Der Eisbär in Brehms Tierleben

Eisbär (Brehms Tierleben)

Wenn nach der Ansicht einiger Naturforscher die ziemlich geringen Unterschiede in der Gestalt und Lebensweise der letzterwähnten Bären schon hinreichend erscheinen, um sie eigenen Gruppen einzureihen, erklärt es sich, daß man gegenwärtig den Eisbären (Ursus maritimus, U. marinus, polaris und albus, Thalassarctos maritimus und polaris) ebenfalls als Vertreter einer selbständigen Sippe, der Meerbären(Thalassarctos) betrachtet. Die ersten Seefahrer, welche von ihm sprechen, glaubten in ihm freilich bloß eine Abart unseres Meister Petz zu entdecken, dessen Fell der kalte Norden mit seiner ihm eigenthümlichen Schneefarbe begabt habe; dieser Irrthum währte jedoch nicht lange, weil man sehr bald die wesentlichen Unterschiede wahrnahm, welche zwischen dem Land- und dem Eisbären bestehen. Letzterer unterscheidet sich von den bis jetzt genannten Arten der Familie durch den gestreckten Leib mit langem Halse und kurzen, starken und kräftigen Beinen, deren Füße weit länger und breiter sind als bei den anderen Bären, und deren Zehen starke Spannhäute fast bis zur Hälfte ihrer Länge miteinander verbinden. Er übertrifft selbst den Grislibär noch etwa an Größe; denn die durchschnittliche Länge des Männchens beträgt 2,5 Meter nicht selten noch 15 bis 20 Centim. mehr, das Gewicht aber steigt von neun auf elf, ja sogar auf sechzehn Centner an. Roß wog ein Männchen, welches, nachdem es gegen dreißig Pfund Blut verloren hatte, noch immer ein Gewicht von 11311/2 Pfund zeigte; Lyon, der Begleiter von Parry, berichtet von einem 2,65 Meter langen Eisbären, welcher sechzehn volle Centner wog.

Der Leib des Eisbären ist weit plumper, aber dennoch gestreckter, der Hals bedeutend dünner und länger als bei dem gemeinen Bären, der Kopf länglich, niedergedrückt und verhältnismäßig schmal, das Hinterhaupt sehr verlängert, die Stirn platt, die hinten dicke Schnauze vorn spitz; die Ohren sind klein, kurz und sehr gerundet, die Nasenlöcher weiter geöffnet und die Rachenhöhle minder tief gespalten als bei dem Landbären. An den Beinen sitzen bloß mittellange, dicke und krumme Krallen; der Schwanz ist sehr kurz, dick und stumpf, kaum aus dem Pelze hervorragend. Die lange, zottige, reiche und dichte Behaarung besteht aus kurzer Wolle und aus schlichten, feinen glänzenden, weichen und fast wolligen Grannen, welche am Kopfe, Halse und Rücken am kürzesten, am Hintertheile, dem Bauche und an den Beinen am längsten sind und auch die Sohlen bekleiden. Auf den Lippen und über den Augen befinden sich wenige Borstenhaare; den Augenlidern fehlen die Wimpern.

Mit Ausnahme eines dunkeln Ringes um die Augen, des nackten Nasenendes, der Lippenränder und der Krallen, trägt der Eisbär ein Schneekleid, welches bei den jungen Thiere von reinem Silberweiß ist, bei älteren aber, wie man annimmt, infolge der thranigen Nahrung einen gelblichen Anflug bekommt. Die Jahreszeit übt nicht den geringsten Einfluß auf die Färbung aus.

