Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

01.06.2026, Universität Rostock
Innovation ohne Sex: Wie Stabschrecken Sex Schritt für Schritt verloren haben
Wie vollzieht die Evolution den Wechsel von klassischer sexueller Fortpflanzung hin zu asexueller Fortpflanzung ganz ohne Männchen? Eine neue Studie von Forschenden der Universitäten Lausanne, Lund und Rostock zeigt: Dieser bemerkenswerte Übergang kann über mehrere evolutionäre Zwischenstufen erfolgen.
Fortpflanzung ohne Männchen
Die Evolution von Sex gehört bis heute zu den größten Rätseln der Biologie. Obwohl sexuelle Fortpflanzung im Tierreich dominiert, diskutieren Forschende noch immer darüber, warum sich Sex angesichts seiner hohen evolutionären Kosten behaupten kann. Noch geheimnisvoller erscheint jedoch der Verlust von Sex zugunsten asexueller Fortpflanzung: Weibchen erzeugen Nachkommen, ohne dass Männchen beteiligt sind.
Wie die Jungfrau zum Kinde kam
Fast alle Tiere tragen zwei Kopien ihres Erbguts in sich – eine von der Mutter und eine vom Vater. Bei sexueller Fortpflanzung werden diese beiden Genome vermischt und nur eine Kopie mit mütterlichen und väterlichen Genomanteilen an die nächste Generation weitergegeben. Anders ist es bei der Parthenogenese, auch „Jungfernzeugung“ genannt: Hier können beide Genomkopien klonal von der Mutter an die Nachkommen vererbt werden – ganz ohne Vermischung oder andere genetische Veränderungen.
Fortpflanzung der Stabschrecken mit erstaunlicher Vielfalt
Doch wie geht Evolution überhaupt den Weg von Sex zu asexueller Fortpflanzung? Da solche Übergänge in der Natur nur selten direkt beobachtet werden, sind sie sehr schwer zu entschlüsseln. Für ihre Studie wandten sich die Forschenden daher einem der faszinierendsten Verwandlungskünstler der Natur zu: den Stabschrecken. Diese imitieren Zweige und Blätter mit verblüffender Präzision und verschmelzen nahezu unsichtbar mit ihrer Umgebung. Neben ihrer Fähigkeit zur Tarnung verbirgt sich hinter ihnen jedoch noch eine weitere, weniger offensichtliche, aber ebenso erstaunliche Vielfalt – ihre unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien.
Entschlüsselung evolutionärer Übergänge gelungen
Besonders ausgeprägt ist die Fortpflanzungsvielfalt bei mediterranen Stabschrecken der Gattung Bacillus. Bei ihnen nutzen selbst eng verwandte Arten sehr unterschiedliche Strategien, um Nachkommen zu erzeugen. Um die evolutionäre Geschichte der Fortpflanzungsstrategien zu rekonstruieren, analysierten die Forschenden genomische Daten von mehr als 500 Tieren, die sie über mehrere Jahre hinweg auf Sizilien, dem italienischen Festland und in Frankreich gesammelt hatten. Die Mühe zahlte sich aus: Am Ende konnten sie eine überraschend komplexe Abfolge evolutionärer Übergänge entschlüsseln.
Seltene Strategien der Stabschrecken
Die Fortpflanzung bei den Stabschrecken wurde offenbar durch einen Wechsel zu einer außergewöhnlich seltenen Strategie „gerettet“: der Hybridogenese. Bei dieser Form wird nur eines der beiden elterlichen Genome – hier das mütterliche – klonal weitergegeben. Das väterliche Genom wird in jeder Generation während der Bildung der Eizellen entfernt und anschließend durch die Paarung mit Männchen der väterlichen Art wieder ergänzt. Die Hybride „nutzen“ dabei gewissermaßen das Sperma dieser Männchen, um ihren besonderen genetischen Hybridzustand aufrechtzuerhalten.
Viele Generationen später entstand aus der Hybridogenese schließlich die Parthenogenese. Nun wurden plötzlich beide elterlichen Genome unverändert weitervererbt. Doch selbst damit war die Geschichte noch nicht zu Ende: Später integrierte die Linie durch erneute Paarungen sogar ein drittes Genom einer weiteren Art – und es entstanden parthenogenetische Linien mit gleich drei unterschiedlichen Genomen.
Kreuzungsexperimente über mehrere Jahre
Das Forschungsteam konnte mehrere dieser Übergänge experimentell im Labor nachstellen und zeigen, dass der rekonstruierte evolutionäre Weg biologisch tatsächlich möglich ist. Keine kleine Leistung: Stabschrecken benötigen etwa ein Jahr pro Generation, weshalb sich die Kreuzungsexperimente über mehrere Jahre erstreckten.
Vom Feld ins Labor
„Was dieses System so faszinierend macht, ist, dass wir jede einzelne evolutionäre Übergangsphase, die wir aus den Wildpopulationen rekonstruiert hatten, im Labor nachbilden konnten“, erklärt Co-Erstautor Guillaume Lavanchy von der Universität Lund in Schweden. „Jeder Übergang scheint den Boden für den nächsten bereitet zu haben.“
Asexuelle Fortpflanzung gilt oft als evolutionäre Sackgasse. Schließlich bringt sie zahlreiche Nachteile mit sich – etwa die Anhäufung schädlicher Mutationen oder eine geringere Anpassungsfähigkeit. Die neuen Ergebnisse zeichnen jedoch ein anderes Bild: Hybridisierung und der Verlust von Sex könnten neue Möglichkeiten eröffnen und sogar weitere evolutionäre Innovationen fördern.
Grundlage für Verständnis asexueller Fortpflanzung gelegt
Tanja Schwander, Letztautorin der Studie und Professorin am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Lausanne, fasst zusammen: „Die Stabschrecken zeigen eindrucksvoll, wie eine einzige genomische Veränderung – in diesem Fall eine Hybridisierung kombiniert mit dem Verlust von sexueller Fortpflanzung – eine ganze Kette evolutionärer Innovationen in Gang setzen kann.“
Alexander Brandt, Erstautor der Studie von der Universität Rostock, betont abschließend die offenen Fragen: „Die unmittelbaren molekularen Ursachen hinter diesen Übergängen sind bislang noch weitgehend ungeklärt. Für uns Forschende hat die eigentliche Arbeit zum Verständnis der Evolution asexueller Fortpflanzung gerade erst begonnen.“
Originalpublikation:
Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences: https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2535700123

01.06.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Meer Leben: Unerwartet hohe Biodiversität im Tiefsee-Schutzgebiet
Ein internationales Forschungsteam hat im neu eingerichteten Meeresschutzgebiet „North Atlantic Current and Evlanov Sea basin“ die genetische Vielfalt von am Boden lebenden Flohkrebsen untersucht. Bereits eine einzelne Probenahme aus knapp 3.700 Metern Tiefe ergab 47 genetisch unterscheidbare Arten. Hochrechnungen zeigen über 120 Arten in diesem Gebiet, viele bislang unbeschrieben. Die Ergebnisse deuten auf eine deutlich unterschätzte Biodiversität der Tiefsee hin. Angesichts des globalen Ziels, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Meeresfläche zu schützen, unterstreichen die Forschenden die große Bedeutung, aber auch die Herausforderungen des Meeresschutzes in der Hochsee.
