Die Wildkatze in Brehms Tierleben

Wildkatze (Brehms Tierleben)

Unter den altweltlichen Katzen geht uns die Wild- oder Waldkatze, der Waldkater, Kuder, Baumreiter (Felis catus, Catus ferus), am nächsten an, weil sie die einzige Art ihrer Familie ist, welche selbst in unserem Vaterlande noch nicht ausgerottet wurde. Lange Zeit hat sie für die Stammart unserer Hauskatze gegolten, und auch gegenwärtig wird sie von einzelnen Naturforschern noch dafür gehalten, obwohl die genaueren Beobachtungen und Untersuchungen diese Ansicht nicht zu stützen vermögen. Die Wildkatze ist bedeutend größer und kräftiger als die Hauskatze, ihr Kopf dicker, ihr Leib gedrungener und ihr Schwanz merklich stärker, aber auch viel kürzer als bei der Hauskatze; zudem unterscheiden sich beider Schwänze noch dadurch, daß der eine von seiner Wurzel bis zum Ende gleichmäßig dick erscheint, der andere aber von der Wurzel bis zur Spitze allmählich sich verdünnt. Eine erwachsene Wildkatze erreicht ungefähr die Größe des Fuchses und ist also um ein Drittheil größer als die Hauskatze. Von dieser unterscheidet sie sich auf den ersten Blick durch die stärkere Behaarung, den reichlicheren Schnurrbart, den wilderen Blick und das stärkere und schärfere Gebiß. Als besonderes Kennzeichen gilt die schwarzgeringelte Ruthe und der gelblichweiße Fleck an der Kehle.

Die Körperlänge beträgt in der Regel 80, die Länge ihres Schwanzes 30, die Höhe am Widerriste 35 bis 42 Centim., und ihr Gewicht 8 bis 9 Kilogr. Einzelne Kater werden unter besonders günstigen Umständen noch größer. Der Pelz ist dicht und lang, beim Männchen fahlgrau, bisweilen schwarzgrau gefärbt, beim Weibchen gelblichgrau, das Gesicht rothgelb, das Ohr auf der Rückseite rostgrau, inwendig gelblichweiß. Von der Stirn ziehen sich vier gleichlaufende schwarze Streifen zwischen den Ohren hindurch, von denen die beiden mittleren auf dem Rücken sich fortsetzen und, nachdem sie sich vereinigt haben, einen Mittelstreifen bilden, welcher längs des Rückgrates und über die Oberseite des Schwanzes läuft. Von ihm gehen auf beiden Seiten viele verwaschene Querstreifen aus, welche etwas dunkler als die anderen sind und nach dem Bauche hinabziehen.

Letzterer ist gelblich, mit einigen schwarzen Flecken betüpfelt; die Beine sind mit wenigen schwarzen Querstreifen gezeichnet, gegen die Pfoten zu gelber, an der Innenseite der Hinterbeine gelblich und ungefleckt. Der Schwanz trägt Ringe, welche von der Wurzel nach der Spitze hin dunkler werden.

In der Weidmannssprache heißen die Augen der Wildkatze Seher, die Ohren Lauscher, die Eckzähne Fänge, die Krallen Waffen, die Beine Läufe, die Füße Branten (Pranken), der Schwanz Ruthe, Standarte oder Lunte, das Fell Balg. Sie schnürt oder schränkt, wenn sie geht, raubt oder reißt ihr Wild, bäumt, wenn sie klettert, thut Sprünge, frißt im Gegensatze zum Wilde, welches äset, ranzt oder begehrt, wenn sie sich paart, bringt Junge, hat ein Lager usw.