Der Eisbär bewohnt den höchsten Norden der Erde, den eigentlichen Eisgürtel des Pols, und findet sich bloß da, wo das Wasser einen großen Theil des Jahres hindurch oder beständig, wenigstens theilweise, zu Eis erstarrt. Wie weit er nach Norden hinaufgeht, konnte bisher noch nicht ermittelt werden; soweit der Mensch aber in jenen unwirklichen Gegenden vordrang, hat er ihn als lebensfrischen Bewohner des lebensfeindlichen Erdgürtels gefunden, während er nach Süden hin bloß ausnahmsweise noch unter dem 55. Grade nördlicher Breite bemerkt worden ist. Er gehört keinem der drei nördlichen Erdtheile ausschließlich, sondern allen nördlichen Erdtheilen gemeinschaftlich an. Von keinem anderen Wesen beirrt oder gefährdet, der eisigsten Kälte und den fürchterlichsten, uns schier undenkbaren Unwettern sorglos trotzend, streift er dort durch Land und Meere über die eisige Decke des Wassers oder durch die offenen Wogen, und im Nothfalle muß ihm der Schnee selbst zur Decke, zum Schutze, zum Lager werden. An der Ostküste von ganz Amerika, um die Baffins- und Hudsonsbay herum, in Grönland und Labrador ist er gemein und ebensowohl auf dem festen Lande wie auf dem Treibeise zu erblicken, oft sogar in Scharen vereinigt, welche durch ihre Anzahl an Schafherden erinnern. Scoresby berichtet, daß er einstmals an der Küste von Grönland hundert Eisbären beisammentraf, von denen zwanzig getödtet werden konnten. In Europa ist es die Insel Spitzbergen, welche seinen ständigen Heimatsort bildet; und er bewohnt dieses Eiland auch noch im höchsten Norden, da wo Nordpolforscher, wie Nordenskjiöld, weder Seehundslöcher noch Spuren anderer lebenden Thiere bemerken und sich nicht erklären konnten, welche Beute oder Nahrung überhaupt der Eisbär hier zu gewinnen vermöge. Auf den kristallenen Fahrzeugen, welche ihm das Meer selbst bietet, auf Eisschollen nämlich, kommt er nicht selten auch an der Nordküste Islands angeschwommen und würde, wäre der Norwegens Küste umflutende und das Eis dort schmelzende Golfstrom nicht, wohl auch öfters in Lappland oder Nordland sich zeigen. »Eigenthümlich«, sagt Nordenskjiöld, »ist die Sorgfalt, mit welcher der Eisbär sich seine Wege wählt. Immer sind es die bequemsten; er vermeidet stets große und tiefe Schneemassen, wenn der Schnee nicht fest genug ist, ihn zu tragen. Während unserer Reise im Norden von Spitzbergen hinderten uns oft dichte Eisnebel, die besten Wege zu suchen; wir erkannten jedoch bald, daß letztere durch die Bärenspuren angezeigt wurden, folgten diesen auf lange Strecken und standen uns gut dabei.« In Asien ist die Insel Novaja-Semlja sein Hauptsitz; aber auch auf Neusibirien, selbst auf dem Festlande bemerkt man ihn, obgleich bloß dann, wenn er auf Eisschollen angetrieben wird. In den Endlosen Winternächten des Nordens schlägt er, wenn er bei Nebel und Schneegestöber seine Richtung verliert oder durch die Aufsuchung der Nahrung weiter, als er beabsichtigte, vom Meere ab, beispielsweise nach Sibirien geführt wird, auf dem mit Moos und Flechten überzogenenen und gefrorenen Boden sein Winterlager auf und kehrt erst, wenn der beginnende kurze Frühling von neuem ein regeres Leben ihm ermöglicht, zu seiner Heimat zurück. Dennoch sieht man ihn nur höchst selten auf dem festen Lande zwischen der Lena und der Mündung des Jenisei und noch seltener zwischen dem Ob und dem weißen Meere, weil ihm die weit nach Norden auslaufenden Gebirge und Novaja Semlja weit bessere Aufenthaltsorte gewähren. In Amerika zeigt er sich da am häufigsten, wo der Mensch ihm am wenigsten nachstellt. Zwar ist es nur der kleine, unscheinbare, verachtete Eskimo, welcher dort als Gebieter der Erde auftritt, aber dieser ist noch immer mächtig genug, den gewaltigen Meeresbeherrscher zu verdrängen. Nach Aussagen der Eskimos, seiner hauptsächlichsten Feinde, erscheint er nur in höchst seltenen Fällen jenseits des Mackenzieflusses, verbreitet sich somit weit weniger im Westen Amerikas als im Osten. Nach Süden hinab geht er bloß unfreiwillig, wenn ihn große Eisschollen dahintragen. Man hat häufig Eisbären gesehen, welche auf diese Weise mitten im sonst eisfreien Wasser und weit von den Küsten entfernt dahintrieben. Obgleich er nun den größten Theil seines Lebens auf dem Eise zubringt und im Meere ebensosehr oder noch heimischer ist als auf dem Lande, sind ihm derartige Reisen doch wohl nicht lieb, führen auch, wenn sie ihn weit nach Süden und zu gebildeteren Menschen tragen, regelmäßig sein Verderben herbei.

Die Bewegungen des Eisbären sind im ganzen plump, aber ausdauernd im höchsten Grade. Dies zeigt sich zumal beim Schwimmen, in welchem der Eisbär seine Meisterschaft an den Tag legt. Die Geschwindigkeit, mit welcher er sich stundenlang gleichmäßig und ohne Beschwerde im Wasser bewegt, schätzt Scoresby auf drei englische Meilen in der Stunde. Die große Masse seines Fettes kommt ihm vortrefflich zustatten, da sie das Eigengewicht seines Leibes so ziemlich dem des Wasser gleichstellt. Man sah ihn schon vierzig Meilen weit von jedem Lande entfernt im freien Wasser schwimmen und darf deshalb vermuthen, daß er Sunde oder Straßen von mehreren hundert Meilen ohne Gefahr zu übersetzen vermag. Ebenso ausgezeichnet, wie er sich auf der Oberfläche des Wassers bewegt, versteht er zu tauchen. Man hat beobachtet, daß er Lachse aus der See geholt hat und muß nach diesem seine Tauchfähigkeit allerdings im höchsten Grade bewundern. Daß er oft lange Zeit nur auf Fischnahrung angewiesen ist, unterliegt gar keinem Zweifel, und hieraus geht also hervor, daß er mit mindestens derselben Schnelligkeit schwimmt wie der behende, gewandte Fischotter. Auch auf dem Lande ist er keineswegs so unbehülflich, ungeschickt oder plump, als es den Anschein hat. Sein gewöhnlicher Gang ist zwar langsam und bedächtig, allein wenn er von Gefahr gedrängt oder von Hunger angetrieben wird, läuft er sprungweise sehr rasch und kommt jedem anderen Säugethiere, welches sich auf dem Eise bewegt, und somit auch dem Menschen, leicht zuvor. Dabei sind seine Sinne ausnehmend scharf, besonders das Gesicht und der Geruch. Wenn er über große Eisfelder geht, steigt er, nach Scoresby, auf die Eisblöcke und sieht nach Beute umher. Todte Walfische oder ein in das Feuer geworfenes Stück Speck wittert er auf unglaubliche Entfernungen.

