Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

25.02.2019, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Coole Anpassungen an die Kälte
Eisfische leben in einer Umgebung, die eigentlich tödlich für sie sein müsste. Wie sie es trotzdem schaffen, dort zu existieren, und welche evolutionären Anpassungen sie dafür durchlaufen mussten, haben jetzt Wissenschaftler erforscht.
Man möchte dort wahrlich nicht leben müssen: Im Eismeer rund um den Südpol liegt die Wassertemperatur bei knapp minus zwei Grad. Menschen hätten dort keine Überlebenschancen, und auch für die meisten Fischarten ist das zu kalt: Ihr Blut würde schlicht und ergreifend einfrieren, Eiskristalle würden ihre roten Blutkörperchen – die Erythrozyten – zum Platzen bringen. Und trotzdem gibt es eine Fischart, die sich auch unter solch lebensfeindlichen Bedingungen wohlfühlt und die sich dort vermehrt: die sogenannten Eisfische aus der Familie Nototheniidae.
Ein international zusammengesetztes Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat jetzt untersucht, welche genetischen Anpassungen dafür verantwortlich sind, dass Eisfischen selbst extreme Kälte nichts ausmacht, und ist dabei auf eine Reihe charakteristischer Veränderungen gestoßen. Daran beteiligt war der Genetiker Manfred Schartl, Inhaber des Lehrstuhls für Physiologische Chemie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution stellen die Forscher die Ergebnisse ihrer Untersuchungen vor.
Leben bei Minustemperaturen
In ihrer Studie haben Manfred Schartl und Hyun Park zusammen mit John Postlethwait, der 2009 als Humboldt-Preisträger am Biozentrum der JMU geforscht hat, und weiteren Forscherinnen und Forschern aus Korea und USA das Genom des antarktischen Schwarzflossen-Eisfisches, Chaenocephalus aceratus, sequenziert und dort nach speziellen Veränderungen gesucht, die für die einzigartige Physiologie verantwortlich sind. Dabei erhielten sie auch Einblicke in die Entwicklung dieses Fisches im Laufe der Evolution. „Eisfisch-Populationen sind zum ersten Mal am Ende des Pliozäns aufgetreten, nachdem die Oberflächentemperaturen der Antarktis um 2,5 Grad Celsius abgesunken waren“, erklärt Schartl. Vor etwa 77 Millionen Jahren hatten sie sich von der Linie ihrer Vorfahren – den Stichlingen – wegentwickelt und anschließend immer besser kälteangepasste Phänotypen ausgebildet.
Ursprüngliche Nototheniiden waren rotblütig, hatten aber keine Sauerstoff bindenden Proteine, sogenannte Myoglobine, in ihrem Skelettmuskel. Außerdem lebten sie auf dem Meeresboden und besaßen keine auftriebserzeugende Schwimmblase. Als die Antarktis abkühlte und vor etwa zehn bis 14 Millionen Jahren schließlich Temperaturen von knapp minus zwei Grad Celsius erreichte, öffneten sich neue ökologische Nischen, die Eisfische dank spezieller Anpassungen besetzen konnten. Acht Fischarten aus der Familie der Notothenioiden, darunter auch die Eisfische, sahen außerdem die Chance, das Nahrungsangebot in einer größeren Höhe – weg vom Meeresboden – für sich zu nutzen.
Blut ohne rote Blutkörperchen
Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das Eisfischen das Überleben in großer Kälte ermöglicht. Der auffälligste darunter: Den Tieren fehlen die roten Blutkörperchen – und damit Hämoglobin; ihr Blut ist deshalb quasi durchsichtig. Dass sie trotzdem nicht an Sauerstoffarmut leiden, erklärt Manfred Schartl so: „Bei den tiefen Temperaturen ist die Sauerstoffsättigung des Meerwassers und damit auch aller Körperflüssigkeiten der Fische so hoch, dass der Sauerstofftransport durch das Hilfsmolekül Hämoglobin nicht mehr nötig ist.“ Gleichzeitig ist bei Eisfischen das Blutvolumen doppelt so groß wie das vergleichbarer Fischarten in gemäßigten Breiten, ihr Herz ist vergrößert und auch die Blutgefäße weisen einen größeren Durchmesser auf. Auch die Zahl der Energielieferanten der Zellen – der Mitchondrien – ist bei Eisfischen erhöht.
Eine weitere evolutionäre Errungenschaft dieser Gattung ermöglicht das Überleben bei Minusgraden: Eisfische produzieren spezielle Eiweiße, die sie vor dem Kältetod bewahren. Während Frostschutz-Glykoproteine bei Fischlarven und erwachsenen Tieren die Eisbildung im Körper verhindern, umgeben eisresistente Eierchorion- oder Zona-pellucida-Proteine Embryonen und schützen diese vor dem Einfrieren.
Deutliche Veränderungen im Erbgut
Im Erbgut der Eisfische haben all diese Veränderungen deutlich sichtbare Spuren hinterlassen: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Anzahl der Gene, die am Schutz vor Eisschäden beteiligt sind, einschließlich der Gene, die Frostschutz-Glykoproteine kodieren, im Eisfisch-Genom stark expandiert sind“, erklärt Manfred Schartl. Auch die hohe Sauerstoffkonzentration sowohl in den kalten antarktischen Gewässern als auch im Körper der Eisfische hat zu Anpassungen im Erbgut geführt. Da Sauerstoffradikale Zellschäden verursachen, besitzen die Tiere vermehrt Gene für Enzyme, die solche Schäden eindämmen helfen.
Noch an anderer Stelle im Erbgut der Eisfische stießen die Wissenschaftler auf Veränderungen, die mit dem anspruchsvollen Lebensraum im Verbindung gebracht werden können: So fehlen ihnen einige wichtige Regulatoren, die bei anderen Tierarten den Tag-Nacht-Rhythmus steuern. Die Forscher vermuten, dass die Extreme der fast permanenten Tage der Winterdunkelheit und der langen antarktischen Sommer den Nutzen einiger dieser Regulatoren und damit auch den evolutionären Druck, sie zu behalten, verringert haben könnten. Um diese Frage endgültig zu beantworten, seien jedoch Verhaltensstudien an antarktischen Eisfischen und anderen verwandten Arten notwendig.
