Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

29.04.2024, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Tyrannosaurus rex – so schlau wie Krokodile
Ein internationales Team von Paläontologen, Verhaltensforschern und Neurologen hat herausgefunden, dass Dinosaurier wohl so intelligent waren wie Reptilien, etwa Krokodile. Erstautor der Studie ist Dr. Kai R. Caspar, der am Department Biologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) arbeitet. Die Forschenden aus Kanada, Spanien, Österreich, dem Vereinigten Königreich und den USA veröffentlichten ihre anhand von Größe und Struktur der Gehirne der Tiere gewonnenen Ergebnisse in der Fachzeitschrift Anatomical Record.
Eine im Jahr 2023 veröffentlichte Studie (DOI: 10.1002/cne.25453 kam zu dem Ergebnis, dass Dinosaurier wie der Tyrannosaurus rex (kurz T. rex) eine außergewöhnlich hohe Anzahl von Neuronen hatten und wesentlich intelligenter waren als zuvor angenommen. Außerdem wurde postuliert, dass eine hohe Neuronenzahl direkte Informationen über Intelligenz, Stoffwechsel und Lebensgeschichte liefern könne.
Eine neue, nun in The Anatomical Record veröffentlichte Studie untersuchte die Techniken, die zur Vorhersage der Gehirngröße und der Anzahl der Neuronen in Dinosauriergehirnen verwendet werden. Die Autorinnen und Autoren fanden heraus, dass die früheren Annahmen über die Gehirngröße von Dinosauriern und die Anzahl der in ihren Gehirnen enthaltenen Neuronen unzulässig waren.
Beteiligt an der Studie waren die Universitäten von Alberta in Edmonton (Kanada), Bristol, Düsseldorf, Southampton, Maryland in College Park (USA), die Tiermedizinische Universität Wien, das Royal Ontario Museum und das Institut Català de Paleontologia Miquel Crusafont in Barcelona. Erstautor ist Dr. Kai R. Caspar, der am Institut für Zellbiologie der HHU arbeitet.
Die Forschungsarbeiten schließen an jahrzehntelange Analysen an, in denen Paläontologen und Biologen die Größe und Anatomie von Dinosauriergehirnen untersucht haben und diese Daten nutzten, um auf Verhalten und Lebensweise zurückzuschließen. Informationen über die Gehirne von Dinosauriern stammen aus mineralischen Füllungen der Schädelhöhle, den so genannten Endocasts, sowie aus den Formen der Schädelhöhlen selbst.
Das Forschungsteam fand heraus, dass die Größe des Gehirns und damit auch die Zahl der Neuronen bei T. rex überschätzt wurde, etwa um das Zwei- bis Zehnfache. Darüber hinaus zeigen sie, dass die geschätzte Neuronenzahl kein zuverlässiger Hinweis auf die Intelligenz ist.
Um die Biologie längst ausgestorbener Arten zuverlässig rekonstruieren zu können, sollten – so die Forschenden – mehrere Beweismittel heranziehen: darunter die Skelettanatomie, die Knochenhistologie, das Verhalten lebender Verwandter und Spurenfossilien – also nichtkörperliche Überreste wie etwa Fußspuren. „Um die Intelligenz von Dinosauriern und anderen ausgestorbenen Tieren zu bestimmen, sollte man sich nicht allein auf Schätzungen der Neuronenanzahl verlassen, sondern mehrere Beweislinien heranziehen, die von anatomischen Vergleichen bis zu fossilen Fährten reichen“, erklärt Hady George von der School of Earth Sciences in Bristol.
Dr. Caspar betont: „Es ist nicht sinnvoll, Intelligenz bei ausgestorbenen Arten vorherzusagen, wenn hierfür nur Schätzungen zur Neuronenzahl vorliegen, die von Endocasts abgeleitet sind.“ Dr. Ornella Bertrand aus Barcelona ergänzt: „Neuronenzahlen sind keine guten Prädiktoren für kognitive Leistungen. Sie zur Vorhersage von Intelligenz bei längst ausgestorbenen Arten zu verwenden, kann zu äußerst irreführenden Interpretationen führen.“
Die Endocasts von Krokodilen gleichen denen von T. rex in vielen relevanten Punkten, zum Beispiel bei den Proportionen der verschiedenen Hirnregionen und dem Volumen im Vergleich zur Körpermasse. Diese Muster leiten sich von den gemeinsamen Vorfahren der Krokodile und Dinosaurier/Vögel ab, den ursprünglichen Archosauriern. In den Entwicklungslinien, die bis hin zu den modernen Krokodilen bzw. den Tyrannosauriern führen, erfuhren sie nur geringfügige Veränderungen. Der Saurier von vor über 60 Millionen Jahren besaß also vermutlich eine vergleichbare Neuroanatomie und eine ähnliche Verhaltensflexibilität wie heutige Krokodile.
