Der Yak in Brehms Tierleben

Yak (Brehms Tierleben)

Der Jak oder Yak (Bos grunniens, Poëphagus grunniens, Bison poëphagus) vertritt die Untersippe oder, wie andere wollen, die Sippe der Grunzochsen (Poëphagus), deren Merkmale die nachstehenden sind. Der Leib ist durchgehends stark und kräftig gebaut, der Kopf mäßig groß, sehr breit, von der langen und hohen, aber flachen Stirn nach der plumpen, kolbenartigen Schnauze zu gleichmäßig verschmächtigt, die Nase vorgezogen, das schmale Nasenloch schief nach vorn gestellt, die seitlich von ihm begrenzte breite Muffel unten auf der Oberlippe zu einem schmalen Streifen verschmälert, das Auge klein und von blödem Ausdrucke, sein schmaler Stern quergestellt, das Ohr klein und gerundet, überall stark behaart, das Gehörn hinten zu beiden Seiten der Stirnleiste aufgesetzt, von oben nach unten zusammengedrückt, vorn rund, hinten zu einer Kante ausgezogen, an der Wurzel deutlich, aber flach gewulstet, zuerst nach seitwärts, hinten und außen, sodann wieder nach vorn und oben, mit der Spitze nach außen und hinten gewendet, der Hals kurz und stiernackig, der Hinterhals und vordere Theil des Widerristes höckerartig erhöht, der Rücken, in reich bewegter Linie abfallend, bis zur Schwanzwurzel sanft gesenkt, der Leib in der Schultergegend schmal, in der Mitte stark ausgebaucht und hängend, der Schwanz lang und mit einer buschigen, bis auf den Boden herabreichenden Quaste geziert, das Bein kurz, kräftig, der Huf groß, breit gespalten und mit wohlentwickelten Afterhufen versehen. Das Kleid besteht durchgehends aus feinen und langen Haaren, welche auf der Stirne bis zum Hinterkopfe krauslockig und wellig sind, oft bis über das ganze Gesicht herabfallen, auf dem Widerriste und längs beider Seiten zu einer schwer herabhängenden, vorhangartigen, sanft welligen Mähne sich verlängern, welche, wie die überaus reiche, roßschweifähnliche Schwanzquaste, auf dem Boden schleift, wogegen Bauch und Innenseite der Oberschenkel und Arme sowie die Beine vom Elnbogen oder Kniegelenk an abwärts nur mit glatten, kurzen, schlichten Haaren bekleidet sind. Ein schönes, tiefes, auf dem Rücken und den Seiten bräunlich überflogenes Schwarz ist die Färbung der alten Tiere; die Haare um das Maul sind graulich, und längs des Rückens verläuft ein silbergrauer Streifen. Das Haar des Kalbes ist grau überflogen, das des Jungstieres rein schwarz. Die Gesammtlänge alter Stiere beträgt 4,25, die des Schwanzes ohne Haar 0,75, die Höhe bis zum Buckel 1,9 Meter, die Länge der Hörner 80 bis 90 Centimeter, das Gewicht 650 bis 720 Kilogramm, die Länge einer alten Kuh dagegen kaum über 2,8, die Höhe 1,6 Meter, das Gewicht 325 bis 360 Kilogramm.

Die Hochländer Tibets und alle mit ihnen zusammenhängenden Hochgebirgszüge beherbergen den Jak; Hochebenen zwischen vier- bis sechstausend Meter unbedingter Höhe bilden seine Aufenthaltsorte. Der nackte Boden der unwirtlichen Gefilde seiner Heimat ist nur hin und wieder mit ärmlichem Grase bedeckt, welches rasende Stürme im Winter mit Schnee bedecken, wie sie im Sommer gedeihliche Entwickelung hindern. Inmitten solcher Wüsten findet der Jak Befriedigung seiner Bedürfnisse und Schutz vor dem Menschen, besteht deshalb leichter, als man annehmen möchte, den Kampf um das Dasein.

Erst dem trefflichen Przewalski danken wir eingehende Berichte über das Freileben des gewaltigen Thieres; alle früheren Mittheilungen, welche ich kenne, sind dürftig oder gehaltlos. Der muthige Reisende fand in den von ihm durchzogenen Theilen Nordtibets einsiedlernde alte Stiere und kleine Gesellschaften des Jak allerorten, zahlreichere Herden dagegen nur auf Stellen, welche reichere Weiden bieten. Solche Herden durchwandern auch wohl mehr oder minder regelmäßig weite Strecken, erscheinen, nach Aussage der Mongolen, im Sommer auf grasreichen Weiden, auf denen man sie im Winter nicht bemerkt, und bevorzugen ebenso die Nähe von Gewässern, in deren Nachbarschaft das Gras besser wächst als auf den kahlen Hochebenen, wogegen die alten Stiere, sei es aus Trägheit oder sonstigen Ursachen, jahraus, jahrein in demselben Gebiete verweilen und einsiedlerisch ihre Tage verbringen oder höchstens zu drei bis fünf sich gesellen. Jüngere, obschon bereits erwachsene Stiere schließen sich oft einer Herde älterer an, bilden jedoch häufiger eine eigene, welche dann aus zehn bis zwölf Stücken zu bestehen pflegt und zuweilen einen alten Stier in sich aufnimmt. Kühe, Jungstiere und Kälber dagegen vereinigen sich zu Herden, welche hunderte, nach Versicherung der Mongolen selbst tausende zählen können. Solchen Massen wird es erklärlicherweise schwer, auf den ärmlichen Weiden genügende Nahrung zu finden, und sie zerstreuen sich daher, während sie sich äsen, über weite Flächen, sammeln sich aber, um zu ruhen, ebenso während hestiger Stürme, welche sie zu lagern zwingen, wiederum zu geschlossenen Herden. Wittern die Thiere Gefahr, so schließen sie sich sofort zur Herde zusammen und nehmen die Kälber in die Mitte; einige erwachsene Stiere und Kühe aber suchen über die Bedeutung der Störung sich zu vergewissern und schweifen nach verschiedenen Seiten von der Herde ab. Naht sich oder feuert ein Jäger, so ergreift der ganze gedrängte Haufen plötzlich im Trabe, häufig auch im Galopp die Flucht, im letzteren Falle den Kopf zu Boden neigend und den Schwanz erhebend. So sprengen sie, ohne sich umzuschauen, über die Ebene dahin; eine Wolke von Staub umhüllt sie, und die Erde dröhnt, auf weithin vernehmlich, unter dem Stampfen ihrer Hufe. Solch wilde Flucht währt jedoch nicht lange; selten durcheilen die jählings erschreckten Thiere mehr als einen Kilometer, häufig weniger. Langsamer beginnt die Herde zu laufen, und bald ist die frühere Ordnung hergestellt, sind die Kälber wieder in die Mitte genommen worden, und haben die alten Thiere von neuem eine lebendige Schutzwehr um sie her gebildet. Erst wenn der Jäger zum zweitenmal herannaht und feuert, flüchtet die Herde anhaltender und weiter als früher. Alte Stiere fliehen, wenn sie aufgescheucht werden, nur während der ersten Sekunden im Galopp, sodann mit weitausgreifenden Schritten.

