Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

01.10.2018, Technische Universität München
Heimische Fischarten vorm Austerben – invasive Arten nehmen zu
Ein Großteil der bayerischen Fließgewässer ist in keinem guten ökologischen Zustand. Ein Team der Technischen Universität München (TUM) hat nun erstmals Langzeitdaten zu den Fischbeständen der oberen Donau, Elbe und des Mains systematisch analysiert. Das Team kommt zu dem Ergebnis, dass heimische Fischarten vor dem Aussterben stehen, während einige invasive Arten in ihren Beständen zunehmen.
Im Auftrag des bayerischen Landesamtes für Umwelt und finanziert durch das bayerische Umweltministerium analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler alle verfügbaren Fischdatensätze für die bayerischen Einzugsgebiete von Donau, Elbe und Main über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren. Sie verglichen den Zustand mit dem historisch abgeleiteten Referenzzustand der ursprünglich vorkommenden Arten an den jeweiligen Stellen.
Die Studie, veröffentlicht in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift „Biological Conservation“, belegt, dass heimische Charakterarten wie die Äsche, nach der früher eine Flussregion benannt wurde, sowohl in der Fläche als auch in ihren Bestandszahlen im Vergleich zum historischen Referenzzustand massiv eingebrochen sind.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei anderen spezialisierten Fischarten, deren Lebensräume durch Verschlammung, höhere Wassertemperaturen und durch von Dämmen verbaute Gewässer stark beeinträchtigt sind. Viele der besonders gefährdeten Arten besitzen einen komplexen Lebenszyklus und sind in verschiedenen Lebensphasen auf spezielle Bedingungen angewiesen. „Liegen diese speziellen Bedingungen nicht mehr vor oder können die Tiere nicht zwischen Teillebensräumen wandern, dann bekommen sie Probleme“, sagt Dr. Melanie Müller vom Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie der TU München und Autorin der Studie.
Früher weit verbreitete Arten sind heute stark rückläufig
Ein neues Ergebnis der Studie ist außerdem, dass Arten, die wie der Hasel früher als häufige Allerweltsarten galten, ebenfalls im Vergleich zum historischen Referenzzustand rückläufig sind. Im Gegenzug breiten sich Arten, die nur geringe Ansprüche an ihren Lebensraum haben, die sogenannten Generalisten, nun weiter aus. Darunter sind besonders viele gebietsfremde Fische, die wie Regenbogenforelle oder Blaubandbärbling absichtlich oder wie die Schwarzmeergrundeln unbeabsichtigt über das Ballastwasser von Schiffen nach Mitteleuropa kamen.
„Wir müssen uns künftig darauf einstellen, in immer mehr Gewässern neuartige Lebensgemeinschaften anzutreffen, die aus einer Mischung von Arten bestehen, die sich natürlicherweise nie begegnen würden“, sagt Prof. Jürgen Geist, Ordinarius am Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie und Leiter der Studie.
Deshalb seien systematische Langzeitanalysen zur Verbreitung und über die Häufigkeiten gewässerlebender Arten wichtig: „Der Arten- und Biodiversitätsschutz darf nicht an der Wasseroberfläche aufhören und sollte an wissenschaftlichen Ergebnissen ausgerichtet werden“, urteilt Prof Geist.
Originalpublikation:
Mueller, M., Pander, J., Geist, J.: Comprehensive analysis of > 30 years of data on stream fish population trends and conservation status in Bavaria, Biological Conservation 226; 311–320, 2018. DOI: https://doi.org/10.1016/j.biocon.2018.08.006

01.10.2018, Universität Rostock
Rostocker Forscher entdecken neue Schnecken-Art in der Ostsee
Wer seit Mitte August aufmerksam am Strand zwischen Wismar und Travemünde unterwegs ist, kann eine interessante Beobachtung machen: Im Flachwasser, zum Teil nur knietief, entdeckt man auf sandig-schlickigen Bereichen des Meeresbodens etwa zwei Zentimeter große gallertige Kugeln. Diese sind wie kleine Ballons über einen Fortsatz am Untergrund befestigt. An einigen Stellen sind es bis zu 300 pro Quadratmeter.