Flohkrebse (Amphipoden) sind kleine, garnelenähnliche Krebstiere, die in nahezu allen Meeres- und Süßwasserlebensräumen vorkommen und eine wichtige Rolle als Zersetzer organischer Substanz spielen. „Amphipoden tragen ihren Nachwuchs in einem Brutbeutel. Durch das fehlende Larvenstadium und die meist nur kurzen Schwimmdistanzen können sich Flohkrebse nur eingeschränkt ausbreiten. Das macht sie besonders wertvoll für Untersuchungen zur Biogeografie, also für die Frage, wie sich Arten räumlich über die Erde verteilen“, erklärt Dr. habil. Anne-Nina Lörz von Senckenberg am Meer in Hamburg.
Lörz hat gemeinsam mit einem polnisch-österreichisch-deutschen Forschungsteam die Vielfalt und Verbreitung der am Meeresboden lebenden Flohkrebse in einem neu eingerichteten Meeresschutzgebiet, dem „North Atlantic Current and Evlanov Sea basin“ (NACES), untersucht. Die im Nordostatlantik liegende NACES-Schutzregion ist eines der größten dieser Gebiete: Es umfasst etwa 600.000 Quadratkilometer internationales Gewässer. „Ursprünglich wurde das Areal zum Schutz wichtiger Nahrungsgebiete von Seevögeln eingerichtet. Später erkannte man jedoch auch die große Bedeutung der Tiefsee mit ihren empfindlichen Ökosystemen, weshalb das Schutzgebiet 2023 auch auf den Meeresboden ausgeweitet wurde“, erläutert die Erstautorin der Studie Lörz.
Insgesamt 253 DNA-Sequenzen von Flohkrebsen werteten die Forschenden in ihrer Studie aus, darunter Proben aus dem NACES-Schutzgebiet, dem Labradorseegebiet, den Azoren sowie aus weiteren Regionen des Atlantiks, Pazifiks, Indischen Ozeans und der Antarktis. Die Proben wurden aus Tiefen zwischen 3.000 und 4.000 Metern genommen und stammen überwiegend von der 2021 durchgeführten IceDivA 2-Expedition unter der Fahrtleitung von Senckenberg-Meeresforscherin Prof. Dr. Saskia Brix mit dem Forschungsschiff SONNE im Nordwestatlantik.
Eine einzige Probenahme aus 3.677 Metern Tiefe im NACES-Gebiet ergab bereits 47 genetisch unterscheidbare Arteneinheiten aus 98 Individuen. „Unsere Hochrechnungen deuten sogar darauf hin, dass dort über 120 Arten leben. Das zeigt: Selbst auf kleinem Raum ist die Artenvielfalt am Meeresboden überraschend hoch“, fügt die Meeresforscherin hinzu und fährt fort: „Die meisten dieser genetischen Einheiten konnten keiner bekannten Art zugeordnet werden – viele sind vermutlich bislang unbeschrieben, also neu für die Wissenschaft.“
Zwei der neu entdeckten Arten hat das Forschungsteam nun wissenschaftlich beschrieben und benannt: Cleonardo helga und Cleonardo davinci. Die erste trägt den Namen der Großmutter von Studien-Autorin Laura Engel, die Masterstudentin bei Lörz war, die zweite ehrt Leonardo da Vinci, dessen visionäre Mobilitätsentwürfe und anatomische Zeichnungen das Verständnis natürlicher Formen maßgeblich erweitert haben. Besonders erstaunte die Forschenden, dass die neu entdeckten Arten aus dem Schutzgebiet auch in anderen Teilen der Welt nachgewiesen werden konnten – etwa im rund 10.000 Kilometer entfernten Pazifik. Möglich wurde diese Erkenntnis durch den Vergleich genetischer Daten: Das Team sequenzierte Amphipoden aus früheren Expeditionen in verschiedenen Weltmeeren, die bislang nicht genauer bestimmt worden waren. Dabei zeigte sich, dass die Sequenzen der neu entdeckten Arten im Schutzgebiet mit Teilen dieser Proben übereinstimmten. „Dass wir genetische Übereinstimmungen mit Proben aus weit entfernten Ozeanregionen gefunden haben, zeigt, wie wenig wir bislang über die tatsächliche Verbreitung dieser Arten wissen“, erklärt die Forscherin. „Offenbar sind manche Amphipoden sehr viel weiter verbreitet, als wir bislang angenommen hatten.“
„Der Rückgang mariner Arten durch menschliche Einflüsse gefährdet zentrale Leistungen der Ozeane, darunter die Bereitstellung von Nahrung und die Speicherung von Kohlenstoff, die für das globale Klimasystem und stabile Ökosysteme von großer Bedeutung sind“, betont Lörz. Um dem entgegenzuwirken, wurde im Rahmen des 2022 verabschiedeten Biodiversitätsabkommens das Ziel formuliert, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Meeresfläche unter Schutz zu stellen.
„Besonders herausfordernd ist die Umsetzung des 30×30-Ziels in der Hochsee, da diese großflächig, schwer zugänglich und bislang nur unzureichend erforscht ist. Derzeit stehen weniger als ein Prozent unter strengem Schutz“, so Lörz und weiter: „Unsere Studie basiert auf einer einzelnen Probenstelle im NACES-Gebiet und kann die dortige Vielfalt daher nur ausschnittweise abbilden. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass die hohe Artenvielfalt kein Einzelfall, sondern auch für andere Tiefseegebiete typisch ist.“ Das Forschungsteam vermutet, dass die Vielfalt der Tiefsee bislang unterschätzt wurde, da viele Arten noch unbeschrieben sind, kryptische Arten existieren und frühere Untersuchungen häufig ohne genetische Analysen durchgeführt wurden.
„Unsere Kombination aus DNA-Analysen und Morphologie zeigt, dass die Tiefsee eine extrem hohe biologischen Vielfalt birgt. Gleichzeitig gehört sie zu den am wenigsten erforschten Lebensräumen der Erde. Dieses Wissensdefizit erschwert wirksame Schutz- und Managementmaßnahmen, insbesondere angesichts zunehmender Belastungen durch Rohstoffabbau, Verschmutzung und Klimawandel“, resümiert Lörz.
Originalpublikation:
Lörz A.-N., Engel L., Jażdżewska A.M., Kaiser S. and Schwentner M. (2026): From local discovery to global insights: deep-sea amphipod diversity in a high-seas marine protected area and its conservation implications. Front. Mar. Sci. 13:1763044. doi: 10.3389/fmars.2026.1763044, https://www.frontiersin.org/journals/marine-science/articles/10.3389/fmars.2026….