Vorbild für eine Reihe von Krankheiten
Ihre besonderen Eigenschaften machen Eisfische für die biomedizinische Forschung interessant. „Sie haben unter natürlichen Bedingungen Phänotypen entwickelt, die menschlichen Krankheiten entsprechen“, sagt Manfred Schartl. Das Fehlen der Erythrozyten komme beispielsweise einer totalen Anämie gleich. Außerdem haben die Tiere im Laufe ihrer Evolution die Knochenverkalkung aufgegeben, um so ihre Dichte zu verringern. Das war notwendig geworden, um sich vom Meeresboden lösen und wieder im freien Wasser schwimmen zu können. Dafür mussten sie vor allem ihr Körpergewicht reduzieren. Ihre Knochen beziehungsweise Gräten sind deshalb heute in einem Zustand, wie er bei Osteoporose-Patienten zu finden ist.
Originalpublikation:
Antarctic blackfin icefish genome reveals adaptations to extreme environments. Bo-Mi Kim, Angel Amores, Seunghyun Kang, Do-Hwan Ahn, Jin-Hyoung Kim, Il-Chan Kim, Jun Hyuck Lee, Sung Gu Lee, Hyoungseok Lee, Jungeun Lee, Han-Woo Kim, Thomas Desvignes, Peter Batzel, Jason Sydes, Tom Titus, Catherine Wilson, Julian M. Catchen, Wesley C. Warren, Manfred Schartl, H. William Detrich III, John H. Postlethwait and Hyun Park. Nature Ecology & Evolution

25.02.2019, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Neue Schimpansenkultur entdeckt
Unterschiedliche Kulturen, Gewohnheiten und Verhaltensmuster gibt es nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Schimpansen, einem unserer beiden nächsten lebenden Verwandten. Ein Forschungsteam des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Warschau in Polen beschreibt nun basierend auf den Ergebnissen einer zwölfjährigen Langzeitstudie ein neues Verhaltensrepertoire der östlichen Schimpansen (Pan troglodytes schweinfurthii) aus der Region Bili-Uéré im Norden der Demokratischen Republik Kongo.
Schimpansen haben eine ausgefeiltere und diversifiziertere materielle Kultur als jeder andere nichtmenschliche Primat. Ihr Verhalten variiert im tropischen Afrika in einer Art und Weise, die sich nicht immer durch die Beschaffenheit ihres Lebensraums erklären lässt. Zum Beispiel verwenden ausschließlich westafrikanische Schimpansen in einigen Populationen Stein- und Holzhämmer, um Nüsse zu knacken, obwohl im gesamten Verbreitungsgebiet von Schimpansen Hämmer und Nüsse in großer Menge verfügbar sind. Diese Verhaltensvielfalt besser zu verstehen, könnte auch bei der Erforschung unserer frühesten homininen Vorfahren und der Entstehung ihrer Traditionen von entscheidender Bedeutung sein.
In der Vergangenheit haben Forschende bereits mehrere bei Schimpansen weitverbreitete Verhaltensmuster dokumentiert, darunter die Verwendung von Knüppeln in Zentralafrika, um Bienenstöcke zu öffnen, und langen Hilfsmitteln in Westafrika, um an verschiedenen Standorten nach Algen zu fischen. Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Warschau präsentiert nun eine detaillierte Beschreibung eines neuen Verhaltensrepertoires östlicher Schimpansen (Pan troglodytes schweinfurthii) aus der Region Bili-Uéré. Dieses Verhaltensrepertoire ist über ein mindestens 50.000 Quadratkilometer großes Gebiet verbreitet und reicht möglicherweise sogar noch weit darüber hinaus. „Über einen Zeitraum von zwölf Jahren haben wir Schimpansenwerkzeuge und -gegenstände in 20 Studiengebieten dokumentiert und Daten über Kot, Fütterungsreste und Schlafnester der Tiere gesammelt“, sagt Hauptautor Thurston C. Hicks, Gastforscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und außerordentlicher Professor an der Fakultät „Artes Liberales“ der Universität Warschau. „Wir beschreiben ein neues Schimpansen-Werkzeugset: Lange Stöcke zum Sammeln von epigäischen Treiberameisen (Dorylus sp.), kurze Stöcke zum Sammeln von Stechameisen (Ponerinae) und zum Sammeln von Honig aus den Baumnestern stachelloser Bienen, dünne kurze Stöcke zur Extraktion von Ameisen der Art Dorylus kohli und stabile Stöcke, die die Tiere verwenden, um die unterirdischen Nester stachelloser Bienen zu erreichen.“
Erweiterte Technik für Termitenhügel
Außerdem dokumentieren die Forschenden eine im Vergleich zu anderen Schimpansenpopulationen erweiterte Schlagtechnik, die mit der Nahrungsverarbeitung zusammenhängt: Die Bili-Uéré-Schimpansen schlagen nicht nur hartschalige Früchte gegen Substrate (wie andere Schimpansenpopulationen auch), sondern sie öffnen mit Hilfe von Schlägen auch die Termitenhügel der beiden Arten Cubitermes sp. und Thoracotermes macrothorax, eine Nahrungsquelle, die Schimpansen in den meisten anderen Regionen Afrikas ignorieren. Östliche Schimpansen scheinen hingegen nicht auf die Termiten der Art Macrotermes muelleri zuzugreifen, nach denen Schimpansen einer Reihe anderer Langzeitforschungsstätten üblicherweise fischen. „Wir haben auch vorläufige Belege dafür, dass östliche Schimpansen afrikanische Riesenschnecken und Schildkröten gegen Substrate schlagen, beide waren als Nahrungsquellen für Schimpansen bisher nicht bekannt. Außerdem ist es in dieser Region auch üblich, dass Schimpansen ihre Nester auf dem Boden bauen“, fügt Hicks hinzu.
Obwohl sich die Verhaltensweisen der Schimpansen auf beiden Seiten des Uele-Flusses und über zwei sehr unterschiedliche Lebensraumtypen (Mosaik aus Savanne und tropischem Regenwald im Norden und tropischer Feuchtwald im Süden) hinweg stark ähneln, stießen die Forschenden auch auf geografische Unterschiede im Verhalten der Tiere: Sie fanden unterschiedlich häufig Werkzeuge zum Fischen nach epigäischen Treiberameisen, im Süden fanden sie keine Werkzeuge zum Graben nach Honig. Lange Stöcke zum Fischen nach Treiberameisen und Stätten, wo Früchte aufgeschlagen wurden, kamen ausschließlich nördlich des Uele-Flusses vor.
Schimpansen mit bislang unbekanntem Verhalten
„Heutzutage scheint es uns, als hätten wir schon alles entdeckt, was es zu entdecken gibt. Was für eine schöne Überraschung, nun eine neue Schimpansenpopulation mit ihrem interessanten Verhaltensrepertoire beschreiben zu können! Das zeigt uns, dass noch längst nicht alles dokumentiert ist und wir noch sehr viel mehr über unsere natürliche Umwelt lernen können“, sagt Ko-Autor Hjalmar Kühl, ein Ökologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und am Forschungszentrum iDiv.