„Das sind die Eigelege einer neu eingewanderten Kopfschildschnecke“, sagt der Meeresbiologe Dr. Wolfgang Wranik von der Universität Rostock, der diese etwas außergewöhnliche Art bereits vor zwei Jahren bei einem Tauchgang auf der Insel Poel entdeckte. In jedem dieser kleinen Bällchen entwickeln sich 2.000 bis 3.000 Larven. Die schlüpfen dann nach etwa zwei Wochen und leben zunächst im freien Wasser, um als kleine Schnecken schließlich auf den Meeresboden zurück zu kehren.
Die Tiere selbst werden bis etwa einen Zentimeter groß und haben einen grün-gelblich, mit zahlreichen dunklen Pigmentflecken versehenen Weichkörper. Doch obwohl sie an den Stellen der Eiablage in großer Zahl vorhanden sind, sieht man sie kaum. Denn sie leben eingegraben etwas unter der Oberfläche des Meeresbodens. „Das könnte ein Schutzeffekt sein, da die Tierchen nur ein sehr dünnes, blasenförmiges Gehäuse besitzen“, sagt Wranik. Eine Besonderheit dieser Art ist ihre intensive Schleimproduktion. Die führt dazu, dass sich ein schlauchartiger Schleimfilm über den gesamten Körper schiebt, der die Bewegungsmöglichkeit im Boden unterstützt und auch die Schnecke selbst vor Verschmutzung mit Sedimentpartikeln schützt. Die Nahrung der Tiere besteht vor allem aus Algen.
Mit Unterstützung von Meeresbiologin Professorin Inna Sokolova erfolgten Untersuchungen im Labor des Instituts für Biowissenschaften der Universität Rostock zur Lebensweise der Schnecke. In Zusammenarbeit mit Spezialisten der Universität Bergen (Norwegen) wurden DNA-Analysen durchgeführt, um die schwierige Zuordnung der Art abzusichern. Diese Analyse ergab, dass es sich um die Kopfschildschnecke „Haminoea solitaria“ handelt, deren ursprüngliche Heimat die nordamerikanische Atlantikküste von Kanada bis Florida ist.
„Die Ostsee ist ein Hotspot für die Arteninvasion. Jedes Jahr gibt es zwei bis drei neue Spezies, die hier zu finden sind“, sagt Professorin Sokolova, deren Forschung sich über die Ökosysteme von der Atlantik- und Pazifikküste der USA, der Nordsee, dem arktischen Weißmeer und aktuell bis zur Ostsee erstreckt. Allein in den letzten 150 Jahren sind etwa 100 gebietsfremde Arten in der etwa 12.000 Jahre alten Ostsee zu verzeichnen. Die meisten sind durch die Schifffahrt gekommen.
Wann, wo und wie diese Schnecke in den Küstenbereich der Ostsee gelangt ist, lasse sich nicht genau beantworten. Denkbar wären der Eintrag von Larven im Ballastwasser von Schiffen, der Transport durch Aquakultur oder der Handel mit marinen Produkten.
Nach bisherigen Erkenntnissen gehen die Rostocker Meeresbiologen um Professorin Sokolova davon aus, dass sich die Art zumindest im südwestlichen Teil der Ostsee etablieren konnte. Wie sich diese Kopfschildschnecke allerdings langfristig in unsere Küstenöko-Systeme einfügen wird und welche Auswirkungen das auf heimische Arten hat, müssen längerfristige Studien ans Tageslicht fördern. Zwar konnten inzwischen viele Informationen zur Lebensweise der Art zusammengestellt werden, doch gibt es nach wie vor auch offene Fragen. So haben die bisherigen Studien von Dr. Wranik gezeigt, dass die Schnecken von Anfang August bis Ende Oktober ins Flachwasser kommen, um sich hier zu vermehren, doch danach sind sie wieder verschwunden. „Wo sie sich dann aufhalten, wissen wir noch nicht“, sagt der Rostocker Meeresbiologe. Bislang unbekannt ist auch die Salzgehalt-Toleranz der Tiere, die für eine mögliche Ausbreitung der Schnecke in der Ostsee von Bedeutung ist.

