27.04.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Mehr Arten als gedacht: Forschende finden Hinweise auf bislang unerkannte Zweifingerfaultier Art im Amazonasgebiet
Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) stellt die bisherige taxonomische Einteilung der Zweifingerfaultiere infrage: Genomanalysen zeigen, dass es mehr Arten von Zweifingerfaultieren im Amazonasgebiet geben könnte als bisher angenommen. In den Untersuchungen wurde erstmals ein genomweiter Datensatz aus mehreren Zweifingerfaultier-Populationen genutzt, der zeigt, dass Umweltveränderungen die Evolutionsgeschichte der Faultiere maßgeblich geprägt haben. Die Forscher:innen betonen, dass die Einordnung der Faultierarten sowie ihre Schutzbewertungen und Schutzmaßnahmen dringend überarbeitet werden müssen.
Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Molecular Phylogenetics and Evolution“ veröffentlicht.
Das Amazonasgebiet ist einer der wichtigsten Biodiversitätshotspots der Erde. Bisher gingen Forschende davon aus, dass es dort zwei Arten von Zweifingerfaultieren gibt: das Hoffmann-Zweifingerfaultier (Choloepus hoffmanni) und das Eigentliche Zweifingerfaultier (Choloepus didactylus). Die von einem internationalen Forschungskonsortium unter Leitung des Leibniz-IZW durchgeführte Genomanalyse zeigt nun, dass einige derzeit als Hoffmann-Zweifingerfaultier klassifizierte Populationen, die östlich der Anden vorkommen, tatsächlich näher mit dem Eigentlichen Zweifingerfaultier (Choloepus didactylus) verwandt sind. Die Ergebnisse legen nahe, dass bisher unbekannte Choloepus-Linien existieren und die Gattung, anders als bislang angenommen, aus mindestens drei Arten bestehen könnte. Die Studie lässt vermuten, dass die Aufspaltung dieser Linien mit dem Beginn der klimatischen Veränderungen im Pleistozän und der letzten Phase der Andenhebung zusammenfällt. Infolgedessen entstanden geografische Barrieren, die eine Trennung der ursprünglichen Population in mehrere voneinander isolierte Populationen bewirkten.
Über die Taxonomie hinaus liefert die neue Forschungsarbeit entscheidende demografische Erkenntnisse für den Naturschutz in der Region. Die Faultierpopulationen im Amazonasgebiet, insbesondere die der ostamazonischen Linie, weisen eine geringere genetische Vielfalt und einen höheren Inzuchtgrad auf. Nach Ansicht der Autor:innen hängen diese Muster mit der klimatischen Instabilität der Region und der zunehmenden Entwaldung zusammen, insbesondere im sogenannten „Entwaldungsbogen“, einer stark von Rodung geprägten Region am südlichen und östlichen Rand des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes. Die neuen genomischen Erkenntnisse legen nahe, dass diese eigenständigen evolutionären Abstammungslinien des Zweifingerfaultiers eine Neubewertung der Artenschutzmaßnahmen erfordern, um deren einzigartige genetische Vielfalt angesichts der zunehmenden Bedrohungen durch Lebensraumverlust und -fragmentierung zu bewahren.
„Amazonas-Faultiere sind sowohl Relikte einer uralten evolutionären Vergangenheit als auch Zeugen der heutigen Entwaldung. Die Entdeckung kryptischer, also bislang unerkannter, Abstammungslinien und potenziell neuer Arten unterstreicht die Dringlichkeit, die Faultierforschung voranzutreiben – eine Mission, die unsere Forschungsgruppe aktiv verfolgt“, sagt Dr. Camila J. Mazzoni, leitende Autorin der Studie und Leiterin der IZW-Forschungsgruppe „Evolutions- und Naturschutzgenomik“.