Noch heutzutage herbergt die Wildkatze in ganz Europa mit Ausnahme des höheren Nordens, namentlich Skandinaviens und Rußlands, woselbst der Luchs sie vertritt. In Deutschland bewohnt sie ständig, wennschon immer nur einzeln, alle waldreichen Mittelgebirge, insbesondere den Harz, Thüringer-, Franken-, Böhmer-, Hoch-, Oden- und Schwarzwald, das Erzgebirge, die Rhön, die rheinischen und oberhessischen Gebirge, streift von hier aus, von Wald zu Wald schweifend und unterwegs oft monatelang verweilend, weit in das Flachland hinaus und kann demgemäß in ausgedehnten Waldungen so ziemlich überall vorkommen, dürfte auch viel öfter in ihnen sich einstellen, als man anzunehmen pflegt. Weit häufiger als bei uns zu Lande trifft man sie im Süden, zumal im Südosten Europa’s. In den bewaldeten Vorbergen der Alpen lebt sie überall und zwar in größerer Anzahl als in den Alpen selbst; in Südungarn, Slavonien, Kroatien, Bosnien, Serbien, den Donaufürstenthümern und wahrscheinlich auch der europäischen Türkei zählt sie zu den allbekannten Raubthieren. In Spanien ist sie noch häufig, in Frankreich stellenweise wenigstens nicht seltener als bei uns zu Lande; nicht einmal in Großbritannien hat man sie ausrotten können. Soweit bis jetzt mit Sicherheit festgestellt ist, reicht ihr Verbreitungskreis nicht weit über die Grenzen Europa’s hinaus. Südlich vom Kaukasus ist sie noch in Grusien vorgekommen; aus anderen asiatischen Ländern erhielt man sie nicht. Dichte, große, ausgedehnte Wälder, namentlich dunkle Nadelwälder, bilden ihren Aufenthalt; je einsamer ihr Gebiet ist, um so ständiger haust sie in ihm. Felsreiche Waldgegenden zieht sie allen übrigen vor, weil die Felsen ihr die sichersten Schlupfwinkel gewähren. Außerdem bezieht sie Dachs- und Fuchsbauten oder große Höhlungen in starken Bäumen, und in Ermangelung von derartigen Schlupfwinkeln schlägt sie ihr Lager in Dickichten und auf trockenen Kaupen in Sümpfen und Brüchen auf. Zu Bau geht sie besonders in der kühleren Jahreszeit, während sie im Hochsommer, vorausgesetzt, daß sie nicht durch ihre Jungen an eine Höhlung gebunden wird, um den sie peinigenden Flöhen zu entrinnen, lieber ein freies Lager aufsucht oder nach hohlen Bäumen sich zurückzieht.

Nur während der Ranzzeit oder so lange die Jungen noch nicht selbständig sind, lebt die Wildkatze in Gesellschaft, außerdem stets einzeln. Auch die Jungen trennen sich bald von der Mutter, um auf eigene Hand dem Wilde nachzustreben. »Ich erinnere mich nicht«, schreibt mir Oberjägermeister von Meyerinck, »gehört zu haben, daß man zwei Wildkatzen zusammen gesehen hätte. Die Katze wandert, besonders wenn sie trächtig geht, jedenfalls sehr weit umher. Mir sind zwei Fälle bekannt, daß eine Wildkatze in der Gegend von Neuhaldensleben gespürt wurde, und zwar erst im Frühjahre. Jedesmal in dem darauf folgenden Winter wurden in verschiedenen benachbarten Revieren vier Wildkatzen erlegt, ohne daß man von ihnen Kenntnis gehabt hatte.« Bei diesen Wanderungen nimmt die Wildkatze so gut als ausschließlich von Fuchs- und Dachsbauten Besitz, verschläft und verträumt in ihnen den Tag und macht sich so weit weniger bemerklich als der Fuchs, auf dessen Rechnung ihre Unthaten nicht selten gebracht werden. »In der Letzlinger Heide«, fährt von Meyerinck fort, »wollte ein Förster einen Fuchs ausgraben, den er im Bau ausgespürt zu haben glaubte, obgleich ihm die Fährte eigenthümlich vorgekommen war. Der eingelassene Dachshund lag fest im Baue vor; man schlug endlich durch und kam nach längerem Graben in der Tiefe von zwei Meter auf den Hund und das Ende der Röhre. Als man aber mittels des Fuchshakens Freund Reinecke herausholen wollte, kam eine weibliche Wildkatze zum Vorscheine, welche stärker als ein Fuchs war.« Im Winter verläßt sie nicht allzuselten den Wald und nimmt in einzeln stehenden Gehöften Herberge: erst vor wenigen Jahren erlegte der Lehrer Schach in Rußdorf bei Krimmitzschau einen vollständig ausgewachsenen, sehr starken Wildkater, welcher mehrere Tage lang in einer Scheuer dieses Dorfes sich aufgehalten, aber noch wenig Schaden gethan hatte. In Ungarn soll sie, wie Lenz angibt, im Winter vorzugsweise in Scheuern hausen.