Originalpublikation:
Caspar, K. R., Gutiérrez-Ibañez, C., Bertrand, O. C., Carr, T., Colbourne, J. A. D., Erb, A., George, H., Holtz, T. R. Jr, Naish, D., Wylie, D. R., & Hurlburt, G. R. (2024). How smart was T. rex? Testing claims of exceptional cognition in dinosaurs and the application of neuron count estimates in palaeontological research. The Anatomical Record, 1–32
DOI: 10.1002/ar.25459

30.04.2024, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Extensive Beweidung: gut für die lokale Biodiversität, aber herausfordernd für Landnutzer
Ein Forschungsteam unter Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) hat untersucht, mit welcher Motivation Landnutzer in Europa eine extensive Beweidung betreiben und welchen Herausforderungen sie gegenüberstehen. Die Ergebnisse der Befragungen wurden im Fachmagazin Land Use Policy veröffentlicht. Sie zeigen, dass flexiblere Förderbedingungen zu einer Verbesserung beitragen könnten.
Die Beweidung durch Haus- und Wildtiere prägt Landschaften in ganz Europa. Sie trägt zu verschiedenen Ökosystemleistungen bei, etwa zur Bereitstellung von Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten oder zum Schutz vor Überschwemmungen. Extensive Weidesysteme mit einer geringeren Dichte an Tieren und mit einer minimalen, gezielten Nutzung von Entwurmungsmitteln und anderen Behandlungen bieten lokal Vorteile für den Schutz der biologischen Vielfalt und für verschiedene Ökosystemleistungen. Doch angesichts der Herausforderungen, die diese Form der Bewirtschaftung birgt, nimmt die Zahl der Landnutzer, die eine extensive Beweidung betreiben, ständig ab. Ein Forschungsteam unter der Leitung von iDiv, UL und UFZ hat genau diese Herausforderungen und mögliche Interventionen in acht europäischen Fallstudien untersucht. Zwischen 2019 und 2021 führten sie 74 Interviews mit Landwirten, Landeigentümern, Viehhaltern und Managern eines Renaturierungsgebietes, das von Wildpferden und halbwilden Rindern beweidet wird.
Landnutzer sind auf Subventionen angewiesen, aber Geld ist nicht alles
In den Interviews wollten die Forscherinnen und Forscher mehr über die Beweggründe und Herausforderungen der Landnutzer erfahren, die sich für eine extensive Beweidung einsetzen – und das, obwohl wirtschaftliche Überlegungen immer wichtiger werden. Denn die Einnahmen durch die Bewirtschaftung der Flächen reichen nicht mehr aus, um die steigenden Kosten für Ausrüstung, Pacht und Steuern zu decken.
„Geld ist nicht alles. Viele der von uns befragten Landnutzer haben sich für diese Art des Weidemanagements entschieden, weil sie es für gut halten, und nicht aus einer wirtschaftlichen Motivation heraus“, sagt Erstautorin Dr. Julia Rouet-Leduc. Rouet-Leduc leitete das Projekt als Doktorandin bei iDiv und an der UL und forscht mittlerweile am Stockholm Resilience Centre. Die Sorge um die Natur sei für die Landnutzer ein durchaus wichtiger Aspekt, und in einigen Fällen auch der Wunsch, traditionelle landwirtschaftliche Praktiken beizubehalten.
