Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

26.01.2026, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Sehr gut erhaltene Ameise in Goethes Bernstein
Forschende der Universität Jena untersuchen Sammlung des Dichterfürsten
Auch rund 200 Jahre nach seinem Tod sorgt der Forscherdrang Johann Wolfgang von Goethes für neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Das jedenfalls bewiesen nun Biologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena, während sie die Bernstein-Sammlung des Weimarer Dichterfürsten genauer untersuchten. In einem der Stücke entdeckten sie das rund 40 Millionen Jahre alte Fossil einer Ameise, das dank seines guten Erhaltungszustands sowie umfangreicher Untersuchungen wertvolle Informationen über die Insektenart liefert. Über ihre Forschungsergebnisse berichten die Jenaer Wissenschaftler gemeinsam mit Experten von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Klassik Stiftung Weimar im Fachjournal „Scientific Reports“.
Goethes Bernstein-Sammlung, die die Klassik Stiftung Weimar im Goethe-Nationalmuseum aufbewahrt, umfasst insgesamt 40 Stücke, die aus dem Ostseeraum stammen. In zwei von ihnen entdeckten die Jenaer Wissenschaftler insgesamt drei fossile Einschlüsse von Tieren. Vermutlich wusste der Dichter selbst nichts über den Millionen Jahre alten Inhalt der biologischen Zeitkapseln, denn für das ungeübte Auge sind die Tiere in den ungeschliffenen Steinen kaum zu erkennen. Um sie zweifelsfrei zu identifizieren, griff das Jenaer Team deshalb auf moderne Bildgebungsverfahren zurück. Sie durchleuchteten die vielversprechenden Bernstein-Stücke am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY in Hamburg mittels Synchrotron-Mikro-Computertomographie und erhielten so dreidimensionale Bilder einer Trauermücke, einer Kriebelmücke und einer Ameise.
Blick ins Innere der Ameise
Letztere stieß auf besonders großes Interesse der Jenaer Forscher. „Die Ameise gehört zur ausgestorbenen Art †Ctenobethylus goepperti (Mayr, 1868), die in Bernstein sehr häufig vorkommt“, erklärt Bernhard Bock vom Phyletischen Museum der Universität Jena. „Dank ihres guten Erhaltungszustands und der umfangreichen Untersuchungen konnten wir sie allerdings so detailliert beschreiben wie noch nie zuvor und neue Informationen über die Art und ihre Verwandtschaft gewinnen.“ Neben feinen Härchen am Körper der Arbeiter-Ameise konnten sie sogar erstmals in ihr Inneres blicken und endoskelettale Strukturen im Kopf- und Brustbereich sichtbar machen, die mehr über die Morphologie der Ameise verraten.
„Wir haben das Exemplar komplett aufgearbeitet und dank der neu gewonnenen Informationen eine 3D-Rekonstruktion geschaffen, die online abrufbar ist“, sagt Daniel Tröger von der Universität Jena. „Dieses Modell hilft Kolleginnen und Kollegen weltweit dabei, weitere Fossilien dieser Art zu identifizieren und zu vergleichen.“
Aus der Ähnlichkeit mit der heute etwa in Nordamerika oder in wärmeren Regionen Europas lebenden Ameisengattung Liometopum lassen sich Rückschlüsse auf die Lebensweise der ausgestorbenen Ameisen ziehen. Die Ameise aus Goethes Bernstein baute vermutlich große Nester in Bäumen, was auch erklären würde, warum sie so häufig in Bernstein zu finden sind.
