Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

06.01.2021, Universität Wien
Biodiversitäts-Kollaps im östlichen Mittelmeer
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Paolo G. Albano vom Institut für Paläontologie der Universität Wien hat den dramatischen Zusammenbruch der Biodiversität im östlichen Mittelmeerraum mit bis zu 95 Prozent der heimischen Arten beziffert. Die meisten heimischen Arten sterben regional aus, während sich eingeführte tropische Arten rasch vermehren. Die Studie wurde im Journal „Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences“ veröffentlicht.
Die Küstengewässer Israels gehören zu den wärmsten im Mittelmeer. Die meisten marinen Arten waren hier historisch gesehen an ihrer Toleranzgrenze in Bezug auf hohe Wassertemperaturen. Diese Grenze wurde durch den Anstieg der Meerestemperatur in den letzten Jahrzehnten klar überschritten, wie eine aktuelle internationale Studie unter der Leitung von Paolo Albano vom Institut für Paläontologie aufzeigt: Die Temperatur übersteigt infolge des Klimawandels das, was die mediterranen Arten aushalten können – die heimische Biodiversität stirbt dort, regional gesehen, daher großteils aus.
Das Team um Paolo Albano konnte das regionale Aussterben für marine Mollusken beziffern, also jene Gruppe der Wirbellosen, die u.a. Schnecken und Muscheln umfasst. Dafür wurde entlang der israelischen Küste die historische Artenvielfalt anhand der leeren Schalen auf dem Meeresboden rekonstruiert und mit dem derzeitigen Vorkommen verglichen. So konnten die Forscher*innen einen dramatischen Rückgang der Arten nachweisen.
Rückgang der Biodiversität in jüngster Zeit
Am stärksten betroffen sind demnach die seichten Lebensräume in Tauchtiefen: Hier konnte das Team von bis zu 95 Prozent jener Arten, deren Schalen in den Sedimenten vorhanden waren, keine lebenden Individuen mehr finden. Die Studie deutet darauf hin, dass der größte Teil dieses Verlustes in jüngster Zeit, möglicherweise erst in den letzten Jahrzehnten, stattgefunden hat.
Auch von den Arten, die lebend gefunden wurden, konnten die meisten nicht genug wachsen, um sich fortzupflanzen – „ein klares Zeichen dafür, dass sich der Zusammenbruch der Artenvielfalt weiter fortsetzen wird“ – so Paolo Albano. Im Gegensatz dazu gedeihen die tropischen Arten, die über den Suezkanal einwandern, prächtig: Das warme Wasser, das sie im östlichen Mittelmeer vorfinden, ist für ihre Ansiedlung sehr gut geeignet, und tatsächlich kommen sie in großen Populationen und mit voll fortpflanzungsfähigen Individuen vor.
„Für jeden, der es gewohnt ist, im Mittelmeer zu schnorcheln oder zu tauchen, ist das Unterwasser-Szenario in Israel nicht wiederzuerkennen“, erklärt der Biodiversitätsforscher Albano: „Die häufigsten einheimischen Arten fehlen, während im Gegensatz dazu die tropischen Arten überall sind.“
Die Zukunftsaussichten für das Mittelmeer sind der Studie zufolge schlecht: Selbst wenn die Kohlendioxid-Emissionen heute gestoppt würden, würde sich das Meer noch lange weiter erwärmen. Dafür sorgt die Trägheit des Systems, quasi der lange Bremsweg der Erderwärmung.
Demnach ist es also sehr wahrscheinlich, dass sich der Biodiversitätskollaps weiter nach Westen ausbreiten und verstärken wird; außerdem könnte derselbe Prozess in anderen, noch nicht untersuchten Gebieten des östlichen Mittelmeers auch bereits ablaufen. Lediglich im Gezeitenbereich, wo Organismen in gewissem Maße an Temperaturextreme vorangepasst sind, und in tieferen und damit kühleren Meeresregionen, dürften die einheimischen Arten noch überleben – zumindest für einige Zeit.
