28.09.2026, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ
Schönheiten im Rampenlicht / Die Attraktivität von Schmetterlingen hat Einfluss auf ihre Erforschung und ihren Schutz
Große und dekorative Schmetterlinge ziehen deutlich mehr Interesse auf sich als ihre weniger spektakulären Verwandten: Nicht nur Laien schenken ihnen mehr Aufmerksamkeit, sie stehen auch häufiger im Zentrum von wissenschaftlichen Untersuchungen und Naturschutzbemühungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie, an der auch Wissenschaftler:innen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) beteiligt waren. Auf den Roten Listen der bedrohten Arten sind dagegen mehr unscheinbare als schöne Falter aufgeführt. Dieses Ungleichgewicht und seine Folgen müsse man im Naturschutz stärker berücksichtigen, betont das Forschungsteam im Fachjournal Current Biology.
Ein großer, blass-gelber Falter, der sich mit einem auffälligen Muster schmückt und dessen Hinterflügel in dekorativen Zipfeln enden: Der Schwalbenschwanz gilt seit jeher als besonders attraktiver Schmetterling. Entsprechend gut hat er auch bei der aktuellen Online-Befragung abgeschnitten, die ein internationales Team um Prof. Dr. Leonardo Dapporto und Mariagrazia Portera von der Universität Florenz durchgeführt hat. Mehr als 21.000 Menschen aus mehr als hundert Ländern haben sich für die Studie Fotos von europäischen Schmetterlingen angesehen, deren Schönheit sie spontan auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten sollten.
„So konnten wir eine ganze Reihe von Merkmalen identifizieren, die Menschen an Schmetterlingen schätzen“, erklärt Dr. Elisabeth Kühn vom UFZ, die diese Befragung für Deutschland koordiniert hat. Flatternde Schönheiten schmücken sich demnach mit leuchtenden Farben, Favoriten sind vor allem Gelb und Blau. Ihre Muster sind kontrastreich, die Flügel groß und gezackt oder mit Anhängseln versehen wie beim Schwalbenschwanz. Die vielen kleinen und unscheinbar bräunlich gefärbten Arten können dagegen keinen Schönheitspreis gewinnen und werden tendenziell häufiger übersehen. „Diese Einschätzung teilten die allermeisten Befragten“, sagt Elisabeth Kühn. „Dabei spielte es keine Rolle, ob sie sich mit Schmetterlingen auskannten oder nicht.“ Aus den Beurteilungen ließ sich für jede der knapp 500 untersuchten europäischen Arten ein „Schönheitsindex“ berechnen: Je höher dieser Wert lag, umso besser kam das Aussehen des jeweiligen Kandidaten an.
Welche Konsequenzen aber hat die unterschiedliche Attraktivität? Um das herauszufinden, hat das Team zunächst analysiert, wie viel öffentliche Aufmerksamkeit die einzelnen Arten auf sich ziehen: Wie häufig haben Menschen Bilder davon auf den Online-Plattformen Flickr und iNaturalist hochgeladen? Wie viele Wikipedia-Einträge gibt es dazu und wie oft werden diese gelesen? Der Trend ist klar: Die Schönen liegen in all diesen Kategorien vor den Unscheinbaren. „Für die öffentliche Wahrnehmung hatten wir das auch so erwartet“, sagt Elisabeth Kühn. „Überrascht hat uns allerdings, dass sich das gleiche Phänomen auch bei wissenschaftlichen Untersuchungen zeigt.“ Sowohl die Zahl der veröffentlichten Gen-Sequenzen als auch die der publizierten Studien liegt für die attraktiven Falter deutlich höher.
