Der Korsak in Brehms Tierleben

Korsak (Brehms Tierleben)

Von den übrigen Fuchsarten darf ich hier bloß noch diejenigen erwähnen, welche sich durch besondere Eigenthümlichkeiten in der Lebensweise oder durch auffallende Färbung wesentlich unterscheiden. Zu den kleineren Arten der Sippe gehört der Nachbar unseres Reineke in Asien, der Korsak, wie die Russen ihn nennen, die Kirsa oder »Kirassu« der Mongolen, »Korrsuk« und »Stepnaja Lisiza« oder Steppenfuchs der Kosaken (Canis Corsac, Vulpes Corsac). In der Größe steht das Thier unserem Reineke merklich nach, da er höchstens 90 Centim. Gesammt- oder 55 bis 60 Centim. Leibes- und 35 Centim. Schwanzlänge hat; in Gestalt und Wesen ähnelt er dem Verwandten sehr, ist jedoch verhältnismäßig etwas höher gestellt und kurzschwänziger, hat auch einen mehr rundlichen Augenstern. Die Färbung des dichten Pelzes ändert weniger ab als bei Wolf und Fuchs, unterscheidet sich jedoch nach der Jahreszeit. Das frischgewachsene Sommerhaar hat röthliche Färbung, das allmählich nachwachsende, dieses und das Wollhaar später überwuchernde sogenannte Winterhaar einen breiten silberweißen Ring vor der dunkleren Spitze, wodurch eine bald mehr röthliche, bald mehr fahlweiße Gesammtfärbung entsteht. Kehle, Untertheile und Innenseite der Beine sind gelblichweiß, ein auf der Schnauzenseite vor dem Auge stehender dreieckiger Fleck dunkelgrau, eine Brustbinde röthlich, die Beine fahlröthlich; der Schwanz ist an der Wurzel isabell-, auf der Oberseite fahlgelb und schwarz gemischt, unterseits am Enddrittel und an der Spitze schwarz, das Ohr außen einfarbig fahlgraugelb, der Augenring erzgelb gefärbt.

Das Verbreitungsgebiet des Korsak erstreckt sich von den Steppen um das Kaspische Meer an bis in die Mongolei; jedoch findet sich das Thier ausschließlich in Gegenden mit Steppen- oder Wüstengepräge, niemals in Waldungen und demgemäß ebensowenig in Gebirgen. In die nördlichen Theile seines Verbrei tungsgebietes wandert er alljährlich in namhafter Anzahl ein und mit beginnendem Frühjahre wieder zurück. Einen festen Wohnsitz hat er überhaupt nicht, da er sich ebensowenig wie Wolf und Fuchs eigene Baue gräbt, vielmehr unstet umherschweift und schlechtweg unter freiem Himmel sich zur Ruhe legt oder höchstens zufällig gefundene Bobakbaue benutzt, vielleicht nachdem er sie ein wenig erweitert hat. In solchen Murmelthierhöhlen sollen häufig mehrere, mindestens zwei Korsaks zusammengefunden werden, was auf größere Geselligkeit, als Reineke sie liebt, hindeuten würde. Alpenhasen und verschiedene Wühlmäuse bilden wahrscheinlich seine Hauptnahrung; außerdem jagt er auf Vögel, Eidechsen und Frösche, wahrscheinlich auch auf größere Kerbthiere, zumal Heuschrecken. Seine Fortpflanzungsgeschichte scheint noch wenig erforscht zu sein; mir wenigstens sind eingehende Berichte über diesen Lebensabschnitt des Thieres nicht bekannt geworden.

Seines weichen, dichten, warmen und gut aussehenden Winterbalges wegen wird er eifrig gejagt, besonders von den Kirgisen, Karakalpaken, Truchmenen und anderen diesseits des Urals wohnenden Nomadenstämmen. Man wendet alle nur denkbaren Mittel an, um sich seiner zu bemächtigen. Außer den Fallen und Schlingen, welche man vor einen Ausgang seiner Höhlen stellt, jagt man ihn auch mit Hunden, welche man vor die Röhren seines Baues bringt, während man ihn ausräuchert. Sucht er sein Heil in der Flucht, so ist er regelmäßig verloren. Laut Radde hetzt man ihn da, wo der Bobak lebt, selten am Tage, weil er dann in den verlassenen Murmelthierbauen schläft, spürt ihn vielmehr nach frischem Schneefalle bis zu seinem Lagerplatze auf und stellt hierauf die gebräuchliche Bogenfalle. Alte Thiere, welche die ihnen verderbliche Falle kennen, gehen angesichts derselben oft zum Lager zurück und lassen sich erst in der sechsten bis neunten Nacht durch den Hunger zwingen, nach außen zu gehen, ziehen selbst den Hungertod dem in der Falle vor. In letzterem Falle gräbt man den Leichnam erst im kommenden Frühjahre aus, nachdem der tiefgefrorene Steppenboden aufgethaut ist. Neben den Hunden haben die Tataren noch andere und viel gefährlichere Jagdthiere auf ihn abgerichtet. Sie bedienen sich nämlich gezähmter Steinadler, wohl auch Jagdedelfalken, zu seinem Fange, und solchen geflügelten Räubern kann der arme Schelm natürlich nicht entgehen. Die Kirgisen fangen ihn häufig mit dem Krätzer d.h. einem Werkzeuge, welches einem doppelten Korkzieher ähnelt und an einer Stange befestigt wird. Mit diesem fahren sie in den Bau, bohren durch Drehen die beiden Spitzen fest in den Balg des beklagenswerthen Geschöpfes und ziehen es dann gewaltsam hervor. Ein so eingekrätzerter Korsak zittert, wenn er an das Tageslicht kommt, am ganzen Leibe und läßt alles über sich ergehen, ohne auch nur einen Versuch zu machen, sich zu wehren.