Sofortiges Handeln nötig
„Doch die Zukunft ist düster, wenn wir nicht sofort handeln, um unsere Kohlenstoff-Emissionen zu reduzieren und die Lebensräume im Meer vor anderen Belastungen zu schützen, die zum Verlust der Artenvielfalt beitragen“, warnt Paolo Albano. „Die bereits eingetretenen Veränderungen in den wärmsten Gebieten des Mittelmeers sind möglicherweise nicht umkehrbar, aber wir könnten große Teile des restlichen Meeresbeckens retten!“
Methodisch war die Studie auch aufgrund ihres interdisziplinären Charakters interessant: „Diese Ergebnisse sind durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund entstanden“, erklärt Martin Zuschin, Leiter des Instituts für Paläontologie an der Universität Wien und Ko-Autor der Studie. „Insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Ökolog*innen und Paläontolog*innen liefert einzigartige neue Einsichten darüber, wie der Mensch die Biodiversität beeinflusst.“
Publikation in Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences:
Albano P.G., Steger J., Bošnjak M., Dunne B., Guifarro Z., Turapova E., Hua Q., Kaufman D.S., Rilov G., Zuschin M.: Native biodiversity collapse in the Eastern Mediterranean. Proceedings of the Royal Society B, 2021.
DOI: 10.1098/rspb.2020.2469

06.01.2021, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Der große Lauschangriff – wie und was hören Fledermäuse?
Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde, bietet die bislang umfassendste vergleichende Bewertung des Hörvermögens von Fledermäusen und untersucht den evolutionären Druck auf ihre sensorische Wahrnehmung. Wissenschaftlerinnen des Museums für Naturkunde Berlin untersuchten das Hörvermögen in Hoch- und Niederfrequenzbereichen, die jeweils relevant für Echoortung und Sozialrufe sind und zeigten, dass das Hörvermögen in beiden Frequenzbereichen gleich gut ist. Darüber erforschten die Wissenschaftlerinnen, dass sich Änderungen des Hörvermögens als Reaktion auf Frequenzänderungen der Echoortung und der Sozialrufe entwickelten.
Fledermäuse leben in einer Klangwelt. Als Hörspezialisten verlassen sie sich auf hochfrequente Echoortungsrufe, um die Welt wahrzunehmen, hören aber auch Sozialrufe und Umgebungsgeräusche bei niedrigeren Frequenzen. Echoortungsrufe und Sozialrufe unterscheiden sich nicht nur in der Frequenz (Tonhöhe), sondern auch in der Amplitude (Lautstärke): Echoortungsrufe sind normalerweise lauter als Sozialrufe, aber die wiederkehrenden Echos können sehr leise sein. Obwohl Fledermäuse eine besonders interessante Gruppe für die Erforschung des Hörvermögens sind, gibt es nur wenige vergleichende Studien.
Wissenschaftlerinnen des Museums für Naturkunde Berlin, Mirjam Knörnschild und Martina Nagy, haben gemeinsam mit Forschenden der LMU München und des MPI für Psycholinguistik in Njimegen untersucht, welcher evolutionärer Druck die sensorische Wahrnehmung von Fledermäusen beeinflusst hat. Sie bewerteten die Hörempfindlichkeit und Amplitudenkodierung von elf neotropischen Arten unter Verwendung einer minimalinvasiven Technik, die den Fledermäusen keinen Schaden zufügte. Die Wissenschaftlerinnen zeigten, dass die Amplitude für hochfrequente Echoortungsrufe feiner codiert ist als für niederfrequente Sozialrufe. „Dieser Unterschied hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Fledermäuse bei Echoortungsrufen und deren Echos einen großen Bereich von Amplitudenunterschieden kodieren müssen“, erklärt Mirjam Knörnschild. Im Gegensatz zur Amplitudencodierung ist die Hörempfindlichkeit der Fledermäuse sowohl im Hoch- als auch im Niederfrequenzbereich gleich gut. „Interessanterweise haben die Weibchen einiger Arten im Niederfrequenzbereich eine höhere Hörempfindlichkeit als Männchen“, fügt Martina Nagy hinzu. „Diese erhöhte Empfindlichkeit könnte einen selektiven Vorteil darstellen, da junge Fledermäuse niederfrequente Isolationsaufrufe nutzen, um mit ihren Müttern zu kommunizieren.“
Die Wissenschaftlerinnen kombinierten ihre neugewonnenen Daten mit bereits veröffentlichten Daten zu 27 weiteren Fledermausarten in einer phylogenetischen Vergleichsanalyse und zeigten, dass die einzelnen Arten eine maximale Hörempfindlichkeit bei den Hauptfrequenzen der jeweiligen Echoortungs- und Isolationsrufe aufwiesen. „Dies zeigt, dass sich Änderungen der Hörempfindlichkeit als Reaktion auf Frequenzänderungen bei den Echoortungsrufen und Sozialrufen entwickelt haben“, betont Mirjam Knörnschild.
