Der Turmfalke in Brehms Tierleben

Turmfalke (Brehms Tierleben)

Der Thurmfalk, Mauer-, Kirch-, Roth-, Mäuse- und Rüttelfalk oder Rüttelgeier, Graukopf, Sterengall, Wieg- oder Windwehe ( Falco tinnunculus, fasciatus, brunneus, rufescens und interstinctus, Tinnunculus alaudarius, Cerchneis tinnuncula, media und murum, Aegypius tinnunculus) ist ein sehr schmucker Vogel. Beim ausgefärbten Männchen sind Kopf, Nacken und der Schwanz, mit Ausnahme der blauschwarzen, weißgesäumten Endbinden, aschgrau, die Obertheile schön rostroth, alle Federn mit dreieckigem Spitzenflecke, die Untertheile an der Kehle weißlichgelb, auf Brust und Bauch schön rothgrau oder blaßgelb, die einzelnen Federn mit schwarzem Längsflecke gezeichnet, die Schwungfedern schwarz und mit sechs bis zwölf weißlichen oder rostrothen dreieckigen Flecken an der Innenfahne geschmückt, an der Spitze lichter gesäumt. Der Augenstern ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, die Wachshaut und die nackte Stelle ums Auge sind grünlichgelb, der Fuß ist citrongelb. Ein Bartstreifen ist vorhanden. Das alte Weibchen ist auf dem ganzen Oberkörper röthelroth, bis zum Oberrücken mit schwärzlichen Längsflecken, von hier an aber mit Querflecken gezeichnet; sein Schwanz auf grauröthlichem Grunde an der Spitze breit und außerdem schmal gebändert, nur der Bürzel rein aschgrau. Auf der Unterseite ähnelt die Färbung der des Männchens. Die Jungen tragen das Kleid der Mutter. Die Länge beträgt dreiunddreißig, die Breite siebzig, die Fittiglänge vierundzwanzig, die Schwanzlänge sechzehn Centimeter. Das Weibchen ist um zwei bis drei Centimeter länger und um drei bis vier Centimeter breiter als das Männchen. Von Lappland an bis Südspanien und von den Amurländern an bis zur Westküste Portugals fehlt der Thurmfalk keinem Lande, keinem Gaue Europas.

Er lebt in Ebenen wie in gebirgigen Gegenden, gleichviel ob dieselben bewaldet sind oder nicht; denn er ist ebensowohl Felsen-, wie Waldbewohner. Im Süden unseres Erdtheiles tritt er häufiger auf als im Norden, fehlt hier jedoch keineswegs. Middendorf hat ihn in Sibirien noch unter dem einundsiebzigsten Grade nördlicher Breite erlegt, und Collett gibt neunundsechzig Grad vierzig Minuten als den nördlichsten Punkt an, wo er bisher in Skandinavien beobachtet wurde. Von diesen Breiten an bis Persien und Nordafrika, einschließlich Madeiras und der Kanaren, ist er Brutvogel. Auf seinem Zuge überfliegt er das Schwarze und das Mittelländische Meer, sucht bei heftigen Stürmen nöthigenfalls auf Schiffen Zuflucht, ruht einige Stunden, vielleicht tagelang, am jenseitigen Ufer aus und wandert nun weiter bis nach Südasien und tief ins innere Afrika. Demungeachtet überwintert er, wenn auch nicht gerade regelmäßig so doch nicht allzu selten, einzeln in Deutschland, häufiger schon im Süden unseres Vaterlandes oder in Oesterreich, beispielsweise im Salzkammergute, alljährlich bereits in Südtirol und auf allen drei südlichen Halbinseln unseres Erdtheiles. Zurückkehrend aus seiner Winterherberge erscheint er oft schon im Februar, spätestens im März, und wenn der Herbst einigermaßen günstig ist, verweilt er nicht bloß wie gewöhnlich bis Ende Oktober, sondern noch bis tief in den November hinein in seinem Brutgebiete. Im Gebirge begegnet man ihm noch in der Höhe von zwei tausend Meter über dem Meere, vorausgesetzt, daß sich hier, und wenn auch einige hundert Meter tiefer, ein passender Brutplatz findet. So gern er übrigens im Gebirge wohnt, so