„In der überentwickelten Welt von heute gibt es nur noch verschwindend wenige Möglichkeiten, eine große intakte Menschenaffenkultur zu erforschen, die sich über Zehntausende von Waldkilometern erstreckt“, sagt Hicks. „Wir brauchen solche natürlichen Laboratorien, um zu verstehen, wie sich eine materielle Kultur unter gesunden, gedeihenden Hominiden-Populationen verbreitet. Ansonsten wird es uns schwerfallen, die Innovationen unserer eigenen Vorfahren in den Waldgebieten Afrikas vor Millionen von Jahren besser zu verstehen.“
Christophe Boesch, Direktor der Abteilung Primatologie am Leipziger Max-Planck-Institut und ebenfalls Ko-Autor der Studie, sagt: „Es ist großartig, dass wir neue faszinierende Verhaltensmerkmale in dieser Schimpansen-Population entdecken konnten. Wir hoffen natürlich sehr, dass die vielen Bedrohungen, denen diese Tiere ausgesetzt sind, sie nicht auslöschen werden, wo wir doch gerade mehr über ihre Einzigartigkeit lernen.“
Originalpublikation:
Hicks T.C., Kühl H.S., Boesch C., Dieguez P., Ayimisin A.E., Fernandez R.M., Zungawa D.B., Kambere M., Swinkels J., Menken S.B.J., Hart J., Mundry R., Roessingh R.
Bili-Uéré: A Chimpanzee Behavioural Realm in Nothern DR Congo
Folia Primatologica, 22. Februar 2019, https://doi.org/10.1159/000492998

25.02.2019, Universität Zürich
Neandertaler gingen gleich aufrecht wie moderne Menschen
Mit flachem Rücken und schlecht ausbalancierter Körperhaltung – so werden Neandertaler heute oft dargestellt. Doch die Urmenschen waren uns wohl ähnlicher als gemeinhin angenommen. Dank einer virtuellen Rekonstruktion des Beckens und der Wirbelsäule eines sehr gut erhaltenen Skeletts aus Frankreich konnten UZH-Forschende zeigen, dass sich Neandertaler ebenso aufrecht bewegten wie heutige Menschen.
Eine gerade, gut ausbalancierte Haltung ist eines der Hauptmerkmale des Menschen. Im Gegensatz dazu zeigten erste Rekonstruktionen Anfang des 20. Jahrhunderts den Neandertaler nur halb aufrecht gehend. Grundlage dafür bot das nahezu vollständig erhaltene Skelett eines alten Mannes, das in La Chapelle-aux-Saints (F) gefunden wurde.
Sich wandelnde Sichtweisen
Obwohl das Bild des gekrümmt gehenden Neandertalers bereits in den 1950er-Jahren widerlegt und seine Nähe zum Menschen sowohl stammesgeschichtlich wie auch auf Verhaltensebene dargelegt wurde, schlägt das Pendel seit einigen Jahren zurück: «Unterschiede rücken wieder stärker in den Fokus», sagt der UZH-Evolutionsmediziner Martin Häusler. Dies zum Beispiel in neueren Studien, die von der Form einzelner Wirbel ableiten, dass der Neandertaler noch keine gut entwickelte, doppelt S-förmige Wirbelsäule besass.
In einer virtuellen und computerunterstützten Rekonstruktion des Skeletts von La Chapelle-aux-Saints lieferte die Forschungsgruppe um Martin Häusler von der Universität Zürich und Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis nun allerdings den anatomischen Gegenbeweis. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass das entsprechende Individuum sowie Neandertaler generell eine normale menschliche Krümmung der Lendenregion und des Halses aufwiesen.
Kreuzbein, Wirbel und Abnützungserscheinungen als Indikatoren
Bei der Rekonstruktion des Beckens entdeckten die Forschenden dieselbe Ausrichtung des Kreuzbeins (Sacrum) wie beim modernen Menschen, woraus sie auf eine gut entwickelte Lendenkrümmung schliessen. Eine noch deutlichere Krümmung der Wirbelsäule konnten sie ausmachen, wenn sie die einzelnen Lenden- respektive Halswirbel zusammensetzten: Zum einen wurde so der enge Kontakt zwischen den Dornfortsätzen – den zum Rücken gerichteten Fortsätzen der Wirbel – offenkundig. Zum anderen zeigten sich ausgeprägte, von der Wirbelsäulenkrümmung mitverursachte Abnützungserscheinungen.
Ähnlichkeit anerkennen
Eine aufrechte und mit dem heutigen Menschen vergleichbare Körperhaltung ergab auch die Analyse von Abnützungsspuren im Hüftgelenk des Skeletts von La Chapelle-aux-Saints. «Die Belastung des Hüftgelenks und die Ausrichtung des Beckens ist nicht anders als bei uns», sagt Martin Häusler. Ein Befund, der auch durch andere Neandertaler-Skelette mit ausreichenden Wirbel- und Beckenresten ergänzt und bestärkt werde. «Es gibt insgesamt kaum etwas, das auf eine prinzipiell andere Anatomie hinweist», so Häusler. «Es ist daher an der Zeit, die grundsätzliche Nähe von Neandertaler und heutigem Menschen anzuerkennen und den Fokus auf die subtilen Veränderungen in der Biologie und im Verhalten der spätpleistozänen Menschen zu richten.»
Originalpublikation:
Haeusler M, Trinkaus E, Fornai C, Müller J, Bonneau N, Boeni T, Frater NT (in press). Morphology, Pathology and the Vertebral Posture of the La Chapelle-aux-Saints Neandertal. Proceedings of the National Academy of Sciences, 25 February 2019. DOI: 10.1073/pnas.1820745116

27.02.2019, Forschungsverbund Berlin e.V.
Batmobil mit Tempomat: Fledermäuse wandern mit idealer Reisegeschwindigkeit für höchste Reichweite
Eine neue Studie unter der Leitung des Leibniz-IZW hat nun erstmals den Energiebedarf und die Reisegeschwindigkeit von migrierenden Rauhautfledermäusen untersucht. Mit einem Windkanalexperiment wurde der Energiebedarf der Tiere für verschiedene Fluggeschwindigkeiten ermittelt. Eine Feldstudie offenbarte die tatsächlichen Geschwindigkeiten migrierender Artgenossen. Die Studie zeigt, dass die migrierenden Tiere mit der energieeffizientesten Geschwindigkeit fliegen, sie legen also weite Strecken mit minimalem Energieaufwand zurück. Wie die Forscher dem „Tempomat“ für Fledermäuse auf die Spur gekommen sind, ist im „Journal of Experimental Biology“ publiziert.
