23.03.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Fledermausmännchen singen im Rotorbereich von Windrädern
Ein Forschungsteam unter Leitung des Museums für Naturkunde zeigt erstmals, dass verschiedene Fledermausarten im unmittelbaren Rotorbereich von Windenergieanlagen Balzgesang produzieren und dabei um die Gondel herumfliegen. Daten von über 80.000 Lautaufaufnahmen in Gondelhöhe an sechs deutschen Standorten sowie stereo-thermische 3D-Rekonstruktionen der Flugbahnen von Fledermäusen belegen sowohl Fledermausgesang als auch erhöhte Fledermausdichte Im Rotorbereich. Beide Befunde legen nahe, dass sich Fledermäuse unter bestimmten Umständen aktiv Windenergieanlagen nähern und liefern eine Erklärung dafür, warum in der Paarungszeit das Kollisionsrisiko steigen könnte.
Fledermausmännchen singen, ähnlich wie Singvögel, um Weibchen anzulocken und Konkurrenten abzuschrecken und fliegen dabei oft um markante Landschaftselemente herum. In homogenen, strukturell armen Landschaften wie z.B. Ackerflächen stellen Windkraftanlagen attraktive Strukturen dar, die Männchen wahrscheinlich als „Gesangswarten“ nutzen. Damit bringen sie sich nicht nur selbst in Gefahr – ihr vergleichsweise weit zu hörender Gesang kann Weibchen zu den Anlagen locken.
Die Forschenden konnten an allen untersuchten Standorten und im gesamten Untersuchungszeitraum Fledermausgesang nachweisen, es handelt sich also nicht um ein lokales Phänomen oder einen Einzelfall. Bemerkenswerterweise wurde der Gesang des Großen Abendseglers und der Rauhautfledermaus auf häufigsten aufgenommen. Diese beiden Arten kollidieren in Deutschland am häufigsten mit Windrädern – ein klarer Verhaltenslink zu den bekannten Schlagopfermustern.
„Aus einer Untersuchung von Kolleg:innen im nordwestdeutschen Küstenraum geht hervor, dass während der Paarungszeit häufiger weibliche als männliche Rauhaut-fledermäuse tot unter Windenergieanlagen gefunden werden“, so Martina Nagy, die Erstautorin der Studie. „Unsere Ergebnisse liefern eine schlüssige mögliche Erklärung für die vielen Weibchen unter den Schlagopfern.“
Die Forschenden konnten aus der Dauer des aufgenommenen Gesangs, der Reichweite der verwendeten Mikrofone und dem bereits vorhandenem Wissen über artspezifische Fluggeschwindigkeiten ableiten, dass Fledermäuse nicht einfach singend an den Anlagen vorbeiflogen, sondern stattdessen um die Gondeln oder den Turm kreisten. Passend dazu schwankte die Lautstärke des Gesangs periodisch (lauter/leiser), wie es beim Kreisen um ein stationäres Mikrofon zu erwarten ist.
Auch die mit zwei Wärmebildkameras erstellten 3D-Rekonstruktionen zeigten ein äußerst eindeutiges Bild. Die Dichte an detektierten Fledermäusen fiel mit wachsendem Abstand zur Gondel stark ab. Das spricht für eine aktive Annäherung der Fledermäuse an die Turbinenstruktur selbst. In der Vergangenheit wurde bereits vermutet, dass Fledermäuse sich Windkraftanlagen nähern könnten, weil sie auf der Suche nach Quartieren oder Nahrung sind. Die neu gewonnenen Ergebnisse zeigen nun, dass Windkraftanlagen für paarungsbereite Fledermäuse interessant sind.
Die Forschenden hoffen, dass sich diese neuen Erkenntnisse mittelfristig in effektivere Schutzstrategien umwandeln lassen. „Windenergie leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz, aber dies darf nicht auf Kosten des Artenschutzes geschehen“, sagt Mirjam Knörnschild, Seniorautorin der Studie. Wenn wir verstehen, warum Fledermäuse Windkraftanlagen gezielt anfliegen, können Betreiber präziser und artsensibler als bisher abschalten, um die Schlagopferzahl zu minimieren.“
Originalpublikation:
https://doi.org/10.1038/s42003-026-09882-7
24.03.2026, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Studie: Hummeln sind Wirte für gefährliches Bienenvirus
Steinhummeln dienen dem Akuten Bienenlähmungs-Virus in der freien Natur als Wirt. Während das Virus den Hummeln offenbar wenig Schaden zufügt, verläuft eine Infektion bei Honigbienen in der Regel tödlich. Bislang ging man davon aus, dass nur Honigbienen als Wirte für das Virus in Frage kommen. Mithilfe umfangreicher Feldversuche konnte ein Team der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Georg-August-Universität Göttingen nun nachweisen, dass Steinhummeln der wichtigste Wirt für das Virus sind. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift „Ecology Letters“ und könnte für neue Schutzmaßnahmen hilfreich sein, um die Ausbreitung solcher Krankheiten in der Natur einzudämmen.
Honigbienen, Wildbienen und andere Insektenarten sind durch ihre gemeinsamen Blütenbesuche miteinander verbunden. „Eine blühende Sommerwiese ist also zugleich Nahrungsquelle und ein möglicher Übertragungsort für virale Infektionen. Denn dort kommen die Insekten auf der Suche nach Nahrung mit eventuell virenbelastetem Material in Kontakt, zum Beispiel Pollen und Nektar“, sagt der Biologe Prof. Dr. Robert Paxton von der MLU. Bislang sei man in der Forschung davon ausgegangen, dass nur Honigbienen als Wirte für verschiedene Viren dienen und so Hummeln und andere Wildbienen damit anstecken können. Die neue Studie zeichnet jedoch ein anderes Bild: Demnach können auch Wildbienen Wirte für Viren sein und damit theoretisch zur Infektion von Honigbienen beitragen.
Dieses Ergebnis basiert auf Daten, die das Team bei Feldversuchen an 32 Standorten in Niedersachsen und Hessen gesammelt und umfangreich ausgewertet hat. Die Forschenden beobachteten zunächst, ob verschiedene Bienenarten die gleichen Blumen besuchten. Außerdem analysierten sie mithilfe eines Virus-Screenings bei 1.725 Insekten für verschiedene Bienenarten, wie stark jede Art zur Verbreitung verschiedener Viren beiträgt. „Um herauszufinden, welche Bienenart am meisten zur Verbreitung eines Virus beiträgt, haben wir die sogenannte artspezifische Basisreproduktionszahl R? genutzt. Damit können wir berechnen, wie viele Insekten ein Insekt der gleichen Art anstecken kann“, erklärt Patrycja Pluta von der MLU, Erstautorin der Studie. So berechnete das Team für jede Kombination aus Virus und Bienenart punktgenau, wie leicht sich das Virus ausbreiten kann und wie stark jede Bienenart potenziell zur Verbreitung der Viren beiträgt.
Für drei bekannte Bienenviren identifizierten die Forschenden die wichtigsten Wirtsinsekten. Es zeigte sich, dass an den untersuchten Standorten Honigbienen zwar die Hauptträger für das Flügeldeformationsvirus (DWV) und das sogenannte Black Queen Cell Virus (BQCV) sind. „Beim Akuten Bienenlähmungs-Virus ist das hauptsächliche Wirtsinsekt aber eine Wildbiene: die Steinhummel Bombus lapidarius“, sagt Patrycja Pluta. Infizieren sich Honigbienen mit dem Virus, können sie nach kurzer Zeit nicht mehr fliegen, zittern und sterben innerhalb weniger Tage. Das kann zu einem raschen Zusammenbruch eines ganzen Volkes führen.
