Der Elfenbeinspecht in Brehms Tierleben

Elfenbeinspecht (Brehms Tierleben)

Die größte Art ist der Kaiserspecht (Picus imperialis), ein wirklich riesiger Vogel, die bekannteste der Herrenspecht oder Elfenbeinschnabel der Nordamerikaner (Picus principalis, Campephilus, Dendroscopus, Dryotomus und Megapicus principalis, Picus und Campephilus Bairdi). Auch er ist noch bedeutend größer als unser Schwarzspecht: seine Länge beträgt fünfundfunfzig, die Breite achtzig, die Fittiglänge achtundzwanzig, die Schwanzlänge neunzehn Centimeter. Das Gefieder ist glänzend schwarz, einige Federchen über den Nasenlöchern und ein schmaler Streifen, welcher auf der Backenmitte beginnt und, sich merklich verbreiternd, an den Hals- und Schulterseiten herabzieht sowie die hintersten Hand- und Armschwingen dagegen sind weiß, die Schläfe und die spitzige, lange Hinterhauptshaube nebst Nacken brennend scharlachroth. Die Iris hat gelbe, der Schnabel hornweiße, der Fuß dunkel bleigraue Färbung. Das Weibchen unterscheidet sich durch die schwarze Haube vom Männchen.

Der auf Cuba lebende Herrenspecht wird unter dem Namen Picus Bairdi von einzelnen Vogelkundigen von dem nordamerikanischen getrennt, scheint jedoch artlich nicht verschieden zu sein.

Das Verbreitungsgebiet des Herrenspechtes beschränkt sich auf die südlichen Vereinigten Staaten und die Insel Cuba. In Nordamerika bewohnt er Nord- und Süd-Karolina, Georgia, das nördliche Florida, Alabama, Louisiana und Mississippi, ebenso auch die Waldungen am Arkansasflusse und das östliche Texas, auf Cuba, laut Gundlach, den Süden, Westen und Osten, insbesondere die großen, an die Steppe stoßenden Waldungen; hier wie dort aber wird der Vogel von Jahr zu Jahr seltener, weil ihn ebensowohl das Lichten der großen Waldungen als die ungerechtfertigte Verfolgung, welche er von den Jägern erleidet, verdrängen.

Dank den Forschungen amerikanischer Vogelkundigen, insbesondere Audubons, sind wir über das Freileben, Dank Wilson auch über das Gefangenleben des Kaiserspechtes trefflich unterrichtet. »Ich habe mir immer eingebildet«, sagt der erstgenannte, »daß in dem Gefieder des prachtvollen Elfenbeinschnabels etwas ist, was an Stil und Farbengebung Van Dycks erinnert. Das dunkle Schwarz des Leibes, der große und wohl umschriebene weiße Fleck auf den Flügeln und Nacken, der elfenbeinerne Schnabel, das reiche Karminroth der Holle und das glänzende Gelb des Auges hat mir stets eine oder die andere jener kühnen und großartigen Schöpfungen des Pinsels dieses unnachahmlichen Künstlers vor mein geistiges Auge zurückgeführt, und meine Ansicht hat sich so tief in mir befestigt, daß ich stets, so oft ich einen Elfenbeinschnabel von einem Baume zum anderen fliegen sah, zu mir sagte: dort geht ein Van Dyck.

Wohl möchte ich wünschen, daß ich fähig wäre, die bevorzugten Aufenthaltsorte des Elfenbeinschnabels zu beschreiben. Ich wollte, daß ich zu schildern vermöchte die Ausdehnung jener tiefen Moräste, überschattet von Millionen riesenhafter, dunkler Cypressen, welche ihre starren, moosbedeckten Zweige ausstrecken, als ob sie den sich Nachenden mahnen wollten, still zu halten und im voraus die Schwierigkeiten zu bedenken, welche er zu überwinden haben wird, wenn er tiefer in die meist unnachbaren Heimlichkeiten eindringt, jener Sümpfe, welche sich meilenweit vor ihm ausdehnen, in denen der Weg unterbrochen wird durch vorgestreckte riesige Zweige, durch zu Boden gestürzte Baumstämme und tausende von kletternden und sich verschlingenden Pflanzen der verschiedensten Art; ich wollte, daß ich verständlich machen könnte die Natur dieses gefährlichen Grundes: seine sumpfige und schlammige Beschaffenheit, die Schönheit des verrätherischen Teppichs, welcher aus den reichsten Mosen, Schwert- und Wasserlilien zusammengewebt ist, aber, so bald er den Druck des Fußes erleidet, nach dem Leben des Abenteurers verlangt, und die hier und da sich findenden Lichtungen, welche gewöhnlich von einem See dunklen, schlammigen Wassers ausgefüllt sind; ich wollte, daß ich Worte fände, meinen Lesern einen Begriff zu geben von der schwülen, pestigen Luft, welche, zumal in unseren Hundstagen, den Eindringling fast zu ersticken droht: aber jeder Versuch, das Bild dieser glänzenden und entsetzlichen Moräste zu zeichnen, ist ein verfehlter; nur eigene Anschauung vermag sie kennen zu lernen. Und ich will zurückkehren zur Beschreibung des berühmten Spechtes mit dem elfenbeinernen Schnabel. Der Flug dieses Vogels ist äußerst anmuthig, obgleich er selten mehr als auf wenige hundert Meter ausgedehnt wird, es sei denn, daß der Herrenspecht einen breiten Fluß zu überfliegen habe. Dann streicht er in tiefen Wellenlinien dahin, indem er die Schwingen bald voll ausbreitet, bald wieder flatternd bewegt, um sich von neuem weiter zu treiben. Der Uebergang von einem Baume zum anderen, selbst wenn die Entfernung mehrere hundert Meter betragen sollte, wird vermöge eines einzigen Schwunges ausgeführt, während welches der von der höchsten Spitze herabkommende Vogel eine zierliche Bogenlinie beschreibt.