01.10.2018, Universität Leipzig
Hugo und Faya auf dem Laufband – Forscher untersuchen Bewegungsabläufe von Ameisenbären

Ameisenbären auf dem Laufband: Erstmals sind an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig mit einer speziellen, hochmodernen Anlage zwei Tamanduas – so der lateinische Name der exotischen Tiere – in Bewegung geröntgt worden. Der Biologe Prof. Dr. John Nyakatura von der Humboldt-Universität Berlin hat sich dafür eine Zeitlang Hugo und Faya aus dem Zoo Dortmund ausgeliehen. In der Fluokinanlage am Veterinär-Anatomischen Institut der Universität Leipzig analysiert er die Bewegungen der beiden Ameisenbären beim Laufen, Klettern und beim Aufbrechen eines Termitenhügels.
Die Vorbereitung zu dieser gemeinsamen Studie der Universität Leipzig mit der Humboldt-Universität Berlin, an der auch Franziska Grandt, Doktorandin der Veterinärmedizinischen Fakultät, maßgeblich mitgewirkt hat, dauerten 18 Monate. „Ameisenbären, Faul- und Gürteltiere gehören zu einer besonderen Gruppe von Säugetieren, den Nebengelenktieren. Sie haben viele ihrer ursprünglichen Merkmale erhalten und sind deshalb für uns Evolutionsbiologen besonders interessant“, sagt Nyakatura. Er und Dr. Sandra Geiger von der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VMU), die am Veterinär-Anatomischen Institut der Universität Leipzig promoviert hat und sich mit der Fluokinanlage bestens auskennt, untersuchen detailliert den Bewegungsapparat der Tamanduas in Aktion. Sie analysieren, welche Muskeln die Tiere wofür nutzen und welche Technik sie einsetzen, wenn sie an ihre Lieblingsnahrung kommen wollen. Adrian Scheidt, Student der Humboldt-Universität Berlin, schreibt zu dem Thema seine Masterarbeit und hat zur Beobachtung der Tiere beim Graben einen Termitenhügel aus Lehm nachgebaut.
„Wir wollen durch unsere Untersuchungen besser verstehen, wie die Bewegungsabläufe bei den Tamanduas sind. Sie klappen die Hände beim Laufen zur Seite, um die Krallen zu schonen. Jetzt können wir sehen, was da genau abläuft. So konnten wir die Tiere noch nie beobachten“, berichtet Nyakatura, der sich von der Studie neue Erkenntnisse über die Evolution des Bewegungsapparates der Tiere erhofft
Die im Jahr 2013 eingeweihte Fluokinanlage der Veterinärmedizinischen Fakultät befindet sich im Veterinär-Anatomischen Institut und wird von Prof. Christoph Mülling und seinem Team betrieben. Die Anlage ermöglicht die Aufnahme von Hochgeschwindigkeits-Röntgenfilmen auch von größeren Tieren wie Pferden, Rindern und Schweinen auf dem Laufband. Mit dem Gerät können komplexe biomechanische Bewegungsabläufe erkannt und analysieren werden. Sie ist neben einer kleineren Anlage an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena die einzige ihrer Art in Deutschland.