Zum Lager wählt die Herde wo möglich den Nordabhang eines Berges oder eine tiefe Schlucht, um den Sonnenstrahlen auszuweichen. Der Jak scheut die Wärme mehr als die Kälte, legt sich daher, selbst wenn er im Schatten lagert, am liebsten auf den Schnee; falls solcher nicht vorhanden ist, scharrt er die Erdkruste auf und bildet sich eine Lagerstätte. Doch sieht man ihn hier und da, wenigstens im Winter, auch auf der Stelle liegen, wo er geweidet hat. Wasser ist ihm nothwendige Lebensbedingung. Unzählbare Fährten und Kothhaufen in der Nähe nicht zugefrorener Quellen bewiesen Przewalski, daß letztere regelmäßig aufgesucht werden. Nur an solchen Stellen, denen Wasser auf weithin mangelt, begnügt sich das Thier mit Schnee.

Ungeachtet seiner ungeheueren Kraft steht der Jak hinsichtlich seiner Begabungen anderen Thieren des Hochgebirges nach. Im Bergsteigen wetteifert er allerdings mit Wildschafen und Steinböcken; denn er klettert in dem höchsten und wildesten Gefelse, auf Graten und schroffen Abstürzen mit derselben Sicherheit wie diese; im Laufen auf ebener Fläche aber wird er von jedem Pferde eingeholt. Unter seinen Sinnen übertrifft der Geruch bei weitem alle übrigen. Einen Menschen wittert der Jak, nach Przewalski’s Erfahrungen, schon aus einer Entfernung von einem halben Kilometer, unterscheidet ihn jedoch bei hellem Tage kaum auf tausend Schritte, bei bewölktem Himmel höchstens auf die Hälfte dieser Entfernung hin von einem anderen Gegenstande und vernimmt so schwach, daß der Hall von Schritten oder sonstiges Geräusch erst dann Unruhe in ihm wachruft, wenn es aus nächster Nähe sein Ohr trifft. Daß der Verstand auf tiefer Stufe steht, beweist schon das unverhältnismäßig kleine Gehirn, mehr aber noch sein Gebaren im Falle der Gefahr und Noth. »Die bemerkenswertheste Eigenschaft des Jak«, sagt Przewalski, »ist seine Trägheit. Früh und gegen Abend geht er auf die Weide; den Rest des Tages widmet er der Ruhe, welcher er stehend oder liegend sich hingibt. Während dem bekundet nur das Wiederkäuen, daß er lebt; denn im übrigen ähnelt er einem aus Stein gemeißelten Standbilde.«

Doch dieses Wesen ändert sich gänzlich, sobald die Brunst in ihm sich regt. Nach Aussage der Mongolen beginnt die Paarzeit im September und währt einen vollen Monat. Bei Tag und Nacht sind jetzt die Stiere in Unruhe und Aufregung. Die Einsiedler gesellen sich den Herden, laufen, Kühe suchend und dabei beständig grunzend, wie sinnlos umher, treffen auf einander und treten sich streitlustig gegenüber, um im ernstesten Zweikampfe des Sieges Preis zu erringen. Unter furchtbaren Stößen, welche zuweilen ein Horn an der Wurzel brechen, stürzen sich die gewaltigen Thiere aufeinander; keiner der dicken Schädel aber bricht, und auch bedeutende Wunden, welche einer dem anderen zufügt, heilen schnell. Befriedigt oder übersättigt und ermattet ziehen sie sich nach der Brunstzeit wieder zurück, schweigen fortan und führen wiederum dieselbe Lebensweise wie früher.

Neun Monate nach der Paarung bringen die Kühe ihr Kalb zur Welt und pflegen es über ein Jahr lang, da sie, nach Angabe der Mongolen, nur alle zwei Jahre trächtig gehen sollen. Im sechsten bis achten Jahre soll der Jak erwachsen sein, im fünfundzwanzigsten altersschwach verenden, falls nicht Krankheit oder die Kugel eines Mongolen sein Leben kürzt. Andere Feinde, welche ihm verderblich werden könnten, erklimmen seine heimatlichen Höhen nicht.

