Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

05.10.2026, Georg-August-Universität Göttingen
Gemeinsam für mehr Biodiversität in Agrarlandschaften
Wie können wir den Artenverlust in Agrarlandschaften aufhalten und dabei soziale und ökonomische Aspekte berücksichtigen? Eine Antwort könnte in einer stärkeren Zusammenarbeit auf Landschaftsebene liegen: In einem neuen Positionspapier beschreiben Forschende der Universität Göttingen, welche Synergien eine kooperative Landschaftsplanung gegenüber einzelnen, isolierten Maßnahmen ermöglichen kann. Der Beitrag ist in der Fachzeitschrift Conservation Biology erschienen.
In vielen Regionen der Welt nehmen Arten in Agrarlandschaften besonders stark ab. Bestehende Agrarumweltmaßnahmen konnten diesen negativen Trend bislang nicht umkehren, weil sie oft nur von einzelnen Betrieben und ohne übergreifende räumliche Planung umgesetzt werden. Für viele Arten reichen solche Maßnahmen jedoch nicht aus, da sie auf verschiedene Ressourcen in der umgebenden Landschaft angewiesen sind. Die landschaftsweite Kooperation ermöglicht es dagegen mehreren landwirtschaftlichen Betrieben, gemeinsam Ziele zu setzen und Flächengröße, Lage, Vernetzung und Qualität von Agrarumweltmaßnahmen abzustimmen. Auf Grundlage von partizipativen Workshops, Expertendiskussionen und wissenschaftlicher Literatur identifizierte das Forschungsteam sechs potenzielle Synergien zwischen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen der landschaftsweiten Koordination von Agrarumweltmaßnahmen. So können beispielsweise besser geplante Maßnahmen Ökosystemleistungen wie Bestäubung fördern und dadurch auch landwirtschaftliche Erträge unterstützen. Gleichzeitig kann die Zusammenarbeit soziale Beziehungen stärken und Kosten senken, etwa wenn Betriebe Verwaltungsaufgaben oder Saatgutbestellungen gemeinsam organisieren.
„Anstatt sich auf die Gegensätze zwischen Landwirtschaft und Naturschutz zu konzentrieren, sollten wir Synergien nutzen, wann immer es möglich ist“, so Erstautorin Dr. Annika Hass von der Abteilung Agrarökologie und Funktionelle Agrobiodiversität der Universität Göttingen. „Entscheidend sind dabei geeignete Strukturen, die eine Zusammenarbeit in den Landschaften ermöglichen – wie eine koordinierende Institution, die Einbindung verschiedener Akteure und flexible politische Rahmenbedingungen.“ Zudem betonen die Autorinnen und Autoren, dass viele der identifizierten Synergien zunächst Hypothesen darstellen, die als Ausgangspunkt für neue empirische und interdisziplinäre Forschung dienen können. Die Ergebnisse zeigen das Potenzial der landschaftsweiten Koordination von Agrarumweltmaßnahmen für eine zukunftsfähige Agrarpolitik. Dieser Landschaftsansatz kann dazu beitragen, Biodiversitätsförderung wirksamer zu gestalten und gleichzeitig die Akzeptanz sowie die wirtschaftliche Tragfähigkeit entsprechender Maßnahmen zu erhöhen.
Originalpublikation:
Hass, A. et al. Codesigning synergies among ecological, social, and economic benefits with landscape-scale agri-environmental schemes. Conservation Biology (2026). DOI: http://10.1111/cobi.70376

05.10.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Invasive Nilgans: Es wird gefressen, was da ist
Die ursprünglich aus Afrika stammende Nilgans gilt als invasive Art von europaweiter Bedeutung. Welche ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen ihre Ausbreitung haben kann, haben Forschende des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums und der Goethe-Universität Frankfurt über vier Jahre untersucht. Die Analyse von 100 Nilgänsen aus der Wetterau zeigt eine opportunistische, überwiegend pflanzliche Ernährung und eine überraschend vielfältige Parasitenfauna. Sieben Parasitenarten wurden von dem Forschungsteam erstmals für Nilgänse in Europa nachgewiesen. Die Studie ist im Rahmen des Verbundprojekts ZOWIAC erschienen.