Zu Lande, im Wasser oder in der Luft – eine Vielzahl von Tierarten wandert saisonal zwischen unterschiedlichen Lebensräumen. Der Luftweg ist der schnellste, aber auch der energieaufwändigste. Eine neue Studie unter der Leitung des Leibniz-IZW hat nun erstmals den Energiebedarf und die Reisegeschwindigkeit von migrierenden Rauhautfledermäusen untersucht. Mit einem Windkanalexperiment wurde der Energiebedarf der Tiere für verschiedene Fluggeschwindigkeiten ermittelt. Eine Feldstudie offenbarte die tatsächlichen Geschwindigkeiten migrierender Artgenossen. Die Studie zeigt, dass die migrierenden Tiere mit der energieeffizientesten Geschwindigkeit fliegen, sie legen also weite Strecken mit minimalem Energieaufwand zurück. Wie die Forscher dem „Tempomat“ für Fledermäuse auf die Spur gekommen sind, ist im „Journal of Experimental Biology“ publiziert.
Der Zug über weite Strecken ist besonders für fliegende Tiere eine kräftezehrende Angelegenheit. Wie genau sich ziehende Tiere die Energie hierfür einteilen und ob dies nach Optimalitätskriterien erfolgt, ist weitgehend unbekannt. Ein Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Sara Troxell und Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) hat mit zwei ambitionierten Experimenten mit Rauhautfledermäusen (Pipistrellus nathusii) versucht, diese Lücke zumindest teilweise zu schließen. Der erste Teil der Studie wurde in einem Windkanal in Kombination mit einer Atemkammer durchgeführt. Die Kammer erlaubte es den WissenschaftlerInnen, die Anreicherung von stabilen Kohlenstoffisotopen in der Atemluft der Fledermäuse präzise zu messen und damit den Stoffwechsel zu berechnen. Sie wiederholten Messungen direkt vor und nach Flügen im Windkanal mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und konnten damit ermitteln, bei welcher Geschwindigkeit sich das beste Verhältnis von Energieverbrauch und zurückgelegter Strecke einstellt.
Der zweite Teil der Studie wurde im Migrationskorridor der Rauhautfledermäuse an der Ostseeküste in Lettland durchgeführt. Über die von den Fledermäusen ausgestoßenen Echoortungsrufe ermittelten die ForscherInnen die Flugbahnen von migrierenden Fledermäusen. Daraus errechneten sie die tatsächlichen Fluggeschwindigkeiten bei der Wanderung. „Unsere Studie belegt, dass die beobachteten Fluggeschwindigkeiten genau zu jenen berechneten Idealwerten passen. Die Fledermäuse fliegen also genau mit jener Geschwindigkeit, die sie am energieeffizientesten über lange Strecken trägt“, schließen Troxell und Voigt. Diese Geschwindigkeit beträgt circa 7,5 Meter pro Sekunde, beziehungsweise 27 Kilometer pro Stunde.
Die Studie erlaubte es darüber hinaus, die Fluggeschwindigkeiten von Fledermäusen auf Nahrungssuche und auf Wanderung zu vergleichen. Jagende Fledermäuse fliegen deutlich langsamer als die errechnete Idealgeschwindigkeit für den Langstreckenflug. „Wenn die Tiere in einem Küstenwald Insekten jagen, müssen sie häufig scharfe Kurven fliegen“, erklärt Troxell. „Diese Richtungswechsel erfordern niedrigere Geschwindigkeiten. Die Fledermäuse fliegen offenbar grundsätzlich bei der Jagd langsamer, um auf die Richtungswechsel vorbereitet zu sein.“
Diese präzisen Daten von Fluggeschwindigkeiten und Stoffwechselraten ermöglichen es, die Gesamt-Energiebedarfe von saisonalen Wanderungen kleiner Fledermäusen zu errechnen. Diese Hochrechnungen ergaben, dass Rauhautfledermäuse, die zwischen Nordosteuropa und Südfrankreich (wo sie überwintern) gut 2.000 Kilometer zurücklegen, insgesamt rund 300 Kilojoules Energie verbrauchen. Eine Reise dieser Länge dauert mindestens 12 Tage – bei direkter Flugstrecke. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die genauen Flugrouten sowie Flugstunden und -distanzen pro Nacht noch unbekannt. „Wir müssen noch weiter über das Zugverhalten von Fledermäusen forschen, unter anderem auch um sie besser vor den Gefahren, zum Beispiel an Windkraftanlagen, schützen zu können“, schließt Voigt.
Originalpublikation:
Troxell SA, Holderied MW, Pĕtersons G, Voigt CC (2019) Nathusius’ bats optimize long-distance migration by flying at maximum range speed. Journal of Experimental Biology. http://jeb.biologists.org/content/222/4/jeb176396

27.02.2019, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
Keine Asiatischen Laubholzbockkäfer mehr im Kanton Freiburg (Schweiz)
Der Asiatische Laubholzbockkäfer, ein in der Schweiz gemäss der Verordnung über Pflanzenschutz besonders gefährliches Insekt, das im Kanton Freiburg 2011 in Brünisried und 2014 in Marly nachgewiesen wurde, konnte nach mehreren Jahren Bekämpfung erfolgreich ausgerottet werden.
Der Asiatische Laubholzbockkäfer ist ein aus Ostasien stammendes Insekt, das gesunde Laubbäume befällt. Er kann ihnen schwere Schäden zufügen, bis hin zum Absterben der Bäume. Aus diesem Grund wird der Käfer in der Bundesverordnung über Pflanzenschutz als besonders gefährlich eingestuft. Die Kantone sind verpflichtet, dieses Insekt im Sinne der Tilgungsstrategie des Bundes zu bekämpfen.
Der schweizweit grösste Befallsherd dieser Insektenart wurde 2014 in Marly entdeckt. Der Kanton Freiburg ergriff in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde Marly, dem Bundesamt für Umwelt BAFU und der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL strenge Massnahmen, wie das Fällen zahlreicher Bäume und intensive Kontrollen an verbleibenden Bäumen. Diese Kontrollen wurden durch Baumkletterer und speziell dafür ausgebildete Spürhunde durchgeführt.
Erfolgreicher Kampf gegen den Laubholzbockkäfer
Die Massnahmen erwiesen sich als äusserst effizient, denn seit 2014 gab es keine weiteren Anzeichen für einen Befall. Damit ein Herd als getilgt gilt, müssen gemäss Vorgabe des Bundes während 4 Jahren intensive Kontrollen durchgeführt werden, ohne dass Anzeichen für eine neuerliche Präsenz des Käfers auftreten.