Sogar in der europäischen Naturschutzgesetzgebung finden die weniger attraktiven Schmetterlinge keine wirkliche Gerechtigkeit, zeigen die statistischen Analysen des Forschungsteams. So hat der Europarat 1979 einen internationalen Vertrag verabschiedet, der den Schutz von wildlebenden Pflanzen und Tieren sowie von Lebensräumen regelt. Diese „Berner Konvention“ enthält umfangreiche Listen von Tieren und Pflanzen, die mehr oder weniger streng geschützt sind. Auch dort aber sind die Schmetterlinge mit hohem Schönheitsindex überrepräsentiert.
Diese Verzerrung zieht sich auch bis in eine der zentralen Naturschutz-Rechtsgrundlagen der Europäischen Union hinein: Die Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie von 1992. Da diese auf der Berner Konvention basiert, hat sie auch deren Bevorzugung von attraktiven Arten übernommen. Und das hat weitreichende Konsequenzen. Denn die FFH-Richtlinie regelt, wo sich Gelder und Managementmaßnahmen des europäischen Naturschutzes konzentrieren. So fördert die EU im Rahmen ihres LIFE-Programms für die Umwelt auch Projekte zur Unterstützung von bedrohten Tieren und Pflanzen – und zwar vor allem von FFH-Arten. Auch hier sind die attraktiven Schmetterlinge also im Vorteil.
Auf den nationalen und europäischen Roten Listen der Jahre 2010 und 2025 tauchen diese dagegen nicht häufiger auf als andere Falter. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Kataloge der bedrohten Arten nach festen Kriterien erstellt werden. „Entscheidend ist, wie häufig eine Art ist oder ggf. wie stark sie zurückgeht“, erklärt Elisabeth Kühn. Hübsches Aussehen und Charisma spielen da keine Rolle.
Laut den Listen des Jahres 2025 geht es den unattraktiveren Schmetterlingen sogar tendenziell schlechter als den schönen. „Es gibt zum Beispiel in den Alpen viele unscheinbare braune Arten, die durch den Klimawandel stark bedroht sind“, sagt Elisabeth Kühn. Schmetterlinge wie der kälteliebende Gletscherfalter fliehen vor den steigenden Temperaturen in immer höhere Lagen – bis sie nicht mehr weiter ausweichen können. „Solche Arten müssten im europäischen Naturschutz besser berücksichtigt werden, schließlich erfüllen sie ja genauso wichtige Funktionen in den Ökosystemen“, erklärt die Forscherin. Der Klimawandel als Gefährdungsfaktor spiele heute eine viel wichtigere Rolle als beim Erstellen der FFH-Liste im Jahr 1992. Mehr als die Hälfte der als gefährdet eingestuften Schmetterlingsarten hat inzwischen mit den steigenden Temperaturen zu kämpfen. Und das sind nicht in erster Linie die flatternden Schönheiten.
Trotzdem hält es die Biologin durchaus für sinnvoll, attraktive und charismatische Arten als Flaggschiffe für Naturschutzvorhaben einzusetzen. „Man bekommt dadurch einfach viel mehr Aufmerksamkeit und hat bessere Chancen, Lebensräume zu erhalten“, sagt sie. Und davon profitieren dann alle Bewohner, schön oder nicht. „Wichtig ist allerdings, dass wir auch über die unscheinbaren Arten möglichst viele Informationen sammeln, betont Elisabeth Kühn. Denn nur auf der Basis von Daten zu so viel wie möglichen Arten könne man entscheiden, welche Arten Schutz brauchen.
Daher hat das UFZ zusammen mit dem Verein „Gesellschaft für Schmetterlingsschutz – GfS“ schon vor mehr als 20 Jahren das „Tagfalter-Monitoring Deutschland“ (TMD) ins Leben gerufen. In diesem Rahmen sind jedes Jahr von April bis Ende September Hunderte von engagierten Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschland unterwegs, um Schmetterlinge zu beobachten, die Arten zu bestimmen und sie zu zählen. Woche für Woche gehen sie eine festgelegte Strecke von bis zu einem Kilometer Länge ab und notieren nach einem festgelegten Verfahren die tagaktiven Falter, die ihnen unterwegs begegnen. „Wir merken natürlich auch, dass die Leute manche Arten schöner finden als andere“, sagt Elisabeth Kühn, die das TMD am UFZ koordiniert. So laden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des TMD mehr Fotos von besonders attraktiven Faltern hoch. Erfasst werden aber alle Arten – auch die unscheinbaren, braunen.
