Der Weißohrturako in Brehms Tierleben

Weißohrturako (Brehms Tierleben)

In Abessinien lebt der weißwangige Helmvogel (Corythaix leucotis, Musophaga und Turacus leucotis). Der Helm bildet einen breiten, anliegenden, hinterseits scharf abgestutzten Federbusch und hat schwarze, ins Grüne scheinende Färbung; der übrige Kopf, Hals, Mantel und die Unterseite bis zum Bauche sind schön lauchgrün, der Bauch und die übrigen Untertheile dunkel aschgrau, die noch nicht erwähnten Theile der Oberseite bläulich schiefergrau mit grünlichem Erzschimmer, die Steuerfedern schwarz mit stahlgrünem Scheine, die Schwingen mit Ausnahme der letzten Armschwingen tief karminroth, die der Hand außen, am Ende und an der Spitze, dunkelbraun gerandet, ein Fleck vor dem Auge und ein anderer, welcher sich fast senkrecht über dem Ohre am Halse herabzieht, endlich schneeweiß.
Ein aus kleinen Warzen bestehender Ring von zinnoberrother Farbe umzieht das lichtbraune Auge. Der Schnabel ist an der Spitze blutroth, an der Spitze des Oberschnabels bis zu den Nasenlöchern aber grün; der Fuß ist braungrau. Die Länge beträgt 45, die Breite 57, die Fittiglänge 17,5, die Schwanzlänge 21,5 Centimeter. Das Weibchen ist um einen Centimeter kürzer und um zwei Centimeter schmäler, unterscheidet sich aber sonst nicht im geringsten von dem Männchen.

Gelegentlich meines Jagdausfluges nach Habesch habe ich wiederholt Gelegenheit gehabt, den Helmvogel zu beobachten. Man begegnet ihm erst ziemlich hoch oben im Gebirge, kaum jemals unter sechshundert Meter unbedingter Höhe und von hier an bis zu zweitausend Meter aufwärts, hier und da auch wohl um noch sechshundert Meter höher, in bewaldeten, wasserreichen Thälern, da, wo die Kronleuchtereuphorbie auftritt, entweder in Scharen oder in kleinen Familien, welche ungefähr nach Art unseres Hehers leben. Er ist rastlos und unruhig, streift bei Tage fortwährend hin und her, kehrt aber immer mit ziemlicher Regelmäßigkeit zu bestimmten Bäumen des Gebietes zurück, namentlich zu den Sykomoren oder Tamarinden, welche ringsum von Niederwald umgeben sind. Solche Bäume werden gewissermaßen zum Stelldichein einer Gesellschaft: auf ihnen sammeln sich die Vögel des Trupps, welche sich während des Futtersuchens zerstreuten, und von hier aus treten sie neue Wanderungen an.

Wenn man einen solchen Baum einmal erkundet hat und sich um die Mittagszeit oder gegen Abend unter ihm aufhält, fällt es nicht schwer, die prächtigen Geschöpfe zu beobachten. Die ankommenden machen sich sehr bald bemerklich, sei es, indem sie von Zweig zu Zweig hüpfen oder tänzelnd auf einem Aste entlang laufen, oder aber, indem sie ihre eigenthümliche, dumpf und hohl lautende Stimme vernehmen lassen. Diese Stimme läßt sich schwer wiedergeben. Sie klingt bauchrednerisch und täuscht im Anfange den Beobachter über die Entfernung des schreienden Vogels. Ich habe versucht, sie durch die Silben »Jahuhajagaguga«, welche im Zusammenhange mit einander ausgestoßen werden, zu übertragen.