Mit Eintritt der Dämmerung tritt die Wildkatze ihre Jagdzüge an. Ausgerüstet mit trefflichen Sinnen, vorsichtig und listig, unhörbar sich anschleichend und geduldig lauernd, wird sie kleinerem und mittelgroßem Gethier sehr gefährlich. »Im scharfen Aeugen selbst bei Nacht, zu welcher Zeit ihre Seher wie brennende Kohlen funkeln«, sagt Dietrich aus dem Winckell, »in ebenso scharfen Wittern (?) und im höchst leisen Vernehmen wird sie von keinem Thiere übertroffen«, im unbemerklichen Anschleichen, beharrlichen Auflauern und sicheren Springen, füge ich hinzu, gewiß auch nicht. »Wer kennt nicht«, so drückt sich entrüstet Winckell aus, »das spitzbübische Schleichen der zahmen Katze, wenn es ihr darauf ankommt, ein armes Vögelchen zu erhaschen? Genau ebenso benimmt sich auch die Wildkatze«, wenn sie auf Beute ausgeht. Mit der allen Katzen eigenen List beschleicht sie den Vogel in seinem Neste, den Hasen in seinem Lager und das Kaninchen vor seinem Baue, vielleicht auch das Eichhörnchen auf dem Baume. Größeren Thieren springt sie auf den Rücken und zerbeißt ihnen die Schlagadern des Halses. Nach einem Fehlsprunge verfolgt sie das Thier nicht weiter, sondern sucht sich lieber eine neue Beute auf: sie ist auch in dieser Hinsicht eine echte Katze. Zum Glück für die Jagd besteht ihre gewöhnliche Nahrung in Mäusen aller Art und in kleinen Vögeln. Wohl nur zufällig macht sie sich an größere Thiere; aber sie soll thatsächlich Reh- und Hirschkälber überfallen, ist auch für solche Beute noch immer stark genug. An den Seen und Wildbächen lauert sie auch Fischen und Wasservögeln auf und weiß solche mit großer Geschicklichkeit zu erbeuten. Sehr schädlich wird sie in Gehegen, am schädlichsten wohl in Fasanerien. Hier gelingt es ihr in kurzer Zeit, die meisten Inwohner zu vernichten. In Hühnerställen und Taubenschlägen günstig für sie gelegener Walddörfer macht sie ebenfalls unliebsame Besuche, wie schon der alte Döbel berichtet: »gehen auch wohl in die Dörfer und holen den Bauern die Hühner weg«. Erst im Jahre 1863 und zwar im Monat Mai wurde ein alter stumpfzahniger und stumpfklauiger Kater von einer handfesten, infolge wiederholter Hühnerdiebstähle mit gerechtem Zorne erfüllten Bäuerin des Dorfes Dörnberg unweit der Lahn elendiglich erschlagen. Im Verhältnisse zu ihrer Größe ist die Wildkatze überhaupt ein gefährliches Raubthier, zumal sie den Blutdurst der meisten ihrer Gattungsverwandten theilen und mehr Thiere, als sie verzehren kann, tödten soll. Aus diesem Grunde wird sie von den Jägern grimmig gehaßt und unerbittlich verfolgt; denn kein Weidmann rechnet den Nutzen, welchen sie durch Vertilgung von Mäusen bringt, ihr zu Gute. Wie viele von diesen schädlichen Thieren sie vernichten mag, geht aus einer Angabe Tschudi’s hervor, welcher berichtet, daß man in dem Magen einer Wildkatze die Ueberreste von 26 Mäusen gefunden hat. Die Losung, welche Zelebor vor den von Wildkatzen bewohnten Bauen sammelte und untersuchte, enthielt größtentheils Knochenüberreste und Haare von Marder, Iltis, Hermelin und Wiesel, Hamster, Ratte, Wasser-, Feld- und Waldmäusen, Spitzmäusen und einige