Rund 11.000 bis 15.500 Paare der Nilgans (Alopochen aegyptiaca) brüten in Deutschland – zu diesem Ergebnis kommt eine bundesweite Erhebung aus den Jahren 2017 bis 2022. Die ursprünglich aus Afrika stammende Wasservogelart wurde zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert als Zier- und Parkvogel nach Europa eingeführt. Seit 2017 steht sie auf der EU-Liste der invasiven Arten von unionsweiter Bedeutung. „Auch aus Hessen sind Nilgänse längst nicht mehr wegzudenken. Ob in Parks, Freibädern, wie dem Frankfurter Brentanobad, oder auf landwirtschaftlichen Flächen in der Wetterau – wo viele dieser invasiven Tiere zusammenkommen, können Konflikte entstehen. Gleichzeitig fehlen wichtige Daten, um die Auswirkungen der wachsenden Population besser einzuschätzen und geeignete Managementmaßnahmen zu entwickeln. Es ist aber sowohl im Bundesnaturschutzgesetz als auch auf EU-Ebene zwingend vorgeschrieben, heimische Ökosysteme vor den Auswirkungen invasiver Arten zu schützen“, erklärt Prof. Dr. Sven Klimpel vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Goethe-Universität Frankfurt.
Ein Forschungsteam um den Frankfurter Parasitologen und Infektionsbiologen hat daher insgesamt 100 Nilgänse aus der Wetterau im Rahmen des Verbundprojektes ZOWIAC (Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren) untersucht. Vier Jahre lang nahmen die Forschenden jedes Jahr 25 Nilgänse aus demselben Gebiet nahe Nieder-Wöllstadt und Dortelweil unter die Lupe. Die Tiere wurden im Rahmen der regulären Bejagung beprobt und anschließend auf ihre Ernährung und ihren Parasitenbefall analysiert. Das Untersuchungsgebiet ist geprägt von landwirtschaftlich genutzten Flächen, darunter zahlreiche Maisfelder, und erstreckt sich teilweise entlang des Flusses Nidda.
„Für die Nahrungsanalyse haben wir den Kropfinhalt der Nilgänse untersucht. Da die Nahrung dort noch weitgehend unverdaut ist, lässt sich so besonders gut nachvollziehen, was die Tiere fressen“, erläutert die Erstautorin der Studie Dr. Anna Viktoria Schantz von der Goethe-Universität Frankfurt.
Die Ergebnisse zeigen, dass über alle Untersuchungszeiträume hinweg Mais, Getreide und Gräser den größten Anteil der Nahrung der Nilgänse ausmachten.
Die Studie belegt zudem, dass sich die eigentlich als Vegetarier geltenden Halbgänse zu einem gewissen Anteil von tierischen Nahrungsbestandteilen ernähren. Neben der pflanzlichen Nahrung fanden die Forschenden beispielsweise auch Regenwürmer und Muschelreste. „In einem Untersuchungsjahr wurden zudem Erdbeeren in den Nilgans-Kröpfen nachgewiesen. Da diese zum Zeitpunkt der Probenahme noch keine natürliche Reifezeit hatten, könnte es sich dabei um eine vom Menschen bereitgestellte oder anderweitig zugängliche Nahrungsquelle gehandelt haben“, fügt Schantz hinzu.