Originalpublikation:
Leonardo Dapporto et al.: Beauty bias in butterfly research and conservation; Current Biology, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.07.049
29.09.2026, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Kleine Felder, große Vielfalt: Wie ein Mosaik aus kleinen, diversen Anbauflächen Vögeln hilft
Vögel sind nicht nur schön anzusehen und zu hören, sie erfüllen auch wichtige Aufgaben in der Natur. Sie fressen Schädlinge oder verbreiten Samen. Allgemein gelten sie als Indikator für eine intakte Umwelt. Wenn es den Vögeln gut geht, profitiert oft auch die Qualität der Böden und Gewässer. Eine neue Studie, die im Fachjournal „Landscape Ecology“ veröffentlicht wurde, zeigt eindrücklich, dass eine kleinteilige und vielfältige Bewirtschaftung von Ackerflächen bessere Lebensräume für Vögel schafft.
Die Studie wurde unter der Leitung des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) durchgeführt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten über drei Jahre hinweg, wie sich kleinteilig diversifizierte Anbaumethoden auf die Vogelwelt auswirken. Das vielfältig bewirtschaftete Versuchsfeld wurde rund 70 Prozent häufiger von Vögeln aufgesucht als die benachbarten, herkömmlich bewirtschafteten großen Vergleichsfelder. Das Ergebnis ist klar: Wo weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden und verschiedene Kulturpflanzen dicht nebeneinander wachsen, fühlen sich Vögel wohler und kommen häufiger vor.
Die Analyse ergab, dass auf den vielfältig bewirtschafteten Flächen die Vögel nicht nur häufiger anzutreffen waren, sondern sich auch anders verhielten. Sie bildeten kleine Gruppen und hielten sich bevorzugt in Bereichen auf, die durch eine geringere Nutzung von Pestiziden und eine höhere Pflanzenvielfalt gekennzeichnet waren. Besonders die Feldlerche, ein Vogel, der auf offenen Flächen brütet und oft als Charaktervogel der Agrarlandschaft gilt, profitierte von diesen Bedingungen. In den Bereichen mit weniger chemisch-synthetischem Pflanzenschutz, benachbarten Blühstreifen und mehr Wildkräutern kam sie signifikant häufiger vor.
„Unsere Daten zeigen deutlich, dass es nicht nur darauf ankommt, was angebaut wird, sondern wie die Fläche gestaltet und gepflegt wird“, erklärt Jenny Kröcher, Erstautorin der Studie am ZALF. „Wenn wir die Felder kleiner machen, verschiedene Kulturen kombinieren und chemisch-synthetischen Pflanzenschutz, wo immer möglich, reduzieren oder durch nicht chemische Verfahren ersetzen, schaffen wir Lebensräume, die den Vögeln Nahrung und Schutz bieten. Das ist wie ein Buffet und ein Sicherheitsnetz in einem.“ Andere Forschungsgruppen kommen zu ähnlichen Schlüssen: Eine vielfältige Landschaft ist widerstandsfähiger und artenreicher.
Das Besondere an dieser Studie ist der Ansatz, nicht nur einzelne Maßnahmen zu betrachten, sondern das gesamte Mosaik der Landschaft. Während andere Studien oft nur den Effekt von einzelnen Blühstreifen untersuchen, zeigt das patchCROP-Experiment, wie das Zusammenspiel von kleinen Teilflächen, unterschiedlichen Kulturpflanzen und schonendem Pflanzenschutz wirkt. Die Ergebnisse bestätigen frühere Beobachtungen, liefern aber durch die hohe räumliche Auflösung der Daten ein noch detaillierteres Bild.
