Der Hirscheber in Brehms Tierleben

Hirscheber (Brehms Tierleben)

Der Hirscheber (Porcus Babyrusa, Sus Babyrusa, Aper orientalis, Babirusa alfurus) ist ein Thier von bedeutender Größe. Neuere Jäger behaupten, einzelne Eber gesehen zu haben, welche ebenso groß wie ein mittlerer Esel waren. Durchschnittlich mag die Körperlänge des erwachsenen Thieres 1,1 Meter, die Schwanzlänge 20 Centim., die Höhe am Widerriste [559] und Kreuze 80 Centim. betragen. Der Leib ist gestreckt, rund und voll, seitlich jedoch nur wenig zusammengedrückt, der Rücken schwach gewölbt, der Hals kurz und dick, der Kopf verhältnismäßig klein, lang gestreckt, auf der Stirne schwach gewölbt, mit einem stark zugespitzten, die Unterlippe überragenden, kräftigen, beweglichen Rüssel, welcher an seiner Spitze ebenso wie bei den Schweinen abgestutzt ist und auch die nackte, knorpelige Wühlscheibe mit ihren schwieligen Rändern und den sie durchbohrenden Nasenlöchern zeigt; die Beine sind kräftig, aber gestreckt, die vorderen wie die hinteren vierzehig, die Vorderzehen höchstens etwas weiter von einander abstehend als bei den übrigen Schweinen; der Schwanz ist dünn und wird hängend getragen.

Die Eckzähne des Oberkiefers, welche beim Männchen äußerst lang, dünn und spitzig, auf der Vorderseite gerundet, seitlich zusammengedrückt, hinten stumpfschneidig nach aufwärts und zugleich nach rückwärts gerichtet sind, so daß sie mit höherem Alter zuweilen in die Haut der Stirn eindringen, durchbohren die Rüsseldecke und krümmen sich halbkreisförmig oder noch mehr nach hinten; die kürzeren und dickeren Gewehre des Unterkiefers richten sich mehr gerade nach aufwärts. Beim Weibchen sind die Eckzähne sehr kurz, und die oberen, welche ebenso wie bei dem Männchen die Schnauze durchbohren, ragen kaum einen Centimeter über sie empor. Vier Vorderzähne in den Oberkiefern, sechs in den Unterkiefern und fünf Backenzähne jederseits oben und unten bilden das übrige Gebiß. Beim Weibchen finden sich nur zwei Zitzen, welche in der Weichengegend liegen. Das Haarkleid besteht aus einzelnen, ziemlich kurzen Borsten, welche längs des Rückgrats und zwischen den vielen Hautrunzeln sowie am Ende des Schwanzes, wo sie eine kleine Quaste bilden, dichter stehen. Die Haut ist dick, hart, rauh, vielfach gerunzelt und im Gesichte, um die Ohren und am Halse tief gefaltet. Ein schmutziges Aschgrau auf der Außen- und Oberseite und Rostroth an der Innenseite der Beine ist die allgemeine Färbung; über die Mittellinie zieht ein heller, bräunlichgelber Streifen, gebildet durch Spitzen der Borstenhaare. Die Ohren sind schwärzlich.

Es scheint, daß der Hirscheber schon den Alten bekannt gewesen ist; wenigstens haben sich die Sprachforscher bemüht, einige unverständliche Namen auf ihn zu deuten. Schädel des Babirusa kannte man schon seit mehreren hundert Jahren, Bälge aber kamen, wie noch heute, von jeher [560] selten nach Europa; die Abbildungen waren Zerrbilder und die Naturgeschichte des Thieres eine Zusammenreihung der abgeschmacktesten Fabeln. Seitdem einige lebende Hirscheber nach Europa gelangt und hier beobachtet worden sind, hat man Abbildung und Beschreibung möglichst zu berichtigen gesucht, obwohl letzterer, was das Wildleben anlangt, immer noch mancherlei Fabeln anhaften mögen.