unbedeutende Reste von Eichhörnchen und Waldvögeln. Kleine Säugethiere also bilden den Haupttheil der Beute unseres Raubthieres, und da unter diesen die Mäuse häufiger sind als alle übrigen, erscheint es sehr fraglich, ob der Schaden, welchen die Wildkatze verursacht, wirklich größer ist als der Nutzen, welchen sie bringt. Der Weidmann, dessen Gehege sie plündert, wird schwerlich jemals zu ihrem Beschützer werden; der Forstmann aber oder der Landwirth hat wahrscheinlich alle Ursache, ihr dankbar zu sein. Zelebor tritt mit Entschiedenheit sogar in einer Jagdzeitung für sie in die Schranken, und ich meinestheils schließe mich wenigstens bedingungsweise ihm an. Die Wildkatze schadet, so glaube ich zusammenfassen zu dürfen, zuweilen und nützt regelmäßig; sie vertilgt mehr schädliche Thiere als nützliche und macht sich dadurch, zwar nicht um unsere Jagd, wohl aber um unsere Wälder verdient.

Die Zeit der Paarung der Wildkatze fällt in den Februar, der Wurf in den April; die Tragzeit währt neun Wochen. In Gegenden, welche das Raubthier noch verhältnismäßig zahlreich bewohnt, soll, laut Winckell, der Lärmen, den die sich paarenden Katzen verursachen und welcher durch den ewigen Zank der Kater noch vermehrt wird, ebenso unausstehlich sein wie bei den zahmen Katzen in Dörfern und Städten. Es scheint erwiesen, daß auch Wild- und Hauskatzen sich paaren, obgleich beide nicht eben freundschaftlich gegen einander sich zu benehmen pflegen. Freilich ändert heftige Brunst auch in diesem Falle früher gehegte Gesinnungen. In der Nähe von Hildesheim wurde, wie Niemeyer berichtet, Mitte der sechsziger Jahre ein Wildkater in einem Förstereigarten geschossen, zur Zeit, als die Hauskatzen des Gehöftes ihre bekannte Paarungsmusik aufführten. Der Förster versicherte, daß der Kater dem Geschrei der Hauskatzen nachgegangen und sehr sorglos gegen die Umgebung gewesen sei. Auch sind schon wiederholt Katzen erlegt worden, welche wohl mit vollem Rechte als Blendlinge von beiden Arten angesprochen wurden. Die tragende Wildkatze wählt sich einen verlassenen Dachs- oder Fuchsbau, eine Felsenkluft oder auch einen hohlen Baum zum Wochenbette und bringt hier fünf bis sechs Junge, welche blind geboren werden und jungen Hauskätzchen ähneln. Wenn sie nicht mehr säugen, werden sie von der Mutter sorgfältig mit Mäusen und anderweitigen Nagern, Maulwürfen und Vögeln versehen. Nach kurzer Zeit schon erklettern sie mit Vorliebe niedere oder höhere Bäume, deren Aeste später ihren Spiel- und Tummelplatz sowie ihre Zuflucht bei herannahender Gefahr bilden. Einer solchen suchen sie in den meisten Fällen einfach dadurch zu entgehen, daß sie auf dicken Aesten sich niederdrücken und auf die Gleichfarbigkeit ihres Felles mit diesen vertrauen. Es gehört ein sehr geübter Blick dazu, sie hier zu entdecken; denn auch erwachsene Wildkatzen wissen, zumal im Sommer, wenn das Laub die Baumkronen verdichtet, dem Späherauge des Jägers in derselben Weise sich zu entziehen und bleiben, wie Winckell sich ausdrückt, »sicher unter zehn Malen neunmal unentdeckt. Selbst wenn man sie am Baume hinauffahren sieht, oder wenn der Hund sie unten