03.10.2018, Veterinärmedizinische Universität Wien
Fruchtfliegen kontern Klimawandel durch Stoffwechselumstellung
Evolutionäre Auswirkungen durch den Klimawandel sind derzeit ein „hot topic“ der Evolutionsforschung. So bewirkt bei der Fruchtfliege eine heißere Umgebung unter anderem eine komplette Umstellung des Stoffwechsels-und das mit Änderungen in ganz wenigen Genen. Forschende der Vetmeduni Vienna zeigten in Genome Biology dass evolutionäre Anpassungsprozesse schon in wenigen Generationen die Anpassung an eine neue, heiße Umwelt bewirkt haben. Dabei setzen sich Varianten zweier Gene durch, die auf einen essentiellen Regulator des Energiehaushalts einwirken. Fruchtfliegen machen sich somit statt mit vielen kleinen Veränderungen mit einer „einflussreichen“ Gen-Minderheit für heißere Zeiten fit.
Das Wohlbefinden der meisten Tiere und Pflanzen wird stark von der Temperatur beeinflusst. Der derzeitig stattfindende Klimawandel stellt für viele Organismen somit eine große Herausforderung dar. Sie müssen sich an die veränderten Temperaturen anpassen, oder ihr Überleben ist stark gefährdet. Dass diese Anpassung auf genetischer Ebene gesteuert wird, ist seit längerem bekannt. Dass sie jedoch auch sehr schnell, innerhalb weniger Generationen, passieren kann, dagegen nicht. Erst in den letzten Jahren gelang der Nachweis wie rasch sich die die genetische Zusammensetzung von Populationen ändern kann.
Umstritten ist dabei aber, ob nur wenige, einflussreiche oder viele Gene mit geringem Einfluss für diese raschen Veränderungen verantwortlich sind. Forschende vom Institut für Populationsgenetik der Vetmeduni Vienna um Francois Mallard und Christian Schlötterer haben Anpassung an neue Klimaverhältnisse im Labor experimentell getestet: frisch gefangenen Fruchtfliegen wurden einer heißen Umwelt ausgesetzt und die überlebenden Fliegen wurden nach weniger als 60 Generationen untersucht. Dabei gelang der Nachweis, dass der gesamte Stoffwechsel durch wenige Genvarianten umprogrammiert wurde.
Schnelle Anpassungen sind möglich, doch nur bei ausreichender genetischer Diversität
Aufgrund mehrerer, mit Nobelpreisen ausgezeichneter Forschungsleistungen ist die Fruchtfliege der Öffentlichkeit mittlerweile zwar als „Haustier“ der Genforschung bekannt. Ihr Potential in der Umweltforschung ist jedoch erst vor kurzem erkannt worden. Die Kombination von Ökologie und Genetik stellt ein bisher kaum genutztes Potential dar, um Anpassungsprozesse im Kontext der globalen Klimaveränderungen zu verstehen. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Anpassungsstrategie ist ein ausreichender Genpool, in dem die genetischen Varianten für neue Umweltbedingungen auf „Vorrat“ gehalten werden.
Mallard und seine ForschungskollegInnen suchten dabei nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Mit einer sogenannten Evolve and Resequence Studie suchten sie aus mehreren Millionen Varianten im Erbgut, diejenigen heraus, die den Fruchtfliegen einen Fitnessvorteil in heißer Umwelt bieten. Die Forschenden führten die Experimente dazu zwar im Labor, „doch der Vergleich unserer Ergebnisse mit natürlichen Populationen aus heißen Gegenden wie etwa Florida zeigte, dass die gleichen Anpassungsmechanismen auch in der freien Natur zur Anwendung kommen“ erklärt der Erstautor.