Goethe und Bernstein
Johann Wolfgang von Goethe selbst interessierte sich zeitlebens wenig – und nur aufgrund möglicher optischer Eigenschaften – für Bernstein. So schliff er sich beispielsweise Linsen aus dem versteinerten Baumharz, um für seine Farbenlehre bestimmte Farbspektren beobachten zu können. Die systematische Erforschung des Materials und der damit verbundenen Fossilien begann zwar Mitte des 18. Jahrhunderts und erste Fachpublikationen finden sich auch in seiner Bibliothek, doch die Tragweite für seine Interessengebiete waren noch nicht abzusehen. „Goethe gilt als Begründer der Morphologie und wäre vermutlich begeistert davon gewesen, wie wir mit ganz neuen Methoden wertvolle Erkenntnisse auf diesem Gebiet gewinnen konnten“, sagt Bernhard Bock. „Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse den Wert solch alter Sammlungen. Es ist schon faszinierend, dass ein Stück, das aus seiner Hand und Zeit stammt, in der diese Wissenschaft ihren Anfang nahm, uns heute noch so bereichern kann.“
Originalpublikation:
Boudinot, B.E., Bock, B.L., Tröger, D. et al. Discovery of Goethe’s amber ant: its phylogenetic and evolutionary implications. Sci Rep (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-36004-4

26.01.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Feine Unterschiede: Fünf neue Krebsarten in der Nordsee entdeckt
DNA-Analysen zeigen verborgene Artenvielfalt in der Deutschen Bucht. Die Deutsche Bucht gilt als eines der weltweit bestuntersuchten Meeresgebiete. Umso überraschender ist die Entdeckung von fünf neuen Arten winziger Krebstiere aus der Ordnung der Harpacticoida durch ein Forschungsteam von Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven und der türkischen Universität Mersin. In ihrer jetzt in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Marine Biodiversity“ erschienenen Studie weisen die Forschenden um Senckenberg-Meeresbiologe Dr. Sven Rossel anhand genetischer Analysen nach, dass es sich bei den äußerlich kaum zu unterscheidenden Tieren um eigenständige Arten handelt.
Die Beschreibungen im Rahmen der Forschungsinitiative „Unbekanntes Deutschland“ zeigen eindrucksvoll, dass selbst „vor unserer Haustür“ noch unentdeckte Artenvielfalt verborgen ist.
Was auf den ersten Blick gleich aussieht, kann biologisch sehr verschieden sein: Forschende des Deutschen Zentrums für Marine Biodiversitätsforschung von Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven und der Universität Mersin in der Türkei zeigen in einer neuen Studie, dass eine weit verbreitete Gruppe winziger Bodenlebewesen der Nordsee deutlich artenreicher ist als bislang angenommen. In der Fachzeitschrift „Marine Biodiversity“ beschreiben sie fünf neue Arten innerhalb der Gattung Leptastacus. Diese extrem kleinen, weniger als einen Millimeter großen Ruderfußkrebse gehören zu den häufigsten tierischen Bewohnern der Nordsee. Als Teil der Meiofauna leben sie im Sediment des Meeresbodens, spielen eine wichtige Rolle in Ökosystemen und können untersucht werden, um die Auswirkungen menschlicher Einflüsse und des Klimawandels zu bewerten. Gleichzeitig sind sie äußerlich aufgrund ihrer geringen Größe und der oft nur sehr subtilen morphologischen Unterschiede kaum zu unterscheiden. Erst die Kombination aus modernster Mikroskopie und genetischen Analysen brachte jetzt entscheidende Unterschiede zwischen den Tieren ans Licht.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir es hier nicht mit einer einzigen, sehr variablen Art zu tun haben, sondern mit mehreren klar getrennten Arten, die lange Zeit unentdeckt geblieben sind“, berichtet Letztautor Dr. Sven Rossel von Senckenberg am Meer. „Solche sogenannten ‚kryptischen Arten‘ lassen sich äußerlich kaum auseinanderhalten, unterscheiden sich aber deutlich in ihrem Erbgut.“
Die Forschenden untersuchten Proben aus verschiedenen Gebieten der deutschen Nordsee und nutzten zum Nachweis der neuen Arten einen integrativen Ansatz: Neben klassischen morphologischen Vergleichen kamen genetische Analysen, hochauflösende Rasterelektronenmikroskopie (REM) und konfokale Laser-Scanning-Mikroskopie (CLSM) zum Einsatz. Diese Kombination erlaubte es, kleinste Unterschiede sichtbar zu machen und genetisch abzusichern, dass es sich tatsächlich um fünf eigenständige Arten handelt. Ihre wissenschaftlichen Namen lauten nun Leptastacus linae, Leptastacus germanica, Leptastacus klaasi, Leptastacus marleenae und Leptastacus konradi.