verbellt, muß man jeden Ast von allen Seiten recht genau und einzeln ins Auge fassen, will man sie wahrnehmen«. Die Alte scheint ihre Jungen nicht zu vertheidigen, verläßt sie wenigstens beim Herannahen des Menschen, vor welchem sie in der Regel große Furcht zeigt. Dies dürfte aus folgendem Berichte von Lenz hervorgehen: »Im Jahre 1856 ging mein Zimmermann fünfhundert Schritte von meinem Hause an der Südseite des Hermannsteins, wo wilde Kaninchen oft in Menge wohnen, durch ein Dickicht und hörte in einem erweiterten Kaninchenbau Stimmen, wie von kleinen Katzen. Er hatte wenige Tage zuvor solche von mir zu haben gewünscht, und da ich keine besaß, so war er nun froh, hier selbst ein Nestchen zu finden. Er grub nach und fand drei Stück echter Wildkatzen von Rattengröße. Wie er sie in seinen Ranzen gesteckt hatte und wegging, sah er die Alte in seiner Nähe mit gespitzten Lauschern umherschleichen; sie ging aber ganz leise und machte keine Miene, ihn anzugreifen; sie hatte die Größe eines tüchtigen Hasen, die echte wilde Farbe, den kurzen, dicken Schwanz. Ebenso waren die kleinen Kätzchen an ihrer Farbe und namentlich an dem auffallend von dem der zahmen abweichenden Schwanze leicht als echt zu erkennen. Merkwürdig genug war das angeborene wilde Naturell dieser kleinen Bestien: sie kratzten, bissen und fauchten mit entsetzlicher Bosheit. Vergeblich wurde alle mögliche Mühe angewendet, sie zahm zu machen und gut zu verpflegen. Sie wollten weder fressen noch saufen und ärgerten und tobten sich zu Tode«. Dieselbe Beobachtung haben Alle gemacht, welche junge Wildkatzen aufzuziehen versuchten. Es erfordert große Aufmerksamkeit und Sorgfalt, bereits eingewöhnte Wildkatzen bei guter Gesundheit oder am Leben zu erhalten, ungemein schwierig aber ist es, junge zum Fressen zu bringen; denn man hat kein Mittel, sie zu zwingen. Nehmen sie erst ein Mäuschen oder Vögelchen, so ist schon viel erreicht. Beim Anblicke eines Menschengeberden sie sich zwar immer noch wie unsinnig; wissen sie jedoch sich unbelauscht, so spielen sie lustig nach Art ihrer Verwandten. Beim geringsten Geräusche endet das Vergnügen, die Harmlosigkeit weicht dem Mistrauen, und dieses geht allgemach in den früheren Ingrimm über. »Die dreieckigen Ohren seit- und rückwärts gelegt«; so schildert Weinland sehr richtig, »mit einem Gesichtsausdruck, den man am gelindesten mit ›Niemandes Freund‹ übersetzen kann, harren sie, knurrend und murrend, mitunter auch schreiend auf ihrem Platze aus; die grüngelben Augen scheinen Blitze versenden zu wollen, das Haar ist gesträubt und die Pranke zum Schlage bereit.« Nach und nach gewöhnen sie sich an den Pfleger, bleiben wenigstens sitzen, wenn er ihnen sich nähert, fauchen nicht mehr so greulich und lassen es schließlich, wenn auch in seltenen Fällen, geschehen, daß man sie berührt und streichelt. Es kommt eben alles darauf an, wie sie behandelt werden. Zelebor versichert, daß sogar alt gefangene Wildkatzen sich zähmen lassen. »Anfangs geberdeten sich die gefangenen Katzen außerordentlich scheu und unbändig, fauchten, trommelten oder besser ›donnerten‹ mit geöffnetem Maule und