Die Nilgauantilope in Brehms Tierleben

Nilgauantilope (Brehms Tierleben)

In der Neuzeit ist eine indische Antilope, welche die Reisenden unter dem Namen »blauer Ochse« oft erwähnen, der Nilgau (Portax pictus, Antilope picta, albipes, leucopus und tragocamelus), häufig zu uns gekommen, während dasselbe Thier in früheren Jahrhunderten selbst in Indien nicht gerade oft in Gefangenschaft gesehen wurde. Der Nilgau, in Gestalt und Färbung eine der ausgezeichnetsten Arten der ganzen Unterfamilie, erscheint gewissermaßen als ein Mittelding zwischen Hirsch und Rind. Kopf, Hals und Beine sind kurz gebaut, die übrigen Leibestheile erinnern an die der Stiere. Der Leib ist schwach gestreckt, ziemlich dick, am Widerriste höher, an der Brust stärker und breiter als am Hintertheile, auf den Schultern mit einem schwachen Höcker bedeckt, der Hals mäßig lang, der Kopf schmal, schlank, schwach gewölbt an der Stirne, breit an der Schnauze, mit lang geschlitzten Nasenlöchern, behaarter Oberlippe, mittelgroßen, lebhaften Augen, kleinen, aber tiefen Thränengruben, großen, langen Ohren und aufrecht stehenden, kegelförmigen, sanft halbmondförmig gebogenen, an der Wurzel dicken, nach vorn schwach gekielten, etwa 18 Centim. langen Hörnern, welche beiden Geschlechtern zukommen, beim Weibchen aber viel kürzer als beim Männchen sind oder ihm auch gänzlich fehlen. Die Läufe sind hoch und verhältnismäßig stark; die Füße haben große, breite Hufe und abgeplattete und abgestumpfte Afterklauen. Der Wedel reicht bis zum Fesselgelenke herab und ist zu beiden Seiten und an seiner Spitze mit langen, oben aber mit kurzen Haaren bekleidet, so daß er einer gleichfahnigen Feder ähnelt. Das Weibchen hat zwei Paar Zitzen. Eine kurze, glatt anliegende, etwas steife Behaarung bedeckt den Körper, verlängert sich aber im Nacken zu einer aufrecht stehenden Mähne und am Vorderhalse, unterhalb der Kehle, zu einem Büschel, welcher lang und tief herabhängt. Ein dunkelbraunes Aschgrau mit einem schwachen Anfluge ins Bläuliche ist die allgemeine Färbung; das einzelne Haar ist in seiner unteren Hälfte weiß oder fahl, in der oberen schwarzbraun oder blaugrau. Der Vordertheil des Bauches, die Vorderbeine, die Außenseite der Hinterschenkel sind schwärzlichgrau, die Hinterbeine schwarz, der mittlere und hintere Theil des Bauches und die Innenseite der Schenkel aber weiß. Zwei Querbinden von derselben Färbung verlaufen über die Fußwurzel, die Fesseln ringartig umgebend; ein großer, halbmondförmiger Flecken steht an der Kehle. Der Scheitel, die Stirn, die Nackenmähne und der Halsbüschel sind schwärzlich. Alte Weibchen haben eine mehr fahle, oft hirschartig graubraune Färbung. Erwachsene Böcke werden an der Schulter 1,4 Meter hoch und 2 Meter lang.

Ostindien und Kaschmir, am häufigsten der Landstrich zwischen Delhi und Lahore, sind die Heimat unseres Thieres. In den Küstenländern ist es selten, im Innern häufig. Ueber seine Lebensweise ist wenig bekannt. Man weiß, daß es gewöhnlich in Paaren, am liebsten an den Rändern der Dschungeln lebt, in deren Mitte es, aus Furcht vor dem Tiger, nicht einzudringen wagt. Ueberzählige Böcke müssen einsiedeln, bestehen aber mit ihres Gleichen heftige Kämpfe um die Thiere. Der Nilgau ist viel entschlossener und bösartiger als alle seine Verwandten. Verfolgt, soll er sich wüthend gegen den Jäger kehren, auf die Beugen niederfallen, unter tiefem Brüllen einige Schritte vorwärts rutschen, sodann blitzschnell gegen den Feind anspringen und versuchen, ihm durch schnelles Emporschleudern des Hauptes und der Hörner gefährliche Verletzungen beizubringen. Ganz in derselben Weise kämpfen die Böcke in Sachen der Liebe mit einander, und mancher edle Kämpe unterliegt einem gut gezielten Hornstoße. Die weiblichen Thiere, welche sich ihnen nicht sofort fügen wollen, mißhandeln sie, so lange sie brünstig sind, in abscheulicher Weise. Auch nach langer Gefangenschaft verliert der Nilgau seine Böswilligkeit nicht, und seine Tücke wird von allen Wärtern gefürchtet. Er zeigt sich zwar bald zahm und sanft, doch ist ihm, zumal während der Brunstzeit, nie zu trauen. In England stürzte einmal ein Nilgau, als ein Mensch seiner Umzäunung sich näherte, mit solcher Gewalt gegen die Balken seines Geheges, daß er sich ein Horn abbrach und dadurch seinen Tod herbeiführte; ein von mir gepflegter Bock verletzte einen Angestellten in lebensgefährlicher Weise.