Ein weiteres Ergebnis: Die Zusammensetzung der Bienenarten an einem Standort beeinflusst die Verbreitung von Viren weniger als bisher angenommen. Dagegen spielt der direkte Kontakt zu Bienen, die viele Viren übertragen, eine entscheidende Rolle. Und der geschieht bei Blütenbesuchen. Laut Robert Paxton sind diese Erkenntnisse wichtig, um zu verstehen, wie sich Krankheiten in der Natur ausbreiten und wie man dem womöglich entgegenwirken kann. „Je mehr Platz und Nahrungsangebot Bienen haben, desto unwahrscheinlicher werden Infektionen. Um das Risiko zur weiteren Ausbreitung der Krankheiten zu minimieren, wären also zum Beispiel mehr Blühstreifen mit vielen unterschiedlichen Pflanzenarten sehr hilfreich“, so Paxton.
Die Studie wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages über das Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
Originalpublikation:
Studie: Pluta P. et al. Multiple Key Hosts and Network Structure Shape Viral Prevalence Across Multispecies Communities of Bees. Ecology Letters (2026). doi: 10.1111/ele.70327
https://doi.org/10.1111/ele.70327
23.03.2026, Eberhard Karls Universität Tübingen
Späte Neandertaler in Europa gehen auf eine einzelne Gruppe zurück
Internationales Team unter Leitung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Universität Tübingen zeigt große Umbrüche in der genetischen Geschichte dieser Menschen auf
Die letzten Neandertaler in Europa teilten einen weitgehend einheitlichen Genpool, und es gab einen umfassenden Umbruch in ihrer Bevölkerung vor ihrem endgültigen Verschwinden vor rund 40.000 Jahren. Das ergab eine Studie, in der neue DNA-Daten untersucht und mit archäologischen Nachweisen kombiniert wurde. In der Studie zeichnete ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Professor Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen die dramatische genetische Geschichte der europäischen Neandertaler nach. Hinweise darauf, dass die weitverbreiteten früheren Neandertalerpopulationen in Europa weitgehend verschwunden waren, existierten bereits. Die neue Studie ergab, dass eine lokale Gruppe die rauen Bedingungen des Eiszeitklimas vor rund 75.000 Jahren durch Rückzug in ein Refugium im heutigen Südwestfrankreich überlebt hatte – und dass die Nachkommen dieser Überlebenden sich nach 65.000 Jahren vor heute über Europa ausbreiteten. Genetisch gesehen stammten fast alle späten Neandertaler von dieser einen Linie ab.
Posth und sein Team stellten auch fest, dass diese späten Neandertaler vor rund 45.000 Jahren einen weiteren starken Rückgang ihrer Population erlitten. Die Zahlen gingen sehr schnell zurück und erreichten ein Minimum vor rund 42.000 Jahren – kurz bevor die Neandertaler endgültig ausstarben. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht.
Genetisch lassen sich die Neandertaler klar von modernen Menschen, dem Homo sapiens, unterscheiden, die vor rund 40.000 Jahren an die Stelle der Neandertaler traten. „Wir haben Belege, dass die Neandertaler Europa durchgehend zwischen 400.000 bis 40.000 Jahren vor heute besiedelten. Doch im Einzelnen ist ihre Bevölkerungsgeschichte nur bruchstückhaft bekannt“, berichtet Cosimo Posth. „Wir wissen bisher vor allem wenig darüber, welche evolutionäre Entwicklung ihrem Aussterben vor rund 40.000 Jahren vorausging.“ Ihn und das Forschungsteam interessierten daher besonders die späten Neandertaler, die im Zeitraum von etwa 60.000 bis 40.000 Jahre vor heute lebten.
Zehn seltene neue Individuen
In ihrer Studie konzentrierten sich die Forscherinnen und Forscher in unterschiedlichen Proben von Neandertalerzähnen und -knochen, die aus Höhlen und Felsdächern geborgen wurden, auf die Mitochondrien. Diese Zellorganellen, das sind die kleinen Organe in der Zelle, besitzen eigene DNA, die unabhängig von der Haupt-DNA im Zellkern vererbt wird. „Die Mitochondrien-DNA enthält lange nicht so viele genetische Informationen wie das gesamte Erbgut eines Menschen, aber sie bleibt in der Regel länger erhalten und kann leichter gewonnen werden“, erklärt die Erstautorin der Studie Charoula Fotiadou aus Posths Arbeitsgruppe.
Das Forschungsteam sequenzierte die mitochondriale DNA von zehn neuen Neandertalerindividuen aus sechs archäologischen Fundstätten in Belgien, Frankreich, Deutschland und Serbien. Sie wurden neben 49 weiteren Proben mitochondrialer DNA analysiert, deren Daten bereits veröffentlicht waren. Die Analyseergebnisse wurden zusammengeführt mit Daten zum Vorkommen von Neandertalern in Europa aus der umfassenden Datenbank ROAD des Projekts ROCEEH (The Role of Culture in Early Expansions of Humans) der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt sowie der Universität Tübingen. „Auf diese Weise konnten wir die beiden Beweislinien kombinieren und die demografische Geschichte der Neandertaler räumlich und zeitlich rekonstruieren“, sagt der Studienmitautor Jesper Borre Pedersen vom Projekt ROCEEH.
Eine gemeinsame Abstammungslinie
Die Studie ergab, dass die rauen Klimabedingungen der Eiszeit vor rund 75.000 Jahren den europäischen Neandertalern stark zusetzten und ihre genetisch vielfältigen Populationen dezimierten. Aus diesem Zeitraum seien weniger archäologische Fundstätten bekannt, die sich zudem auf das südwestliche Europa konzentrieren, sagt Posth: „Aus unseren Daten ließ sich geografisch rekonstruieren, dass sich die Neandertaler in das heutige Südwestfrankreich zurückgezogen hatten. Dort entstand vor rund 65.000 Jahren eine neue Population, die sich später über ganz Europa ausbreitete. So ist zu erklären, warum fast alle späten Neandertaler von der Iberischen Halbinsel bis zum Kaukasus, deren Gene bisher sequenziert wurden, zur gleichen Vererbungslinie mitochondrialer DNA gehören.“ Es habe also einen enormen Umbruch in der genetischen Geschichte der europäischen Neandertaler gegeben.
Darüber hinaus ließen die Forscherinnen und Forscher ein Statistikprogramm berechnen, ob die genetischen Veränderungen innerhalb der mitochondrialen DNA über die Zeit mit der Annahme einer Population gleichbleibender Größe übereinstimmen. Das war nicht der Fall: Vielmehr ging die Zahl der Neandertaler der Berechnung zufolge vor 45.000 bis 42.000 Jahren schnell und stark zurück. „Die späten Neandertaler bildeten genetisch gesehen eine sehr homogene Gruppe“, sagt Posth. „Denkbar ist, dass die geringe genetische Vielfalt – und möglicherweise auch die anschließende Isolation kleiner Gruppen – zum Verschwinden der Neandertaler beigetragen haben.“
Originalpublikation:
Charoula M. Fotiadou, Jesper Borre Pedersen, Hélène Rougier, Mirjana Roksandic, Maria A. Spyrou, Kathrin Nägele, Ella Reiter, Hervé Bocherens, Andrew W. Kandel, Miriam N. Haidle, Timo P. Streicher, Nicholas J. Conard, Flora Schilt, Ricardo Miguel Godinho, Thorsten Uthmeier, Luc Doyon, Patrick Semal, Johannes Krause, Alvise Barbieri, Dušan Mihailović, Isabelle Crevecoeur, Cosimo Posth: Archaeogenetic insights into the demographic history of Late Neanderthals. PNAS, https://doi.org/10.1073/pnas.2520565123
25.03.2026, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)
Marine Hitzewellen und Korallenbleiche: Warum sich manche Riffe schneller erholen als andere
Klimabedingte Stressfaktoren wie marine Hitzewellen führen weltweit zu einem rapiden Rückgang der Korallenbedeckung und setzen Riffökosysteme unter Druck. Mithilfe eines mathematischen Modells identifizierten Forschende unter der Leitung von Subhendu Chakraborty (ZMT) einen Schlüsselmechanismus. Dieser erklärt, warum sich manche Korallen nach einer Störung schneller erholen als andere, und trägt dazu bei, Merkmale zu identifizieren, die für die Stärkung von Wiederherstellungsstrategien relevant sind. Die Studie im Journal of the Royal Society Interface untersucht die Korallenrekrutierung – den Prozess, durch den sich Korallenlarven ansiedeln und zu ausgewachsenen Korallen entwickeln.