Die Nahrung des Eisbären besteht aus fast allen Thieren, welche das Meer oder die armen Küsten seiner Heimat bieten. Seine furchtbare Stärke, welche die aller übrigen bärenartigen Raubthiere noch erheblich übertrifft, und die erwähnte Gewandtheit im Wasser machen es ihm ziemlich leicht, sich zu versorgen. Ohne Mühe bricht er mit seinen starken Krallen große Löcher durch das dicke Eis, um an Stellen, welche ihm sonst unzugänglich sein würden, in die Tiefe gelangen zu können; ohne Beschwerde trägt er ein großes und schweres Meerthier, unter Umständen Meilenweit, mit sich fort. Seehunde verschiedener Art bilden sein bevorzugtes Jagdwild, und er ist schlau und geschickt genug, diese klugen und behenden Thiere zu erlangen. Wenn er eine Robbe von fern erblickt, senkt er sich still und geräuschlos ins Meer, schwimmt gegen den Wind ihr zu, nähert sich ihr mit der größten Stille und taucht plötzlich von unten nach dem Thiere empor, welches nun regelmäßig seine Beute wird. Die Robben pflegen in jenen eisigen Gegenden nahe an Löchern zu liegen, welche ihren Weg nach dem Wasser vermitteln. Diese Löcher findet der unter der Oberfläche des Meeres dahinschwimmende Eisbär mit außerordentlicher Sicherheit auf, und plötzlich erscheint der gefürchtete Kopf des entsetzlichsten Feindes der unbehülflichen Meereshunde so zu sagen in deren eigenem Hause oder in dem einzigen Fluchtgange, welcher sie möglicherweise retten könnte. »Ich habe ihn«, bemerkt Brown, »einen vollen halben Tag auf einen Seehund lauern sehen. Jedesmal, wenn er sich anschickte, die in ihrem Athemloche zeitweilig auftauchende Robbe mit der Brante zu tödten, entschlüpfte diese, und der Eisbär sah sich schließlich genöthigt, zu einer anderen Jagdweise überzugehen. Er verließ seinen Stand, warf sich auf einige Entfernung davon ins Wasser und schwamm, als der Seehund in seinem Loche halb im Schlafe lag, unter dem Eise gegen ihn hin, um ihm den Weg abzuschneiden. Auch dieser Versuch mißlang. Die Wuth des Räubers war grenzenlos. Ingrimmig brüllend und Schnee in die Luft werfend, ging er von dannen, sicherlich in der allerschlechtesten Laune.« Fische weiß der Eisbär zu erbeuten, indem er tauchend ihnen nachschwimmt oder sie in Spalten zwischen dem Eise treibt und hier herausfängt. Die Samojeden und Jakuten versichern, daß er auf dem Lande sogar junge Walrosse tödtet, welche er im Meere unbehelligt läßt. Landthiere überfällt er bloß dann, wenn ihm andere Nahrung mangelt; Renthiere, Eisfüchse und Vögel sind jedoch keineswegs vor ihm sicher. Osborne sah einer alten Bärenmutter zu, welche Steinblöcke umwälzte, um ihre Jungen mit Lemmingen zu versorgen, und Brown bemerkt, daß er auf den Brutplätzen der Eiderenten öfters binnen wenigen Stunden alle Eier auffrißt. An die Hausthiere wagt er sich selten. Man hat mehr als einmal bemerkt, daß er zwischen weidenden Rinderherden durchgegangen ist, ohne eines von den Thieren anzufallen. Dies geschieht freilich bloß so lange, als er gesättigt ist; denn, wenn ihn der Hunger plagt, greift er jedes Thier an, welches ihm begegnet. Abweichend von anderen Bären schlägt er nicht mit den Branten, sondern tödtet durch Bisse, spielt mit der Beute wie die Katze mit der Maus und frißt erst, wenn sie nicht mehr sich regt. Aas frißt er ebenso gern wie frisches Fleisch, soll auch nicht einmal den Leichnam eines anderen Eisbären verschmähen. In den Meeren, welche von Robbenschlägern und Walfischfängern besucht werden, bilden die todten Seehunde und Wale ein vorzügliches Nahrungsmittel für ihn, und man sieht ihn immer bald bei jedem Aase sich einfinden. Dabei hat man die Beobachtung gemacht, daß diejenigen Bären, welche viel Walfischfleisch fressen, das gelbliche Fell haben, jedenfalls infolge des reichlichen Thranes, den sie mit dem Fleische verzehren müssen. Einem Menschen geht er, so lange er nicht gereizt oder von wüthenden Hunger gepeinigt wird, in der Regel aus dem Wege; doch ist auf diese vermeintliche Ehrfurcht des Thieres vor dem Herrn der Erde nicht viel zu geben. »Ich habe«, versichert Brown, »viele Grönländer kennen gelernt, denen er, während sie auf Seehunde lauerten oder solche abstreiften, plötzlich seine rauhe Brante auf die Schulter legte. Die Leute retteten sich dadurch, daß sie sich todt stellten und dem Eisbären, während er zunächst noch sein erträumtes Opfer betrachte, einen tödtlichen Schuß beibrachten.« Gereizt und zum Kampfe aufgefordert, hält er jederzeit Stand und kehrt sich gegen seinen Feind, ist dann auch unbedingt das furchtbarste aller Thiere, welches in jenen hohen Breiten dem Menschen entgegentreten kann. Nur seine tödtliche Verwundung kann den Verwegenen retten, welcher ihm den Fehdehandschuh hinzuwerfen wagte. Schüsse, welche nicht das Herz oder den Kopf treffen, reizen nur die Wuth des Riesen und vermehren somit die Gefahr. Eine Lanze weiß er geschickt mit seinen Zähnen zu fassen und beißt sie entweder entzwei oder reißt sie dem Gegner aus der Hand. Man erzählt sich viele Unglücksfälle, welche durch ihn herbeigeführt worden sind, und gar mancher Walfischfänger hat die Tollkühnheit, einen Eisbären bekämpfen zu wollen, mit seinem Leben bezahlt. »Wenn man den Bären im Wasser antrifft«, sagt Scoresby, »kann man ihn gewöhnlich mit Vortheil angreifen; wenn er aber am Ufer oder auf beschneitem oder glattem Eise, wo er mit seinen breiten Tatzen noch einmal so schnell fortzukommen vermag als ein Mensch, sich befindet, kann er selten mit Sicherheit oder gutem Erfolge bekämpft werden. Bei weitem die meisten Unglücksfälle wurden durch die Unvorsichtigkeit solcher Angriffe herbeigeführt. Ein trauriger Vorfall ereignete sich mit einem Matrosen eines Schiffes, welches in der Davisstraße vom Eise eingeschlossen war. Wahrscheinlich durch den Geruch der Lebensmittel angelockt, kam ein dreister Bär endlich bis dicht an das Schiff heran. Die Leute waren gerade mit ihrer Mahlzeit beschäftigt, und selbst die Deckwachen nahmen daran Theil. Da bemerkte ein verwegener Bursche zufällig den Bären, bewaffnete sich rasch mit einer Stange und sprang in der Absicht auf das Eis hinaus, die Ehre davonzutragen, einen so übermüthigen Gast zu bemüthigen. Aber der Bär achtete wenig auf das elende Gewehr, packte, wohl durch Hunger gereizt, seinen Gegner sofort mit den furchtbaren Zähnen im Rücken und trug ihn mit solcher Schnelligkeit davon, daß Raubthier und Matrose schon weit entfernt waren, als die Gefährten des Unglücklichen, von seinem Geschrei herbeigezogen, aufsprangen und sich umsahen.«