01.06.2026, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Was Quallen am Aufsteigen hindert
Grenzschichten zwischen Süß- und Salzwasser könnten bewegliche Wasserorganismen stärker beeinflussen als bislang angenommen. Kieler Forschende zeigen am Beispiel von Würfelquallen, wie ein physikalischer Effekt Tiere selbst dann am Aufstieg hindern kann, wenn sie aktiv nach oben schwimmen.
Eigentlich begann die Reise in die Everglades mit einer ganz anderen Fragestellung. Forschende der Arbeitsgruppe Nanoelektronik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) wollten in dem riesigen Feuchtgebiet in Florida (USA) Würfelquallen sammeln – Tiere, deren Nervensystem sie erforschen, um besser zu verstehen, wie biologische Systeme Informationen verarbeiten. Doch nach einem tropischen Regenschauer fiel dem Team etwas Unerwartetes auf: „Normalerweise finden wir die Quallen nahe der Oberfläche. Nach dem Regen waren sie dort aber plötzlich nicht mehr zu sehen“, erinnert sich Erstautor Jan-Frederik Freiberg, Doktorand der Arbeitsgruppe.
Die Beobachtung führte zu einer neuen Studie, die nun im Journal of Experimental Biology erschienen ist. Darin zeigen die Forschenden, dass nicht allein biologische Einschränkungen, sondern auch ein physikalischer Widerstand an der Grenzschicht selbst verhindern kann, dass manche Wasserorganismen bestimmte Wasserschichten nicht überschreiten.
Von den Everglades ins Labor
Die Kieler Arbeitsgruppe um Professor Hermann Kohlstedt beschäftigt sich eigentlich mit der Frage, wie Nervensysteme Informationen verarbeiten und welche Prinzipien sich daraus für technische Anwendungen ableiten lassen. In der aktuellen Studie rückt jedoch ein anderer Aspekt in den Vordergrund: die physikalischen Bedingungen der Umgebung, in der sich diese Modellorganismen bewegen.
Die winzige Würfelqualle Tripedalia cystophora spielt dabei eine besondere Rolle. Trotz ihres vergleichsweise einfachen Nervensystems besitzen die Tiere leistungsfähige Augen und zeigen komplexes Verhalten. In Mangroven orientieren sich die Tiere am Licht und schwimmen bevorzugt in Richtung der Wasseroberfläche, wo sie nach Nahrung suchen.
Gerade deshalb fiel dem Team auf, dass die Quallen in den Everglades plötzlich deutlich tiefer unter der Wasseroberfläche schwammen als zuvor. Nach starken Regenfällen bildet sich in Küstengewässern eine Schichtung aus leichterem Süßwasser über dichterem Salzwasser. Dazwischen entsteht eine sogenannte Halokline – eine Übergangszone zwischen Wasserschichten mit unterschiedlichem Salzgehalt.
Zurück in Kiel überprüfte das Team ihre Beobachtungen im Labor. In einem abgedunkelten Becken erzeugten sie eine künstliche Halokline und filmten die Quallen auf ihrem Weg nach oben zu einer Lichtquelle. Die Tiere versuchten zwar mehrfach die Grenzschicht zu durchqueren, schafften den Übergang jedoch nicht.
„Gestützt durch neueste KI-gestützte Auswertungsverfahren war es uns möglich, das Bewegungsprofil der Quallen aus den aufgezeichneten Sitzungen nachzuvollziehen und zu überprüfen, ob die Halokline eine unüberwindbare Barriere für die Quallen darstellt“, sagt Niels Röhrdanz, Mitautor des Artikels.
Neue physikalische Erklärung für Haloklinen
Bisher wurden zwei Erklärungen dafür diskutiert, wie Wasserorganismen auf Haloklinen reagieren: Entweder meiden sie bestimmte Bereiche im Wasser aktiv oder sie können aufgrund der veränderten Salzbedingungen vorübergehend schlechter schwimmen oder sinken ab.
Die Ergebnisse zeigen, dass diese beiden Erklärungen nicht ausreichen. Neben dem Strömungswiderstand wirkt in geschichteten Wassersäulen ein zusätzlicher Effekt: Beim Schwimmen verdrängen die Quallen dichteres Salzwasser in leichtere Schichten. Der dabei entstehende Stratifizierungswiderstand erhöht den Energieverlust der Tiere und senkt den Auftrieb. Die Wasserschichtung bremst die Tiere also nicht nur, ihre eigenen Schwimmbewegungen erzeugen einen zusätzlichen Widerstand, der verhindern kann, dass sie die Grenzschicht überwinden. „Nicht das Verhalten oder die Physiologie der Tiere, sondern die Physik der Grenzschicht hält sie zurück.“, fasst Dr. Jan Bielecki, Letztautor der Studie, das Ergebnis zusammen.
Kohlstedt ordnet die Ergebnisse in die Grenzflächenforschung des Forschungsschwerpunkts KiNSIS – Kiel Nano, Surface and Interface Science ein: „Oftmals spielen Grenzflächen zwischen unterschiedlichen Materalien eine ausschlaggebende Rolle bei der Funktion elektronischer Bauelemente, wie diese in KiNSIS untersucht werden. Eine Halokline ist ebenfalls eine Grenzfläche, die sich zwischen zwei Wasserschichten mit unterschiedlichem Salzgehalt ausbildet. Die Ergebnisse unserer Arbeit zeigen, als weiteres Beispiel, welche überragende Rolle Grenzflächen in der Natur spielen und selbst die Ausbreitung einer Population beeinflussen können“, sagt Kohlstedt.
Originalpublikation:
Jan-Frederik Freiberg et al.:„Halocline boundary layer restricts the vertical distribution of the box jellyfish Tripedalia cystophora“, Journal of Experimental Biology 229 (2026), jeb251708, DOI:10.1242/jeb.251708

02.06.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Schildkröten in Deutschland: 14 von 15 Arten eingeschleppt
Eine heute erschienene Studie zeigt anhand von 1.770 Nachweisen, dass in Deutschland 14 nicht-heimische Wasserschildkrötenarten in der Natur vorkommen. Drei dieser Arten gelten als etabliert. Die einzige ursprünglich heimische Art ist die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis). Mit Abstand am häufigsten tritt in Deutschland die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte Trachemys scripta auf, deren Verbreitung hauptsächlich auf Aussetzungen zurückgeführt wird. Insgesamt zeigen die Daten einen klaren Zusammenhang zwischen der Urbanisierung und Verbreitungsmustern und unterstreichen den Bedarf an Monitoring, Prävention und weiteren Untersuchungen.