Diese Erkenntnisse sind nicht nur für die Fledermausforschung relevant. Andere echoortende Tiergruppen wie zum Beispiel Wale zeigen wahrscheinlich ebenfalls eine adaptive korrelierte Evolution von maximaler Hörempfindlichkeit und wichtigen Ruffrequenzen. Die Wissenschaftlerinnen hoffen, dass ihre Ergebnisse dazu beitragen, den evolutionären Druck auf die sensorische Wahrnehmung aller echoortenden Tiergruppen zu untersuchen.
Aktuelle Informationen zu Fledermäusen:
Einheimische Fledermäuse übertragen kein SARS-CoV-2-Virus und müssen weiterhin geschützt werden. Weitere Inforationen dazu finden Sie hier.
Publikation: http://rspb.royalsocietypublishing.org/lookup/doi/10.1098/rspb.2020.2600

06.01.2021, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung
Das neue Gesicht der Antarktis
Die Antarktis könnte künftig ergrünen und von neuen Arten besiedelt werden. Andererseits dürften Spezies verschwinden.
Diese und viele andere Ergebnisse haben 25 Forscherinnen und Forscher in einem internationalen Großprojekt zusammengetragen, in dem sie Hunderte von Fachartikeln über die Antarktis aus dem letzten Jahrzehnt ausgewertet haben. Damit liefert das Team eine ungewöhnlich umfassende Einschätzung des aktuellen und künftigen Zustands des Kontinents und des ihn umgebenden Südlichen Ozeans.
Noch nie zuvor haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler so viele neue Erkenntnisse über die biologischen und biochemischen Vorgänge in der Antarktis gesammelt wie im vergangenen Jahrzehnt. Dieses Wissen haben jetzt 25 Fachleute unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) im Projekt „AnT-ERA“ ausgewertet und zusammengefasst. Alles in allem musste das AnT-ERA-Team dafür mehrere Hundert Fachartikel zur Antarktis durcharbeiten. Die wichtigsten Erkenntnisse hat es jetzt in einem Übersichtsartikel in zehn Kernbotschaften zusammengefasst, die verschiedene Aspekte wie die Ozeanversauerung, die Artenvielfalt oder die Bedeutung des Meereises für die Lebewesen thematisieren. „Betrachtet man den Zeitraum von 1970 bis heute, dann sind allein in den Jahren 2010 bis 2020 rund 80 Prozent aller wissenschaftlichen Publikationen zur Biologie und Biochemie in der Antarktis erschienen. Für uns war das der Grund, dieses enorme Wissen in einem Fachartikel zu kondensieren“, sagt Meeresbiologe und Projektkoordinator Julian Gutt vom AWI. Die Projektergebnisse sind jetzt im Fachjournal Biological Reviews erschienen.
Zunahme der Artenvielfalt
Eine Erkenntnis der Forscher ist, dass die Erwärmung der antarktischen Gewässer im Zuge des Klimawandels sehr wahrscheinlich ist, und dass damit Pflanzen- und Tierarten aus wärmeren Regionen in die Antarktis einwandern dürften. Wobei nicht nur die Temperatur, sondern auch die künftige Eisbedeckung eine Rolle spielen wird. So wird für die kommenden Jahrzehnte unter anderem damit gerechnet, dass sich das Ergrünen eisfreier Küstengebiete während des Südsommers verstärken wird, weil Moose oder Flechten einwandern. Alles in allem dürfte die Artenvielfalt zunächst zunehmen. Bei einer andauernden Erwärmung aber werden die an extrem tiefe Temperaturen angepassten Arten das Nachsehen haben. „Wir rechnen damit, dass sich solche Arten in die letzten verbliebenen sehr kalten Bereiche der Antarktis zurückziehen werden“, sagt Julian Gutt. „Das heißt auch, dass man diese Regionen wird unter Schutz stellen müssen, um diese Arten zu erhalten.“
Mit der Versauerung leben?