Ein weiterer Befallsherd von geringerem Ausmass wurde 2011 in Brünisried FR entdeckt und Ende 2017 als getilgt eingestuft. Wie sich 2014 herausstellte, stand dieser Befallsherd in Zusammenhang mit jenem in Marly, da befallenes Holz aus Marly 2011 oder zuvor nach Brünisried transportiert worden war, noch ehe die Befälle bekannt waren.
Die Kontrollen werden nun an beiden Orten abgeschlossen, der Befallsherd in Marly gilt seit Ende 2018 offiziell als getilgt. Die Präventionsmassnahmen (Verbot von Holztransporten, obligatorisches Häckseln, Anpflanzungseinschränkungen usw.), die durch eine kantonale Verordnung eingeführt worden waren, sind aufgehoben. Im Kanton Freiburg ist derzeit kein Befallsgebiet des Asiatischen Laubholzbockkäfers bekannt.
Kostenintensive Bekämpfung
Die externen Kosten zulasten des Staates Freiburg betragen 2’390’100 Franken für Marly und 234’380 Franken für Brünisried, d. h. insgesamt 2’624’480 Franken. Dank der Ergänzung des eidgenössischen Waldgesetzes und weil sich Schutzwald im Bekämpfungsgebiet befand, konnte sich der Bund an den Kosten beteiligen. Die Nettokosten nach Abzug der Bundessubventionen liegen bei 1’658’754 Franken.
Einer der Erfolgsfaktoren ist namentlich die gute Zusammenarbeit zwischen dem Kanton, der Bevölkerung und den erwähnten Partnerinstitutionen. Beim Umgang mit dieser ausserordentlichen Situation wurden zahlreiche Erkenntnisse gewonnen, die auch in anderen Befallsgebieten im In- und Ausland von Nutzen sein können und die in die Vollzugshilfe Waldschutz des BAFU eingeflossen sind.
Um den Einwohnerinnen und Einwohnern von Marly für die gute Zusammenarbeit zu danken, offeriert der Kanton den Eigentümern von Parzellen in der «Kernzone» (in der die Bäume gefällt wurden), die dies wünschen, einen Obstbaum, der kostenlos angepflanzt wird. Die betroffenen Personen erhalten weitere Informationen in einem Schreiben, im Gemeindeblatt und auf der Website der Gemeinde.
Zu den Aufgaben der Eidg. Forschungsanstalt WSL gehört es, die Käfer in allen Entwicklungsstadien eindeutig zu bestimmen und die fachliche Beratung und Begleitung während des gesamten Monitoringzeitraums zu gewährleisten. Die WSL stellte ihren Partnern bei Bund, Kantonen, Gemeinden und mitwirkenden freischaffenden Fachleuten zudem präpariertes Anschauungs- und Probematerial für die Öffentlichkeits- und Spürhundearbeit zur Verfügung und führte Schulungen durch. Sie führte zudem Holzbestimmungen und Altersabklärungen des Käferbefalls sowie genetische Analysen durch. So konnte u.a. der Zusammenhang des Befalls in Marly mit dem Fund in Brünisried (beide Kanton Freiburg i.Ü.) bestätigt werden.

27.02.2019, Universität Hohenheim
Tropen-Zecken in Deutschland: Uni Hohenheim bittet um Zusendung auffälliger Zeckenfunde
Eingewanderte Hyalomma-Zecke: Bevölkerung kann Forschung zu neuer Zeckenart unterstützen / 2018 bescherte Höchststand bei FSME-Erkrankungen seit 19 Jahren
Sie ist doppelt bis dreimal so groß wie ihre europäischen Verwandten und hat auffällig geringelte Beine: im vergangenen Jahr vermeldete Prof. Dr. Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim in Stuttgart die ersten Funde der tropischen Hyalomma-Zecke in Deutschland. Auf der heutigen Pressekonferenz bittet sie die Bevölkerung um Mithilfe bei der Forschung zur Ausbreitung der neuen Art. Auch die klassische Holzbock-Zecke war 2018 besonders aktiv: Bundesweit erkrankten 583 Menschen an der von ihr übertragenen Hirnhautentzündung. Die meisten Krankheitsfälle traten in Baden-Württemberg auf. Gleichzeitig benennt das Robert-Koch-Institut neue Risikogebiet. Weitere Infos, Bild- und Videomaterial auch auf https://zecken.uni-hohenheim.de
Vermutlich wurde sie durch Vögel eingeschleppt: Die auffällige Hyalomma-Zecke, die ursprünglich aus Afrika, Asien und Südeuropa stammt. „Der Klimawandel scheint es der Hyalomma Zecke zu erlauben, auch dauerhaft in Deutschland Fuß zu fassen“, erklärt Prof. Dr. Mackenstedt, Parasitologin und Expertin für Zecken an der Universität Hohenheim.
Auch in ihrem Jagdverhalten unterscheidet sich die neue Art von ihren europäischen Verwandten: Letztere klettern an Gräsern, Kräutern und Büschen in die Höhe, wo sie sich von Wildtieren und Wanderern abstreifen lassen. „Die Hyalomma-Zecke jagt dagegen aktiv: Sie erkennt Warmblütler auf Distanzen von bis zu 10 Metern und kann sie über mehrere 100 Meter verfolgen“, so Prof. Dr. Mackenstedt.
Wie weit die neue Art auch Krankheiten überträgt, ist noch unklar „In ihrer Heimat gilt die Hyalomma-Zecke als Überträgerin einiger Krankheitserreger. Dazu gehören die Erreger des sogenannten Krim-Kongo Hämorrhagischen Fiebers, des Arabisch Hämorrhagischen Fiebers und einer Form des Zecken-Fleckfiebers.“ Letztere (Rickettsien) seien in einigen der 2018 gefundenen Exemplare auch nachgewiesen worden. Die Erreger der hämorrhagischen Fieber-Formen bislang jedoch noch nicht.