sprangen mit gewaltigen Sätzen an das Gitter des Käfigs, sobald Mensch oder Thier demselben sich näherte; sie tobten derart, daß selbst muthige Jäger scheu zurückwichen; ja sie mordeten mit einem Pfotenschlage oder Bisse jedes zu ihnen in den Käfig geschobene Thier, von der Ratte angefangen bis zum Kaninchen, jeden Vogel, von der Größe eines Sperlings bis zu der eines Huhnes, ohne das Opfer weiter zu berühren. Bei liebevoller Behandlung legte sich jedoch allmählich diese Kampflust; sie wurden mit jedem Tage ruhiger und zutraulicher und nahmen nach Verlauf einer Woche das mittels eines Stockes dargereichte Futter und verzehrten es brummend.« Eine alte, mit ihren Jungen gefangene Wildkatze nahm ein ihr von Zelebor untergeschobenes Kätzchen freundlich auf, liebkosete es und ließ es mit ihren zwei größeren Jungen säugen. Diese Waisenmutter wurde nach Verlauf einiger Wochen so zahm, daß sie unter gemüthlichem Schnurren zum Spielen mit Zelebors Hunde sich herbeiließ. Hinsichtlich ihrer Nahrung zeigen sich alte wie junge Wildkatzen äußerst wählerisch. Mäuse und kleine Vögel bevorzugen sie allem übrigen, Milch lecken sie ebenso gern wie Hauskatzen, Pferdefleisch verschmähen sie hartnäckig; selbst bei ausschließlicher Fütterung mit gutem Rindfleische gehen sie bald zu Grunde. Die Schwierigkeit ihrer Pflege erklärt es, daß man ihr nur sehr selten in einem Thiergarten begegnet und eher zehn Leoparden oder Löwen als eine Wildkatze erwerben kann.

Die Jagd der Wildkatze wird überall mit einer gewissen Leidenschaft betrieben: handelt es sich doch darum, ein dem Weidmann ungemein verhaßtes und dem Wilde schädliches Raubthier zu erbeuten. Bei uns zu Lande erlegt man sie gewöhnlich auf Treibjagden. »Sie läßt sich«, bemerkt von Meyerinck noch, »sehr gut treiben und ist schneller bei den Schützen als der Fuchs. Ich selber schoß eine sehr starke Wildkatze im Harze beim Treiben auf Wildpret, und da es scharf gefroren hatte, hörte ich sie, gleich nachdem die Treiber vorwärts gegangen waren, im gefallenen Laube schon von fernher kommen, genau in derselben Weise wie ein Fuchs, welcher ruhig trabt und hin und wieder stehen bleibt, um nach dem Treiben zu horchen, sich nähert.« Im Winter, nach einer Neue, wird sie abgespürt, bis zum Baue oder einem Baume verfolgt, mit Hülfe des Hundes ausgetrieben oder festgemacht und dann erlegt; außer dem kann man ihrer habhaft werden, indem man sie durch Nachahmen des Geschreies einer Maus oder des Piepens eines Vogels reizt. Der Fang ist wenig ergiebig, obgleich die Wildkatze durch eine Witterung aus Mäuseholzschale, Fenchel- und Katzenkraut, Violenwurzel, welche in Fett oder Butter abgedämpft werden, sich ebenfalls bethören und ans Eisen bringen lassen soll. In Ungarn stöbert man sie mit Hunden auf und treibt sie zum Baue oder in einen hohlen Baum, welchen man dann einfach zu fällen pflegt, um sie zu erbeuten. »Am schwierigsten«, sagt Zelebor, »ist es, eine wilde Katze lebend aus einem hohlen Baume herauszubringen. Zwei, drei der stärksten und muthigsten Männer haben, ungeachtet ihre Hände in derben Handschuhen stecken und noch mit Lappen umwickelt sind, nach Leibeskräften zu thun, die Katze herauszuziehen und in einen Sack zu stecken.