Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

02.09.2018, NABU
NABU präsentiert deutschlandweit ersten virtuellen Ostsee-Tauchgang
Tief ins Grün zu Schweinswalen und Seehasen – „Tatort“-Kommissar Axel Prahl gibt der Ostsee seine Stimme
Millionen Menschen verbrachten in diesem Jahr ihren Sommerurlaub an der Ostsee. Von dort gab es in den vergangenen Wochen immer wieder schlechte Nachrichten: Feuerquallen-Alarm, Blaualgen-Pest, Badeverbote und Plastikmüll. Die Ostsee kämpft mit menschengemachten Umweltproblemen. Vor diesem Hintergrund möchte der NABU zeigen, warum das vielfältige und faszinierende Meer vor unserer Haustür so schützenswert ist und lädt zum deutschlandweit ersten virtuellen Ostsee-Tauchgang. Die virtuelle Realität (VR-Welt) der Ostsee zeigt sie, wie sie die meisten Menschen noch nie gesehen haben: „OstseeLIFE“ ist eine 360-Grad-Welt, die mit einer speziell dafür entwickelten Brille, aber auch am heimischen PC oder auf dem Smartphone besucht werden kann.
Der beliebte „ARD-Tatort-Kommissar“ Axel Prahl hat die Texte für OstseeLIFE eingesprochen. Gemeinsam mit der Schauspielerin Ulrike Knospe führt er in die verschiedenen Lebensräume ein und erzählt spannende und überraschende Geschichten über die Biologie von Schweinswalen, Seehasen und Seeanemonen. Neben der versteckten Vielfalt von Seegraswiesen und Steinriffen geht es tief hinab ins dunkle Reich zu alten Schiffswracks oder zum einzigartigen Lebensraum des Kreideriffs vor Rügen.
NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller: „In die Tiefe der Ostsee trauen sich meist nur erfahrene Taucher. Mit OstseeLIFE macht der NABU jetzt diese faszinierende Unterwasserwelt zwischen süß und salzig mit Hilfe modernster Technik für alle erlebbar. Wer die einzigartige Schönheit an unseren Küsten kennt, der weiß, was die Natur so schützenswert macht und setzt sich eher für sie ein.“
Täuschend echt wird der „Tauchgang“ mit einer so genannten VR-Brille. Über diese innovative Technik steuern Nutzer die virtuelle Unterwassereise mit den Augen. Hunderte Foto- und Videosequenzen verschmelzen dabei zu einer multimedialen Erlebniswelt. Zwei Wochen und mehr als zwei Dutzend Tauchgänge brauchten die Filmemacher, um fünf ganz verschiedene Lebensräume ins Bild zu setzen. Darauf folgten mehrere Monate Arbeit am Computer.
Im vergangenen Jahr verbrachten mehr als sechs Millionen Menschen ihren Urlaub an der Ostsee. Doch ist hier inzwischen jede dritte Art bedroht. „Schifffahrt, industrielle Fischerei, Plastikmüll oder auch Unterwasserlärm machen den Tieren und Pflanzen schwer zu schaffen. Einige Arten sind bereits für immer verschwunden. Andere stehen kurz davor – wie der Schweinswal mit weniger als 500 verbliebenen Tieren in der zentralen Ostsee“, sagt NABU-Meeresschutzexperte Kim Detloff. Unter dem Motto „Wir für die Ostsee“ habe sich der NABU daher das Ziel gesetzt, ein breites Bewusstsein für einen besseren Schutz der Ostsee zu schaffen. „Dabei kann jeder Einzelne helfen. Über das Abenteuer OstseeLIFE, beim nächsten Urlaub, beim Fischkonsum oder beim Einkauf im Supermarkt“, so Detloff.
Hintergrund:
Die Technik von Ostsee LIFE heißt „Authentic VR“ und ähnelt modernen Gaming -Technologien. Betrachter mit einer VR-Brille können die virtuelle Welt mit ihren Augen selbst steuern, diese reagiert wiederum auf das Verhalten des Betrachters. Werden bestimmte Navigationspunkte fixiert, erhält der „Taucher“ Informationen rund um die Ostsee-Welt. Und auch die Machart von OstseeLIFE ist besonders: Im Unterschied zu künstlichen Umgebungen besteht OstseeLIFE aus eigens gedrehten 360-Grad-Filmen.
Eine einfache VR-Brille für das Handy bietet der NABU über seinen Shop unter www.NABU-shop.de an.
Wer keine VR-Brille besitzt oder nutzen möchte, kann die virtuelle Ostsee auch auf dem Computer, Tablet oder Handy über 360-Grad-Aufnahmen erleben: www.NABU.de/ostsee-life

04.09.2018, Deutsche Wildtier Stiftung
Wanderer statt Waisenkinder
Deutsche Wildtier Stiftung: Lassen Sie den Igelnachwuchs ziehen. Er erobert nur ihren Garten
Im September werden Gärten und Stadtparks zur Kinderstube für Wildtiere. Die Igeljungen sind jetzt geboren. Ihre Stacheln sind noch weich, aber ihr Geruchssinn ist bereits gut ausgeprägt. Nach Ende einer sechswöchigen Säugezeit gehen die jungen Braunbrustigel ohne ihre Mutter auf Entdeckungsreise. Igel lieben die Großstadt: Hier können sie nach Herzenslust in Kompost- und Laubhaufen nach Regenwürmern, Maden, Käfern und Kellerasseln wühlen und weggeworfene Nahrungsreste neben Mülleimern verspeisen. „Ist ein Igelkind zu übermütig, verliert es bei solchen Verlockungen schon mal den Überblick und findet den Weg zum Nest nicht mehr zurück. Mit leisen Pieplauten ruft es dann nach seiner Mutter“, sagt Moritz Franz-Gerstein, Natur- und Artenschützer der Deutschen Wildtier Stiftung. Die alleinerziehende Igelin hört die Hilferufe. Sie eilt schnaufend herbei und sammelt ihren verloren gegangenen Weltenbummler wieder ein. Manchmal sitzt ein verirrtes Igelkind auch tagsüber auf dem Rasen. „Da kann man durchaus stutzig werden. Denn Igel sind fast immer dämmerungs- und nachtaktiv. Doch in der Regel ist auch dieser Tagesgast kein Waisenkind“, betont der Experte.