Was die Ozeanversauerung angeht, sieht die Zukunft laut Studie düster aus. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts rechnen die Experten mit einer weitgehenden Versauerung der antarktischen Gewässer. „Es steht außer Frage, dass vor allem jene Lebewesen Probleme bekommen, die Kalkschalen bilden“, sagt Gutt. „Ob sie ganz aussterben oder ob einige Arten ihren Stoffwechsel an die veränderten Bedingungen anpassen, können wir aktuell ebenfalls nicht mit Sicherheit sagen.“ Eine überraschende Erkenntnis der letzten zehn Jahre Forschung war auch, dass die scheinbar so trägen Organismen am Meeresboden der Antarktis wie etwa einige Schwämme oder Seescheiden sehr schnell auf gute Lebensbedingungen reagieren – schnell wachsen oder sich stark vermehren. Das Beunruhigende: Bei ungünstigen Umweltbedingungen reagieren sie aber auch besonders empfindlich. Mit den starken Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, könnten diese Arten ebenfalls Probleme bekommen.
Während sich seit längerem vor allem die antarktische Halbinsel erwärmt hat, die in den Südatlantik hineinragt, haben die Erwärmung und damit der Verlust von Meereis in den vergangenen drei Jahren auch auf die Ostantarktis übergegriffen. Ob das ein langfristiger Trend ist oder nur eine kurzfristige Veränderung, können die Experten noch nicht sagen. In jedem Fall aber ist diese Veränderung der physikalischen Umweltparameter beunruhigend, weil sie einen erheblichen Einfluss auf die künftige Entwicklung des Lebens im Südlichen Ozean haben könnte.
Wie viel CO2 kann die Antarktis schlucken?
Unklar ist bislang auch noch, inwieweit ein Verlust von Meereis dazu beiträgt, dass die Gewässer um die Antarktis durch verstärktes Algenwachstum künftig mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen werden oder nicht. Grundsätzlich nehmen Fachleute an, dass das Algenwachstum zunimmt, wenn sich das Meereis zurückzieht, weil die Algen dann beispielsweise stärker vom Licht beschienen werden. Da Algen beim Wachsen über die Photosynthese Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen, kann das dem Klimawandel entgegenwirken. Seit längerem deuten einfache Prognosen darauf hin, dass die Algen in den Gewässern um die Antarktis rund 25 Prozent mehr CO2 schlucken würden, wenn das Gebiet künftig im Südsommer gänzlich frei von Meereis wäre. Doch zeigt die aktuelle Studie, dass solche pauschalen Aussagen schwierig sind. „Die von uns analysierten Publikationen machen klar, dass die Situation geographisch sehr unterschiedlich ist“, sagt Julian Gutt. „Aber immerhin wissen wir jetzt, welche Meeresgebiete und Messgrößen wir uns künftig genauer anschauen müssen, um Antworten zu finden.“
Knackige Kernbotschaften
Dass ausgerechnet in den vergangenen Jahren so viele neue Fakten zusammengetragen worden sind, führen die Autorinnen und Autoren der Studie vor allem auf die technische Entwicklung zurück – etwa von molekularbiologischen Methoden, von neuen Schiffen und Stationen oder auch autonomen Unterwasserfahrzeugen, von denen einige sogar unter dem Eis navigieren können. Neue numerische und konzeptionelle Modelle wiederum helfen dabei, die Zusammenhänge in den Ökosystemen besser zu verstehen. Für Julian Gutt besteht die Leistung dieser Studie vor allem darin, dass es den 25 Autorinnen und Autoren gelungen ist, sich auf zehn Kernbotschaften zu einigen, die recht plakativ die Ergebnisse zusammenfassen und auch einen Blick in die Zukunft werfen.
Die Studie ist unter folgendem Titel im Online-Portal des Fachjournals Biological Reviews erschienen: Julian Gutt et al.: Antarctic ecosystems in transition – life between stresses and opportunities. DOI: 10.1111/brv.12679

06.01.2021, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
Guineapaviane grunzen mit Akzent
Vokales Lernen führt zur Anpassung der Lautstruktur in einer mehrstufigen Pavian-Gesellschaft
Musikalische Meisterwerke wie die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Die Zauberflöte, sind Beispiele dafür, welche Laute geschulte, menschliche Stimmen produzieren können. Die Voraussetzung für gesanglichen Meisterleistungen und jedes gesprochene Wort ist das vokale Lernen, also die Fähigkeit, gehörte Laute nachzuahmen. Einige Singvögel und Fledermäuse können dies, Menschen sind darin exzellent. Bis ins hohe Lebensalter können wir Sprachen erlernen. Um die Evolution des vokalen Lernens nachzuvollziehen, hat ein Team unter der Leitung von Julia Fischer vom Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung die Lautstrukturen von Guineapavianen analysiert. Die Studie zeigt, dass die Grunzlaute von Pavianen, die derselben sozialen Gruppe angehören, einander ähnlicher sind als zwischen den sozialen Gruppen. Die Unterschiede waren jedoch nur mäßig und können bestenfalls als Akzent, jedoch nicht als eine andere Sprache aufgefasst werden (Proceedings of the Royal Society B).