Frühere Forschungen hatten gezeigt, dass die Rekrutierung davon abhängen kann, wie viele ausgewachsene Korallen bereits im Riff leben. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen zeigt die neue Forschungsarbeit, dass die spezifische Abhängigkeit der Rekrutierung von der Dichte ausgewachsener Korallen entscheidend dafür ist, wie rasch sich Riffe nach Störungen wie Korallenbleichen regenerieren können.
+++ Mehrfachstress für Riffe: Von Hitzewellen bis Dornenkronenseesternen +++
Korallenriffe zählen zu den produktivsten und artenreichsten Ökosystemen der Erde. Doch ihre Bestände schrumpfen zusehends. Verantwortlich ist ein Zusammenspiel mehrerer Stressfaktoren: marine Hitzewellen, die Korallenbleichen auslösen, Nährstoffanreicherungen sowie die zunehmende Ausbreitung korallenfressender Dornenkronenseesterne. Dem Global Coral Reef Monitoring Network (GCRMN) zufolge haben 84 % der weltweiten Riffe bereits Hitzestress in einem Ausmaß erlebt, das zu Bleiche führt. Der Global Tipping Points Report des letzten Jahres warnte, dass die Welt durch das weltweite Absterben von Warmwasser-Korallenriffen ihren ersten klimatischen Kipppunkt erreicht habe.
Trotz weitreichender Schäden zeigen einige Riffe allerdings Anzeichen der Erholung, während andere sich weiter zurückbilden. Die Ursachen dafür zu verstehen, ist eine zentrale Voraussetzung für wirksame Schutzstrategien. Ein Forschungsteam des ZMT und der Vrije Universiteit Amsterdam untersuchte nun, ob Unterschiede in den Rekrutierungsmustern von Korallen die Fähigkeit eines Riffs beeinflussen, sich nach einer Störung zu regenerieren.
„Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Jungkorallen verschiedener Arten unterschiedlich ansiedeln und wachsen, je nachdem, wie viele erwachsene Korallen bereits am Riff vorhanden sind“, sagt ZMT-Meereswissenschaftler Subhendu Chakraborty, Erstautor der Studie. „Mit anderen Worten: Einige Arten bringen leichter neue Jungkorallen hervor, wenn nur wenige erwachsene Korallen in der Nähe sind, während andere darauf angewiesen sind, dass viele erwachsene Korallen vor Ort sind.“
Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse entwickelten die Forschenden ein mathematisches Modell der Konkurrenz zwischen Korallen und Makroalgen, um drei Szenarien der Korallenrekrutierung zu testen: eine Rekrutierung, die mit der Anzahl der in der Nähe vorhandenen erwachsenen Korallen stetig zunimmt; eine Rekrutierung, die besonders effektiv ist, wenn nur wenige erwachsene Korallen in der Umgebung verbleiben; oder eine Rekrutierung, die nur zunimmt, wenn viele erwachsene Korallen vorhanden sind.
Anschließend simulierten die Forschenden einen massiven Korallenverlust und untersuchten, welche Korallenarten sich unter verschiedenen Umweltbedingungen erholen und Makroalgen verdrängen konnten. Das Modell stützte sich auf empirische Daten einer riffbildenden Acropora-Korallenart.
„Nicht alle Korallen haben die gleiche Fähigkeit, sich zu regenerieren“, erklärt Chakraborty. „Einige Korallenarten, wie beispielsweise Acropora, können sich erholen und Makroalgen verdrängen, selbst wenn nur wenige adulte Tiere überleben. Andere hingegen sind dazu nur eingeschränkt in der Lage – es sei denn, zahlreiche adulte Tiere verbleiben in der Nähe des Ansiedlungsortes oder die Störung fällt sehr gering aus“, so der Forscher.
„Insgesamt konnten wir zeigen, dass kleine Unterschiede in der Art und Weise, wie Korallen nachwachsen, darüber entscheiden können, ob ein Riff nach einer Störung überlebt oder schließlich einem Regimewechsel erliegt, bei dem Makroalgen die Oberhand gewinnen“, fügt Senior-Autor und Meereswissenschaftler Agostino Merico vom ZMT hinzu.
+++ Korallenmerkmale verstehen, um die Regenerierung von Riffen zu verbessern +++
Die ZMT-Riffökologin und Mitautorin Sonia Bejarano fasst die Ergebnisse und ihre Auswirkungen auf die Riff-Renaturierung so zusammen: „Die Erholung der Korallen hängt nicht nur davon ab, wie stark ein Stressfaktor ist, sondern auch von den biologischen Merkmalen der Korallenarten“, sagt sie. „Die Auswahl der richtigen Korallenarten könnte die Bemühungen zur Riff-Renaturierung vorantreiben.“
Mitautor Bob Kooi, mathematischer Modellierer an der Vrije Universiteit Amsterdam, erklärt: „Wenn die Korallenbedeckung zu stark abnimmt, können sich Riffe möglicherweise nicht von selbst erholen. Das Verständnis der biologischen Unterschiede zwischen Korallen hilft zu erklären, warum sich manche Riffe nach schweren Störungen wie einer Bleiche erholen und andere zusammenbrechen.“
Gesunde Korallenriffe bedeuten Ernährungssicherheit, Arbeitsplätze und Küstenschutz für Hunderte Millionen Menschen in tropischen und subtropischen Regionen. Ihr Rückgang wirkt sich sowohl auf die Natur als auch auf menschliche Gemeinschaften aus. Daher beleuchtet die Studie nicht nur die Dynamik von Riffen, sondern hat auch relevante Implikationen für den Schutz von Riffen und die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Lösungen für ein nachhaltiges Management.
Das Team entwirft nun Laborexperimente, um die Modellergebnisse unter einem breiteren Spektrum von Bedingungen zu testen. „Wir wollen mathematische Modellierungsansätze mit Laborexperimenten verbinden, um Vorhersagen in komplexeren Umweltszenarien weiter zu verbessern“, so Chakraborty und Merico abschließend.
Originalpublikation:
Chakraborty S, Bejarano S, Kooi B, Merico A. 2026 Impacts of different recruitment density-dependences on post-disturbance coral reef recovery. J. R. Soc. Interface 23: 20250281. https://doi.org/10.1098/rsif.2025.0281
25.03.2026, Universität Hamburg
Gut ernährte Pinguine leben länger, altern jedoch schneller – ähnlich wie moderne Menschen
Die Folgen eines sesshaften Lebensstils lassen sich in Studien am Menschen nur schwer untersuchen. Deswegen hat ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Hamburg sie nun an Königspinguinen erforscht. Das Ergebnis: Ein üppiges Nahrungsangebot bei geschützten Lebensbedingungen fördert zwar ein schnelles Wachstum, führt aber letztlich zu beschleunigtem Altern. Die Studie wurde in „Nature Communications“ publiziert.