darf man ihn doch nicht zu den Hochgebirgsvögeln zählen. Er liebt mehr die Vorberge und das Mittelgebirge als die höchsten Kuppen und ist wohl überall in der Ebene noch häufiger als in den Bergen. Dort bildet das eigentliche Wohngebiet ein Feldgehölz oder auch ein größerer Wald, wo auf einem der höchsten Bäume der Horst steht, ebenso häufig aber eine Felswand und, zumal in südlichen Gegenden, ein altes Gebäude. Verfallenen Ritterburgen fehlt der Thurmfalk selten; auch die meisten Städte geben ihm regelmäßig Herberge. Ich habe ihn in allen größeren und kleineren Städten, deren Thürme, Kirchen und andere hohe Gebäude ihm Unterkunft gewähren, wenn auch nicht überall als Brutvogel beobachtet. Als solcher aber bewohnt er den Stephansthurm in Wien, den Kölner Dom und viele der alterthümlichen, aus Ziegeln erbauten Kirchen der Mark, ebenso wie er im Süden Europas an entsprechenden Orten stets gefunden wird. Manchmal theilt er wenigstens zeitweilig denselben Aufenthalt mit dem Wanderfalken, und es erscheint mir keineswegs unwahrscheinlich, daß beide in den Höhlungen eines und desselben Felsens oder hohen und alten Gebäudes horsten. Zwar erinnere ich mich, irgendwo das Gegentheil gelesen und die Behauptung aufgestellt gefunden zu haben, daß der Thurmfalk den von ihm bis dahin benutzten Horst verlasse, wenn ein Wanderfalk in der Nähe sich ansiedle, weiß jedoch nicht mehr, ob eine bestimmte Tatsache erzählt oder nur eine Vermuthung ausgesprochen worden war. Unter Dohlen und Tauben brütet jener ebenso regelmäßig wie im freien Felde unter Saatkrähen oder selbst inmitten eines Reiherstandes.

Der Thurmfalk zählt unbestritten zu den liebenswürdigsten Falken unseres Vaterlandes. Seine Allverbreitung und sein hier und da häufiges Vorkommen geben jedermann Gelegenheit, ihn zu beachten; wer dies aber thut, wird ihn lieb gewinnen müssen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend, oft noch in tiefer Dämmerung, sieht man ihn in Thätigkeit. Von seinem Horste aus, welcher immer den Mittelpunkt des von ihm bewohnten Gebietes bildet, fliegt er einzeln oder paarweise, im Herbste wohl auch in größeren Gesellschaften, mindestens im Verein mit seiner herangewachsenen Familie, auf das freie Feld hinaus, stellt sich rüttelnd über einem bestimmten Punkte fest, überschaut von diesem sehr sorgfältig das Gebiet unter sich und stürzt, sobald sein unübertrefflich scharfes Auge ein Mäuschen, eine Heuschrecke, Grille oder sonst ein größeres Kerbthier erspäht, mit hart an den Leib gezogenen Flügeln fast wie ein fallender Stein zum Boden herab, breitet, dicht über demselben angelangt, die Fittige wiederum ein wenig, faßt die Beute nochmals ins Auge, greift sie mit den Fängen, erhebt sich und verzehrt sie nun entweder fliegend, wie oben geschildert, oder trägt sie, wenn sie größer ist, zu einer bequemeren Stelle, um sie dort zu verspeisen. Brütet das Weibchen auf den Eiern, so kündet er durch ein von seinem sonstigen Lockrufe sehr verschiedenes, gezogenes und etwas schrillendes Geschrei schon von weitem seine Ankunft und sein Jagdglück. Wird er von seinen im Fange noch ungeübten Jungen umgeben, so entsteht ein lustiges Getümmel um den Ernährer, und jeder bemüht sich, den anderen zu übervortheilen, jeder, der erste zu sein, welchem die Jagdbeute gereicht wird. Ein solches Familienbild gewährt ein überaus reizendes Schauspiel: die treue Hingebung des Vogels an seine Brut läßt ihn noch anmuthender erscheinen, als er in That und Wirklichkeit ist.