„Die Entdeckung der fünf neuen Krebstierarten ist ökologisch sehr bedeutsam“, betont Rossel. „Obwohl die Tiere auf den ersten Blick gleich aussehen, können sie unterschiedliche ökologische Nischen besetzen und tragen damit jeweils auf ihre Weise zum Funktionieren des Ökosystems Nordsee bei.“
Marine Bodentiere spielen eine wichtige Rolle in Meeresökosystemen, etwa beim Abbau von organischem Material und werden auch häufig genutzt, um den Zustand von Meeresböden zu bewerten. „Wenn wir Arten übersehen oder falsch zusammenfassen, kann das dazu führen, dass wir Umweltveränderungen falsch einschätzen“, erklärt Rossel. „Eine genaue Kenntnis der Artenvielfalt ist deshalb eine grundlegende Voraussetzung für verlässliche Umweltbewertungen.“
Die Studie ist Teil der Forschungsinitiative „Unbekanntes Deutschland“ (https://unbekanntes-deutschland.org). Da die tatsächliche Artenvielfalt selbst in Deutschland in weiten Teilen noch unbekannt ist, haben sich acht deutsche Forschungseinrichtungen, darunter die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, zusammengetan, um diese Wissenslücke zu schließen. Ihr Ziel ist es, bisher unentdeckte Arten systematisch zu erfassen, zu beschreiben, ihre ökologische Bedeutung besser zu verstehen und daraus Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
„Unsere Untersuchung zeigt, dass selbst sehr vertraute und gut untersuchte Lebensräume wie die Nordsee noch immer unbekannte biologische Vielfalt bergen“, schließt Rossel. „Nur wenn wir die Arten, die hier leben, wirklich kennen, können wir sie gezielt schützen und bewahren.“
Originalpublikation:
Kuru, S., Martínez Arbizu, P. & Rossel, S. Revealing high genetic divergence masked by low morphological variability in harpacticoid genus Leptastacus Scott T., 1906 (Copepoda, Harpacticoida, Leptastacidae) including the description of five new species. Mar. Biodivers. 55, 113 (2025). https://doi.org/10.1007/s12526-025-01583-4

26.01.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Leuchtende Signale im Regenwald: Weberknechte nutzen offenbar fluoreszierende Muster zur Arterkennung
Ein Forschungsteam aus München hat einen bislang unbekannten Mechanismus der Verständigung bei Weberknechten gefunden. Fünf eng verwandte Arten zeigen artspezifische, deutlich fluoreszierende Strukturen auf dem Rücken, die besonders unter UV-Licht sichtbar werden. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass diese Muster der Arterkennung dienen – besonders in der Dämmerung und bei Mondlicht. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Scientific Reports erschienen.
Biofluoreszenz – also das Leuchten von Körperstrukturen nach Anregung durch kurzwelligeres Licht – ist im Tierreich weit verbreitet. Ihre biologische Bedeutung ist jedoch häufig unklar. Bei vielen Tiergruppen gilt Fluoreszenz bislang als Merkmal ohne klare Funktion. Belastbare Nachweise für eine Rolle in der Kommunikation sind selten.
Im Tieflandregenwald der peruanischen Amazonasregion entdeckten Zoologen der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) bei nächtlichen Exkursionen mit UV-Lampen fünf Weberknechtarten aus derselben Familie, die zeitgleich denselben Lebensraum nutzen. Obwohl sich die Tiere in Größe und Färbung stark ähneln, unterscheiden sie sich eindeutig in Form und Größe eines hellen Musters auf dem Rücken. Dieses Merkmal ist innerhalb jeder Art konstant und unterscheidet sich deutlich zwischen den Arten. Unter ultraviolettem Licht zeigte sich, dass dieses Rückenmuster intensiv blau-grün leuchtet. Damit können sich die Tiere selbst bei sehr schwacher Beleuchtung – zum Beispiel bei Mondlicht und in der Dämmerung – vermutlich noch gut erkennen, ein entscheidender Vorteil für dämmerungs- und nachtaktive Arten.
Mikroskopische Untersuchungen ergaben, dass die Fluoreszenz aus der äußeren Körperhülle stammt. Direkt unter der Körperoberfläche liegt zusätzlich eine mehrschichtige, spiegelnde Lage aus plättchenförmigen Kristallen. Diese wirkt wie ein natürlicher Reflektor: Einfallendes Licht wird zurückgeworfen, ebenso das entstehende Fluoreszenzlicht. Dadurch wird das Signal verstärkt und besonders intensiv wahrnehmbar.