Simple genetische Basis löst komplexe Umstellung des Stoffwechsels aus
Bei ihren Analysen stellte das Forschungsteam fest, dass die genetische Anpassung sich direkt auf einen essentiellen Regulator des Stoffwechsels, den Enzymkomplex AMPK, auswirkte. Die daraus resultierende Stoffwechselumstellung wurde jedoch nicht, wie hauptsächlich angenommen von vielen Veränderungen mit geringem Einfluss, sondern wenigen einflussreichen Genen ausgelöst. „Nicht nur in Fruchtfliegen spielt der Enzymkomplex AMPK eine zentrale Rolle im Stoffwechsel, in diesem Fall, ob Fett in einer Zelle auf- oder abgebaut wird.Hier sorgt AMPK für die ausreichende Menge an ATP, einem wesentlichen Energieträger der Zelle. Wir waren überrascht, dass zwei der stärksten Anpassungssignale die Gene Sestrin und SNF4Aγ betroffen haben, die beide mit der AMPK interagieren“ so Mallard. „Doch damit erklärt sich, wieso die Fliegen es schaffen sich so schnell an veränderte Klimabedingungen anzupassen. Momentan untersuchen wir, ob die gleichen Prinzipien bei der Anpassung an Sommer und Herbsttemperaturen eine Rolle spielen.“
Effizient und wissenschaftlich erfolgreich auf der Spur der Evolution seit 10 Jahren
Das Institut für Populationsgenetik und das dort beheimatete Doktoratskolleg „Populationsgenetik“ feierte am 7. September 2018 ihr zehnjähriges Jubiläum. Über 120 Publikationen von PhD-Studierenden in renommierten Fachjournalen, drei ERC Preise, ein FWF Starter Preis sowie zahlreiche andere Auszeichnungen dokumentieren eindrucksvoll, dass sich Wien und speziell die Vetmeduni Vienna erfolgreich als international ausgewiesenes Zentrum der Populationsgenetik etabliert hat. Jedes Jahr bewerben sich eine Vielzahl motivierter Doktoranden, die die Kombination aus mathematischer Modellierung, Bioinformatik und experimenteller Genetik anzieht.
Originalpublikation:
Der Artikel „A simple genetic basis of adaptation to a novel thermal environment results in complex metabolic rewiring in Drosophila“ von François Mallard, Viola Nolte, Ray Tobler, Martin Kapun und Christian Schlötterer wurde in Genome Biology veröffentlicht.
https://doi.org/10.1186/s13059-018-1503-4

04.10.2018, Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit
Wissenschaftler weisen erstmals tödliche Vogelgrippe-Infektion beim Seeadler nach
Bleivergiftungen oder eine Kollision mit einem Zug waren bisher die wahrscheinlichsten unnatürlichen Todesursachen bei Seeadlern. Im Winter 2016/2017 gab es jedoch zahlreiche Todesfälle in Norddeutschland, bei denen beides ausgeschlossen werden konnte. Stattdessen waren 17 Seeadler in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg mit dem hochansteckenden Vogelgrippevirus H5N8 infiziert. Die tödlichen Infektionen mit dem Virusstamm H5N8 2.3.4.4b sind die ersten Fälle der Vogelgrippe bei Seeadlern und stellen den Schutz der bedrohten Greifvögel vor neue Herausforderungen. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Viruses“ erschienen.
Oliver Krone vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW), Timm Harder, Franz J. Conraths, Reiner Ulrich und Martin Beer vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) und weitere Kollegen wiesen die H5N8-Infektionen der Seeadler nach.
Die Vogelgrippe bedroht seit mehreren Jahrzehnten Wildvögel und Hausgeflügel. Insbesondere Hühner, Gänse und Enten sowie weitere Wasservögel sind von den Infektionen mit unterschiedlichen Stämmen des Influenza-A-Virus betroffen. Immer wieder kommt es zu Epidemien, beispielsweise 1992 in Mexiko, 2006 in Mitteleuropa, 2015 in den USA und 2016/2017 erneut in Europa. Seeadler (Haliaeetus albicilla) schienen bislang von Ansteckungen verschont zu bleiben, obwohl für einzelne Greifvogelarten wie dem Wanderfalken oder dem Mäusebussard bereits Infektionen nachgewiesen wurden. Die Untersuchungen der 17 in Norddeutschland gefundenen Seeadler – 14 davon waren bereits tot und drei weitere zeigten starke Symptome wie Übererregbarkeit und Koordinationsschwierigkeiten – erbrachten nun den Nachweis, dass sich auch Seeadler infizieren können. Analysen des Erbguts der Viren zeigten, dass es sich nicht um den weit verbreiteten Influenzatyp H5N1 handelte, sondern um den Typ H5N8. Ferner identifizierten die Wissenschaftler durch eine vollständige Aufklärung des viralen Erbguts den Virusstamm 2.3.4.4b, der als hochaggressiv für Vögel gilt. Das Virus kann in den Tieren eine Gehirnentzündung (Polioencephalitis) auslösen. Messungen der Blei-Konzentration in Niere und Leber der Seeadler schlossen vorher Bleivergiftungen als Todesursache aus.
