05.05.2026, Universität Konstanz
Steigender Verzehr von Wildfleisch in Afrika
In städtischen Regionen Zentralafrikas ernähren sich immer mehr Menschen von Wildfleisch. Eine aktuelle Studie unter Beteiligung der Universität Konstanz zeigt: Das hat vor allem Auswirkungen auf ländliche Regionen, die auf diese Nahrungsquelle angewiesen sind.
Eine aktuelle Studie unter Beteiligung des Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour an der Universität Konstanz, die jüngst in der Fachzeitschrift „Nature“ erschien, hat über einen längeren Zeitraum untersucht, in welchen Regionen Zentralafrikas wie viel Wildfleisch verzehrt wird. Das Ergebnis der Auswertung zeigt einen deutlichen Anstieg der verzehrten Menge in den letzten Jahren, vor allem seitens der städtischen Bevölkerung. Während im Jahr 2000 noch 0,73 Millionen Tonnen Wildfleisch von Menschen gegessen wurden, waren es im Jahr 2022 bereits 1,1 Millionen Tonnen. Dieser Anstieg weckt bei Forschenden die Sorge, dass Wildtierpopulationen in naher Zukunft gefährdet werden könnten – und damit langfristig auch die Ernährungssicherheit der Bewohner ländlicher Regionen.
Wildfleisch ist ein bedeutender Bestandteil der täglichen Ernährung in vielen ländlichen Regionen Zentralafrikas. Rund ein Fünftel der täglichen Proteine werden über Wildfleisch zugeführt. Erschwingliche und sichere Alternativen sind oft nur schwer zugänglich, denn in Zentralafrika gibt es nur wenige Bezugsquellen für Fleisch aus heimischer Produktion. Der begrenzte Zugang zu tierärztlicher Versorgung und Medikamenten kann sich bei der Haltung domestizierter Tiere insbesondere in ländlichen Gebieten auch auf die menschliche Gesundheit auswirken. Und nicht zuletzt ist Wildfleisch – ähnlich wie in Europa – auch ein Art Statussymbol: Es gilt als gesünder als das Fleisch von domestizierten Tieren.
„Der Verzehr von Wildfleisch ist damit ein zentraler Bestandteil des sozio-ökonomischen Gefüges in Zentralafrika“, sagt Mattia Bessone, Ökologe am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie an der Universität Konstanz und Leiter der Studie. „Es sollten Maßnahmen ergriffen werden, um die nachhaltige Nutzung dieser Nahrungsquelle für die Landbevölkerung zu sichern. Nur dann können die UN-Ziele zur nachhaltigen Entwicklung erreicht werden.“
Eine Empfehlung der Studie lautet daher, die Nutzung von Wildfleisch in städtischen Regionen zu reglementieren und dort vermehrt auf domestizierte Tierarten zu setzen – beispielsweise Geflügel, Rind oder auch Fisch. So könnte ermöglicht werden, dass die wichtige Eiweißquelle für ländliche Regionen verfügbar bleibt. Um eine größere Akzeptanz dieser Fleischarten bei der städtischen Bevölkerung zu schaffen, wären gut abgestimmte Investitionen in nationale Ernährungssysteme nötig. Unter anderem müsste der Ausbau alternativer Proteinsektoren wie Geflügel- oder auch Fischereiwirtschaft gefördert werden. Zeitgleich müssten laut Studie auch alternative Einkommensquellen für diejenigen geschaffen werden, die derzeit vom Handel mit Wildfleisch leben.
Originalpublikation: Bessone, M., Ingram, D.J., Abernethy, K. et al.: Increase in wild animal consumption across Central Africa. Nature (2026).
DOI: 10.1038/s41586-026-10422-w
05.05.2026, Freie Universität Berlin
Wie sehr leiden Tiere unter biologischen Invasionen? Biologen entwickeln Messschema für Tierleid
Infolge zunehmenden globalen Handels, Reisen und Klimawandels gelangen vermehrt Lebewesen wie Tier-, Pilz- und Pflanzenarten aus anderen Erdteilen in Regionen, in denen sie bisher nicht heimisch waren. Dort breiten sie sich aufgrund von Klimaveränderungen oder fehlenden Fressfeinden oft schnell aus. Solche Prozesse werden in der Forschung als „biologische Invasionen“ bezeichnet. Durch Konkurrenz um Futter oder Angriffe können invasive Arten heimischen Wild- und Nutztieren schweres Leid zufügen – aber auch selbst Leid erfahren.