Die Jagd des Jak ist für einen muthvollen und wohlbewaffneten Schützen ebenso verlockend wie gefährlich. Ohne Bedenken, wenn auch nicht unter allen Umständen, stürzt sich das gewaltige Thier, falls es nicht tödtlich getroffen wurde, auf den Jäger, und dieser kann, auch wenn er Muth, Geschick, kaltes Blut und die besten Waffen besitzt, niemals mit Sicherheit darauf rechnen, den wüthend anstürmenden, übermächtigen Gegner durch einen ferneren Schuß zu fällen. Die Kugel der schärfsten Büchse dringt nur dann zerstörend in den Kopf ein, wenn sie senkrecht auf die kleine Stelle trifft, welche das wenige Hirn umschließt, und ein Blattschuß tödtet nur in dem Falle, daß er das Herz durchbohrt. Aus diesen Gründen fürchten die Mongolen den Jak gleich einem Ungeheuer, gehen ihm gern aus dem Wege und feuern, wenn sie sich wirklich zur Jagd entschließen, immer nur aus sicherem Versteck und gemeinschaftlich, ihrer acht bis zwölf, auf den Riesen des Gebirges, hoffend, daß derselbe sie nicht wahrnehme, deshalb flüchte, nach zwei bis drei Tagen an seinen Wunden verende und dann glücklich von ihnen aufgefunden werde. Der Europäer verläßt sich auf seinen Hinterlader und die Unentschlossenheit des Jak. Trotz aller Wildheit vermag dieser seine Furcht vor einem kühn auf ihn an dringenden Menschen nicht zu bemeistern, bleibt im Anlaufe zögernd stehen, wendet sich wohl auch, empfangener Wunden ungeachtet, nachdem er zaudernd überlegt, zur Flucht.

Ein Jäger vom Schlage Przewalski’s verläßt am frühen Morgen, mit seinem erprobten Hinterlader ausgerüstet, die Jurte und späht von der nächsten Höhe aus nach dem gewaltigen Thiere. Schon mit unbewaffnetem Auge nimmt man den lagernden Jak in der Entfernung mehrerer Kilometer wahr, täuscht sich freilich auch manchmal, indem man ein Felsstück für das ersehnte Wild nimmt. Dieses bis auf Schußweite zu beschleichen ist nicht schwierig: falls man den Wind beachtet, kann man selbst auf freier Ebene bis auf drei- selbst zweihundert Schritte dem blödsichtigen und schwerhörigen Riesen sich nahen, vorausgesetzt, daß dieser nicht in größerer Gesellschaft lagert; im Gebirge kommt man ihm wohl auch noch näher. Der aus doppelten, mit den Lederseiten gegeneinander gekehrten Fellen gefertigte Pelz, welchen man in Sibirien trägt, und die mit Auflegegabel versehene Büchse lassen sich zur Täuschung des Jak benutzen: wenn der Jäger gebückt und mit nach oben gekehrter Gabel herbeischleicht, meint letzterer wahrscheinlich, eine Antilope zu gewahren und zeigt um so weniger Lust, davon zu gehen. Aber auch, wenn er den Menschen als solchen erkennt, flüchtet er gewöhnlich nicht. Furchtlos schaut er den herankommenden Jäger an, und unmuthig peitscht er mit seinem Schweife Schenkel und Seiten. Endlich hat sich jener genügend genähert, stellt die Büchse auf die Gabel, nimmt eine Handvoll Patronen aus der Tasche, legt sie neben sich nieder, zielt und feuert. Der Jak flüchtet entweder und wird dann mit Schüssen verfolgt, so weit die Büchse trägt, oder er stürmt mit niedergebeugtem Kopfe und gehobenem Schwanze gegen den Jäger an. Anstatt aber diesem in einem Rennen zu nahen, bleibt er nach einigen Schritten stehen, bietet sich wiederum zu sicherem Ziele, empfängt eine zweite Kugel, geht von neuem einige Schritte weiter vor, zögert wie vorher und verfährt, bis er endlich zusammenbricht, nach jedem Schusse wie nach dem ersten, nur mit dem Unterschiede, daß er immer länger zaudert, je mehr Kugeln seinen Kopf treffen oder seine Brust durchbohren. Seine Widerstandskraft und Lebenszähigkeit sind fast unglaublich groß. Einer, auf welchen Przewalski und zwei seiner Gefährten feuerten, bis die hereinbrechende Nacht es verwehrte, wurde erst am anderen Morgen mit drei Kugeln im Kopfe und funfzehn in der Brust verendet aufgefunden; sehr wenige von allen, welche der muthige Jäger erlegte, fielen nach dem ersten Blattschusse entseelt zu Boden.

Mehr als das Wildpret schätzt man in seiner traurigen Heimat den Koth des Jak. Ersteres ist zwar, wenn es von jungen Stieren oder gelten Kühen herrührt, recht gut, steht jedoch dem äußerst schmackhaften Fleische zahmer Jaks bei weitem nach; letzterer dagegen liefert auf den kahlen Höhen Tibets den einzigen Brennstoff, welchen man verwenden kann. Einzig und allein dieser Koth ermöglicht den Aufenthalt des Menschen in jenen unwirklichen Gefilden.