Ein anderes Beispiel eines unklugen Angriffs gegen einen Bären wurde Scoresby vom Kapitän Munroe mitgetheilt, dessen Schiff im Grönländischen Meere vor Anker lag. Einer von der Mannschaft des Schiffes, welcher aus einer Rumflasche wohl gerade besonderen Muth sich geholt haben mochte, machte sich anheischig, einem in der Nähe des Schiffes erschienen Bären nachzusetzen. Bloß mit einer Walfischlanze bewaffnet, ging er zu seiner abenteuerlichen Unternehmung aus. Ein beschwerlicher Weg von ungefähr einer halben Stunde über lockern Schnee und schroffe Eisblöcke brachte ihn in unmittelbare Nähe seines Feindes, welcher, zu seinem Erstaunen, ihn unerschrocken anblickte und zum Kampfe herauszufordern schien. Sein Muth hatte unterdessen sehr abgenommen, theils weil der Geist des Rums unterwegs verdunstet war, theils weil der Bär nicht nur keine Furcht verrieth, sondern selbst eine drohende Miene annahm. Unser Matrose hielt daher an und schwang seine Lanze ein paarmal hin und her, so daß man nicht recht wußte, ob er angreifen oder sich vertheidigen wollte. Der Bär stand auch still. Vergebens suchte der Abenteurer sich ein Herz zu fassen, um den Angriff zu beginnen: sein Gegner war zu furchtbar und sein Ansehen zu schrecklich; vergebens fing er an, ihn durch Schreien und mit der Lanze zu bedrohen: der Feind verstand dies entweder nicht oder verachtete solche leere Drohungen und blieb hartnäckig auf seinem Platze. Schon fingen die Knie des armen Teufels an zu wanken, und die Lanze zitterte in seiner Hand; aber die Furcht, von seinen Kameraden ausgelacht zu werden, hatte noch einigen Einfluß auf ihn: er wagte nicht, zurückzugehen. Der Eisbär hingegen begann mit der verwegensten Dreistigkeit vorzurücken! Seine Annäherung und sein ungeschlachtes Wesen löschten den letzten noch glimmenden Funken von Muth bei dem Matrosen aus; er wandte sich um und floh. Der Bär holte den Flüchtling bald ein. Dieser warf die Lanze, sein einziges Vertheidigungsmittel, weil sie ihn im Laufe beschwerte, von sich und lief weiter. Glücklicherweise zog die Waffe die Aufmerksamkeit des Bären auf sich; er stutzte, betastete sie mit seinen Pfoten, biß hinein und setzte erst hierauf seine Verfolgung fort. Schon war er dem keuchenden Schiffer auf den Fersen, als dieser in der Hoffnung einer ähnlichen Wirkung, wie die Lanze sie gehabt hatte, einen Handschuh fallen ließ. Die List gelang, und während der Bär wieder stehen blieb, um diesen zu untersuchen, gewann der Flüchtling einen guten Vorsprung. Der Bär setzte ihm von neuem mit der drohendsten Beharrlichkeit nach, obgleich er noch einmal durch den anderen Handschuh und zuletzt durch den Hut aufgehalten wurde, würde ihn auch ohne Zweifel zu seinem Schlachtopfer gemacht haben, wenn nicht die anderen Matrosen, als sie sahen, daß die Sache eine so ernste Wendung genommen hatte, zu seiner Rettung herbeigeeilt wären. Die kleine Phalanx öffnete dem Freunde einen Durchgang und schloß sich dann wieder, um den verwegenen Feind zu empfangen. Dieser fand jedoch unter so veränderten Umständen nicht für gut, den Angriff zu unternehmen, stand still, schien einen Augenblick zu überlegen, was zu thun wäre, und trat dann einen ehrenvollen Rückzug an.