Die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta) stammt ursprünglich aus der Mississippi-Region der USA. Inzwischen ist die Art weltweit – mit Ausnahme der Antarktis – in der Natur verbreitet. „2016 wurde Trachemys scripta in die ‚EU-Liste der unerwünschten Spezies‘ aufgenommen. Auch in Deutschland hat sich die eingeschleppte Schildkröte mit einer Panzerlänge von etwa 13 bis 25 Zentimetern etabliert und kommt in zahlreichen Gewässern vor“, erläutert Dr. Melita Vamberger von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden und fährt fort. „Über andere nicht-heimische Wasserschildkrötenarten in Deutschland gab es bislang nur wenige Informationen.“
Vamberger hat daher gemeinsam mit Studentin und Studien-Erstautorin Hedi Schloddarick, Frederic Griesbaum vom Museum für Naturkunde Berlin sowie Senckenberg-Gastforscher Dr. Johannes Penner die heutige Vielfalt und Verbreitung nichtheimischer Süßwasserschildkröten in Deutschland untersucht. Grundlage für ihre Analyse ist ein Datensatz mit 1770 Schildkröten-Nachweisen, der aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen und öffentlich zugänglichen Daten aus Citizen Science-Projekten zusammengestellt wurde. „Im Mittelpunkt unserer Untersuchung standen drei Fragen: Wie groß ist die Vielfalt nichtheimischer Wasserschildkrötenarten? Wie sind diese Arten in Deutschland verbreitet? Und wie stark hängt ihre Verbreitung mit menschlichen Faktoren zusammen?“, erklärt Schloddarick.
Die Auswertung des Forschungsteams zeigt: Insgesamt leben 14 nicht-heimische Wasserschildkrötenarten in Deutschland. Zusätzlich wurden Vorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) beschrieben. Diese Art ist zwar ursprünglich in der Bundesrepublik heimisch, doch mit Ausnahme einiger Populationen in Brandenburg stammen die meisten Bestände aus Aussetzungen mit unterschiedlichen Ursprüngen und gelten daher als nicht heimisch. „Die mit Abstand häufigste in Deutschland auftretende Art ist mit 1237 Nachweisen Trachemys scripta – die Art macht rund 70 Prozent aller Beobachtungen aus. Danach folgen die Gewöhnliche Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna) und die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudogeographica)“, ergänzt Dr. Johannes Penner.
Die Studie zeigt, dass die Artenvielfalt und Anzahl der Schildkröten besonders hoch in Städten und stadtnahen Gebieten, also Regionen mit einer hohen Urbanisierung, sind. Schwerpunkte liegen vor allem im Westen Deutschlands, etwa rund um Hamburg, das Ruhrgebiet, Frankfurt am Main, Heidelberg, Freiburg, Stuttgart und München. In Ostdeutschland gibt es dagegen nur einen größeren Verbreitungsschwerpunkt im Raum Berlin sowie einige Nachweise bei Leipzig. „Das Muster bestätigt einen engen Zusammenhang zwischen der Verbreitung der Tiere und menschlicher Präsenz. Es deutet stark darauf hin, dass menschliche Aktivitäten – insbesondere das Aussetzen von Haustieren – eine entscheidende Rolle spielen“, so Schloddarick und fährt fort: „Die weite Verbreitung mancher Arten wie Trachemys scripta, Pseudemys concinna und Graptemys pseudogeographica lässt sich vermutlich durch ihre große Beliebtheit als Haustiere erklären. Sie gelten als vergleichsweise pflegeleicht, sehen attraktiv aus und waren lange Zeit günstig erhältlich.“ Vor allem die Rotwangen-Schmuckschildkröte Trachemys scripta elegans wurde seit den 1950er Jahren millionenfach international verbreitet und zählt wahrscheinlich zu den weltweit am häufigsten gehandelten Reptilienarten. Nachdem die Europäische Union 1997 den Import dieser Unterart wegen ihres hohen Invasionsrisikos verbot, nahm der Handel mit anderen Unterarten und Hybriden stark zu.
Von den 14 nicht-heimischen Schildkrötenarten in Deutschland haben sich bereits drei dauerhaft in freier Natur etabliert und pflanzen sich selbständig fort, auch wenn bislang nur die Schmuckschildkröte Trachemys scripta offiziell als invasiv gilt. „Durch den Klimawandel könnten sich jedoch künftig mehr Arten erfolgreich vermehren, eventuell ausbreiten und stärkere Auswirkungen auf heimische Ökosysteme verursachen. Deshalb fordern wir einen Dialog mit allen beteiligten Stakeholdern, um effiziente Lösungen für Tiere und Haltende zu finden sowie eine stärkere Aufklärung der Öffentlichkeit. Dafür haben wir bei Senckenberg ‚AquaSchild‘ ins Leben gerufen – in diesem Senckenberg Solutions Lab entwickeln wir mit Akteur*innen aus Verwaltung, Natur- und Tierschutz, Forschung, Bildung, Tierhandel und Öffentlichkeit praxisnahe Lösungen für den Umgang mit gebietsfremden Arten“, gibt Vamberger einen Ausblick. Frederic Griesbaum ergänzt: „Zudem können Schildkrötenbeobachtungen über iNaturalist und das dortige Projekt ‚Turtles of Germany‘ gemeldet werden. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto besser lassen sich Verbreitung und Ausbreitung nicht-heimischer Schildkrötenarten in Deutschland nachvollziehen und gezielt Schutzmaßnahmen für Tiere und Ökosysteme entwickeln.“
Originalpublikation:
Schloddarick H, Griesbaum F, Vamberger M, Penner J (2026) Striking diversity and distribution of non-native chelonians in Germany. NeoBiota 107: 207-224. https://doi.org/10.3897/neobiota.107.178668

02.06.2026, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
Insektenvielfalt der Schweiz im Wandel: Erkenntnisse aus neun Jahrzehnten
Ein Schweizer Forschungsteam rekonstruierte erstmals die Entwicklung der Insektenvielfalt in der Schweiz über fast ein Jahrhundert. Es zeigte sich, dass die untersuchten Tagfalter- und Totholzkäferarten vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts stark zurückgingen.
* Ein Schweizer Forschungsteam rekonstruierte erstmals die Entwicklung der Insektenvielfalt in der Schweiz über fast ein Jahrhundert.
* Die immer intensivere Landnutzung führte Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem starken Rückgang von Tagfalter- und Totholzkäferarten, seither konnten sich einige Arten zumindest teilweise erholen.
* Die Bemühungen zum Schutz der Biodiversität zeigen teilweise Wirkung, es braucht aber weitere Anstrengungen.
Schweizer Forschende können dank eines historischen Datenarchivs erstmals Aussagen dazu machen, wie sich die Vielfalt zweier Insektengruppen in den vergangenen 90 Jahren verändert hat. Die von Agroscope geleitete Studie mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL stellte um die Mitte des 20. Jahrhunderts einen grossen Rückgang fest bei Tagfalter- und Totholzkäfer-Arten, die überwiegend in Landwirtschafts- und Waldlebensräumen vorkommen. Sie zeigt aber auch, dass danach mancherorts die Artenzahl wieder angestiegen ist.