Im Zentrum der Untersuchung stand das „patchCROP“-Experiment. Dabei wurden in einem großen Feld viele kleine Patches, also Teilflächen, kombiniert, auf denen unterschiedliche Pflanzen angebaut und verschiedene Methoden der Bewirtschaftung angewendet wurden. Im Vergleich dazu wurden benachbarte herkömmlich bewirtschaftete große Felder beobachtet. Die Forschenden kartierten über einen Zeitraum von September 2020 bis August 2023 das Vorkommen sämtlicher Vögel auf den kleinen Teilflächen und auf den Kontrollflächen in der direkten Umgebung.
Möglich wurde diese Auswertung durch eine Methode, die in dieser Form bisher kaum auf Vogeldaten angewendet wurde: die sogenannte „Spatial Point Pattern Analysis“ (SPPA[HS1.1]), zu Deutsch Punktmusteranalyse. Der Hintergrund: Forschung auf echten landwirtschaftlichen Flächen in landwirtschaftlichen Betrieben lässt sich nur schwer nach klassischem wissenschaftlichem Standard auswerten. Anders als im kontrollierten Feldversuch gibt es hier keine identischen, unabhängigen Wiederholungsflächen – jede Teilfläche liegt anders in der Landschaft und unterscheidet sich in ihrer Umgebung oder den Bodenverhältnissen. Klassische statistische Verfahren setzen aber genau solche vergleichbaren Wiederholungen voraus.
Die SPPA-Methode umgeht dieses Problem, indem sie nicht auf vorab festgelegten Vergleichsflächen aufbaut, sondern die räumliche Verteilung der Beobachtungen selbst als Grundlage nimmt und prüft, ob diese zufällig ist oder Regelmäßigkeiten aufzeigt. Dadurch lassen sich verschiedene Umweltfaktoren – etwa Pflanzenschutzeinsatz, Bodenbeschaffenheit oder Vegetationsstruktur – gleichzeitig berücksichtigen und ihre jeweiligen Effekte auseinanderhalten. Die Studie zeigt damit, dass sich auch aus nicht wiederholbaren, praxisnahen Feldversuchen belastbare wissenschaftliche Aussagen ableiten lassen – ein Ansatz, der Forschung auf landwirtschaftlichen Betriebsflächen künftig auf eine wissenschaftlich fundiertere Basis stellen könnte.
Viele verschiedene Kulturen auf vielen kleinen Teilflächen anzubauen, ist mit den aktuell üblichen großen Maschinen schwer umzusetzen. Das könnte sich in der Zukunft ändern, wenn autonome Feldroboter praxisreif werden, wie sie auch im patchCROP-Experiment erprobt werden.
Die Integration von Naturschutz in die bewirtschaftete Fläche, wie im patchCROP-Ansatz gezeigt, bietet einen vielversprechenden Weg, Ernährungssicherheit und Artenschutz zu verbinden. Weitere Forschung ist nötig, um zu klären, wie sich diese Systeme langfristig auf die Wirtschaftlichkeit der Betriebe auswirken und wie sie flächendeckend umgesetzt werden können.
Originalpublikation:
https://doi.org/10.1007/s10980-026-02435-7
30.09.2026, Ruhr-Universität Bochum
Wie Seescheiden Unterwasserlärm wahrnehmen
Schifffahrt, Bauarbeiten und andere menschliche Aktivitäten verändern die akustischen Bedingungen im Meer. Welche Auswirkungen der Unterwasserlärm auf marine Organismen hat, wird häufig anhand des Schalldrucks untersucht. Für Tiere, die fest mit dem Untergrund verbunden sind, könnte diese Betrachtung jedoch zu kurz greifen. Ein Team um Dr. Mareike Huhn vom Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie und Neurobiologie der Ruhr-Universität Bochum wollte daher wissen, wie Seescheiden auf Unterwasserlärm reagieren. Die Forschenden fanden heraus, dass die Tiere nicht so sehr auf den Schalldruck, sondern auf Vibrationen reagieren. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in Marine Biology vom 18. August 2026.