Die Nahrungsanalyse zeigt, dass Nilgänse zu bestimmten Zeiten intensiv anthropogene Ressourcen nutzen. So bestanden insgesamt 46 Prozent der Kropfinhalte aus Mais, was 58 Prozent des Gesamtgewichts der Nahrung ausmachte. Besonders deutlich zeigte sich dies im Untersuchungszeitraum 2021/2022: Hier wurde Mais bei 95 Prozent der untersuchten Nilgänse nachgewiesen. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass Nilgänse die Nahrungsbestandteile nutzen, die reichlich vorhanden und leicht verfügbar sind – was da ist, wird gefressen“, so Klimpel. „Kommt das nur sporadisch vor, hat das auch keine großen Auswirkungen und bedeutet nicht unbedingt, dass Ernteschäden, zum Beispiel beim Maisanbau, entstehen. Kommt es jedoch zu sehr großen Ansammlungen von Nilgänsen, die ebendiese Flächen frequentieren, dann kann das unter Umständen zu Konflikten mit der Landwirtschaft führen.“ Im Ursprungsgebiet der Nilgans sind negative Einflüsse auf den Ernteertrag bereits bekannt.
Ebenfalls im Fokus des Forschungsteams stand die Untersuchung der Nilgänse auf das Vorkommen von Ekto- und Endoparasiten. „Anhand der teilweise sehr spezifischen Lebenszyklen und Anpassung an bestimmte Wirte können Parasiten als verlässliche Indikatoren für die Ernährung und Lebensweise der Wirtstiere dienen“, legt Schantz dar. Bei etwa der Hälfte der untersuchten Nilgänse wiesen die Forschenden beispielsweise den Kratzwurm Polymorphus minutus nach, einen Parasiten, der den Dünndarm von Wasservögeln befällt. Die Parasitenart nutzt Flohkrebse als Zwischenwirte für ihre Entwicklung. Die infizierten Nilgänse müssen diese Flohkrebse demnach aufgenommen haben, um sich selbst mit dem Parasiten zu infizieren. Insgesamt identifizierte das Forschungsteam 17 Parasitenarten bei den untersuchten Nilgänsen. Sieben davon wurden erstmals als Nilgans-Parasiten in Europa nachgewiesen.
„Unsere neue Studie zeigt, dass Nilgänse nicht nur in Parks und Freibädern für Konflikte sorgen, sondern auch landwirtschaftliche Flächen als Nahrungsquelle nutzen und dadurch wirtschaftliche Risiken entstehen können. Gleichzeitig tragen die invasiven Vögel verschiedene Parasiten in sich, die auch für Haus- und Zuchtgeflügel relevant sind. Um die Auswirkungen der Nilgans und ihre Rolle im Ökosystem noch besser zu verstehen, wären ganzjährige Untersuchungen wichtig. Denn Ernährung und Parasitenbefall ändern sich je nach Jahreszeit, Lebensraum und klimatischen Bedingungen“, gibt Klimpel einen Ausblick.
Originalpublikation:
Schantz A.V., Stutz R., Steinhoff A., Peter N., Thomas A., Dörge D.D., Klimpel S. (2026). Multi-year dietary and parasitological investigations of invasive Egyptian geese (Alopochen aegyptiaca) in central Germany. International Journal for Parasitology: Parasites and Wildlife, 101288. https://doi.org/10.1016/j.ijppaw.2026.101288

07.10.2026, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
„Top-Jäger“ aus dem Jura misst nur einen halben Meter
Der „Top-Jäger“ aus dem Jura ist von überschaubarer Größe: Von der Nasen- bis zur Schwanzspitze misst Megacauda sungei gerade mal einen halben Meter. Vor 165 Millionen Jahren jagte der pelzige Vorläufer heutiger Säugetiere im Wasser nach Beute. Seine Zahnspitzen waren nach hinten gebogen, um auch glitschige Beute zu erhaschen. Doch die eigentliche Revolution der Evolution ist sein Gaumensegel, das den Mund- vom Rachenraum trennt und gleichzeitiges Schlucken und Atmen ermöglicht. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für das Saugen von Muttermilch als Überlebensvorteil. Die Ergebnisse von Forschenden der Universitäten Shenyang, Chicago und Bonn werden nun im Journal „Nature“ vorgestellt.