Je nach der Witterung schreitet der Thurmfalk früher oder später zur Fortpflanzung. Vor Anfang des Mai findet man selten, in vielen Jahren nicht vor Anfang des Juni, in Südeuropa selbstverständlich schon viel früher, das vollständige Gelege. Zum Horste dient meist ein Krähennest, in Felsen und Gebäuden irgend welche passende Höhlung. Bei uns zu Lande horstet er in alten Raben- oder Saatkrähennestern, in Norddeutschland ebenso in Elsternnestern, in alten Beständen gern auch in Baumhöhlungen. Gesellig, wie alle unechten Edelfalken, bildet auch er zuweilen förmliche Nistansiedelungen: man kennt Beispiele, daß zwanzig bis dreißig Paare in einem und demselben Feldgehölze friedlich neben einander horsteten. Fühlt er sich vor seinem Erbfeinde, dem unverständigen Menschen, einigermaßen gesichert, so kümmert ihn dessen Thun und Treiben wenig; denn ebenso wie über dem Volksgetriebe belebter Städte errichtet er hier und da seinen Horst auf den Bäumen, welche Hochstraßen besäumen. Im Süden Europas tritt er in noch innigeres Verhältnis mit dem Gebieter der Erde. Hier wählt er, wie sein Verwandter, der Röthelfalk, keineswegs selten Häuser in Dörfern und Städten zur Anlage seines Horstes, so wenig geeignet die Behausungen auch sein mögen. Um den Brutplatz muß er mit den Erbauern des von ihm benutzten Horstes oft ernstliche Kämpfe bestehen; denn weder ein Krähen-noch ein Elsterpaar läßt sich gutwillig von ihm vertreiben, und dem letzteren gegenüber kann er sich, wie neuerlich beobachtet wurde, sogar genöthigt sehen, wiederholt besiegt, insofern sich zu Gaste zu bitten, als er die Haube des Elsternestes zur Unterlage des dann von ihm selbst zusammengetragenen Genistes benutzen muß. Die flache Mulde des Horstes, welcher sich von dem anderer Raubvögel wenig unterscheidet, wird mit Wurzeln, Stoppeln, Moos und Thierhaaren spärlich ausgekleidet. Das Gelege besteht aus vier bis neun, in der Regel vier bis sechs, rundlichen, auf weißem oder rostgelbem Grunde überall braunroth gefleckten und gepunkteten, in Größe und Gestalt vielfach abwechselnden Eiern, deren größter Durchmesser sechsunddreißig bis einundvierzig und deren kleinster neunundzwanzig bis zweiunddreißig Millimeter beträgt. Sie werden zwar vorzugsweise vom Weibchen ausgebrütet; doch betheiligt sich hieran zuweilen auch das Männchen, welches sonst während der Brutzeit für Ernährung des Weibchens zu sorgen hat: mein Vater beobachtete sogar, daß das Männchen auf den eben ausgekrochenen Jungen hudernd saß, obwohl das Weibchen noch lebte. Als dieses jedoch erlegt wurde, ließ jenes die Jungen sterben. Wie bei den meisten übrigen Raubvögeln fühlt es sich wohl befähigt, Beute herbeizuschaffen, ist aber nicht im Stande, dieselbe den zarten Jungen mundgerecht zu zerlegen oder vorher noch im eigenen Kropfe für die Verdauung vorzubereiten. Sind die Jungen dagegen schon mehr erstarkt, vielleicht bereits flugbar geworden, dann übt es treulichst Vaterpflicht, auch wenn die Mutter durch Zufall ums Leben kommt. Beide Eltern lieben ihre Brut mit der warmen Zärtlichkeit aller Raubvögel und beweisen dem Menschen gegenüber außerordentlichen Muth. Als mein Vater als zehnjähriger Knabe einen Thurmfalkenhorst bestieg, um die Eier auszunehmen, flogen ihm die beiden Alten so nahe um den Kopf herum, daß er sich ihrer kaum erwehren konnte; als ein anderer zwölfjähriger Knabe dasselbe versuchte, erschien das alte Weibchen, nahm ihm die Mütze vom Kopfe und trug sie so weit fort, daß sie nicht wieder aufzufinden war.