Dies bestätigte auch ein Landnutzer, der in Galizien (Spanien) mit wilden Ponys arbeitet: „Der Hauptgrund, weshalb dieses System überhaupt noch aufrechterhalten wird, ist, dass die Leute … die Ponys lieben; sie haben das Pferdefieber, und die Tradition ist tief in ihren Herzen verankert.“
Die Forscherinnen und Forscher fanden heraus, dass viele Landnutzer mit Regeln und Vorschriften zu kämpfen haben, die mit einem extensiven Weidemanagement unvereinbar scheinen. Als hinderlich empfunden wurden beispielsweise Vorschriften zur Kennzeichnung des Viehs – eine sehr schwierige Aufgabe, wenn die Tiere auf großen Flächen frei weiden dürfen. Nach Ansicht der Landnutzer behinderten die geltenden politischen Maßnahmen, insbesondere die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Kommission (GAP), naturnahe und nachhaltige Praktiken. Ein Landnutzer in Rumänien beschrieb, dass die Landwirte alle Sträucher von ihren Weiden entfernen müssten, da sie sonst keine Subventionen erhielten oder ihnen sogar Bußgelder auferlegt wurden. Diese Sträucher erfüllen jedoch innerhalb des Ökosystems wichtige Funktionen, indem sie beispielsweise im Sommer Schatten spenden und im Winter für das Vieh eine zusätzliche Nahrungsquelle darstellen. Im Allgemeinen wurde die GAP als zu restriktiv empfunden, und viele Landnutzer beantragten lieber gar keine Subventionen. „Indem wir keine Beihilfen beantragen, können wir wirklich frei entscheiden, was für das lokale Ökosystem am besten ist“, erklärte ein belgischer Landnutzer.
Landflucht gefährdet traditionelle Jobs
Die Interviews zeigten auch, dass viele Landnutzer mit den sozioökonomischen Veränderungen auf dem Land zu kämpfen haben. Die Landflucht führt zu einem Mangel an Arbeitskräften, während körperliche Arbeit nach wie vor unersetzbar ist, insbesondere bei der Arbeit mit Rindern und Pferden. „Die nächste Generation will nicht in der Landwirtschaft arbeiten, weil es zu hart ist, zu viel Arbeit“, sagte ein Landnutzer aus Litauen. „Sie wandern lieber aus und suchen sich einen Job, der weniger anstrengend ist.“
„Die GAP könnte Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert stärken und Anreize für Landwirte schaffen, um extensive Weidesysteme zu erhalten oder wiederherzustellen“, meint Seniorautor Dr. Guy Pe’er, der am UFZ und bei iDiv forscht. „Es liegt nicht daran, dass kein Budget da ist. Sondern eher am mangelnden Ehrgeiz, eine nachhaltige Landwirtschaft zu unterstützen.“
Mehr Flexibilität und besserer Zugang zu Märkten
Auf Basis der Interviews leitete das Forschungsteam mögliche Maßnahmen zur Förderung extensiver Beweidungspraktiken ab. „Was wir brauchen, ist mehr Flexibilität für die Landnutzer“, findet Rouet-Leduc. „Die derzeitige Politik fördert solche Praktiken größtenteils nicht und bietet vor allem keine gleichen Wettbewerbsbedingungen.“ Die GAP der EU biete zwar wichtige wirtschaftliche Unterstützung, fördere aber mit problematischen Anforderungen auch eine kontraproduktive Bewirtschaftung. Zusätzliche finanzielle Anreize könnten die Unterstützung für ein extensives Weidemanagement verbessern, so die Autoren der Studie. Vor allem in Gebieten, in denen Land aufgegeben wurde, böten sich viele Möglichkeiten für ein Rewilding mit großen Pflanzenfressern, die verschiedene Ökosystemleistungen erbringen. Aber auch das sei ohne Flexibilität nicht möglich, denn die Unterschiede zur Bewirtschaftung mit domestizierten Tieren seien erheblich.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen außerdem eine bessere Kennzeichnung und Zertifizierung von umweltfreundlicher Beweidung, um die öffentliche Unterstützung zu erhöhen und die Entwicklung von Märkten für solche Produkte zu fördern. Einige der befragten Landnutzer waren zudem der Ansicht, dass der Marktzugang durch die Förderung der Direktvermarktung verbessert werden könnte, beispielsweise über Hofläden.