„Wir haben an der Seescheide Halocynthia papillosa untersucht, welche Komponenten niederfrequenter vibroakustischer Reize Verhaltensreaktionen auslösen“, berichtet Til Böttner im Rahmen seiner Doktorarbeit. „In Feldexperimenten im Mittelmeer und unter kontrollierten Laborbedingungen haben die Tiere vor allem zwischen 50 und 800 Hertz mit Kontraktionen reagiert. Interessanterweise waren diese Reaktionen mit erhöhten Vibrationen im Substrat verbunden.“
Erstaunlicherweise zeigten die Seescheiden selbst bei Unterwasserschalldruckpegeln von mehr als 130 Dezibell keine vergleichbaren Reaktionen, solange die Vibrationen des Untergrunds unterhalb der ermittelten Reaktionsschwellen lagen. „Die Ergebnisse zeigen damit, dass Schalldruck allein die beobachteten Verhaltensreaktionen nicht erklären kann“, fasst Dr. Mareike Huhn zusammen. Bei Seescheiden handelt es sich um kleine Manteltiere, die sesshaft leben, indem sie sich am Meeresboden, auf Felsen oder anderen Untergründen festhalten.
Das Nervensystem im Fokus
Welche sensorischen Strukturen die mechanischen Reize wahrnehmen, ist bislang nicht geklärt. Seescheiden besitzen jedoch spezialisierte bewimperte Mechanorezeptorzellen im Bereich der Siphone, insbesondere im sogenannten Koronalorgan. Diese könnten lokale Wasserbewegungen oder mechanische Verformungen registrieren. „Ob die Rezeptoren durch Partikelbewegungen im Wasser oder durch über den Untergrund und den Mantel übertragene Vibrationen stimuliert werden, muss durch weitere physiologische und neurobiologische Untersuchungen geklärt werden“, so Til Böttner.
Schalldruck, Partikelbewegung und substratgebundene Vibrationen sind unter Wasser, insbesondere bei niedrigen Frequenzen, physikalisch eng miteinander gekoppelt. Eine vollständige Trennung dieser Komponenten war daher auch in der aktuellen Studie nicht möglich. „Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass mechanische Komponenten des Unterwasserschalls bei der Untersuchung benthischer Organismen stärker berücksichtigt werden müssen“, sind sich die Bochumer Forschenden sicher.
Zukünftige Studien sollen klären, welche mechanischen Reize tatsächlich wahrgenommen werden und wie diese sensorisch und neuronal verarbeitet werden. Damit verbindet die Forschung am Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie und Neurobiologie der Ruhr-Universität Bochum Meeresbiologie, Bioakustik und Neurobiologie, um die Auswirkungen anthropogenen Unterwasserlärms differenzierter zu verstehen. Auch international fand die Arbeit Anerkennung: Für die Präsentation der Forschung auf dem International Tunicate Meeting (ITM) erhielt Til Böttner den Preis für den besten Vortrag eines Nachwuchswissenschaftlers.
Originalpublikation:
Til Böttner, Lukas Hessel, René Ortmann, Wolfgang H. Kirchner, Stefan Herlitze, Mareike Huhn: Feeling the noise: Behavioural Responses in Ascidians Are Associated With Substrate-Borne Vibrations Rather Than Sound Pressure Alone, in : Marine Biology, 2026, DOI: 10.1007/s00227-026-04943-1
30.09.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Wie die Stärlinge Amerika eroberten
Von Nordamerika bis Patagonien: Forschende der Universität Würzburg haben rekonstruiert, wie sich Stärlinge über Millionen von Jahren auf dem amerikanischen Doppelkontinent ausgebreitet haben.