Viele der aufgefundenen Igel brauchen unsere Hilfe nicht. „Wer einen Igel sieht und sich Sorgen macht, sollte zunächst sicherstellen, ob ihm wirklich etwas fehlt. Nur wenn das der Fall ist, darf das Tier aus der Natur entnommen werden. Verwaiste Igelsäuglinge erkennen Sie daran, dass die Mutter auch nach mehreren Stunden nicht auftaucht“, erläutert Franz-Gerstein.
Kranke Igel sind häufig unsicher auf den Beinen, wirken teilweise apathisch, rollen sich bei Gefahr oft nicht mehr ein, bleiben an einem Fleck sitzen. Parasiten, Verletzungen, Viren oder Fieber können die Ursache für dieses Verhalten sein. „Keinesfalls sollten Sie einem Igel Milch geben“, so der Artenschützer. Wer einen hilfebedürftigen Igel findet, sollte einen Tierarzt oder eine Igelstation aufsuchen. „Hier erfolgt die Erstversorgung, und der Finder kann wichtige Informationen zur richtigen Pflege und Handhabung bekommen.“

5.09.2018, Universität Regensburg
Ameisen mögen keine Überraschungen
Regensburger Biologen untersuchen Erwartungshaltung bei Ameisen
Erwartungen prägen unser Leben und Überraschungen sind uns oft unangenehm. Auch Ameisen empfinden unerwartete Dinge als unangenehm. Das haben Felix Oberhauser und Dr. Tomer Czaczkes, beide vom Animal Comparative Economics Laboratory am Lehrstuhl für Zoologie/Evolutionsbiologie der Universität Regensburg, herausgefunden. Die Ergebnisse bestärken ähnliche Erkenntnisse aus der Konsumentenpsychologie beim Menschen. Sie legen nahe, dass wir durch das Studium der Ameisen auch wertvolle Erkenntnisse über menschliches Verhalten erfahren.
Wir alle haben Erwartungen in unserem täglichen Leben. Sie sind das Resultat unserer Erfahrung: so erwarten wir, z. B. dass unser Kaffee genauso schmeckt wie gestern und eine Komödie uns zum Lachen bringt. Diskrepanzen missfallen uns: wenn unser Kaffee plötzlich zu süß oder eine Komödie traurig ist, sind wir enttäuscht, auch wenn beide objektiv betrachtet gut wären. Daher können Erwartungen beeinflussen, was uns gefällt. Konsumentenpsychologen wissen das schon seit Jahrzehnten und deshalb weckt bereits eine Verpackung bestimmte Erwartungen in uns.
Die Regensburger Biologen haben nun untersucht, ob Ameisen, wie wir, Überraschungen als unangenehm empfinden. Dazu präsentierten sie Ameisen Zuckerwasser, das entweder mit einem erwarteten oder unerwarteten (aber gleich gemochten) Geschmack versehen war. „Offensichtlich können wir mit Ameisen nicht sprechen und ihnen sagen, welchen Geschmack ihr Futter haben wird”, so Felix Oberhauser, der die Studie durchführte. „Stattdessen brachten wir ihnen bei, dass sie ein mit Zitronen- oder Rosmaringeschmack versetztes Zuckerwasser an einer gewissen Stelle finden, um so eine Erwartungshaltung aufzubauen. Nach drei Besuchen bei diesem Futter tauschten wir den Geschmack. Danach konnten wir feststellen, dass Ameisen, die nicht den erwarteten Geschmack bekamen, das Futter weniger mochten. Und das, obwohl wir die Zuckerkonzentration nicht veränderten.”
Doch woher weiß man, dass Ameisen ein bestimmtes Futter weniger mögen? „Ameisen informieren sich gegenseitig über gute Futterquellen durch das Legen chemischer Signale – Pheromone, die die anderen riechen können”, erläutert Dr. Tomer Czaczkes, der die Studie leitete. „Wenn wir zählen, wie oft die Ameisen Pheromone legen und registrieren, wie sehr sie das Futter annehmen, können wir wertvolle Einsichten in die Wahrnehmung der Ameisen bekommen.”
Die Wissenschaftler zeigen somit, dass Ameisen nicht nur mit einem bestimmten Geschmack des Futters rechnen, sondern das Futter auch weniger mögen, wenn es von ihren Erwartungen abweicht. Diese Erkenntnisse können helfen, eine blütenbestäuberfreundliche Landwirtschaft zu entwerfen und zeigen, dass das Beobachten von Ameisen auch zum Verständnis von menschlichem Verhalten beitragen kann.
Originalpublikation:
Oberhauser, F.B., Czaczkes, T.J. (2018) Tasting the unexpected: disconfirmation of expectations leads to lower perceived food value in an invertebrate. Biology Letters
DOI: http://dx.doi.org/10.1098/rsbl.2018.0440

06.09.2018, Universität Trier
Städte machen einheimische Eidechsen zur Minderheit
Studie der Universität Trier: Bestände schrumpfen auf bis zu zehn Prozent
Weltweit wachsen Städte und beanspruchen immer mehr Raum. Evolutionsbiologen rücken diese Entwicklung in den Fokus ihrer Forschung und untersuchen, wie sich der Trend zur Urbanisierung auf Tiere auswirkt. Dr. Joscha Beninde von der Universität Trier hat an Mauereidechsen festgestellt, dass Städte zu einer intensiven genetischen Vermischung beitragen. Durch den Austausch mit eingeführten fremden Individuen werden einheimische Linien massiv verdrängt. In manchen Bereichen machen einheimische Linien von Mauereidechsen nur noch zehn Prozent aus.
Zu den markanten Beispielen, wie sich Arten an Städte anpassen, gehören die Saumfingereidechsen. In Städten lebende Exemplare haben längere Beine, größere Zehenballen und mehr Lamellen an den Zehen, um auf glatten Oberflächen wie Metall oder Beton besseren Halt zu haben. Zudem können sie sich schneller bewegen als ihre Artgenossen in den ursprünglichen Waldhabitaten.