„Es gibt definitiv echte Herausforderungen für die Landwirte, die nicht leicht zu bewältigen sind“, meint Pe’er mit Blick auf die anhaltenden Bauerndemonstrationen. „Aber die Abschaffung von Umweltstandards wird den Landnutzern nicht helfen. Sie brauchen ein Paket aus Maßnahmen, das eine ehrgeizige GAP-Reform umfasst, die Landwirte unterstützt, die nachhaltiger wirtschaften; ein Gesetz zur Wiederherstellung der Natur, um die Standards für gute Bewirtschaftung zu verbessern; und einen Rahmen für nachhaltige Lebensmittelsysteme, um die Marktoptionen für eine nachhaltige Landwirtschaft zu verbessern.“
Diese Studie wurde unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG; FZT-118) und im Rahmen von GRAZELIFE, einem LIFE-Vorbereitungsprojekt im Auftrag der Europäischen Kommission zur Bewertung der Auswirkungen verschiedener Beweidungssysteme auf die Bereitstellung von Ökosystemdienstleistungen (LIFE18PRE/NL002), gefördert.
Originalpublikation:
Julia Rouet-Leduc, Fons van der Plas, Aletta Bonn, Wouter Helmer, Melissa R. Marselle, Erica von Essen, Guy Pe’er (2024.) Exploring the motivation and challenges for land-users engaged in sustainable grazing in Europe. Land Use Policy, DOI: 10.1016/j.landusepol.2024.107146

30.04.2024, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Wie Polypen der Ohrenqualle Virenangriffe auf ihr Mikrobiom abwehren
Kieler Mikrobiologinnen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) konnten erstmals in Laborversuchen nachweisen, dass sich Polypen der Ohrenqualle nach einer Infektion mit Bakteriophagen sehr schnell regenerieren. Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Widerstandfähigkeit des natürlichen Mikrobioms der Ohrenqualle gegen Phagen aus der Ostsee sehr ausgeprägt ist und tragen dazu bei, das Wissen über die Wirkung dieser oft nicht beachteten, winzigen Schlüsselakteure für das Mikrobiom und letztlich die Fitness der Ohrenqualle zu erweitern. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Frontiers in Microbiology veröffentlicht.
Bakteriophagen, kurz Phagen, sind Viren, die Bakterien infizieren und diese durch einen Auflösungsprozess abtöten. Die Phagen sind dabei in der Lage, Bakterien abzutöten, die sich auf oder in einem Wirtsorganismus befinden wie etwa im Polyp der Ohrenqualle. Phagen sind auf bestimmte Bakterien spezialisiert und können die bakterielle Zusammensetzung des Mikrobioms eines Polypen entscheidend verändern. Welche Wirkung Phagen auf das Mikrobiom und somit auf die Fitness von Polypen haben, ist bisher weitestgehend unerforscht. Kieler Mikrobiologinnen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) unter der Leitung von Professorin Ruth Schmitz-Streit konnten nun erstmals in Laborversuchen nachweisen, dass sich Polypen nach einer Infektion mit Bakteriophagen sehr schnell regenerieren. Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Widerstandfähigkeit des natürlichen Mikrobioms der Ohrenqualle gegen Phagen aus der Ostsee sehr ausgeprägt ist und tragen dazu bei, das Wissen über die Wirkung dieser oft nicht beachteten, winzigen Schlüsselakteure für das Mikrobiom und letztlich die Fitness der Ohrenqualle zu erweitern.
Polypen zeigen nach Virenangriff hohe Widerstandsfähigkeit
Im Polypenstadium sitzen die Ohrenquallen noch fest am Meeresboden und fangen ihre Nahrung mit ihren Tentakeln aus dem Wasser. Auf der Oberfläche ihres stielförmigen Körpers befinden sich zahlreiche Bakterien, die das so genannte Mikrobiom bilden, das eine wichtige Rolle für die Fitness des Polypen spielt. In früheren Studien konnten die Mikrobiologinnen des Instituts für Allgemeine Mikrobiologie bereits zeigen, wie wichtig das natürliche Mikrobiom für die vegetative Vermehrung der Ohrenqualle und die Abwehr von Krankheitserregern ist. In ihrer aktuellen Studie untersuchten sie nun, wie das Mikrobiom eine Infektion mit Bakteriophagen übersteht und welche Folgen dies für die Polypen hat. In den Laboruntersuchungen konnten sie beobachten, dass das Einsetzen der Phagen zu einer starken Veränderung der Körperform der Polypen führte, allerdings nur vorrübergehend. Nach der Virenabwehr nahmen die Polypen wieder ihr normales Erscheinungsbild an.