An dieser in enger Zusammenarbeit durchgeführten internationalen Studie waren Forscher:innen der Abteilung für Evolutionsgenetik des Leibniz-IZW beteiligt, sowie des Berliner Zentrums für Genomik in der Biodiversitätsforschung (BeGenDiV), der Bundesuniversität von Minas Gerais (UFMG), des Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia (INPA), der Bundesuniversität von Rondônia, des Institut Pasteur de la Guyane sowie verschiedene Naturschutz-NGOs, die sich für den Schutz der Nebengelenktiere engagieren, wie beispielsweise das Instituto Tamanduá. Die Studienergebnisse liefern eine wichtige Grundlage für die künftige Ausrichtung des Faultier-Schutzes und verdeutlichen die Bedeutung der Genomforschung für die Aufdeckung bislang unbekannter Arten im Amazonasgebiet.
Originalpublikation:
Larissa S. Arantes, Luísa S. Marins, Linda Hagberg, Radarane Santos Sena, Benoit de Thoisy, Marta Svartman, Mariluce Rezende Messias, Cláudia R. Silva, Nicole M. Foley, William J. Murphy, Camila C. Ribas, Fabrício R. Santos, Flávia Miranda, Camila J. Mazzoni, (2026) Genomic insights into the evolutionary history and cryptic diversity of two-toed sloths (Choloepus) in Amazonia. Molecular Phylogenetics and Evolution 221, 2026, 108620. DOI: 10.1016/j.ympev.2026.108620
29.04.2026, Universität Greifswald
Schnelle Evolution im Klimawandel: Universität Greifswald zeigt rasante genetische Anpassung der Wespenspinne
Nur wenige Jahrzehnte haben gereicht: Die Wespenspinne (Argiope bruennichi) hat ihr Verbreitungsgebiet vom Mittelmeerraum bis nach Nordeuropa – sogar bis nach Süd-Finnland – erweitert. Dabei hat sie sich rasanter genetisch angepasst als bislang für möglich gehalten. Das zeigt eine neue Studie von Forschenden der Universität Greifswald, die jetzt in der Fachzeitschrift Ecological Monographs veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, wie Arten auf den Klimawandel reagieren – und wie rasch Evolution tatsächlich ablaufen kann.
„In unserer Studie haben wir eine Art untersucht, die ihr Verbreitungsgebiet schneller erweitert hat als dies allein durch Klimawandel zu erklären wäre. Von solchen Arten können wir lernen, welche Mechanismen einer schnellen Ausbreitung, sogar über verschiedene klimatische Zonen hinweg, zugrunde liegen“, sagt Prof. Dr. Gabriele Uhl, Abteilungsleiterin am Zoologischen Institut und Museum (Allgemeine und Systematische Zoologie) der Universität Greifswald.
Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie Organismen mit sich verändernden Umweltbedingungen umgehen. Dabei kommen verschiedene Mechanismen infrage: genetische Anpassung durch zufällige, vorteilhafte Mutationen, die Abwanderung in geeignete Lebensräume oder – wenn beides nicht möglich ist – das lokale Aussterben von Populationen oder Arten. Auch die sogenannte phänotypische Plastizität, also die Fähigkeit von Individuen, ihre Eigenschaften abhängig von den Umweltbedingungen zu verändern – ohne Veränderung der Erbanlagen – spielt dabei eine wichtige Rolle.
Das Forschungsteam um Prof. Dr. Gabriele Uhl und die Erstautorin Dr. Monica M. Sheffer von der Universität Greifswald untersuchte Wespenspinnen aus verschiedenen Regionen Europas und kombinierte genetische Analysen mit ökologischen, morphologischen und physiologischen Untersuchungen über mehrere Entwicklungsstadien hinweg. Ergänzend führten sie Experimente unter kontrollierten Bedingungen durch, in denen Winterbedingungen aus nördlichen und südlichen Lebensräumen simuliert wurden, um zu untersuchen, ob sich die Tiere aus den beiden Regionen in ihrer Reaktion unterscheiden.