Der Helmvogel verbringt den größten Theil seines Lebens im Gezweige der Bäume. Nur auf Augenblicke kommt er zum Boden herab, gewöhnlich da, wo niedere Euphorbien die Gehänge dicht bedecken. Hier hält er sich einige Minuten auf, um irgend welche Nahrung aufzunehmen. Dann erhebt er sich rasch wieder und eilt dem nächsten Baume zu, verweilt auf diesem einige Zeit und fliegt nun weiter, entweder nach einem nächsten Baume oder wiederum nach dem Boden hernieder. Der ganze Flug thut dies, aber nicht gleichzeitig, sondern ganz nach Art unserer Heher. Ein Glied der Gesellschaft nach dem anderen verläßt den Baum ton- und geräuschlos, aber alle folgen genau dem ersten und sammeln sich rasch wieder. In den Kronen der Bäume ist der Vogel außerordentlich gewandt. Er hüpft sehr rasch von Zweig zu Zweig, oft mit Zuhülfenahme seiner Flügel, sonst aber auch, wie schon bemerkt, der Länge nach auf einem Aste fort bis zur Spitze desselben. Dort angelangt, schaut er vorsichtig in die Runde und fliegt nun entweder auf einen niederen Baum oder hüpft in die Krone des ersten zurück. Der Flug erinnert ebensowohl an den unserer Heher wie an den der Spechte. Er geschieht in Bogenschwingungen, welche jedoch nicht sehr tief sind. Mehrere rasche, fast schwirrende Flügelschläge heben den Helmvogel zur Höhe des Bogens empor; dann breitet er, aber nur auf Augenblicke, seine Flügel aus, ihre ganze Pracht entfaltend, sinkt ziemlich steil abwärts und erhebt sich von neuem. Dabei wird der Hals ausgestreckt, der Kopf erhoben, der Schwanz aber abwechselnd gebreitet und zusammengelegt, je nachdem der Vogel niederfällt oder sich erhebt.

In dem Magen der von mir getödteten habe ich nur Pflanzenstoffe gefunden, namentlich Beeren und Sämereien. Zu einzelnen Gebüschen, deren Beeren gerade in Reise standen, kamen die Helmvögel sehr häufig herab, immer aber hielten sie sich hier nur kurze Zeit auf. Sie naschten gewissermaßen bloß von den Früchten und eilten dann sobald als möglich ihren sicheren Laubkronen zu. Heuglin gibt auch Raupen und Kerbthiere überhaupt als Nahrungsstoffe an, und Lefebvre will kleine Süßwasserschnecken in den Magen der von ihm erlegten Helmvögel gefunden haben.

Aus dem Legschlauche eines von mir erlegten Weibchens schnitt ich im April ein vollkommen reifes Ei von reinweißer Farbe, welches dem unserer Haustaube an Größe und Gestaltung ungefähr gleich kam, sich aber durch seine feine Schale und seinen großen Glanz ausgezeichnete. Das Nest habe ich leider nicht gefunden; doch zweifle ich nicht, daß es in Baumhöhlungen angelegt wird. Ich will ausdrücklich hervorheben, daß ungeachtet der Brutzeit die meisten Helmvögel, welche ich fand, in Trupps, nicht aber in Familien zusammenlebten.

Ueber die Gefahren, welchen der freilebende Helmvogel ausgesetzt ist, habe ich keine Beobachtungen sammeln können. Es läßt sich annehmen, daß die verschiedenen Sperber und Edelfalken seiner Heimat ihm nachstellen; darauf deutet wenigstens seine große Vorsicht, sein Verbergen im dichten Gezweige, sein Einzelfliegen und das ängstlich kurze Verweilen auf dem Boden hin. Doch habe ich eben nichts sicheres in Erfahrung bringen können. Der Abessinier verfolgt den Helmvogel nicht, und ebensowenig fällt es ihm ein, das schöne Thier gefangen an sich zu fesseln. Daher mag es denn wohl auch kommen, daß der Vogel dem Europäer gegenüber nicht gerade scheu ist. Aber er wird es, sobald er Verfolgungen erfahren hat. Schon seine Rastlosigkeit erschwert die Jagd. Der ganze Trupp gaukelt sozusagen beständig vor dem Jäger her und entschwindet diesem da, wo die Oertlichkeit nur einige Hindernisse entgegensetzt, gewöhnlich sehr bald. Am sichersten führt der Anstand unter den gedachten Lieblingsbäumen zum Ziele. Hier darf man fast mit Bestimmtheit auf Beute rechnen. »Eine bewunderungswürdige Gewandtheit«, sagt Heuglin, »zeigt unser Vogel im Klettern. Flügellahm zu Boden geschossen, läuft er rasch dem nächsten Baume zu, wie ein Sporenkukuk am Stamme hinauf und ist im Nu im Laubwerke oder in den Schlingpflanzen verschwunden.«