„Nach der Behandlung der Polypen mit bestimmten Bakteriophagen waren ihre Körper stark verkürzt bis rundlich und verloren ihre Tentakel. Dies sind normalerweise Anzeichen für ein Absterben der Polypen. Wir konnten jedoch keinen einzigen abgestorbenen Polypen nachweisen, im Gegenteil, alle Polypen haben sich vollständig regeneriert. Diese hohe Widerstandsfähigkeit hat uns überrascht“, schildert Melissa Stante, Doktorandin in der Arbeitsgruppe von Ruth Schmitz-Streit und Erstautorin der Studie.
Versuchsreihe der behandelten Polypen zeigt schnelle Erholung des Mikrobioms
Eine Erklärung dafür könnte sein, dass sich die Polypen, oder genauer ihr Mikrobiom, schnell an die Anwesenheit der Phagen anpassen und somit in der Lage sind, bleibende Schädigungen abzuwehren. Für ihre Untersuchungen haben die Wissenschaftlerinnen das Mikrobiom von Polypen über fünf Tage beprobt. Sie konnten beobachten, dass sich die häufigste Bakterienart, die Mycoplasmen, zunächst verringerten, sich aber nach 24 Stunden wieder erholte. „In den Polypen der Ohrenqualle aus der Ostsee wird das Mikrobiom vor allem durch ein bestimmtes Bakterium, ein nicht kultiviertes Mycoplasma-Bakterium, dominiert. Dieses reduzierte sich bei Gabe von Phagen erheblich. Vorübergehend konnten andere Bakterien daher an Dominanz gewinnen. Welche Faktoren genau zunächst die Abnahme, aber auch die darauffolgende schnelle Regeneration der Mycoplasmen begünstigen, ist nun Gegenstand weiterer Forschung“, fasst PD Dr. Nancy Weiland-Bräuer die Auswirkungen auf das Mikrobiom zusammen. Die Dynamik in der Zusammensetzung des Mikrobioms verlief zeitlich synchron zu den Verformungen der Polypen.
Phagen-Mikrobiom-Wirts-Interaktionen haben Kaskadeneffekte auf das Ökosystem
Das Wissen über das dynamische Zusammenspiel von Ohrenqualle, Mikrobiom und Phagen trägt zum einen zum Verständnis mariner Nährstoff- und Elementkreisläufe bei. Gleichzeitig spielt der Prozess auch für das Wissen um die Ökosystemstabilität eine wichtige Rolle und bildet einen Baustein für die Erforschung von Krankheiten im Ökosystem Ostsee. Darüber hinaus leisten die Ergebnisse einen Beitrag zur Forschungsinitiative „Ocean Health“, die sich mit den Auswirkungen von Gesundheit und Krankheit vor dem Hintergrund des Klimawandels und den möglichen zukünftigen Umweltbedingungen beschäftigt. Neben der Auflösung der Bakterien, können Phagen genetisches Material mit den Mikroorganismen des Wirtes austauschen und somit die Anpassung des Mikrobioms an veränderte Umweltbedingungen verbessern.
„Die schnelle Regeneration der Form der Polypen nach Phagenbehandlung scheint mit der Wiederherstellung des natürlichen Mikrobioms der Ohrenqualle zu korrelieren. Dies ist ein starker Hinweis darauf, dass die Widerstandfähigkeit des Mikrobioms der Ohrenqualle gegen Phagen aus der Ostsee sehr ausgeprägt ist. Die Faktoren, die das Mikrobiom so resilient machen, könnten daher auch wichtige Hinweise darauf geben, wie das gesunde Mikrobiom beim Menschen geschützt werden kann. In der Grundlagenforschung stehen wir aber bis dahin noch relativ am Anfang“, blickt Arbeitsgruppenleiterin Professorin Dr. Ruth Schmitz-Streit in die Zukunft. Die neue Studie ist im Rahmen ihrer Projekte im Sonderforschungsbereich (SFB) „1182 – Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), entstanden.
Originalpublikation:
Stante, M., Weiland-Bräuer, N., von Hoyningen-Huene, A.J.E., Schmitz, R.A., 2024. Marine bacteriophages disturb the associated microbiota of Aurelia aurita with a recoverable effect on host morphology. Front. Microbiol. 15. https://doi.org/10.3389/fmicb.2024.1356337

03.05.2024, Universität Basel
Lepra im Mittelalter: Neue Erkenntnisse zu Übertragungswegen durch Eichhörnchen
Forschende der Universität Basel und der Universität Zürich konnten nachweisen, dass britische Eichhörnchen bereits im Mittelalter Lepra-Erreger in sich trugen. Und nicht nur das: Ihre Ergebnisse zeigen, dass es eine Verbindung gibt zwischen den Lepra-Erregern in den mittelalterlichen Nagetieren und jenen in der mittelalterlichen britischen Bevölkerung.
