Der Mohrenmaki in Brehms Tierleben

Mohrenmaki (Brehms Tierleben)

Unter diesen mag zunächst der Akumba der Antanuaren und Sakalaven, unser Mohrenmaki (Lemur macaco, L. niger, L. leucomystax), erwähnt sein, weil gerade er uns neuerdings belehrt hat, wie außerordentlich verschieden die beiden Geschlechter einer und derselben Makiart sein können. Das Männchen, welchem der Name Mohrenmaki (Lemur niger) zuertheilt wurde, ist mehr oder weniger reinschwarz, nur bei einzelnen Stücken und zwar vorzugsweise auf den Rumpfseiten und an den Gliedern rothbraun überflogen oder aber am Schwanze mit einigen weißlichen Haaren zwischen schwarzen gezeichnet; das Weibchen dagegen, welches von Bartlett unter dem Namen Weißbartmaki (Lemur leucomystax) als besondere Art aufgestellt wurde, ändert mehr oder weniger ab, obwohl auf der Oberseite ein bald helleres, bald dunkleres, auf der Rückenmitte zuweilen in Purpurrothbraun übergehendes Rostfarb vorherrscht, und Wangen, Füße und Schwanz in der Regel weißlich und nur ausnahmsweise rostfarben aussehen. Auch zeigt der Oberkopf, welcher bei den meisten Stücken weiß gefärbt ist, nicht selten einen grauen oder schwärzlichen Anflug, welcher unter Umständen sehr lebhaft werden kann, und lichtet ein großer, schwarzer Fleck am Hinterkopfe manchmal sich bis zu Rostgelb. Der Augenstern ist bei beiden Geschlechtern bräunlich orangefarben. Die Größe des Thieres kommt der der Verwandten ungefähr gleich.

Lange bevor Pollen uns über das Freileben des Akumba Bericht erstattete, kannten wir das Thier durch die Gefangenschaft, und zwar beide Geschlechter; ich meinestheils hatte auch bereits erkundet, daß Mohren- und Weißbartmaki einer und derselben Art angehörten. Pollens Beobachtungen stellten die Sache außer allen Zweifel, da er genau dasselbe wie ich erfuhr.

Der Akumba bewohnt die Waldungen, welche sich zwischen der Bai Diego-Juarez und der Bai von Bombedok ausdehnen, ebenso auch den Wald von Lukube auf der Insel Nossi-Bé, aber fast ausschließlich nur die höchsten Bäume der undurchdringlichsten Dickichte. Nach Art seiner Verwandten zu Banden vereinigt, durchstreift er sein Gebiet während der Nacht, läßt aber bereits in den Abendstunden sein wirklich furchtbares, gemeinschaftlich hervorgebrachtes Geschrei vernehmen. Zuweilen, namentlich beim Anblicke Bedenken erregender Gegenstände, wird das Geschrei durch ein Grunzen unterbrochen. Die Beweglichkeit, welche diese Makis beim Springen von einem Stamme zum anderen zeigen, grenzt ans Unglaubliche. Mann kann ihnen buchstäblich kaum mit den Augen folgen, und es ist viel leichter, einen Vogel im Fluge als sie im Sprunge zu erlegen. Dabei haben sie die Gewohnheit, verfolgt, sich plötzlich aus der Höhe der Wipfel herab in das Unterholz fallen zu lassen; der Jäger aber, welcher glaubt, daß sie todt sind, wird sehr bald enttäuscht, wenn er sie in beträchtlicher Entfernung an anderen Bäumen wieder emporklimmen sieht. Aus diesem Grunde wird ihre Jagd in hohem Grade erschwert. Jung aufgezogen zeigen sie sich sanft und zutraulich, setzen sich auf die Schulter ihres Gebieters und gewöhnen sich an alle Nahrung, welche man ihnen bietet. Vom Hause aus Fruchtfres ser, und während ihres Freilebens hauptsächlich mit Bananen sich ernährend, verschmähen sie doch das Gehirn eines Vogels nicht und saugen dasselbe regelmäßig aus dem von ihnen zerbissenen Schädel.