Das Gefangenleben der Helmvögel haben wir namentlich seit Errichtung der Thiergärten kennen gelernt; doch liegen auch ältere Forschungen vor. Eine westafrikanische Art gehört nicht eben zu den Seltenheiten in größeren Sammlungen lebender Thiere. Ueber sie hat Ploß bereits vor funfzig Jahren berichtet. »Mein gefangener Turako«, sagt er, »ist ein aufgeweckter, munterer Vogel, welcher fast den ganzen Tag in Bewegung bleibt, den Kopf bald rechts, bald links wendet, bei jedem Stückchen Futter, welches er aufnimmt, die Flügel und den Schwanz ausbreitet und vorwärts nickt. Er ist so zahm, daß er mir aus der Hand frißt, und läuft frei im Zimmer herum. Dabei thut er oft weite Sprünge, wobei er sich mit ausgebreiteten Flügeln, jedoch ohne Flügelschlag, hilft und den Hals weit vorstreckt. Nach dem Sprunge läuft er in derselben Stellung mehrere Schritte fort. Sein Gang ist sehr geschickt und schnell, das Klettern hingegen versteht er nicht, und am Drahtgitter seines Käfigs vermag er sich nur mit Mühe zu erhalten. Sein Lockton ist ein leises Grunzen, welches er manchmal, vorzüglich wenn ihm ein fremder Gegenstand von fern zu Gesicht kommt, in abgerissenen Sätzen acht-bis zehnmal wiederholt und so steigert, daß man das Geschrei durch mehrere verschlossene Thüren hören kann. Gewöhnlich fliegt er alsdann von dem Punkte, auf dem er gesessen hat, nach einigen Flügelschlägen ab. Nähere ich mich ihm, indem ich die Lippen bewege, so richtet er sich hoch empor, bläst Kropf und Kehle auf und bringt von dem genossenen Futter etwas heraus, um mich zu atzen. Seine Haube trägt er stets emporgehoben, und nur im Schlafe, des Nachts oder wenn man ihn streichelt, legt er dieselbe nieder. Ich erhalte ihn mit in Wasser geweichtem Weißbrod, geriebenen gelben Rüben und klein geschnittenem Obst, wie es gerade die Jahreszeit darbietet, im Winter mit Aepfeln und Birnen, in anderen Jahreszeiten mit Erdbeeren, süßen Kirschen, Himbeeren, Pflaumen, Weinbeeren und dergleichen. Obst ist ihm zu seiner Gesundheit unentbehrlich. Sand und kleine Steine verschluckt er in beträchtlicher Menge. Er badet sich gern und macht sich dabei sehr naß. Im ganzen ist dieser Vogel leicht zu halten; er befindet sich bei mir nun bald vier Jahre sehr wohl. Am siebzehnten Juni (1825) legte er in sein Freßgeschirr ein Ei, dem am fünften Juli ein zweites folgte. Er bediente sich eines offenen, ihm zugänglichen Lachtaubennestes nicht, sondern kroch vor dem Legen des Eies in den dunkelsten Winkel, woraus ich schließe, daß er im Freien in Höhlen nistet. Das Eierlegen griff ihn sehr an. Er war sterbenskrank und trank dann außerordentlich viel Wasser. Seine Mauser findet einmal im Jahre statt.«