Frühere Studien bei anderen Weberknechtarten legen nahe, dass diese Tiere sowohl kurzwellige Anteile des Lichts als auch das eigene Leuchten im blau-grünen Bereich wahrnehmen können. Die aktuellen Untersuchungen zeigen, dass ihre Augen einfach gebaut, aber ausreichend empfindlich sind, um kontrastreiche Muster aus kurzer Distanz zu erkennen. Da sich die Weberknechte im Laub, auf Totholz und am Boden dreidimensional bewegen, können sie die Rückenzeichnungen ihrer Artgenossen gut sehen.
Für eng verwandte Arten, die denselben Lebensraum und dieselben Aktivitätszeiten teilen, ist eine sichere Unterscheidung zwischen Artgenossen und fremden Arten besonders wichtig – etwa bei der Partnersuche oder zur Vermeidung von Fehlpaarungen. „Unsere Studie liefert starke Hinweise darauf, dass die Fluoreszenz bei diesen Tieren gezielt dem Zweck dient, artspezifische Merkmale hervorzuheben. Wir vermuten, dass hinter der aufwendigen Kombination aus fluoreszierender Oberfläche und spiegelnder Unterschicht eine ganz konkrete biologische Funktion steckt und nicht etwa ein zufälliger Nebeneffekt“ sagt Erstautor Stefan Friedrich von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB).
Bei den untersuchten Weberknechten sprechen mehrere zentrale Kriterien für eine Funktion der Fluoreszenz zur Verständigung: Die Rückenmuster sind deutlich sichtbar, klar abgegrenzt und artspezifisch, ihre Sichtbarkeit passt zu den Lichtverhältnissen, bei denen die Tiere aktiv sind. Zusätzlich sind die Augen der Spinnentiere in der Lage die Muster wahrzunehmen. Die Forschenden betonen aber auch, dass in einem nächsten Schritt Verhaltensversuche notwendig wären, um die Rolle der fluoreszierenden Muster endgültig zu bestätigen.
An der Arbeit beteiligt waren Forschende der SNSB, der LMU München und der Hochschule München. Die Feldarbeiten fanden an der biologischen Forschungsstation Panguana in Peru statt.
Originalpublikation:
Friedrich, S., Schwager, M., Heß, M., Glaw, F. & Lehmann, T. Evidence for fluorescence-supported species recognition in syntopic harvestmen. Sci Rep 16, 2631 (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-36335-2

28.01.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Leistenkrokodile schwammen tausende Kilometer über den Indischen Ozean
Eine genetische Studie zeichnet die evolutionäre Geschichte des Leistenkrokodils neu nach und klärt zugleich die Artzugehörigkeit der ausgerotteten Seychellen-Krokodile auf. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Royal Society Open Science veröffentlicht.
Berichte von frühen Erkundungen der Seychellen vor über 250 Jahren beschrieben Krokodile noch als häufige Tiere an den Küsten der Inselgruppe. Aber nachdem die ersten Siedler 1770 dauerhaft auf den Inseln Fuß gefasst hatten, waren die Seychellenkrokodile innerhalb von 50 Jahren vollständig ausgerottet.
Eine neue genetische Studie belegt nun: Die Krokodile der abgelegenen Seychelleninseln gehörten nicht zu einer eigenen Art, sondern stellten die westlichste Population des Leistenkrokodils (Crocodylus porosus) dar, das auch als Salzwasserkrokodil bezeichnet wird. Das Ergebnis bestätigt eine frühere Vermutung, die sich allein auf äußere Merkmale gestützt hatte.
In ihrer Arbeit untersuchten die Forschenden aus Deutschland und den Seychellen die Evolutionsgeschichte und Verbreitung des Leistenkrokodils durch Sequenzvergleiche seiner DNA. Hierzu analysierten sie Gene von jüngeren Krokodilproben und mitochondriale Genome historischer Museumsexemplare der Gattung Crocodylus, darunter auch das vor rund 200 Jahren ausgerottete Seychellenkrokodil.
Unter allen heute lebenden Krokodilen sind die Leistenkrokodile am besten an ein Leben im Meer angepasst. Spezielle Salzdrüsen ermöglichen ihnen zum Beispiel überschüssiges Salz auszuscheiden und auf diese Weise lange im Meerwasser zu überleben. So konnten sie Inseln und Küstenregionen über Tausende von Kilometern hinweg besiedeln. „Die Gründer der Seychellenpopulation müssen mindestens 3000 Kilometer durch den Indischen Ozean getrieben sein, um die abgelegene Inselgruppe zu erreichen, vielleicht auch noch sehr viel weiter“, sagt der Reptilienexperte Frank Glaw von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und Seniorautor der Studie.