Joscha Beninde hat für seine Studie jeweils etwa 200 Exemplare von Mauereidechsen in Trier, Saarbrücken, Mannheim und Freiburg untersucht. Lediglich in Trier fand er noch heimische Linien ohne Vermischung mit fremden Genen vor. In den anderen drei Städten konnte er nur noch zwischen 10 und 54 Prozent heimische Eidechsen nachweisen. Die übrigen 46 bis 90 Prozent sind Abkömmlinge von eingeführten Eidechsen aus Frankreich oder Italien.
Die fremden Arten oder Linien wurden entweder bewusst ausgesetzt oder kamen als blinde Passagiere in die Städte. Zu ihrer Verbreitung trägt häufig das in Städten weit verzweigte Schienennetz bei. Joscha Beninde stellte auch fest, dass landschaftliche Barrieren wie Flüsse oder Straßen eine Vermischung, die so genannte Hybridisierung, nicht verhindern.
Durch diesen Prozess werden Genome, die sich zuvor über Jahrtausende oder Jahrmillionen in Isolation entwickelt haben, neu zusammengewürfelt. Auf diese Weise können vorteilhafte Eigenschaften einer Art oder Linie von der anderen aufgenommen werden. Hybride breiten sich weiter aus, da sie einen Fitnessvorteil gegenüber den ursprünglichen Linien haben.
Daher stellt sich die Frage, wie mit diesen Verdrängungsprozessen umzugehen ist. Mauereidechsen sind durch die FFH-Richtlinie der Europäischen Union geschützt. Fraglich ist jedoch, ob sich dieser Schutz auch auf nicht-heimische Linien erstreckt. „Aus ökologischer Sicht wäre es konsequent, wenn nur heimische Linien unter Schutz stehen würden. Auch rechtlich ist diese Interpretation vertretbar, wenn nicht sogar notwendig“, sagt Joscha Beninde. Bislang steht eine Regelung allerdings aus.
Die Ergebnisse der Studien von Joscha Beninde wurden in einer Spezialausgabe des Fachjournals „Proceedings B“ veröffentlicht: Joscha Beninde, Stephan Feldmeier, Michael Veith und Axel Hochkirch: „Admixture of hybrid swarms of native and introduced lizards in cities is determined by the cityscape structure and invasion history.“

07.09.2018, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Tiefseebergbau hinterlässt tiefe Narben -Massiver Artenverlust 26 Jahre nach Abbau nachgewiesen
Gemeinsam mit einem internationalen Team haben Senckenberg-Wissenschaftlerinnen die Auswirkungen von Tiefseebergbau – wie den Abbau von Manganknollen – auf die Artenvielfalt am Meeresboden untersucht. Sie zeigen, dass auch 26 Jahre nach dem Abbau ein erheblicher Verlust bodenlebender Organismen zu verzeichnen ist. Insbesondere filtrierende Tiere sind betroffen – über zwei Jahrzehnte nach dem Abbau bleiben knapp 80 Prozent dieser Arten verschwunden. Die Studie erschien kürzlich im Fachjournal „Biogeosciences“.
Das Bergbau Spuren hinterlässt ist selbstverständlich – das gilt auch für den Abbau von Rohstoffen am Meeresboden. „Es gibt belastbare Studien, die zeigen, dass sich beispielsweise der Abbau von Manganknollen negativ auf das Tiefsee-Leben auswirkt“, erläutert Dr. Lidia Lins vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fährt fort: „Ob und wann sich die Tiere wieder von dem Eingriff erholen, ist aber noch weitestgehend unerforscht.“
Die Zweitautorin der kürzlich erschienenen Studie hat daher mit einem internationalen Team die Auswirkungen des „DISturbance and reCOLonization (DISCOL)“-Experiments auf bodenlebende Tiefsee-Organismen untersucht. Während der 1989 beginnenden wissenschaftlichen Versuchsreihe wurden 22 Prozent eines insgesamt 10,8 Quadratkilometer großen manganknollenreichen Gebietes im südöstlichen Pazifik mit schwerem Gerät umgepflügt.
Das Areal wurde einen Monat, sechs Monate, drei, sieben und 26 Jahre nach der Störung erneut untersucht, um die Vielfalt der Makro- und Megafauna und die Fischhäufigkeit zu beurteilen.
„Wir haben diese einzigartige Zeitreihe aus der Tiefsee genutzt, um Nahrungskreisläufe für karbonatproduzierende und -fressende Organismen zu entwickeln. Aus diesen können wir dann ableiten, welche Auswirkungen das Umgraben des Meeresbodens innerhalb und außerhalb des gepflügten Bereiches hat“, erklärt Lins.
Die Ergebnisse sind besorgniserregend: Sogar noch 26 Jahre nach dem Experiment lag die Gesamtmasse von kalkbildenden Organismen innerhalb des gestörten Bereiches 54 Prozent unterhalb der Masse außerhalb des Gebietes. Am wenigsten betroffen waren dabei die auf dem Meeresboden fressenden Organismen – sie verzeichneten einen Verlust von 2,6 Prozent.
„Die filtrierende und suspensionsfressende Fauna hat es umso härter getroffen. Hier gibt es knapp 80 Prozent weniger Aktivität“, ergänzt Lins und fügt hinzu: „Wir konnten zeigen, dass sich die Ökosysteme in der Tiefsee nur sehr langsam von Eingriffen erholen – fast 30 Jahre nach einer vergleichsweisen kleinen Störung ist gerade mal die Hälfte an Leben in das Gebiet zurückgekehrt. Wir plädieren daher für Schutzzonen in den Ozeanen!“
Originalpublikation:
Stratmann, T., Lins, L., Purser, A., Marcon, Y., Rodrigues, C. F., Ravara, A., Cunha, M. R., Simon-Lledó, E., Jones, D. O. B., Sweetman, A. K., Köser, K., and van Oevelen, D.: Abyssal plain faunal carbon flows remain depressed 26 years after a simulated deep-sea mining disturbance, Biogeosciences, 15, 4131-4145, https://doi.org/10.5194/bg-15-4131-2018.

