Paläogenomik sowie Ursprung, Ausbreitung und Entwicklung von Hausschafen
„Ancient genomics and the origin, dispersal, and development of domestic sheep“
Kevin G. Daly, Victoria E. Mullin, Andrew J. Hare, Áine Halpin, Valeria Mattiangeli, Matthew D. Teasdale und zahlreiche weitere Autoren; zu den leitenden Beteiligten gehören Marjan Mashkour, Joris Peters und Daniel G. Bradley.
Veröffentlicht am 31. Januar 2025 in Science, Band 387, S. 492–497.
Die Geschichte des Hausschafs verlief wesentlich weniger geradlinig als die klassische Erzählung einer einmaligen Domestikation und anschließenden Ausbreitung vermuten lässt. Die frühesten untersuchten Schafe aus Zentralanatolien um 8000 v. Chr. stehen dem domestizierten Ausgangsbestand zwar genetisch nahe, erklären aber nicht die gesamte Abstammung späterer Hausschafe. Wahrscheinlich gingen zusätzliche Wildschafpopulationen durch wiederholte Einkreuzung in den frühen Haustierbestand ein.
Noch überraschender ist die Entwicklung in Europa: Die ersten neolithischen Herden stammten überwiegend aus Anatolien. Während der Bronzezeit wurde ihre genetische Zusammensetzung jedoch erheblich verändert. Bei späteren europäischen Schafen lassen sich ungefähr 44 bis 61 Prozent ihrer Abstammung auf eine westliche eurasische Steppenquelle zurückführen. Die Ausbreitung neuer menschlicher Bevölkerungsgruppen war demnach offenbar von einem umfangreichen Austausch oder einer Verlagerung der Schafbestände begleitet.
Die Autoren verglichen 118 alte Schafgenome aus zwölf Jahrtausenden. Die Proben reichen räumlich von Anatolien und Iran über Europa bis nach Zentralasien und in die Mongolei.
Hinzu kamen archäozoologische Alters- und Fundortdaten, Vergleiche mit modernen Haus- und Wildschafen, formale Abstammungs- und Beimischungsmodelle, Untersuchungen früher Selektionssignaturen.
Damit beruht die Rekonstruktion nicht nur auf der geografischen Verteilung heutiger Rassen. Die genetischen Veränderungen können vielmehr direkt an zeitlich bestimmten Tierknochen verfolgt werden.
Bereits in frühen Herden finden sich Hinweise auf menschliche Auswahl hinsichtlich Fellfarbe und Zeichnung, Hornbildung beziehungsweise Hornlosigkeit, Körpergröße und Wachstum.
Das zeigt, dass neolithische Halter nicht lediglich zahme Wildschafe vermehrten. Schon verhältnismäßig früh beeinflussten sie gezielt sichtbare und wirtschaftlich relevante Eigenschaften. Die Studie liefert hingegen keinen einfachen genetischen Nachweis dafür, dass bereits die allerersten Schafe auf feine Wolle spezialisiert waren; die spätere Entwicklung eigentlicher Wollrassen bleibt komplexer.
Bedeutung für die Rekonstruktion der Rassengeschichte
Besonders interessant ist die Erkenntnis, dass eine heutige Landschafrasse nicht ohne Weiteres als unveränderter Überrest der ersten neolithischen Schafe ihrer Region gelten kann. Selbst scheinbar alte regionale Bestände können auf mehrere historische Schichten zurückgehen:
1. frühe anatolische Gründerherden,
2. spätere Einkreuzungen anderer Wild- oder Hausschafpopulationen,
3. den massiven bronzezeitlichen Zustrom aus dem Steppenraum,
4. jüngere regionale Selektion und moderne Rassebildung.
Für die Geschichte alter europäischer Landschläge bedeutet das: Ähnlichkeiten in Hornform, Farbe oder Wolltyp beweisen keine ungebrochene Abstammung seit der Steinzeit. Rassengeschichte muss aus archäologischen, historischen und genomischen Befunden gemeinsam rekonstruiert werden.
- Skudde (Zoo Augsburg)
- Soayschaf (Wildpark Hundshaupten)
- Ouessantschaf (Tierpark Eisenberg)
Entwicklungsgeschichte, genomische Diversität, Populationsstruktur und Selektionssignaturen in weltweiten Burenziegenpopulationen
„Development history, genomic diversity, population structure, and selection signatures in worldwide Boer goat populations“
A. Retief, Luiz Fernando Brito und Carina Visser
Online veröffentlicht am 9. Juli 2026, erschienen im August 2026 in Animal, Band 20, Heft 8, Artikel 101901.
Die weltweit verbreitete Burenziege ist genetisch keine einheitliche, lediglich aus Südafrika vervielfältigte Population. Durch Export, kleine Gründergruppen, regionale Kreuzungen und unterschiedliche Zuchtziele entstanden deutlich voneinander abweichende nationale Bestände.
Verglichen wurden Burenziegen aus Südafrika, Simbabwe, Tansania, Uganda, Australien, Neuseeland, Kanada, den USA und der Schweiz. Besonders auffällig:
– Die höchsten Heterozygositätswerte fanden sich in Uganda und Tansania, die niedrigsten im südafrikanischen Ursprungsbestand.
– Südafrikanische Tiere zeigten besonders viele längere und kürzere homozygote Genomabschnitte – ein Hinweis auf ältere wie jüngere Inzucht- und Selektionsprozesse.
– Die geschätzte effektive Populationsgröße war in Tansania besonders klein: nur etwa 13 Tiere vor 13 Generationen, gegenüber rund 109 in Kanada.
– Australien, Kanada und Simbabwe bildeten teilweise unterscheidbare genetische Gruppen; die internationale Rasse zerfällt somit zunehmend in regionale Zuchtpopulationen.
– Selektionssignaturen betreffen vor allem Wachstum und Körperentwicklung, Stoffwechsel, Fortpflanzung und Stressreaktionen – Merkmalsbereiche, die zur Nutzung als spezialisierte Fleischziege passen.
Die Autoren kombinierten historische Angaben zur Entstehung und internationalen Ausbreitung der Rasse mit genomweiten SNP-Daten. Ausgewertet wurden unter anderem Heterozygosität und Allelhäufigkeiten, Kopplungsungleichgewicht und daraus geschätzte frühere effektive Populationsgröße und mehrere Verfahren zur Erkennung von Selektionssignaturen.
Dadurch wird die bekannte Zuchtgeschichte anhand der heutigen Genome überprüfbar.
Die Arbeit zeigt exemplarisch, wie schnell sich eine international verbreitete Nutztierrasse nach ihrer Ausfuhr genetisch auffächern kann. Der Rassename „Burenziege“ bezeichnet heute zwar einen gemeinsamen phänotypischen und züchterischen Typ, aber keine weltweit homogene Genpopulation.
Besonders interessant ist der geringe Diversitätswert des südafrikanischen Bestands: Das Ursprungsland muss nicht automatisch die größte heute erhaltene genetische Vielfalt beherbergen. Intensive Standardisierung und die starke Nutzung weniger erfolgreicher Linien können dort mehr historische Variation beseitigt haben als in afrikanischen Exportbeständen, in die möglicherweise örtliche Ziegen eingekreuzt wurden.
Für historische Rasseforschung folgt daraus, dass Herdbücher und Exportlisten allein nicht ausreichen. Zwei formal derselben Rasse zugerechnete Bestände können unterschiedliche Teile der älteren Vielfalt bewahrt, neue lokale Einflüsse aufgenommen oder voneinander abweichende Selektionswege durchlaufen haben.