In allen Ländern, deren Hochgebirge den wilden Jak beherbergen, findet man ihn auch gezähmt als nützliches und wichtiges Hausthier. Der zahme Jak unterscheidet sich hinsichtlich seiner Gestalt und seines Haarwuchses wenig von den wilden, wohl aber hinsichtlich der Färbung. Rein schwarze Jaks sind sehr selten; gewöhnlich zeigen auch diejenigen, welche den wilden am meisten ähneln, weiße Stellen, und außerdem trifft man braune, rothe und gescheckte an. Mehrere Rassen hat man, vielleicht durch Vermischung mit anderen Rinderarten, bereits gezüchtet. Hier und da sind die zahmen Jaks auch wieder verwildert und haben dann ihre Urfärbung wieder angenommen. In der Gegend des heiligen Berges Bogdo am Altai setzten die Kalmücken ganze Herden aus, an denen sich außer den Geistlichen niemand vergreifen durfte. Radde traf im südlichen Theile des Apfelgebirges halbverwilderte Herden an, welche auch in schneereichen Wintern nicht gefüttert wurden. Eine Stallung wird den gezähmten überhaupt nie zu theil.

Auch die zahmen Herden gedeihen nur in kalten, hochgelegenen Gebirgsgegenden und gehen bei großer Wärme zu Grunde, ertragen dagegen Kälte mit Gleichgültigkeit. »An Tagen, deren Wärme nur wenige Grade über den Gefrierpunkt kam«, bemerkt Schlagintweit, »kam es vor, daß unsere Jaks, sobald sie abgeladen waren, im nächsten Bache untertauchten, ohne davon zu leiden.« Als der Engländer Moorcroft den Nitipaß erstieg und seine beladenen Jaks bei der drückenden Hitze viel gelitten hatten, rannten sie, weil sie ein Gebirgswasser in der Tiefe rauschen hörten, unaufhaltsam und mit solchem Ungestüm dem Flusse zu, daß zwei von ihnen auf den schroffen Abhängen stürzten und in der Tiefe zerschellten. Wenn der Jak kein Wasser hat, in dem er sich stundenlang kühlen kann, sucht er eifrig den Schatten auf, um der unangenehmen Wärme zu entgehen. »Die Jaks«, sagt Radde, »lagern alle auf dem Schnee, auch die Kälber; selbst die Frühgeborenen vom März bedürfen keiner Fürsorge seitens der Menschen.«

Die Kühe bekunden innige Zuneigung zu ihren Jungen, verlassen diese, wenn sie zur Weide gehen, später als die Hauskühe die ihrigen und kehren Abends mehrere Stunden vor Sonnenuntergang zu den Kälbern zurück, lecken sie zärtlich und grunzen sanft und freundlich.

Der Tibetaner benutzt den Jak als Last- und Reitthier. Gegen seine Bekannten benimmt er sich ziemlich freundschaftlich, läßt sich berühren, reinigen und vermittels eines durch seine Nase gezogenen Ringes, an einem Stricke lenken; Fremden gegenüber zeigt er sich in der Regel anders, bekundet Unruhe, senkt den Kopf gegen den Boden und geberdet sich, als wolle er seinen Gegner zum Kampfe fordern. Manchmal überkommt ihn plötzlich rasender Zorn: er schüttelt den ganzen Körper, hebt den Schwanz hoch empor, peitscht mit ihm durch die Luft und schaut mit drohenden, grimmigen Augen auf seinen Zwingherrn. Einen gewissen Grad von Wildheit behält er stets. Gegen Hausrinder benimmt er sich artiger, und es hat deshalb keine Schwierigkeit, ihn zur Paarung mit anderen Familiengenossen zu bringen.

Der Jak trägt ein- bis anderthalbhundert Kilogramm ohne Beschwerden und zwar auf den allerschwierigsten Felsenpfaden und Schneefeldern. Man ist im Stande, durch ihn Lasten über Gebirgspässe von drei- bis fünftausend Meter unbedingter Höhe zu schaffen; denn er bewegt sich auch dort oben, trotz der verdünnten Luft, welche andere Geschöpfe ermattet und beängstigt, mit größter Sicherheit. Nur auf sehr klippenreichen Pfaden kann man ihn nicht benutzen, weil dann seine Last ihn hindert, über höhere Felsen zu springen, wie er es sonst wohl zu thun pflegt. Moorcroft sah ihn ohne Umstände drei Meter hohe Felsenwände herabsetzen, ja, selbst in Abgründe von zwölf Meter Tiefe sich stürzen, ohne daß er dabei sich beschädigte.

Milch und Fleisch des Jak sind gleich gut. Aus der Haut gerbt man Leder, aus den Haaren dreht man Stricke. Das kostbarste ist der Schwanz, welcher die vielgenannten Roßschweife, jene altberühmten Kriegszeichen, liefert. Nicolo di Conti gibt an, daß die feinen Schwanzhaare mit Silber aufgewogen werden, weil man aus ihnen Fliegenwedel fertigt, welche zum Dienste der Könige und Götzen gebraucht werden; auch faßt man sie in Gold und Silber und schmückt damit Pferde und Elefanten, oder befestigt sie an den Lanzen als Zeichen einer hohen Rangstufe. Die Chinesen färben das weiße Haar brennend roth und tragen die Schwänze dann als Quasten auf ihren Sommerhüten. Belon gibt an, daß solche Schwänze vier bis fünf Dukaten kosten und wesentlich dazu beitragen, den reichen Sattelschmuck, wie ihn Türken und Perser lieben, zu vertheuern. Schwarze Schwänze gelten weniger als weiße.