Die Auswertung, die nun im Fachjournal Nature Ecology and Evolution veröffentlicht wurde, ist Teil einer umfassenden Untersuchung zur Veränderung der Vielfalt und Häufigkeit von Insekten in der Schweiz (INSECT). Sie basiert auf Fundmeldungen von 811 Tagfalter- und Totholzkäferarten zwischen 1930 und 2021 aus den Archiven des nationalen Daten- und Informationszentrums info fauna. Ein Teil der Daten stammt von Insektenkundlern, ein anderer von Forschungsprojekten und Monitorings. «Schon immer faszinierten grosse Insekten wie Tagfalter und Käfer die Menschen. Entsprechend zahlreich sind die historischen Sammlungsstücke und ebenso die Meldungen in modernen Beobachtungs-Apps», sagt Felix Neff von Agroscope, der Erstautor der Studie.
Für Totholzkäfer zeigen die Resultate, dass die Artenzahl im Schnitt bis 1960 zurückging, sich dann stabilisierte und danach wieder auf das Niveau von 1930 anstieg, insbesondere seit den 2000er-Jahren. Tagfalter hingegen nahmen noch bis in die 1980er-Jahre ab. Sie konnten sich seither nicht erholen, so dass die Tagfalter heute mit durchschnittlich 12 % weniger Arten deutlich unter dem Niveau von 1930 liegen. Dies ist besonders im Mittelland (–29 %) und in den nördlichen Voralpen (–13 %) ausgeprägt, wo die landwirtschaftliche Nutzung und Besiedlung am intensivsten sind.
Agrarland und Wälder intensiv bewirtschaftet
Die stärksten Rückgänge, vor allem der Tagfalterarten, fielen in die Phase der Mechanisierung und Intensivierung der Landwirtschaft (1950–1980), begleitet von struktureller Vereinheitlichung der Landschaft und verstärktem Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln.
«Die meisten Tagfalter sind auf besonnte und nahrungsreiche Offenlandflächen angewiesen und viele Totholzkäfer auf Alt- und Totholzbestände. Deshalb sind diese zwei Gruppen repräsentativ für den Zustand dieser Lebensräume, von denen sehr viele andere Arten abhängig sind», sagt Kurt Bollmann von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, der das Forschungsprogramm INSECT mitinitiiert hat.
So erstaunt es wenig, dass vor allem Arten wie das Bergkronen-Widderchen, die auf bestimmte Lebensräume und Nahrungsquellen spezialisiert sind, in den letzten 90 Jahren die grössten Verluste verzeichneten (bis –41 % bei Tagfaltern).
Die Intensivierung und Mechanisierung wirkte sich auch auf die Wälder aus: Nach dem grossen Holzhunger des 19. Jahrhunderts lag der Fokus in der Waldwirtschaft auf der Steigerung der Holzerträge und der Mechanisierung. Dabei wurden alte Bestände geerntet und Totholz entfernt. Dadurch verloren viele Käferarten die Lebensgrundlage. So gingen grössere Totholzkäfer-Arten wie der Eremit stärker zurück als kleinere, weil grosse Totholzstämme auch heute noch Mangelware sind.
Einen gegensätzlichen Effekt hatte der Klimawandel: Die steigenden Temperaturen begünstigen viele wärmeliebende Arten, die sich seit den 1980er-Jahren deutlich ausbreiten konnten. Dazu zählen viele Totholzkäferarten wie etwa Hirschkäfer, die in der Mehrheit von den wärmeren Temperaturen profitierten. Totholzkäfer profitierten zudem von heftigen Stürmen, die grosse Mengen Totholz schufen (z. B. Vivian 1990, Lothar 1999).
Positive Entwicklungen nur bei einigen Arten
Die Trendumkehr bei zahlreichen Arten und Artengruppen dürfte auch auf die zunehmenden Umweltschutzbemühungen seit den 1990er-Jahren zurückgehen: Wälder werden biodiversitätsfreundlicher bewirtschaftet und Alt- und Totholz-Inseln geschaffen, diverse Agrarumweltprogramme sowie Biodiversitätsförderflächen wurden eingerichtet. «Die teilweise Erholung der Artenzahlen weist darauf hin, dass die Naturschutzmassnahmen vor allem im Wald wirken, und der Klimawandel manche Arten positiv beeinflusst», sagt Bollmann. «Für zahlreiche spezialisierte Arten, wie viele Tagfalterarten, braucht es aber noch intensivere Anstrengungen.» Denn Insekten, darunter viele, die nicht Teil dieser Studie waren, spielen in Ökosystemen eine entscheidende Rolle, etwa als Bestäuber und Nahrungsgrundlage.
Originalpublikation:
Neff, F., Bollmann, K., Chittaro, Y., Gossner, M.M., Herzog, F., Korner-Nievergelt, F., Litsios, G., Martínez-Núñez, C., Moretti, M., Rey, E., Sanchez, A., Knop, E. 2026. Ninety-year trends reveal sharpest insect declines in the mid-twentieth century. Nature Ecology & Evolution. DOI: 10.1038/s41559-026-03074-6. https://www.nature.com/articles/s41559-026-03074-6

03.06.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Eiszeitkrimi: Taimeringer Mammut wurde vermutlich zerlegt von Jägern und Sammlern
Neues vom Wollhaarmammut aus Taimering: Das 2020 entdeckte Mammut wurde nach seinem Tod in einen ehemaligen eiszeitlichen Tümpel eingebettet. Pollenfunde und Altersdatierungen belegen, dass das Mammut während der unwirtlichen Bedingungen des Kältemaximums der Würmeiszeit lebte und starb. Schnittspuren an mehreren Rippen deuten darauf hin, dass altsteinzeitliche Menschen sich an dem Kadaver zu schaffen machten. Ein interdisziplinäres Forscherteam initiiert von SNSB-Paläontologin Gertrud Rößner und FAU-Geograph Christoph Mayr präsentiert nun in der Fachzeitschrift Journal of Archaeological Science die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Untersuchungen.
Bei Bauarbeiten in Taimering nahe Regensburg entdeckten Mitarbeitende des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) vor sechs Jahren einen fast 2,5 m langen, spiralig verdrehten Stoßzahn, der zu einem Wollhaarmammut, Mammuthus primigenius, gehörte. In der Nähe fanden die Archäologen außerdem über 70 weitere Knochen und Knochenbruchstücke, vor allem die des Brustkorbs sowie Hand- und Fußknochen. Die meisten Langknochen des großen Säugers fehlen. „Stoßzahn und Knochen des Mammuts waren aufgrund ihrer jahrtausendelangen Konservierung im Feuchtbodenmilieu außergewöhnlich gut erhalten“, sagt Dr. Christoph Steinmann, stellvertretender Leiter des Referates Bodendenkmalpflege Niederbayern/Oberpfalz am BLfD. Nach seiner Bergung wurde der Fund an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) präpariert, und von dort die weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen koordiniert.