09.09.2018, Forschungsverbund Berlin e.V.
Wildtierforscher gesucht! – Fuchs, Waschbär und Co. in Berliner Gärten
Wildtiere sind im Berliner Stadtbild schon fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden, aber wo und wie leben eigentlich unsere tierischen Nachbarn im Großstadtdschungel? Um dies herauszufinden, führt das das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) ein bürgerwissenschaftliches Projekt über wildlebende Säugetiere durch und sucht dafür Berliner*innen mit eigenem Garten. Das Leibniz-IZW stellt den Teilnehmenden eine Wildtierkamera zur Verfügung, die sie vier Wochen lang auf dem eigenen Grundstück anbringen. Wer gern den eigenen Garten zum Forschungsgebiet machen möchte, kann sich noch bis zum 23.9. um die Teilnahme am Projekt bewerben.
„Die von uns zur Verfügung gestellte Kamera ist mit einem Bewegungssensor ausgestattet und macht automatisch Fotos von Tieren, die vor die Linse laufen“, erklärt Dr. Milena Stillfried, Wissenschaftlerin im Projekt. Anschließend laden die Teilnehmenden die Kamerabilder auf die Internetplattform des Projektes hoch. Dort können sie die Fotos bestimmen, die gewonnenen Daten grafisch darstellen und sie mit Hilfe von statistischen Tests auswerten. Darüber hinaus haben die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, die Daten miteinander zu vergleichen und ihre Ergebnisse im Forum zu diskutieren. So bekommen sie wissenschaftsbasierte Einblicke in die Verbreitung und Lebensweise von Wildtieren in Berlin. „Damit binden wir die Teilnehmenden weitaus intensiver in die Forschungsarbeit ein als bei vielen Citizen Science-Projekten üblich“, sagt Projektleiterin Dr. Miriam Brandt. „Sie können nicht nur Daten sammeln, sondern sich auch an der Auswertung und Diskussion beteiligen“.
In den kommenden zwei Jahren (Herbst 2018 – Sommer 2020) wird es insgesamt vier Durchgänge dieses Projektes geben, die jeweils zwei Monate dauern. Die erste Feldphase startet Anfang Oktober 2018. Berliner*innen, die gern ihrem Forscherdrang nachgehen möchten, können sich vom 4. bis zum 23. September 2018 auf der Internetplattform www.wtimpact.de für eine Teilnahme am Projekt bewerben. Die Anzahl der Bürgerwissenschaftler*innen ist auf 200 begrenzt. Gibt es mehr Bewerbungen als Plätze, werden die Teilnehmenden anhand ihres Wohnortes ausgewählt, damit die Kameras möglichst gleichmäßig über das Stadtgebiet verteilt sind.
Das Verbundprojekt WTimpact
Immer öfter arbeiten in Forschungsprojekten Wissenschaftler*innen und Bürger*innen zusammen. Man spricht bei dieser gemeinsamen Forschung auch von Bürgerwissenschaft oder Citizen Science (CS). Citizen Science-Projekte sollen zum einen den Wissenschaftler*innen helfen, Daten und Informationen zu gewinnen. Gleichzeitig sollen sie den Teilnehmer*innen Kenntnisse über das jeweilige Forschungsfeld und die wissenschaftliche Arbeitsweise vermitteln. Ob CS diese Anforderungen aber tatsächlich erfüllt, ist bisher nur wenig erforscht. „Das Projekt WTimpact hat deshalb noch eine weitere Ebene“, so Brandt. „Die Bürgerwissenschaftler*innen unterstützen uns dabei, mehr über das Forschungserlebnis der Teilnehmenden herauszufinden. Durch die Beantwortung von Fragebögen zeigen sie uns, was sie aus dem Projekt mitgenommen haben und tragen so dazu bei, bürgerwissenschaftliche Projekte in Zukunft so zu gestalten, dass Teilnehmende optimal davon profitieren.“ Zum Team gehören daher neben Naturwissenschaftler*innen auch ein Bildungsforscher und eine Sozialpsychologin.
WTimpact ist ein Verbundprojekt des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Berlin, des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS) in Leipzig, des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik (IPN) in Kiel und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

09.09.2018, SANGO WILDLIFE CONSERVANCY
100 wilde Elefanten werden vom 9. September bis Ende Oktober 2018 in Simbabwe von der Sango Wildlife Conservancy in die Rifa Safari Area umgesiedelt
Mit freundlicher Genehmigung und großer Unterstützung der Regierung Simbabwes wird eine der größten Umsiedlungen von Wildtieren in der Geschichte des Landes stattfinden. Der Umzug der 100 Elefanten wird unter Federführung der Zimbabwean Parks & Wildlife Management Authority als Partner der Sango Wildlife Conservancy und der Hemmersbach Rhino Force umgesetzt.
Über zwei Jahrzehnte Naturschutz, unterstützt durch die nachhaltige Nutzung verschiedenster Wildtierpopulationen sowie dem intensiven Schutz vor Wilderern zeigen eindrucksvoll, wie erfolgreich Naturschutz in Simbabwe sein kann. „Wir haben einfach zu viele Elefanten auf Sango“, sagt Wilfried Pabst, Besitzer des 600 Quadratkilometer großen Sango Wildlife Conservancy. „Dank der Unterstützung der Regierung von Simbabwe und der Hemmersbach Rhino Force können wir 100 Elefanten vor dem Keulen retten“, so Pabst weiter. Die grauen Riesen werden im Rahmen der „Initiative ReWild“ der Sango Wildlife Conservancy als Spende in die über 700 km entfernte Rifa Safari Area umgesiedelt. Der gesamte Umzug wird von Hemmersbach Rhino Force finanziert.