« Ich gestehe, daß mir diese Fangart nicht recht glaublich erscheinen will, da alle älteren Berichterstatter darin einig sind, daß mit einer erwachsenen Wildkatze nicht zu spaßen ist. Winckell räth dem Jäger an, vorsichtig mit ihr zu Werke zu gehen, einen zweiten Schuß nicht zu sparen, falls der erste nicht sofort tödtlich war, und ihr nur dann sich zu nähern, wenn sie nicht mehr fort kann, ihr aber auch jetzt noch mit einigen tüchtigen Hieben über die Nase den Garaus zu machen, bevor man sich weiter mit ihr befaßt. Verwundete Wildkatzen können, wenn man sie in die Enge treibt, sehr gefährlich werden. »Nimm dich wohl in Acht, Schütze«, so schildert Tschudi, »und faß die Bestie genau aufs Korn! Ist sie bloß angeschossen, so fährt sie schnaubend und schäumend auf, mit hochgekrümmtem Rücken und gehobenem Schwanze naht sie zischend dem Jäger, setzt sich wüthend zur Wehr und springt auf den Menschen los; ihre spitzen Krallen haut sie fest in das Fleisch, besonders in die Brust, daß man sie fast nicht losreißen kann, und solche Wunden heilen sehr schwer. Die Hunde fürchtet sie so wenig, daß sie, ehe sie den Jäger gewahrt, oft freiwillig vom Baume herunter kommt; es setzt dann fürchterliche Kämpfe ab. Die wüthende Katze haut mit ihrer Kralle oft Risse, zielt gern nach den Augen des Hundes und vertheidigt sich mit der hartnäckigsten Wuth, solange noch ein Funke ihres höchst zähen Lebens in ihr ist. So kämpfte im Jura ein wilder Kater, auf dem Rücken liegend, siegreich gegen drei Hunde, von denen er zweien die Tatzen tief in die Schnauzen gehauen hatte, während er den dritten mit den Zähnen festgepackt hielt – eine Vertheidigung, zu der er den äußersten Muth und die größte Gewandtheit bedurfte, und welche gleichzeitig eine hohe Klugheit verräth, da er nur so der Hundebisse sich erwehren konnte. Ein starker Schuß des herbeieilenden Jägers, der die Bestie durch und durch bohrte, errettete die schwer verwundeten Thiere, welche sonst sämmtlich erlegen wären.«

Man kennt andere Jagdgeschichten dieses Thieres, welche zum Theil ein sehr trauriges Ende haben; ich will bloß ihrer zwei mittheilen. »Als ich«, so sagt Hohberg, »anno 1640 zu Parduwitz auf die Entenpirsch gegangen, hat der Hund ungefähr im dicken Rohr eine wilde Kaz gewittert und auf einen Baum hinaufgetrieben. Der Hund ist dann um den Baum herumgegangen und hat die Kaz darob angebellt, wie er denn ein sonderlicher Kazenfeind und ein starker, bissiger Hund gewesen. Als ich das mit großen Entenschroten geladene Rohr ergriff, den Anschlag auf die Kaz genommen und sie herabschießen wollen, hat die Kaz einen Sprung in das nächste Röhricht gethan, der Hund aber ist der Kazen nachgeeilt und hat sie ergriffen. Ich mochte im dicken Gezausicht nicht schießen, nahm alsobald meinen Degen und stieg ins Geröhricht, da ich den Hund mit der Kazen verwickelt funden und sie auf der Erden durch und durchgespießet. Die Kaz, als sie sich verwundet empfunden, ließ stracks von dem Hunde ab und schwung sich, also durchstochen, mit so großer Furie an der Klingen gegen meine Hand, daß ich selbige nothwendig habe müssen fallen lassen. Entzwischen aber ersah der von der Kazen befreyte Hund seinen Vortheil, ergriff sie bei dem Genick und hielt sie so feste, daß ich Zeit hatte, mit dem Fuß den Degen wieder aus der Kazen zu ziehen und ihr folgends den Rest zu geben.«