Die Erforschung des Alterns in modernen Gesellschaften ist komplex, da viele Faktoren es beeinflussen. Beispielsweise spielen soziale, verhaltensbezogene und umweltbedingte Aspekte wie Ernährungssicherheit, medizinischer Fortschritt, Armut oder auch Alkoholkonsum eine Rolle. Diese vielfältigen Faktoren machen Langzeitanalysen schwierig. Doch anders als bei Menschen haben sich die sozio-ökonomischen Lebensumstände von Königspinguinen in den vergangenen Jahrhunderten nicht gravierend verändert. Ihre Lebenserwartung von zwanzig bis vierzig Jahren ist für Tiere relativ hoch und ermöglicht damit Vergleiche zum Menschen – das macht sie zu besonders geeigneten Modelltieren.
Ziel der jetzt in „Nature Communications“ veröffentlichten Studie war es, das biologische und das chronologische Alter von wildlebenden und sesshaften Königspinguinen zu vergleichen. Dafür wurden 34 Tiere aus der freien Wildbahn und 30 Zootiere untersucht. Die wildlebenden Tiere fand das internationale Forschungsteam auf den Crozetinseln, einer Inselgruppe im Indischen Ozean, die zwischen Südafrika und der Antarktis liegt. Die Zootiere führen im Zoo Zürich und im Loro Parque auf Teneriffa ein komfortables Leben mit vergleichsweise wenig Bewegung bei konstantem Futterangebot – ähnlich wie Menschen in modernen westlichen Gesellschaften.
„Es ist spannend, dass moderne wissenschaftliche Methoden wie sogenannte epigenetische Uhren, die ursprünglich für die Erforschung des menschlichen Alterns entwickelt wurden, heute auch bei Tieren angewendet werden können. Diese Analysemethode erfasst chemische Markierungen auf der DNA, die sich im Laufe des Lebens verändern“, erklärt Dr. Britta Meyer, Evolutionsbiologin an der Universität Hamburg und Co-Autorin der Studie.
Die Ergebnisse der Blutanalysen sind eindeutig: Das Leben im Zoo beschleunigt den Alterungsprozess bei Pinguinen gravierend. „Ein 15-jähriger Pinguin im Zoo hat das biologische Alter eines 20-jährigen Pinguins in der Wildnis. Das Interessante ist, dass die Zoo-Pinguine insgesamt trotzdem länger leben“, erklärt der Erstautor der Studie, Dr. Robin Cristofari von der Universität Helsinki.
Die Zoo-Pinguine seien möglicherweise in schlechterer körperlicher Verfassung als wild lebende Artgenossen, aber ohne natürliche Feinde, antarktische Stürme und mit Zugang zu tierärztlicher Versorgung können sie deutlich älter werden. Das bedeutet: Sowohl Pinguine als auch Menschen leben in modernen Umgebungen mit fortschrittlicher Gesundheitsversorgung länger, doch dies führt nicht zwangsläufig zu einer besseren Gesundheit im höheren Alter.
Welche Art von Lebensstil nicht nur ein längeres, sondern auch ein gesünderes Leben bei Pinguinen fördert, will das Forschungsteam als nächstes untersuchen. „Derzeit führen wir eine Studie durch, bei der wir Pinguine dazu anregen, weniger zu fressen und sich mehr zu bewegen. Es ist wichtig, in einer Welt des Überflusses einen moderaten Lebensstil zu finden – auch für uns Menschen“, fasst Dr. Cristofari zusammen.
An der Studie waren neben der Universität Hamburg die Universität Helsinki (Finnland), das Nationale Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Frankreich, der Zoo Zürich (Schweiz) sowie der Loro Parque (Spanien) beteiligt.
Originalpublikation:
„Lifestyle change accelerates epigenetic ageing in King penguins“
https://www.nature.com/articles/s41467-026-70527-8
25.03.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Kleine Krebse an großen Knollen: 24 neue Tiefseearten entdeckt
Forschende haben 24 neue Arten von Tiefsee-Flohkrebse aus der Clarion-Clipperton-Zone beschrieben, darunter erstmals eine neue Familie und zwei neue Gattungen. Die Flohkrebse übernehmen eine Schlüsselrolle im Ökosystem, indem sie organisches Material zersetzen und zahlreichen Fischen sowie anderen Meerestieren als Nahrungsquelle dienen. Der Lebensraum der neu beschriebenen winzigen Krebstiere liegt in einem potenziellen Abbaugebiet für mineralische Rohstoffe. Die Entdeckungen stammen aus einem internationalen Taxonomie-Workshop und erweitern das Wissen über die bislang wenig erforschte Tiefsee und ihre Biodiversität.
Flohkrebse, auch als Amphipoden bezeichnet, sind kleine, krebsartige Lebewesen, die in nahezu allen marinen Lebensräumen vorkommen. Trotz ihrer geringen Größe, von einigen Millimetern bis zu wenigen Zentimetern, spielen sie eine zentrale Rolle im Ökosystem Meer. Sie zersetzen organisches Material wie Algen und abgestorbene Pflanzenreste, wodurch sie Nährstoffe wieder für andere Organismen verfügbar machen. Gleichzeitig dienen sie als wichtige Nahrungsquelle für viele Meerestiere. „Ohne Flohkrebse würde sich detritisches Material ansammeln, und viele Fischarten hätten weniger Nahrungsressourcen, was das Gleichgewicht mariner Ökosysteme erheblich stören könnte. Ihre Aktivität trägt somit entscheidend zur Stabilität, Produktivität und Biodiversität der Meere bei“, erklärt Dr. Anne Helene S. Tandberg vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt.
Die Senckenberg-Meeresforscherinnen Dr. Anne Helene Tandberg und Dr. Anne-Nina Lörz haben gemeinsam mit einem internationalen Team und unter der Leitung von Dr. Anna Jażdżewska von der University of Lodz und Dr. Tammy Horton vom National Oceanography Centre 24 neue Flohkrebsarten aus der Tiefsee beschrieben. „Die Neubeschreibungen sind das Ergebnis eines 2024 stattgefundenen, einwöchigen Taxonomie-Workshops. 16 Expert*innen sowie Nachwuchswissenschaftler*innen aus aller Welt sind hier zusammengekommen, um neue Arten aus der Clarion-Clipperton-Zone zu beschreiben“, erzählt Lörz.
Die Clarion-Clipperton-Zone im zentralen Pazifik erstreckt sich über rund sechs Millionen Quadratkilometer zwischen Hawaii und Mexiko und zählt zu den biologisch vielfältigsten, aber bislang wenig erforschten Tiefseegebieten der Welt. Der Meeresboden ist mit Milliarden polymetallischer Knollen bedeckt, die hauptsächlich aus Mangan- und Eisenoxid bestehen, aber auch Nickel, Kobalt und seltene Erden enthalten, welche für den globalen Rohstoffbedarf von wachsender Bedeutung sind. Gleichzeitig bietet die Clarion-Clipperton-Zone zahlreichen bislang unbekannten Tierarten einen Lebensraum, wie den neu entdeckten Flohkrebsen. „Das Verständnis der Biodiversität der Tiere, die auf und zwischen diesen Knollen leben, ist entscheidend, um zu wissen, wie wir unsere Ozeane – im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie – für zukünftige Generationen am besten schützen können“, so Jażdżewska.