„Die genetischen Muster deuten darauf hin, dass die Populationen der Leistenkrokodile über lange Zeiträume und große Distanzen hinweg miteinander verbunden blieben, was auf eine große Mobilität dieser Art hinweist“, erklärt die Erstautorin Stefanie Agne von der Universität Potsdam. Das Leistenkrokodil ist bis heute eines der weitverbreitetsten Reptilien der Erde. Bis zur Ausrottung der Seychellenpopulation war ihr Areal allerdings noch größer und erstreckte sich in Ost-West-Richtung über 12.000 Kilometer von Vanuatu im Pazifischen Ozean bis auf die Seychellen im Indischen Ozean.
Originalpublikation:
Agne S, Arnold P, Belle B, Straube N, Hofreiter M, Glaw F. 2026 Mitogenomic Crocodylia phylogeny and population structure of Crocodylus porosus including the extinct Seychelles crocodile. R. Soc. Open Sci. 13: 251546. https://doi.org/10.1098/rsos.251546

30.01.2026, Universität Konstanz
Geplauder in der Sonne: Wie Erdmännchen ihre sozialen Bindungen stärken

Erdmännchen pflegen ihre sozialen Bindungen nicht nur durch Körperkontakt, sondern auch durch stimmliche Laute. Wie das geschieht, erforschte ein Team der Universität Konstanz und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie.
Wenn die Sonne über der Kalahari-Wüste aufgeht, kommen Erdmännchen-Gruppen aus ihren Höhlen und genießen gemeinsam die Wärme der ersten Lichtstrahlen. In den ruhigen Morgenstunden wärmen die Tiere nicht nur ihren Körper auf, sondern es ist auch die Zeit für ein besonderes Sozialverhalten dieser äußerst gemeinschaftsorientierten Säugetiere.
Ein Team von Forschenden der Universität Konstanz, des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie und der Universität Zürich untersuchte, wie Erdmännchen durch Lautäußerungen soziale Bindungen aufrechterhalten und ihre komplexen Gruppenhierarchien handhaben. Die vor kurzem in der Zeitschrift Behavioural Ecology veröffentlichte Studie erforscht das Konzept der „stimmlichen Kontaktpflege“ (engl. vocal grooming) – eine Form der sozialen Bindung, die durch Laute statt durch körperlichen Kontakt erreicht wird.
„Beziehungspflege auf Distanz“
Erdmännchen (Suricata suricatta) leben in Gemeinschaften, die durch eine strenge Dominanzhierarchie strukturiert sind. Sie werden in der Regel von einem dominanten Paar angeführt und von rangniedrigeren Tieren unterstützt, die bei der Aufzucht des Nachwuchses, der Verteidigung des Territoriums und der Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität helfen. Wir wissen von der physischen Körperpflege (engl. grooming) – wenn Tiere gegenseitig ihr Fell oder die Haut pflegen und Parasiten oder Schmutz entfernen –, dass es soziale Bindungen stärkt. Doch diese Pflege braucht Nähe und Zeit, und beides kann in großen oder weit verstreuten Gruppen knapp sein.
Vlad Demartsev, Postdoktorand am „Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour (CASCB)“ der Universität Konstanz und dem Konstanzer Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, und seine Kolleg*innen fanden heraus, dass Erdmännchen möglicherweise Laute als alternative, einfache Möglichkeit nutzen, um sozial in Kontakt zu bleiben und ihre Gruppenhierarchie zu managen. Sogenannte „Sonnenrufe“ (engl. sunning calls) – sanfte, tonale Laute, die die Tiere während der morgendlichen Sonnenbäder erzeugen – ermöglichen es ihnen, soziale Beziehungen ohne direkten Körperkontakt zu pflegen. Obwohl diese Rufe den unterwürfigen Lautäußerungen ähneln, die typischerweise mit Konfliktreduzierung verbunden sind, deutet ihr Auftreten im friedlichen Kontext des gemeinsamen morgendlichen Sonnenbads darauf hin, dass sie hier als eine Form der sozialen Interaktion dienen. Vermutlich nutzen die Erdmännchen die leisen Sonnenrufe nämlich zur „Beziehungspflege auf Distanz“.