Unter dem Titel „Quantifying and categorising the animal welfare impacts caused by biological invasions” haben Biologen der Freien Universität Berlin, des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der University of Bristol (England) in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ nun erstmals ein Bewertungsschema zur Einschätzung von Tierleid durch biologische Invasionen veröffentlicht. Erste Auswertungen zeigen: Besonders eingeschleppte Ameisen fügen heimischen Tieren schweres Leid zu.
Mit dem „Animal Welfare Impact Classification for Invasion Science“ (AWICIS) legen Dr. Thomas Evans vom Institut für Biologie der Freien Universität Berlin und Prof. Mike Mendl von der Bristol Veterinary School ein Bewertungsschema zur Messung von Tierleid infolge biologischer Invasionen vor, das die körperliche und mentale Verfassung einzelner Tiere in den Blick nimmt. Dazu werden Merkmale wie Ernährungszustand, Gesundheit und Verhalten von Tieren erfasst, die unter invasiven Arten leiden. Die Schwere des Tierleids wird dabei in fünf Stufen eingeordnet, jede Bewertung durch physische (etwa Größe oder Gewicht), physiologische (etwa Stoffwechsel oder Nervenreaktionen) und verhaltensbezogene Indikatoren gestützt. Zur Demonstration wendeten die Autoren das Rahmenwerk auf publizierte Datensätze zu eingeführten Vögeln sowie auf eine systematische Auswertung der Literatur zu invasiven Ameisen wie der Argentinischen Ameise (Linepithema humile) an, die durch Schifffahrt nach Europa eingeschleppt wurde und vor allem in mediterranen Küstengebieten oder Gärten Superkolonien etabliert, einheimische Ameisen verdrängt und Ökosysteme stört.
„Für Forschung und Politik liefert das neue Bewertungsschema AWICIS wichtige Anhaltspunkte zur Bewertung der Bedrohung von Tierwohl durchbiologische Invasionen“, sagt Studienautor Dr. Thomas Evans vom Institut für Biologie der Freien Universität Berlin und dem IGB. „Wir empfehlen die Auswirkungen biologischer Invasionen konsequent in Feldstudien zu erforschen und dabei gezielt bislang wenig untersuchte, oft weniger wohlhabende Regionen, in den Blick zu nehmen. Zudem sollten verstärkt Maßnahmen entwickelt werden, um das Einschleppen bekanntermaßen schädlicher Ameisenarten zu verhindern.“
Unter invasiven Ameisen wie der Argentinischen Ameise (Linepithema humile) oder der Roten Feuerameise (Solenopsis invicta) leiden der Auswertung zufolge heimische Tiergruppen von Vögeln über Reptilien wie Jungschildkröten und Eidechsen bis zu Krustentieren wie Landkrabben. Typisch sind neben Verhaltensstörungen wie verringerten Ruhezeiten oder exzessiver Körperreinigung vor allem Verletzungen durch aggressive oder giftige Stiche verschiedener invasiver Ameisenarten. Diese führen in vielen Fällen zu langwierigen, qualvollen Todesverläufen bei einheimischen Tieren. Invasive Vogelarten fressen einheimische Tiere oder konkurrieren mit ihnen um Beute. Betroffen waren in den vorliegenden Studien vor allem Wat‑ und Seevögel sowie Vögel auf Inseln. Insgesamt waren die Auswirkungen durch invasive Vögel aber weniger schwerwiegend als jene durch Ameisen.
Die Autoren betonen, dass gerade für weniger offensichtliche oder längerfristige Belastungen vermehrte physiologische Messungen hilfreich wären, um Intensität und Dauer von Leiden genauer zu quantifizieren. Weiterhin weisen sie auf eine systematische Verzerrung der verfügbaren Daten hin: Publizierte Fälle beschreiben eher gravierende Auswirkungen, sodass weniger dramatische Folgen vermutlich untererfasst sind.
Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s41467-026-72154-9
06.05.2026, Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik
Fische haben komplexe Schlafarchitektur
• Verschiedene Ruhephasen bei Fischen erstmals über den gesamten zirkadianen Zyklus hinweg beobachtet
• Vier Schlafarten identifiziert – drei mit, eine ohne Augenbewegungen
• Ergebnisse dank Tracking-Mikroskop, das frei schwimmende Fischlarven aufnimmt
Menschen und andere Säugetiere durchlaufen verschiedene, klar unterscheidbare Schlafphasen. Eine davon ist leicht an den schnellen Augenbewegungen hinter geschlossenen Lidern zu erkennen, die ihr ihren Namen geben: REM-Schlaf (Rapid Eye Movement). In diesem Zustand erleben wir unsere lebhaftesten und intensivsten Träume.