Die norddeutsche Tiefebene und die deutsche Ostseeküste sind der zentrale Lebensraum von Seeadlern in Deutschland. Dessen Verbreitungsgebiet erstreckt sich bis nach Grönland im Westen und Japan im Osten. In Deutschland gibt es derzeit 750 Brutpaare. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war er durch menschliche Verfolgung und die Folgen des Insektizids DDT fast ausgerottet. Seit den 1980er Jahren erholen sich die Bestände wieder, nachdem die Verfolgung eingestellt und die Anwendung von DDT verboten wurde. Neue Bedrohungen entstanden, wie die Vergiftung durch bleihaltige Munition. Auch für Infektionskrankheiten sind die Tiere empfänglich: „Seeadler ernähren sich vor allem im Winter von Aas und, wenn verfügbar, auch von Wasservögeln“, sagt Oliver Krone vom Leibniz-IZW. „Natürlich sind kranke und schwache Tiere eine leichte Beute für den Seeadler. Das führt dazu, dass sich diese Greifvögel immer wieder Viren und anderen Krankheitserregern aussetzen.“
Für das Wissenschaftsteam bleiben noch einige Fragen unbeantwortet, die nun Gegenstand weiterer Untersuchungen sind. So ist beispielsweise noch unklar, warum bei der H5N1-Epidemie im Jahr 2006 offensichtlich keine Infektionen bei Seeadlern nachgewiesen wurden und warum sie im Winter 2016/2017 so stark davon betroffen waren. „Die Empfänglichkeit für unterschiedliche Virenstämme könnte artspezifisch sein“, so Franz Conraths und Martin Beer vom FLI. „Es könnte aber auch sein, dass die Unterschiede zwischen den Virenstämmen entscheidend sind. Der Virenstamm 2.3.4.4b scheint deutlich aggressiver für viele Vogelarten zu sein als früher aufgetretene Stämme, weshalb es jetzt möglicherweise auch die großen Seeadler getroffen hat.“ Bisher ist noch unklar, ob Infektionen für Seeadler unweigerlich tödlich verlaufen oder ob die Tiere die Infektion überstehen können – möglicherweise wenn die Stämme nicht so aggressiv sind – und anschließend immun sind. „Die Beobachtung, dass von den 17 Tieren der überwiegende Teil Jungtiere sind, könnte auch auf eine Immunisierung hindeuten“, ergänzt Krone. „Entweder sind Jungtiere, wie in anderen Arten auch, besonders anfällig für Infektionen. Oder sie gehören zur Altersklasse, die zum ersten Mal mit einem Grippevirus infiziert wird. Wenn diese Tiere die Infektion überstehen, sind sie möglicherweise für weitere Infektionen ‚gerüstet‘. Ältere Tiere könnten also ‚immunologisch erfahren‘ sein und schon die eine oder andere Influenzaerkrankung durchgemacht haben, was sie widerstandsfähiger auch gegenüber neu aufkommenden Stämmen machen könnte.“
Für den Menschen scheint der Influenzatyp H5N8 weniger gefährlich zu sein als der Typ H5N1, durch den nach den Epidemien bei Vögeln mehrere hundert Menschen infiziert wurden. „Bisher ist für H5N8 keine Übertragung vom Tier auf den Menschen bekanntgeworden“, so die Wissenschaftler des FLI.
