. An ihren Skeletten finden sich zudem Belege für intensiven Kannibalismus, die noch Rätsel aufgeben. Ein Großteil der menschlichen Knochen ist mit Schnittspuren und Markern versehen, die auf eine Entfleischung deuten; einige wurden als Werkzeuge genutzt. Im Gegensatz dazu sind die Knochen der Spy-Neandertaler unfragmentiert erhalten. „Die Opfer des Kannibalismus kamen nicht aus dem lokalen Ökosystem“, erklärt Wißing. „Es ist unklar, wer sich hier kannibalistisch ernährte, aus welcher Gegend die Neandertaler von Goyet ursprünglich kamen und ob sie in Goyet starben oder nur ihre Knochen dorthin transportiert wurden.“
Eine These bestätigte sich jedoch in der aktuellen Studie: Scheinbar bewegten sich Neandertaler aus beiden Orten eher homogen in Gruppen, während die modernen Menschen individuell mobiler waren. Die Wissenschaftler vermuten, dass sie eventuell auch über die Region hinweg vernetzt waren. „Dies führte zu einer intensiveren Ressourcennutzung und den genannten Eingriffen in Ökosysteme, aber auch zu einem effizienteren Austausch von Ideen und Menschen“, sagt Wißing. „Vielleicht verschaffte dieses andere Konzept der Landschaftsnutzung bzw. der Verbund durch große soziale und kulturelle Netzwerke dem modernen Menschen den entscheidenden Vorteil.“
Originalpublikation:
Christoph Wißing, Hélène Rougier, Chris Baumann, Alexander Comeyne, Isabelle Crevecoeur, Dorothée G. Drucker, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Mietje Germonpré, Asier Gómez-Olivencia, Johannes Krause, Tim Matthies, Yuichi I. Naito, Cosimo Posth, Patrick Semal, Martin Street, Hervé Bocherens:
Stable isotopes reveal patterns of diet and mobility in the last Neandertals and first modern humans in Europe.
Scientific Reports, www.nature.com/articles/s41598-019-41033-3

14.03.2019, Veterinärmedizinische Universität Wien
Wölfe führen, Hunde folgen – und beide kooperieren mit dem Menschen
Eine Aussage, die aufhorchen lässt, erfährt der Wolf doch in den letzten Jahren immer wieder Aufmerksamkeit, vielfach mit einem negativen Begleitton. Eine aktuelle Studie von Verhaltensforscherinnen der Vetmeduni Vienna zeigt jedoch, dass Hunde und Wölfe beide gleichermaßen gut mit Menschen zusammenarbeiten, allerdings auf eine unterschiedliche Weise. Die vermeintlich ungleichen Brüder sind sich also deutlich ähnlicher, als vielfach angenommen.
Das soziale Leben der Menschen wäre ohne Zusammenarbeit undenkbar. Entsprechend außergewöhnlich, wenn nicht sogar einzigartig, sind die Häufigkeit und die Komplexität, mit der Menschen kooperieren. Um die Entwicklung dieser herausragenden menschlichen Fähigkeit besser zu verstehen, werden in der Forschung Hunde (Canis familiaris) als ein gutes Modell menschlicher Zusammenarbeit angesehen.
Der Wolf im Hund macht den Unterschied
Wie eine aktuelle, in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Scientific Reports erschienene Studie der Vetmeduni Vienna zeigt, liegt die Fähigkeit, mit Menschen zusammenzuarbeiten, aber weniger an den Hunden selbst, sondern am „Wolf im Hund“ – also an ganz speziellen Verhaltensmerkmalen, die auch Wölfe aufweisen. Konkret wurde im Rahmen der Studie getestet, inwieweit Hunde und Grauwölfe mit dem Menschen zusammenarbeiten, um Aufgaben zu lösen. Ergebnis: Sowohl Hund als auch Wolf kooperieren intensiv mit dem Menschen und sind gleichermaßen erfolgreich, allerdings erreichen die Tiere das Ziel unterschiedlich.