Die Forschenden beschrieben innerhalb einer Woche 24 neue Arten aus zehn Amphipoden-Familien, darunter sowohl Räuber als auch Aasfresser. Besonders bemerkenswert ist die Entdeckung einer neuen Familie, Mirabestiidae, und einer neuen Überfamilie, Mirabestioidea, die völlig neue evolutionäre Abstammungslinien offenbaren. Außerdem wurden zwei neue Gattungen, Mirabestia und Pseudolepechinella, identifiziert, die tiefsten bisher bekannten Nachweise mehrerer Gattungen dokumentiert und erstmals molekulare DNA-Barcodes für einige seltene Arten erstellt. Die neuen Arten erhielten Namen, die teilweise persönliche, kulturelle oder kreative Bezüge widerspiegeln. So wurden die Projektleiterinnen Dr. Tammy Horton und Dr. Anna Jażdżewska geehrt: Byblis hortonae und Thrombasia ania. Eine Art der neuen Überfamilie, Mirabestia maisie, wurde nach Hortons Tochter benannt, während Pseudolepechinella apricity die Wärme der Wintersonne wiedergibt, die während des Workshops in Lodz schien. Tandberg fügt an: „Unsere Ergebnisse markieren einen entscheidenden Schritt zur Erfassung und Dokumentation der reichen Biodiversität der Clarion-Clipperton-Zone. Die Taxonomie ist zentral für das Verständnis der Tierwelt in der Tiefsee, da sie grundlegende Informationen über Arten, ihre Verbreitung und ihre Rolle im empfindlichen Ökosystem liefert.“
Die Ergebnisse des Teams liefern Informationen, die für zukünftige Naturschutz- und politische Entscheidungen von großer Bedeutung sind, heißt es in der Studie. „Das Projekt zeigt, wie effektiv koordinierte und fokussierte Taxonomie-Workshops sein kann und liefert damit ein mögliches Modell für zukünftige Forschung“, so Lörz. „Durch solche Initiativen – mit etwa 25 neu beschriebenen Arten pro Jahr – könnten die Flohkrebse im östlichen Teil der Clarion-Clipperton-Zone innerhalb von etwa zehn Jahren nahezu vollständig erfasst werden. Gleichzeitig erweitern wir damit unser Wissen über die Tiefsee, ihre bisher weitgehend unbekannten Lebensgemeinschaften und können wirkungsvolle Schutzkonzepte entwickeln“, schließt Tandberg.
Originalpublikation:
Jażdżewska AM, Horton T (2026) New deep-sea Amphipoda from the Clarion-Clipperton Zone: 24 new species described under the Sustainable Seabed Knowledge Initiative: One Thousand Reasons campaign. In: Jażdżewska AM (Ed.) New deep-sea Amphipoda from Clarion-Clipperton Zone. ZooKeys 1274: 1–16. https://doi.org/10.3897/zookeys.1274.176711
25.03.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Der Klimawandel gefährdet Dungkäfer im Amazonas
Steigende Temperaturen bedrohen Dungkäfer-Populationen im Amazonas. Das Beispiel zeigt einen Trend, der viele Insektenarten dort an ihre Hitzegrenze bringen könnte. Forschende aus Würzburg und Bremen haben die Studie durchgeführt.
Mistkäfer beseitigen in Wäldern den Kot von Wildtieren und hemmen damit die Ausbreitung von Parasiten. Den Dung arbeiten sie in den Boden ein und liefern somit Nährstoffe an Pflanzen. Diese Aufgabe erfüllen sie sowohl in europäischen Wirtschaftswäldern als auch im Amazonas. Steigende Temperaturen könnten jedoch zu einem Rückgang der Artenvielfalt und der Populationsgrößen von Dungkäfern führen.
In einer Studie im Amazonasgebiet in Peru haben Forschende der Universitäten Würzburg und Bremen herausgefunden, dass die Temperatur für die Käfer der ausschlaggebende Faktor für erträgliche Lebensbedingungen ist. Andere Bedingungen wie die Bodenfeuchtigkeit und das Nahrungsangebot spielten nur nebensächliche Rollen für die Artenvielfalt und die Anzahl der Dungkäfer.
„Wir haben die Populationen auf Höhen von 250 bis 3.500 Meter über dem Meeresspiegel untersucht und stellten fest, dass auf einer Höhe von 500 Metern die Vielfalt und das Dungkäfer-Vorkommen am höchsten war“, so Dr. Kim Holzmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie am Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Für die Forschenden unerwartet, fiel die Artenzahl von Dungkäferarten zwischen 500 und 250 m Höhe rapide ab.
Der Grund für diese Beobachtung: Auf 500 Höhenmetern sind die Temperaturen in einem Bereich, der für die Käfer ideal ist, während die höheren Temperaturen im Tiefland zu Hitzestress führen. Die Vielfalt sank wiederum in den höheren kälteren Lagen. Insgesamt sammelte das Forschungsteam knapp 5.000 Dungkäfer in Bodenfallen, die es mit Dung, Früchten und Aas als Köder bestückte. Ihre Daten erfassten die Forschenden in den Jahren 2022 und 2023.
Viele Insektenarten im Amazonas könnten ihre Hitzegrenze erreichen
Die Erhebung war Teil einer größeren Studie des Teams: Diese zeigt, dass bis zur Hälfte der Insekten im Amazonas-Tiefland durch den Klimawandel an ihre Hitzegrenze geraten könnten. „Rund 70 Prozent der weltweit beschriebenen Insekten kommen in den Tropen vor. Wir konnten zwar beobachten, dass Insekten in höheren Lagen ihre Hitzetoleranz kurzfristig anpassen können. Viele Tieflandarten besitzen diese Fähigkeit jedoch nicht und sind somit gefährdet“, erklärt Dr. Marcell Peters, Tierökologe an der Uni Bremen.
Das Forschungsteam lieferte mit der Studie zu den Auswirkungen steigender Temperaturen auf Dungkäfer in unterschiedlichen Höhenlagen einen Nachweis des bereits beobachteten Gesamttrends. „Die Auswirkungen des Klimawandels sind in diesem Fall deutlich erkennbar“, sagt Holzmann. Wenn Dungkäfer gefährdet seien, gelte das vermutlich auch für andere Insektengruppen im Amazonastiefland, so die JMU-Wissenschaftlerin.
Originalpublikation:
Temperature boosts and constrains dung beetle diversity along an Andean-Amazonian elevation gradient. Kim L. Holzmann, Pedro Alonso-Alonso, Yenny Correa-Carmona, Andrea Pinos, Felipe Yon, Mabel Alvarado, Adrian Forsyth, Friederike Gebert, Alejandro Lopera-Toro, Andreas Kolter, Gunnar Brehm, Alexander Keller, Ingolf Steffan-Dewenter, Marcell K. Peters. Proceedings B, 25. März 2026, https://doi.org/10.1098/rspb.2025.2792
25.03.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Schalenknackende Schildkröten trotzten dem Massenaussterben am Ende der Kreidezeit
Der Asteroideneinschlag am Ende der Kreidezeit verursachte eines der größten Massenaussterben der Erdgeschichte. Doch manche Organismen trotzten der Katastrophe. Bei Schildkröten hatte die Chance zu überleben offenbar mit ihrer Ernährung zu tun: Insbesondere Arten mit Vorliebe für hartschalige Organismen, überlebten die Katastrophe. SNSB-Paläontologe Serjoscha Evers veröffentlichte die Ergebnisse seiner Studie in der Fachzeitschrift Biology Letters.
Das Massenaussterben an der Grenze zwischen Kreidezeit und Paläogen war katastrophal, ein Großteil des Lebens verschwand von der Erde. Damals dominierende Wirbeltiergruppen, wie die Dinosaurier und viele große Meeresreptilien, fielen den Auswirkungen des Asteroideneinschlags vor rund 66 Millionen Jahren zum Opfer. Doch die Katastrophe traf nicht alle Organismen in gleichem Ausmaß: Schildkröten beispielsweise überlebten mit nur minimalen Verlusten.
