Der Königsgeier in Brehms Tierleben

Königsgeier (Brehms Tierleben)

Der Königsgeier (Sarcorhamphus Papa, Vultur, Cathartes und Gyparchus Papa), nach Auffassung einiger Forscher Vertreter einer besonderen, gleichnamigen Untersippe (Gyparchus), ist 84 bis 89 Centimeter lang, 1,8 Meter breit, der Fittig 52, der Schwanz 23 Centimeter lang. Alte, ausgefärbte Vögel tragen ein wirklich prachtvolles Kleid. Die Halskrause ist grau, der Vorderrücken und die oberen Flügeldeckfedern sind lebhaft röthlichweiß, der Bauch und die Unterflügeldeckfedern reinweiß, die Fittig- und Schwanzfedern tiefschwarz, die Schwingen außen grau gesäumt, Scheitel und Gesicht, welche kurze, steife, borstenähnliche Federn bekleiden, fleischroth, rundliche Warzen, welche das Gesicht hinter und unter dem Auge zieren, und eine wulstige Falte, welche nach dem Hinterhaupte verläuft, dunkelroth, Hals und Kopf hellgelb. Das Auge ist silberweiß, der hohe, lappig getheilte Kamm, welchen auch das größere Weibchen trägt, schwärzlich, der Schnabel am Grunde schwarz, in der Mitte lebhaft roth, an der Spitze gilblichweiß, die Wachshaut gelb, der Fuß schwarzgrau. Junge Vögel sind einfarbig nußbraun, auf dem Rücken dunkler, am Steiße und an den Unterschenkeln weiß.

Durch Azara, Humboldt, Prinz von Wied, d’Orbigny, Schomburgk, Bonyan, Tschudi und andere sind wir über Aufenthalt und Lebensweise des Geierkönigs unterrichtet worden. Er verbreitet sich vom zweiunddreißigsten Grade südlicher Breite an über alle Tiefländer Südamerikas bis Mejiko und Texas und soll selbst in Florida vorgekommen sein. Im Gebirge findet er sich nur bis zu anderthalbtausend Meter über dem Meere. Sein eigentliches Wohngebiet sind die Urwaldungen oder die mit Bäumen bestandenen Ebenen. Auf den baumlosen Steppen und auf waldlosen Gebirgen fehlt er gänzlich. Er ist nach d’Orbigny höchstens halb so häufig als der Kondor, zehnmal seltener als der Urubu und funfzehnmal seltener als der Gallinazo.

Die Nacht verbringt er, auf niederen Baumzweigen sitzend, meist in Gesellschaft, scheint auch zu gewissen Schlafplätzen allabendlich zurückzukehren; mit Anbruch des Morgens erhebt er sich und schwebt längs des Waldes und in dessen Umgebung dahin, um sich zu überzeugen, ob etwa ein Jaguar ihm die Tafel gedeckt habe. Hat er glücklich ein Aas erspäht, so stürzt er sich, sausenden Fluges aus bedeutender Höhe herab, setzt sich aber erst in geringer Entfernung nieder und wirft nur dann und wann einen Blick auf das leckere Mahl. Oft gewährt er seiner Gier erst nach einer viertel oder halben Stunde freien Lauf; denn er ist immer vorsichtig und überzeugt sich vorher auf das sorgfältigste von seiner Sicherheit. Auch er überfrißt sich manchmal so, daß er sich kaum mehr bewegen kann. Ist sein Kropf mit Speise gefüllt, so verbreitet er einen unerträglichen Aasgeruch; ist jener leer, so duftet er wenigstens sehr stark nach Moschus. Nach beendigter Mahlzeit fliegt er einem hochstehenden, am liebsten einem abgestorbenen Baume zu und hält hier Mittagsruhe.

Gewöhnlich sind es die überall häufigen Truthahngeier, welche noch früher als der Geierkönig ein Aas erspäht haben und ihm dasselbe durch ihr Gewimmel anzeigen. »Mögen auch«, sagt Schomburgk, »hunderte von Aasgeiern in voller Arbeit um ein Aas versammelt sein: sie werden sich augenblicklich zurückziehen, wenn sich der Königsgeier nähert. Auf den nächsten Bäumen oder, wenn diese fehlen, auf der Erde sitzend, warten sie dann mit gierigen und neidischen Blicken, bis ihr Zwingherr seinen Hunger an der Beute gestillt und sich zurückgezogen hat. Kaum ist dies geschehen, so stürzen sie wieder mit wilder und gesteigerter Gier auf ihr verlassenes Mahl, um die von jenem verschmähten Ueberbleibsel zu verschlingen. Da ich sehr oft Zeuge dieses Herganges gewesen bin, kann ich versichern, daß sich kein anderer Vogel einer gleichen Achtung und Aufopferung von seiten der kleinen Aasgeier rühmen kann. Wenn diese einen Königsgeier in der Ferne zu dem Mahle, bei welchem sie schon thätig beschäftigt sind, nahen sehen, ziehen sie sich augenblicklich zurück und machen, wenn der Königsgeier wirklich erscheint, ganz eigenthümliche Bewegungen mit den Köpfen gegen einander. Sie scheinen ihn förmlich zu begrüßen; so wenigstens deutete ich das Emporstrecken der Köpfe bei dem Auf- und Niederbewegen der Flügel. Hat der Geierkönig Platz genommen, so sitzen sie vollkommen still und sehen mit verlangendem Magen seiner Mahlzeit zu.« Tschudi bezweifelt vorstehendes, weil er das Herrscher- und Sklavenverhältnis nicht beobachtet hat, und bezeichnet Schomburgks Angaben als unrichtige; genau dasselbe Verhältnis findet aber, nach eigenen vielfachen Beobachtungen, zwischen den afrikanischen Ohren- und den Schmutzgeiern und, laut Jerdon, ebenso zwischen dem Kahlkopfgeier und letzteren statt.

Azara erfuhr von den Indianern, daß der Geierkönig in Baumhöhlen niste; der Prinz von Wied bezweifelt, Tschudi bestätigt diese Angabe; Schomburgk hat hierüber nichts erfahren können, d’Orbigny das Nest auch niemals gesehen, aber dasselbe gehört, was man Azara erzählte; Burmeister sagt, daß der Geier auf hohen Bäumen, selbst auf den Spitzen alter, abgestorbener, starker Stämme niste. Die zwei Eier, welche das Gelege bilden, sollen weiß sein. Ausgeflogene Junge sieht man noch monatelang in Gesellschaft ihrer Eltern.

Gefangene Geierkönige lassen sich leicht zähmen, bekunden jedoch nur ihrem Pfleger gegenüber Anhänglichkeit, wogegen sie gegen fremde Leute oft recht unfreundlich sein und eine Bissigkeit zeigen können, welche selbst dem Menschen Achtung vor ihren Waffen abringt.

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