Viele Tierarten haben kein Gaumensegel und nur ein einfaches Zungenbein ohne Schluckmechanismus. Krokodile etwa recken ihren Kopf nach oben und lassen durch ruckartige Bewegungen die unzerkaute Beute in den Rachen rutschen. „Das gelingt mit Hilfe der Schwerkraft“, erläutert der Paläontologe Prof. Dr. Thomas Martin von der Universität Bonn. Dagegen schaffen es Säugetiere mit ihrem komplexen Zungenbein-Apparat im Rachenraum sogar, gegen die Schwerkraft zu schlucken: So können wir Menschen kopfüber aus einem Strohhalm trinken und dabei atmen.
Diese Fähigkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für Säuger, die mit der Muttermilch eine extrem nährstoffreiche Nahrung aufnehmen und schlucken können, ohne dass das Futter in die Nase gelangt. „Erst durch diese Voraussetzung wurde die Gehirnentwicklung bis hin zum Menschen möglich“, betont Martin. „Das Gaumensegel und die Ausformung des Mund-Rachen-Raumes hängen mit der Evolution der Säugetiere unmittelbar zusammen.“ Diese Neuheit ist bei Megacauda sungei bereits lange Zeit vor dem Aufkommen der modernen Säugetiere ausgeprägt.
Kurzer Pelz und abgeflachter Schwanz
Das kurzhaarige Tier mit dem abgeflachten Schwanz erinnert auf den ersten Blick an einen Fischotter, Biber oder ein Schnabeltier. Wie diese Nachfahren war der Jäger aus dem Jura ein guter Schwimmer: Dreidimensionale Rekonstruktionen aus Computertomographie-Aufnahmen des Fossils lassen darauf schließen, dass das Tier vor 165 Millionen Jahren mit den Vorderbeinen paddelte und mit dem Schwanz wellenförmige Bewegungen vollführte, während es die Hinterbeine zum Steuern einsetzte. „Es handelt sich um den ältesten Nachweis einer aquatischen Lebensweise bei Säugetieren“, sagt der Paläontologe der Universität Bonn. Auch die Analyse der Zähne barg Überraschungen: So verfügen die spezialisierten Eckzähne über drei Wurzeln als Besonderheit.
Wie die Forschenden durch umfangreiche Vergleiche mit weiteren Fossilien und auch aktuell lebenden Tierarten herausfanden, handelt es sich bei dem in der Inneren Mongolei bei Xiayingzi gefundenen Fossil um einen Docodonten – eine ausgestorbene Gruppe von frühen Ursäugern, die vor allem im Jura lebten.
„Die neue Art Megacauda sungei ist die größte der Säugetierformen aus dem Jura“, sagt Thomas Martin. Angesichts von heute lebenden Großsäugern wie Nashörnern, Walen und Elefanten erscheint dieser urzeitliche „Top-Jäger“ mit seiner Körperlänge von gerade einmal einem halben Meter und einem Gewicht von rund zwei Kilogramm als alles andere als beeindruckend. Doch war das Erdmittelalter (Mesozoikum) vor etwa 230 bis 66 Millionen Jahren vor allem das Zeitalter der Dinosaurier – und die frühen Säugetiere lebten gleichsam im Schatten dieser Giganten. Säugetiervorläufer verfügten damals über überschaubare Körpermaße und Körpergewichte von häufig nur wenigen Gramm. Da stach der „halbstarke“, im Wasser lebende Docodont klar unter seinesgleichen hervor.
Einzigartiger Fund
Wie so häufig hatte auch der Zufall seinen Anteil, wie das Fossil vor Jahren in die Hände der Wissenschaft gelangte. Das Paleontological Museum of Liaoning in Shenyang (China) hatte das in der Inneren Mongolei entdeckte Exemplar zusammen mit anderen Fundstücken erworben. Bei einer gemeinsamen Sichtung durch Prof. Dr. Chang-Fu Zhou von der Shandong University (China), Prof. Dr. Zhe-Xi Luo von der University of Chicago (USA) und Prof. Dr. Thomas Martin von der Universität Bonn sprang den Experten die Einzigartigkeit des Fundes ins Auge. Schnell war klar, dass die neue Art zu Ehren des Honorardirektors des Paleontological Museum of Liaoning benannt werden sollte: Prof. Sun Ge. So wurde der „Großschwanz“ (Megacauda) um den Artnamen „sungei“ ergänzt.