Die in Europa eingeführten Jaks haben sich bisher besser gehalten, als man vermuthen durfte. Man hat deshalb sich der Hoffnung hingegeben, dieses schöne Rind in Europa heimisch machen zu können. Von einer solchen Einbürgerung erwartete man reichen Gewinn, indem man annahm, daß der Jak treffliche Wolle, schmackhaftes Fleisch, ausgezeichnete, fette Milch liefern und ein kräftiges und unermüdliches Arbeitsthier sein, sich auch mit billigerem Futter als andere Rinder begnügen werde. Für die tibetanischen und turkestanischen Hochländer läßt sich der Grunzochse allerdings nach allen diesen Richtungen hin verwenden und erweist sich deshalb als schätzbares Nutzthier; unsere europäischen Verhältnisse sind aber andere als die jener Länder, und es scheint deshalb sehr fraglich zu sein, ob die Einbürgerung sich lohnen würde. In seiner Heimat wird der Jak vorzugsweise als Saumthier geschätzt; schon in den von Sewerzoff besuchten Theilen des Thianschan aber, wo er augenscheinlich gut fortkommt, verwendet man statt seiner in den schwierigsten Gebirgspässen zum Lasttragen einfach eine Rasse von Gebirgsrindern, welche nicht so große, aber ähnliche Hufe haben wie die Jaks, ebenso gut über die Felsen klettern und mit derselben Leichtigkeit in der dünnen Luft der Höhen athmen. Für unsere Hochgebirge bedürfen wir seiner nicht; denn sie werden durch unsere Alpenrinder und Bergziegen genügend ausgenutzt. Mehr als jene würde der Jak gewiß nicht leisten.

Die russische Provinz Grodno in Lithauen, eine spärlich bevölkerte, zum größten Theile waldlose Ebene, enthält in ihrem Innern ein Kleinod eigenthümlicher Art. Dies ist der Wald Bialowicza, Bialowesch oder Bialowies, ein echt nordischer Urwald von funfzig Kilometer Länge und vierzig Kilometer Breite, also zweitausend Geviertkilometer Flächeninhalt. Er liegt abgesondert für sich, einer Insel vergleichbar, umgeben von Feldmarken, Dorfschaften und baumlosen Heiden. Im Inneren des Waldes finden sich nur einige wenige Ansiedelungen der Menschen, in denen aber keine Landbauern, sondern bloß Forstleute und Jagdbauern wohnen. Etwa vier Fünftheile des Bestandes werden von der Kiefer gebildet, welche auf große Strecken hin die Alleinherrschaft behauptet, in den feuchteren Gegenden treten Fichten, Eichen, Linden, Hornbäume, Birken, Ellern, Pappeln und Weiden zwischen die Kiefern herein. Alle Bäume erreichen hier ein unerhörtes Alter, eine wunderbare Höhe und gewaltige Stärke; denn der Wald zeigt heute noch dasselbe Gepräge wie vor Jahrhunderten, vielleicht vor Jahrtausenden. »Hier«, sagt ein Berichterstatter, »hat ein Sturmwind mehrere alte Riesenstämme entwurzelt und zu Boden geschleudert: wo sie hinstürzen, da sterben und verwesen sie auch. Ueber jene erheben sich tausende von jungen Stämmchen, welche im Schatten der alten Bäume nicht gedeihen konnten, und nun im regen Wetteifer nach oben streben, nach Luft, nach Licht, nach Freiheit. Ein jedes sucht sich zur Geltung zu bringen, aber doch können nicht alle dasselbe erreichen. Bald zeichnen sich einige vor den anderen aus, und einmal erst mit dem Kopfe oben, fangen sie an sich breit zu machen, wölben eine prächtige Krone und unterdrücken erbarmungslos die schwächeren Pflanzen, welche nun traurig zurückbleiben und verkümmern. Aber auch diese übermüthig emporstrebenden werden einst in das Greisenalter treten, auch ihre Wurzeln von den Stürmen gelockert und herausgerissen werden, bis über ihren Sturz Freude unter dem jungen Nachwuchs sein wird, und dasselbe Spiel, derselbe Kampf beginnt. Außerhalb der gebahnten Wege, welche der Jagd halber in Ordnung gehalten werden, ist der Wald kaum zu betreten, nicht einmal an Stellen, wo die Bäume lichter stehen, weil gerade dort ein dichter Unterwuchs von allen möglichen Straucharten wuchert. An anderen Stellen hat der Sturm hunderte von Bäumen umgebrochen, welche so verworren über und unter einander liegen, daß selbst das Wild Mühe hat, sich durchzuarbeiten. Ab und zu gewahrt man allerdings bedeutende Lichtungen durch das Dickicht schimmern, und schon glaubt man an einer Waldgrenze zu sein oder doch eine Dorfschaft vor sich zu haben; wenn man aber auf eine solche Blöße zuschreitet, entdeckt man, daß sie ihre Entstehung einem Waldbrande zu verdanken hat, welcher in kurzer Zeit dieses ungeheuere Loch fraß und dann genug hatte; denn menschliche Kräfte vermögen wenig oder nichts über die Gewalt des Feuers in diesen Riesenwaldungen. Alle acht bis zehn Jahre kommt durchschnittlich ein Brand von größerer Ausdehnung vor; kleinere Brände aber sind ganz an der Tagesordnung.«

Der Wald von Bialowies beherbergt heute noch das größte Säugethier des europäischen Festlandes, den Wisent. Nur hier und in einigen Waldungen des Kaukasus lebt gegenwärtig noch dieses gewaltige Thier, auf der übrigen Erde ist es ausgerottet worden. Strenge Gesetze schützen es im Walde von Bialowies, und würden nicht schon seit mehreren Jahrhunderten die wechselnden Besitzer dieses wunderbaren Thiergartens solchen Schutz gewährt haben, der Wisent hätte sicherlich aufgehört, wenigstens ein europäisches Thier zu sein.