Vokales Lernen ist die Grundlage allen Spracherwerbs, und es ist daher das Ziel vieler Forschungsanstrengungen die evolutionären Wurzeln dieser Fähigkeit aufzudecken. Ob unsere nächsten lebenden Verwandten vokales Lernen zeigen oder nicht, ist dabei Gegenstand vieler Debatten. Guineapaviane sind ein interessantes Modell, um der Frage nachzugehen, ob soziale und akustische Erfahrungen ihre Lautstrukturen prägen, denn diese Tierart lebt in einer mehrstufigen Gesellschaft. Mehrere Männchen mit dazugehörigen Weibchen und Jungtieren bilden „Parties“, und zwei bis drei dieser „Parties“ bilden eine „Gang“.
Während kameradschaftlicher Interaktionen mit anderen Gruppenmitgliedern stoßen die Männchen tieffrequente Grunzlaute aus, die freundliche Absichten anzeigen. Das Team um Julia Fischer untersuchte die akustische Struktur dieser Grunzlaute und die Gruppenzugehörigkeit der jeweiligen Tiere. Zudem wurde der Verwandtschaftsgrad ermittelt. Die Forschenden konnten zeigen, dass die Grunzlaute von Männchen, die der selben Gang oder Party, also der selben sozialen Einheit angehören, im Durchschnitt ähnlicher waren als die Grunzlaute von Männchen verschiedener sozialer Ebenen.
Genetische Verwandtschaft konnte die Ähnlichkeit der Grunzlaute nicht erklären. Die Forscher führen den „Akzent“ der Paviane daher auf eine einfache Form des vokalen Lernens zurück, bei dem die Hörerfahrung die Produktion von Rufen fördert, die eher klingen, wie die der anderen Männchen in der Gruppe. „Menschen machen das auch: Sie passen oft unwillkürlich das Tempo oder ihre Tonlage an, um sich dem Gesprächspartner anzunähern“, sagt Julia Fischer. Beim Menschen ist diese stimmliche Anpassung bekannt. „Diesen Effekt scheinen nichtmenschliche Primaten und Menschen zu teilen. Aber das ist weit davon entfernt, das erste Wort zu lernen – oder eine ganze Sprache zu beherrschen. Wenn man die Evolution von Sprache verstehen will, ist es daher wichtig, zwischen verschiedenen Formen des vokalen Lernens zu unterscheiden“, schließt Julia Fischer.
Originalpublikation:
Fischer J , Wegdell F, Trede F, Dal Pesco F, Hammerschmidt K, (2020): Vocal convergence in a multi-level primate society: insights into the evolution of vocal learning. Proceedings of the Royal Society B. https://doi.org/10.1098/rspb.2020.2531

06.01.2021, Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere
Starker Rückgang einer einst zahlreichen Tierart
Eine erneute Untersuchung der Puku-Antilopen im Kasanka Nationalpark in Sambia dokumentiert einen starken Rückgang.
Das Wissen um die Populationen von Antilopen und deren Dynamik ist ein Schlüssel für ihren Schutz. Säugetierkundler des Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz Institut für Biodiversität der Tiere (ZFMK) in Bonn haben eine erneute Untersuchung der Boviden im Kasanka Nationalpark in Sambia im November 2019 durchgeführt mit einem Fokus auf der Population der Puku-Antilope (Kobus vardonii). Die Ergebnisse der nun veröffentlichten Studie zeigt einen Rückgang der Population der Pukus um 84% im Vergleich zu einer früheren Untersuchung im Jahr 2009-2010. Änderungen in der Populationsstruktur und der Raumverteilung deuten darauf hin, dass Wilderei in Kombination mit weiteren ungünstigen Faktoren die Pukus negativ beeinflusst hat, und ebenso die anderen Arten der Boviden.