Zwei genetische Gruppen – getrennt durch eine schmale Linie
Ein zentrales Ergebnis: Die Populationen der Wespenspinne lassen sich in zwei genetische Gruppen unterteilen, die durch eine überraschend schmale Linie getrennt sind, die schräg durch Mitteldeutschland verläuft. Diese genetische Trennung korreliert mit klimatischen Unterschieden, insbesondere im Winter.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass genetische Differenzierung deutlich schneller stattfinden kann als bisher angenommen“, sagt Professorin Uhl. Die Analysen zeigen zudem, dass sich nördliche und südliche Populationen in ihrer Kältetoleranz, Entwicklungsgeschwindigkeit und Fortpflanzung unterscheiden. Diese Unterschiede sind zum Teil genetisch bedingt. Gleichzeitig weist die Art eine ausgeprägte phänotypische Plastizität auf, die ihre erfolgreiche Ausbreitung begünstigt.
Bedeutung für Klimaforschung
Die Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, verschiedene Lebensstadien und biologische Eigenschaften gemeinsam zu betrachten, um Anpassungsprozesse zu verstehen. Dies ist besonders relevant vor dem Hintergrund des globalen Klimawandels.
Aktuelle Anschlussstudien zeigen zudem, dass wärmere Winter im Mittelmeerraum negative Auswirkungen auf die Überlebenswahrscheinlichkeit der Jungtiere haben können. Langfristig könnte dies sogar zu einem Rückzug der Art aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet führen.
Weitere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Temperaturbedingungen im Herbst noch Monate später die Überlebenswahrscheinlichkeit und Kondition der Tiere beeinflussen können – sogenannte langfristige „Spill-over-Effekte“, die bislang kaum erforscht sind.
Weitere Informationen
Die Arbeit entstand im Rahmen des Graduiertenkollegs RESPONSE durch die enge Zusammenarbeit mehrerer Arbeitsgruppen der Universität Greifswald sowie Partnern in Deutschland und den USA. Geleitet wurde das Projekt von Prof. Dr. Gabriele Uhl, maßgeblich beteiligt war die Doktorandin Monica M. Sheffer.
Sheffer, Monica M., Brian Schulze, Linda Zander, Pierick Mouginot, Thomas Naef, Michael Lalk, Martina Wurster et al. 2026. “Rapid Ecological and Evolutionary Divergence during a Poleward Range Expansion.” Ecological Monographs. https://doi.org/10.1002/ecm.70047
29.04.2026, Technische Universität München
Wie können Honigbienen und Wildbienen in Städten koexistieren?
Mit zunehmender Beliebtheit des „Urban Beekeeping“ wachsen auch die Bedenken. Die Auswirkungen auf die Wildbienenpopulationen in Städten sind bisher unklar. Im Rahmen einer gemeinsamen Studie von Imkern und Forschungseinrichtungen, darunter Forschende der Technischen Universität München (TUM), wurde das „Urban Bee Concept“ entwickelt, das Maßnahmen zur Förderung der Koexistenz von Honigbienen und Wildbienen in Städten umfasst.
Den Bienen Gutes tun – das ist die Idee hinter „Urban Beekeeping“, dem Imkern in Städten. Die rasch steigende Zahl dieser Imker in vielen Städten besorgt jedoch städtische Imkervereinigungen. In Berlin hat sich die Anzahl der Imker in Städten von 2005 bis 2022 mehr als verdreifacht. Ähnlich hoch ist der Zuwachs auch in Städten wie Zürich, Paris und Toronto. Da die Bienenstöcke ausschließlich Honigbienen beherbergen, hat deren Population in städtischen Gebieten ebenso rasant zugenommen. Deshalb kommt immer mehr die Frage auf: Können Honigbienen und Wildbienen in Städten zusammenleben? Denkbare Herausforderungen sind beispielsweise die Übertragung von Krankheiten oder Konkurrenz um die Ressourcen. Beide Themen werden derzeit in mehreren Städten erforscht.
Wildbienen besonders verletzlich
Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass es verschiedene Arten von Bienen gibt. „Im Gegensatz zu Honigbienen sind Wildbienen oft auf bestimmte Pflanzen und Lebensräume spezialisiert“, sagt Monika Egerer, Professorin für urbane produktive Ökosysteme an der TUM. „Außerdem leben sie meist allein und nicht in großen Kolonien. Daher erholen sich ihre Populationen nach Störungen wie Krankheiten oder Ressourcenmangel viel langsamer.“
Neue Bienenstöcke bringen große Kolonien mit hohem Nahrungsbedarf in bestehende Ökosysteme. Dies kann insbesondere dann problematisch sein, wenn die vorhandenen Blütenressourcen nicht ausreichen. Zusätzlich kann Hitzestress, wie er zum Beispiel bei Bienenstöcken auf ungeschützten Dächern entsteht, kann den Nahrungsbedarf weiter erhöhen, da die dort angesiedelten Honigbienen mehr Energie zur Temperaturregulation benötigen.