Woher stammen die heute rund 100 Arten der Stärlinge, und wie haben sie sich über Nord- und Südamerika ausgebreitet? Dr. Axel Arango Garcia und Professor Chaitanya S. Gokhale vom Lehrstuhl für Computational and Theoretical Biology (CCTB) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) haben die Evolutionsgeschichte dieser Vogelfamilie rekonstruiert. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die Vorfahren der heutigen Arten höchstwahrscheinlich aus Nordamerika stammten und sich über Millionen von Jahren schrittweise nach Süden ausbreiteten. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Frontiers of Biogeography erschienen.
Die Stärlinge – wissenschaftlich „Icteridae“ – sind eine Familie mit mehr als hundert Arten von Singvögeln, die von Alaska bis Feuerland verbreitet sind. Zu bekannten Vertretern zählen unter anderem Trupiale, Grackeln und Kuhstärlinge. Gemeinsam besiedeln sie nahezu jeden Lebensraum Amerikas, von der arktischen Taiga bis zum tropischen Regenwald.
Trotz zahlreicher ökologischer, verhaltensbiologischer und evolutionsbiologischer Studien wird über den Ursprung der Stärlinge und ihre biogeografische Geschichte seit Jahrzehnten diskutiert. 1946 stellte der Ornithologe Ernst Mayr die Hypothese auf, dass die Stärlinge aus Südamerika stammen und sich schrittweise nach Norden ausgebreitet haben. Eine Studie von Barker et al. aus dem Jahr 2015 stellte diese Hypothese jedoch infrage und deutete stattdessen auf einen Ursprung in Nordamerika hin. Offen blieb allerdings, wie und wann sich die Vögel anschließend über den amerikanischen Doppelkontinent ausbreiteten.
Schritt für Schritt nach Süden
Für ihre Studie kombinierten die Forschenden Verbreitungsdaten und Stammbäume von 104 der 106 derzeit anerkannten Arten. Mithilfe verschiedener statistischer Modelle rekonstruierten sie, wann und auf welchen Wegen sich deren Vorfahren über Nord- und Südamerika ausbreiteten.
Am besten zu den Daten passt eine schrittweise Besiedlung in Richtung Süden: Vor rund 7,5 Millionen Jahren erreichten die Vögel Mittelamerika und die Karibik, vor etwa 6,1 Millionen Jahren das Amazonasgebiet und kurz darauf die Anden. Das südliche Südamerika folgte vor rund 4,8 Millionen Jahren, Patagonien schließlich vor etwa 2,7 Millionen Jahren. Diese Zeitangaben entsprechen weitgehend der Abfolge, die in der ursprünglichen Studie rekonstruiert wurde.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die Stärlinge in einem langen, schrittweisen Prozess über den amerikanischen Doppelkontinent ausgebreitet haben. Besonders interessant ist, dass ihre Vorfahren Südamerika offenbar erreichten, bevor sich der heutige Isthmus von Panama vollständig gebildet hatte“, sagt Arango Garcia.
Früher in Südamerika als bislang angenommen
Dem Modell zufolge gelangten die Stärlinge erstmals vor rund sechs Millionen Jahren nach Südamerika – etwa drei Millionen Jahre früher, als bisherige Studien für diese Vogelgruppe angenommen hatten.
Zu dieser Zeit hatte sich der heutige Isthmus von Panama noch nicht vollständig gebildet. Die Vögel könnten Südamerika daher über offene Wasserflächen oder über bereits vorhandene Inseln und Landverbindungen erreicht haben. Etwa zur selben Zeit breiteten sich in Südamerika offene, von Gräsern geprägte Lebensräume aus. Auch die wissenschaftliche Publikation diskutiert die Ausbreitung über Wasser sowie bereits vor oder während der Entstehung des Isthmus bestehende Landverbindungen als mögliche Routen.