Ob auch andere Tiere als Säugetiere ähnliche Schlafphasen haben, insbesondere einen durch Augenbewegungen gekennzeichneten Schlaf, wird in der Forschung seit Langem diskutiert. Forschende am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen haben nun erstmals eine komplexe Schlafarchitektur bei Fischen nachgewiesen. Bereits bekannt war, dass die meisten Knochenfische, darunter auch der Modellorganismus Zebrabärbling (Danio rerio), mehrminütige inaktive Phasen durchlaufen, in denen sie weniger auf Reize reagieren. Die neue Studie, die nun in der Fachzeitschrift Nature Communications erschienen ist, zeigt, dass sich diese Ruhephasen voneinander unterscheiden: Die Wissenschaftler*innen identifizierten drei Schlafarten mit jeweils charakteristischen Augenbewegungen sowie eine vierte Art ohne jegliche Augenbewegungen.
Schlaftracking bei frei schwimmenden Fischen
Frühere Studien hatten gelegentliche Augenbewegungen bei Fischen während kurzer Ruhephasen bemerkt, aber bislang fehlte eine systematische Untersuchung dieser während des natürlichen, unbeeinflussten Schlafs. „Ich war verblüfft, als ich zum ersten Mal sah, wie sich die Augen der Fische auf so charakteristische Weise bewegten“, sagt Vikash Choudhary, der zusammen mit Charles Heller Erstautor der Studie ist. Der Erfolg ist einem neuen experimentellen Aufbau zu verdanken, erklärt Choudhary: „Besonders an unserem Ansatz, ist, dass wir als erste gleichzeitig Augen- und Körperbewegungen über einen vollen 24-Stunden-Zeitraum bei frei schwimmenden Fischen aufgezeichnet haben.“ Dies wurde durch ein spezielles Tracking-Mikroskop ermöglicht, das die Larven von Zebrafischen verfolgt, während sie sich ungehindert bewegen. Da die Gehirne von Zebrafischlarven transparent sind, kann das Mikroskop zusätzlich die gesamte Gehirnaktivität in Echtzeit erfassen.
Mittels dieser Methodenkombination stellt das Team fest, dass jeder Ruhezustand einem eigenen Tagesrhythmus folgt: Schlaf ohne sichtbare Augenaktivität tritt überwiegend in der Nacht auf. Von den drei Ruhezuständen mit Augenbewegung (quiescence with eye movement, abgekürzt QEM) kommt einer hauptsächlich nachts vor, während ein anderer in den frühen Morgenstunden gehäuft zu beobachten ist. Bemerkenswerterweise tritt QEM-1, der häufigste der QEM-Zustände, fast ausschließlich tagsüber auf. Dies ist umso überraschender, als Fische in QEM-1 nur schwer zu wecken sind, was sie zu einer leichten Beute für Fressfeinde macht.
Artenübergreifende Schlafarchitektur
Während dieses Tagschlafs ist die Gehirnaktivität großflächig reduziert, wie das Team weiter beobachtete. Zusammen mit anderen typischen Schlafmerkmalen in Verhalten und neuronaler Aktivität bestätigt dies, dass QEM-1 tatsächlich ein Schlafzustand ist, am ehesten vergleichbar mit einem Nickerchen. Zudem folgt Gehirnaktivität festgelegten Mustern, anhand derer man vorhersagen kann, wie lange ein Fisch bereits geschlafen hatte und wann er aufwachen wird. Zusätzliche Experimente unter verschiedenen Lichtbedingungen zeigten, dass die Schlafarchitektur durch das Zusammenspiel der inneren biologischen Uhr und der Lichteinwirkung gesteuert wird. Bemerkenswerterweise konnten alle vier Schlafzustände und ihre Architektur auch bei zwei verwandten Danio-Arten beobachtet werden. Dies deutet darauf hin, dass diese Schlafarchitektur evolutionär schon recht früh entstanden sein könnte.