In früheren Zeiten war das freilich anders; denn der Wisent verbreitete sich nachweislich über ganz Europa und über einen großen Theil Asiens. Zur Zeit der Blüte Griechenlands war er in Päonien oder dem heutigen Bulgarien häufig; in Mitteleuropa fand er sich fast überall. Aristoteles nennt ihn »Bonassus« und beschreibt ihn deutlich; Plinius führt ihn unter dem Namen »Bison« auf und gibt Deutschland als seine Heimat an; Calpurnius bespricht ihn um das Jahr 282 n. Chr.; die »Leges allamanorum« erwähnen seiner im sechsten und siebenten Jahrhundert, das Nibelungenlied als im Wasgau vorkommend. Zu Karls des Großen Zeiten fand er sich im Harze und im Sachsenlande, um das Jahr 1000, nach Ekkehard, als ein bei St. Gallen vorkommendes Wild. Um das Jahr 1373 lebte er in Pommern, im funfzehnten Jahrhunderte in Preußen, im sechzehnten in Lithauen, im achtzehnten zwischen Tilsit und Laubiau in Ostpreußen, woselbst der letzte seiner Art sogar erst im Jahre 1755 von einem Wilddiebe erlegt wurde.

Die Könige und Großen des Reiches Polen und Lithauen ließen sich die Erhaltung des Wisent mit Eifer angelegen sein. Man hielt ihn in besonderen Gärten und Parken, so z.B. bei Ostrolenka, bei Warschau, bei Zamosk usw. Die mehr und mehr sich ausbreitende Bevölkerung, die Urbarmachung der Ländereien machte solchen Schutz mit der Zeit unmöglich. Noch hielt er sich eine Zeitlang in Preußisch-Lithauen und namentlich in der Gegend zwischen Laubiau und Tilsit, wo die Forstbeamten ihn schützten und zur Winterszeit in einer offenen Futterscheuer mit Nahrung versorgten. Nur höchst selten fing man einige Stücke ein, welche dann gewöhnlich zu Geschenken für fremde Höfe benutzt wurden. So gelangten im Jahre 1717 ihrer zwei an den Landgrafen von Hessen-Kassel, ebensoviele an den König Georg von England und 1738 einige an die Kaiserin Katharina von Rußland. Eine allgemeine Seuche vernichtete im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts den größten Theil dieser Herden, bis endlich der erwähnte Wilddieb dem letzten das Lebenslicht ausblies. Jedenfalls würde es den im Forste von Bialowies lebenden Wisents nicht anders ergangen sein, hätten die Könige von Polen und später die Kaiser von Rußland das seltene Thier der Jetztwelt nicht erhalten.

Länger als in Preußen lebte, nach mir gewordenen Mittheilungen des verstorbenen Grafen Lázár, der Wisent in Ungarn und namentlich in dem waldreichen Siebenbürgen, worauf auch der Umstand hindeutet, daß das Volk, vielleicht zur Erinnerung an glückliche Jagden, manchen Berg, manche Quelle und selbst Ortschaften nach ihm benannt hat. Mehrere ungarische Adelsfamilien beweisen noch heutzutage durch ihre Wappen, daß ihre Vorfahren den Wisent kannten. Die gräfliche Familie Was hatte ursprünglich keinen Ochsen, sondern einen Wisentkopf in ihrem Wappen, die Familie der Grafen Lázár einen von einem Pfeil durchbohrten Wisent, nicht aber einen Hirsch. In der Thuroci’schen Chronik, welche zur Zeit des Königs Matthias I. gedruckt wurde, finden sich reich verzierte Anfangsbuchstaben, welche damals übliche ungarische Gebräuche darstellen, und in einem derselben die Abbildung eines ungarischen Königs zu Pferde mit der Krone auf dem Haupte, die hoch erhobene Lanze nach einem dahinrasenden Wisent schwingend. Zur Zeit der Fürsten Siebenbürgens kam dieser häufig vor, und es steht ziemlich fest, daß sein Fell noch im siebzehnten Jahrhundert vielfältig verwandt wurde. Erwiesenermaßen hauste er noch im Jahre 1729 in den Gebirgswaldungen Ungarns und noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in den Szekler Bergwaldungen unweit der Ortschaft Füle.

Bevor ich zur Leibes- und Lebensbeschreibung des gedachten Wildochsen übergehe, muß ich bemerken, daß ich unter dem Namen Wisent dasselbe Thier verstehe, welches von den meisten neueren Schriftstellern Auer oder Auerochs genannt wird. Mit letzterem Namen bezeichneten unsere Vorfahren ein von jenem durchaus verschiedenes, längst ausgestorbenes Rind.