In diesem Augenblicke entfaltet er die volle Schönheit seines Gefieders und erfüllt jeden Beschauer mit Vergnügen. Niemals stößt er einen Laut aus, so lange er fliegt, es sei denn, daß die Zeit seiner Liebe gekommen; sobald er sich aber an den Untertheil des Stammes angehängt hat, und während er zu den oberen Theilen emporsteigt, vernimmt man seine bemerkenswerthe, klare, laute und angenehme Stimme und zwar auf beträhtliche Entfernung, ungefähr eine halbe englische Meile weit. Diese Stimme oder der Lockton, welcher durch die Silbe ›Pät‹ ausgedrückt werden kann, wird gewöhnlich dreimal wiederholt; aber der Vogel läßt sie so oft vernehmen, daß man sagen kann, er schreit während des ganzen Tages und nur wenige Minuten nicht. Leider begünstigt solche Eigenheit seine Verfolgung ungemein, und zu dieser gibt die irrige Meinung, daß er ein Zerstörer des Waldes sei, nur zu viel Veranlassung. Dazu kommt, daß seine schönen Haubenfedern einen beliebten Kriegsschmuck der Indianer bilden, und daß er deshalb auch von den Rothhäuten eifrig verfolgt wird. Die Reisenden aller Völker sind erpicht auf diesen Schmuck und kaufen von den Jägern zur Erinnerung die Köpfe des prächtigen Vogels. Ich traf Häuptlinge der Indianer, deren ganzer Gürtel dicht mit den Schnäbeln und Hauben des Elfenbeinschnabels bedeckt war.

Wie andere seiner Familie lebt auch dieser Specht gewöhnlich paarweise, und wahrscheinlich währt seine Ehe die ganze Lebenszeit. Man sieht beide Gatten stets zusammen. Das Weibchen erkennt man daran, daß es schreilustiger und vorsichtiger als das Männchen ist. Die Fortpflanzung beginnt früher als bei anderen Spechten, schon im März. Das Nest wird, wie ich glaube, immer in dem Stamme eines lebenden Baumes angelegt, am liebsten in einer Esche, regel mäßig in bedeutender Höhe. Die Vögel sind sehr vorsichtig in der Wahl des Baumes und des Anlagepunktes der Höhle, weil sie Zurückgezogenheit lieben und ihre Nester vor dem Regen geschützt wissen wollen. Deshalb ist der Eingang gewöhnlich unmittelbar unter der Verbindungsstelle eines starken Astes in den Stamm gemeiselt, die Höhlung, je nach den Umständen, mehr oder weniger tief, manchmal nicht tiefer als fünfundzwanzig Centimeter, zuweilen aber auch bis einen Meter und mehr. Der Durchmesser der Nesthöhle, welche ich untersuchte, betrug etwa funfzehn Centimeter; das Eingangsloch ist jedoch nie größer, als daß der Vogel gerade einschlüpfen kann. Beide Gatten des Paares arbeiten an der Aushöhlung und lösen sich wechselseitig ab. Während der eine meiselt, wartet der andere außen und feuert ihn an. Ich habe mich an Bäume herangeschlichen, während die Spechte gerade mit dem Baue ihres Nestes beschäftigt waren, und wenn ich mein Ohr gegen die Rinde legte, konnte ich deutlich jeden Schlag, welchen sie ausführten, vernehmen. Zweimal habe ich beobachtet, daß die Elfenbeinschnäbel, nachdem sie mich am Fuße des Baumes gesehen hatten, das Nest verließen. In Kentucky und Indiana brüten sie selten mehr als einmal im Jahre, in den südlichen Staaten zweimal. Das erste Gelege besteht gewöhnlich aus sechs Eiern von reinweißer Färbung, welche auf einige Späne am Grunde der Höhle gelegt werden. Die Jungen sieht man schon vierzehn Tage vor ihrem Ausfliegen zum Eingangsloche herausschauen. Ihr Jugendkleid ähnelt dem des Weibchens, doch fehlt ihnen noch die Holle; diese aber wächst rasch heran, und gegen den Herbst hin gleichen sie ihrer Mutter schon sehr. Die Männchen erhalten die Schönheit ihres Gefieders erst im nächsten Frühjahre.