Wölfe zeigen mehr Initiative
In einem Punkt zeigen die beiden eng verwandten Tiere jedoch deutlich andere Verhaltensformen: Hunde folgen in der Zusammenarbeit dem Verhalten des Menschen, während Wölfe führen, also eher selbständiger sind. Dazu Studienleiterin Friederike Range vom Konrad Lorenz Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Vetmeduni Vienna: „Bei der Detailanalyse der kooperativen Interaktionen tauchten interessante Unterschiede zwischen Wölfen und Hunden auf. Dies zeigt, dass – während Wölfe eher dazu neigen, Verhalten zu initiieren und die Führung zu übernehmen – Hunde eher darauf warten, was der menschliche Partner macht und dieser Verhaltensweise folgen.“
Unterschiede im Verhalten aufgrund der Domestizierung
Aufgrund der Untersuchungsergebnisse gehen die Forscherinnen davon aus, dass Hunde im Verlauf der Domestizierung aufgrund höherer submissiver Neigungen (Deferential Behavior Hypothesis) für die Zucht ausgewählt wurden. Dadurch ließen sich gemäß dieser Hypothese Konflikte um Ressourcen minimieren und ein sicheres Zusammenleben und Zusammenarbeiten gewährleisten – und zwar in der Form, dass Menschen führen und Hunde folgen.
Bei Wölfen zählt Teamwork
Den Hintergrund der Studie bildeten grundsätzliche Überlegungen der Verhaltensforschung: Da Menschen und Hunde im Zuge ihrer Entwicklung ähnlichen Umweltbelastungen ausgesetzt waren, ist sogar eine in Zusammenhang stehende Evolution denkbar. Teile der Forschung gehen davon aus, dass Hunde während des Domestizierungsprozesses aufgrund einer verminderten Aggression und einer erhöhten Toleranz spezifische Prädispositionen für kooperative Interaktionen erworben haben. Vor diesem Hintergrund wäre bei Hunden eine bessere Zusammenarbeit mit dem Menschen zu erwarten als bei Wölfen. Allerdings sind Wölfe eine sehr kooperative Art: Sie arbeiten bei der Aufzucht der Jungen, der Jagd und der Verteidigung ihres Territoriums zusammen.
Frühe Sozialisation mit Menschen ist ausschlaggebend
Das Forschungsteam um Friederike Range entwickelte deshalb die Hypothese, dass Hunde während der Domestizierung keine neuen Merkmale entwickelt haben, sondern vielmehr, dass die Kooperationsfähigkeiten ihrer gemeinsamen Vorfahren – der Wölfe – die Grundlage für die Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Hund und Mensch bilden („Canine Cooperation Hypothesis“). Im Gegensatz zu den Hypothesen anderer WissenschaftlerInnen gingen die Forscherinnen der Vetmeduni Vienna deshalb auch nicht davon aus, dass Hunde Wölfe in der Zusammenarbeit mit Menschen übertreffen. Dazu Range: „Auf der Grundlage der Canine Cooperation Hypothese erwarteten wir, dass Wölfe bei einer frühen und intensiven Sozialisation mit Menschen, ebenso gut mit Menschen kooperieren wie Hunde.“ Eine Vermutung, die sich durch die vorliegende Studie voll bestätigte.