Die Populationsgrößte der Pukus wurde in den Jahren 2009-2010 auf 5.038 Individuen geschätzt. „Diese Erhebung der Population der Pukus im Kasanka Nationalpark war damals Teil meiner Dissertation, in der ich die Ökologie und den Populationsstatus von Pukus in ausgewählten Gebieten Sambias untersucht habe“, erzählt Dr. Vera Rduch vom ZFMK (Zentrale Koordinatorin von GBOL III: Dark Taxa und Sektion Theriologie), die führende Spezialistin für Pukus. Sie hat ebenfalls den kürzlich erschienenen Beitrag über die Pukus im Rahmen der „Mammalian Species“ geschrieben, die von der American Society of Mammalogists herausgegeben wird. „Seit dieser Zeit habe ich meine Beziehungen nach Sambia, zum Kasanka Trust und dem Department of National Park & Wildlife gepflegt. Mehrere Male kam ich zurück nach Sambia um Gespräche zu führen, Vorträge zu halten und Ideen zu Antilopen und ihrem Schutz auszutauschen. Während meiner Reise im Jahr 2018 habe ich nur wenige Pukus im Kasanka Nationalpark gesehen, was mich sofort dazu gebracht hat, die Gemeinschaft der Boviden in diesem Schutzgebiet erneut zu untersuchen.“ Thalia Jentke, wissenschaftliche Hilfskraft in der Sektion Säugetiere, die bei der Datensammlung und –auswertung assistierte erwähnt: „Unser Ziel war es nicht nur eine einfache Schätzung der Anzahl der Tiere in der Population durchzuführen. Wir wollten zusätzliche Informationen über die Situation im Innern der Population und über die Verteilung der Tiere.“
Antilopen sind ein zentrales Element des Ökosystems der Afrikanischen Savannen. In Kombination mit Regenfällen, Feuer und den Nährstoffen in Boden regulieren Antilopen das Verhältnis von Bäumen und Gräsern im wechselnden Mosaik der Habitate. Da sie Beute der Fleischfresser sind, beeinflussen ihre Anzahl und Dynamik das Vorkommen und die Diversität der Raubtiere. Der Kasanka Nationalpark liegt im Norden der Zentralen Provinz und ist einer der kleinsten Nationalparks in Sambia. Er wird von einer Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Organisationen, vom Kasanka Trust Ltd. und dem Department of National Parks and Wildlife, geführt. Der Kasanka Nationalpark ist berühmt für die Ansammlung von 10 Millionen Palmenflughunde (Eidolon helvum), die sich jedes Jahr zwischen November und Dezember einfinden. Weiterhin lebt hier die wohl dichteste und sehr gut sichtbare Population von Sitatunga-Antilopen (Tragelaphus spekii). Der Mittelpunkt dieser Studie ist die Puku-Antilope (Kobus vardonii Livingstone, 1857), eine mittelgroße, goldgelbe Antilope bei der nur die Männchen leierförmig geschwungene Hörner tragen. Sie ist entlang von Flüssen und Seen im südlichen zentralen Afrika verbreitet und während die größte Population in Tansania lebt, so kann Sambia als das Zentrum der Verbreitung angesehen werden.
Diese neue Untersuchung der Arten der Boviden hat genau die gleichen Methoden für die Datenerhebung und anschließenden Auswertungen verwendet, die für die vergangene Bestandserhebung 2009-2010 verwendet wurden. Das war die Grundlage, dass eine direkte Vergleichbarkeit zwischen beiden Untersuchungen gegeben ist, was vor allem die Daten aus dem November 2010 und dem November 2019 betrifft. Daten wurden im Feld im November 2019 über entlang von Linientransekten gesammelt. Für jede Sichtung, wurde die Art der Horträger sowie die Gruppengröße notiert. Weiterhin wurde eine der drei Habitat-Kategorien der Sichtung zugeordnet und, falls möglich, wurden Daten zu Geschlecht und Altersklasse sowie zur Körperverfassung der Tiere erhoben.