Die Ergebnisse werfen zahlreiche weitere Fragen auf. Beispielsweise ist unklar, ob die Augenbewegungen eine Funktion erfüllen oder lediglich ein Nebenprodukt neuronaler Aktivität sind. „Uns interessiert nun besonders, welche Rollen die verschiedenen Schlafphasen spielen”, sagt Jennifer M. Li, die gemeinsam mit Drew Robson das Labor leitet, in dem die Studie durchgeführt wurde. „Schlaf ist für viele Prozesse wichtig, von der Reaktivierung von Erinnerungen bis zur Entsorgung von Abfallprodukten, aber wir verstehen noch nicht vollständig das Warum und den zeitlichen Ablauf. Zebrafische mit ihren transparenten Gehirnen bieten uns ausgezeichnete Möglichkeiten, dies zu erforschen.” Die Wissenschaftler*innen untersuchen nun die neuronale Aktivität während des Nachtschlafs genauer, um die Mechanismen und Funktionen der unterschiedlichen Schlafphasen besser zu verstehen.
Originalpublikation:
Choudhary, V., Heller, C.R., Aimon, S. et al. Eye movement kinematics reveal novel circadian organization of sleep substates. Nat Commun 17, 4068 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-72222-0
07.05.2026, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie
Wie die Evolution die Gesichtsformen bei Vögeln und Säugetieren formt
Auf den Punkt:
Gleiche Gene, unterschiedliche Ergebnisse: Vögel und Säugetiere nutzen dieselben Gene, um ihr Gesicht zu bilden, setzen diese aber räumlich und zeitlich unterschied-lich ein.
Zellen und evolutionäre Veränderung: Das undifferenzierte Gesichtsmesenchym er-weist sich als wesentliche zelluläre Quelle für Variation in der Gesichtsform.
Bezug zum Menschen: Viele regulatorische Regionen, die während der Gesichts-entwicklung von Maus und Huhn aktiv sind, überschneiden sich mit Genomregionen, die beim Menschen ebenfalls mit Variationen in der Gesichtsform assoziiert werden.
Die Form von Schnäbeln und Schnauzen existieren in einer außergewöhnlichen Vielfalt, und spiegeln dabei je die Anpassung an unterschiedliche Lebensweisen und Umweltbedingun-gen wider. Hinter dieser Vielfalt steht jedoch ein Paradoxon: Vögel und Säugetiere nutzen dieselben konservierten Entwicklungsprogramme um ihr Gesicht zu formen. Wie also ge-neriert die Evolution so deutliche Unterschiede, ohne die zugrunde liegenden Mechanismen neu zu erfinden?
Eine neue Studie unter der Leitung von Dr. Markéta Kaucká am Max-Planck-Institut für Evo-lutionsbiologie, in Zusammenarbeit mit Dr. Axel Visel und Dr. Laura Cook vom Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien, USA, zeigt, dass Veränderungen in der Genregu-lation die bemerkenswerte Vielfalt von Gesichtern bei Vögeln und Säugetieren hervorbrin-gen.
Ein konservierter Bauplan für die Gesichtsbildung
Während der Embryonalentwicklung wird das Wachstum des Gesichts von Signalzentren gesteuert, die als Entwicklungsorganisatoren bekannt sind. Diese Zellgruppen agieren als lokale Kontrollzentren und geben Signale ab, die benachbarten Zellen mitteilen, wo sie wachsen sollen und was aus ihnen werden soll. Im Gesicht befindet sich ein solcher Orga-nisator im Ektoderm, von wo aus dieser Signale in Form von Molekülen freisetzt, die als Morphogene bekannt sind. Bemerkenswerterweise kommen viele dieser Morphogene so-wohl bei Vögeln als auch bei Säugetieren vor. Dies wirft die grundlegende Frage auf: Wenn die Signale selbst konserviert sind, woher stammt dann die Vielfalt?
Die Evolution ändert nicht die Werkzeuge, sondern wo und wann sie genutzt werden
Die WissenschaftlerInnen zeigen, dass die Vielfalt an Gesichtsformen primär durch Verän-derungen in nicht-kodierenden DNA-Sequenzen entsteht, welche, ähnlich wie Schalter, steuern, wann und wo bestimmte Gene exprimiert werden.