Außer Celebes, welches als das eigentliche Vaterland des Babirusa angesehen werden muß, findet er sich nur noch auf den oben angegebenen Inseln, während er auf den übrigen Molukken, den großen westlichen Sundainseln und ebenso auf dem hinterindischen Festlande zu fehlen scheint. Möglich ist, daß er auch in Neuguinea und Neuirland vorkommt; wenigstens fanden einige Reisende dort seine unverkennbaren Hauzähne in den Händen der Eingeborenen. Auf Celebes und im Innern Burus ist er häufig. Seine Lebensweise ist die anderer Schweine. Sumpfige Wälder, Rohrgebüsche, Brüche und Seen, auf denen viele Wasserpflanzen wachsen, sind seine Lieblingsorte. Hier rudelt er sich zu größeren oder kleineren Gesellschaften, schläft bei Tage und geht nachts auf Fraß aus, alles genießbare annehmend. Der Gang ist ein rascher Trab, der Lauf leichter als bei dem Wildschweine, selbstverständlich aber nicht mit der köstlichen Bewegung der Hirsche zu vergleichen, wie man früher behaupten wollte. Um die auffallend gebildeten Eckzähne des Ebers zu erklären, hat man gefabelt, daß er sich damit manchmal an niedere Aeste hänge, theils um seinen Kopf zu stützen, theils aber, um sich gemächlich hin und her zu schaukeln! Begründet ist, daß der Babirusa, als vortrefflicher Schwimmer, nicht bloß in den süßen Gewässern alle Nahrungsplätze besucht, sondern auch dreist über Meeresarme setzt, um von einer Insel zur anderen zu gelangen.

Unter den Sinnen des Thieres sind Geruch und Gehör am besten entwickelt. Die Stimme ist ein langes, schwaches Grunzen. Die geistigen Eigenschaften ähneln denen anderer Schweine. Der Hirscheber weicht dem Menschen aus, so lange es geht, setzt sich aber unvermeidlichen Angriffen mit der Tapferkeit aller Eber zur Wehr, und seine unteren Eckzähne sind so tüchtige Waffen, daß sie auch dem muthigsten Manne ein gewisses Bedenken einzuflößen vermögen. Ein Seeofficier, welcher mehrere Male mit dem Babirusa zusammen gekommen war, sprach nur mit der größten Achtung von ihm, schien jedoch aus seinem Zusammentreffen mit ihm nicht gern viel erzählen zu wollen. Die Eingeborenen sollen ihn mit Lanzen erlegen und manchmal Treibjagden veranstalten, bei denen die Babirusas ihr Heil in der Flucht zu suchen pflegen.

Die Sau soll, im Monat Februar etwa, ein oder zwei Frischlinge werfen, kleine, nette Thierchen von 15 bis 20 Centim. Länge, welche von der Mutter warm geliebt und vertheidigt werden. Weiter weiß man nichts über die Fortpflanzung. Fängt man solche Junge frühzeitig ein, so nehmen sie nach und nach einen gewissen Grad von Zahmheit an, gewöhnen sich an den Menschen, folgen ihm unter Umständen und bezeugen ihm ihre Dankbarkeit durch Schütteln der Ohren und des Schwanzes. Bei den Rajas findet man zuweilen einen lebenden Babirusa, weil auch die Eingeborenen ihn als ein ganz absonderliches Geschöpf betrachten und seiner Sehenswürdigkeit wegen in der Gefangenschaft halten. Doch geschieht dies noch immer selten, und man verlangt hohe Preise für gezähmte Schweine dieser Art.

Markus, der holländische Statthalter der Molukken, schenkte den französischen Naturforschern Quoy und Gaimard, welche ihn bei ihrer Erdumsegelung besuchten, ein Paar Hirscheber, und das Schiff machte ihretwegen einen Umweg von mehr als funfzig Meilen. Dieses Paar war das erste, welches man lebend nach Europa brachte. Beide Thiere wurden ziemlich zahm. Das Weibchen zeigte sich wilder als das Männchen, kam, als man ersteres messen wollte, von hinten herbei und biß in die Kleider der Leute. Gegen die Kälte erwiesen sich die gefangenen Babirusas außerordentlich empfindlich, zitterten fortwährend, krochen zusammen und verbargen sich selbst im Sommer unter Stroh. Im März warf das Weibchen ein dunkelbraunes Junges, und von Stunde an war es sehr reizbar und böse, erlaubte niemandem, den Frischling zu berühren, zerriß den Wärtern die Kleider und biß heftig um sich. Leider hielten sich die Thiere nicht lange. Das [561] kalte Klima wurde ihnen verderblich. An die Nahrung der übrigen Schweine gewöhnten sie sich leicht; Kartoffeln und Mehl in Wasser schien ihnen sehr zu behagen. Das Junge, ein Männchen, wuchs schnell und hatte binnen wenigen Wochen eine bedeutende Höhe erreicht. Es starb, ehe es zwei Jahre alt geworden war. Die oberen Eckzähne waren noch nicht durch die Haut der Schnauze gedrungen. Später, immer aber als große Seltenheit, gelangten andere lebende Hirscheber in den Thiergarten zu London, woselbst sie mehr oder minder gut aushielten.

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