Eine neue Studie aus der Arbeitsgruppe von Serjoscha Evers, Paläontologe der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB), zeigt nun: Insbesondere die Schildkröten, die sich von hartschaligen Organismen wie Schnecken oder Muscheln ernährten, überlebten das Massenaussterben weitgehend unbeschadet. Und dies mit einer mehr als fünfmal so hohen Wahrscheinlichkeit, als solche Schildkröten, die Fische gejagt haben oder reine Pflanzenfresser waren.
Offenbar wirkte sich diese ökologische Anpassung bei Schildkröten auf ihre Überlebenswahrscheinlichkeit aus. „Wir beobachten hier einen ökologischen Filter. Die Spezialisierung auf hartschalige Nahrung verschaffte diesen Schildkrötenarten einen evolutionären Vorteil“, erläutert Autor Serjoscha Evers. „Dies liegt wahrscheinlich an der Resilienz dieser Nahrungsquellen selbst – hauptsächlich Muscheln und Schnecken – gegenüber den katastrophalen Auswirkungen des Impakts. Pflanzenfresser hatten im nuklearen Winter nach dem Einschlag Schwierigkeiten zu überleben – mit Auswirkungen auf die gesamte Nahrungskette bis hin zu Fleischfressern. Schnecken und andere Opportunisten dagegen konnten gut überleben. Schildkröten, die genau auf solche Beutetiere spezialisiert waren, standen also weniger unter Druck.“
Wovon sich Schildkröten ernähren, zeigen spezielle anatomische Merkmale ihrer Kiefer. Auf dieser Basis konstruierten Serjoscha Evers und sein Doktorand Guilherme Hermanson von der Universität Fribourg in der Schweiz einen großen Datensatz, der alle Schildkrötenlinien an der Kreide-Paläogen-Grenze einschließt. So konnten die Paläontologen mittels statistischer Modelle bewerten, in welcher Weise die Ernährung als ökologischer Faktor die Aussterbewahrscheinlichkeit bei Schildkröten beeinflusst hat.
Seniorautor Serjoscha Evers leitet das Urwelt Museum Oberfranken, eines von insgesamt zehn Museen der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Guilherme Hermanson ist Doktorand an der Université de Fribourg in der Schweiz.
Originalpublikation:
Guilherme Hermanson, Serjoscha W. Evers; Ecological selectivity of diet on turtle K/Pg survivorship. Biol Lett 1 March 2026; 22 (3): 20250790. https://doi.org/10.1098/rsbl.2025.0790
26.03.2026, Ludwig-Maximilians-Universität München
Weltweit älteste Hunde-DNA entdeckt – Domestizierung möglicherweise früher als gedacht
Forscher haben an zwei Fundstätten aus dem Jungpaläolithikum die ältesten Hunde der Welt entdeckt – 5.000 Jahre älter als die bisher frühesten genetischen Belege für Hunde.
Die Vorfahren der heutigen Haushunde begleiteten den Menschen schon lange – vermutlich bereits, bevor die ersten Nomaden sesshaft wurden. Wann genau die Domestizierung vom Wolf zum Hund begann, blieb jedoch bislang im Dunkeln. Ein internationales Team unter der Leitung der LMU München, des Natural History Museum in London und der University of Oxford hat nun einen entscheidenden Durchbruch erzielt: Durch Analysen alter DNA entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die ältesten genetischen Belege von Hunden. Ihre im Fachjournal Nature veröffentlichten Ergebnisse legen nahe, dass Hunde bereits Jahrtausende früher domestiziert wurden als bisher geglaubt.
Ältester direkter Nachweis von Hunden
Den Beginn der Hundedomestizierung mit traditionellen archäologischen Techniken genau zu bestimmen, hat sich als schwierig erwiesen. Frühe Hunde sind im archäologischen Befund nicht nur selten, sondern ihre Skelette sind morphologisch fast nicht von Wölfen zu unterscheiden. Zudem hinterlassen Verhaltensunterschiede – wahrscheinlich die ersten hundeähnlichen Merkmale, die nach der Domestizierung auftraten – keine Spuren.
Um dieses Problem zu umgehen, analysierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 17 Forschungsinstituten alte Kern-DNA aus Knochen, die als potenzielle Hunde identifiziert wurden. Diese stammen aus den spät-jungpaläolithischen Fundstätten Gough’s Cave im Vereinigten Königreich (etwa 14.300 Jahre alt) und Pınarbaşı in der Türkei (etwa 15.800 Jahre alt). Diese Daten wurden mit den Genomen von über 1.000 modernen und alten Hunden und Wölfen aus der ganzen Welt verglichen. Ihre Ergebnisse belegen, dass die Überreste aus der Gough’s Cave und Pınarbaşı tatsächlich von Hunden stammten – diese Entdeckung verschiebt den ältesten direkten Nachweis für Hunde um mehr als 5.000 Jahre nach hinten.
„Die genetische Identifizierung von zwei paläolithischen Hunden aus der Gough’s Cave und Pınarbaşı stellt einen Wendepunkt in unserem Verständnis der frühesten Hunde dar. Diese Exemplare ermöglichten es uns, weitere alte Hunde an Fundorten in Deutschland, Italien und der Schweiz zu identifizieren, was deutlich zeigt, dass Hunde bereits vor mindestens 14.000 Jahren weit über Europa und die Türkei verbreitet waren“, sagt Dr. William Marsh, Postdoktorand am Natural History Museum in London und Co-Erstautor der Studie.
Unterschiedliche Abstammungslinien bereits vor mindestens 15.000 Jahren etabliert
Die Forschenden fanden zudem heraus, dass die neu identifizierten Hunde enger mit den Vorfahren heutiger europäischer und nahöstlicher Rassen wie dem Boxer und dem Saluki verwandt waren als mit arktischen Rassen wie dem Siberian Husky. Daraus schloss das Team, dass die wichtigsten heutigen Abstammungslinien der Hunde bereits im späten Jungpaläolithikum etabliert waren.
„Das bedeutet, dass bereits vor 15.000 Jahren Hunde mit sehr unterschiedlichen Abstammungslinien in ganz Eurasien existierten, von Somerset bis Sibirien. Dies wirft die Möglichkeit auf, dass die Domestizierung bereits während der letzten Eiszeit stattfand – mehr als 10.000 Jahre vor dem Erscheinen anderer domestizierter Pflanzen oder Tiere“, sagt Dr. Lachie Scarsbrook, Postdoktorand an der LMU und Co-Erstautor der Studie.
Welche Rolle diese Hunde in paläolithischen Gemeinschaften spielten, bleibt unklar. Die Forschenden vermuten jedoch, dass genetisch und kulturell unterschiedliche Jäger-Sammler-Gruppen in Europa und Anatolien Hunde aktiv ausgetauscht haben könnten.
„Die Tatsache, dass Menschen Hunde so früh austauschten, bedeutet, dass diese Tiere wichtig gewesen sein müssen. Angesichts begrenzter Ressourcen impliziert ihre Haltung, dass sie einen Zweck erfüllten. Eine Möglichkeit ist, dass sie als hocheffizientes Alarmsystem dienten“, erklärt der LMU-Paläogenetiker Professor Laurent Frantz, der die Studie gemeinsam mit Professor Ian Barnes (Natural History Museum, London) und Professor Greger Larson (University of Oxford) leitete.
Enge Interaktion zwischen Mensch und Hund
Isotopenanalysen von Überresten aus dem späten Jungpaläolithikum deuten darauf hin, dass die Menschen in Pınarbaşı ihre Hunde wahrscheinlich mit Fisch versorgten. Zusammen mit Belegen dafür, dass die Tiere absichtlich bestattet wurden, deutet dies laut den Forschenden auf eine enge Interaktion zwischen den Menschen und ihren Hunden hin.