Das „Urban Bee Concept“: Maßnahmen für eine nachhaltige Koexistenz“
Die aktuelle Studie adressiert diese Herausforderungen und schlägt unter dem Namen “Urban Bee Concept” ein Maßnahmenpaket vor, das unter dem Begriff „Urban Bee Concept“ zusammengefasst wird. Ziel ist es, eine nachhaltige Balance zwischen artgerechter Honigbienenhaltung und dem Schutz von Wildbienen zu schaffen. Zu den zentralen Empfehlungen zählen:
• Ausbau und gezielte Gestaltung von Blütenressourcen mit Blick auf deren Nährstoffangebot
• Reduktion der Bienenstockdichte in besonders sensiblen urbanen Räumen
• Vermeidung ungeeigneter Standorte für Bienenstöcke, insbesondere unter Hitzebelastung
• Verbesserte Abschätzung der ökologischen Tragfähigkeit urbaner Räume
• Systematische Überwachung von Bienengesundheit und Krankheitsdynamiken
• Stärkere Förderung von Schulungen, Aufklärung und Verhaltenskodizes durch Imkervereine
„Entscheidend ist die Zusammenarbeit aller Beteiligten – von Forschung über Naturschutz bis hin zu Behörden und Imkern“, sagt Joan Casanelles Abella aus dem Forschungsteam. Gerade die heterogene Struktur der städtischen Imkerinnen und Imker erfordere abgestimmte Strategien. Von Hobbyimkern mit einzelnen bis hin zu Unternehmen mit Dutzenden Bienenstöcken müssten gemeinsame Leitlinien entwickelt werden. Besonders wertvoll seien die städtischen Imkervereine, um die Maßnahmen zu konzipieren und umzusetzen.
„Viele Menschen betreiben Urban Beekeeping, weil sie den Bienen helfen wollen“, sagt Monika Egerer. „Mit mehr Wissen und Austausch können wir sicherstellen, dass sowohl Honigbienen als auch Wildbienen davon profitieren.“
Originalpublikation:
Casanelles-Abella, J., Baldock, K., Leonhardt, S. D., Moretti, M., Patterson, M., & Egerer, M. (2026). When honeybees come to town: Critical aspects of urban beekeeping and opportunities for regulation. People and Nature, 8, 528–540. https://doi.org/10.1002/pan3.70256
29.04.2026, Hochschule Magdeburg-Stendal
Neues Projekt für den Insektenschutz in Drömling und Welski-Park in Polen
Das deutsch-polnische Projekt InsectCare, das an der Hochschule Magdeburg-Stendal angesiedelt ist, entwickelt und erprobt innovative Verfahren, um Insektenvorkommen, Habitatqualität und Renaturierungserfolge verlässlich zu erfassen und den Insektenschutz in der Praxis zu stärken.
Insekten erfüllen zentrale Funktionen in Ökosystemen: Bestäuber sichern die Fortpflanzung zahlreicher Wild- und Kulturpflanzen, wassergebundene Arten sind wichtige Indikatoren für die Qualität von Gewässern und Feuchtlebensräumen. Allerdings gehen ihre Bestände vielerorts zurück.
Sind renaturierte Lebensräume artenreicher?
Wie lassen sich daher belastbare Datengrundlagen schaffen, um Bestäuber und andere Insekten wirksam zu schützen? Wie kann gemessen werden, ob renaturierte Lebensräume tatsächlich artenreicher und ökologisch wertvoller werden? Und wie lassen sich neue Monitoringmethoden so entwickeln, dass sie auch in der Praxis einsetzbar sind?