Um die Ausbreitung und mögliche Gefahren durch die neue Hyalomma-Zecke zu erforschen, bittet die Zecken-Expertin nun die Bevölkerung um Mithilfe: „Wir sind dankbar um jede eingesandte Hyalomma-Zecke, die wir im Labor erforschen können.“
Vor allem Reiterinnen und Reiter sollten beim täglichen Pferdestriegeln aufmerksam sein, da die Hyalomma-Zecke gerne große Säugetiere befällt. Festgebissene Zecken am besten wie auch europäische Zecken mit Zeckenzange, Zeckenkarte oder Pinzette entfernen und in kleinen, festverschlossenen Containern senden an
Universität Hohenheim
Prof. Dr. Ute Mackenstedt
Fachgebiet für Parasitologie
Emil-Wolff-Straße 34
70599 Stuttgart
Rekordjahr auch für klassische Holzbock-Zecke und FSME-Erkrankungen
Auch in anderer Hinsicht war das vergangene Jahr 2018 auffällig: „Die hohen Temperaturen und eine hohe Aktivität der Zecken bescherten uns auch ein Rekordjahr an FSME-Erkrankungen“, diagnostizierte PD Dr. Gerhard Dobler, Mikrobiologe und Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr.
Bundesweit erkrankten 583 Menschen an der eigentlich vermeidbaren Erkrankung. „Diese hohen Krankheitszahlen sind eigentlich unnötig“, betont Mikrobiologe PD Dr. Dobler. Anders als z.B. in Österreich seien in Deutschland nur 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung gegen FSME geimpft. Die Krankheitszahlen in Deutschland lägen deshalb rund viermal höher als in der Alpenrepublik, wo 80 Prozent der Bevölkerung geimpft seien.
Baden-Württemberg an Spitze der FSME-Statistik
Im Jahr 2018 wurden die meisten Krankheitsfälle nicht mehr aus Bayern, sondern aus Baden-Württemberg gemeldet, berichtet Dr. Rainer Oehme vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg auf der heutigen Pressekonferenz.
Zum besonderen HotSpot entwickle sich hier der Landkreis Ravensburg. „Bereits im Jahr 2017 traten dort 19 Fälle auf. Mit 23 Fällen hat sich die Zahl im Jahr 2018 noch einmal gesteigert“, so Dr. Oehme.
Neue HotSpots: Deutschland wird zum bundesweiten Risikogebiet
Doch auch in nördlicheren Bundesländern ist der FSME-Erreger auf dem Vormarsch. „Erstmals finden wir 2018 mit dem Landkreis Emsland auch in Niedersachsen ein Risikogebiet“, berichtet PD Dr. Dobler.
„Generell beobachten wir seit einigen Jahren, dass sich das Risiko nicht mehr lokal eingrenzen lässt“, erläutert Prof. Dr. Mackenstedt. Manche HotSpots mit besonders hohem Krankheitsrisiko blieben über Jahre stabil. Andere tauchten von Jahr zu Jahr neu auf, verschöben sich und verschwänden wieder. „Im vergangenen Jahr trat jede fünfte Erkrankung außerhalb der bekannten Risikogebiete auf.“
„Ein Fazit ist, dass man dem FSME-Risiko in Deutschland nicht mehr ausweichen kann“, erklärt die Parasitologin. Das gelte nicht nur für Waldgebiete, sondern auch für Grünanlagen oder den eigenen Garten, wie die Universität Hohenheim bereits zwischen 2014 bis 2016 in Studien belegt habe.
Grund zur Panik sei dies jedoch keiner: „Unsere Nachbarländer machen uns vor, wie erfolgreich eine möglichst flächendeckende Impfung die Krankheitszahlen nach unten drückt. Die Impfung werde von der Krankenkasse bezahlt und wird in endemischen Regionen gleich für die ganze Familie empfohlen.

28.02.2019, Forschungsverbund Berlin e.V.
Lebensraum asiatischer Elefanten könnte schrumpfen
Die Erhaltung geeigneter Lebensräume ist eine wesentliche Voraussetzung für den Schutz bedrohter Tierarten; durch Klima- und Landnutzungswandel könnten die idealen Habitate von heute jedoch in 30 oder 50 Jahren nicht mehr passend sein. WissenschaftlerInnen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) haben daher gemeinsam mit internationalen KollegInnen eine umfassende Studie in Indien und Nepal durchgeführt.
Die Ergebnisse erlauben Vorhersagen zu treffen, wie sich passende Lebensräume für asiatische Elefanten durch den globalen Wandel zukünftig verändern. Während kleine Regionen im Norden und Nordosten des Subkontinents mehr passende Habitate bieten könnten, prognostizieren die ForscherInnen insgesamt herbe Verluste in allen Szenarien. Die Zusammenhänge zwischen globalem Umweltwandel und lokalem Vorkommen der Elefanten sind in einer Studie in der Fachzeitschrift „Diversity and Distributions“ dargestellt.
Es ist lange bekannt, dass der globale Wandel von Klima, Landnutzung oder Wasserkreisläufen die Lebensbedingungen von Wildtieren verändert und passende Lebensräume verschiebt – direkt oder indirekt. Wie genau dies geschieht, ist jedoch auf lokaler Ebene sehr unterschiedlich. Am Beispiel der asiatischen Elefanten in Indien und Nepal haben WissenschaftlerInnen aus Spanien, Indien, Nepal, Myanmar, Italien und Deutschland diesen komplexen Prozess genau untersucht und Zusammenhänge zwischen Klimawandel, Landnutzung und dem Vorkommen der Tiere erforscht. „Wir haben eine Datenbank aus über 4.600 Elefantensichtungen und hochaufgelösten Umweltdaten zusammengestellt“, erklärt Surendra P. Goyal vom Wildlife Institute of India. Dadurch konnten die WissenschaftlerInnen in einem ersten Schritt ein räumliches Modell über den Zusammenhang von Umweltbedingungen und Vorkommen von Elefanten erstellen und somit auf der Basis von Umweltdaten die räumliche Verteilung der Tiere vorhersagen. „Zusätzlich zum Faktor ‚Nähe zum Menschen‘, insbesondere durch intensive Landnutzung, wird die Verteilung der Elefanten von einem Zusammenspiel von Niederschlag und Temperatur bestimmt“, erklärt Rajapandian Kanagaraj vom National Museum of Natural Sciences (MNCN) in Madrid, der Erstautor der Studie. Rund 256.000 Quadratkilometer Lebensraum eignen sich derzeit für die Tiere in Indien und Nepal, so die Berechnungen der WissenschaftlerInnen.