Die Ergebnisse sind alarmierend: die geschätzte Populationsgröße sank von 5.038 (3.268-7.238) Tiere in 2009-2010 auf 819 (250-2,708) Tiere im Jahr 2019. Das bedeutet einen Rückgang von 84%. Auch wurden kleinere Gruppen beobachtet. Innerhalb der Population konnten Anzeichen für Wilderei beobachtet werden: das waren Änderungen in der Populationsstruktur wie die Abnahme der Häufigkeiten von Männchen oder der geringere Anteil von Männchen-Gruppen. Zudem waren Änderungen in der Raumverteilung zur beobachten, wie etwa, dass der Rückgang der Populationsdichten entlang der Parkgrenzen besonders ausgeprägt war. Die Pukus sind wachsamer geworden, was sich in größeren Fluchtdistanzen im Vergleich von 2019 zu 2010 zeigte. Der Status der Pukus kann als Indikator für die gesamte Gemeinschaft der Boviden im Kasanka Nationalpark angesehen werden. Die Beobachtungen anderer Boviden in Bezug auf Arten, Häufigkeit und Anzahl der Tiere lag im November 2019 hinter dem, was vor 30 oder noch vor 10 Jahren berichtet wurde.
Eine ungünstige Kombination von mehreren, zum Teil zusammenhängenden Faktoren hat zu diesem Populationsrückgang der Pukus geführt. Die Wilderei hat aus verschiedenen Gründen in den letzten Jahren zugenommen und hat wohl den größten Einfluss, aber auch die letzten Jahre, die trockener waren als im Durchschnitt wirken sich ebenfalls aus. „Unsere Studie ist eine Momentaufnahme über den Status der Wildtiere im Kasanka Nationalpark“, sagt Dr. Vera Rduch „Pukus sind in der Lage sich schnell zu vermehren. Eine bessere Bekämpfung der Wilderei kann helfen, die Situation für die Pukus zu verbessern – und hoffentlich für das gesamte einzigartige Ökosystem des Kasanka Nationalpark.“ Das Schicksal dieser Antilope könnte mehr Aufmerksamkeit erregen, um eine angemessene Finanzierung für den Schutz zusammenzutragen und gemeinsame Anstrengungen zu mobilisieren, um diese einzigartige Wildnis zu bewahren.
Quelle: Der Artikel von Vera Rduch und Thalia Jentke mit dem Titel “Alarming decline of bovids in Kasanka National Park, Zambia: a case study of the puku antelope (Kobus vardonii)” (“Alarmierender Rückgang von Boviden im Kasanka Nationalpark, Sambia: eine Fallstudie der Puku-Antilope (Kobus vardonii)”) wurde im African Journal of Ecology veröffentlich,
DOI: 10.1111/aje.12843.
Link: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/aje.12843,
Link zum pdf: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/aje.12843
Zusätzlich dazu wurde kürzlich der Beitrag über die Puku-Antilope im Rahmen der Mammalian Species veröffentlich, die von der American Society of Mammalogists herausgegeben wird. In dieser Serie wird das momentane Wissen zur Biologie einer Art zusammengefasst, was Systematik, Verbreitung, Fossilien, Genetik, Anatomie, Physiologie, Verhalten, Ökologie und Schutz einschließt: Vera Rduch, Kobus vardonii (Artiodactyla: Bovidae), Mammalian Species: 52 (994): 86-104.
https://doi.org/10.1093/mspecies/seaa007

07.01.2021, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
Der Wolf bringt neue Herausforderung
Die wachsende Population des Raubtieres birgt Konflikte mit Weidetierhaltern und gefährdet einige Naturschutzziele
Der Wolf ist für Menschen entweder ein bedrohliches Raubtier oder der Inbegriff intakter Natur: Während viele Vertreterinnen und Vertreter des Natur- und Tierschutzes die Ausbreitung des Wolfes in Deutschland begrüßen, sehen direkt betroffene Landwirtinnen und Landwirte mit Weidetierhaltung die Rückkehr des Raubtieres kritisch. Ein Team um Nicolas Schoof und Prof. Dr. Albert Reif von der Professur für Standorts- und Vegetationskunde der Universität Freiburg und Prof. Dr. Eckhard Jedicke, Leiter des Kompetenzzentrums Kulturlandschaft sowie des Instituts für Landschaftsplanung und Naturschutz der Hochschule Geisenheim, hat die bestehende Rechtslage ausgewertet und zeigt auf Basis verschiedener ökologischer Daten Konfliktlinien und mögliche Lösungsansätze auf. Die Forschenden stellen in einer Publikation in der Fachzeitschrift „Naturschutz und Landschaftsplanung“ detailliert vor, dass sich die Ausbreitung des Raubtieres negativ auf rechtlich verbindliche Naturschutzzie¬le auswirken könnte.