Von mir gepflegte Helmvögel haben mir bewiesen, daß vorstehende Beobachtungen richtig sind; doch glaube ich, ihnen noch einiges hinzufügen zu können. Ich habe mehrfach Turakos gepflegt und zähle sie zu den anmuthigsten Käfigvögeln, welche uns die Gleicherländer liefern. Mit Ausnahme der Mittagstunden, welche sie ruhend verbringen, bewegen sie sich fortwährend, entfalten dabei ihre volle Schönheit und gereichen jedem größeren Gebauer zur höchsten Zierde. Namentlich in freistehenden Fluggebauern nehmen sie sich prachtvoll aus. In den Früh- und Abendstunden sind sie am lebhaftesten; bei größerer Tageshelle ziehen sie sich in das Dunkel der Blätter oder eines gegen die Sonnenstrahlen geschützten Raumes zurück. Die Sonne meiden sie ebenso wie starke Regengüsse, welche ihr trockenes Gefieder so einnässen, daß sie zum Fliegen fast unfähig werden. Mit ihren Käfiggenossen vertragen sie sich ausgezeichnet, oder richtiger, sie bekümmern sich kaum um dieselben. Ich habe sie mit den verschiedenartigsten Vögeln in einem und demselben Käfige gehalten, ohne jemals wahrnehmen zu müssen, daß sie mit irgend welchem Genossen desselben Raumes Streit angefangen hätten. Selbst wenn einer von diesen unmittelbar neben ihnen sich niederläßt, sich förmlich an sie schmiegt, ändert sich die Harmlosigkeit ihres Wesens nicht.

Ihre Gefangenenkost ist sehr einfach; sie besteht hauptsächlich aus gekochtem Reis, untermischt mit Grünzeug der verschiedensten Art und einigen Früchten. Sie bedürfen viel Nahrung, sind aber im höchsten Grade anspruchslos. Ihre Stimme vernimmt man selten. Gewöhnlich stoßen sie ein Geknarr aus, bei besonderer Aufregung aber rufen sie laut und abgebrochen: »Kruuk, kruuk, kruuk«; andere Laute habe ich nicht vernommen.

Verreaux fand, daß die zwölf oder vierzehn Flügelfedern, welche sich durch die prachtvolle purpurviolette Farbe auszeichnen, ihre Schönheit verlieren, sobald sie durchnäßt werden, ja daß sie abfärben, wenn man sie in diesem Zustande mit den Fingern berührt und reibt. Diese Thatsache ist seitdem allen aufgefallen, welche Helmvögel hielten und ihnen in reinen Gefäßen, zumal in Näpfen aus weißem Porzellan, Badewasser reichten. Ein Pärchen, welches Enderes beobachtete, färbte während seines Bades den Inhalt eines mittelgroßen Gefäßes so lebhaft, daß das Wasser schwachrother Tinte glich, badete sich aber täglich mehrere Male und sonderte dementsprechend eine erhebliche Menge von Farbstoff ab. So lange die Federn naß waren, spielte ihre purpurrothe Färbung stark ins Blaue; nachdem sie trocken geworden waren, leuchteten sie ebenso prachtvoll purpurn wie früher. Während der Mauser färbten sie bei weitem nicht so stark ab als früher. Genau dasselbe habe ich an den von mir gepflegten Helmvögeln bemerkt. Auch nach dem Tode des Vogels mindert sich die Absonderung des Farbstoffes nicht: so wenigstens beobachteten Westerman und Schlegel. Im Thiergarten zu Amsterdam wurde ein Helmvogel von Krämpfen befallen und wie gewöhnlich unter solchen Umständen mit kaltem Wasser begossen. Der Vogel blieb in derselben Lage, wie er gefallen war, liegen, lebte noch einige Stunden und starb endlich. Es zeigte sich jetzt, daß er auf der einen Seite trocken geworden, auf der dem Boden zugekehrten aber naß geblieben war, und man bemerkte nun, daß dieses noch nasse Roth des linken Flügels in Blau verwandelt worden war, während die rothe Färbung des vor dem Tode getrockneten rechten Flügels in vollkommener Schönheit sich erhalten hatte. An getrockneten Bälgen äußern Waschungen mit Wasser nicht den mindesten Einfluß, und nur dann, wenn ein Vogelbalg in verdünntem Ammoniak oder in Seifenwasser gelegen hat, kann man wahrnehmen, daß die Flügel abfärben.

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