Erste Stufe eines umfangreichen Plans
Die neue Heimat der Elefanten ist die Rifa Safari Area, ein 290 Quadratkilometer großer Park im Sambesi-Tal im Norden Simbabwes, der von der Hemmersbach Rhino Force betrieben wird. Deren Geschäftsführer, Ralph Koczwara, begrüßt die Aktion als klaren Beweis für den Erfolg Simbabwes im Naturschutz: „Hemmersbach Rhino Force freut sich, den Umzug der 100 von Herrn Pabst gespendeten Elefanten zu ermöglichen und zu finanzieren. Der Umzug ist nur der erste Schritt in der Zusammenarbeit zwischen der Sango Wildlife Conservancy und der Hemmersbach Rhino Force, um die Wiederansiedlung von Wildtieren und schließlich von Nashörnern an ihrem neuen Lebensraum zu realisieren.“ Die Save Valley Conservancy, innerhalb derer Sango die mit Abstand größte Fläche einnimmt, hat einen durchschlagenden Erfolg beim Schutz ihrer stark bedrohten Nashornpopulation erzielt. Daher sollen, in künftigen Schritten und mit Zustimmung der Regierung Simbabwes, Spitzmaulnashörner aus dem Sango Wildlife Conservancy in die Rifa Safari Area umgesiedelt werden.
Sowohl Pabst als auch Koczwara sind deutsche philanthropische Investoren in Simbabwe und stolz darauf, ihren Beitrag zum Naturschutz und Naturerbe des wundervollen Landes und seiner Menschen leisten zu können.
Zusätzliche Informationen: http://www.sango-wildlife.com/relocation

10.09.2018, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung
Entführung in antarktischer Tierwelt?
Flohkrebse nehmen Flügelschnecken Huckepack und schützen sich vor Räubern
Flügelschnecken produzieren abschreckende chemische Stoffe, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Einige Flohkrebsarten nutzen dies aus, indem sie Flügelschnecken Huckepack nehmen und so Schutz vor Räubern erlangen. Dabei ist ein Nutzen für die Flügelschnecken nicht erkennbar, im Gegenteil: Sie hungern, da die Beine der Flohkrebse sie bei der Nahrungsaufnahme behindern. Biologen um Dr. Charlotte Havermans vom Alfred-Wegener-Institut haben dieses Phänomen in einem Kooperationsprojekt mit der Universität Bremen untersucht. Sie sprechen in der Fachzeitschrift Marine Biodiversity von Entführung und wollen den potenziellen Nutzen dieser Mitfahrgelegenheit aufklären.
Flohkrebse (Amphipoden) der Unterordnung Hyperiidea sind eine beliebte Beute von Fischen und Seevögeln. Im Nahrungsnetz des Südpolarmeeres spielen sie eine bedeutende Rolle und werden beispielsweise von Antarktisdorschen gefressen. Die Biologin Dr. Charlotte Havermans untersucht daher die Verbreitung, Häufigkeit, Genetik und ökologische Rolle verschiedener Flohkrebsarten und nutzt dafür das Forschungsschiff Polarstern vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Sie ist außerdem in der AG Marine Zoologie an der Universität Bremen beschäftigt, das Projekt wurde vom DFG-Schwerpunktprogramm Antarktisforschung gefördert.
Bei einer Expedition im Südsommer von Dezember 2016 bis Februar 2017 machte sie eine erstaunliche Entdeckung: „Einige Flohkrebse hatten etwas Merkwürdiges auf ihrem Rücken. Bei näherem Hinsehen erkannte ich: Sie trugen Flügelschnecken Huckepack“, berichtet die Biologin. Eine Literaturrecherche ergab, dass US-amerikanische Wissenschaftler dieses Verhalten bereits im Jahr 1990 beschrieben hatten – allerdings ausschließlich für hochantarktische Küstengewässer und nicht für das offene Südpolarmeer, wo die Polarstern unterwegs war.
„Wir fragten uns, ob diese Tandems im offenen Ozean ebenso häufig wie in den Küstengewässern vorkommen – und ob beide Tiere von dieser Beziehung profitieren“, berichtet Charlotte Havermans. Im küstennahen McMurdo Sound trugen die meisten der untersuchten Flohkrebse einen Schnecken-Rucksack. Anschließende genetische und morphologische Untersuchungen brachten neue Erkenntnisse. War zuvor noch völlig unbekannt, dass im offenen Südpolarmeer solche Tandems überhaupt auftreten, so entdeckten die Biologen dieses Verhalten gleich bei zwei Arten: Flohkrebse der Art Hyperiella dilatata trugen Flügelschnecken namens Clione limacina antarctica und der Krebs Hyperiella antarctica war mit der Schnecke Spongiobranchaea australis assoziiert. Ob man von artspezifischen Paaren sprechen kann, also immer nur eine bestimmte Flohkrebsart eine spezifische Flügelschneckenart trägt, konnte aufgrund des geringen Stichprobenumfangs nicht zweifelsfrei geklärt werden. Während der Expedition entlang der Polarfront und bis ins östliche Weddellmeer hatte das Team um AWI-Biologin Havermans lediglich vier Tandems gefunden.
Spannend sind die Erkenntnisse, die das Forschungsteam bezüglich des Nutzens für die Tiere gewonnen hat. Verhaltensbeobachtungen an freilebenden Flügelschnecken zeigen, dass Antarktisdorsche und andere Räuber durch die von den Schnecken produzierten chemischen Stoffe abgeschreckt werden. Wenn nun Flohkrebse Flügelschnecken als „Geiseln“ nehmen werden sie durch deren Gifte offenbar nicht beeinträchtigt, können aber Fressfeinde abschrecken. Denn die Dorsche lernen, dass Flohkrebse mit Rucksack nicht schmecken und meiden diese, wenn sie eine Flügelschnecke auf dem Rücken tragen.
Da die Situation im offenen Polarmeer anders als in Küstenökosystemen ist, bleiben viele Fragen offen: Ob die dort häufig vorkommenden räuberischen Tintenfische oder Laternenfische ebenfalls chemisch abgeschreckt werden, ist bisher nicht untersucht. Wie groß der energetische Vorteil einer Mitfahrgelegenheit für die Flügelschnecken ist, ist ebenfalls offen. Die Forscher beobachteten, dass die Schnecken von zwei Beinpaaren der Flohkrebse so fixiert werden, dass es sie beim Fressen behindert. Und aktiv dort nach Futter zu suchen, wo geeignete Nahrung anzutreffen ist, können sie schon gar nicht. „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen würde ich sagen, dass die Amphipoden die Flügelschnecken entführen“, resümiert Charlotte Havermans augenzwinkernd.