Bis alle Untersuchungen abgeschlossen und die neue Art sicher taxonomisch eingeordnet, beschrieben und dokumentiert war, vergingen Jahre. „Das ist das Ergebnis einer langen Teamarbeit“, sagt Thomas Martin. Der Einsatz hat sich gelohnt: Mit der Beschreibung der neuen Art konnten etliche Geheimnisse um die Entstehung der Säugetiere gelüftet werden. Wie andere Funde zeigen, lebten die Docodonten im Jura auch auf Bäumen, wie Maulwürfe unter der Erde und eben wie Megacauda sungei im Wasser. „Das zeigt, wie verbreitet die Docodonten auf der Nordhalbkugel waren und dass diese diverse Tiergruppe schon erstaunlich früh ganz unterschiedliche Lebensweisen entwickelt hat“, fasst Martin zusammen.
Originalpublikation:
Y. Li, P. Li, A. I. Neander, H. Zhang, C.-F. Zhou, T. Martin and Z.-X. Luo: A Jurassic Mammaliaform Swimmer and Transformation of the Mammalian Pharynx, Nature, DOI: 10.1038/s41586-026-11107-0, URL: https://www.nature.com/articles/s41586-026-11107-0

08.10.2026, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
Neuer Leitfaden zur Wiederansiedlung von Atlantischen Lachsen im Rhein
Willkommen zurück – seit 1958 galt der Atlantische Lachs im Rhein als ausgestorben, in den 1990er-Jahren starteten erste Anläufe dies zu ändern. Das Modell- und Demonstrationsvorhaben „Genetisches Monitoring zur Wiederansiedlung des Lachses im Rheingebiet“ (GeMoLaR), untersuchte über sechs Jahre hinweg das Aussetzen junger Lachse aus Aufzuchtstationen in den Rhein, die natürliche Reproduktion und das Vorkommen von Lachsen im Rheingebiet. Es zeigt sich: Die Besatzprogramme bringen nachweislich Rückkehrer hervor – eine selbsttragende Rheinlachspopulation ist jedoch noch nicht erreicht. Die im Projekt gewonnenen Erfahrungen wurden zudem in einem praxisorientierten Leitfaden aufbereitet.
Jedes Jahr werden mehr als eine Million Junglachse aus Aufzuchtstationen in Deutschland und Frankreich in ökologisch geeignete Nebenflüsse des Rheins eingesetzt, um den Atlantischen Lachs wieder anzusiedeln. Dabei wird der Lebenszyklus des Wanderfisches berücksichtigt: Ursprünglich schlüpft er in klaren, kühlen Flüssen und wächst dort als Jungfisch auf. Mit spätestens zwei Jahren wandert er als sogenannter Smolt ins Meer. Dort verbringt er mehrere Jahre und kehrt zum Laichen zurück in den Fluss, indem er aufgewachsen ist.
Untersuchung von mehr als 15.500 genetischen Proben
Das Projekt „GeMoLaR“ betrachtete diese Rückkehrer nun genauer: Welche Besatzmaßnahmen tragen zum heutigen Lachsaufkommen bei? Und welcher Anteil der Junglachse stammt bereits aus natürlicher Fortpflanzung? Um diesen Fragen nachzugehen, untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Projekts GeMoLaR 15.566 genetische Proben von Atlantischen Lachsen im Rheingebiet.
Die Untersuchungen bestätigten, dass die Wiederansiedlungsprogramme in Deutschland in Kombination mit den Maßnahmen in Frankreich und der Schweiz die Rückkehr des Atlantischen Lachses in das Rheinsystem ermöglichen. Die heutigen Rheinlachsbestände sind genetisch heterogen und spiegeln die im Laufe der Wiederansiedlung verwendeten Herkünfte wider. Ebenso konnte die natürliche Reproduktion nachgewiesen werden. Gleichzeitig zeigten die Ergebnisse auch, dass das Lachsaufkommen weiterhin überwiegend auf Besatzmaßnahmen beruht und die natürliche Reproduktion bislang nur eine untergeordnete Rolle spielt. Insgesamt nahmen die Rückkehrerzahlen während der Projektlaufzeit allerdings ab. Niedrigwasser, steigende Wassertemperaturen und veränderte Abflussverhältnisse stellten Wanderfische (und auch andere Fischarten) vor zusätzliche Herausforderungen.