Die bevorzugte Beute des Thurmfalken bilden Mäuse, nächstdem verzehrt er Kerbthiere. Erwiesenermaßen frißt er auch kleinere Vögel, falls er sie bekommen kann, und es mag sein, daß er die Brut manchen Lerchen- oder Pieperpaares seinen Jungen zuträgt; ich halte es ebenso nicht für undenkbar, daß er dann und wann ein junges, eben gesetztes Häschen auffindet und abwürgt, und erinnere mich endlich der bemerkenswerthen Beobachtung meines Vaters, daß ein Thurmfalk einem laufenden, ausgewachsenen Hasen nachflog, aus einer Höhe von wenigstens zwanzig Meter auf ihn herabstieß, sich zweimal wieder emporschwang und zweimal aus gleicher Höhe mit solcher Kraft auf Lampe herabstürzte, daß die Haare stiebten: ihn deshalb aber zu den schädlichen Vögeln zu zählen und zu verfolgen, anstatt ihm den vollsten Schutz angedeihen zu lassen, ist ebenso unrecht wie thöricht. Mit Befremden muß jeder, welcher den Thurmfalken beobachtet, erfahren, daß Otto von Krieger, welcher unsere deutschen Raubvögel recht gut kennt, sich dahin ausspricht, daß er grundsätzlich keinem Raubvogel Schonung gewähre, und dem Thurmfalken, weil er gesehen habe, daß derselbe Lerchen, Bachstelzen und Rothkehlchen wegfing und dem Horste zutrug, ebenso unerbittlich nachstellt wie jedem anderen gefiederten Räuber. Erkenntnis des Sein und Wesens, des Thuns und Treibens unseres Thurmfalken, Abwägung des Nutzens und Schadens dieses Vogels oder ebenso Würdigung unserer Land- und Forstwissenschaft sind für solche Anschauungen nicht maßgebend gewesen, und Otto von Krieger wird deshalb wohl unter jagd- und mordlustigen Schützen, welche das Vernichten der Raubvögel vor der Krähenhütte vielleicht als die Krone alles Waidwerkes ansehen, nimmermehr aber unter Naturforschern, Land- und Forstwirten Anhänger finden. Wer den Thurmfalken kennt, weiß, daß er zu unseren nützlichsten Vögeln zählt und unseren Feldern nur zum Segen gereicht, mag auch dann und wann dem habgierigen Jäger ein Häschen oder Rebhuhn von ihm weggenommen und dieser Uebergriff zu einem unsühnbaren Verbrechen aufgebauscht werden. Ich habe viele Horste des Thurmfalken bestiegen, den Vogel ein Menschenalter hindurch in drei Erdtheilen beobachtet und erachte mich deshalb vollkommen befähigt, über ihn ein eigenes Urtheil abzugeben. Aber ich stehe hierbei nicht allein. Alle wirklichen und vorurtheilsfreien Beobachter sprechen sich genau in demselben Sinne aus wie ich. »Sein Schaden ist gering«, sagt mein Vater, »denn er frißt wenig Vögel; der Nutzen aber, den er durch Vertilgung der Mäuse stiftet, sehr groß.« In gleicher Weise äußert sich Naumann: »Der Thurmfalk zerstört zwar viele Bruten der kleinen Vögel, vorzüglich der Lerchen; allein er verzehrt eine noch weit größere Anzahl Feldmäuse und wird dadurch sehr nützlich; auch verspeist er so manches schädliche Kerbthier, z.B. Heuschrecken, Feldheimchen und dergleichen.« Nicht minder deutlich spricht sich Gloger aus, obwohl er alle Uebelthaten des Thurmfalken gewissenhaft aufzählt, ihn beispielsweise des Eierraubes beschuldigt: »Ihre Nahrung macht, daß diese Raubvögel bei sehr geringem Nachtheile für den thierischen, einen sehr anerkennenswerthen Nutzen für den menschlichen Haushalt stiften«. Nachdrücklich nimmt sich Eugen von Homeyer seiner an: »Die Röthelfalken gehören zu den allernützlichsten Vögeln, indem ihre Nahrung, so weit ich es habe beurtheilen können, ausschließlich aus Mäusen, Käfern, Libellen, Heuschrecken usw. besteht. So viel ich mich im Freien bewegt und so oft ich unseren Thurmfalken beobachtet, habe ich doch nie gesehen, daß derselbe einen Vogel gefangen, ja verfolgt hat. Zwar sollen Fälle beobachtet sein, wo er Vögel gefangen hat; doch ist dies jedenfalls eine so seltene Ausnahme, daß sie nicht in Betracht kommt.