Um die soziale Rolle der Sonnenrufe zu untersuchen, führte das Forschungsteam „Playback-Experimente“ in der Kalahari-Wüste durch, bei denen sie Erdmännchengruppen während ihrer morgendlichen Sonnenbäder beobachteten. Die Forschenden zeichneten Laute von einzelnen Tieren auf, deren sozialen Status in der Gruppe sie zuvor beobachtet hatten. Diese Laute wurden dann anderen Gruppenmitgliedern vorgespielt und ihre Antworten aufgezeichnet und gemessen. Es zeigten sich klare soziale Muster, die sich mit früheren Arbeiten zur Gruppendynamik und hierarchischen Struktur der Erdmännchen decken.
Soziale Faktoren beeinflussen die Reaktionsbereitschaft
Untergeordnete Erdmännchen erhöhten ihre Rufaktivität deutlich, wenn sie Rufe von dominanten Tieren hörten, während diese kaum auf Rufe von rangniedrigeren Tieren reagierten. Diese Asymmetrie deutet darauf hin, dass der stimmliche Austausch intensiver wird, wenn er sich an ranghöhere Tiere richtet, und möglicherweise der Beschwichtigung oder der Pflege von Beziehungen zu höhergestellten Gruppenmitgliedern dient. Weibchen reagierten stärker auf die aufgezeichneten Laute als Männchen, was auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei den sozialen Strategien hinweist. Obwohl die Stärke der sozialen Bindung das Rufverhalten beeinflusste, war die Wirkung nuanciert. Ursprünglich hatten die Forschenden erwartet, dass die Tiere stark auf eng verbundene Gruppenmitglieder reagieren würden. Die Ergebnisse deuten jedoch auf das genaue Gegenteil hin: Rangniedrigere Tiere reagierten eher auf Laute der dominanten Tiere, zu denen sie eine schwächere Bindung hatten. Somit könnte der stimmliche Austausch zur Stabilisierung oder Verbesserung wichtiger, aber schwacher sozialer Beziehungen dienen.
Stimmliches Grooming stärkt soziale Bindungen
Insgesamt stützen diese Ergebnisse die Hypothese der „stimmlichen Kontaktpflege“, d. h. der Annahme, dass der Lautaustausch ähnliche soziale Funktionen erfüllen kann wie die gegenseitige Körperpflege. Durch diese subtilen stimmlichen Interaktionen könnten Erdmännchen Spannungen abbauen, Konflikte verhindern und soziale Bindungen ohne physischen Kontakt stärken.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es sich bei diesen Lauten nicht um zufälliges Geplapper handelt, sondern um einen strategischen Teil des sozialen Lebens der Erdmännchen“, so Vlad Demartsev. „Kontinuierliche wechselseitige Interaktion kann Kooperation und Engagement signalisieren, was wiederum ein tolerantes Miteinander fördern und die soziale Verbundenheit verbessern kann. Für rangniedrigere Erdmännchen sind stabile Beziehungen zu den dominanten Tieren von entscheidender Bedeutung, und der stimmliche Austausch könnte ein Mechanismus sein, um dies zu erreichen.“
Mit dieser Studie zur Funktion von Lauten zur Pflege sozialer Beziehungen, im Vergleich zu körperlichem Kontakt, liefert das Forschungsteam neue Hinweise darauf, dass stimmliche Kommunikation eine zentrale Rolle bei der sozialen Bindung bei vielen Arten spielt. Die Ergebnisse bieten neue Einblicke in die Art und Weise, wie Tiere sich in komplexen sozialen Systemen verhalten, wenn die Möglichkeiten zu physischen Interaktionen eingeschränkt sind.
Originalpublikation:
Vlad Demartsev, Gabriella Gall, Ariana Strandburg-Peshkin, Marta B Manser, Dominance asymmetries shape vocal exchanges in meerkats, Behavioral Ecology, 2026, DOI: 10.1093/beheco/araf156

30.01.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Ausgewürgte Knochen erzählen von der Jagd vor 290 Millionen Jahren
Ein einzigartiger Fossilfund aus Thüringen liefert erstmals direkte Einblicke in das Fressverhalten früher Landräuber. Forschende des Museums für Naturkunde Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und des CNRS (Frankreich) haben an der berühmten Bromacker Fossillagerstätte einen versteinerten Magenauswurf entdeckt und analysiert. Die Ergebnisse wurden jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Das Fossil besteht aus einem kompakten Knäuel von Knochenresten und wurde zunächst für versteinerten Kot gehalten. Detaillierte Untersuchungen zeigten jedoch: Es handelt sich um eine fossilisierte Regurgitation – also um unverdauliche Nahrungsreste, die ein Raubtier nach dem Fressen wieder ausgewürgt hat. Solche Funde sind extrem selten, vor allem an Land. Der Bromacker-Fund ist der älteste bekannte Nachweis einer solchen Regurgitation aus dem Paläozoikum und der erste, der eindeutig einem landlebenden Räuber zugeordnet werden kann.