Leitfaden auch für andere Wanderfischarten anwendbar
Wie können die Bundesländer und angrenzenden Staaten besser zusammenarbeiten, um die Wiederansiedlung bedrohter Fischarten wie beispielsweise dem Atlantischen Lachs weiter voranzutreiben? Die im Projekt entwickelten Methoden sowie der erarbeitete Leitfaden schaffen eine Grundlage für ein langfristiges genetisches Monitoring und liefern konkrete Empfehlungen um das Reproduktionsmanagement zu optimieren und den Atlantischen Lachs wieder anzusiedeln. Die entwickelten Ansätze sind darüber hinaus auf weitere Wanderfischarten und andere Fischereimanagementprojekte übertragbar.
Das „GeMoLaR“-Projekt wurde ebenso als Fallstudie in die „Leitlinie zum genetischen Management von Besatzprogrammen für aquatische Arten“ (S.55-56) der Welternährungsorganisation (FAO) aufgenommen.
Hintergrund zu „GeMoLaR“
Das Projekt „GeMoLaR“ startete am 01. Juli 2020 unter der Leitung der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Das Vorhaben wurde aus Mitteln des BMLEH gefördert und unter der Projektträgerschaft der BLE über das Informations- und Koordinationszentrum für Biologische Vielfalt (IBV) betreut.
Darüber hinaus arbeitete das Team von „GeMoLaR“ unter anderem eng mit den zuständigen Fischereibehörden, den Naturschutzbehörden der jeweiligen Bundesländer sowie den Betreibern der Elternfischhaltungen und internationalen Partnern, wie der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR), zusammen.

08.10.2026, Eberhard Karls Universität Tübingen
Eine Riesenassel aus der Karibik, die Tübingen im Namen trägt
Team des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen entdeckt in einem Archivfund eine neue Art und entschlüsselt die Evolution der Gattung
Ein im Archiv der Paläontologischen Sammlung der Universität Tübingen wiederentdecktes Exemplar einer getrockneten Riesenassel aus Puerto Rico erwies sich bei näherer Untersuchung als eine bisher unbekannte Art. Ihre Entdecker, der Paläontologie-Student und Asselexperte Benedikt Kästle und der Kustos der Paläon-tologischen Sammlung PD Dr. Ingmar Werneburg vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen, tauften das Krebstier aus der Gattung Bathynomus auf den Artnamen tuebingoborikensis – nach ihrer Universitätsstadt einerseits und nach dem indigenen Taíno-Namen für Puerto Rico, Boríken, andererseits. Ihre Studie und Beschreibung der neu entdeck-ten Art, die der Wissenschaft dabei hilft, die Evolution aller Tiefseeasseln insge-samt zu verstehen, wurde in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Riesenasseln der Gattung Bathynomus kommen in allen Ozeanen der Erde vor und können bis zu 50 Zentimeter lang und mehrere Kilogramm schwer werden. Die Krebstiere gehören damit zu den größten wirbellosen Organismen überhaupt. Sie besiedeln die Tiefsee bis zu 2.500 Metern und gelten dort als Allesfresser. In Form und Gestalt ähneln die meeresbewohnenden Riesenasseln den sehr viel kleineren Landasseln, die man aus feuchten Kellern und Höhlen kennt; der Körper ist von einem Außenskelett aus kalkhaltigen, schuppenförmigen Segmenten umgeben. Die Tübinger „Keller“-Assel, Exemplar einer noch heute lebenden Art, hatte einst der berühmte Fossilienforscher und Tübinger Professor Dolf Seilacher (1925–2014) in den 1980er Jahren in Puerto Rico auf einer Forschungsstation erworben und zu Lehrzwecken nach Tübingen gebracht.