»Es ist höchst wahrscheinlich, daß die meisten Eisbären keinen Winterschlaf halten. Ein geringerer oder größerer Kältegrad ist ihnen gleichgültig; es handelt sich für sie im Winter bloß darum, ob das Wasser dort, wo sie sich befinden, offen bleibt oder nicht. Einige Beobachter sagen, daß die alten Männchen und jüngeren oder nichtträchtigen Weibchen niemals Winterschlaf halten, sondern beständig umherschweifen. Soviel ist sicher, daß die Eskimos den ganzen Winter hindurch auf Eisbären jagen. Allerdings leben die Thiere während des Winters nur in der See, meistens auf dem Treibeise, wo sie stets hinlängliche Löcher finden, um jederzeit in die Tiefe hinabtauchen und Robben und Fischen nachstellen zu können. Die trächtigen Bärinnen dagegen ziehen sich gerade im Winter zurück und bringen in den kältesten Monaten ihre Jungen zur Welt. Bald nach der Paarung, welche in den Juli fallen soll, bereitet sich die Bärin ein Lager unter Felsen oder überhängenden Eisblöcken oder gräbt sich wohl auch eine seichte Höhlung in dem gefrorenen Schnee aus, thaut durch ihre Körperwärme dieses Lager ringsum auf, bildet durch den warmen Hauch eine Art Stollen nach oben und läßt sich hier einschneien. Bei der Menge von Schnee, welche in jenen Breiten fällt, währt es nicht lange, bis ihre Winterwohnung eine dicke und ziemlich warme Decke erhalten hat. Ehe sie das Lager bezog, hatte sie sich eine tüchtige Menge von Fett gesammelt, und von ihm zehrt sie während des ganzen Winters; denn sie verläßt ihr Lager nicht eher wieder, als bis die Frühlingssonne bereits ziemlich hochsteht. Mittlerweile hat sie ihre Jungen geworfen. Man weiß, daß dieselben nach sechs bis sieben Monaten ausgetragen sind, und daß ihre Anzahl zwischen eins und drei schwankt; genauere Beobachtungen sind nicht gemacht worden. Nach Aussage der nördlichen Völkerschaften sollen die jungen Eisbären kaum größer oder nicht einmal so groß als Kaninchen sein, Ende März oder anfangs April aber bereits die Größe kleiner Pudel erlangt haben. Weit eher als die Kinder des Landbären begleiten sie ihre Alte auf deren Zügen. Sie werden von ihr auf das sorgfältigste und zärtlichste gepflegt, genährt und geschützt. Die Mutter theilt auch dann noch, wenn sie schon halb oder fast ganz erwachsen sind, alle Gefahren mit ihnen und wird dem Menschen, solange sie Junge bei sich hat, doppelt furchtbar. Schon in der ersten Zeit der Jugend lehrt sie ihnen das Gewerbe betreiben, nämlich schwimmen und Fischen nachstellen. Die kleinen, niedlichen Gesellen begreifen das eine wie das andere bald, machen sich die Sache aber so bequem als möglich und ruhen z.B. auch noch dann, wenn sie bereits ziemlich groß geworden sind, bei Ermüdung behaglich auf dem Rücken ihrer Mutter aus.

Walfisch- und Grönlandsfahrer haben uns rührende Geschichten von der Aufopferung und Liebe der Eisbärenmutter mitgetheilt. ›Eine Bärin‹, erzählt Scoresby, welche zwei Junge bei sich hatte, wurde von einigen bewaffneten Matrosen auf einem Eisfelde verfolgt. Anfangs schien sie die Jungen dadurch zu größerer Eile anzureizen, daß sie voranlief und sich immer umsah, auch durch eigenthümliche Geberden und einen besonderen, ängstlichen Ton der Stimme die Gefahr ihnen mitzutheilen suchte; als sie aber sah, daß ihre Verfolger ihr zu nahe kamen, mühte sie sich, jene vorwärts zu treiben, zu schieben und zu stoßen, entkam auch wirklich glücklich mit ihnen. Eine andere Bärin, welche von Kane’s Leuten und deren Hunden aufgefunden wurde, schob ihr Junges immer etwas weiter, indem sie es mit dem Kopfe zwischen Hals und Brust klemmte oder von oben mit den Zähnen packte und fortschleppte. Abwechselnd hiermit trieb sie die sie verfolgenden Hunde zurück. Als sie erlegt worden war, trat das Junge auf ihre Leiche und kämpfte gegen die Hunde, bis es, durch einen Schuß in den Kopf getroffen, von seinem Standpunkte herabfiel und nach kurzem Todeskampfe verendete.