In einem zweiten Schritt bezogen sie Auswirkungen des Umweltwandels in das Vorhersage-Modell ein, um das Vorkommen der Elefanten in der Zukunft vorherzusagen. Sie nutzten Datenprojektionen für Klima- und Landnutzungsveränderungen in den Jahren 2050 und 2070 und errechneten mehrere Szenarien. Alle Szenarien deuten darauf hin, dass bestehende Bedrohungen des Elefantenbestandes auf dem Subkontinent durch die Effekte des Umweltwandels verstärkt werden. „Wir können sehen, dass sich die Verbreitungsgebiete nahe dem Himalaya in die höher gelegenen Gebiete verschieben werden“, so Miguel B. Araújo vom MNCN. „Insgesamt ist der Zugang zu Wasser der entscheidende Faktor, weshalb der Effekt des Klimawandels sehr viel kleinteiliger und komplexer ist, als eine einfache Verschiebung von Habitaten in größere Höhen und in Richtung Norden.“ In einem anderen Szenario, das ausschließlich die direkten Klimafolgen projiziert, rechnen die WissenschaftlerInnen mit einem Schrumpfen des Lebensraums der asiatischen Elefanten um 17 Prozent bis 2070, in anderen Szenarien sind es bis zu 42 Prozent „Der negative Effekt ist besonders ausgeprägt in Ost- und Südindien, wo die größten Elefantenpopulationen vorkommen und die Lebensräume schon jetzt sehr stark vom Menschen geprägt sind“, sagen Priya Davidar und Jean-Philippe Puyravaud vom Sigur Nature Trust in Indien.
Umfassende und aussagekräftige räumliche Modelle sind von großer Wichtigkeit, um die Folgen globalen Wandels auf Wildtierbestände abzuschätzen. „In unsere Datenbank haben wir 115 Umweltvariablen aufgenommen, davon 60 zu Klima, 29 zu Wald und Vegetation sowie 16 zu menschlichen Einflüssen. Alle Daten wurden mit einer Auflösung von ein mal ein Kilometer erfasst“, erläutert Thorsten Wiegand, Modellierungsexperte vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Hinzu kamen 4.626 Elefantensichtungen zwischen 1990 und 2017, die meisten davon nach 2002. „Die Kunst des Modellierens bestand nun darin, die aussagekräftigsten Variablen für die Vorhersagen zu identifizieren und redundante Korrelationen zu eliminieren“, sagt Stephanie Kramer-Schadt, Leiterin der Abteilung für Ökologische Dynamiken am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW). Das Team hat mehrere Modelle errechnet und geprüft, die die Verbreitung der Tiere nur auf der Basis von neun Variablen signifikant vorhersagen können. „Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass wir es hier mit räumlichen Modellen und Klimamodellen zu tun haben“, ergänzt Kramer-Schadt. Mit der Studie konnten damit wahrscheinliche Szenarien für die Veränderungen des Elefantenvorkommens in Abhängigkeit dieser Variablen entwickelt werden, die Vorhersagen seien daher immer mit Unsicherheiten verbunden.
Die Ergebnisse dieser umfassenden Studie sind für Schutzbemühungen dennoch von großer Bedeutung, da die Karten für die derzeitige und mögliche zukünftige Verbreitung der asiatischen Elefanten deutlich sichtbar machen, wo kritische Habitate liegen und umgehender Schutz nötig ist. Darüber hinaus können bestehende Habitatstrategien evaluiert und angepasst werden. Eine ergänzende Analyse zeigt zudem auf, wie wichtig verbundene Habitate sind. „Unser Basismodell errechnet nur, wie gut eine ein Quadratkilometer große Fläche für die Tiere geeignet ist. Nimmt man die natürlichen Aktionsradien der Tiere in die Rechnung auf, verschärft sich das Bild noch einmal“, sagt Kanagaraj. „Große Kerngebiete finden sich genau dort, wo die Folgen des Umweltwandels am gravierendsten sein werden, in Süd- und Ostindien.“ Fragmentierte Gebiete, wie sie im und in der Nähe des Himalaya typisch sind, könnten mit dem Wissen dieser Analysen vernetzt werden. Hier ergeben sich spezifische Managementziele für lokale Habitatschutzprojekte, die auf die Verbindung geeigneter Lebensräume abzielen.
„Wir sind davon überzeugt, dass ein effektiver Habitatschutz immer das Kernstück für die Erhaltung der Artenvielfalt sein wird“, so das Forschungsteam. „Unsere Studie bietet die erste umfassende Bestandsaufnahme der Effekte des Klima- und Umweltwandels auf die Bestände asiatischer Elefanten in Indien und Nepal. Dies kann eine Vorlage für ähnliche Vorhaben in Süd- und Südostasien sein, um wirksame Strategien und Konzepte für den Artenschutz im Schatten des Klimawandels zu entwickeln.“
Originalpublikation:
Kanagaraj R, Araújo MB, Barman R, et al. Predicting range shifts of Asian elephants under global change. Divers Distrib. 2019; 00:1–17. https://doi.org/10.1111/ddi.12898

Endergebnis Stunde der Wintervögel 2019

01.03.2019, Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
Schutz in der Brutzeit reicht nicht: Kornweihen im Wattenmeer vor dem Aus?
DBU: Internationale Zusammenarbeit beim Kornweihenschutz dringend notwendig
Trotz optimaler Brut- und Nahrungsbedingungen droht der Brutbestand der Kornweihe, einer seltenen Greifvogelart, auf den niedersächsischen Wattenmeerinseln zu erlöschen. Dies könnte zur Folge haben, dass in naher Zukunft deutschlandweit keine Kornweihen mehr brüten, da die Art in Deutschland auf den Wattenmeerinseln – noch – ihren Verbreitungsschwerpunkt hat. Der Rückgang betrifft nicht nur das niedersächsische Wattenmeer, sondern auch die Westfriesischen Inseln der Niederlande. Zu diesem Ergebnis kommt eine zum Internationalen Tag des Artenschutzes am 3. März veröffentlichte Langzeitstudie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, die in Kooperation mit der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer (Wilhelmshaven) durchgeführt wurde. Die Ursachen des Rückgangs wurden nicht untersucht. Da Kornweihen zu den Zugvögeln zählen, müsse international – also auch entlang der Zugrouten und den Rast- und Überwinterungsgebieten – nach den Gründen geforscht werden.