« Wenn ich nun noch erwähne, daß Preen die Gewölle unter den Horsten einer aus zwanzig Thurmfalken bestehenden Siedelung untersuchte und fand, daß dieselben lediglich aus Mäusehaaren und Mäuseknochen bestanden, darf ich mich wohl der Mühe überhoben erachten, noch weitere Zeugnisse für die wirkliche Bedeutung des Thurmfalken anzuführen. Daß ich ihrer überhaupt so viele zusammentrug, hat leider seinen guten Grund in einer Zeit, in welcher sich jeder berufen fühlt, über Nutzen und Schaden der Thiere zu urtheilen, in welcher man sogar den theueren Jagdpacht gegen einen unschuldigen Thurmfalken ins Feld führt, in welcher der größte Theil der Jäger vielleicht in guten Schützen, nimmermehr aber in Waidmännern besteht. Als wahres Verdienst rechne ich es Riesenthal an, daß er in seinen »Raubvögeln Deutschlands« den Nutzen des Thurmfalken gebührend hervorhebt. »Heißsporne unter den Schießjägern«, so drückt er sich aus, »welche für ihre Hühner und Hasen alles abzuschlachten bereit sind, haben diesen Falken auch schon unter den jagdschädlichen zur Vertilgung ausgeschrieen. Mit welchem Rechte? Weil sie von irgend jemand einmal gehört, vielleicht auch einmal selbst gesehen haben, daß der Thurmfalk über einem Völkchen Rebhühnern gerüttelt oder zwischen ein solches herabgestoßen oder endlich gar ein Hühnchen geraubt haben soll oder geraubt hat. Wir dürfen uns über solche Voreiligkeit nicht wundern: ist ja doch neuerdings auch auf den Maulwurf als Jagdfeind aufmerksam gemacht worden. Es ist ja möglich, daß der Thurmfalk ein krankes oder von der alten Henne entferntes Rebhühnchen aufnimmt; wer aber gesehen hat, mit welchem Erfolge Henne oder Hahn, oder beide, stärkere Räuber, wie zum Beispiel den Kornweih, vertreiben, der wird nicht glauben, daß der kleine Thurmfalk unter regelrechten Verhältnissen ein Rebhühnervolk aufreiben kann; und haben die Jungen ihre Eltern verloren, so gehen sie wahrscheinlich auch ohne den Thurmfalken zu Grunde. Solche Beobachtungen haben in ihren Folgen ganz denselben Werth, wie die Eier aus Sammlungen, deren Besitzer von verkommenen Strolchen ganze Gegenden, ja Provinzen ausrauben lassen, die von diesen Menschen gemachten Angaben auf die Eier schreiben und ins betreffende Publikum bringen, natürlich unter der eigenen Gewähr und natürlich alles zu Gunsten der Wissenschaft. Klingt es nicht mehr als naiv, wenn man in Fachblättern Angaben liest, wie ›der Thurmfalk bezog sein Brutgebiet in diesem Jahre leider nur in einem Pärchen – die Eier erhielt ich an dem… Tage!‹ Also, obgleich die Verminderung dieses harmlosen Thieres bedauert wird, und das ganze Gelege nur wenige Pfennige werth ist: es hilft alles nichts, genommen muß es werden, natürlich auch nur zu Gunsten der Wissenschaft. Der Thurmfalk leistet bei uns in der Vertilgung der Mäuse und Kerbthiere viel, in den Gegenden der Heuschreckenschwärme, welche auch uns bedrohen, außerordentliches, daher auch wir ihn zu Gunsten jener Länder, in denen er geschützt wird, erhalten müssen. Sprechen örtliche Verhältnisse nach wiederholten Erfahrungen gegen ihn, so mag man nach ihnen verfahren, hüte sich aber, nach vereinzelten unsicheren Beobachtungen den Maßstab im großen anzulegen.« Es ist ein wissenschaftlich gebildeter Oberförster, ein Waidmann, welcher sein Leben im Walde verbracht und infolge seiner reichen Erfahrungen ein eigenes gediegenes Werk über die deutschen Raubvögel verfaßt hat, welcher diese Worte schreibt: mein Leser, welcher nicht selbst Gelegenheit hat, im Freien zu beobachten, wird daher wohl im Stande sein zu beurtheilen, ob er demjenigen Beobachter, welcher »grundsätzlich überhaupt keinem Raubvogel Schonung gewährt«, oder meinem Vater, Naumann, Gloger, Eugen von Homeyer, Riesenthal und mir Glauben schenken soll.