Als das Schiff Carcasse im Eise stecken geblieben war, zeigten sich einstmals drei Eisbären ganz in seiner Nähe, jedenfalls angelockt durch den Geruch des Walroßfleisches, welches die Matrosen gerade auf dem Eise ausbrateten. Es war eine Bärin mit ihren zwei Jungen, welche ihr an Größe fast gleichkamen. Sie stürzten sich auf das Feuer zu, zogen ein tüchtiges Stück Fleisch heraus und verschlangen es. Die Schiffsmannschaft warf ihnen nun Stücke Fleisch hin; die Mutter nahm sie und trug sie ihren Jungen zu, sich selbst kaum bedenkend. Als sie eben das letzte Fleischstück wegholte, schossen die Matrosen beide Jungen nieder und verwundeten gleichzeitig auch die Mutter, jedoch nicht tödtlich. Sie konnte sich kaum noch fortbewegen, kroch aber dennoch sogleich nach ihren Jungen hin, legte ihnen neue und wieder neue Fleischstücke vor, und als sie sah, daß sie nicht zulangten, streckte sie erst ihre Tatzen nach dem einen, dann nach dem anderen aus, suchte sie emporzurichten und erhob, als sie bemerkte, daß alle ihre Mühe vergeblich war, ein klägliches Geheul. Hierauf ging sie eine Strecke fort, sah sich nach ihren Kindern um und heulte noch lauter als früher. Da ihr nun die Kinder noch nicht folgten, kehrte sie um, beschnupperte und betrachtete sie wieder und heulte von neuem. So ging und kam sie mehrere Male und wandte alle mütterliche Zärtlichkeit auf, um die Jungen zu sich zu locken. Endlich bemerkte sie, daß ihre Lieblinge todt und kalt waren; da wandte sie ihren Kopf nach dem Schiffe zu und brummte voll Wuth und Verzweiflung. Die Matrosen antworteten mit Flintenschüssen. Sie sank zu ihren Jungen nieder und starb, indem sie deren Wunden leckte.«

Die Jagd der Eisbären wird mit Leidenschaft betrieben. Eskimos, Jakuten und Samojeden bauen sich besondere Holzhütten, in denen sie den Bären auflauern, oder bedienen sich, wie Seemann berichtet, folgender List. Sie biegen ein vier Zoll breites, zwei Fuß langes Stück Fischbein kreisförmig zusammen, umwickeln es mit Seehundsfett und lassen dieses gefrieren. Dann suchen sie den Bären auf, necken ihn durch einen Pfeilschuß, werfen den Fettklumpen hin und flüchten. Der Bär beriecht den Ball, findet, daß er verzehrt werden kann, verschluckt ihn und holt sich damit seinen Tod; denn in dem warmen Magen thaut das Fett auf, das Fischbein schnellt auseinander und zerreißt ihm die Eingeweide. Daß derartige Ballen von den Eisbären wirklich gefressen werden, unterliegt kaum einem Zweifel: Kane erzählt, daß die Thiere in seinen Vorrathshäusern alles denkbare fraßen, außer dem dort befindlichen Fleisch und Brod auch Kaffee, Segel und die amerikanische Flagge, daß sie überhaupt nur die ganz eisernen Fässer nicht berührten. Nordenskjiölds Leute jagten anfangs meist vergeblich auf die Eisbären, deren Fleisch und Speck für die ganze Gesellschaft von höchster Wichtigkeit war. Sie schlichen ohne besondere Vorsicht den Bären nach, welche sich zeigten, und erzielten damit nur, daß die wachsamen Thiere zurückwichen. Infolge dieser Erfahrungen änderten sie die Jagdweise. »Sobald ein Bär in Sicht kam und wir Zeit hatten, uns ihm zu widmen«, schildert Nordenskjiöld, »erhielten sämtliche Leute Befehl, sich im Zelte oder hinter dem Schlitten zu verstecken. Nun kam der Bär neugierig und voll Eifers, zu sehen, welche Gegenstände – vielleicht Seehunde! – auf dem Eise sich bewegten, herangetrabt, und wenn er so nahe war, daß er die fremdartigen Gegenstände beschnuppern konnte, empfing er die wohlgezielte Kugel.«