Nicht nur Libellen, Bestäuber oder Köcherfliegen
Diesen Fragen widmet sich das deutsch-polnische Projekt InsectCare, das am 1. April 2026 gestartet ist und für drei Jahre geplant ist. Gefördert wird es vom Land Sachsen-Anhalt. Im Mittelpunkt stehen Bestäuber, Laufkäfer sowie wassergebundene Insekten wie Libellen, Köcherfliegen und aquatische Käfer. Ziel des Projekts ist es, neue Methoden zu entwickeln und zu erproben, mit denen sich Habitatqualität und Renaturierungserfolge verlässlich erfassen lassen. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zur Umsetzung der EU-Renaturierungsverordnung, mit der geschädigte Ökosysteme in Europa schrittweise wiederhergestellt, ihre biologische Vielfalt gestärkt und unter anderem der Rückgang von Bestäubern aufgehalten werden sollen. Als Reallabore dienen das UNESCO-Biosphärenreservat Drömling in Sachsen-Anhalt und der Welski Park in Polen.
Erfassung und direkte Hilfen zur Verbesserung
InsectCare verbindet klassische Insektenkartierung mit technologisch gestütztem Monitoring. Ergänzend zu etablierten Feldmethoden werden Bioakustik, Videoanalyse, Biotelemetrie und Künstliche Intelligenz eingesetzt. So können Vorkommen, Aktivitätsmuster und Habitatnutzung standardisierter, über längere Zeiträume und möglichst eingriffsarm erfasst werden. Ergänzend entwickelt und erprobt das Projekt Maßnahmen zur Habitatverbesserung, darunter innovative Nisthilfen für Bestäuber.
Die Partnerschaft
Beteiligt als wissenschaftliche Einrichtungen sind die Hochschule Magdeburg-Stendal und die Universität Ermland-Masuren in Olsztyn, Polen, in Kooperation mit der University of Life Sciences in Poznań. Als Reallabore dienen das UNESCO-Biosphärenreservat Drömling in Sachsen-Anhalt und der Welski Park in Polen. Die Hochschule Magdeburg-Stendal, AG Ingenieurökologie unter Leitung von Prof. Dr. Petra Schneider, koordiniert das Projekt und bündelt ihre Expertise aus Renaturierung, Ökologie, Ingenieurwissenschaften und KI. Ein „Insect Knowledge Hub“ soll die im Projekt gewonnenen Daten und Erkenntnisse langfristig für Forschung, Praxis und Bildung sichern und für Bildungszwecke zugänglich machen. Involviert sind unter dem Dach des Instituts für Wasserwirtschaft und Ökotechnologie (IWO) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Fachbereiche Wasser, Umwelt, Bau und Sicherheit (WUBS) sowie Ingenieurwissenschaften und Industriedesign (IWID).
Das Projekt soll bis 2029 laufen, die Zuwendung für das erste Jahr beträgt 458.441,00 Euro. Es sind mindestens drei Wissenschaftliche Mitarbeiter geplant.
01.05.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Wie Eichen ihre Fressfeinde austricksen
Wenn Eichen stark von Raupen angefressen werden, treiben sie im nächsten Frühjahr später aus. Diese Strategie wirkt sehr gut gegen die Fressfeinde, wie ein internationales Forschungsteam im Journal „Nature Ecology & Evolution“ zeigt.
Frühling im Wald: Viele Insekten, vor allem Raupen, schlüpfen genau dann, wenn die nährstoffreichen Blätter der Bäume noch jung und weich sind. So finden sie einen reich gedeckten Tisch und können direkt mit dem Fressen anfangen.
Werden Eichen in einem Jahr stark von Raupen befallen, reagieren sie darauf im folgenden Frühjahr: Sie verzögern dann ihren Blattaustrieb um drei Tage. Für die Raupen ist das ungünstig. Sie stehen nach dem Schlüpfen wortwörtlich vor leeren Tellern, weil die Eichenblätter noch fest in den Knospen verborgen sind.
Diese Strategie ist sehr effizient: Die Verzögerung von drei Tagen reicht aus, um die Überlebensrate der Insekten massiv zu senken. Und sie verringert den Fraßschaden am Baum um beeindruckende 55 Prozent.