„Während der Embryonalentwicklung werden viele Gene wiederholt in verschiedenen Gewe-ben als auch Entwicklungsstadien genutzt“, sagt Dr. Markéta Kaucká. „Wenn man das Gen selbst verändert, besteht die Gefahr, viele Prozesse und Körperteile gleichzeitig zu beschä-digen. Wenn hingegen die regulatorischen Elemente, die steuern, wo und wann ein Gen ge-nutzt wird, modifiziert werden, so kann die Evolution gezielt einzelne Merkmale, wie das Gesicht, umformen, ohne den gesamten Organismus zu beeinträchtigen.“
Die Evolution von cis-regulatorischen Elementen verändert die Aktivitätsmuster konservier-ter Gene in sich entwickelnden Embryonen und erzeugt so artspezifische Signalkarten. Die Forschenden entdeckten jedoch eine weitere, unerwartete Ebene evolutionärer Verände-rung. Die deutlichsten Unterschiede in der Genregulation zwischen Maus und Huhn bestand nicht in den Signalzentren selbst, sondern in den Mesenchymzellen, welche sich in Folge von Signalen aus den Signalzentren teilen, an die richtige Stelle bewegen und schließlich ihre endgültige Funktion übernehmen.
„Diese Zellen führen beispielsweise später zu der Bildung von Knorpel und Knochen, die wiederrum als zentrale Elemente des Schädels agieren und maßgeblich für die Form des Gesichts verantwortlich sind. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Vielfalt an Gesich-tern nicht nur davon abhängt, wie Signale erzeugt werden, sondern auch davon, wie sie von anderen Zellen wahrgenommen werden“, sagt Stella Kyomen, Doktorandin und Erstautorin der Studie.
Verbindung zur Variation menschlicher Gesichtsformen
Die WissenschaftlerInnen fragten sich ebenfalls, inwieweit die regulatorischen Regionen, welche die Gesichtsbildung zwischen verschiedenen Arten steuern, auch bei der Variation menschlicher Gesichter eine Rolle spielen. Hierzu verglichen sie ihre Daten mit großen genetischen Studien am Menschen, die bestimmte Regionen des Genoms mit Unterschie-den in der Gesichtsform in Verbindung bringen. Dabei fokussierten sie sich auf DNA-Abschnitte, die als regulatorische Schalter fungieren und steuern, wann und wo bestimmte Gene während der Entwicklung aktiv sind.
Auffällig war, dass sich viele regulatorische Elemente, die im sich entwickelnden Gesicht aktiv sind, mit Genomregionen überschnitten, die mit menschlichen Gesichtsmerkmalen assoziiert sind.
„Das deutet darauf hin, dass dieselben regulatorischen Mechanismen, die die Evolution nutzt, um Vielfalt zwischen Arten hervorzubringen, auch zur Variation innerhalb unserer eigenen Art beitragen“, sagt Stella Kyomen.
Der Kollaborationspartner Dr. Axel Visel ergänzt: „Das sind faszinierende Daten, da sie zei-gen, dass Gene zwar den Bauplan liefern, es aber die regulatorische Landschaft ist, welche bestimmt, wie diese Information genutzt werden. Durch die Integration artspezifischer epi-genetischer Daten können wir nun die umfassenderen konservierten Mechanismen identi-fizieren, die die Gesichtsvielfalt bei Wirbeltieren prägen.“
Eine neue Ressource für die Erforschung der Evolution des Gesichts
Diese Studie stellt einen umfassenden Datensatz zur Verfügung, welcher die Genexpressi-on und die regulatorische Aktivität in sich entwickelnden Gesichtsgeweben beschreibt und nun offen zugänglich ist. Die Daten sind außerdem über eine interaktive Online-Datenbank verfügbar und bieten damit eine benutzerfreundliche Ressource für Forschende, die die kraniofaziale Entwicklung und Evolution bei Vögeln und Säugetieren untersuchen.
„Die Erstellung einzelzellbasierter epigenetischer Daten, insbesondere aus Gesichtsgewe-ben des Huhns, wird eine wichtige Ressource für die Erforschung kraniofazialer Evolution sein“, sagt die Kollaboratorin Dr. Laura Cook.
Auf die interaktive Datenbank kann über folgenden Link zugegriffen werden:
https://www.evolbio.mpg.de/kyomen-cis-regulatory-evolution
Originalpublikation:
Kyomen, S., Seton, L.W.G., Cook, L.E., Escamilla-Vega, E., Murillo-Rincón, A.P., Jacobsen, A., Damatac II, A., Fortmann-Grote, C., Fuss, J., Visel, A., Kaucká, M. (2026). Cis-regulatory evo-lution shapes facial diversity in birds and mammals. Science Advances.
DOI: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec2511