»Der Thurmfalk«, schreibt mir Liebe so recht aus dem Herzen heraus oder ins Herz hinein, »ist ein prächtiger Hausgenosse, welcher sich sogar für das Zimmer eignet. Vor seinen Verwandten zeichnet er sich durch große Reinlichkeit aus. Wenn man den Boden des Käfigs mit Moos belegt, so entwickelt sich kein übler Geruch. Denn einerseits läßt der erwachsene Vogel den Schmelz einfach herabfallen und spritzt ihn nicht an und durch die Käfigwände, wie dies die leidige Art derer vom edlen Geschlecht Sperber ist, und anderseits scheint der Schmelz selbst nicht so schnell zu verwesen, sondern bald zu trocknen. Die Thurmfalken halten ihr Gefieder besser in Ordnung als alle anderen Raubvögel und dulden nicht leicht Schmutz auf demselben. Sie trinken bisweilen, wenn auch nicht immer und wischen dann wiederholt den nassen Schnabel am Gefieder ab, welches hierauf sofort einer gründlichen Durchnestelung unterzogen wird. Leicht gewöhnen sie sich daran, von Zeit zu Zeit mit Wasser sich übertropfen zu lassen, bekunden dabei sogar eine gewisse Behaglichkeit, während eine derartige Nachahmung des Regens den übrigen Raubvögeln ein Greuel bleibt. Das Gefieder selbst ist sehr weich und wenig brüchig, und daher hält sich der lange, schöne Schweif im Käfige sehr gut. Auch sind die Bewegungen der Thurmfalken weicher und sanfter und nicht so stürmisch wie bei den Verwandten. Man kann sie daher, wie ich dies stets gethan habe, alle Tage einmal aus dem Bauer nehmen und sich im Zimmer ausfliegen lassen. Die anderen kleinen Vögel in dem Zimmer gerathen dabei nicht in eine so entsetzliche Angst wie beim Anblicke eines Sperbers. Flattern sie auch während der ersten Male ängstlich in ihren Gebauern umher, so gewöhnen sie sich doch bald an die Ausflüge des edlen Herrn und zeigen bald keine Spur von Aengstlichkeit mehr. Zu einem alt gefangenen Thurmfalken setzte ich einmal ein ebenfalls alt gefangenes Gimpelweibchen in den Bauer, um zu versuchen, ob der Raubvogel letzteres annehme, überhaupt um das Thun desselben zu beobachten. Zu meinem Erstaunen zeigte der Gimpel durchaus keine Angst, sondern setzte sich ruhig auf die Sitzstange des Falken. Ich ließ ihn fünf Tage bei dem letzteren, welcher allerdings wie gewöhnlich gefüttert wurde, und sah, daß ihm nicht das geringste Leid geschah.

Am besten ist es, wenn man die Falken aus dem Horste hebt, wenn die Schwanz- und Schwungfedern höchstens einen Centimeter weit aus dem Flaume hervorragen. Freilich muß man dann aber auch die größte Sorgfalt auf die Aufzucht verwenden. Man klopft junges Rind- oder Schweinefleisch tüchtig mit dem Messerrücken und schneidet es in recht kleine Stücke, welche man alle ein bis zwei Tage einmal mit grobem Pulver von Fleischknochen bestreut. Haare und Federn, welche ich bei der Aufzucht von Eulen von vorne herein dem Futter beigab, habe ich den jungen Falken nicht gereicht. Sehr nöthig ist es, daß man sie alle Tage einmal aus dem Behälter nimmt, auf den Finger setzt und sie zwingt, hier sich zu erhalten. Denn sonst bleiben die Gelenke der Fänge schwach und man erzieht Krüppel, welche nicht auf der Sitzstange stehen können, sondern auf den Fersen hockend in den Winkeln kauern. Sie gewöhnen sich schnell daran, auf den Finger zu steigen und fangen bald an, auf ihm festgeklemmt die jungen Flugwerkzeuge durch Flattern vorzuüben. Ihre Anhänglichkeit an den Herrn ist bekannt. Ich besaß in meinen Schuljahren ein Weibchen, welches mitten in der Stube durch das Fenster aus- und ein- und draußen auf meine Schultern flog, wenn ich mitten unter meinen Schulgenossen spazieren ging. Hat man die rechte Zeit versehen und sind die jungen Vögel zu alt geworden, dann lassen sie sich schwer zähmen, am schwersten, wenn sie dem Horste bereits entflogen sind und nahebei auf den Aesten sitzen. Leichter gelingt es, alte, mögen sie im Netze gefangen oder angeschossen sein, bis zu einem gewissen Grade zu zähmen.