Scharfsichtigen Mäusejägern fehlt es im Nationalpark an nichts
„Natur- und Artenschutz kann nicht an Ländergrenzen haltmachen. International erarbeitete Lösungskonzepte sind bei selten gewordenen Zugvogelarten dringend notwendig“, sagt Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die das Projekt seit 2013 fachlich und finanziell unterstützte. Die Studie leistet einen Beitrag für die internationale Kooperation beim Kornweihenschutz. „Seit Anfang der 2000er Jahre ist der Brutbestand von Kornweihen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer massiv eingebrochen und steht jetzt vor dem Erlöschen“, sagt Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung. Das sei alarmierend, weil die Greifvogelart in Deutschland und den Niederlanden fast nur noch in den weitläufigen, weitgehend ungestörten Dünenlandschaften der Wattenmeer-Inseln regelmäßig brüte. Mit dem Erlöschen würde der Nationalpark eine Brutvogelart verlieren, für die er eine hohe Verantwortung besitzt. Positiv sei, dass anhand der Langzeitstudie habe nachgewiesen werden können, dass es den scharfsichtigen Mäusejägern im Nationalpark für eine erfolgreiche Brut an nichts fehle. „Das Angebot an Wühlmäusen – ihrer Hauptbeute für die Aufzucht der Jungen – hat sich nicht wesentlich verändert“, erläutert Nadine Knipping von der Universität Oldenburg. Außerdem seien die Greifvögel, bei denen das Männchen Weibchen und Jungvögel während der Brut versorge, recht flexibel und würden auch andere kleine Säugetiere und Vögel erbeuten. Knipping: „Mit ein bis zwei flüggen Jungvögeln pro Brut erreicht die Greifvogelart im Nationalpark einen vergleichsweise hohen Fortpflanzungserfolg, der seit 2009 stabil ist.“ Dieser könne den festzustellenden Rückgang aber nicht ausgleichen.
Artenschutz ist Lebensraumschutz zum Nutzen vieler anderer Tier- und Pflanzenarten
Knipping verweist auf ein zweites Ergebnis der Studie: „Das bestehende Schutzkonzept im Nationalpark sowie kurzfristige Maßnahmen wie Wegesperrungen zum Schutz von Nistplätzen sichern die Brut- und Nahrungslebensräume der Kornweihen in hohem Maße.“ Dass Artenschutz eng mit dem Schutz der Lebensräume zusammenhänge, sei zwar keine neue Erkenntnis, könne aber an diesem Beispiel sehr deutlich gemacht werden. „Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Kornweihen vor allem in Norddeutschland ein verbreiteter, wenn auch nicht häufiger Brutvogel der ausgedehnten Moor- und Heidelandschaften“, so Knipping. Doch diese Lebensräume seien weitgehend zerstört. Die Gebiete wurden in Ackerland umgewandelt. Zudem habe sich die landwirtschaftliche Nutzung seither deutlich gewandelt. Die schlanken Greife würden heute nur noch unter strengsten Nationalpark-Bedingungen gute Fortpflanzungsmöglichkeiten finden. Auch andere gefährdete Tier- und Pflanzenarten würden von den Schutzbemühungen rund um die Kornweihen sehr stark profitieren.
Auf internationaler Ebene Gegenmaßnahmen ergreifen
„Umso bedauerlicher ist es, wenn im Frühjahr immer weniger zu uns zurückkommen“, so Nationalparkleiter Südbeck. „Entscheidend für das Vorkommen der Kornweihen im Wattenmeer ist ihr Überleben außerhalb der Brutzeit.“ Seit Ende der 90-er Jahre sei die jährliche Überlebensrate der Wattenmeer-Kornweihen deutlich gesunken. Derzeit gebe es zu den Ursachen nur Vermutungen. Anzunehmen sei etwa, dass im Verbreitungsgebiet der Kornweihe der Lebensraumverlust weiter anhalte. Kornweihen seien auf störungsarme, extensiv genutzte und nahrungsreiche Flächen angewiesen. Diese würden zugunsten von Siedlungs- und Verkehrsflächen sowie einer intensivierten Landnutzung immer weniger werden. Knipping: „Letztlich gilt es, die Ursachen des Bestandsrückgangs schnell zu ermitteln, um auf internationaler Ebene Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.“ Bei einem Kornweihen-Experten-Gesprächskreis im März wolle sie sich mit den Studienergebnissen für den gesamteuropäischen Kornweihenschutz einsetzen.
Umfangreiches Forschungsprojekt von 2009 bis 2019
Vor dem Hintergrund der nationalen Verantwortung für den Schutz und Erhalt der Kornweihen wurde ab 2009 das umfangreiche Forschungsprojekt in der Arbeitsgruppe Landschaftsökologie der Universität Oldenburg initiiert und in Kooperation mit dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und niederländischen Forscherkollegen durchgeführt. Neben der DBU förderten die Niedersächsische Ornithologische Vereinigung und die Niedersächsische Wattenmeerstiftung das Vorhaben. Der Abschlussbericht steht zum Download zur Verfügung: https://www.dbu.de/projekt_30347/01_db_2848.html.

01.03.2019, Verband der Zoologischen Gärten (VdZ)
Drei Milliarden sind abhängig vom Meer
Statement des Zooverbandes VdZ zum World Wildlife Day
Der Verband der Zoologischen Gärten ruft anlässlich des World Wildlife Day am 3. März dazu auf, dem Schutz unserer Flüsse, Seen und Meere mehr Aufmerksamkeit zu widmen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass mehr als drei Milliarden Menschen weltweit an Ozeanen leben und direkt davon abhängig sind“, sagt Volker Homes, Geschäftsführer des Verbandes. „Wenn wir weiterhin so rücksichtslos mit unseren Gewässern umgehen und sie anhaltend mit Unmengen von Plastik verschmutzen, werden sie diese wichtige Funktion über kurz oder lang verlieren.“ Auch als Ökosystem seien die Meere und Binnengewässer von unschätzbarem Wert. „Wir kennen bisher mehr als 200.000 identifizierte Arten, die unter der Wasseroberfläche der Meere zu Hause sind“, sagt Volker Homes. Zoos und Aquarien sind ein idealer Ort, um auf die Bedrohung dieser Ökosysteme aufmerksam zu machen. Allein die 71 Mitgliedseinrichtungen des VdZ verzeichnen jährlich mehr als 40 Millionen Besuche, und weltweit gehen über 700 Millionen Besucher jährlich in Zoos.
Die Mitglieder des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ) engagieren sich bereits seit Längerem für den Schutz der maritimen Biodiversität. So unterstützen aktuell acht im VdZ organisierte Aquarien die EU-Kampagne „World Aquariums against marine litter“. Dazu gehören das Aquarium Berlin, der Münchner Tierpark Hellabrunn, das Tropenaquarium Hagenbeck in Hamburg, der Loro Parque auf Teneriffa, das Haus des Meeres in Wien, der Tierpark+Fossilium in Bochum, der Zoo Duisburg und der Zoo am Meer in Bremerhaven.
Der Tag des Artenschutzes (UN World Wildlife Day) wird jährlich am 3. März begangen und bezieht sich auf das am 3. März 1973 unterzeichnete Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES). Mit seiner Hilfe soll an den Schutz wildlebender Tiere und Pflanzen gemahnt werden. In diesem Jahr steht er unter dem Motto „Life below water: for people and planet“.

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