Hautflecken, verformte Nasen, Geschwüre: Die Infektionskrankheit Lepra kann zu schwerwiegenden Symptomen führen. Das hauptsächlich dafür verantwortliche Bakterium, Mycobacterium leprae, welches bis heute insbesondere im globalen Süden jährlich rund 200’000 Menschen befällt, hat auch in Europa eine lange Geschichte. Die internationale Forschungsgruppe um die Paläogenetikerin Prof. Dr. Verena Schünemann (Universität Basel, früher Universität Zürich) konnte mittels archäologischer Funde rote Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) als Wirt für M. leprae im mittelalterlichen England nachweisen.
Die Forschenden stellten zudem fest, dass die Leprabakterien der mittelalterlichen Eichhörnchen sehr nah verwandt waren mit Leprabakterien, welche aus mittelalterlichen menschlichen Skeletten aus derselben Region isoliert wurden. Die Ergebnisse erschienen im Journal «Current Biology».
Vom Eichhörnchen auf den Menschen oder umgekehrt?
«Diese Ähnlichkeit zeigt uns, dass es wahrscheinlich einen Austausch der Bakterien zwischen Tier und Mensch zu dieser Zeit gab», sagt Verena Schünemann. Sie betont allerdings, dass nach dem heutigen Kenntnisstand nicht klar sei, auf welchem Weg dieser Austausch stattgefunden hat. «Wir wissen nicht, ob die Eichhörnchen die Menschen ansteckten oder ob Menschen die Erkrankung zu den Tieren brachten», so Schünemann.
Berührungspunkte gab es im Mittelalter jedenfalls einige: Einerseits durch den Pelzhandel, der insbesondere durch die Königshäuser florierte. So wurden im 11. und 12. Jahrhundert unter anderem Mäntel aus dem Fell der Nagetiere hergestellt. Andererseits gab es auch Eichhörnchen als Haustiere. So wissen die Forschenden unter anderem von Nonnenklöstern, in denen die Tiere gehalten wurden.
Genanalyse aus 20 Milligramm
Für ihre Untersuchung konzentrierten sich die Forschenden auf die Stadt Winchester im Süden Englands. Dort gibt es dank archäologischer Fundstätten genügend Material für die Genanalysen: die menschlichen Überreste stammen aus einem Leprosarium, einer Pflegeeinrichtung speziell für Leprakranke. Die mittelalterlichen Eichhörnchen konnten sie dank Hand- und Fussknochen untersuchen, die an einer früheren Kürschnerwerkstatt gefunden wurden. «Wir haben die Genanalysen an den winzigen Hand- und Fussknochen der Eichhörnchen durchgeführt, die zwischen 20 und 30 Milligramm schwer sind. Viel Material gibt es da nicht», erklärt Christian Urban, Erstautor der Studie.
Für die Forschenden sind die Ergebnisse besonders wichtig im Hinblick auf die künftige Bekämpfung von Lepra. Denn bis heute ist nicht vollends geklärt, wie sich die Krankheit verbreitet. «Mit unserem One Health-Ansatz, versuchen wir mehr über die Rolle der Tiere bei der Ausbreitung der Krankheit in der Vergangenheit herauszufinden», sagt Schünemann.
«Indem wir alte tierische und menschliche Stämme direkt vergleichen, können wir potenzielle Übertragungsereignisse im Laufe der Zeit rekonstruieren und damit Rückschlüsse auf das langfristige zoonotische Potential der Krankheit ziehen.»
Die Ergebnisse sind auch für heute relevant, da Tiere als Wirte von Lepra noch immer sehr wenig Beachtung finden, auch wenn sie für das Verständnis der gegenwertigen Persistenz der Krankheit, trotz aller Ausrottungsversuche, von Bedeutung sein könnten.
Originalpublikation:
Ancient Mycobacterium leprae genome reveals medieval English red squirrels as animal leprosy host
Current Biology (2024) doi: 10.1016/j.cub.2024.04.006

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