Im der Studie zugrunde liegenden Experiment wurden 15 Grauwölfe (11 Rüden, 4 Hündinnen, Alter: 2 bis 8 Jahre) und 12 Mischlingshunde (7 Rüden, 5 Hündinnen, Alter: 2 bis 7 Jahre) im Wolf Science Center (Ernstbrunn, Österreich) getestet, wo Tiere bereits sehr früh mit Menschen sozialisiert werden und eine enge Bindung zu diesen haben. Die Ergebnisse des Experiments belegen, dass Hunde und Wölfe, wenn sie mit Menschen sozialisiert und unter ähnlichen Bedingungen gehalten werden, ähnlich erfolgreich mit dem Menschen zusammen arbeiten, aber auf sehr unterschiedlicher weise, die erklärt, warum der Hund das bessere Haustier ist.
em>Originalpublikation:
Der Artikel „Wolves lead and dogs follow, but they both cooperate with humans“ von Friederike Range, Sarah Marshall-Pescini, Corinna Kratz und Zsófia Virányi wurde in Scientific Reports veröffentlicht.
https://www.nature.com/articles/s41598-019-40468-y

14.03.2019, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Menschenaffen reagieren auf Kamerafallen
Ein internationales Forschungsteam vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat Videoaufzeichnungen aus Kamerafallen analysiert, die sie in den Lebensräumen der Menschenaffen in ganz Afrika aufgestellt hatten, um herauszufinden, wie die Tiere auf diese unbekannten Objekte reagieren würden. Die Reaktionen unterscheiden sich je nach Menschenaffenart und sogar zwischen Individuen derselben Art, hatten jedoch alle eins gemeinsam: Die Menschenaffen bemerken die Kameras.
„Unser Ziel war es, die Reaktionen von Schimpansen, Bonobos und Gorillas auf unbekannte Objekte in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten, da in der vergleichenden Psychologie häufig Experimente mit neuen Objekten gemacht werden, und wir herausfinden wollten, ob die drei Menschenaffenarten unterschiedlich darauf reagieren“, sagt Ammie Kalan, Primatologin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Besonders überrascht waren wir über die unterschiedlichen Reaktionen, die wir bei Schimpansen und Bonobos beobachtet haben. Als nahe verwandte Arten sind sie einander genetisch sehr ähnlich. Wir erwarteten also, dass sie auch ähnlich auf die Kameras reagieren würden – aber das war nicht der Fall.“
„Die Schimpansen interessierten sich generell eher weniger für die Kamerafallen – sie schienen ihre Anwesenheit kaum zu bemerken und fühlten sich im Allgemeinen nicht von ihnen gestört“, sagt Kalan. „Die Bonobos hingegen fühlten sich von den Kamerafallen gestört; sie näherten sich ihnen nur zögerlich oder hielten sich sogar absichtlich von ihnen fern.“
Auch Tiere derselben Art reagierten unterschiedlich auf die Kameras. Menschenaffen, die in Gebieten leben, wo Menschen präsent sind – wie zum Beispiel in der Nähe von Forschungsstationen – können für unbekannte Gegenstände desensibilisiert werden und finden diese dann nicht mehr so interessant. Ein anderes Tier derselben Art, das weniger häufig mit fremden oder neuen Gegenständen Kontakt hatte, findet diese dann möglicherweise interessanter. Auch das Alter der Tiere spielte eine Rolle. „Jüngere Menschenaffen erforschen die Kamerafallen intensiver, indem sie sie über längere Zeiträume hinweg anstarren“, sagt Kalan. „Wie Menschenkinder nehmen auch junge Menschenaffen viele Informationen auf, um mehr über ihre Umgebung zu erfahren. Ihre Neugier hilft ihnen dabei.“
Die große Bandbreite der von den Menschenaffen gezeigten Reaktionen und die komplexen Unterschiede sowohl zwischen den Arten als auch innerhalb einer einzigen Art verdeutlichen, dass Forschende zukünftig vorab darüber nachdenken müssen, wie Tiere auf unbekannte Aufzeichnungsgeräte in ihren natürlichen Lebensräumen reagieren. „Wenn wir Beobachtungsdaten sammeln, könnte es durchaus problematisch sein, dass sich das Verhalten der Tiere angesichts der Aufzeichnungsgeräte je nach Art oder Individuum verändert“, sagt Kalan. „Um diesen Effekt einzudämmen, sollte es Vorbereitungsphasen geben, in der sich die Wildtiere an die neuen Objekte gewöhnen können.“
Trotz dieser möglichen Komplikation ist der Einsatz von Kamerafallen zur Beobachtung von Wildtierpopulationen nach wie vor eine der nützlichsten Möglichkeiten. „Unser Wissen ist in der Regel dadurch begrenzt, dass wir nur wenige Tiergruppen oder -populationen genauer beobachtend untersuchen können. Die Verwendung von Technologien wie Kamerafallen löst dieses Problem effektiv“, sagt Kalan. „Auch im Hinblick auf die Erforschung der Verhaltensflexibilität der Tiere könnte es interessant sein, ihre Reaktionen auf diese neuen Technologien zu untersuchen. Daher würde ich mir wünschen, dass mehr Forschende im Rahmen des Biomonitoring auch das Verhalten der Tiere neuen Objekten gegenüber näher betrachten.“
Originalpublikation:
Ammie Kalan, et al.