Die paläontologische Begutachtung zeigte: Alle Knochen sowie der Stoßzahn gehören zu einem einzigen sehr großen, aber noch nicht ausgewachsenen Individuum mit etwa drei Metern Schulterhöhe. Das Taimeringer Wollhaarmammut kam vermutlich direkt an oder zumindest nahe seiner Fundstelle zu Tode. Die bis ins Detail unversehrt erhalten gebliebenen Knochenoberflächen lassen sowohl einen längeren Transport durch Wasser ausschließen als auch eine Zerlegung durch Raubtiere. Eingebettet wurde das Tier in den Sedimenten eines Tümpels oder langsam fließenden Zulaufs der eiszeitlichen Ur-Donau, so die Forschenden. Altersdatierungen ergaben ein Alter der Knochen zwischen 27.000 und 25.000 Jahren vor heute.
Ungewöhnliche Strukturen auf der Oberfläche entpuppten sich als Schnittmarken und geben eindeutige Hinweise auf menschliche Aktivitäten. Ausschließlich auf den Rippen finden sich zahlreiche solcher Einkerbungen – verursacht von altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern, die das Tier zerlegten. Eine der Rippen wurde sogar als Schneidebrett verwendet. Ob das Mammut von Menschen getötet wurde oder ob es bereits tot war, als diese den Kadaver verarbeiteten, bleibt laut Erstautorin PD Dr. Kerstin Pasda, Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), die die osteoarchäologischen Untersuchungen zu den anthropogenen Einflüssen durchführte, unklar.
Pollenanalysen von Dr. Philipp Stojakowits an der Universität Augsburg verraten den Forschenden viel über die Umgebung, in der das Mammut lebte und starb. Sie zeigen eine krautige Tundra-artige Steppen-Vegetation mit vereinzelten Zwergsträuchern. Die sogenannte Mammutsteppe war ein gewaltiges baumloses Ökosystem in Eurasien, das während der Hochphase der letzten Kaltzeit vor etwa 30.000 – 20.000 Jahren vor heute in Europa zwischen dem skandinavischen Eisschild und den südlichen Gletschern der Alpen lag. Seine nährstoffreichen Kräuter und Zwergsträucher ernährten eine Vielzahl an großen Säugetieren, so auch das Taimeringer Mammut.
„Eine kleine Sensation ist unser Fund in vielerlei Hinsicht: Zum einen sind Skelettfunde von Mammuten in unseren Breiten äußerst selten. Wir kennen Funde hauptsächlich aus weiter östlich gelegenen Regionen Eurasiens“, so PD Dr. Gertrud Rößner, Paläontologin an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. „Zum anderen gibt es aus dieser Hochphase der Kaltzeit nahezu keine Nachweise menschlicher Aktivität aus dieser Region. Jäger- und Sammlergemeinschaften zogen sich klimabedingt in Europa nach Süden und Osten zurück“ ergänzen die Archäologieprofessoren Andreas Maier von der Universität zu Köln und Thorsten Uthmeier von der FAU Erlangen-Nürnberg.
Beteiligte Institutionen
Insgesamt beteiligten sich 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachdisziplinen an der Mammut-Studie, darunter Forschende der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, der Reiss-Engelhorn-Museen mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim und der Universität Augsburg, der LMU München sowie der Universitäten Köln und Bremen, ebenso wie das Museum für Ur- und Ortsgeschichte in Bottrop.
Originalpublikation:
Pasda, K, Rössner, GE, Steinmann, C, Maier, A, Mayr, C, Rosendahl, W, Lindauer, S, Friedrich, R, Sto-jakowits, P, Kevrekidis, C, Uthmeier, T, Reiss, L, Zolitschka, B. A cold case from the Last Glacial Maxi-mum: a partial mammoth skeleton from southern Germany (Danube Valley, Germany) – Part 1: traces of human activity and archaeological context. Journal of Archaeological Science: Reports, Volume 73, 2026, 105839, ISSN 2352-409X, https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2026.105839.
Stojakowits, P, Christoph Mayr, C, Steinmann, C, Reiss, L, Lutz, P., Rössner, GE, Kevrekidis, C, Ro-sendahl, W, Pasda, K,Maier, A, Uthmeier, T, Zolitschka, B. A cold case from the last glacial maximum: A partial mammoth skeleton from southern Germany (Danube Valley, Germany) – Part 2: Fossil re-cord, sedimentology and palaeoenvironment. Journal of Archaeological Science: Reports, Vol 73, 2026 https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2026.105793

03.06.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Gut gemeint, aber wirkungslos: Schwarze Greifvogel-Aufkleber auf Fensterscheiben retten keine Vögel – das sind die wirksamen Alternativen
Ein schwungvoller Anflug, ein dumpfer Schlag gegen Glas – und ein Vogelleben ist passé. „Im Juni lernen die Jungvögel fliegen. Sie sind noch ungeschickt und unerfahren. Für sie, aber auch für ausgewachsene Vögel, sollten Fenster, Terrassentüren und Ähnliches ausreichend markiert sein, damit die Tiere das Glas als Hindernis erkennen“, sagt Christine Rückmann, Naturbildungspädagogin bei der Deutschen Wildtier Stiftung.
Dass Vögel die durchsichtigen Hindernisse erst bemerken, wenn es zu spät ist, hat mehrere Gründe: Da sind zum einen die Augen, die bei den meisten Vögeln eher seitlich am Kopf sitzen und so das räumliche Sehen erschweren. Zum anderen ist bei Fluggeschwindigkeiten von etwa 30 bis 60 Stundenkilometern ein Ausweichen oft nicht mehr rechtzeitig möglich. Hochrechnungen zufolge sterben in Deutschland jedes Jahr bis zu 100 Millionen Vögel an Glasscheiben von Gebäuden, Lärmschutzwänden oder Wintergärten. Das entspricht fünf bis zehn Prozent des gesamten Vogelbestands. Spiegelungen auf den Glasflächen gaukeln den Vögeln Bäume, Wolken und den Himmel vor und werden so zur tödlichen Gefahr. Allein bei Einfamilien- und Doppelhäusern gehen Experten im Schnitt von ein bis zwei tödlichen Kollisionen pro Haus und Jahr aus. Deutlich mehr sind es an hohen Bürogebäuden.
Doch was tun, um den Vogeltod zu vermeiden? Gut gemeint, aber wirkungslos sind die schwarzen Greifvogel-Aufkleber, die oft zur Abschreckung an Fensterscheiben angebracht werden: „Kleine Singvögel nehmen das Bild zwar als Hindernis wahr, aber drumherum sehen sie immer noch Lücken zum Vorbeifliegen“, sagt Rückmann. Von UV-Stiften – den sogenannten Birdpens – oder einfacher UV-Folie rät die Expertin ebenfalls ab, weil deren Wirkung nicht ausreichend ist. Stattdessen empfiehlt sie selbstklebende Vogelschutzfolie, die mit vielen kleinen Punkten bedruckt ist: „Ist eine Scheibe mit einem Raster aus neun Millimeter großen Punkten im Abstand von jeweils neun Zentimetern versehen, sinkt die Zahl der tödlichen Kollisionen nachweislich um bis zu 97 Prozent“, so Rückmann.