Mithilfe moderner Computertomographie konnten die Forschenden die enthaltenen Knochen dreidimensional sichtbar machen und einzelnen Tierarten zuordnen. Die Analyse ergab: Das Raubtier hatte mindestens drei verschiedene Wirbeltiere unterschiedlicher Arten und Körpergrößen gefressen. Darunter befanden sich zwei kleinere, agile Landtiere sowie ein deutlich größeres, pflanzenfressendes Tier.
„Zum ersten Mal können wir direkt zeigen, welche Tiere ein früher Landräuber gefressen hat“, erklärt Arnaud Rebillard, Erstautor und Doktorand vom Museum für Naturkunde Berlin. „Solche direkten Belege für Nahrungsbeziehungen sind aus dieser Zeit nahezu unbekannt.“
Als möglicher Verursacher kommen nur zwei große Räuber in Frage, die vor rund 290 Millionen Jahren im heutigen Thüringen lebten: Dimetrodon, bekannt für sein auffälliges Rückensegel, und Tambacarnifex, ein ebenfalls fleischfressender früher Verwandter der Säugetiere. Beide gelten als Spitzenprädatoren ihrer Zeit. Der Fund deutet darauf hin, dass sie opportunistisch jagten und sehr unterschiedliche Beute nutzten.
Die Entdeckung liefert nicht nur neue Erkenntnisse zum Verhalten einzelner Tiere, sondern erlaubt auch einen seltenen Blick auf die Nahrungsnetze früher terrestrischer Ökosysteme. Sie zeigt, wie komplex und vielfältig das Leben an Land bereits vor Hunderten Millionen Jahren war – lange bevor Dinosaurier die Erde beherrschten.
Der Bromacker im UNESCO Global Geopark Thüringen Inselsberg – Drei Gleichen gilt weltweit als eine der wichtigsten Fundstellen für frühe Landwirbeltiere. Die neuen Ergebnisse unterstreichen seine herausragende Bedeutung für das Verständnis der Evolution von Ökosystemen an Land.
„Die Studie ist Teil der vom Bund und dem Land Thüringen geförderten BROMACKER-Kooperation und ist ein Paradebeispiel für ein innovatives und interdisziplinäres Forschungs- und Wissenschaftskommunikations-Programm, das auf einer jahrzehntelangen internationalen Zusammenarbeit aufbaut und noch enormes Potenzial für die Zukunft hat“, sagt Seniorautor Prof. Jörg Fröbisch.
Originalpublikation:
Publication: Rebillard, A., Jannel, A., Marchetti, L., MacDougall, M J., Hamann, C., Steyer, J-S., Fröbisch, J. (2026): Early Permian terrestrial apex predator regurgitalite indicates opportunistic feeding behaviour, Scientific Reports, doi: https://doi.org/10.1038/s41598-025-33381-0.

30.01.2026, Ludwig-Maximilians-Universität München
Deutsche Schäferhunde: Flaschenhalseffekte prägen die Zucht
Eine Analyse historischer Genome zeigt, wie Populationseinbrüche während des Zweiten Weltkriegs und Inzucht die genetische Diversität des Deutschen Schäferhunds verringerten.
Wie viele heutige Hunderassen sind auch Deutsche Schäferhunde anfällig für genetische Erkrankungen. Bei reinrassigen Tieren hängen einige der Probleme mit dem Verlust genetischer Vielfalt und die Ansammlung schädlicher Mutationen zusammen – ein Ergebnis intensiver Zuchtpraktiken. Bisher war jedoch unklar, ob diese Entwicklung bereits bei der Entstehung der Rassen Ende des 19. Jahrhunderts begann oder erst während der Rasseentwicklung im 20. Jahrhundert.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der LMU München, der Universität Oxford und den National Institutes of Health (NIH) hat nun Antworten gefunden. Die Forschenden sequenzierten die Genome von neun Deutschen Schäferhunden aus dem Naturhistorischen Museum in Bern, die zwischen 1906 und 1993 lebten. Diese Daten verglichen sie mit Genomen von mittelalterlichen europäischen Hunden, die noch vor der Entstehung moderner Rassen existierten, sowie mit Vertretern heutiger Schäferhundlinien.