Die Nahrung besteht hauptsächlich in Käfern, Larven und großen Würmern; sobald aber die Beeren in den Wäldern reifen, frißt der Vogel gierig von diesen. Ich habe gesehen, daß er sich in derselben Stellung wie unsere Meisen mit den Nägeln an die Weinreben hängt. Auch Persimonpflaumen sucht er sich zusammen, wenn diese Frucht gereift ist; niemals aber geht er Korn oder Gartenfrüchte an, obgleich man ihn zuweilen auf den in den Getreidefeldern stehenden Bäumen arbeiten sieht. Seine Kraft ist so groß, daß er Rindenstückchen von funfzehn bis achtzehn Centimeter Länge mit einem einzigen Schlage des mächtigen Schnabels abspalten kann, und wenn er einmal bei einem dürren Baume begonnen hat, schält er oft die Rinde auf sechs bis zehn Meter Fläche in wenigen Stunden ab.

Wenn er verwundet wird und zum Boden fällt, sucht er so schnell als möglich einen nahestehenden Baum zu erreichen und steigt an ihm mit der größten Schnelligkeit bis zu den Wipfelzweigen empor, duckt sich nieder und versteckt sich hier. Während er aufsteigt, bewegt er sich in Schraubenlinien rund um den Baum und stößt fast bei jedem Sprunge sein ›Pät, pät, pät‹ aus, schweigt aber, sobald er einen sicheren Platz erreicht. Tödtlich verwundet, krallt er sich oft so fest in die Rinde, daß er noch mehrere Stunden nach seinem Tode hängen bleibt. Wenn man ihn mit der Hand faßt, so lange er noch lebt, verwundet er heftig mit dem Schnabel und den Klauen, stößt aber dabei traurige und klägliche Schreie aus.«

Wilson versuchte einen Elfenbeinschnabel in Gefangenschaft zu halten, fand aber, daß dies seine Schwierigkeiten hat. Der in Rede stehende Specht war ein alter Vogel welcher erst verwundet und dann ergriffen wurde. Er schrie in der bereits angegebenen Weise wie ein kleines Kind und erschreckte dadurch das Pferd Wilsons so, daß es seinen Reiter in Lebensgefahr brachte. Als dieser mit seinem schreienden Vogel durch die Straßen von Wilmington ritt, rannten alle Weiber ängstlich an Thür und Fenster, um sich über den entsetzlichen Lärm zu unterrichten, und vor dem Wirtshause mußte unser Forscher ein wahres Kreuzfeuer von Fragen aushalten. Schließlich brachte er den Elfenbeinschnabel auf seinem Zimmer unter und verließ dasselbe, um für sein Roß Sorge zu tragen. Als er nach etwa einer Stunde zurückkehrte, fand er, daß der gewaltige Vogel sich beinahe schon befreit hatte. Er war an den Gewänden des Fensters emporgeklettert und hatte die Zimmerwände fast durchbrochen. Da Wilson ihn zeichnen wollte, verzieh er ihm den Fluchtversuch und band ihn, um einen ferneren zu verhüten, mit einer Kette an das dicke Bein eines Mahagonitisches. Hierauf verließ er das Zimmer abermals, um für seinen Pflegling Futter zu suchen. Beim Zurückkommen vernahm er schon auf der Treppe, daß der Specht wieder arbeitete, und als er in das Zimmer trat, sah er zu seinem Entsetzen den Tisch anstatt auf vier, nur noch auf drei Beinen stehen. Während er zeichnete, brachte ihm der unwillige Vogel mehrere Wunden bei und bekundete überhaupt einen so edeln und freiheitsliebenden Sinn, daß der Forscher mehr als einmal daran dachte, ihn in seine Wälder zurückzubringen. Das ihm dargereichte Futter verschmähte er gänzlich und so erlag er schon am dritten Tage den Leiden der Gefangenschaft.

Die Heherspechte (Melanerpes) zeichnen sich weniger durch die Größe als durch die Farbenpracht ihres Gefieders aus. Sie sind kräftig gebaut, großköpfig und kurzhalsig. Der Schnabel ist gerade, am Grunde breiter als hoch, auf der Firste gewölbt, an den Rändern stark eingezogen, auffallend wegen vier gleichlaufenden Leistchen, welche oberhalb und unterhalb der Nasenlöcher entspringen, sich bis gegen die Mitte des Schnabels hinziehen und zwischen sich Hohlkehlen bilden. Der Lauf ist so lang wie die Wendezehe mit Nagel. Im Fittige sind die vierte und fünfte Schwinge unter sich gleich lang und die längsten. Der Schwanz ist sehr gerundet. Schwarz mit Roth oder Roth mit Weiß bilden die vorherrschenden Farben. Die hierher zu zählenden Arten gehören dem Norden und Süden Amerikas an.

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