»Merkwürdig schnell heilen bei ihnen die Schußwunden. Einst ward mir ein schon sehr ausgefärbtes altes Weibchen gebracht, bei welchem der Oberarm und beide Unterarme zerschossen waren. Da Muskel und Haut nicht sehr zerrissen waren, band ich mit breiten Bändern die Flügel fest an den Leib und setzte den Vogel in einem großen Käfige auf eine Sitzstange. Hier blieb er auf derselben Stelle sitzen und trotzte fünf Tage lang, indem er keine Nahrung nahm und nur einmal ein wenig Wasser aus dem vorgehaltenen Napfe trank. Am Ende des fünften Tages nahm er mit heftigem Griffe ein Stückchen vorgehaltenes Fleisch, und von nun an ließ er sich täglich füttern. Am dreizehnten Tage hatten sich die Binden, obgleich sie gut gelegt und an den Schwungfedern angeheftet waren, verschoben. Ich nahm den Vogel heraus, löste die Binden vorsichtig und siehe, er flog über die Stube hinweg auf den Fensterstock. Der zerschossene Flügel war bereits geheilt und lag nur unmerklich tiefer am Leibe als der andere.«

Eine bemerkenswerthe Beobachtung über einen gefangenen Thurmfalken veröffentlicht Wüstnei. Der aus dem Neste gefallene, fast erwachsene Falk verlor, wie üblich, bald jegliche Scheu, nahm das dargebotene Futter aus der Hand, liebte es aber nicht, wenn jemand seinen Mahlzeiten zusah, und gab seine Besorgnis dadurch zu erkennen, daß er mit ausgebreiteten Flügeln und vorgebeugtem Körper das Fleischstück zu bedecken suchte und dabei fortwährend Töne des Unwillens ausstieß. Dieses Mißtrauen, welches seinen Grund in Neckereien gehabt haben mochte, steigerte sich sofort zur größten Erbitterung, wenn ihm ein Spiegel vorgehalten wurde und er darin einen seinesgleichen erblickte, welcher ihm also wohl noch gefährlich erschien. Er ging dann sofort angreifend vor, bestritt sein eigenes Ich mit Schnabel und Fängen, und wiederholte diese Angriffe immer wieder von neuem, so ohnmächtig die Hiebe von der glatten Spiegelfläche auch abprallten. Als er auch einmal seine Kräfte vergeblich erschöpft hatte und zur Einsicht gelangt war, daß er das Hindernis, welches ihn von seinem Feinde trennte, nicht durchdringen konnte, kam ihm der Gedanke, den vermeintlichen Feind von seinem eigentlichen Platze anzugreifen, und er begab sich plötzlich hinter den Spiegel. Vergnüglich war es, seine deutlich ausgedrückte Verwunderung zu beobachten. Seine Aufregung verwandelte sich plötzlich in starre Ruhe, das Geschrei verstummte, und unbeweglich mit vorgestrecktem Kopfe betrachtete er das leere Nichts. Geraume Zeit verharrte er in dieser Stellung, dann stieß er wiederum ein heftiges Geschrei aus, gleichsam um den irgendwo vermutheten Gegner herauszufordern. Eine Drehung des Spiegels belehrte ihn, daß dieser noch nicht ganz verschwunden sein könnte, und erregte seine Erbitterung wieder von neuem. Da ihm durch den Spiegel seine Mahlzeit mehrmals etwas verleidet worden war, so blieb dieser für ihn stets ein so verdächtiger Gegenstand, daß er sofort in die größte Aufregung gerieth und ein lautes Geschrei ausstieß, wenn man Miene machte, den Spiegel von der Wand zu holen und sich auch nur in dessen Nähe begab.«

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