Schutz bieten auch individuell gestaltete Scheiben, beispielsweise Zeichnungen mit Fenstermalkreide, die sich gut für Kindergärten und Schulgebäude eignen. Wichtig ist, dass sie großflächig aufgebracht werden, um den Vögeln keinen Durchschlupf zu suggerieren. Die Farben Rot, Orange, Schwarz und Weiß haben die beste Warn- und Kontrastwirkung bei Vögeln. Und egal ob Punkte, dichte Streifen oder bunte Blumenmuster: Damit der Schutz funktioniert, müssen Folie und Zeichnungen von außen auf das Glas aufgebracht werden. So werden Spiegelungen vermieden. Es gibt auch beschichtetes oder strukturiertes Vogelschutzglas, das bei Renovierungen oder einem Neubau zum Einsatz kommen kann. Für kleinere Flächen, etwa Balkonbegrenzungen, eignet sich Milchglas. Futterstellen und Nistkästen sollten nicht vor Fenstern aufgehängt werden, um die Vögel nicht in Richtung der Scheiben zu locken.
Und wenn doch ein Vogel am Boden liegt? „Wer einen verletzten Vogel findet, sollte eine Wildtierhilfe um Rat bitten“, sagt Rückmann. Die Deutsche Wildtier Stiftung unterstützt die kostenlose App „Wildtier-SOS“ der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (wildtier-sos.de). Sie hilft bei der Ersteinschätzung und nennt Kontakte zu Tierärzten und Auffangstationen. Rückmann: „Aber bestenfalls kommt es nicht dazu, wenn alle Glasflächen entsprechend gekennzeichnet sind.“

04.06.2026, Universität Potsdam
Europäisches Damwild vor 120.000 Jahren – dem Verlust genetischer Vielfalt auf der Spur
Europäische Damhirsche haben seit der letzten Warmzeit dramatisch an genetischer Vielfalt verloren. Dies enthüllen 120.000 Jahre alte Überreste der Tiere aus Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt, die Forschende der Universität Potsdam, des MONREPOS – Archäologisches Forschungszentrum und Museum in Neuwied sowie der Universität Leiden analysiert haben. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden nun im internationalen Journal „iScience“ veröffentlicht. Modernes Damwild repräsentiert demzufolge nur einen Bruchteil der Vielfalt seiner Warmzeit-Vorfahren.
In ihrer Studie beleuchten die Forschenden zudem, wie Klima und menschliches Handeln eine einst diverse Art grundlegend umgestalteten und könnte daher auch für Schutzmaßnahmen hilfreich sein.
Damhirsche waren während der vergangenen Warmzeiten weit über Mitteleuropa verbreitet, zogen sich in den kalten Perioden des Eiszeitalters jedoch immer wieder nach Süden zurück. Einzigartige Einlagerungsbedingungen in den Seesedimenten von Neumark-Nord – einem fossilen Biotop in der Nähe von Merseburg in Sachsen-Anhalt – ermöglichten eine exzellente DNA-Erhaltung dieser Tierart unter den milden klimatischen Bedingungen Mitteleuropas.
Dem Forschungsteam von der Universität Potsdam, vom MONREPOS Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied als Teil des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) und von der Universität Leiden (Niederlande) gelang es, alte DNA aus den Überresten von zehn Damhirschen aus Neumark-Nord zu extrahieren. Bei deren Analyse stellten die Forschenden fest, dass die warmzeitliche Population aus Neumark-Nord eine genetische Vielfalt aufwies, die vergleichbar ist mit der heutiger Damhirsche über ihr gesamtes europäisches Verbreitungsgebiet, von Spanien bis zur Türkei. Moderne Damhirsche zeigen zudem eine ungewöhnlich geringe genetische Variation im Vergleich zu verwandten Arten wie Rothirsch oder Sambarhirsch.
Stammbaumrekonstruktionen belegen, dass moderne Damhirsche genetisch eng mit der Neumark-Nord-Linie verwandt sind. „Dieses Muster deutet darauf hin, dass sich in Mitteleuropa einst mehrere genetische Linien entwickelt oder diese Region kolonisiert haben, aber nur eine einzige nach der Eiszeit überlebte“, erklärt Alberto Rocha-Méndez, Paläogenetiker an der Universität Potsdam und Erstautor der Studie.
Die Analysen datieren die Trennung zwischen modernen europäischen Damhirschen und jenen von Neumark-Nord auf etwa 200.000 Jahre vor heute, also inmitten der Klimaschwankungen des Eiszeitalters. Eiszeitliche Abkühlungsphasen löschten wahrscheinlich diverse mitteleuropäische Populationen aus, sodass Damhirsche nur in südlichen Rückzugsorten wie Anatolien und dem Balkan überlebten. Während des römischen Reichs, im Mittelalter und in der Neuzeit verbreitete der Mensch dann die wenig diverse Reliktpopulation aus Anatolien zu Jagdzwecken wieder in ganz Europa und später sogar weltweit.
Wegen ihrer abweichenden Anatomie, insbesondere der Form des Geweihs, wurden die Damhirsche aus Neumark-Nord lange als eigene Unterart Dama (dama) geiselana beschrieben. Die nun nachgewiesene geringe genetische Differenzierung zu modernem Damwild spricht jedoch gegen einen separaten Status. „Das Damwild zeigte einst eine hohe Variabilität im Erscheinungsbild, welche sich jedoch auf lokale Anpassung zurückführen lässt und eher nicht auf unterschiedliche genetische Abstammungslinien hinweist“, sagt Lutz Kindler, Archäologe am MONREPOS und Mitautor der Studie. Zukünftige Arbeiten an vollständigen Genomen könnten die demografische Geschichte der Art detaillierter klären, so die Hoffnung der Forschenden.
Hintergrund zur Ausgrabungsstelle: Am Fundplatz Neumark Nord 1 entdeckte der Geologe Matthias Thomae 1985 ein fossiles Seebiotop, das durch den Archäologen Dietrich Mania zwischen 1985 und 1996 geborgen und erforscht wurde. Seinen Ergebnissen zufolge bestand hier ein großes Seebecken, das in die letzte Warmzeit von vor 120.000 Jahren, dem sogenannten Eem, datiert wird. Ein Team des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) Mainz und der Universität Leiden untersuchte zwischen 2004 und 2008 ein weiteres Seebecken am Fundort Neumark-Nord 2. Die Forschungen an beiden Stellen erschlossen ein einmaliges Umweltarchiv. Die Funde werden im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt verwahrt.