Da ähnliche enge Interaktionen auch in der Gough’s Cave gefunden wurden – wo sich menschliche Bestattungspraktiken auch auf Hunde erstreckten –, vermuten die Forschenden, dass Hunde in paläolithischen Jäger-Sammler-Gemeinschaften eine kulturelle Bedeutung hatten.
Ian Barnes sagt dazu: „Obwohl die Menschen in ganz Europa und der Türkei in dieser Zeit kulturell und genetisch verschieden waren, scheinen Hunde in diese Gesellschaften integriert gewesen zu sein. Es ist erstaunlich zu bedenken, wie diese sehr unterschiedlichen Menschengruppen in völlig verschiedenen Umgebungen mit Hunden als Teil ihrer täglichen Jagd- und Fischereiaktivitäten zusammengearbeitet haben könnten“.
Greger Larson fügt hinzu: „Beim Vergleich der DNA dieser alten Hunde mit anderen antiken und modernen Populationen waren wir überrascht, wie eng verwandt die frühesten Hunde waren, obwohl sie mehr als 4.000 km voneinander entfernt lebten. Dies deutet darauf hin, dass die ersten Hunde ein echter Wendepunkt (Gamechanger) waren und sich schnell über Europa verbreiteten“.
Originalpublikation:
W. A. Marsh, L. Scarsbrook et al.:
„Dogs were widely distributed across Western Eurasia during the Palaeolithic“
Nature 2026
https://doi.org/10.1038/s41586-026-10170-x
26.03.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Straßen werden Wildkatzen zum Verhängnis
Eine neue Risikokarte zeigt, wo Wildkatzen besonders vom Straßentod bedroht sind
Es ist eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes: Die Wildkatze kehrt in weite Teile Deutschlands zurück und besiedelt dabei alte Lebensräume neu. Kürzlich konnte eine DNA-Analyse den bereits zweiten Nachweis der Art binnen eines Jahres in Schleswig-Holstein belegen. Die letzten Belege stammen aus dem Mittelalter. Der genetische Nachweis gelang, nachdem ein Jäger eine in einem Zaun verfangene Wildkatze befreite. Bilder und Videos der Rettungsaktion gingen viral – und die zurückgelassenen Haare des Tiers ins Labor, wo der DNA-Beleg erbracht wurde.
„Ausgehend von ihren Kerngebieten in Mittelgebirgsregionen wie dem Harz breiten sich Europäische Wildkatzen seit einigen Jahren immer weiter nach Norden und Osten aus“, sagt Malte Götz, Biologe bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Nach der Wiederbesiedlung von Waldgebieten in der Altmark (Sachsen-Anhalt) und in der Lüneburger Heide (Niedersachsen) erreichte die wilde Samtpfote längst auch Brandenburg: Seit kurzem ist klar, dass ein Wildkatzenweibchen im Wildnisgebiet Jüterbog 2025 erstmals seit 200 Jahren wieder Nachwuchs bekommen hat. Und im südlichen und östlichen Mecklenburg-Vorpommern versucht die Deutsche Wildtier Stiftung aktuell auf ihren Flächen mit nach Baldrian duftenden Haarfallen beweisbare Spuren der scheuen Waldbewohnerin zu sichern, nachdem Wildkameras dort 2023 erstmals vermutlich eine Wildkatze erfasst hatten.
Doch auf ihrem Weg in neue Gebiete müssen die wilden Mäusejäger ein dichtes Netz aus Autobahnen, Bundesstraßen und kleineren Straßen durchqueren. Dabei können sie schnellen Fahrzeugen oft nicht rechtzeitig ausweichen, und es kommt zu tödlichen Kollisionen. „Der Straßenverkehr ist für Wildkatzen in Deutschland Todesursache Nummer eins“, sagt Götz.
Eine wissenschaftliche Studie liefert nun wichtige Daten darüber, wie sich das Unfallrisiko verringern lässt. Mit Unterstützung der Deutschen Wildtier Stiftung untersuchte ein Team um den Biostatistiker Matteo Luca Bastianelli von der Universität Freiburg bundesweit über 800 Unfallstellen, an denen Wildkatzen im Straßenverkehr getötet wurden. Die Experten analysierten, welche Faktoren das Unfallrisiko für Wildkatzen erhöhen – vom Kurvenverlauf und der Straßenbreite bis hin zum Verkehrsaufkommen, der erlaubten Geschwindigkeit und der Nähe zu Waldrändern.
Die so entstandene Risikokarte sagt für das gesamtdeutsche Straßennetz voraus, in welchen Bereichen Wildkatzen einer besonders hohen Gefahr ausgesetzt sind, beim Wechsel der Straßenseite mit Fahrzeugen zu kollidieren. Das bisher einmalige Kartenwerk dient Artenschützern und Verkehrsplanern als neues Werkzeug, um kritische Straßenabschnitte für Wildkatzen zu entschärfen. „Schutzmaßnahmen wie Grünbrücken oder Wilddurchlässe lassen sich nun gezielt dort installieren, wo Wildkatzen besonders gefährdet sind“, sagt Götz, „das hilft immer auch anderen Arten, wie Dachsen, Baummardern und Luchsen“. Einige Straßenabschnitte mit besonders hohem Kollisionsrisiko in bekannten Wildkatzengebieten wurden so bereits entschärft. Auch in Erwartung des Rückkehrers, wie zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, sollten Maßnahmen zur Reduktion des Unfallrisikos für Wildkatzen umgesetzt werden. Artenschützer können dabei auch bereits bestehende Unterführungen von Wegen oder Gewässern an kritischen Straßenabschnitten ohne großen Aufwand optimieren: Eine lichte, naturnahe Gestaltung der Durchlässe und das Pflanzen von Hecken und Gehölzen, die zu den sicheren Querungsmöglichkeiten führen, werden von Wildkatzen gerne genutzt.
Die Risikokarte der im „Journal of Environmental Management“ erschienenen Studie ist zur Verarbeitung in Geoinformationssystemen (GIS) in Form von Rasterdaten unter folgendem Download-Link verfügbar: https://data.mendeley.com/datasets/6t2jmvnhhk/1.
27.03.2026, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Schmetterlinge automatisch analysiert
Neuartige Software misst, sortiert und analysiert Fotos von Schmetterlingen in kürzester Zeit
Das Fangen und Sammeln von Schmetterlingen im tropischen Regenwald ist eine kräftezehrende Angelegenheit. Noch weit mühseliger ist jedoch die wissenschaftliche Auswertung der gesammelten Exemplare, die einzeln in Augenschein genommen und per Hand vermessen werden. Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat jetzt eine Software entwickelt, die viele der Schritte zur Analyse der Merkmale von Schmetterlingen (Lepidoptera) automatisiert. Die Ergebnisse des Teams aus Biologie und Informatik wurden im Magazin „Ecological Informatics“ veröffentlicht. Der Beitrag trägt den Titel „LEPY: A Python pipeline for automated trait extraction from standardised Lepidoptera images“.