Die gedachten Stämme allein bringen jährlich bis fünfzigtausend Felle in den Handel, ungerechnet diejenigen, welche sie selbst verbrauchen. In Rußland trägt man den Korsak weniger, um so öfter aber in China, wo er über Kiächta eingeführt wird.

Ueber gefangene Korsaks hat zuerst Hablitzel einige Beobachtungen veröffentlicht. Ungeachtet aller Versuche ist ihm niemals gelungen, einen dieser Füchse zu zähmen, und selbst derjenige, welchen er ganz jung erhalten und beständig unter seiner Aufsicht hatte, gestattete seinem Herrn nie, ihn anzugreifen, ohne sich nach Kräften dagegen zu wehren. Nur seinem Wärter, welcher ihn fütterte, erlaubte er dies. Sobald sich aber ein anderer ihm näherte, empfing er denselben mit funkelnden Augen, zeigte ihm murrend die Zähne und biß um sich, soviel er konnte. Sah er ein, daß er mit seinem Beißen nichts auszurichten vermochte, so begann er vor lauter Angst zu zittern und verrichtete auf beiderlei Art seine Nothdurft. Bei Tage verhielt er sich ruhig und schlief gewöhnlich; mit Eintritt der Nacht aber wurde der Trieb nach Freiheit in ihm rege, und er bemühte sich dann unaufhörlich, von der Kette loszukommen. Dabei winselte er beinahe wie ein Fuchs. Die Gesellschaft anderer Thiere verabscheute er gänzlich, mit seinesgleichen dagegen vertrug er sich sehr gut. Drei Korsaks, welche Hablitzel besaß, lagen fast beständig dicht neben einander, oft einer förmlich in den anderen gerollt.

Diese Mittheilungen besagen, bei Lichte betrachtet, herzlich wenig; denn sie schildern einfach das Benehmen aller nicht von Jugend anerzogenen, sondern wild eingefangenen Füchse. Ich habe den Korsak längere Zeit lebend gehalten und neuerdings oft in Gefangenschaft gesehen, erhebliche Unterschiede zwischen seinem und Reineke’s Betragen jedoch nicht wahrgenommen. Unter Umständen wird er sich, wenn auch nicht genau ebenso, so doch sehr ähnlich benehmen. Er gehört zu den glücklichsten Bewohnern eines Thiergartens, richtet sich in dem ihm angewiesenen Käfige bald ein, scheut weder die Hitze des Sommers noch die Kälte des Winters und setzt sich mit demselben Gleichmuthe den Strahlen der Sonne aus, mit dem er sich bei eisiger Kälte auf das Steinpflaster seines Käfigs legt. Mit seinen Mitgefangenen verträgt er sich ebenso gut und ebenso schlecht wie der Fuchs, lebt manchmal monatelang mit dem Gefährten in Frieden und Freundschaft, erbost sich einmal plötzlich, beginnt Streit mit dem Genossen, beißt wüthend um sich, verwundet und tödtet, frißt den Getödteten auch ohne Gewissensbisse auf, wenn sonst der Hunger ihn quält. Demungeachtet pflanzt er sich ohne sonderliche Umstände im Käfige fort, weil zwischen verschiedenen Geschlechtern der Frieden wenigstens vorherrscht, behandelt seine Jungen zärtlich und zieht sie in der Regel glücklich groß. Jüngere Weibchen verzehren freilich, wie so viele Raubthiere thun, nicht selten ihre Nachkommenschaft, und auch dem Vater ist niemals recht zu trauen; doch hört man im allgemeinen mehr von glücklich als von unglücklich verlaufenden Zuchten unserer Thiere.

Auch im Thierreiche gibt es ausgeartete Mitglieder guter Familien; auch hier finden sich Verwandte, welche sich leiblich außerordentlich nahe stehen und geistig doch in jeder Hinsicht unterscheiden. Ein solcher, aus der Art geschlagener Gesell ist der Eisfuchs, ein nahestehender und gleichwohl in Sitten und Lebensweise auffallend sich unterscheidender Verwandter unseres Reineke, eines der einfältigsten und zugleich zudringlichsten, der dümmsten und doch auch schlauesten Glieder der Fuchsfamilie. Ich selbst bin auf meinen vieljährigen Reisen von keinem Thiere mehr überrascht oder in Erstaunen versetzt worden: als gerade von dem Eisfuchse. Kein anderes mir bekanntes Säugethier, kein Vogel, ja kein Wirbelthier überhaupt, scheint in gleich störrischer Weise an dem einmal Gewohnten festzuhalten und alle Erfahrungen so hartnäckig in den Wind zu schlagen wie dieser nordische Fuchs, der Vetter des unserigen, welcher sich bekanntlich mit überraschender Fähigkeit in jede Ortsgelegenheit zu schicken und alle Erfahrungen auf das beste zu benutzen weiß.

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