Expertinnen und Experten ordneten die in Deutschland wieder vorkommenden Wölfe zunächst der mitteleuro¬päischen Flachlandpopulation zu, wobei davon ausgegangen wurde, dass die¬se weitgehend isoliert sei, erklärt Schoof. Neuere genetische Untersuchun¬gen zeigen jedoch, dass die Population zu¬mindest im Austausch mit der baltischen Wolfspopulation steht und deshalb nur ein geringes Inzuchtri¬siko existiert. Das europäische Recht sei sehr streng und lasse, anders als oft behauptet, keine Bestandsregulierung zu: „Dadurch kommt es zu einer hohen Wachstums- und Überle¬bensrate der Jungtiere“, sagt der Freiburger Forscher, „so dass sich der Wolf in vielen Ländern ausbreiten kann.“
Die Art selbst bedeutet zunächst eine Er¬gänzung der heimischen Fauna. Das Team um Schoof analysiert, welche Konsequenzen die wachsende Wolfspopulation und die damit einhergehenden zunehmenden Nutztierrisse und die dadurch erforderlichen Herdenschutzerfordernisse in Deutschland für den Biodiversitätsschutz haben werden. „Es droht eine partielle Aufgabe der Weidewirtschaft gerade auf naturschutzfachlich essenziellen Standorten“, erklärt Schoof. Betroffen könnten zum Beispiel Heiden oder Grünland in Steillagen und auf steinigen Böden sein. Diese Lebensräume stehen – wie der Wolf auch – im Fokus des rechtsverbindlichen Naturschutzes und sind zwingend auf die Fortführung der Beweidung angewiesen. Anders als der Wolf sind diese Lebensräume in ihrem Bestand bedroht.
In vielen Fällen kann der Herdenschutz durch neue Zäune stark verbessert werden, was aber zum Beispiel in steilen Gebirgslagen nicht umsetzbar ist. Abhängig von der Größe und Beschaffenheit der Weiden könnten Herdenschutzhunde eingeführt werden. Das sei jedoch eine ausge¬sprochen arbeits- und kostenintensive Option, die nur für wenige Tierhaltende infrage komme. Vor allem in halboffenen Weidelandschaften, die ein essenzieller Baustein des Biodiversitäts¬schutzes sind, können Herdenschutzhunde nicht effektiv eingesetzt werden. Da aber gerade auf diesen Flächen die Probleme durch Wölfe ansteigen können, seien nur feststehende, wol-fabweisende Zäune eine Lösung, die wiederum großflächige Weideprojekte in ihrer Raumwirkung beschränken würden. Generell stelle die zu erwartende Aufrüstung der Zaunanlagen eine massive Einschränkung anderer Wildtiere dar, die auf Weiden einen optimalen Lebensraum finden.
Für die Wissenschaftler besteht aufgrund dieser Konflikte kein Zweifel, dass die ordnungsrechtlich mögliche, jagdliche Entnahme problematischer Einzeltiere wesentlich vereinfacht und stringent durchgeführt werden muss. Perspektivisch müsse auch über ein umfassendes aktives Management der Wolfspopulation nachgedacht und dafür ordnungsrechtliche Änderungen ergriffen werden. Die Wolfspopulation sei aufgrund der erreichten Indi-viduenzahlen, des eher geringen Inzuchtrisikos und des aktuell exponentiellen Populati¬onswachstums nicht gefährdet, argumentieren sie. Einfachere Lösungen seien nicht in Sicht oder rechtlich noch nicht möglich, betont Schoof.
Zudem schlagen die Forschenden in ihrer Studie vor, dass zum einen alle erforderlichen Herdenschutzmaßnahmen vollumfänglich gefördert werden sollen. „Zum anderen könnte eine bessere finanzielle För¬derung der wirtschaftlich oft unattraktiven Weidetierhaltung etwas zur Mäßigung bei den bestehenden Konflikten beitragen“, sagt Schoof. „Dadurch würde den Halterinnen und Haltern von Weidetieren deutli¬ch gezeigt werden, dass sie wichtige Partnerinnen und Partner sind, wenn es darum geht, praktischen Naturschutz umzusetzen.“
Originalpublikation:
Schoof, N., Reif, A., Luick, R., Jedicke, E., Kämmer, G., Metzner, J. (2021): Der Wolf in Deutschland. Herausforderungen für weidebasierte Tierhaltungen und den praktischen Naturschutz. In: Naturschutz und Landschaftsplanung 53 (1), 2021. DOI: 10.1399/NuL.2021.01.01

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