Die Bewegungen des Nilgau haben viel eigenthümliches wegen der sonderbaren Stellungen, welche das Thier annimmt. Gewöhnlich ist der Schritt allerdings ganz so wie bei anderen Antilopen auch, sobald der Nilgau aber erregt wird, krümmt er den Rücken, zieht den Hals ein und schleicht dann langsam dahin, finstere Blicke um sich werfend und schielend. Der Wedel wird dabei zwischen den Schenkeln eingekniffen. In voller Flucht dagegen trägt sich der Nilgau stolz, würdevoll und gewährt namentlich dann, wenn er den Wedel senkrecht emporhebt, einen wundervollen Anblick.

Nach den Angaben der indischen Reisenden liegt der Nilgau während des Tages im Walde verborgen. Nach Sonnenuntergang und in den ersten Morgenstunden geht er auf Aesung, und in den bebauten Gegenden wird er der Verwüstung wegen, die er anrichtet, bitter gehaßt. Er soll alles, was er genießt, vorher beschnoppern, die Pflanzen sorgfältig sich auswählen und gerade deshalb sehr lästig werden.

Das Thier geht acht Monate hochbeschlagen und setzt das erstemal ein Kalb, dann aber jedesmal deren zwei. In Indien soll der December die Satzzeit sein, und die Brunstzeit mit Ende Märzbeginnen. In den Thiergärten Europas wurden die Kälber in den Sommermonaten geboren; das erste Junge eines von mir gepflegten Paares kam am 8. August zur Welt. In ihrer Färbung ähneln sowohl Hirsch- wie Thierkälber der Mutter; denn erst gegen das Ende des zweiten Lebensjahres färbt sich der Bock. Das Kälbchen erlangt einige Tage nach seiner Geburt die Behendigkeit, welche Junge seiner Art sonst kennzeichnet, verläßt den Platz, auf welchem es gesetzt wurde, nur selten, verbringt vielmehr die meiste Zeit auf seinem Lager; die Mutter behandelt es mit größter Liebe, beleckt es, während es säugt, auf das zärtlichste, pflegt dabei auch den Wedel so einzuziehen, daß er in gewissem Grade zum Schutze des Jungen wird. Gefangengehaltene Nilgauweibchen folgen dem Pfleger, sobald er sich ihrem Kälbchen naht, mit besorgten Blicken, nähern sich auch wohl in der Absicht, in der rechten Zeit zur Abwehr überzugehen, geben aber sonst in der Regel kein Zeichen ihrer Erregung, wie solches bei den Hirschen gewöhnlich der Fall ist. Die Jungen wachsen rasch heran, gefallen sich anfänglich in Spielen nach Kinderart, nehmen aber bald den Ernst und das ruhige Wesen ihrer Eltern an.

Die Jagd des Nilgau wird von den Indiern mit Leidenschaft betrieben, und die Herrscher des Landes bieten, wie es dort gewöhnlich ist, wahre Heere auf, welche ganze Länderstrecken durchstreifen müssen, damit die hohen Herren mit möglichster Bequemlichkeit Heldenthaten verrichten können, welche dann Hofdichter und Schranzen besingen und rühmen dürfen. Schon seit alten Zeiten machen sich die Untergebenen indischer Fürsten ein Vergnügen daraus, ihren Herren und Gebietern gerade diese Antilope gefangen zuzuführen; man sieht sie daher bei den Großen des Reichs hier und da in Parks. Erst im Jahre 1767 kam das erste Paar nach England, zu Ende des Jahrhunderts gelangten andere nach Frankreich, Holland und Deutschland. Jetzt sieht man den Nilgau in allen Thiergärten, woselbst er sich regelmäßig fortpflanzt. Die Erziehung der Jungen ist so leicht, daß wir in kurzer Zeit wahrscheinlich keine Nilgaus mehr von Indien einzuführen brauchen, sondern sie aus den Thiergärten erhalten können. Mehr als alle anderen scheint sich diese Antilope zur Einbürgerung in Europa zu eignen. In dem Thiergarten des Königs von Italien brachte man im Jahre 1860 vier, und im Jahre 1862 noch weitere zwölf Nilgaus ein, welche sich so rasch vermehrten, daß sie mit ihren Nachkommen bereits nach drei Jahren eine Herde von vierzehn Böcken und fünfunddreißig Thieren bildeten. Im Jahre 1866 begann man mit dem Versuche, sie im freien Walde auszusetzen. Sie zerstreuten sich in den ihnen angewiesenen Jagdgehegen des Königs, überstanden den Winter, trotz der manchmal bis auf 16° Réaumur fallenden Wärme, und suchten dann höchstens unter freistehenden Heuschuppen Schutz. Mehr als die Blätter der Eiche und Haselnußstaude ästen sich diese freigelassenen Nilgaus von Robinien; mit Vorliebe fraßen sie auch Kohl und Salat. Ihr schmackhaftes Wildpret und ihre vortreffliche Haut stempeln sie zu einem werthvollen Jagdthiere; gleichwohl dürfte ihre Einbürgerung in unseren Waldungen kaum zu empfehlen sein, den Forderungen der Forst- und Landwirte jedenfalls in keiner Weise entsprechen.

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