Entwicklung immer größerer Tiere und Eroberung aller Ozeane
Benedikt Kästle und Ingmar Werneburg haben das getrocknete Tier mit moderns-ten bildtechnischen Verfahren untersucht, als Vertreter einer neuen Art identifiziert und anatomisch mit anderen bekannten Riesenasseln der Welt verglichen. Eine Stammbaumanalyse ergab, dass die gesamte Gattung Bathynomus wohl im Laufe des Miozäns, vor mehr als 15 Millionen Jahren, im Golf von Mexiko entstand. „Zu dieser Zeit war der Panama-Isthmus, die Meerenge zwischen Nord- und Südamerika, noch geöffnet, und die Tiere konnten sich nach Westen, zunächst bis nach Japan, ausbreiten“, berichtet Werneburg. Im Indopazifik habe dann eine Aufgliederung in zahlreiche neue Arten stattgefunden. „Es entstanden die sogenannten ‚Giganten‘, Riesenasseln, die bis zu 15 Zentimeter lang sind, und die ‚Supergiganten‘ mit mehr als 15 Zentimetern Körperlänge“, fügt Kästle hinzu.
Die Bathynomus-Riesenasseln breiteten sich nach Australien, Ostafrika und – vor der Kollision der Arabischen und Afrikanischen Kontinentalplatten – auch nach Europa aus. Dort starben sie jedoch am Ende des Miozäns aus. Mit der Abkühlung der Erde an der Miozän-Pliozän-Grenze vor 5,333 Millionen Jahren entwickelte sich eine besondere Gruppe von Riesenasseln im Indopazifik: „Diese wahrhaften Kolosse wurden mehr als 25,2 Zentimeter groß und waren physiologisch an die neuen klimatischen Verhältnisse bestens angepasst“, sagt Werneburg.
Sie hätten sich von Australien über die Antarktis nach Süd- und Mittelamerika ausgebreitet und seien dort auf ihre kleineren ferneren Verwandten getroffen, die nach der ursprünglichen Ausbreitung der Gattung nach Westen zurückgeblieben waren. „In die Kategorie der ‚Kolossogiganten‘ fällt unser Tübinger Exemplar aus Puerto Rico mit 32,2 Zentimetern Länge“, sagt Kästle. „Die neue Spezies ist sehr nah mit einer anderen Riesenart verwandt, die vor der Yucatán-Halbinsel Mexikos vorkommt.“ Der Fund belege, welch große Bedeutung naturwissenschaftliche Sammlungen als weltweite Archive der Natur haben, so Werneburg.
Originalpublikation:
Ingmar Werneburg, Benedikt Kästle (2026): A new Caribbean species of the giant isopod genus Bathynomus (Crustacea, Isopoda, Cirolanidae) with notes on the evolutionary history of the group based on morphological data. Scientific Reports, https://doi.org/10.1038/s41598-026-69097-y

08.10.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Der Zug der Vögel
Rotkehlchen und Stare überwintern am Mittelmeer, Schreiadler und Wiesenweihe fliegen bis nach Afrika
Am Himmel herrscht derzeit Hochbetrieb: Vom kleinen Rotkehlchen bis zum großen Rotmilan steuern die Zugvögel ihre Winterquartiere an. Milliarden Vögel sind jetzt unterwegs, alle eint ein Ziel: „Zugvögel suchen sich über die Wintermonate Gebiete, in denen sie genügend Nahrung finden und das Klima etwas milder ist“, sagt Michael Tetzlaff, Artenschützer bei der Deutschen Wildtier Stiftung.