Der Eisbär vertheidigt sich mit ebensoviel Muth als Kraft besonders im Wasser, obgleich dieses noch das beste Jagdgebiet für den Menschen ist. Man kennt unzählige Beispiele, daß die Bärenjagden unglücklich ausfielen, und mehr als einmal hat ein verwundeter und dadurch gereizter Bär einen seiner Angreifer ruhig aus der Mitte der anderen geholt und mit sich fortgeschleppt. So wurde ein Schiffskapitän, welcher einen großen schwimmenden Eisbären mit seinem stark bemannten Boote verfolgte, von dem bereits schwer verwundeten Thiere in demselben Augenblicke über Bord gerissen, als er die ihm zum dritten Male tief in die Brust gestoßene Lanze wieder herausziehen wollte, und nur durch das gleichzeitige Einschreiten der gesammten Mannschaft gelang es, den Gefährdeten zu retten. Gewöhnlich läßt sich ein verwunderter Bär nicht so leicht verscheuchen, geht vielmehr mit einer Entschlossenheit ohne gleichen auf seine Feinde los, in der festen Absicht, an ihnen möglichst empfindlich sich zu rächen. Die Mannschaft eines Walfischfängers schoß von ihrem Boote aus auf einen Eisbären, welcher sich eben auf einer schwimmenden Eisscholle befand. Eine der Kugeln traf und versetzte ihn in die rasendste Wuth. Eilig lief er gegen das Boot zu, stürzte sich ins Wasser, schwamm auf das Fahrzeug hin und wollte dort über Bord klettern. Man hieb ihm mit einer Axt eine Brante ab und suchte sich zu retten, indem man gegen das Schiff ruderte. Der Bär ließ sich nicht vertreiben, sondern verfolgte seine Angreifer bis an das Schiff, alles Schreiens und Lärmens der Matrosen ungeachtet, erkletterte trotz seiner verstümmelten Glieder noch das Deck und wurde erst hier von der gesammten Mannschaft getödtet. Hunde scheint der Eisbär mehr als Menschen zu fürchten; Feuer, Rauch und laute Klänge sind ihm ein Greuel: namentlich Trompetenschall soll er gar nicht vertragen können und sich durch ein so einfaches Mittel leicht in die Flucht schrecken lassen.

Gestellte Fallen weiß der Eisbär mit Klugheit und Geschick zu vermeiden. »Der Kapitän eines Walfischfängers«, erzählt Scoresby, »welcher sich gern einen Bären verschaffen wollte, ohne die Haut desselben zu verletzen, machte den Versuch, ihn in einer Schlinge zu fangen, welche er mit Schnee bedeckt und vermittels eines Stück Walfischspeckes geködert hatte. Ein Bär wurde durch den Geruch des angebrannten Fettes bald herbeigezogen, sah die Lockspeise, ging hinzu und faßte sie mit dem Maule, bemerkte aber, daß sein Fuß in die ihm gelegte Schlinge gerathen war. Deshalb warf er das Fleisch wieder ruhig hin, streifte mit dem anderen Fuße bedächtig die Schlinge ab und ging langsam mit seiner Beute davon. Sobald er das erste Stückchen in Ruhe verzehrt hatte, kam er wieder. Man hatte inzwischen die Schlinge durch ein anderes Stück Walfischfett geködert; der Bär war aber vorsichtig geworden, schob den bedenklichen Strick sorgfältig bei Seite und schleppte den Köder zum zweiten Male weg. Jetzt legte man die Schlinge tiefer und die Lockspeise in eine Höhlung ganz innerhalb der Schlinge. Der Bär ging wieder hin, beroch erst den Platz ringsumher, kratzte den Schnee mit seinen Tatzen weg, schob den Strick zum dritten Male auf die Seite und bemächtigte sich nochmals der dargebotenen Mahlzeit, ohne sich in Verlegenheit zu setzen.«

Auch junge Eisbären zeigen ähnliche Ueberlegung und versuchen es auf alle mögliche Weise, sich aus den Banden zu befreien, mit denen der Mensch sie umstrickte. Der eben genannte Berichterstatter erzählt auch hiervon ein Beispiel. »Im Juni 1812 kam eine Bärin mit zwei Jungen in die Nähe des Schiffes, welches ich befehligte, und wurde erlegt. Die Jungen machten keinen Versuch zu entfliehen, und konnten ohne besondere Mühe lebendig gefangen werden. Sie fühlten sich anfangs offenbar sehr unglücklich, schienen nach und nach aber doch mit ihrem Schicksale sich auszusöhnen und wurden bald einigermaßen zahm. Deshalb konnte man ihnen zuweilen gestatten, auf dem Verdeck umherzugehen. Wenige Tage nach ihrer Gefangennahme fesselte man den einen mit einem Stricke, den man ihm um den Hals gelegt hatte, und warf ihn dann über Bord, um ihm ein Bad im Meere zu gönnen. Das Thier schwamm augenblicklich nach einer nahen Eisscholle hin, kletterte an ihr hinauf und wollte entfliehen. Da bemerkte es, daß es von dem Stricke zurückgehalten wurde, und versuchte sofort, von der lästigen Bande sich zu befreien. Nahe am Rande des Eises fand sich eine lange, aber nur schmale und kaum metertiefe Spalte. Zu ihr ging der Bär, und indem er über die Oeffnung hinüberschritt, fiel ein Theil des Strickes in die Spalte hinein. Darauf stellte er sich quer hinüber, hing sich an seinen Hinterfüßen, welche er zu beiden Seiten auf den Rand der Spalte legte, auf, senkte seinen Kopf und den größten Theil des Körpers in die Schlucht und suchte dann mit beiden Vorderpfoten den Strick über den Kopf zu schieben. Er bemerkte, daß es ihm auf diese Weise nicht gelingen wollte, frei zu werden, und sann deshalb auf ein anderes Mittel. Plötzlich begann er mit größter Heftigkeit zu laufen, jedenfalls, in der Absicht das Seil zu zerreißen. Dies versuchte er zu wiederholten Malen, indem er jedesmal einige Schritte zurück ging und einen neuen Anlauf nahm. Leider glückte ihm auch dieser Befreiungsversuch nicht. Verdrießlich brummend legte er sich auf das Eis nieder.«