Publikation: Alberto Rocha-Méndez, Patrick Arnold, Lutz Kindler, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Wil Roebroeks, Fulco Scherjon, Michael Hofreiter, Eemian palaeogenetics demonstrates loss of diversity in modern fallow deer (Dama dama), 2026, iScience 29, 116204, https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.116204

04.06.2026, Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Verborgene Vielfalt in der Tiefsee
Neue Familie ungewöhnlicher Ruderfußkrebse im Nordatlantik entdeckt
Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung von Dr. Nancy Mercado Salas vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) hat eine neue Familie von Ruderfußkrebsen (Copepoda) beschrieben. Die Entdeckung stammt aus mehr als 2.500 Metern Tiefe im Irminger Becken südöstlich von Grönland und eröffnet neue Einblicke in die Evolution einer bislang wenig verstandenen Tiergruppe.
Die sogenannten Monstrilloida gelten als eine der ungewöhnlichsten Gruppen mariner Ruderfußkrebse. Ihre Larven leben parasitisch in anderen Meeresorganismen, während die erwachsenen Tiere frei im Wasser schwimmen und keine Nahrung aufnehmen. Aufgrund ihrer besonderen Anatomie – ihnen fehlen unter anderem die für Krebstiere typischen Antennen und Mundwerkzeuge – ist ihre stammesgeschichtliche Einordnung seit langem Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.
Seit 1852 war innerhalb der Ordnung Monstrilloida lediglich eine einzige Familie bekannt: die Monstrillidae. Die nun beschriebene Familie Thalassodoridae stellt daher eine außergewöhnliche Erweiterung des bekannten Stammbaums dieser Tiergruppe dar. Grundlage der Beschreibung waren sowohl detaillierte morphologische Untersuchungen als auch genetische Analysen.
Das einzige bislang bekannte Exemplar wurde in einer Tiefe von 2.537 Metern gesammelt. Es weist mehrere Merkmale auf, die sich deutlich von allen bisher bekannten Monstrilloiden unterscheiden. Dazu gehören außergewöhnlich lange, nach hinten gerichtete Antennen sowie bislang unbekannte Körperstrukturen, die neue Hinweise auf die Evolution und Lebensweise dieser Tiere liefern könnten.
„Die Entdeckung der neuen Familie Thalassodoridae zeigt, dass die Tiefsee der Ozeane noch immer Lebensformen beherbergt, die der Wissenschaft bislang unbekannt sind“, sagt Dr. Nancy Mercado Salas vom LIB. „Sie eröffnet uns zudem neue Perspektiven auf die Biologie, Morphologie und Evolution dieser außergewöhnlichen Gruppe von Ruderfußkrebsen.“
Auch der wissenschaftliche Name verweist auf die Besonderheit des Fundes: Die neu beschriebene Art Thalassodoron bathyale bedeutet sinngemäß „Geschenk aus der Tiefsee“ – ein Hinweis auf die unerwartete Entdeckung dieses außergewöhnlichen Krebstiers.
An der Studie waren Forschende aus Deutschland, Italien und Mexiko beteiligt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift PeerJ veröffentlicht.
Originalpublikation:
Suárez-Morales, E., Martínez, A., Martinez Arbizu, P., Khodami, S., Mercado-Salas, N. F. et al. (2026): A new family of the order Monstrilloida (Copepoda) from deep waters of the North Atlantic supported by morphological and genetic evidence. PeerJ 14. https://doi.org/10.7717/peerj.21176

04.06.2026, Universität Hamburg
Entstehung heutiger Tiere: Fossilien ermöglichen neue Erkenntnisse zur Entwicklung des Lebens
Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Hamburg hat erstmals Fossilien von Moostierchen aus dem frühen Kambrium identifiziert. Die außergewöhnlich gut erhaltenen Funde belegen, dass die Tiergruppe bereits vor rund 520 Millionen Jahren existierte – und dass das Zusammenleben vieler Individuen in Kolonien früher auf der Erde begann als bisher angenommen. Die Forschungsergebnisse erschienen in der Zeitschrift „Nature“.
Der Ursprung vieler Tiergruppen liegt im sogenannten Kambrium – dem Erdzeitalter vor rund 500 Millionen Jahren, in dem sich die Vielfalt des Lebens in den Ozeanen rasant auszuweiten begann. Damals entwickelten sich relativ plötzlich zahlreiche Neuerungen im Tierreich wie beispielsweise harte Körperteile, die als Fossilien die Zeit überdauerten. Diese Schalen und Skelette ermöglichen Forschenden heute Einblicke in die Entwicklung des Lebens auf der Erde.
Nun konnte ein Team aus China, Schweden, Australien und Deutschland außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien sogenannter Moostierchen oder Bryozoen untersuchen. Diese wirbellosen Tiere gibt es noch immer, wenn auch nicht exakt in ihrer früheren Form. Charakteristisch ist ihre Lebensweise in Kolonien: Viele einzelne mikroskopisch kleine Individuen formen ein gemeinsames, komplexes, oft aus Kalk bestehendes Gebilde.
Die untersuchten Fossilien stammen aus der Xiangdong-Formation: Einer im Kambrium entstandenen Gesteinsschicht in der chinesischen Provinz Shaanxi. In ihr entdeckte das Forschungsteam neue Exemplare der bereits bekannten Moostierchen-Art Protomelission gatehousei und identifizierte mit Dayingomelission hexaclitia eine bislang unbekannte Spezies. Beide Organismen lebten vor rund 520 Millionen Jahren. Bislang fehlten Nachweise der Tiere aus dieser Zeit.
„Die Ergebnisse unserer Arbeit zeigen, dass die Moostierchen im Kambrium früher auftraten und weiter verbreitet waren als bisher gedacht“, sagt Dr. Andrej Ernst, Mitautor der Studie vom Fachbereich Erdsystemwissenschaften der Universität Hamburg. Zudem liefern die Untersuchungen neue Einblicke in eine zentrale evolutionäre Innovation: Das Zusammenleben von Individuen in komplexen Kolonien mit einer ausgeprägten Arbeitsteilung zwischen den Mitgliedern.
Neben den Skelettstrukturen enthielten die Fossilien sogar Teile des inneren Weichgewebes, weil dieses durch Phosphat mineralisiert worden war. Moderne Bildgebungsverfahren ermöglichten den Nachweis feiner anatomischer Details, darunter membranartige Strukturen, charakteristische Stacheln sowie einzelne Muskelfasern. Gleichzeitig zeigen die Fossilien die für Moostierchen typischen modular aufgebauten Skelette.
„Die Ergebnisse unserer Arbeit zeigen, dass die Bryozoen eine signifikante Entwicklung im Kambrium durchlaufen haben, die bis vor Kurzem noch unentdeckt war“, sagt Dr. Ernst. „Weitere Funde aus dieser Zeit werden künftig noch mehr Licht in die Entwicklung des Lebens auf der Erde bringen.“
Originalpublikation:
Song, B., Strotz, L.C., Topper, T. P., Ernst, A., Ma, J., Zhang, Z., Luo, M., Holmer, L.E., Liang, Y., Hu, Y., Zhang, C., Chen, Y., Glenn A. Brock, G. A., Zhang, Z.,
High-fidelity modular skeletons authenticate a Cambrian origin for Bryozoa,
Nature (2026), DOI: 10.1038/s41586-026-10590-9.

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