Ihre größte Lehre aus der Entdeckung: „Vermutlich übersehen wir derzeit viele solcher Vergesellschaftungen zwischen Arten, weil diese in Netzfängen zerstört werden.“ Anders als schalentragende Schnecken oder Krebstiere, die relativ gut erhalten bleiben, werden Quallen und andere empfindliche Tiere im Netz zerdrückt. „In Zukunft werden wir hoffentlich geeignete Unterwassertechnologien mit hochauflösenden Kameras nutzen können, damit wir auch die kleinsten Lebewesen in ihrem Lebensraum erforschen können. So würden wir einen besseren Eindruck von den vielen spannenden Geheimnissen interspezifischer Wechselwirkungen bekommen, die dort unten bisher im Verborgenen stattfinden – und sicher eine wichtige Rolle bei Räuber-Beute-Beziehungen spielen.“
Originalpublikation:
Charlotte Havermans, Wilhelm Hagen, Wolfgang Zeidler, Christoph Held, Holger Auel: A survival pack for escaping predation in the open ocean: Amphipod – pteropod associations in the Southern Ocean, Marine Biodiversity 2018. DOI: 10.1007/s12526-018-0916-3, https://doi.org/10.1007/s12526-018-0916-3

10.09.2018, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
Kleine Tiere, grosse Wirkung: Wirbellose halten Ökosysteme am Laufen
Ob gross oder klein – pflanzenfressende Tiere wie Hirsche, Murmeltiere, Mäuse, Schnecken oder Insekten spielen eine zentrale Rolle im Ökosystem Wiese. Insbesondere wenn die Wirbellosen fehlen, zerfallen Nahrungsnetze und Nährstoffkreisläufe; das Ökosystem bricht zusammen. Dies zeigen die Resultate einer Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL im Schweizerischen Nationalpark.
Bislang ist wenig bekannt, wie sich ein Verlust von verschieden großen Tierarten – zum Beispiel vom Hirsch bis zur kleinen Blattlaus – auf die Vernetzungen und somit auch auf das Funktionieren eines Ökosystems auswirkt. Forschende der WSL und ihre Forschungspartner untersuchten in einem fünfjährigen Experiment erstmals unter realen Bedingungen, was bei einem selektiven Ausschluss von verschiedenen Pflanzenfressern im Ökosystem Wiese passiert. Vor allem der Verlust der wirbellosen Tiere könnte gravierende Folgen für diesen Lebensraum haben, legen die in der wissenschaftlichen Zeitschrift «Nature Communications» veröffentlichten Ergebnisse nahe.
In Absprache mit der Parkverwaltung stellten die Forschenden von 2009 bis 2013 Zäune im Schweizerischen Nationalpark auf. Die Zäune schlossen die Pflanzenfresser der Grösse nach von den Wiesen aus: zuerst die grossen Säugetiere wie den Hirsch, dann die kleineren wie Murmeltier, Hase und Maus und zuletzt die wirbellosen Tiere wie Schnecken, Heuschrecken oder Blattläuse. Das Setup des Experiments entspricht der Realität: Sterben Tiere aus, verschwinden sie der Grösse nach; zuerst die Grossen, dann die Kleinen.
Wirbellose übernehmen, wenn Wirbeltiere verschwinden
Fehlten die grossen Säugetiere, gab es mehr Interaktionen zwischen den verbleibenden Lebensgemeinschaften und ihrer unbelebten Umwelt, etwa der Bodenchemie, als wenn die Säugetiere anwesend waren. Konkret heisst dies zum Beispiel, dass vom Wegfallen der Huftiere schnellwüchsige Pflanzenarten profitierten, die Bodennährstoffe gut nutzen können (biotisch-abiotische Interaktion), auf Kosten von Pflanzen, die starke Beäsung ertragen (biotisch-biotische Interaktionen). Mit grossen Säugern, in dieser Studie insbesondere mit Hirschen, funktioniert ein Ökosystem aber nicht schlechter als ohne; es funktioniert anders.
Wurden hingegen alle Tiere ausgeschlossen, auch die oberirdisch lebenden Wirbellosen, nahmen die Interaktionen sowohl zwischen Lebensgemeinschaften (z.B. zwischen Pflanzen und Bakterien im Boden) wie auch zwischen Lebensgemeinschaften und der unbelebten Umwelt (z.B. zwischen Pflanzen und Bodennährstoffen) ab. Die ober- und unterirdische Vernetzung wurde schlechter. «Wir nahmen an, dass vor allem die grossen Tiere eine grosse Wirkung im System haben. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass auch die kleinen, wirbellosen Tiere sehr wichtig für das Funktionieren des Systems sind», sagt Anita Risch, Erstautorin der Studie und Leiterin der WSL-Forschungsgruppe Pflanzen-Tier-Interaktionen.
Wirbellose müssen besser geschützt werden
Je besser die Lebensgemeinschaften auf den untersuchten Wiesen interagierten und so mit ihrer Umwelt vernetzt waren, desto besser funktionierte das Ökosystem. Als Mass für dieses Funktionieren wurden im Nationalpark beispielsweise die Nährstoffverfügbarkeit, die Bodenatmung und die Anzahl Pflanzenarten erhoben. War die Vernetzung hingegen schlecht, funktionierte auch das Ökosystem schlecht. Es wird instabil und kann weniger gut auf sich ändernde Umweltbedingungen reagieren.