Ganz jung eingefangene Eisbären lassen sich zähmen und bis zu einem gewissen Grade abrichten. Sie erlauben ihrem Herrn, sie in ihrem Käfige zu besuchen, balgen sich auch wohl mit ihm herum. Dies sind gewöhnlich Eisbären, welche von den Eskimos im Frühjahre sammt ihrer Mutter aus dem Schneelager ausgegraben und in ihrer zartesten Jugend an die Gesellschaft des Menschen gewöhnt worden sind. Die Gefangenschaft behagt ihnen nicht. Schon in ihrem Vaterlande fühlen sie sich auch in frühester Jugend unter Dach und Fach nicht wohl, und man kann ihnen keine größere Freude machen, als wenn man ihnen erlaubt, sich im Schnee herumzuwälzen und auf dem Eise sich abzukühlen. In größeren Räumen mit tiefen und weiten Wasserbecken, wie solche jetzt in Thiergärten für ihn hergerichtet werden, befindet er sich ziemlich wohl und spielt stundenlang im Wasser mit seinen Mitgefangenen oder auch mit Klötzen, Kugeln und dergleichen. Hinsichtlich der Nahrung hat man keine Noth mit ihm. In der Jugend gibt man ihm Milch und Brod und im Alter Fleisch, Fische oder auch Brod allein, von welchem drei Kilogramm täglich vollkommen hinreichen, um ihn zu erhalten. Er schläft bei uns in der Nacht und ist bei Tage munter, ruht jedoch ab und zu, ausgestreckt auf dem Bauche liegend, oder wie ein Hund auf dem Hintern sitzend. Mit zunehmendem Alter wird er reizbar und heftig. Gegen andere seiner Art zeigt er sich, sobald das Fressen in Frage kommt, unverträglich und übellaunig, obwohl nur selten ein wirklicher Streit zwischen zwei gleichstarken Eisbären ausbricht, der gegenseitige Zorn vielmehr durch wüthendes Anbrüllen bekundet wird. Bei sehr guter Pflege ist es möglich, Eisbären mehrere Jahre lang zu erhalten: man kennt ein Beispiel, daß ein jung eingefangener und im mittleren Europa aufgezogener zweiundzwanzig Jahre in der Gefangenschaft gelebt hat. Zur Fortpflanzung im Käfige schreitet er seltener als der Landbär und wohl auch nur dann, wenn er alle Bequemlichkeiten zur Verfügung hat. Im Laufe von zwanzig Jahren haben die Eisbären des Londoner Thiergartens dreimal Junge gebracht. An Krankheiten leiden die Gefangenen wenig, verlieren jedoch oft ihr Augenlicht, wahrscheinlich aus Mangel an hinreichendem Wasser zum Baden und Reinigen ihres Leibes.

Der getödtete Eisbär wird vielfach benutzt und ist für die nordischen Völker eines ihrer gewinnbringendsten Jagdthiere. Man verwerthet ebensowohl das Fell wie das Fett und das Fleisch. Ersteres liefert herrliche Decken zu Lagerstätten, außerdem warme Stiefeln und Handschuhe, ja selbst Sohlenleder. In den kleinen Holzkirchen Islands sieht man vor den Altären gewöhnlich Eisbärenfelle liegen, welche die Fischer ihren Geistlichen verehrten, um sie bei Amtshandlungen im Winter etwas vor der Kälte zu schützen. Fleisch und Speck werden von allen Bewohnern des hohen Nordens gern gegessen. Auch die Walfischfahrer genießen es, nachdem sie es vom Fett gereinigt haben, und finden es nicht unangenehm, namentlich wenn es vorher geräuchert worden ist.

Doch behaupten alle Walfischfahrer einstimmig, daß der Genuß des Eisbärenfleisches im Anfange Unwohlsein errege; zumal die Leber des Thieres soll sehr schädlich wirken. »Wenn Schiffer«, sagt Scoresby, »unvorsichtigerweise von der Leber des Eisbären gegessen haben, sind sie fast immer krank geworden und zuweilen gar gestorben; bei anderen hat der Genuß die Wirkung gehabt, daß sich die Haut von ihrem Körper schälte.« Auch Kane bestätigt diese Angabe. Er ließ sich die Leber eines frisch getödteten Eisbären zubereiten, obgleich er gehört hatte, daß sie giftig sei, und wurde, nachdem er kaum die Speise genossen hatte, ernstlich krank. Unter den Fischern besteht der Glaube, daß man durch den Genuß des Eisbärenfleisches, obgleich es sonst nicht schadet, wenigstens frühzeitig ergraue. Die Eskimos haben fast dieselben Ansichten, wissen auch, daß die Leber schädlich ist, und füttern deshalb bloß ihre Hunde damit. Das Fett benutzt man zum Brennen; es hat vor dem Walfischthrane den großen Vorzug, daß es keinen üblen Geruch verbreitet. Aus dem Fette der Sohlen bereiten die Nordländer sehr geschätzte Heilmittel, aus den Sehnen verfertigen sie Zwirn und Bindfaden.

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