Erster Flaschenhals in der Anfangszeit der Rasse
Das Ergebnis: Schon im frühen 20. Jahrhundert wiesen Deutsche Schäferhunde deutlich weniger genetische Vielfalt auf als Hunde aus dem Mittelalter – ein Hinweis auf einen starken Flaschenhals in der Anfangszeit der Rasse. Nach 1945 kam es dann zu weiteren Engpässen: zuerst, weil die Bestände in Deutschland und anderen Ländern durch die Kriegsfolgen stark schrumpften, später durch den starken Einsatz weniger, besonders gefragter Deckrüden.
„Unsere Daten zeigen einen massiven Verlust an genetischer Vielfalt bei Schäferhunden, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurden. Dieser Rückgang, teilweise durch den Zweiten Weltkrieg ausgelöst, hat die Gesundheit der Rasse mit ziemlicher Sicherheit erheblich beeinträchtigt“, erklärt der LMU-Paläogenetiker Professor Laurent Frantz, einer der Studienleiter.
Übermäßiger Einsatz populärer Deckrüden
„Hinzu kommt, dass der übermäßige Einsatz ‚populärer Deckrüden‘ zu weiteren genetischen Engpässen geführt hat“, erklärt Erstautor Dr. Lachie Scarsbrook (LMU und Universität Oxford). Dies habe nicht nur das Erscheinungsbild der Rasse im Laufe der Zeit verändert, sondern auch den Genpool verengt. Mit ihren Analysen konnten die Forschenden diese Engpässe nachweisen und zeitlich einordnen – so lässt sich der jüngste Engpass auf das Jahr 1967 zurückverfolgen, das mit dem Geburtsjahr des populären Deckrüden „Quanto von der Wienerau“ zusammenfällt.
Ein Symptom für diesen Verlust an Vielfalt sind lange Abschnitte im Erbgut, in denen beide Chromosomen identisch sind, also homozygot. Solche Abschnitte traten bei Schäferhunden, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, vermehrt auf – selbst wenn ihre Stammbäume keine enge Verwandtschaft vermuten ließen. Diese begünstigt das Auftreten rezessiver Erbkrankheiten, die nur sichtbar werden, wenn das defekte Gen auf beiden Chromosomen liegt.
Einkreuzen von Wölfen verbessert genetische Vielfalt nur kurzfristig
Auch das Einkreuzen von Wölfen, wie es etwa bei der Zucht von Wolfshunden geschah, verbessert die genetische Vielfalt in der Regel nur kurzfristig, wie Analysen von Wolfshunden wie dem Sarloos und dem Tschechoslowakischen Wolfshund zeigten: „Um eine Verwässerung der Wolfsabstammung zu vermeiden, mussten in der Regel wieder miteinander verwandte Hybriden gekreuzt werden“, sagt Scarsbrook. „Das bedeutet, dass die Einführung neuer genetischer Vielfalt wahrscheinlich nur von kurzer Dauer war.“
„Mithilfe der Museumssammlungen können wir sehen, wie stark wir die Biologie der Tiere verändert haben, mit denen wir zusammenleben“, so Scarsbrook. „Und die Rückgänge in der genetischen Gesundheit nach dem Krieg betreffen wahrscheinlich nicht nur den Deutschen Schäferhund. Wir wollen das bald auch für andere Rassen überprüfen.“
Mit Blick auf die Zukunft sind die Forschenden überzeugt, dass die effektivste Strategie zur Verbesserung der genetischen Gesundheit des Deutschen Schäferhundes darin besteht, Hunde aus Ländern oder Linien einzubeziehen, die nicht denselben genetischen Engpässen unterlagen. Auf diese Weise könne der „reinrassige“ Status der Hunde erhalten bleiben und gleichzeitig die Gesundheit und Langlebigkeit der Rasse maximiert werden.
Originalpublikation:
L. Scarsbrook et al.: A 120-y time series of genomes reveals the consequences of closed breeding in German shepherd dogs. PNAS 2025
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2421755122

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