Novelty Response of Wild African Apes to Camera Traps
Current Biology, 14. März 2019, https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.02.024

15.03.2019, BUND
BUND und Universität Göttingen sind Luchsen im Südharz auf der Spur
„Luchse sind in Deutschland noch immer eine Seltenheit. Im Thüringer Südharz wurden in den vergangenen Jahren wiederholt Luchse gesichtet, doch bisher ist unklar, wie viele der scheuen Pinselohren dort leben und wie weit ihr Verbreitungsgebiet reicht“, sagt Silvia Bender, Abteilungsleiterin Biodiversität beim BUND. „Noch immer wissen wir viel zu wenig über die in Deutschland nach wie vor stark gefährdeten Luchse. Mit den neuen Nachweisen im Thüringer Südharz konnten wir nun ein fehlendes Puzzleteil in der Verbreitungskarte der Luchse ergänzen.“
In ganz Deutschland sind bislang nur 77 erwachsene Luchse erfasst, die durch die Wälder im Harz, im Bayerischen Wald, neuerdings auch den Pfälzerwald und vereinzelt durch Baden-Württemberg, Nordhessen und andere Regionen streifen. Thüringen hat aufgrund seiner geographischen Lage und weitläufigen Wälder eine ganz besondere Bedeutung für den Luchs: Bisher leben die Tiere vor allem im Harz und im Bayerischem Wald, Thüringen liegt genau wie Hessen zwischen diesen beiden Gebieten und kann dem Luchs als Brücke dienen. „Die Luchse im Thüringer Südharz sind für die weitere Besiedelung Nordthüringens, des Hainichs und des Thüringer Waldes essentiell“, sagt Markus Port von der Universität Göttingen. „Nur dank der Unterstützung vieler privater Waldeigentümer, Jägerinnen und Jägern sowie der Thüringer Behörden konnten die jüngsten Nachweise so rasch gelingen.“
Der BUND betreut zusammen mit der Universität Göttingen und der Wildtierland Hainich gGmbH aktuell zwei Luchsprojekte in Thüringen: das im Südharz, wo jetzt die Fotos gelangen, und ein Projekt im Großraum Hainich sowie dem Wildkatzendorf Hütscheroda. Im Hainich gelang jedoch seit dem Untersuchungsbeginn vor etwa einem Jahr noch kein Foto-Nachweis eines Luchses. Die Nationalparkverwaltung hatte Anfang 2018 hier einen Luchs fotografiert, aber es gilt als unwahrscheinlich, dass sich das Tier weiter im Hainich aufhält. „Leider ist die Situation des Luchses in Thüringen immer noch sehr schwierig. Lediglich die Tiere im Südharz gehören wahrscheinlich zu einer stabilen Population, die wenigen anderen nachgewiesenen Luchse sind lediglich Einzeltiere“, so Burkhard Vogel, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen.
Mehr Informationen
www.bund.net/luchs
www.luchs.uni-goettingen.de

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