Wenn man die Schriften der Naturkundigen früherer Jahrhunderte mit Aufmerksamkeit durchliest, gelangt man zu der Ansicht, daß vormals zwei wilde Rinderarten in Europa neben einander gelebt haben müssen. Alle älteren Schriftsteller unterscheiden die beiden Thiere bestimmt. Seneca, Plinius, Albertus Magnus, Thomas Cantapratensis, Johann von Marignola, Bartholomäus Anglicus, Paul Zidek, von Herberstain und Geßner, altdeutsche Gesetze und Jagdberichte aus vergangenen Jahrhunderten sprechen von zwei gleichzeitig lebenden Wildochsen und beschreiben die beiden mit hinlänglicher Genauigkeit. Bezeichnend erscheinen ebenso die Verse des Nibelungenliedes, welche ich bereits gelegentlich der Schilderung des Elch angezogen habe. Da wir den Wisent noch zur Vergleichung vor uns haben und an ihm sehen können, daß die ihm geltende Beschreibung naturgetreu ist, dürfen wir dasselbe wohl auch von dem uns höchstens durch versteinerte Schädel bekannten Auerochsen erwarten. Plinius kennt den Bonassus oder Wisent, weil derselbe lebend nach Rom gebracht wurde, um in den Thierkampfspielen zu glänzen, und unterscheidet ihn von dem Urus oder Auer, indem er hervorhebt, daß den ersteren seine reiche Mähne, den letzteren sein großes Gehörn kennzeichnet. Cäsar erwähnt eines in Deutschland vorkommenden Wildochsen, welcher dem zahmen nicht unähnlich sei, aber viel größere Hörner als dieser besitze und an Größe dem Elefanten wenig nachstehe. Er meint den Auer, nicht den Wisent. Mit noch größerer Bestimmtheit sprechen sich die späteren Schriftsteller aus. Lukas David gibt an, daß der Herzog Otto von Braunschweig im Jahre 1240 »den Brüdern« Aueroxen und Bisonten schenkte, Cramer, daß Fürst Wradislaw um das Jahr 1364 in Hinterpommern einen Wysant erlegte, »welcher größer geachtet worden, als ein Uhrochs«, Mathias von Michow, daß es in den Wäldern Lithauens Urochsen und Wildochsen gebe, welche die Einwohner Thuri und Jumbrones nennen, Erasmus Stella, daß der Wisent (zu Anfange des funfzehnten Jahrhunderts) seltener sei als der Urus. Der österreichische Gesandte Herberstain spricht in einem von ihm verfaßten Werke über Rußland und Polen von beiden Wildochsen und fügt einer späteren Ausgabe des Buches zwei Abbildungen bei, über denen zur Erklärung die Namen der betreffenden Thiere stehen. Das Bild, welches ein unserem Hausrinde ähnliches Thier darstellt, enthält die Worte: »Ich bin der Urus, welchen die Polen Tur nennen, die Deutschen Auerox, die Nichtkenner Bison«, die zweite Abbildung, welche unseren Wisent nicht verkennen läßt, dagegen den Satz: »Ich bin der Bison, welchen die Polen Subr nennen, die Deutschen Wysent, die Nichtkenner Urochs«. »In Lithauen«, sagt Herberstain, »gibt es, außer den Thieren, welche in Deutschland vorkommen, noch Bisonten, Urochsen, Elenthiere und wilde Pferde. Die Bisonten heißen im Lithauischen Subr, im Deutschen uneigentlich Aurox oder Urox, welcher Name dem Urus zukommt, der völlig die Gestalt des Ochsen hat, wogegen die Bisonten ganz anders aussehen. Diese haben eine Mähne, lange Haare um Hals und Schultern, eine Art Bart am Kinn, nach Bisam riechende Haare, einen kurzen Kopf, große, trotzige und feurige Augen, eine breite Stirn, und so weit auseinander gerichtete Hörner, daß zwischen denselben drei ziemlich beleibte Menschen sitzen könnten, was der König von Polen, Sigmund wirklich gethan haben soll. Der Rücken ist in eine Art Buckel erhöht; hinten und vorn dagegen der Leib niedriger. Ihre Jagd fordert viel Kraft und Schnelligkeit. Man stellt sich hinter Bäume, treibt sie durch die Hunde und ersticht sie sodann mit einem Spieße. Urochsen gibt es nur in Masovien; sie heißen daselbst Thur, bei den Deutschen eigentlich Urox: denn es sind wilde Ochsen, von den zahmen in nichts verschieden, als daß alle schwarz sind und auf dem Rückgrat einen weißlichen Streifen haben. Es gibt nicht viele, und an gewissen Orten werden sie fast wie in einem Thiergarten gehalten und gepflegt. Man paart sie mit den zahmen Kühen; aber die Jungen werden dann nicht von den Urochsen in der Herde geduldet, und die Kälber von solchen Bastarden kommen todt auf die Welt. Gürtel aus dem Leder des Urochsen werden hoch geschätzt und von den Frauen getragen. Die Königin von Polen schenkte mir zween dergleichen, und die römische Königin hat einen davon sehr gnädig angenommen.«

Auf ihn und Schneeberger sich stützend, gibt Geßner Abbildungen und Beschreibungen der betreffenden Thiere. Das eine Bild stellt unzweifelhaft unseren Wisent dar, das zweite ein kräftiges, untersetzt gebautes, glatthaariges Rind ohne Schulterbuckel, mit größerem und stärkerem Gehörn. Die Beschreibungen lauten, nach der Uebersetzung von Dr. Eunrat Forex aus dem Jahre 1583, wie folgt:

»Wiewol vnseren biß auff diese zeyten die rechten waren Wisent der alten vnbekannt gewesen sind, so werdend doch gegenwirtiger zeyt der wilden Ochsen etlich gefangen vnnd gezeigt, welche diser beschreybung gentzlich gemäß sind, als dann in diser gegenwirtigen gestalt wol zu sehen ist. Dann dem Wisent werdend von den alten zugeben, daß er häßlich seye, scheützlich, vil haars, mit einem dicken langen halßhaar als die Pfärdt, item gebartet, summa gantz wild vnnd vngestalt: welches sich alles im gegenwirtigen thier, so eigentlich abconterfetet worden ist, klarlich erzeigt, ist ein wunder groß, scheützlich art der wilden Ochsen; dann zwüschend den hornen, die weyte von einem zu dem anderen ist zwen gut werckschuch, söllend an der farb schwarzlecht seyn. Ein grimm thier ist dieser Ochß auch an dem ersten anschouwen zuförchten: Sommers zeyt laßt er das haar, wird jm kürtzer vnnd dünner: Winters zeyt aber vil lenger vnnd dicker, frisset höuw, als andere heimsche Rinder.
In Sclauonia, Vngeren vnnd Preüssen auch allen anderen landen, weyt gägen Mitnacht gelägen, grosen mercklichen wälden werdend dise wilde Ochsen gefunden vnnd gejagt. Vor zeyten söllend sölche auch in dem Schwartzwald gesähen seyn.
Aus den figuren vnnd gestalten der Auwerochßen ist die erste die rechte ware bildtnuß, dann die ander gstalt so hie zugegen in form deß geiegtes, wil sich nit beduncken gantz eigentlich contrafetet seyn. Söllend gantz ähnlich seyn den gemeinen schwartzen heimschen Stieren, doch grösser mit sonderer gestalt der hornen, als dann hie wol zu sehen ist. Sölche sind vor zeyten in dem Schwartzwald gejagt worden, jetzsonder wirt er in der Lithauw in dem ort Mazonia genannt, allein gefangen, welche je nur der Teütschen Wisent vngebürlich nennen: dann der recht ware Wisent der alten ist hievor beschrieben vnnd mit gestalt für augen gestelt worden. Es werdend zu Worms vnnd Mentz, so namhafft stett am Rheynstromen gelägen, grosse wilde Stierköpff, zwey mal grösser dann der heimschen, mit etwas geblibnen stumpen der hornen, an gmeinen Radtsheüsern der statt angehefft gesehen vnnd gezeiget, welche ohne zweyfel von etlichen wilden Ochsen kommen sind.
Dise thier söllend seer starck, schnäll, rouw vnnd grausam seyn, niemants schonen, wäder leüt noch vech, mögen zu keinen zeyten milt gemachet werden. Ir ardt zu fahen ist, das man sölche in gruben stürtzt, in welchem geiegt sich die junge mannschafft mächtig pflägt zu üben. Dann welcher die merer zal der thieren vmbracht vnnd geschediget hatt, des selbigen ware vrkund den herren bringt vnnd der oberkeit zeigt, der empfacht grosses Lob vnb reyche schenke davon. Es schreybend etlich daß dise Stier auch auff dem grausamen gebirg, so das Spanger land vnnd Franckreych von einander scheidet gefunden vnnd gesähen werdend.
Aussert der nutzbarkeit, so man von der haut vnnd fleisch der thieren hat, werdend auch seine horn als fürstliche zierd vnnd kleinot behalten, in sylber eyngefasset, gebraucht zutrinck geschiren, Fürsten vnnd Herren dargebotten: welchen brauch auff den hüttigen tag die Lithuaner behalten habend.«

Andere Schriftsteller aus dem sechzehnten Jahrhundert halten den gegebenen Unterschied ebenfalls fest. Mucante, welcher am polnischen Hofe oft Gelegenheit hatte, beide Arten lebend zu sehen, sagt ausdrücklich, daß es in einem königlichen Parke Bisonten und Thuren gegeben habe. Der Wojwode Ostrorog ertheilt denen, welche Wildparks anlegen wollen, den Rath, Bisonten und Ure nicht an demselben Orte zu halten, weil sie mit einander heftige Kämpfe aufführen. Gratiani versichert (1669), bei einem Besuche des Thiergartens zu Königsberg Auer und Wisente, beides Wildochsen, verschiedenartige Thiere eines Geschlechts, gesehen, in Preußen auch das Fleisch von Auerkälbern gekostet und dabei gefunden zu haben, daß es sich von dem zahmen Rinde nicht unterscheide. Auer und Hausochsen sollten sich, wie man erzähle, zuweilen mit einander vermischen, ihre gemeinschaftlich erzeugten Kälber jedoch nicht fortleben. Endlich wurde anfangs dieses Jahrhunderts ein altes Oelgemälde entdeckt, welches, nach Stil und Pinsel zu urtheilen, etwa aus dem ersten Viertel des sechzehnten Jahrhunderts herrühren mag. Es stellt ein ziemlich rauhhaariges, mähnenloses Thier mit großem Kopfe, dickem Halse und schwacher Wamme dar. Seine mächtigen Hörner sind, gleich denen eines ungarischen oder römischen Ochsen, vorwärts und dann aufwärts gekehrt; ihre Färbung ist an der Wurzel ein lichtes Horngrau, an der Spitze ein dunkles Schwarz. Das Fell ist gleichmäßig schwarz und nur das Kinn lichter gefärbt. In einer Ecke des Bildes steht das Wort Tur. Wir haben also in dem abgemalten Thiere den Auer vor uns.

Erst im siebzehnten Jahrhundert werden die meisten Schriftsteller zweifelhaft, und fortan sprechen sie nur von einem Wildochsen, welchen sie bald Wisent, bald Urochs nennen. Der letztere, d.h. der wahre Auer, ist inzwischen ausgestorben, und die Berichterstatter sind deshalb nicht mehr im Stande, aus eigener Anschauung zu reden. Später nimmt die Unklarheit noch mehr überhand; man bemüht sich, Widersprüche der erwähnten Schriftsteller aufzufinden und behauptet, daß der Auer, dessen ehemaliges Vorhandensein in ganz Europa und mehreren Theilen Asiens gefundene Knochen, insbesondere Schädel, außer Frage stellen, in vorgeschichtlicher Zeit ausgestorben sein müsse, stellt, auf diese Schädel gestützt, auch wohl mehrere Arten von Urstieren auf oder bezweifelt, daß der sogenannte Urstier (Bos primigenius) und der Auer (Bos urus) gleichartig seien, ebenso wie man die Schädel des Vorfahren des Wisent unter dem Namen Bos priscus einer von ihm verschiedenen Art zuschreiben will. Meiner Ansicht nach sind die erhobenen Einwände gegen die Angaben der älteren und ältesten Schriftsteller größtentheils hinfällig, wir daher berechtigt, die Thatsächlichkeit jener Mittheilungen anzunehmen.

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