Die Art des Zuges allerdings unterscheidet sich von Art zu Art: Manche fliegen tagsüber in wohlgeordneten V-Formationen, wie beispielweise die Gänse. Andere, wie der Kuckuck, ziehen in der Nacht und allein in südliche Gefilde. Kurzstreckenzieher wie Rotkehlchen und Stare überwintern im Mittelmeerraum und lassen sich dort Früchte, Beeren und das eine oder andere Insekt schmecken. Einige Arten haben die Zugrouten in den vergangenen Jahren an die veränderten Klimabedingungen angepasst. Kraniche flogen früher zum Überwintern nach Spanien, manche sogar bis nach Afrika: „Heute finden die Vögel bei uns auch im Winter Feldfrüchte und Sämereien. Viele Kraniche sparen sich mittlerweile die Langstrecke, bleiben sogar ganz in Deutschland“, sagt Tetzlaff.
Auch Störche, die einst recht zuverlässig in Afrika überwinterten, haben ihre klassische Reiseroute schon verkürzt: Sie bleiben häufig im Mittelmeerraum hängen: Auf offenen Müllkippen in Portugal und Spanien finden sie genug Nahrungsreste, Mäuse, Ratten und Regenwürmer. Ähnlich die Rotmilane: Früher verbrachten die Greifvögel den Winter häufig auf der Iberischen Halbinsel, heute überwintern immer mehr von ihnen in Mitteleuropa und Südfrankreich. Der Waldrapp wiederum bevorzugt Italien: Die erwachsenen Vögel aus den neuen Brutkolonien in Überlingen am Bodensee und im bayerischen Burghausen fliegen über die Alpen in ihr Winterquartier in der Toskana – und seit neuestem durch die menschengeführte Migration auch nach Andalusien.
Andere Arten zieht es nach wie vor sehr weit in den Süden. Sagenhafte 10.000 Kilometer legt der Schreiadler auf dem Weg ins südliche Afrika zurück. Als Thermiksegler ist er auf Aufwinde angewiesen, die es nur über Land gibt – deshalb umfliegt er das Mittelmeer. Die Wiesenweihe kann als sogenannter Schlagflügler direkt über das Mittelmeer fliegen – ihr Ziel ist die heuschreckenreiche Sahelzone südlich der Sahara. Eine geniale Leistung vollbringt der Mauersegler, der ebenfalls nach Afrika zieht: Außerhalb der Brutzeit bleibt er bis zu zehn Monate in der Luft, schnappt Fluginsekten, trinkt und schläft sogar im Fliegen.
Auch Schwalben scheuen keine Mühen und ziehen jedes Jahr bis ins westafrikanische Nigeria, um dort den Winter zu verbringen. Doch die lange Reise birgt große Gefahren: Auf ihrem Flug werden tausende Schwalben nicht nur in Mittelmeerländern und im Nahen Osten, sondern auch in manchen Regionen Afrikas bejagt.
„Die Vogelmigration ist faszinierend für uns Menschen, steckt aber voller Gefahren für die Tiere“, sagt Michael Tetzlaff. In Deutschland meist streng geschützt, sind Zugvögel außerhalb der Grenzen durch legale Jagd und illegale Verfolgung bedroht. Im vergangenen Oktober wurden zum Beispiel zwei Waldrappe in Italien von einem Jäger abgeschossen.
Die Deutsche Wildtier Stiftung setzt sich deshalb auf vielen Ebenen für Zugvögel ein: Sie unterstützt die europaweite Kampagne „ Stop Wildlife Poisoning“ gegen die illegale Vergiftung von Wildtieren und engagiert sich für den Waldrapp, indem sie GPS-Sender finanziert, die seine Flugrouten dokumentieren. Für die Wiesenweihe, deren Rastplätze in Nordafrika durch Dürre und intensive Landwirtschaft an Qualität verlieren, fördert die Stiftung Forschungsarbeiten, die den Zustand dieser Rastplätze dokumentieren. Zudem setzt sie sich mit einem neuen Projekt im Nationalen Artenhilfsprogramm für den Schutz der letzten Wiesenweihen in Mecklenburg-Vorpommern ein. Und für den seltenen Schreiadler setzt sie mit Partnern ein umfassendes Schutzprogramm „Gemeinsam für den Schreiadler“ in seinen Brutgebieten im Osten Deutschlands um.

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft/Naturschutz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert