Die Sumpfohreule in Brehms Tierleben

Sumpfohreule (Brehms Tierleben)

Die Sumpfeule, Moor-, Rohr-, Bruch-, Wiesen-, Schnepfen-, Brand- oder Kohleule (Otus brachyotus, palustris, microcephalus und agrarius, Strix brachyotus, arctica, palustris, tripennis, caspia, brachyura und sandwichensis, Stryx accipitrina und aegolius, Noctua minor, Asio ulula, brachyotus, accipitrinus und sandvicensis, Brachyotus palustris, aegolius, agrarius, leucopsis und Cassinii, Ulula und Aegolius brachyotus) ähnelt der Waldeule so, daß sie oft mit ihr verwechselt worden ist. Ihr Kopf ist jedoch kleiner oder scheint es wenigstens zu sein; die kurzen Federohren bestehen nur aus zwei bis vier Federn; die Flügel sind verhältnismäßig lang und reichen weit über den Schwanz hinaus. Die Grundfärbung ist ein angenehmes Blaßgelb, der Schleier weißlichgrau, die Kopf- und Rumpffedern sind mit schwarzen Schaftstrichen gezeichnet, welche bis zur Brust herabreichen, auf dem Bauche aber sich verschmälern und verlängern, die Flügeldecken an der Außenseite gelb, an der Innenseite und an der Spitze aber schwarz, die Schwingen und Schwanzfedern graubraun gebändert. Das Auge ist nicht dunkel-, sondern lichtgelb, der Schnabel hornschwarz. Junge Vögel sind dunkler als die alten. Die Länge beträgt sechsunddreißig, die Breite ungefähr achtundneunzig, die Fittiglänge achtundzwanzig, die Schwanzlänge funfzehn Centimeter.

Die Sumpfeule, ursprünglich Bewohnerin der Tundra, ist im buchstäblichen Sinne des Wortes Weltbürgerin. Genöthigt, allherbstlich von jener aus eine Wanderung anzutreten, besucht sie zunächst alle drei nördlichen Erdtheile, durchstreift bei dieser Gelegenheit ganz Europa und Asien, fliegt von hier wie dort aus nach Afrika und wahrscheinlich von Asien her nach den Sandwichsinseln hinüber und durchwandert ebenso Amerika vom hohen Norden an bis gegen die Südspitze hin. Zwar hat man sie innerhalb dieser Grenzen noch nicht überall, beispielsweise weder in Australien noch in Südafrika beobachtet; es läßt sich jedoch kaum annehmen, daß sie hier fehlen wird. Burmeister beobachtete eine dieser Eulen auf hohem Meere westlich von der Insel des Grünen Vorgebirges; ich traf sie in den Steppen am oberen Nile an; Jerdon erwähnt, daß sie in Indien allwinterlich in großer Anzahl einwandert, und verschiedene Beobachter geben an, daß sie in den Ländern der Südspitze Amerikas im Oktober einzieht und im März wieder verschwindet.

In der Tundra treibt man dann und wann eine Sumpfeule auch bei Tage auf; gewöhnlich aber bemerkt man sie nicht vor Beginn der Nachtstunden. Zwar scheut sie sich auch bei Tage nicht umherzufliegen, thut es jedoch nur ausnahmsweise, wogegen sie in den Abend- und Nachtstunden regelrecht ihrer Jagd obliegt. Entsprechend der im Hochsommer wenig geminderten Helligkeit der Nordlandsnacht, jagt sie anders als die meisten Eulen, in viel bedeutenderer Höhe über dem Boden nämlich, fast nach Art unseres Bussards, nur daß sie mehr und auch in anderer Weise als dieser zu rütteln pflegt. Sie fliegt mit weit ausholenden Flügelschlägen und behält auch beim Rütteln diese Art der Bewegung bei, eilt zuweilen in überraschend schnellem, fast gaukelndem Fluge eine Strecke weiter, stellt sich wiederum rüttelnd fest, untersucht dabei das unter ihr liegende Jagdgebiet auf das genaueste und stürzt sich in mehreren Absätzen bodenabwärts, um einen Lemming, ihr gewöhnliches Jagdwild, zu erbeuten.

Bei uns zu Lande pflegt sie um die Mitte des September sich einzustellen und bis gegen Ende Oktober hin durchzuwandern, im März aber langsam zurückzukehren. Während ihrer Reise nimmt sie zwar auf allen nicht oder wenig bewaldeten Ebenen Herberge, bevorzugt aber doch sumpfige Gegenden, hält sich bei Tage zwischen Gras und Schilf verborgen am Boden auf, drückt sich bei Gefahr wie ein Huhn auf die Erde, läßt den Feind dicht an sich herankommen, fliegt aber noch zur rechten Zeit empor und dann sanft, schwankend, niedrig und ziemlich langsam, weihenartig, dahin, obwohl sie unter Umständen auch zu großen Höhen emporsteigt. Hier treibt sie vor allem Mäusejagd und vergreift sich wohl nur ausnahmsweise an größeren Thieren, obwohl sie selbstverständlich kleine ungeschickte Vögel nicht verschmäht und ebenso Maulwürfe wegnimmt, während diese Erde aufstoßen, oder an einem noch schwachen Hasen und Kaninchen sich vergreift. Im Nothfalle begnügt sie sich mit Kerbthieren oder Fröschen.

Nicht immer kehrt die Sumpfeule nach ihrer hochnordischen Heimat zurück, läßt sich im Gegentheile durch besonders reichliche Nahrung zuweilen bestimmen, ihren sommerlichen Aufenthalt auch in Gegenden zu nehmen, welche außerhalb ihres Verbreitungsgebietes liegen. Wenn beispielsweise in Skandinavien der Lemming auf den südlichen Fjelds zahlreich auftritt, wie es, laut Collett, im Jahre 1872 der Fall war, verfehlt sie nicht, dort sich einzustellen und dann auch zu brüten. Ebenso geschieht es bei uns zu Lande, wenn wir durch Mäusepest heimgesucht werden. In dem mäusereichen Jahre 1857 brüteten, laut Blasius und Baldamus, in den Brüchen zwischen dem Elb- und Saalzusammenflusse nicht weniger als ungefähr zweihundert Paare unserer Eule; Altum traf im Jahre 1872 in der Garbe bei Wittenberge die Sumpfeulen in mehreren Paaren brütend an; ich endlich erfuhr, daß sie in manchen Jahren im Spreewalde während des Sommers recht häufig auftritt. Der Horst steht regelmäßig auf dem Boden, möglichst versteckt zwischen Gräsern, ist ein höchst unordentlicher Bau und enthält im Mai sechs bis zehn reinweiße Eier von vierzig bis siebenundvierzig Millimeter Längs- und vierundzwanzig bis sechsundzwanzig Millimeter Querdurchmesser, welche sich von denen der Waldohreule nur durch die schlanke Eiform, die im ganzen geringere Größe, die feinere und glattere Schale und die kleineren und weniger tiefen Poren unterscheiden. Ob beide Geschlechter brüten oder ob nur das Weibchen die Eier zeitigt, vermag ich nicht zu sagen; wohl aber wissen wir, daß auch die Sumpfeule am Horste außerordentlich kühn und angriffslustig ist. Jeder sich nahende Raubvogel wird von einem Gatten des Paares, wahrscheinlich vom Männchen, gleichviel ob bei Tage oder bei Nacht, wüthend angegriffen und ebenso wie jede Krähe in die Flucht geschlagen; denn es scheint fast, als ob auch ein größerer Falke durch das Erscheinen der Eule sich förmlich verblüffen lasse. Dem Menschen, welcher die Brut rauben will, ergeht es nicht anders: einer meiner Bekannten im Spreewalde wurde bei solcher Gelegenheit so ernstlich bedroht, daß er sich kräftig vertheidigen mußte, um Gesicht und Augen vor dem kühn herabstoßenden Vogel zu schützen.

Obschon die Sumpfeule zuweilen Uebergriffe sich erlauben mag, muß man sie doch als einen höchst nützlichen Vogel betrachten und sollte sich über ihr Erscheinen freuen, anstatt sie zu befehden. Es mag sein, daß die ungewohnte Erscheinung manchen Jäger veranlaßt, den ihm unbekannten Raubvogel aus der Luft herabzuschießen, bloß, um sich seiner zu vergewissern; im allgemeinen aber gilt diese Entschuldigung für den Massenmord des nützlichen Vogels nicht. Mußte doch Schacht erfahren, daß einzelne Jäger beim Erscheinen der Sumpfeule förmlich Jagd auf sie abhalten, mit Hunden sie auftreiben, sie wie Federwild aus der Luft herabschießen und hinterdrein ihrer Heldenthat sich rühmen.

In der Gefangenschaft sieht man auch die Sumpfeule dann und wann, selbstverständlich immer seltener als die Ohreule. Ich habe sie wiederholt gepflegt, in ihrem Betragen aber irgendwie bemerkenswerthe Eigenthümlichkeiten nicht zu erkennen vermocht.

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