Die Resultate des Experiments zeigen, wie wichtig die Lebensgemeinschaft der wirbellosen Tiere für das Funktionieren von Ökosystemen ist, insbesondere, wenn grössere Säugetiere fehlen. Doch die Anzahl Arten und Individuen der Wirbellosen scheinen in der Schweiz wie auch in Mitteleuropa in jüngster Zeit abzunehmen, nicht nur in intensiv bewirtschaftetem Ackerland. «Uns beunruhigt, dass die Wirbellosen vermehrt auch in Schutzgebieten zu fehlen scheinen», sagt Martin Schütz, Mitautor der Studie. Die beiden Forschenden warnen vor einem Verlust an Wirbellosen: «Wir müssen unsere Anstrengungen erhöhen, wirbellose Tiere zu schützen, denn sie sind von immenser Bedeutung für die Vernetzung und Funktionalität unserer Ökosysteme».
Originalpublikation:
Risch, A.C., Ochoa-Hueso, R., van der Putten W.H., Bump, J.K., Busse, M.D., Frey, B., Gwiazdowicz, D.J., Page-Dumroese, D.S., Vandegehuchte, M.L., Zimmermann, S., Schuetz, M. (2018): Size-dependent loss of aboveground animals differentially affects grassland ecosystem coupling and functions. Nature Communications. doi:10.1038/s41467-018-06105-4.

10.09.2018, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Früchte der gemeinsamen Arbeit für frei lebende Schimpansen
Die Vorteile aus kooperativer Jagd und dem Teilen von Fleisch gelten als grundlegende Triebfedern für die Evolution des Menschen. Doch auch andere Tiere jagen im Gruppenverband. Frei lebende Schimpansen jagen im Taï Nationalpark an der Elfenbeinküste gemeinsam andere Affen, zum Beispiel Stummelaffen. Ein internationales Forscherteam vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beobachtete Schimpansen bei der gemeinsamen Jagd und beim Teilen von Fleisch und konnte nun nachweisen, dass das Jagdverhalten der Tiere ein kooperativer Akt ist und den Teilnehmern der Jagd einen fairen Anteil an der Beute einbringt.
„Die gemeinsame Jagd ist dann erfolgreicher, je mehr Schimpansen daran teilnehmen oder sich zuvor an der Suche nach Beutetieren beteiligt haben“, sagt Liran Samuni vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Erstautorin der Studie. „Das Teilen von Fleisch nach einer erfolgreichen Jagd fördert die zukünftige Jagdbeteiligung, denn erfolgreiche Jäger teilen ihre Beute häufiger mit an der Jagd beteiligten Tieren als mit Nicht-Jägern, obwohl auch diese nach einer Jagd um Fleisch betteln.“
Darüber hinaus fanden die Forschenden heraus, dass das Jagdverhalten der Schimpansen mit dem Ausschütten von Oxytocin einhergeht, einem Neurohormon, das kooperatives Verhaltens bei Menschen und anderen Tieren fördert. Die Oxytocin-Ausschüttung während der Jagd ist ein möglicher Mechanismus, der Schimpansen die kooperative Jagd erleichtert. „Unsere neue Studie belegt den kooperativen Charakter des Jagdverhaltens von einigen frei lebenden Schimpansen, der möglicherweise durch neuroendokrine Mechanismen und Verhaltensmechanismen gefördert wird“, sagt Co-Autor Roman Wittig.
Wie beim Menschen ist wahrscheinlich auch bei Schimpansen der Jagderfolg von der Motivation und der Leistung abhängig. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich die in die Jagd investierte Anstrengung auszahlen wird. Ein Mechanismus, der es aktiven Jagdteilnehmern ermöglicht, Zugang zur Beute zu erhalten, auch wenn sie diese nicht selbst gefangen haben, belohnt sie für ihre Mühe und ermutigt sie, sich auch in Zukunft an Jagden zu beteiligen. Denn Fleisch ist für Schimpansen eine sehr wertvolle Nahrungsquelle.
Fleisch miteinander zu teilen, gewährleistet das ganze Jahre über einen besser vorhersehbaren Zugang zu dieser Nahrungsquelle, was während der Evolution unserer eigenen Art die Entwicklung des Gehirns und typischer menschlichen Lebensprozesse (Geburt, Wachstum, Fortpflanzung, Tod) beeinflusst haben könnte. Wenn die Kooperation bei der Jagd und der Zugang zu Fleisch die Herausbildung dieser für den Menschen typischen Merkmale geprägt hat, zeigt diese Studie, dass auch Schimpansen vergleichbaren Selektionsdrücken ausgesetzt gewesen sein könnten, so die Forscher.
Originalpublikation:
Liran Samuni, Anna Preis, Tobias Deschner, Catherine Crockford, Roman M. Wittig
Reward of labor coordination and hunting success in wild chimpanzees
Communications Biology, 10. September 2018, https://doi.org/10.1038/s42003-018-0142-3

10.09.2018, Hochschule Bremen
Biegen ohne zu brechen – Wie Insekten ihre Umgebung ertasten
Forschende veröffentlichen Ergebnisse zur Beweglichkeit und Aufbau von Antennen
Seit hunderten von Millionen Jahren nutzen Insekten spezialisierte Antennen um ihre Umgebung zu erkunden. Diese Fühler müssen dabei steif genug sein, um aktiv und kontrolliert bewegt zu werden. Gleichzeitig müssen die Antennen jedoch flexibel und nachgiebig sein, um Beschädigungen bei Kontakt zu vermeiden. Wie lösen Insekten dieses Problem und kann die Lösung für biologisch-inspirierte Roboter verwendet werden? In einem interdisziplinären Projekt haben Wissenschaftler der Christian-Albrechts Universität zu Kiel, der Universität Bielefeld und der Hochschule Bremen gemeinsam diese Frage genauer untersucht.
Durch präzise Messungen der Verformung von Antennen von Stabheuschrecken und Computersimulationen konnte das Team nun erstmalig zeigen, dass die speziellen biomechanischen Eigenschaften der Antenne sowohl vom Aufbau als auch vom Material der Antenne abhängen.