Von Hand messen wäre eine Mammutaufgabe
Prinzipiell könnten die Falter per Hand vermessen und analysiert werden, sagt Dr. Gunnar Brehm, auf dessen Idee hin die Software entwickelt wurde. Allein die große Zahl der Tiere würde das jedoch zu einer Mammutaufgabe machen: In den Anden von Peru, wo Doktorandin Yenny Correa-Carmona Feldforschung betreibt, wurden bereits Tausende Falter gesammelt, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die extrem artenreichen Insektengemeinschaften zu untersuchen. Darunter seien etwa 1.000 bisher noch nicht wissenschaftlich beschriebene Arten, was das Material wissenschaftlich außergewöhnlich wertvoll mache, sagt Brehm. Unterschieden werden die Tiere unter anderem nach ihrer Größe und Färbung ihrer Muster. Insgesamt schätzen Experten die Zahl aller Schmetterlinge der Welt auf rund 180.000 bekannte Arten. Sie werden in Tag- und Nachtfalter unterteilt, wobei die nachtaktiven Falter mit etwa 160.000 Arten bei weitem überwiegen.
Produktive Kooperation über Fachgrenzen hinweg
Das Kürzel „LEPY“ steht für Lepidoptera, also Schmetterlinge, und Python, eine bekannte Programmiersprache. Der Informatiker Dimitri Korsch hat mit Unterstützung von Dr. Paul Bodesheim von der Universität Jena die technische Seite des neuen Programms entwickelt. Gunnar Brehm, Yenny Correa-Carmona und Dennis Böttger stellten Material und Fragestellungen bereit und testeten die Daten. Brehm spricht von einer produktiven Kooperation über Fachgrenzen hinweg. Die präparierten Falter werden zuerst mit ausgestreckten Flügeln in einer speziellen Vorrichtung fotografiert, die auch Aufnahmen im UV-Bereich ermöglicht. LEPY extrahiert dann aus dem Foto die Umrisse des Falters und berechnet automatisiert die Länge der Flügel, die Körperlänge und -breite sowie den Flächeninhalt der Flügel. Außerdem erstellt der Algorithmus Farbhistogramme der Tiere und berücksichtigt auch UV-Aufnahmen. „Wie Vögel, die wichtigsten Fressfeinde der Falter, sehen auch Insekten im UV-Bereich“, sagt Brehm. Für die Wissenschaftler gebe LEPY eine neue objektive Möglichkeit, die Tiere voneinander zu unterscheiden.
Das System hilft, die Biodiversität zu überwachen
Das neu entwickelte System steht Forscherinnen und Forschern weltweit zur Verfügung, sagt Brehm. Die von LEPY gelieferten Ergebnisse sind ein wichtiger Beitrag, um aktuelle Forschungsfragen zu beantworten. „Das System hilft uns, die Biodiversität zu überwachen, globale Merkmalsdatenbanken aufzubauen und ökologische Zusammenhänge besser zu verstehen.“ Schon jetzt sei erkennbar, dass der durch den Klimawandel bedingte Temperaturanstieg im tropischen Tiefland die Falter zum Ausweichen in höhere Lagen zwingt. Wo Berge allerdings fehlen, drohen zahlreiche Arten auszusterben. Mit LEPY gewonnene Daten zeigen, dass Arten, die höhere Regionen besiedeln, im Durchschnitt größer sind. Das könnte mit den besonderen Bedingungen in höheren Lagen zusammenhängen, etwa dünnerer Luft, die eine größere Flugmuskulatur erfordert, sagt Brehm. Tendenziell nehmen die Farbigkeit und der Kontrast der Falter in Höhenlagen ab. Eine Erklärung dafür ist das Fehlen geeigneter Nahrungspflanzen für die Raupen und fehlende Hautflügler, deren Aussehen die Falter sonst nachahmen, um Fressfeinde zu verwirren.
Originalpublikation:
Yenny Correa-Carmona, Dennis Böttger, Dimitri Korsch, Kim L. Holzmann, Pedro Alonso-Alonso, Andrea Pinos, Felipe Yon, Alexander Keller, Ingolf Steffan-Dewenter, Paul Bodesheim, Marcell K. Peters, Gunnar Brehm: LEPY: A Python pipeline for automated trait extraction from standardised Lepidoptera images, Ecological Informatics, https://doi.org/10.1016/j.ecoinf.2026.103680
27.03.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Überraschung im Bernstein: Exotische Weberknechte lebten einst in Europa
Ein deutsch-bulgarisches Forschungsteam um SNSB Paläontologen Christian Bartel hat einen neuen Weberknecht in 35 Millionen Jahre altem ukrainischem und baltischem Bernstein entdeckt. Das Tier ist verwandt mit Weberknechten, die heute in Europa ausgestorben sind. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forschenden in der Fachzeitschrift Acta Palaeontologica Polonica.
Das Spinnentier wurde perfekt konserviert vor 35 Millionen Jahren in einem Tropfen Baumharz – Bernsteinfossilien sind ein Glücksfall für die Wissenschaft. Der jetzt entdeckte Weberknecht stammt aus eozänen Bernsteinvorkommen der Ukraine und dem Baltikum. Paläontologen identifizierten das Tier als eine bisher unbekannte Art aus der Unterfamilie der Ortholasmatinen. Weberknechte dieser Gruppe zeichnen sich oft durch ein auffälliges Erscheinungsbild aus: Ihr Körper ist stark ornamentiert, mit zahlreichen, teils gitterartigen Fortsätzen im Kopfbereich. Fossile Ortholasmatinen kannte man bisher nicht.
Balticolasma wunderlichi heißt nun der erste fossile Vertreter dieser Weberknechte, entdeckt und beschrieben durch ein Forschungsteam um Dr. Christian Bartel von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und Prof. Plamen Mitov von der Sofia Universität, Bulgarien. Wie ihre heutigen Verwandten besitzen auch die Fossilien eine stark strukturierte Körperoberfläche und einen besonders auffälligen Augenhügel. Um alle Details ihrer dreidimensionalen Anatomie sichtbar zu machen, nutzten die Forschenden spezielle Röntgenstrahlung: Scans der Weberknechtfossilien an einer Computer-Tomografie Station des Helmholtz-Zentrum Heron am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg zeigten unter anderem ein netzartiges Muster feiner Leisten, das die gesamte Oberseite des Körpers bedeckt, sowie komplexe Mundwerkzeuge mit mehreren Fortsätzen.
„Der Nachweis eines ortholasmatinen Weberknechts in europäischen Bernsteinvorkommen hat uns überrascht. Weberknechte dieser Gruppe gibt es heute in Europa nicht mehr. Verwandte dieser Tiere findet man aktuell nur in Ostasien sowie in Nord- und Mittelamerika. Offensichtlich waren diese Weberknechte vor 35 Millionen Jahren, zur Zeit des Eozän, deutlich weiter über die Nordhalbkugel der Erde verbreitet als heute“, sagt SNSB Paläontologe Dr. Christian Bartel und Erstautor der Studie. Bartel forscht am Naturkundemuseum Bamberg, eines von insgesamt zehn Museen der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB).
„Der baltische Bernstein ist bekannt für seine große Vielfalt an Fossilien. Er bringt immer wieder Arten zutage, die heute in Europa nicht mehr vorkommen. Dass die neue Weberknecht-Art auch in der Ukraine gefunden wurde, zeigt einmal mehr, dass die Weberknecht-Faunen beider Regionen wohl ähnlich waren. Mit dem Neuzugang steigt die Zahl der bekannten Weberknecht-Arten aus dem baltischen Bernstein auf 19, die aus dem ukrainischen Rovno-Bernstein auf sieben. Sechs Arten finden wir in beiden Regionen“, sagt Co-Autor Dr. Jason Dunlop vom Museum für Naturkunde, Berlin.
Originalpublikation:
Bartel, C., Mitov, P. G., Dunlop, J. A. & Hammel, J. U. 2026. 3D analyses of the first ortholasmatine harvestmen from European Eocene ambers. Acta Palaeontologica Polonica, 71, 95-107.
doi:10.4202/app.01283.2025 https://www.app.pan.pl/article/item/app012832025.html