In gewissen Gegenden Madagaskars ist es verboten, Makis zu tödten oder sie lebend oder todt zu bewahren. Jedesmal, wenn Pollen die Insel Nossi-Falie besuchte, versicherte man sich seitens der Eingeborenen, ob er nicht etwa Makis bei sich führe, weil diese nach jener Meinung das Eiland entheiligen. Einmal geschah es unserem Gewährsmanne, daß er, von der Jagd heimkehrend, gezwungen wurde, seine Beute nach einer Ortschaft der Insel Madagaskar selbst zu bringen, bevor er seinen Fuß auf Nossi-Falie setzen durfte, und zwar verlangte man dies einzig und allein deshalb, um die Bewohner der »heiligen Insel« vor Unglück zu bewahren. Im zoologischen Garten der Akklimatisationsgesellschaft auf Réunion sah Pollen ein Männchen und zwei Weibchen des Mohrenmaki und mehrere kleine männliche Junge, welche bereits vollständig das Kleid des alten Männchens trugen. Auch kennen die Bewohner Madagaskars den Unterschied der Geschlechter sehr gut.

Ich vermag vorstehende Angaben nach eigener Erfahrung zu vervollständigen. Unter einer Thiersendung, welche ich erhielt, befanden sich zwei lebende Mohrenmakis, ein Männchen und ein Weibchen, wel che in warmer Freundschaft zu leben schienen und deshalb von mir nicht getrennt wurden. Es waren die ersten Makis, welche ich selbst pflegte und ausführlich beobachten konnte. Zunächst erfuhr ich, daß die Thiere keineswegs in dem Grade Fleisch- und Kerbthierfresser sind, als man bis jetzt angenommen hatte.

Ich bot meinen Gefangenen rohes und gekochtes Fleisch, Mäuse, Sperlinge und Eier. Sie fraßen von allem, ohne jedoch irgend welche Gier an den Tag zu legen. Auch von dem Inhalte roher Eier leckten sie eben nur. Ueber Sperlinge fielen sie mit einer gewissen Eilfertigkeit her; eigentlich gierig aber zeigten sie sich auch nicht. Nur Fliegen jagten sie mit einer gewissen Leidenschaft und fingen solche außerordentlich geschickt. Dagegen waren Früchte aller Art ersichtlich die ihnen am besten zusagende Speise: sie fraßen alle Obstsorten, gekochten Reis, gekochte Kartoffeln, nebenbei auch Milchbrod.

Ende März wurde von dem Weibchen, mir unerwartet, ein Junges geboren. Von der Trächtigkeit der Alten war nichts bemerkt worden; daß sie sich einige Tage vor der Geburt die Brüste drückte, hatte ich nicht beachtet. Das Junge kam mit offenen Augen zur Welt und zeigte vom ersten Tage an eine verhältnismäßig große Selbständigkeit. Die Mutter legte es, sobald sie es reingeleckt hatte, mit großer Zärtlichkeit an die Brust, unterstützte es anfänglich auch beim Saugen; schon wenige Tage später aber behalf es sich selbst. Doch bekundete die Alte noch immer die größte Fürsorge für das Kleine, deckte es mit dem Schwanze zu, kauerte sich zusammen und verbarg es so meist dem Auge des Beschauers. Dabei bethätigte sie jedoch fortwährend Sehnsucht nach ihrem Gatten, welchen ich aus Vorsorge von ihr getrennt und in einem Nachbarkäfige untergebracht hatte, unterhielt sich mit ihm durch einen Spalt, knurrte behaglich, sobald er sich regte, und achtete überhaupt auf jede Bewegung desselben.

Im Verlaufe des ersten Monats entwickelte sich das Junge sehr schnell. Anfänglich klammerte es sich nicht, wie die meisten jungen Affen, an der Brust und dem Bauche, sondern mehr an der Seite seiner Mutter an; später kletterte es oft an den Schenkeln auf und nieder, längs der Seite hin oder auf den Rücken, verbarg sich halb und halb zwischen dem Felle und lugte mit seinen klugen Augen traulich von da ins Weite.

Nach etwa Monatsfrist war es so weit gediehen, daß es seinen ersten Ausflug unternehmen, d.h. seine Mutter verlassen und auf dem Gezweige des Käfigs umherklettern konnte. Gleich nach seiner Geburt fiel mir auf, daß es dem Vater vollständig glich, d.h. nicht das geringste Zeichen einer Mittelfärbung, wie sie Blendlingen eigen ist, wahrnehmen ließ. Erst hierdurch wurde ich veranlaßt, meine Makis zu untersuchen und fand, daß alle Mohrenmakis, welche ich pflegte, Männchen, alle Weißbartmakis dagegen Weibchen waren. Anfragen in den verschiedenen Thiergärten, namentlich in London, Köln, Rotterdam und bei einem Bekannten in Sansibar bestätigten das von mir gewonnene Ergebnis, und so wurde die Vermuthung, daß beide Thiere nur verschiedene Geschlechter einer und derselben Art seien, für mich zur Gewißheit.

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