„Die untersuchten Insektenantennen bestehen vereinfacht gesagt aus einem weichen Kern, der von einer steifen Hülle umgeben ist“, sagt Prof. Dr. Dirks vom Bionik-Innovations-Centrum der Hochschule Bremen. „Während die steife Hülle hauptsächlich die Festigkeit der Antenne bestimmt, hilft der weichere Kern bei der Vermeidung von Schwingungen. Zusätzlich sorgen die vielen Einschnürungen entlang der Antenne und die konische Form der einzelnen Segmente für ausreichend Beweglichkeit der Struktur.“
Eine Besonderheit der Arbeit war die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Gruppen. „Die Nutzung von Computersimulationen hat es uns erstmalig erlaubt, auch ‚unmögliche‘ biologische Experimente virtuell durchzuführen“, sagt Dr. Rajabi von der Christian-Albrechts-Universität. „So konnten wir gezielt bestimmte Eigenschaften der virtuellen Antenne wie Form oder Materialzusammensetzung beeinflussen und so den Effekt auf die Beweglichkeit untersuchen.“
Die Erkenntnisse aus der Arbeit helfen zum einen bei der Beantwortung von grundlegenden Fragen zur Funktion der evolutionär sehr erfolgreichen Antenne von Insekten. Zum anderen können die Ergebnisse in Zukunft verwendet werden, um bessere biologisch inspirierte taktile Systeme für Roboter zu bauen. Diese Projekte werden am Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC) der Universität Bielefeld in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Volker Dürr durchgeführt.
In weiteren Studien soll nun untersucht werden, wie Insekten genau Berührungen mit Objekten lokalisieren können und ob die gefunden Prinzipien auch für andere Antennenformen und Insektenarten gültig sind.
Originalpublikation:
Both stiff and compliant: morphological and biomechanical adaptations of stick insect antenna for tactile exploration
H. Rajabi, A. Shafiei , A. Darvizeh, S. N. Gorb, V. Dürr and J.-H. Dirks*
Journal of the Royal Society Interface (2018)

11.09.2018, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Von ersten Räubern und nachwachsenden Zähnen
FAU-Wissenschaftler erforschen fossile Wirbeltierfunde
480 Millionen Jahre – so alt sind die ersten Raubtiere. Und deren Zähne konnten sich auch noch selbst reparieren! Paläontologen um Bryan Shirley und Madleen Grohganz, Lehrstuhl für Paläoumwelt der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), haben neue Erkenntnisse darüber, wie die Zähne wachsen und sich regenerieren, erlangt. Die Ergebnisse wurden in „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht.
In einem Land vor unserer Zeit: Ein schneller Räuber mit scharfen Zähnen geht in urzeitlichen Meeren auf die Jagd. Er erblickt seine Beute und pirscht sich heran. Er verbeißt sich fest, die Beute ist erlegt. Zwar sind einige Zähne angebrochen, doch sie wachsen nach.
Hier wird kein Urzeitmonster aus einem Horrorfilm beschrieben, sondern ein Conodont. Obwohl diese aalartigen Wirbeltiere nur wenige Zentimeter groß waren, gelten sie als erste Raubtiere unseres Planeten. Ihre kleinen Zähne, die in der Fachsprache als Elemente bezeichnet werden und zu den wichtigsten Mikrofossilien zählen, konnten sich nach Beschädigungen selbst erneuern. Wie das genau funktionierte, ist jedoch schwer festzustellen: Obwohl die Zahnfossilien oft in Meeresgesteinen gefunden werden, sind ihre weichen Körperreste selten erhalten. Weil so wenig Weichteilgewebe konserviert wurde, ist es extrem schwierig zu bestimmen, wie sie gewachsen sind.
Mit Mikroskop und Röntgenstrahlen zur Erkenntnis
Die Analysen der FAU-Wissenschaftler bringen Licht ins Dunkel: Die Forscher haben mit Hilfe von Rasterelektronenmikroskopie die verschiedenen Schichten unter die Lupe genommen, um mehr über das Wachstum der Zähne zu erfahren. Bei dem Verfahren wird ein Material mit Elektronen beschossen. Verschiedene Stoffe werfen unterschiedlich viele Elektronen zurück. Schwere Elemente streuen etwa mehr zurück, weswegen diese auf dem Bild heller gezeichnet werden. Durch diese Methode konnten die einzelnen Schichten in höherer Auflösung als zuvor abgebildet und erforscht werden.
Auch die Zusammensetzung wurde im Rahmen der Untersuchungen betrachtet: Durch die Nutzung von Röntgenspektroskopie, bei der Elemente anhand ihrer abgegebenen Strahlung bestimmt werden, konnten die Forscher einzelne Schichten chemisch analysieren.
Drei Wachstumsstadien
Die Zähne wuchsen zyklisch, was die abwechselnde Abnutzung und das darauffolgende Anlegen neuer Schichten zeigen.
Des Weiteren änderte sich die Form der Zähne je nach Wachstumsstufe der Tiere stark. Die Forscher konnten anhand der chemischen Zusammensetzung und der Form drei Wachstumsstadien in der Entwicklung eines Tieres feststellen, die unter anderem durch die Nahrungsaufnahme bestimmt sind: Nach der ersten Stufe, einer Art Larvenstadium, in dem Nahrung nicht mechanisch – also durch Kauen – verdaut wurde, entwickelten sich die Conodonten in der zweiten und dritten Wachstumsstufe zu den ersten Jägern. Die Zähne zeigen also eine Metamorphose: den Übergang zur Raubtierlebensweise.
Bisherige Hypothese bekräftigt
In der Wissenschaft gibt es bisher zwei Modelle, die die nachwachsenden Conodontenzähne erklären sollen. Denn anders als etwa menschliche Zähne wachsen diese nicht von innen, sondern von außen, indem immer neue Schichten aufgelagert werden. Einerseits wird diskutiert, dass sie während Ruheperioden in Hauttaschen zurückgezogen wurden und dort neue Schichten aufgelagert wurden. Man könnte das also mit dem Mechanismus ausfahrbarer Giftzähne mancher Schlangen vergleichen. Andererseits ist eine Hypothese, dass die Zähne dauerhaft von Gewebe und einer Art Hornkappe umschlossen waren und so neue Schichten hinzugefügt werden konnten. Die FAU-Untersuchungen konnten nun die erste Theorie bekräftigen.
Originalpublikation:
DOI: 10.1098/rspb.2018.1614

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