Originalpublikation:
Krone, O.; Globig, A.; Ulrich, R.; Harder, T.; Schinköthe, J.; Herrmann, C.; Gerst, S.; Conraths, F.J.; Beer, M. White-Tailed Sea Eagle (Haliaeetus albicilla) die-off due to infection with highly pathogenic avian influenza virus, subtype H5N8, in Germany. Viruses 10: 478 (2018).
DOI: 10.3390/v10090478 ; https://www.preprints.org/manuscript/201807.0200/v1

03.10.2018, Max-Planck-Institut für Ornithologie
Vor Zuschauern sind Singvögel leidenschaftlicher
Blaukopf-Schmetterlingsfinken intensivieren ihre Balzvorführungen, wenn Publikum anwesend ist. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen und der Hokkaido University in Japan haben herausgefunden, dass beide Geschlechter singen und oft eine Art Stepptanz aufführen, vor allem wenn ein Vogel des anderen Geschlechts zuschaut. Da die Vögel den Balztanz zum Partner hin ausrichteten und nicht zum Publikum, wollen sie vermutlich den Zuschauern ihren Pärchenstatus zeigen.
Meistens wird Balz als eine private Kommunikation zwischen zwei potentiellen Partnern angesehen. Sind dabei Zuschauer anwesend, können diese die Vorführung beeinflussen, ein so genannter „Zuschauer-Effekt“. Turteln vor Publikum zeigt diesem die Präferenz für einen Partner und die Qualität des Balzenden. So sinkt das Risiko, dass der Partner von anderen Vögeln umgarnt wird, und die eigene Chance auf ein Techtelmechtel außerhalb der Paarbeziehung steigt.
Blaukopf-Schmetterlingsfinken (Uraeginthus cyanocephalus) leben in Afrika in kleinen Schwärmen und bilden monogame Paare, die lebenslang zusammenbleiben. Bei dieser Art balzen sowohl die Weibchen als auch die Männchen, was ungewöhnlich ist für Singvögel. Beide Geschlechter führen neben einem Gesang meistens noch eine Art Stepptanz auf. Dabei stampfen sie schnell mit den Füßen auf den Untergrund, während sie hüpfen. So ergibt sich eine Art Trommelwirbel, der den Gesang untermalt. Durch das Leben im Schwarm gibt es dabei oft Zuschauer.
Die Wissenschaftler wollten nun wissen, ob und wie sich die Präsenz von Publikum auf das Balzverhalten der Tiere auswirkt. Dazu haben sie Paare mit und ohne Publikum bei der Balz beobachtet und festgestellt, dass die Tiere öfters Gesang und Tanz kombinieren, wenn Publikum (vor allem des anderen Geschlechts) anwesend ist. Balz nur mit Gesang haben die Forscher öfter beobachtet, wenn die Paare alleine waren. Da die Vögel den Balztanz stets zu ihrem Partner ausrichteten und nicht zum Publikum, vermuten die Forscher, dass es ihnen darum geht zu zeigen, dass sich hier ein Paar gefunden hat. „Das ist wichtig für Vögel, die in größeren Gruppen zusammenleben, sagt Nao Ota, Erstautorin der Studie. Loyalität und Zusammenhalt der Paare sind notwendig, um eine lebenslange Partnerschaft aufrecht zu erhalten. „Das gibt uns einen Eindruck davon, wie sich komplexe Kommunikationssignale zwischen Tieren – und auch uns Menschen – entwickelt haben, um Partnerschaften zu etablieren“, so Nao Ota.
Originalpublikation:
Ota N., et al., Couples showing off: Audience promotes both male and female multimodal courtship display in a songbird. Science Advances, October 3, 2018.

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