Das berichtet ein internationales Forschungsteam im Fachblatt Nature Ecology & Evolution.
Bäume reagieren im Frühling nicht nur auf das Wetter
„Die Verzögerungstaktik ist für die Eiche effektiver als eine chemische Abwehr, etwa durch bittere Gerbstoffe im Blatt“, sagt Dr. Soumen Mallick, Postdoc am Biozentrum der Universität Würzburg und Erstautor der Studie. Denn für die verstärkte Produktion von Gerbstoffen müsste der Baum viel Energie aufwenden.
„Diese Entdeckung verändert unser bisheriges Verständnis vom Frühlingsbeginn im Wald grundlegend“, sagt der Würzburger Forscher. Sie zeige, dass Bäume beim Blattaustrieb nicht bloß passiv auf das Wetter reagieren, sondern auch flexibel auf biologische Gefahren antworten.
Blick aus dem All auf den fränkischen Wald
Um diese Zusammenhänge nachzuweisen, nutzte das Team modernste interdisziplinäre Methoden aus Ökologie und Fernerkundung.
Früher mussten Forschende mühsam einzelne Bäume am Boden beobachten. Für diese Studie aber wurde mit Hilfe von Sentinel-1-Satellitendaten ein 2.400 Quadratkilometer großes Gebiet in Unterfranken lückenlos überwacht. Das Besondere an diesen Radarsatelliten: Sie liefern selbst bei dichter Bewölkung präzise Daten über den Zustand der Baumkronen.
Die Forschenden werteten insgesamt 137.500 Einzelbeobachtungen aus fünf Jahren aus, von 2017 bis 2021. Die Satelliten lieferten Daten in einer Auflösung von 10×10 Metern pro Pixel, was in etwa der Krone eines einzelnen Baumes entspricht. Insgesamt wurden 27.500 solcher Pixel in 60 Waldgebieten analysiert.
Besonders aufschlussreich war das Jahr 2019, als es in der Region zu einem massiven Ausbruch des Schwammspinners kam. „Die Radar-Sensoren erfassten exakt, welche Bäume kahlgefressen wurden und wie diese im Folgejahr darauf reagierten“, sagt Professor Jörg Müller, Leiter des JMU-Lehrstuhls für Naturschutzbiologie und Waldökologie und Co-Betreuer der Studie.
Die Zukunft des Waldes: Ein evolutionäres Tauziehen
Die Studie erklärt erstmals schlüssig, warum der Wald in manchen Frühjahren nicht so schnell grün wird wie es die Temperaturen erwarten lassen. Ihre Ergebnisse sind für den Naturschutz von großer Bedeutung. Bisherige Computermodelle berechnen den Zustand des Waldes oft ungenau, weil sie fast ausschließlich „leblose“ Faktoren wie die Temperatur berücksichtigen und biologische Interaktionen zwischen Pflanzen und Insekten ignorieren.
Bäume befinden sich in einer Art evolutionärem Tauziehen: Während die durch den Klimawandel steigenden Temperaturen sie zu einem immer früheren Laubaustrieb drängen, zwingt der Druck durch Insektenfraß sie dazu, abzuwarten. Ein entscheidender Vorteil der Verzögerungstaktik: Sie ist vorübergehend und umkehrbar. Da die Bäume nur nach einem tatsächlichem Befall später austreiben, können sich die Insekten nicht dauerhaft anpassen.
„Dieses dynamische Zusammenspiel ist ein Beispiel für die hohe Resilienz und Anpassungsfähigkeit des Waldes in einer sich wandelnden Welt“, so Professor Andreas Prinzing von der Universität Rennes (Frankreich), ebenfalls Co-Betreuer der Studie. Künftige Experimente sollen helfen, diese Mechanismen noch genauer zu verstehen.
Originalpublikation:
Satellite data show trees delay budburst across landscapes to escape herbivores. Soumen Mallick et al., Nature Ecology & Evolution, 1. Mai 2026, DOI 10.1038/s41559-026-03071-9