Nahe meiner Heimat heißt noch heutigen Tages eine Forstabtheilung die »wilde Katze«. Dieser Name verdankt einer unglücklichen Jagdgeschichte seine Entstehung. Ein Kreiser oder Waldläufer spürte eines Wintermorgens im frischgefallenen Schnee eine Wildkatzenfährte und folgte ihr, erfreut über das ihm zu Theil gewordene Jagdglück und die in Aussicht stehende, damals noch ziemlich bedeutende Auslösung. Die Fährte verlief bis zu einer gewaltigen hohlen Buche, auf welcher das Thier aufgebäumt haben mußte. Auf den Aesten war es nicht zu sehen, es mußte also irgendwo im Inneren des Baumes verborgen sein. Unser Kreiser macht sich schußfertig und nimmt seinen Revierhammer hervor, um durch Anklopfen mit demselben die Katze aus dem Baume zu vertreiben. Er thut einige Schläge und ergreift flugs sein Gewehr, um die etwa sich zeigende Katze sogleich beim Erscheinen mit einem wohlgezielten Schusse zu empfangen. Vergeblich; sie erscheint nicht. Er muß noch einmal anklopfen. Noch immer will sie sich nicht zeigen. Er klopft also zum dritten Male; aber – noch hat er nicht das Gewehr zum Anschlag erhoben, da sitzt ihm die Katze im Nacken, reißt ihm mit ihren Tatzen im Nu die dicke Pelzmütze vom Kopfe und haut sich fest in seinen Kopf ein, mit den Zähnen das Halstuch zerreißend. Dem Ueberraschten entfällt das Gewehr; er vergißt fast, sich zu vertheidigen und sucht bloß Hals und Gesicht vor den wüthenden Bissen zu schützen. Dabei schreit er, laut um Hülfe rufend, seinem im Walde befindlichen Sohne zu. Die Katze zerfleischt ihm die Hände, zerbeißt ihm das Gesicht, zerreißt das Tuch; ängstlicher wird sein Hülferufen, größer seine Angst. Da empfängt er einen grimmigen Biß in den Hals und stürzt nieder. So findet ihn sein Sohn, die Katze noch auf ihm, die Nackenmuskeln ihm zerreißend. Er versucht das wüthende Thier wegzureißen, nimmt seinen Hammer und schlägt auf die Katze ein; sie faucht, beißt aber immer wieder auf ihr Schlachtopfer los. Endlich trifft sie ein Hammerschlag auf den Kopf, und sie erliegt. Der Lärm hat Vorübergehende herbeigezogen; man bringt den Bewußtlosen nach Hause, verbindet ihn, so gut es geht, und schickt nach einem Arzte. Inzwischen kommt der Zerschundene wieder zu sich und erzählt in kurzen, gebrochenen Sätzen seinen fürchterlichen Kampf. Der Arzt erscheint, und man wendet alle Mittel an; noch an demselben Tage aber verscheidet der Mann unter entsetzlichen Schmerzen.

Von der eigentlichen Wildkatze sind die bloß verwilderten Hauskatzen wohl zu unterscheiden. Solche trifft man nicht selten in unseren Waldungen an; sie erreichen aber niemals die Größe der eigentlichen wilden, obwohl sie unsere Hauskatzen um vieles übertreffen. In der Zeichnung und an Bosheit und Wildheit ähneln sie durchaus der Wildkatze.

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