„Die Ausbreitung der Stärlinge nach Südamerika scheint zeitlich mit der Ausbreitung offener, von Gräsern geprägter Lebensräume zusammenzufallen. Es ist daher möglich, dass die Vögel diesen geeigneten Lebensräumen nach Süden folgten“, sagt Axel Arango.
Die Studie kann allerdings nicht nachweisen, dass diese Umweltveränderungen tatsächlich die Ursache für die Ausbreitung der Vögel nach Süden waren.
Neue Arten entstanden vor allem vor Ort
Die Analyse zeigt außerdem, dass die Besiedlung neuer Regionen allein nicht erklärt, warum neue Arten entstanden. Stattdessen entwickelten sich viele Arten innerhalb von Regionen, die bereits besiedelt waren. Die berechneten Artbildungsraten waren in Nord- und Südamerika insgesamt ähnlich.
Welche Faktoren die Entstehung neuer Arten beeinflussten, bleibt eine offene Frage. Die Autoren verweisen beispielsweise auf die Spezialisierung auf bestimmte Nahrungsquellen und Lebensräume, auf Sozialverhalten oder Partnerwahl. Künftige Studien könnten solche Merkmale direkt in die Modelle einbeziehen. So ließe sich genauer untersuchen, warum manche evolutionären Linien mehr neue Arten hervorbrachten als andere. Dies entspricht der Schlussfolgerung der Studie, dass neben der Geografie vermutlich weitere Faktoren eine wichtige Rolle bei der Diversifizierung spielen – darunter möglicherweise ökologische Spezialisierung, Sozialverhalten und sexuelle Selektion.
Ursprung im Hörsaal
Das Projekt hat seinen Ursprung in der Lehre. Arango nutzt die Stärlinge seit Jahren als Beispiel in seinen Lehrveranstaltungen. Anhand dieser Vogelfamilie vermittelt er makroökologische Regeln, führt Studierende in die Analyse phylogenetischer Daten ein und zeigt ihnen, wie sich stammesgeschichtliche Informationen verarbeiten lassen. Die Analyse, die diesem Paper zugrunde liegt, nahm Gestalt an, als der Forscher Lehrmaterial für einen Workshop zur parametrischen Biogeografie vorbereitete. Gefördert wurde dieser durch das Bayerische Hochschulzentrum für Lateinamerika (BAYLAT).
„Obwohl ich mich schon seit Jahren mit Stärlingen beschäftige, war es beeindruckend zu sehen, dass ihre Entwicklungslinien Südamerika bereits lange vor der vollständigen Schließung der Landbrücke erreichten – und genau nachzuverfolgen, auf welchen Routen sie sich bis nach Feuerland ausbreiteten“, sagt Axel Arango.
Originalpublikation:
Arango, Axel & Gokhale, Chaitanya S. (2026): The historical biogeography of the New World blackbirds (Icteridae). Frontiers of Biogeography 19, e202331. DOI: 10.21425/fob.19.202331
30.09.2026, Technische Universität München
In harten Zeiten übernehmen Taubenväter mehr Verantwortung
Tauben teilen sich die Brutpflege flexibel auf. Das hat eine Studie von Forschenden der Technischen Universität München (TUM) gezeigt. Wird das Futter knapp, brüten die Männchen länger als sonst – den Weibchen bleibt somit mehr Zeit, für sich selbst auf Futtersuche zu gehen. Dieses Verhalten ermöglicht es ihnen, auch in harten Zeiten erfolgreich zu brüten. Die Studie wirft ein neues Licht auf Fütterungsverbote in Städten und deren Auswirkungen auf das Tierwohl.
Gemeinsam sorgen die Taubeneltern durch diese Form der kooperativen Brutpflege dafür, dass das Nest fast durchgängig gewärmt und geschützt wird. Den Großteil der Brutarbeit vor dem Schlupf übernehmen die Taubenweibchen – sowohl bei Futterknappheit als auch bei ausreichendem Futterangebot. Begrenzt wird dieser Einsatz der Weibchen vor allem durch ihre verfügbaren Energiereserven. In der Studie verbrachten sie bei ausreichendem Futterangebot 81 Prozent der Zeit auf dem Gelege, die Väter nur 17 Prozent. Bei verringertem Futterangebot hatten die Weibchen weniger Energie und reduzierten ihre Brutzeit auf 75 Prozent. Die Männchen glichen die Differenz aus und erhöhten ihre Brutzeit auf 22 Prozent. So blieb die Gesamtanwesenheit am Nest trotz Futterknappheit nahezu unverändert.
Futterknappheit trifft vor allem die Weibchen
Für die Studie wurden in drei Städten mit Fütterungsverbot insgesamt 75 Taubennester in zwei Gruppen untersucht. Fütterungsverbote sind eine gängige Maßnahme von Städten und Kommunen, um die Taubenpopulation zu reduzieren, da Stadttauben einen Großteil ihrer Nahrung im Umfeld des Menschen finden. Eine Gruppe bestand aus Stadttauben, die in Taubenschlägen mit ausreichendem Futterangebot lebten. Die andere Gruppe nistete frei an Gebäuden, etwa in Kirchendächern oder auf Vorsprüngen, und musste selbst Nahrung suchen. Das Team stattete die Nester mit Gewichtssensoren aus, die Gewichtsveränderungen automatisch aufzeichneten. So konnten die Forschenden das Brutverhalten und den körperlichen Zustand der Taubeneltern beobachten und sie zugleich so wenig wie möglich stören.
Die Gewichtsdaten zeigten außerdem, dass Weibchen bei ausreichendem Futterangebot rund 35 Gramm, also 10 Prozent, schwerer waren als die Tiere in der Kontrollgruppe, die nicht gefüttert wurden. Die Forschenden werten dies als Hinweis darauf, dass Futterverfügbarkeiten zu unterschiedlichen Energiereserven führten. Bei den Männchen gab es keine relevanten Gewichtsunterschiede zwischen den Gruppen, da sie mehr Zeit für die Futtersuche hatten. Von Fütterungsverboten ausgelöste Nahrungsknappheit wirkte sich in der Studie somit in erster Linie auf die weiblichen Tauben und ihre Energieressourcen aus.
Wie sich Fütterungsverbote auf Stadttauben auswirken
„Unsere Studie verdeutlicht, wie Nahrungsmangel Tauben beeinflusst,“ sagt Brandon Mak, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der TUM und Erstautor der Studie. „Sogar unter erschwerten Bedingungen gelingt es ihnen, ihre Jungen auszubrüten.“ Die Tauben schlüpfen zwar, könnten dann aber nicht genug Nahrung finden und verhungern. „Maßnahmen, die früher im Fortpflanzungszyklus ansetzen, etwa der regelmäßige Austausch der Eier durch Attrappen, sind vor diesem Hintergrund eine tierwohlfreundlichere Alternative, die Populationen gering zu halten.“
Wolfgang Weisser, Professor für Terrestrische Ökologie an der TUM, ergänzt: „Das Zusammenleben mit Stadttieren erfordert ein tieferes Verständnis ihres vielschichtigen Verhaltens, unabhängig davon, wie wir ihnen gegenüber eingestellt sind. Das Taubenmanagement ist aufgrund der Art und Weise, wie es umgesetzt wird, umstritten. Unser Umgang mit Tieren sowie die Gestaltung und Veränderung ihrer Lebensräume sollten reflektiert erfolgen und wirksamere, artspezifische Maßnahmen einbeziehen.“
Originalpublikation:
Mak, B.; Chaban, M. J.; Drewitt, E., Weisser, W.W., Apfelbeck, B.: When the going gets tough, the dove gets going: feral pigeons maintain nest attendance rates during food shortages with asymmetrical biparental care. Royal Society Open Science (2026) DOI: https://doi.org/10.1098/rsos.261123

